Geschichte des politischen Denkens
Band 2.2: Das Mittelalter – darin enthalten "Der Konziliarismus und die politische Philosophie des Nikolaus von Kues (1401–1464)"
Unter dem Sammelbegriff »Konziliarismus« faßt man Theorien und kirchenpolitische Strömungen des 14. und 15. Jh.s zusammen, nach denen das Konzil die höchste kirchliche Instanz ist, sei es in Verbindung mit dem Papst, sei es so verstanden, daß auch der Papst dem Konzil unterworfen ist. Als das Konzil von Konstanz erklärte, ein allgemeines Konzil habe seine Gewalt (potestas) »unmittelbar durch Christus selbst« (a Christo immediate), wurde nach Figgis das wahrscheinlich »revolutionärste offizielle Dokument der Weltgeschichte« verabschiedet (1956, 31). Was nach einer innerkirchlichen Kontroverse klingt, nach der Frage, ob dem Papst oder dem Konzil die Superiorität zukommt, war eine theologisch wie politisch gleich brisante Angelegenheit. Der Konziliarismus nahm den Streit um das Verhältnis von Souveränität und Konstitutionalismus vorweg, wie er die Staatengeschichte der Neuzeit prägt. Die Konzilien jener Jahrzehnte probten Wahlverfahren und Repräsentationsformen, wie sie in den Staaten der Neuzeit erst später etabliert worden sind. Man diskutierte über die Grundfrage, wer das Recht besaß, ein Oberhaupt absetzen zu dürfen. In den politischen Kämpfen der Zeit war der Konziliarismus vielfach verwendungsfähig. Ansprüche auf Repräsentation, auf die Stärkung ständischer Rechte oder gar auf Volkssouveränität ließen sich mit den Argumenten der Konziliaristen stärken. Selbst ein Hugenotte wie Du Plessis Mornay beruft sich auf das Konzil von Konstanz, wenn er die Suprematie der Stände über den König begründen will (Figgis 1956, 36).