Zum Inhalt springen

Menexenos (Platon)

aus AufEinWort, der freien Forschung
(Weitergeleitet von Funebris oratio)

MENEXENOS. (Funebris oratio)

Nach der Übersetzung von Friedrich D. E. Schleiermacher

in: Platons Werke, zweiten Teiles dritter Band, dritte Auflage, Berlin 1861, bearbeitet.

Durch Anklicken der indizierenden Seitenzahlen im deutschen Text wird die entsprechende Seite mit dem griechischen und lateinischen Text der Didot-Edition angezeigt.

[234 St.2 A*] SOKRATES: Vom Markte kommst du, Menexenos, oder woher sonst? MENEXENOS: Vom Markt, o Sokrates, und aus der Ratsversammlung.

SOKRATES: Was hast du doch bei der Ratsversammlung zu tun? Offenbar, dass du mit deiner Unterweisung und Wissenschaft am Ziele zu sein glaubst, und weil du weit genug bist, du dich nun zu dem Höheren zu wenden gedenkst, und unternimmst, du Glückspilz, über uns Alte zu herrschen schon in solcher Jugend, damit euer Haus immer bereit ist, uns immer [B*] einen Regenten zu geben.

MENEXENOS: Wenn du es meinst, o Sokrates, und mir auch rätst an der Regierung Teil zu nehmen, so will ich danach streben, sonst aber nicht. Jetzt jedoch ging ich in die Ratsversammlung, weil ich erfahren habe, dass der Rat einen wählen würde, der die Rede auf die Gefallenen halten solle. Denn du weißt, dass sie eine feierliche Bestattung veranstalten wollen.

SOKRATES: Freilich! Aber wen haben sie gewählt?

MENEXENOS: Keinen, sondern sie haben es auf morgen verschoben. Ich glaube indes, Archinos oder Dion wird gewählt werden.

[C*] SOKRATES: Es ist doch in gar vieler Hinsicht eine herrliche Sache, Menexenos, im Kriege gefallen zu sein. Denn ein schönes und prachtvolles Begräbnis bekommt, auch wer als ein armer Mann gestorben ist, und gelobt wird ebenfalls, wer auch nichts taugt, und das von kunstreichen Männern, die nicht aufs Geratewohl loben, sondern schon lange vorher ihre Reden vorbereitet haben, und die so vortrefflich loben, dass sie, mit dem, was jeder an sich gehabt hat [235 St.2

A] oder auch nicht, ihm nachrühmend mit dem herrlichsten Schmuck der Worte verziert, unsere Seelen bezaubern, indem sie sowohl den Staat auf alle Weise verherrlichen, als auch die im Kriege Gefallenen und unsere Vorfahren insgesamt, ja auch uns selbst preisen, die wir noch leben. So dass mir wenigstens, o Menexenos, ganz erhaben zu Mute ist, wenn ich von ihnen gerühmt werde, [B] und ich stehe jedesmal ganz versunken im Zuhören und bezaubert und vermeine, ich sei zusehends größer und edler und trefflicher geworden. Und wenn, wie gewöhnlich, manche Fremde mich begleiten und mit mir zuhören, werde ich gegen sie zusehends vornehmer, denn auch ihnen, dünkt mich, begegnet dasselbe mit mir und der ganzen Stadt, dass sie ihnen viel wundervoller erscheint als zuvor, weil sie von dem Redner überzeugt sind. Und dieses Selbstgefühl bleibt mir wohl länger als drei Tage, so beeindrucken kann die Rede und der Ton des Redners in den Ohren, dass ich mich kaum am vierten oder fünften Tage wieder [C] besinne und merke wo in der Welt ich bin, so lange aber fast glaube auf der Seligen Inseln zu wohnen, so geschickt sind unsere Redner.

MENEXENOS: Immer bespöttelst du die Redner, o Sokrates. Diesmal indes denke ich, wird der Gewählte nicht allzu leicht dran sein. Denn mit der Wahl ist es so plötzlich gekommen, dass, wer reden soll, es fast unvorbereitet wird tun müssen.

 

SOKRATES: Ach woher doch, Bester? Jeder von diesen hat ja seine Reden immer schon fertig, [D] und dergleichen wäre ja auch unvorbereitet nicht einmal schwer. Ja wenn man Athener sollte vor Peloponnesiern rühmen, oder Peloponnesier vor Athenern, da bedürfte es wohl eines guten Redners um zu überzeugen und Beifall zu finden, wenn einer aber vor denen seine Kunst geltend zu machen hat, die er zugleich rühmt, da ist es nichts großes, wenn man gut scheint zu reden.

MENEXENOS: Meinst du nicht, o Sokrates? SOKRATES: Gar nicht, beim Zeus.

MENEXENOS: Glaubst du wohl selbst im Stande zu sein zu reden, [E] wenn du müsstest, und der Rat dich wählte?

SOKRATES: Von mir wäre es wohl gar nicht zu wundern, Menexenos, dass ich im Stande wäre die Rede zu halten, der ich doch eine so gar nicht schlechte Lehrerin habe in der Redekunst, die auch viele andere und treffliche Redner gebildet hat, einen aber der es allen Hellenen zuvortut, den Perikles, den Sohn des Xanthippos.

MENEXENOS: Wer ist die? Oder meinst du womöglich die Aspasia?

SOKRATES: Die meine ich, und dann auch den Konnos, den Sohn des Metrobios. Denn dies sind meine zwei ach so großen Lehrer, [236 St.2 A] er in der Tonkunst, sie in der Redekunst. Von einem so erzogenen Manne ist wohl nicht zu verwundern, wenn er so gewaltig ist im Reden. Aber wer auch viel weniger gut unterrichtet wäre als ich, etwa von Lampros in der Tonkunst und in der Redekunst von Antiphon, dem Rhamunsier, auch ein solcher müsste immer noch, wenn er Athener unter Athenern lobte, Beifall finden.

MENEXENOS: Und was würdest du wohl zu sagen wissen, wenn du die Rede halten müsstest?

SOKRATES: Ich von mir selbst vielleicht nichts. Aber der Aspasia habe ich noch gestern zugehört wie sie eine Leichenrede für eben diesen Fall [B] vortrug. Sie hatte nämlich gehört, eben was du sagst, dass die Athener einen Redner dazu wählen wollten, da hat sie mir dann einiges aus dem Stegreif vorgetragen, wie man es sagen müsste, anderes auch wohl früher überlegtes, als sie, denke ich, jene Leichenrede ausarbeitete, welche Perikles hielt, so dass sie hier einiges dort übrig gelassene zusammenkittete.

MENEXENOS: Könntest du dich wohl erinnern was Aspasia sagte?

SOKRATES: Wenn ich kein allzu schlechter Schüler bin, denn ich habe ja bei ihr gelernt, und beinahe Schläge bekommen, weil ich vergesslich war.

[C] MENEXENOS: Warum trägst du es also nicht vor?

SOKRATES: Dass mir die Lehrerin nur nicht zürnt, wenn ich ihre Reden ausplaudere.

MENEXENOS: Gewiss nicht, o Sokrates, sondern sprich nur. Du wirst mir den größten Gefallen erweisen, magst du nun eine Rede der Aspasia vortragen, oder wessen sonst, allemal sprich nur.

SOKRATES: Aber du wirst mich auslachen, wenn ich alter Mann dir vorkomme, als triebe ich noch Kinderei.

MENEXENOS: Keineswegs, Sokrates, unter allen Umständen, sprich nur.

SOKRATES: Dir muss ich freilich gefällig sein, und es fehlt wenig, wenn du haben wolltest ich sollte mich entkleiden und tanzen, dass ich es täte, [D] da wir ja allein sind. So höre denn. Sie redete nämlich, wie ich glaube, indem sie ihre Rede begann, von den Verstorbenen selbst, so:

Durch das, was vollzogen wurde, wurde ihnen zwar erwiesen, was ihnen gebührt, und gehen sie, nachdem es vollbracht ist, ihren bestimmten Weg, geleitet alle gemeinsam von der Stadt und jeglicher insbesondere von den Seinigen. Durch eine Rede aber gebietet das Gesetz den Männern Ehre zu bezeigen, und das gebührt sich. Denn nach wohlverrichteten Taten erwirbt wohlgesprochene Rede den Tätern Gedächtnis und Ehre [E] bei den Hörern. Es bedarf also eines solchen Vortrages, welcher den Verstorbenen selbst rühmlich nachrede, den Lebenden aber gelinde zurede, Kinder nämlich und Brüder, es jenen in der Tugend nachzutun ermahnend, Väter aber und Mütter, oder wenn ihnen noch Vorfahren verblieben sind, diese beruhigend.


Welches wäre uns nun wohl ein solcher Vortrag, oder womit [237 St.2 A] könnten wir am besten anfangen achtungswerte Männer zu loben, welche im Leben den Ihrigen zur Freude gereichten durch ihre Tugend, und nun das Heil der Lebenden mit ihrem Tod bezahlten? Mich dünkt nun, man müsse der Natur nach, wie sie gut gewesen sind, so auch sie loben. Gut aber sind sie geworden wegen ihrer Abkunft von Guten. Ihre Wohlgeborenheit also lasst uns zuerst verherrlichen, zum zweiten dann ihre Erziehung und Ausbildung, und nach diesem ihrer Taten Verrichtung darstellen, wie herrlich und des allen [B] würdig sich diese erweist. Zu ihrer Wohlgeborenheit nun gehört zuerst die Herkunft ihrer Vorfahren, welche nicht eine auswärtige ist, noch diese, ihre Nachkommen, ausweist als Hintersassen in diesem Lande, weil jene anderwärts hergekommen, sondern als wahrhaft Eingeborne und die in der Tat in ihrem Vaterlande wohnen und leben, nicht von einer Stiefmutter erzogene wie andere, sondern als von einer Mutter von dem Lande in welchem [C] sie wohnten, und die jetzt nach ihrem Ende in dem verwandten Schoß ihrer Gebärerin und Ernährerin wieder aufgenommen liegen. Darum ist es am wünschenswertesten zuerst die Mutter selbst zu preisen, denn so findet sich von selbst auch jener Wohlgeborenheit gepriesen.

Würdig aber ist dieses Land wohl von allen Menschen gepriesen zu werden nicht allein von uns auch auf vielerlei andere Weise, zuerst aber und vor allem, weil es von den Göttern geliebt ist, und diese Behauptung bestätigt der über seinen Besitz entzweiten Gottheiten Streit und Vergleich. Welches Land also die Götter gerühmt haben, wie sollte das nicht auch von allen Menschen insgesamt gerühmt werden? Der zweite Ruhm desselben wäre mit Recht dieser, [D] dass in jener Zeit in welcher jegliches Land allerlei Lebendiges, fleischfressende Tiere und grasfressende, hervorbrachte und erzeugte, in dieser das unsrige wilde Tiere nicht erzeugte und sich frei von ihnen hielt, von allen Lebendigen aber sich den Menschen auswählte und erzeugte, als dasjenige, welches an Verstand alle übrigen übertrifft und allein an Recht und Götter glaubt. Für diese Behauptung aber, dass dieses Land hier ihre und unsere Vorfahren erzeugt hat, ist dieses ein großer Beweis: jedes [E] Gebärende nämlich hat angemessene Nahrung für das Geborene, woran auch jede Frau zu unterscheiden ist, ob sie in der Tat geboren hat oder nicht, sondern das Kind sich nur unterschiebt, wenn sie nicht Quellen der Nahrung hat für das Erzeugte. Und eben hierdurch legt unser Mutterland einen deutlichen Beweis ab, dass es den Menschen gezeugt hat. Denn allein dieses brachte schon damals und zuerst menschliche Nahrung hervor, [238 St.2 A] die Frucht des Weizens und der Gerste, wovon sich das menschliche Geschlecht am schönsten und besten nährt, so dass gewiss dieses Geschlecht der Lebendigen von ihm selbst erzeugt ist. Und mehr noch von der Erde, als von einer Frau, muss man solche Beweise annehmen, denn die Erde hat nicht die Frauen nachgeahmt Schwangerschaft und Geburt, sondern diese ihr. Diese Frucht aber hat es nicht vorenthalten, sondern sie auch den übrigen mitgeteilt. Nächst dem hat es auch die Erzeugung des Öls, dieses Balsams für Mühen, seinen Sprösslingen hinterlassen. Und nachdem es sie so ernährt und aufgezogen bis zur Jugendblüte, hat es ihnen zu Herrschern [B] und Lehrern Götter gegeben, deren Namen uns hier ziemt zu übergehen. Wir aber wissen, welche von ihnen unser Leben geordnet haben sowohl für das tägliche Bedürfnis durch die erste Anweisung in Künsten, als auch für die Beschützung des Landes durch Unterricht in Verfertigung und Gebrauch der Waffen.

So nun erzeugt und unterrichtet haben ihre Vorfahren eine Staatsverfassung angeordnet und befolgt, die rechtmäßig hier in aller Kürze zu erwähnen ist. Denn die Staatsverfassung ist die Erziehung der Menschen, die gute [C] vortrefflicher, die entgegengesetzte schlechter. Wie nun in einer vortrefflichen Verfassung unsere Vorfahren aufgezogen worden, ist notwendig zu zeigen, vermöge deren sowohl jene gut wurden als auch die heutigen es sind, zu denen auch diese Verstorbenen gehören. Denn die Verfassung war dieselbe damals wie jetzt, aristokratisch, auf welche Weise wir uns jetzt regieren und auch die meiste Zeit von damals an, es nennt sie aber der eine eine Demokratie, der andere anders, wie es jedem beliebt, in Wahrheit aber [D] ist sie eine Herrschaft der Besseren mit dem guten Willen des Volks. Denn Könige haben wir ja immer nur bald erbliche, bald gewählte, das Meiste hängt aber ab in der Stadt von dem Volke, welches Ämter und Gewalt denen gibt, die ihm jedesmal dünken die Besten zu sein, und weder durch

 

Schwächlichkeit noch durch Armut noch durch der Väter Unberühmtheit ist irgend einer ausgeschlossen, noch auch begünstigt durch das Gegenteil [E] wie in anderen Staaten, sondern nur die eine Bestimmung gibt es, wer im Rufe steht weise und tüchtig zu sein, der hat den Vorzug und regiert. Ihren Grund aber hat bei uns diese Verfassung in der Gleichheit der Geburt. Denn andere Staaten sind aus vielerlei und ungleichen Menschen gebildet, daher auch ihre Verfassungen die Ungleichheit darstellen in willkürlicher Herrschaft eines Einzelnen oder Weniger. Sie sind daher so eingerichtet, dass einige die anderen für Knechte und diese jene für Herren halten. Wir aber [239 St.2 A] und die Unsrigen, von einer Mutter alle als Brüder entsprossen, begehren nicht Knechte oder Herren einer des andern zu sein, sondern die natürliche Gleichbürtigkeit nötigt uns auch Rechtsgleichheit gesetzlich zu suchen, und um nichts anderen willen uns einander unterzuordnen als wegen des Rufes der Tugend und Einsicht.

Daher denn unsere und dieser Verstorbenen Väter, so wie diese selbst, in aller Freiheit auferzogen und edel schon geboren, viele und schöne Taten ausgeübt haben vor allen Menschen sowohl jeder für sich als im öffentlichen Leben, [B] indem sie sich immer verpflichtet hielten um der Freiheit willen sowohl mit Hellenen für Hellenen zu streiten als auch mit Barbaren für alle Hellenen insgesamt. Wie sie nun den Eumolpos und die Amazonen, als diese das Land feindlich überzogen, und noch frühere abgewehrt, und wie sie den Argeiern geholfen gegen die Kadmeer, und den Herakliden gegen die Argeier, dies nach Würden durchzugehen ist die Zeit zu kurz, und auch Dichter haben schon aufs herrlichste die Tugend jener Zeiten mit der Tonkunst Hilfe besingend [C] allen kund gemacht. Wollten wir nun unternehmen, dasselbige in bloßer Rede darzustellen, so dürften wir wohl nicht als so herrlich erscheinen. Dieses also glaube ich deshalb übergehen zu dürfen, da es auch ohnedies schon seinen würdigen Preis gefunden hat. Was aber Hohes noch keinem Dichter hohen Ruhm gebracht hat und noch in Gefahr der Vergessenheit schwebt, hiervon dünkt mich [D] Erwähnung tun zu müssen, lobpreisend und andere anwerbend, dass sie es in Gesängen und anderer Dichtung niederlegen, würdig der Täter.

Das erste aber von dem, was ich meine, ist dieses. Den Perser, der über Asien herrschte und Europa unterjochen wollte, haben die Abkömmlinge dieses Landes und unsere Voreltern abgehalten, welches gebührend zuerst zu erwähnen und ihre Tugend zu preisen ist, und so will ich es auch. Man muss sie aber [E] betrachten, wenn man sie gehörig rühmen will, in jene Zeit sich in der Rede zurück versetzend, als ganz Asia schon dem dritten Könige gehorchte, von welchen der erste Kyros, nachdem er die Perser, seine Landsleute, befreit, durch seine Klugheit zugleich die Meder, ihre Herren, unterwarf, und das übrige Asia bis nach Ägypten beherrschte, sein Sohn aber auch Ägypten und Lybien, soviel davon konnte durchzogen werden, der dritte aber, Dareios, durch seine Landmacht das Reich bis zu den Skythen ausdehnte, mit seinen Schiffen das Meer und die Inseln beherrschte, so dass auch keiner mehr gedachte sein Widersacher [240 St.2 A] zu sein, sondern aller Menschen Sinne in Knechtschaft gehalten waren. So viele und große und streitbare Geschlechter hatte der Perser Macht sich unterworfen.

Dareios nun, welcher uns und die Eretrier beschuldigte wegen des Überfalls von Sardes, nahm diesen Vorwand und indem er fünfzig Myriaden in Schiffen sandte und dreihundert Kriegsschiffe mit dem Datis als Feldherrn, befahl er, ihm die Eretrier und Athener gefangen [B] mitzubringen, wenn er seinen Kopf behalten wolle. Der nun führte die Schiffe nach Eretria gegen Männer, welche unter den Hellenen damals zu den vorzüglichsten gehörten im Kriegswesen und nicht schwach an Zahl. Diese bezwang er in drei Tagen, und durchkämmte ihr ganzes Land, damit ihm keiner entkäme auf folgende Weise. Seine Krieger nämlich, nachdem sie die Grenzen von Eretria erreicht hatten, stellten sich von einem Meere zum andern aneinander und dann mit den Händen sich verbindend durchzogen sie das ganze Land, damit sie dem König sagen könnten, [C] dass keinem die Flucht gelungen sei. Mit demselben Vorhaben nun landeten sie von Eretria aus bei Marathon, als könne es ihnen nicht fehlen, auch die Athener, auf die gleiche Weise wie die Eretrier bezwungen, fortzuführen. Hierbei nun, wie jenes vollbracht und dieses begonnen wurde, half weder den Eretriern irgendein Hellene noch den Athenern, die Lakedaimonier ausgenommen, diese aber kamen erst den Tag nach der Schlacht. Alle andern waren in Schrecken gesetzt und hielten sich ruhig, mit der Sicherheit des Augenblicks zufrieden. Wenn man sich

 

dieses [D] vor Augen hält, kann nun jedermann erkennen, welche Tugend in denen muss gewesen sein, welche zu Marathon der Macht der Barbaren sich entgegenstellten, den Übermut des ganzen Asia züchtigten, und zuerst Siegeszeichen über die Barbaren aufrichtend, allen übrigen Vorgänger und Lehrer hierin wurden, dass die Macht der Perser nicht unüberwindlich sei, sondern dass jegliche Zahl und jeglicher Reichtum doch der Tugend weiche. Daher behaupte auch ich, dass jene Männer nicht allein [E] unsere leiblichen Väter sind, sondern auch die Väter der Freiheit, unserer und aller insgesamt auf diesem Festlande. Denn auf jene Tat sehend wagten die Hellenen auch die nachfolgenden Schlachten durchzufechten für ihr Heil als gelehrige Schüler derer von Marathon. Der erste Preis also ist jenen zu weihen, der zweite [241 St.2 A] aber denen, welche bei Salamis und Artemision zur See gefochten und gesiegt haben. Denn auch von diesen Männern wäre viel zu sagen, was sie widriges zu Lande und zur See bestanden und wie es abgewehrt. Was mir aber das Trefflichste zu sein scheint auch an ihnen, will ich erwähnen, dass sie nämlich, nach der Tat derer bei Marathon, die nächstgrößte vollbracht haben.

Denn die bei Marathon hatten den Hellenen nur dieses bewiesen, dass es zu Lande möglich sei die Barbaren abzuwehren und mit wenigen viele, [B] zu Schiffe aber war es noch unklar, und die Perser standen im Ruf unüberwindlich zu sein zur See durch Zahl und Ausrüstung, Geschick und Stärke. Dieses also ist des Lobes wert an jenen damals zur See fechtenden Männern, dass sie die Furcht, welche an den Hellenen noch haftete, lösten, dass sie sich nun nicht mehr fürchteten vor der Menge der Schiffe im Meere. Von beiden also, [C] die bei Marathon und die bei Salamis gefochten, sind die übrigen Hellenen unterrichtet worden, von den einen zu Lande, von den andern zur See, und haben gelernt und sich angewöhnt, sich nicht zu fürchten vor den Barbaren.

Die dritte Tat aber, der Zahl und dem Verdienst nach, für das Heil der Hellenen ist jene den Lakedaimoniern und Athenern gemeinsame bei Platää. Das Größte und Schwerste also haben diese alle abgewehrt, und werden dieser Tugend wegen jetzt von uns gepriesen und [D] in der künftigen Zeit noch von den Nachkommen. Nach diesem aber hielten es noch viele hellenische Städte mit den Barbaren, und von dem König selbst erfuhr man, dass er im Sinn habe aufs neue gegen die Hellenen zu ziehen. Darum ziemt es sich auch derer zu gedenken, welche jenen Taten der Früheren zur Befreiung vollendeten, indem sie alles, was nur barbarisch war, aus dem Meere jagten und vertrieben. Dieses waren nämlich die, welche die Seeschlacht beim Furymedon fochten, und den Feldzug nach Kypros [E] unternahmen, und die sich nach Ägypten einschifften und an viele andere Orte, derer man gedenken muss und es ihnen Dank wissen, dass sie den König dahin brachten, verschreckt auf sein eigenes Heil Bedacht zu nehmen, und nicht mehr auf das Verderben der Hellenen zu sinnen.

Diesen ganzen Krieg nun hatte die Stadt zu bestehen für sich selbst und und diejenigen, [242 St.2 A] deren Sprache die gleiche ist, gegen die Barbaren. Nachdem aber der Friede geschlossen und die Stadt zu solchen Ehren gekommen war, entstand gegen sie, was wohl den Glücklichen pflegt von den Menschen zu widerfahren, zuerst Eifersucht und aus der Eifersucht Hass, was auch diese Stadt wider Willen in Krieg gegen die Hellenen verwickelte. Als nun hierauf der Krieg ausbrach, trafen sie zuerst bei Tanagra [B] für die Freiheit der Böotier kämpfend mit den Lakedaimoniern zusammen, und da das Gefecht unentschieden blieb, so entschied erst der darauf folgende Kampf, indem jene abzogen, die Böotier, denen sie zu Hilfe gekommen waren im Stich lassend, die Unsrigen aber, nachdem sie den dritten Tag darauf bei Oinophyta gesiegt, diejenigen dem Recht gemäß wieder zurückführten, welche ungerechterweise waren vertrieben worden. Diese also sind die ersten nach dem persischen Kriege, welche Hellenen nun schon, zum Schutz der Freiheit zu Hilfe kommend, gegen Hellenen, nachdem sie sich als tapfere Männer erwiesen und die, denen sie zu Hilfe kamen, befreit hatten, geehrt von der Stadt in diesem Grabmal [C] zuerst sind beigesetzt worden.

Da aber nach diesem ein gewaltiger Krieg ausbrach und alle Hellenen zu Feld zogen und das Land verwüsteten und der Stadt einen Dank erstatteten, wie sie ihn nicht verdient hatte, besiegten die Unsrigen sie zur See, und nachdem sie ihre Anführer, die Lakedaimonier, bei Sphagia gefangen genommen, und es in ihrer Gewalt stand sie umzubringen, schonten sie ihrer und gaben sie zurück und schlossen Frieden, in der Überzeugung, dass man gegen Stammesgenossen

 

[D] nur bis zum Siege und nicht wegen besonderen Zornes einer Stadt das Gemeinwesen der Hellenen zerstören, mit den Barbaren hingegen bis zur Zerstörung Krieg führen dürfe. Diese Männer verdienen, dass man sie preise, die, nachdem sie in jenem Kriege gefochten, hier liegen, weil sie gezeigt haben, wenn etwa einer noch zweifelte, ob nicht in dem ersten Kriege, dem gegen die Barbaren, irgend andere trefflicher gewesen wären als die Athener, dass der mit Unrecht zweifele. [E] Denn diese, indem sie, als Hellas in sich selbst entzweit war, im Kriege obsiegten, haben gezeigt, indem sie die Anführer der übrigen Hellenen überwältigten, dass sie diejenigen mit denen sie vorher gemeinschaftlich gesiegt hatten, nun allein zu besiegen imstande waren.

Ein dritter heftiger Krieg aber entstand unerwartet nach diesem Frieden, in welchem viele brave Männer geblieben sind und hier liegen. Viele davon in Sikelien, die, [243 St.2 A] nachdem sie schon viele Siegeszeichen errichtet hatten im Kampf für die Freiheit der Leontiner, zu deren Beistand sie sich, dem geschworenen Bündnisse gemäß, in jene Gegenden eingeschifft hatten. Da aber wegen Länge der Fahrt die Stadt in Verlegenheit geriet, und ihnen keine Hilfe mehr leisten konnte, mussten sie aufgeben und [B] unterlagen den Feinden und Gegnern, die ihnen nun mehr Lob spenden an Besonnenheit und Tapferkeit, als man es bei Freunden gegeneinander findet. Viele davon auch in den Seeschlachten am Hellespont wo sie an einem Tage alle Schiffe der Feinde nahmen und auch an vielen andern den Sieg davon trugen. Was ich aber sagte, dass dieser Krieg so gewaltig und unerwartet gewesen, damit meine ich, dass die übrigen Hellenen in ihrer Eifersucht gegen die Stadt so weit gehen konnten, dass sie sich nicht scheuten, den König, unseren ärgsten Feind, den sie gemeinschaftlich mit uns vertrieben haben, durch Gesandte zu grüßen und diesen wieder herbeizuholen, den Barbaren gegen Hellenen, und so alle Hellenen und Barbaren gegen die Stadt zu vereinigen. Woran nun eben die Stärke und die Tugend der Stadt recht deutlich wurden. Denn da jene sie [C] schon für bezwungen hielten und die Flotte bei Mitylene abgeschnitten war, kamen die anerkannt tapfersten Männer in sechzig Schiffen, welche unsere Mitbürger als Besatzung bestiegen hatten, zu Hilfe, besiegten die Feinde, befreiten die Freunde wieder, und nachdem ein unglückliches Geschick sie getroffen und sie nicht aus dem Meere geborgen worden, haben sie hier ihre Gedenkstätte. Dieser muss man immer gedenken und sie preisen, denn durch ihre Tapferkeit waren wir die Überwinder nicht nur in jenem Seegefechte, sondern in dem Kriege überhaupt, [D] weil die Stadt durch sie den Ruf erhielt, dass sie nie könne ganz bezwungen werden, auch nicht von allen Menschen zusammen. Und mit Recht erhielt sie ihn, durch unsere eigene Uneinigkeit aber wurden wir besiegt, nicht von den andern. Denn unbesiegt sind wir auch jetzt noch von jenen, wir selbst aber untereinander haben uns besiegt und sind überwunden worden.

Als aber nach diesem Ruhe war und Friede mit den anderen, wurde dieser einheimische Krieg auf eine solche Weise geführt, dass, wenn einmal den Menschen bestimmt sein soll [E] in bürgerlichen Unruhen zu leben, keiner wohl wünschen kann, dass seine Stadt die Übel auf eine solche Weise heimsuchen möge. Denn wie freundschaftlich und brüderlich trafen nicht die Bürger aus dem Peiraieus und die aus der Stadt zusammen, ganz gegen die Erwartung der übrigen Hellenen, und mit welcher Mäßigung beendeten sie nicht den Krieg gegen die in Eleusis! [244 St.2 A] Und hiervon ist nichts anders Ursache als die wahre und rechte Verwandtschaft, welche eine dauerhafte Stammesfreundschaft nicht nur dem Worte, sondern auch der Tat nach stiftet.

Aber auch der in diesem Kriege von beiden Seiten Gebliebenen muss man gedenken und sie versöhnen so gut wir können, durch Gebete und Opfer bei solchen Feiern, zu denen, welche über sie Gewalt haben, betend, da ja auch wir versöhnt sind. Denn nicht aus Bosheit sind sie aneinander geraten, [B] nicht aus Feindschaft, sondern durch Unglück. Dessen sind wir, die wir leben, selbst Zeugen. Denn gleicher Abkunft wie sie, verzeihen wir einander was wir getan und gelitten haben. Als wir nun hierauf eines vollkommenen Friedens genossen, verhielt sich die Stadt ruhig, den Barbaren verzeihend, dass sie, was ihnen Übles von ihr widerfahren war, nicht schlecht vergolten hatten, gegen die Hellenen aber erzürnt, da sie bedachte, wie viel diese Gutes von ihr genossen [C] und welchen Dank, nun mit den Barbaren verbündet, sie bezahlt hatten, ihrer Schiffe sie beraubend, durch welche sie selbst waren gerettet worden, und ihre Mauern

 

einreißend, dafür, dass wir verhindert, dass nicht die ihrigen zerstört würden. Die Stadt beschloss also, nicht mehr zu helfen wenn Hellenen in Knechtschaft gerieten, weder einer in des anderen, noch in der Barbaren, und so hielt sie sich. Da nun wir so gesinnt waren, und die Lakedaimonier uns, die Verteidiger der Freiheit, für gefallen, und es nun für ihr Geschäft hielten, die übrigen zu unterjochen, taten sie dieses.

Und was soll ich weitläufig sein. Denn nicht, wie alte Geschichten [D] vor Menschengedenken her, brauche ich zu erzählen was nun folgt. Denn wir selbst wissen, wie zu ihrer Bestürzung wiederum zu der Hilfe der Stadt ihre Zuflucht nehmen mussten die ersten unter den Hellenen, die Argeier, Böotier und Korinthier und, was das Erstaunlichste ist, dass auch der König in solche Verlegenheit geriet, dass er glaubte, nirgend anders her könne ihm Rettung kommen als von dieser Stadt, welche er so begierig gewesen war zu verderben. Ja, wenn nun jemand die Stadt mit Recht beschuldigen wollte, so könnte er nur dieses vorbringen zur Beschuldigung, [E] dass sie immer zu sehr mitleidig ist, und des Schwächeren Gehilfin. So konnte sie sich auch damals nicht zurückhalten, noch durchsetzen was sie beschlossen hatte, keinem Unterjochten mehr zu helfen gegen seine Unterdrücker, sondern sie ließ sich umstimmen und kam zu Hilfe. Und den Hellenen zwar [245 St.2 A] half sie selbst und errettete sie von der Knechtschaft, so dass sie frei blieben, bis sie sich selbst wieder unterjochen ließen. Dem Könige aber zu helfen wagte sie nicht aus Scheu wegen der Siegeszeichen von Marathon, Salamis und Platää, und ließ nur Flüchtlinge und Freiwillige ihm helfen, mit denen sie ihn eingestandenermaßen rettete. Sie selbst aber baute ihre Mauern und Schiffe den Krieg erwartend, und als sie dazu genötigt wurde, [B] der Parier wegen, führte sie Krieg gegen die Lakedaimonier.

Der König aber, der sich vor der Stadt fürchtete, und da er sah, dass die Lakedaimonier sich im Kriege zur See nicht mehr halten konnten, gern abfallen wollte, forderte die Abtretung der hellenischen Städte in Asien, welche die Lakedaimonier ihm schon vorher Preis gegeben hatten, wenn er im Bunde bleiben sollte mit uns und den andern Bundesgenossen, in der Meinung nämlich, sie würden nicht wollen, damit er einen Vorwand hätte zum Abfalle. Was nun die andern Bundesgenossen betrifft, so betrog er sich, denn sie willigten ein, [C] ihm jene herauszugeben, sie schlossen einen Vertrag und es schworen Korinthier, Argeier, Böotier und die übrigen Verbündeten, wenn er Gelder geben würde, ihm die Hellenen auf dem Festlande zu überliefern. Nur wir allein wagten nicht, weder sie abzutreten noch zu schwören. So edel und frei ist der Sinn dieser Stadt, und so kräftig und zuverlässig und von Natur die Barbaren hassend, weil wir ganz rein hellenisch sind [D] und unvermischt mit Barbaren. Denn kein Pelops und Kadmos oder Aigyptos und Danaos, oder sonst andere, die von Natur Barbaren und nur durch das Gesetz Hellenen sind, wohnen mit uns, sondern als vollkommen reine Hellenen, nicht als Barbarenmischlinge wohnen wir hier. Daher ist der Stadt ein unverfälschter Hass eingegossen gegen fremde Natur. So blieben wir also doch wieder allein stehen, weil wir nicht einwilligten, ein so schändliches und unheiliges Werk zu vollbringen, hellenische Hellenen an Barbaren [E] auszuliefern. Eben also wieder in dieselben Umstände gebracht, von wo wir zuerst bekriegt wurden, endigten wir doch mit Gott den Krieg besser als damals. Denn mit Erhaltung unserer Schiffe und Mauern und unserer eigenen Pflanzstädte wurde der Krieg beendet. Selbst die Feinde wären gerne auf solche Weise davon gekommen. Lobenswerte Männer aber haben wir auch in diesem Kriege verloren, die bei Korinth durch Nachteil des Bodens und die bei Lechaion durch Verrat. Lobenswert [246 St.2 A] waren auch die, welche den König befreiten, und die Lakedaimonier aus der See vertrieben, welche alle ich euch jetzt ins Gedächtnis rufe, euch aber ziemt es, solche Männer mit mir zu preisen und zu ehren.

Solches nun sind die Taten der hier liegenden Männer und der übrigen, welche für den Staat gestorben sind, viele schon und schöne, die angeführten, noch mehrere aber und schönere die übergangenen. Denn viele Tage und Nächte würden dem nicht hinreichen, der alles erzählen wollte. [B] Dieser nun gedenkend muss seine Nachkommen jedermann ermahnen, wie im Kriege, die Ordnung der Vorfahren nicht zu verlassen noch zurückzuweichen aus Feigheit. Also auch ich, ihr Söhne wackerer Männer, ermahne euch jetzt, und werde auch künftig, wo ich einen von euch antreffe, ihn erinnern und aufmuntern, dass er strebe unter den Tüchtigsten zu sein. Jetzt aber ist

 

noch meine Schuldigkeit zu sagen, was die Väter uns, [C] falls ihnen selbst etwas begegnen würde, den Hinterbliebenen zu bestellen aufgetragen haben, als sie der Gefahr entgegen gingen. Ich will euch also sagen, was ich von ihnen selbst gehört, und wie sie euch gewiss jetzt gern anreden möchten, wenn es ihnen vergönnt würde, wie ich aus dem, was sie damals sagten, entnehmen kann. Ihr müsst also glauben von jenen selbst zu hören, was ich jetzt vortrage. Sie sprachen aber so:

O Söhne, dass ihr von edlen Vätern seid, zeigt schon dieser jetzige Erfolg. Denn da wir nicht ehrenvoll leben konnten, haben wir vorgezogen ehrenvoll zu sterben, eher als [D] euch und den Späteren Schmach zu bereiten, und eher als unseren Vätern und dem ganzen früheren Geschlechte Schande zu bringen, überzeugt, dass dem, der den Seinigen Schande macht, nicht lohnt zu leben, und dass ihm kein Mensch Freund ist und kein Gott weder auf der Erde noch unter der Erde, wenn er gestorben ist. So gebührt nun Euch, unserer Reden eingedenk, was ihr auch immer treiben möget, mit Tugend zu treiben, wissend, dass ohne dieses alle Besitzungen und alle Bestrebungen [E] nur schlecht sind und verächtlich. Denn auch der Reichtum gereicht dem nicht zur Zierde, der ihn als ein Feiger besitzt, denn nur für einen andern ist ein solcher reich, nicht für sich, noch auch erscheint Schönheit und Stärke des Leibes, in dem Feigen und Schlechten wohnend, als etwas günstiges, sondern ungünstig sind sie, weil sie den Besitzer in helleres Licht stellen und seine Feigheit offenbaren. Und jede Erkenntnis, wenn sie von Gerechtigkeit und den übrigen Tugenden [247 St.2 A] getrennt ist, zeigt sich nur als Verschlagenheit, nicht als Weisheit. Deshalb nun versucht zuerst und zuletzt überall und auf alle Weise alle Mühe aufzuwenden, damit ihr ja uns und die Früheren übertreffet durch euren Ruhm, wo nicht, so wisst, dass uns, wenn wir euch an Tugend besiegen, der Sieg Schande bringt, der Verlust aber, wenn wir gegen euch verlieren, Glück und Heil. Am meisten aber würden wir besiegt werden und ihr siegen, wenn ihr euch darauf rüsten wolltet, der Vorfahren Ruhm weder zu schmälern noch zu vergeuden, wohl wissend, dass es für einen Mann, der etwas zu sein glaubt, nichts Unwürdigeres gibt, [B] als sich ehren zu lassen, aber nicht seiner selbst wegen, sondern wegen des Ruhmes der Vorfahren. Denn Ehre zu haben von den Vorfahren her ist für die Nachkommen ein schöner und köstlicher Schatz. Einen Schatz aber von Geld oder Ehre verbrauchen und nicht wieder den Nachkommen hinterlassen, das ist unwürdig und schändlich wegen Mangels eigener Besitztümer und Preiswürdigkeiten. Und strebet ihr nun hiernach, so werdet ihr als Freunde zu Freunden zu uns kommen, wenn das euch bestimmte Geschick hierherbringt. Seid ihr aber sorglos gewesen und schlecht geworden, so wird [C] euch niemand freundlich aufnehmen. Dieses nun sei den Kindern gesagt.

Unseren Väter aber, wer noch einen hat, und Müttern muss man immer tröstlich zusprechen, recht leicht ein Unglück zu tragen, wenn es ihnen begegnet, nicht aber mit ihnen wehklagen, denn sie können nicht noch jemandes bedürfen, der die Trauer vermehre, weil dieses schon das ihnen zugestoßene Unglück selbst hinlänglich zu Wege bringt, sondern um sie zu heilen und zu besänftigen muss man sie erinnern, dass von dem, was sie gefleht, die Götter das Größte ihnen erhört haben. Denn nicht unsterbliche Kinder, [D] baten sie, möchten ihnen geboren werden, sondern tugendhafte und wohlberühmte, welche sie auch erlangt haben als eines der größten Güter. Denn alles kann nicht leicht einem sterblichen Menschen nach seinem Sinne ausschlagen in seinem Leben. Tragen sie nun das Unglück tapfer, so wird man sehen, dass sie in der Tat tapferer Söhne Väter sind und selbst solche, lassen sie sich aber gehen, so werden sie den Verdacht erregen, dass sie entweder nicht die Unsrigen sind, oder dass diejenigen, die uns gelobt, nicht nach der Wahrheit geredet haben. Keines von beiden aber soll sein, [E] sondern sie selbst müssen mehr als alle unser Lob bekräftigen durch die Tat, in dem sie selbst sich zeigen als tapfere Männer und Väter von tapferen Männern. Denn schon von alters her hält man das Wort vom 'Nicht zu viel' für richtig gesagt, und es ist auch wirklich gut gesagt. Denn welchem Menschen alles oder doch das meiste von ihm selbst abhängt, was zu seiner Glückseligkeit führt, und nicht [248 St.2 A] von anderen Menschen abhängt, so dass, je nachdem diese sich wohl oder übel befinden, auch seine Angelegenheiten notwendig schwanken, dieser ist aufs beste ausgestattet zum Leben, dieser ist der Besonnene, dieser der Tapfere und Verständige, und dieser, mag er

 

Besitzungen und Kinder haben oder verlieren, wird am meisten jenem Spruche folgen. Denn weder erfreut noch betrübt wird er zu sehr erscheinen, weil er sich selbst vertraut. Solcher Art aber, verlangen wir, seien auch die Unsrigen, und wollen und behaupten es, als auch uns selbst zeigen wir jetzt als solche, indem wir [B] weder unwillig sind, noch uns sehr fürchten, wenn es Zeit ist sterben zu müssen.

Daher bitten wir auch Väter und Mütter in derselben Gesinnung ihr übriges Leben zu verbringen, und zu wissen, dass nicht durch Jammern und Wehklagen sie uns am meisten zu Gefallen leben, sondern wenn die Gestorbenen irgendetwas wissen um die Lebenden, werden sie uns so am meisten zuwider sein, wenn sie sich selbst Übles zufügen und schwer das Unglück ertragen, wenn aber leicht und mit Mäßigung, dann werden sie [C] uns Freude machen. Denn wir werden nun ein solches Ende nehmen, welches für die Menschen das schönste ist, so dass sie uns mehr verherrlichen sollten als bejammern. Sorgen sie aber für unsere Weiber und Kinder, und erziehen sie und wenden darauf ihren Sinn, so werden sie am leichtesten das Geschick vergessen und schöner und richtiger leben, und auch uns mehr zur Freude. Dieses nun ist genug den Unsrigen von uns zu melden. Der Stadt aber möchten wir auftragen, dass sie sowohl für unsere Väter als für unsere Kinder [D] sorge, diese sittig erziehend, jene würdig pflegend im Alter. Aber wir wissen wohl, dass, wenn wir es ihr auch nicht auftragen, sie doch dafür gehörig sorgen wird.

Dieses also, ihr Väter und Kinder der Gefallenen, haben jene uns aufgegeben euch zu vermelden, und ich, so treu ich kann, vermelde es euch, und bitte selbst noch in jener Namen, die einen, dass sie [E] die Ihrigen nachahmen, die anderen, dass sie unbesorgt sein sollen für sich, weil wir schon jeder für sich und von Staatswegen euer Alter pflegen und versorgen werden, wo nur jeder irgend einen antreffen möge der jenen angehört. Die Vorsorge des Staates aber kennt ihr ja selbst, wie er Gesetze gegeben hat wegen der Kinder und Erzeuger der im Kriege Gebliebenen und sich [249 St.2 A] ihrer annimmt, und wie vor allen übrigen Bürgern eine Obrigkeit, welche die höchste ist, den Auftrag hat zu verhüten, dass den Vätern und Müttern von diesen nichts unrechtes widerfahre, die Kinder aber selbst hilft er erziehen, und sorgt, dass ihnen ihr Waisentum möglich wenig fühlbar werde, indem er sich selbst an Vaters Stelle setzt, so lange sie noch Kinder sind, und er sie in ihr Eigentum entlässt, ihnen dann eine vollständige Rüstung verehrt, um sie hinzuweisen und zu erinnern an des Vaters Bestrebungen, indem er auch ihnen die Werkzeuge der väterlichen Tugend darreicht, [B] und zugleich der guten Vorbedeutung wegen, sie anfangen lässt den väterlichen Herd kräftig zu beherrschen, mit Waffen geschmückt. Die Gefallenen selbst aber, hört er nie auf zu ehren, indem er jegliches Jahr für sie alle gemeinsam das Gebräuchliche vollzieht, was auch jeder einzelne besonders für sich erlangt, und überdies Kampfspiele ansetzt im Ringen und der Reitkunst und jeder Art musischer Kunst, und sich ordentlich den Gefallenen selbst an Erben und Kindesstatt darstellt, den Söhnen aber an Vaters Stelle und den Eltern und dergleichen als Versorger, allen allezeit alle Sorgfalt erweisend. [C] Dieses bedenkend müsst ihr das Schicksal milder ertragen, denn den Toten und den Lebenden werdet ihr so am liebsten sein, und werdet am leichtesten pflegen, sowohl als gepflegt werden. Nun aber, ihr sowohl als die Übrigen insgesamt, nachdem ihr gemeinsam dem Gesetz gemäß die Gefallenen betrauert habt, tretet ab.

Dieses also, o Menexenos, ist die Rede der Milesierin Aspasia.

MENEXENOS: Beim Zeus, o Sokrates, glücklich ist Aspasia, wenn sie eine Frau solche Reden im Stande ist [D] auszuarbeiten!

SOKRATES: Wann du es nicht glaubst, so komm mit mir, so kannst du sie selbst vortragen hören.

MENEXENOS: Ich bin schon oft mit der Aspasia zusammen gewesen, o Sokrates, und weiß recht gut was für eine Frau sie ist.

SOKRATES: Wie also? Bewunderst du sie nicht und weißt ihr jetzt Dank für die Rede?

MENEXENOS: Gar vielen Dank, o Sokrates, weiß ich für diese Rede, ihr oder ihm, wer sie dir mitgeteilt hat, und außerdem vor vielen andern Dank dir, der sie mir gesagt hat.

 

SOKRATES: Das wäre gut, aber dass du es mir nur nicht nachsagst, damit ich dir auch in Zukunft noch viele schöne Staatsreden [E] von ihr mitteilen kann.

MENEXENOS: Sei beruhigt, ich werde dir nichts nachsagen, bringe sie mir nur. SOKRATES: Das soll geschehen.