GDSG/Glaube Recht und Sitte
Alle bisher angezognen bräuche haben weit in die geschichte des alterthums zurückgeleitet; der folgende, von geringerem umfang, zeigt uns den unschuldigen sinn des nordischen alterthums.
Name ist das was man nimmt, zur gabe empfängt, goth. namô (neutr.) alth. alts. namo (masc.) ags. nama (masc.) altn. nafn (neutr.) schwed. namn, dän. navn, von niman capere prehendere; sl. imja, poln. imię, böhm. gmě (gen. gmene) und gmeno von imu capio, inf. jati, imati böhm. gimati; dem litth. immu capio, lett. iemmu, niemmu steht kein solches subst. zur seite, doch preusz. findet sich emnes (nomen) neben imma capio. diesem emnes gleicht gr. voua, ir. ainm, ainim, welsch enw, dem goth. namô aber lat. nomen, it. nome, franz. nom, sp. nombre, skr. nâman, osset. nom, finn. nimi, est. nimmi, lapp. namm und nabma, ungr. név (vgl. poln. nazwa benennung.) die einstimmung ist auszerordentlich, und eine bei uns und den Slaven schön durchsichtige abkunft kann nicht gestört werden durch den einwand, dasz alle diese wörter aus der sanskritwurzel dshnâ entsprungen seien, also skr. nâman für dshnâman stehe, wie lat. nomen für gnomen (vgl. cognomen, ignotus), und das M der ableitung gehöre, mithin na-mô, nicht nam-ô anzusetzen sei (Pott 1, 182. Benfey 2, 144. Bopps gloss. skr. 193.) unsere ablautende wurzel hat gröszeres recht als eine hinter ihr gelegne zweifelhafte, der das skr. nâman selbst untreu wird, und der begrif des namens durch das, woran man erkannt wird (gnomen), scheint nicht passender als der andere, was man hat, was man empfängt.
Für die namen gilt nun als regel: keiner legt sich seinen namen selbst bei, sondern er wird ihm von andern beigelegt. wie das neu geborne kind einen namen durch seine eltern und freunde erhält, So ist es auch für die erklärung der volksnamen wichtig anzunehmen, dasz sie durch benachbarte völker gegeben wurden. das bedürfnis einen dritten zu benennen ist jederzeit stärker als das sich selbst zu nennen.
Unsere vorfahren ertheilten dem kinde seinen namen feierlich und beschenkten es dabei. man hiesz das altn. gefa nafn ok fylgja lâta. Egilssaga 367.
Als die valkyrja den stummen d. i. namenlosen jüngling mit dem anruf Helgi begrüszt hatte, sagt er:
hvat lætr þú fylgja Helga nafni?
sie enthüllt ihm darauf den ort, wo ein kostbares schwert verborgen liege. Sæm. 142. dieser name Helgi ist ein glückhafter und drückt aus der selige, heilige (er ist zusammenziehung von heilagi.) Sigmundr verleiht seinem neugebornen, eben von den nornen begabten sohne den gleichen namen Helgi und schenkt ihm dazu sieben grundstücke und ein köstliches schwert. Sæm. 150a. [gaf nafn sitt ok lêt pat fylgja. Egilss. 367.] das hiesz man nafnfesti, namenfestigung. Wodan hatte ein ihm unbekanntes volk Langobarden benannt und muste ihnen zur festigung des namens den sieg über ihren feind bewilligen. andere beispiele sind mythol. s. 123 beigebracht. Es ist natürlich, dasz man in den namen des neugebornen eine heilssame weissagende kraft für seine zukunft legte; hiernach zumal sind die von thieren her entlehnten benennungen zu deuten. Andere anlässe zur namengebung waren die wehrhaftmachung, wodurch der jüngling in den stand der krieger eintrat, die adoption, besonders die durch haarscheren, endlich todesfälle, weil dadurch erbschaften und umänderung des grundeigenthums herbei geführt wurden. Man pflegte auch dem kind, sobald sein erster zahn ausbrach, etwas zu schenken. diese gabe hiesz altn. tannfê, zahngeld:
Alfheim Frey gâfo î ârdaga tivar at tannfè. Sæm. 41a.
Olafr trug an der hand einen ring, den seiner mutter der könig at tannfê gegeben hatte und woran er den sohn erkennen wollte. Laxd. saga p. 72. 82. ich zweifle kaum, dasz dieser brauch schon vor alters auch in Deutschland galt, kann ihn aber nicht ausdrücklich nachweisen[1]; wol aber besteht er noch heute in Island und Finmarken. bei den Finnen heiszt solches zahngeld oder die pathengabe hammasraha, bei den Esten hambarahha, von hammas zahn; bei den Lappen panekes, [banekes,] pannikeis, von pane [padne, badne] zahn, sie pflegen. nemlich dem kind für den erst ausbrechenden zahn ein rennthier zu schenken, das dann in der heerde beobachtet wird: nach dem es sich viel oder wenig vermehrt, folgert man, dasz auch das kind reich oder arm sein werde. Nicht anders schenkt man bei uns den kindern, ich weisz nicht ob zur zeit der geburt oder des ersten zahns, ein lamm oder kalb, das grosz gezogen wird; in Schlesien schenken die pathen dem kind einen acker oder ein feld, das pathenmauer genannt wird. auch die amme oder wärterin des kindes pflegt für den ersten zahn ein geschenk zu empfangen. dieser erste zahn heiszt in Süddeutschland wölfeli, wölferl oder wolfszahn, böhm. wlček, poln. wilczek, doch mhd. bezeichnet wolfes zant den bissigen, giftigen zahn (Freidank s. 379.) der lettische ausdruck sohbu nauda zahngeld, pathengeschenk verbürgt die sitte für diese gegend, und ich ahne, dasz sie auch unter den Slaven besteht[2].
An einigen orten herscht der brauch bei geburt des kindes einen baum zu pflanzen, und man achtet, ob er gedeihe.
Ich schliesze mit einer bemerkung über den gebrauch der schrift bei den europäischen völkern.
Entsprungen in einer fülle des zusammenhangs zwischen bild und gedanken bei den Aegyptern und bald zurückgeführt auf einen für ihren eigentlichen zweck hinlangenden auszug der zeichen, hat sie sich frühe nach Phoenizien gewandt und von dannen manche weitere wege gefunden.
Wie die schrift unter Griechen, Etruskern und Römern einheimisch ward, sich noch einfacher und edler gestaltete und von dieser grundlage her allmälich in das übrige Europa eindrang,. ist bekannt.
Minder ausgemacht scheint, ob nicht, was man vorlaut geleugnet hat, auszer jenem breiten strom in dem sie sich durch die länder ergosz, auch noch schmale und versteckte gänge eingestanden werden müssen, auf welchen sie theilweise vordrang, wieder stockte oder hernach in jener gröszeren masse sich verlief. gewisse eigenthümlichkeiten der schreibweise des europäischen alterthums stehn füglich kaum anders zu begreifen.
Es läszt sich zugeben, dasz auch rohen ungebildeten volksstämmen, wie wir uns die einwandernden zu denken haben, wenn nicht allgemeine übung der schrift, deren sie nicht bedurften, doch eine gewisse überlieferte und mitgebrachte kenntnis derselben beigewohnt habe: hervorragende stände und edle geschlechter, zumal priesterliche mögen hin und wieder im besitz einer solchen gewesen oder geblieben sein und sie für ihre zwecke anzuwenden verstanden haben. bekanntlich legt Caesar 6, 14 den gallischen druiden ausdrücklich den gebrauch einer schrift bei, die er griechisch nennt, weil ihre buchstaben vermutlich den griechischen mehr als den lateinischen glichen, Toxaris bei Lucian berichtet, im skythischen Oresteion seien auf der seule bilder und schriften gewesen. mag man diese erzählung bezweifeln, den Geten und Daken, bei ihrem häufigen verkehr mit Griechen und Römern, wird man schwerlich kenntnis des schreibens abstreiten, und das bleibt unleugbar, dasz in der späteren gothischen schrift, wie sie zu Ulfilas zeit geregelt wurde, einzelne buchstaben und zeichen haften, die aus den ihr zum grund gelegten griechischen und lateinischen buchstaben keineswegs folgen, aber mit den nordischen, sächsischen und markomannischen runen sich berühren. diese runen, deren name schon auf geheime, nicht allgemein verbreitete übung hinweist, wie ich mir jene priesterliche denke, reichen auf den scandinavischen steinfelsen kaum noch ins heidenthum zurück, werden aber durch ags. und ahd. handschriften bis zum achten und siebenten jh. gesichert, so dasz sie von den gothischen büchern nicht fern abstehn. Nimmt man hinzu, dasz die hibernischen und slavischen alphabete, obgleich aus dem lat. und gr. herleitbar, manches eigne haben, und zumal die glagolitische noch mehr als die cyrillische schrift der Slaven an die nordischen runen streift, so wird jenes vorhandensein eines unrömischen und ungriechischen schriftelements in Europa nicht in abrede zu stellen sein[3]. die wichtigkeit dieses zusammenhangs musz aber in den einzelnen zeichen nachgewiesen werden und besonderen untersuchungen vorbehalten bleiben.
Hier liegt es mir an, etwas anderes nicht zu verschweigen, wodurch eine solche beweisführung noch verstärkt werden kann. die runischen, slavischen und irischen alphabete weichen in ordnung und benennung ihrer buchstaben bedeutsam ab von den classischen. schon die art und weise, wonach die einzelnen laute geordnet werden, ist nichts gleichgültiges, sondern beruht auf langem herkommen, noch gröszere aufmerksamkeit fordern aber die namen. ohne zweifel sind diese namen groszentheils noch übrig aus dem beim ursprung des zei158 chens stattgefundenen verfahren, nemlich das zeichen gieng hervor aus einem bild der vorstellung, für welche ein wort galt, das mit dem laut anhub, welcher durch das zeichen ausgedrückt werden sollte. die altdeutsche rune M zum beispiel führt den namen mann, und drückt in ags. hss. gradezu dies wort aus; sie scheint sicher aus der gestalt eines manns mit zwei armen entsprossen. da nun die buchstabnamen begreiflich bei verschiedenen völkern und stämmen wechseln, d. h. auf worte und zeichen angewandt werden, die jedem angemessen und nöthig sind; so erhält dadurch die untersuchung dieser verschiedenheiten groszen reiz.
Der zweite buchstab des hebr. und gr. alphabets hiesz beth, Břτa und hätte schon die Römer auf betulla betula leiten können, doch dieser baum schien ihnen ein gallischer (Plin. 16, 18.) desto natürlicher war den Galliern selbst für das B der name beith (wie betulla auf irisch lautet, auf welsch bedwen), den Angelsachsen beorc, den Normannen biörk; allein ahd. runen geben nicht biricha, sondern berc mons. einem halb gothischen alphabet des Wiener cod. 140 ist bercna beigeschrieben; den Slaven heiszt B nicht bereza, vielmehr buki, was an buk fagus, unser buche mahnt, und altsl. bouki drückt yoάuuα, Biptiov aus wie das goth. bôka. Im altn. runenalphabet sind nur zwei namen von gewächsen entlehnt þorn und biörk, und dazu galt für þorn früher purs, riese; die sächsischen runen haben vier solcher namen: porn, beorc, âc, äsc. das irische besteht dagegen aus lauter gewächsen: B beith birke, L luis erberesche, F fearn erle, S sail weide, N nion esche, H huath hagedorn, D duir eiche, T tinne? schwerlich teine feuer, C coll hasel, Q queirt apfelbaum, M muin rebe, G gort epheu, NG ngedal ried, P pethpoc? ST straif schlehe, R ruis flieder, A ailm föhre, O onn pfriemenkraut, U ur heide, E eadhadh espe, I idhadh eibe, EA eabhadh espe, OI oir spindelbaum, UI uilleann waldwinde, IO ifin stachelbeere, EA amhancholl? verschieden von diesem bethluisnoin ist eine andere oghum genannte ordnung.
Bei den monatsnamen sahen wir die einbildungskraft der Kelten gar nicht auf pflanzen gerichtet, während es hier überall geschieht, und umgekehrt Deutsche wie Slaven thiere und andre vorstellungen einmengen. auch die welschen coelbren, die von Tacitus geschilderte sortium consuetudo und die friesischen teni beziehen sich auf baumzweigszeichen und nichts gleicht den runen mehr als die gestalt zugeschnittner gerader und krummer äste.
Da die alte stabschrift geheimnis war und zauberhaft wirkte, so begreift sich warum runa mysterium bedeutete und raunen flüstern. fast alles weissagen des alterthums geschah mit zweigen und stäben, wie unsere wünschelrute (mythol. s. 926) und der stab des Hermes und Aesculap lehren. das temere ac fortuito spargere bei Tacitus Germ. 10 gleicht dem altn. hrista teina (concutere virgas): hristo teina ok â hlaut sâ. Sæm. 52a, von den alten Sachsen meldet Beda 5, 11 mittunt sortes, hluton mid tânum und noch Ulfilas Luc. 1, 9 verdeutscht haze hlauts imma urrann. wie die Slaven mit schwarzen und weiszen stäbchen loszten schildert Saxo gramm. ed. Müll. p. 827, wie die Alanen Ammianus 31, 2, wie die Skythen Herodot 4, 67; nach dem scholiast zu Nicanders ther. 613 brauchten diese dazu die myrica (tamariske): μάγοι δὲ καὶ Σκύθαι μυρικίνῳ μαντεύονται ξύλῳ.
Die griechischen namen der buchstaben scheinen phoenizischen ursprungs, doch ist glaublich, dasz den Griechen schon bei der ersten ankunft im lande schrift nicht mangelte. sie war ein gemeingut, dessen kunde alle urverwandten völker mit in ihren auszug nahmen; aber viel fehlt daran, dasz sie es auf gleiche weise zu vereinfachen, zu veredeln und fruchtbar zu machen verstanden hätten.
Es war meine absicht in einer nicht sparsamen reihe von beispielen, gegenüber den aufgestellten wortgeschlechtern des viehes und getraides, erkennen zu lassen, wie fest auch in glauben und sitte die ganze europäische vorzeit unter sich und mit Asien zusammenhänge, und vorzugsweise wählte ich das, woraus zu lernen wäre, dasz auch die barbarei ihre tugend hat und nothwendige stufe unsers aufschwungs wurde. alle einzelnen völkerstämme sind aber in dieser betrachtung ein groszes geschlecht und welche sich näher berühren konnte nur angedeutet werden: weil aber mein werk auf die deutsche sprache gerichtet ist, muste der deutsche faden durchschlagen.
- ↑ noch weniger im classischen alterthum; doch galt den Römern ein solcher zahn für heilkräftig: pueri qui primus ceciderit dens, ut terram non attingat, inclusus in armillam et assidue in brachio habitus. Plin. 28, 4. auch: dentes équi, qui primi cadunt, alligati facilem dentionem praestant, mhd. fülzene (mythol. s. 624.) die stadt Sinzich hatte, auf Friedrich Rothbarts anordnung, dem reich jährlich sechs schillinge zu entrichten, welches jus rostant (pferdezahn) hiesz. Lacomblet 2 n° 125.
- ↑ neben der groszen urverwandtschaft zwischen skr. dantas, pers. dendân, osset. dendeg, gr. odovs, jon. odor, lat. dens, litth. dantis, ir. deat, welsch dant, goth. tunpus, ahd. zand, ags. tôd, altn. tönn erscheint das abweichende sl. zub, poln. zab, welchen sich lett. sohbs anreiht. zwischen diesem sohbs und dem litth. dantis liegt hier die scheidewand; mit zub [Schleicher p. 42] vergleicht Miklosich skr. dshamba cibus und maxilla, gr. γαμφαί γαμφηλαί und γόμφιος dens molaris (Benfey 2, 116), wobei altn. kiammi maxilla, kiaptr faux in betracht kommt (K: Z wie in korn: zrno.) merkwürdig das alban. déμл.
- ↑ Dietmar von Merseburg versichert (Pertz 5, 812) auf den slavischen götterbildern (wie in jenem Oresteion) seien die namen eingeschrieben gewesen singulis nominibus insculptis) wie sie an den Prilwitzer götzen stehn, deren echtheit noch nicht so verzweifelt ist.