Goldener Schnitt/Anwendung in Technik und Mathematik
Anstatt stets neu konstruieren zu müssen, wurde im 19. Jahrhundert von Künstlern und Handwerkern ein Goldener Zirkel – ein auf das Goldene Verhältnis eingestellter Reduktionszirkel – benutzt. Insbesondere im Schreinerhandwerk kam ein ähnliches Instrument in Form eines Storchschnabels zur Anwendung.[1] Bereits in der Antike fand der Reduktionszirkel Verwendung, dies zeigt z. B. der Fund eines Vorläufers bei den Ausgrabungen in Pompeji.[2] Solche Zirkel, wie die im Folgenden näher beschriebenen Beispiele, werden auch heute noch hergestellt. Die einfachste Ausführung besteht nur aus zwei Stäben – in moderner Bauweise zusätzlich mit vier Nadeln – deren Drehpunkt sie im Goldenen Schnitt teilt.[3]
Für die Lage des Drehpunktes gilt:
- .
-
Lage des Drehpunktes
Mithilfe eines solchen Reduktionszirkels gelingt die Teilung einer gegebenen Streckenlänge in (innere Teilung) sowie die Verlängerung einer Strecke um die Länge (äußere Teilung). Punkt teilt die Streckenlänge im Goldenen Schnitt.
Der von Adalbert Göringer im Jahre 1893 erfundene Reduktions- bzw. Proportionalzirkel – dargestellt in den nebenstehenden Bildern – ist eine Weiterentwicklung.[4] Um als Werkzeug für die innere und äußere Teilung dienen zu können, müssen die Bauteile des Reduktionszirkels ebenfalls die Teilung nach dem Goldenen Schnitt beinhalten.
Wenn
- ,
dann gilt:
- .

„Man beschreibe in ein gegebenes Rechteck ein Dreieck (das mit dem Rechteck eine Ecke gemeinsam hat) so ein, daß die drei dabei entstehenden Dreiecke die gleiche Fläche haben.“
Hinweis: In gewisser Analogie zur Quadratur des Quadrates verwendet Heinrich Hemme den Begriff der Triangulation des Rechtecks.[6]
Die Flächengleichheit bedeutet, dass gilt.
Aus der Gleichheit des ersten und zweiten Terms folgt (1) und aus der Gleichheit des ersten und dritten Terms (2).
Aus (1) und (2) ergibt sich:
- .
Wegen
gilt dann auch:[5]

( von und ) sowie „diesen Schnitt den goldenen“[7] als Konstruktionselement.
Von M. Johann Wentzel Kaschube stammt die im Folgenden beschriebene und im Anschluss konstruktiv dargestellte geometrische Aufgabe aus dem Jahr 1717.
„§.34. Einen gleichschencklichten , in welchem der auf einem Schenckel stehende perpendicul gegeben, so den Schenckel selbst in auf solche Arth schneidet, wie er von den übrigen perpend. Linien in geschnitten wird, kan auf folgende Weise gefunden werden. […]“
Gesucht ist also ein gleichschenkliges Dreieck, in dem eine gegebene Strecke sowie ein Schenkel des Dreiecks zueinander orthogonal sind und der Punkt diesen Schenkel im Verhältnis des Goldenen Schnitts teilt.
Konstruktionsbeschreibung
(Angelehnt an die Beschreibung des Originals, die darin erwähnte Fig. 7 ist auf Tab. I Alg. Fig. 8)[9]
Zuerst wird die Strecke mit der frei wählbaren Länge senkrecht auf die Gerade errichtet. Es folgt das rechtwinklige Dreieck , in dem die Seite mit Länge auf der Geraden liegt. Der Kreisbogen um mit Radius ergibt Schnittpunkt , der Kreisbogen um mit Radius teilt in die Seite im Goldenen Schnitt. Ziehe einen Kreis um mit Radius , ergibt Schnittpunkt und einen Kreisbogen um mit Radius . Nun errichte eine Senkrechte auf ab bis sie den Kreisbogen in schneidet. Mit ist das geometrische Mittel der beiden Streckenlängen und bestimmt. Ein Kreisbogen um mit Radius schneidet den Kreis um in , und dabei ergibt sich das rechtwinklige Dreieck . Abschließend wird die Strecke bis auf die Gerade verlängert und um den soeben entstandenen Schnittpunkt ein Kreisbogen mit Radius gezogen, bis er die Gerade in schneidet.
Im somit gefundenen gleichschenkligen Dreieck teilt der Punkt der Senkrechten den Schenkel im Goldenen Schnitt.
Bestimmte Kreispackungen im Rechteck weisen Zusammenhänge mit dem Goldenen Schnitt auf. Hierzu wird eine aus fünf Kreisen bestehende Kreispackung betrachtet (Figur 1):
- a sei der Radius des grünen Kreises,
- die beiden roten Kreise haben jeweils den Radius 1,
- die beiden blauen Kreise haben jeweils den Radius b,
- c sei der Abstand zwischen dem Mittelpunkt des linken roten und des mittleren grünen Kreises (Figur 2).
Für a, b und c erhält man das nicht-lineare Gleichungssystem:
mit der Lösung
- .
Aus dieser Lösung resultieren drei Goldene Rechtecke innerhalb der gegebenen Kreispackung:
- Rechteck 1 hat die Seitenlängen 2 und c und ist wegen ein Goldenes Rechteck (Figur 3).
- Rechteck 2 hat die Seitenlängen c und 2b und ist wegen ein Goldenes Rechteck (Figur 4).
- Rechteck 3 hat die Seitenlängen 2a+2b und 2b und ist wegen ein Goldenes Rechteck (Figur 5).[10][11]
-
Figur 1
-
Figur 2
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Figur 3
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Figur 4
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Figur 5
Wie die nachfolgenden illustrierten Beispiele zeigen, sind in manchen Fällen Merkmale des Goldenen Schnitts erkennbar, wenn zwei Funktionsgraphen sich schneiden.
- Die Parabel mit der Gleichung schneidet die Ursprungsgerade mit der Gleichung in den Punkten und (Figur 1).
- Die Hyperbel mit der Gleichung schneidet die Ursprungsgerade mit der Gleichung ebenfalls in den Punkten und (Figur 2).
- Die Hyperbel mit der Gleichung schneidet die Parabel mit der Gleichung in den Punkten , und (Figur 3).[12]
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Figur 1
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Figur 2
-
Figur 3

Ab 1975 sind in der Mathematik die unterschiedlichsten Fraktale entwickelt worden.
Das folgende Fraktal – mit sieben Iterationsschritten – verwendet ein gleichseitiges Dreieck als Ausgangsform. An seinen Ecken wird ein Dreieck mit einem bestimmten Verkleinerungsfaktor [13] Spitze an Spitze angehängt. Der Verkleinerungsfaktor wird so gewählt, dass das Verhältnis der Seitenlängen zueinander dem Teilungsverhältnis des Goldenen Schnittes entspricht.
Fraktale werden meist mithilfe eines Computers erstellt. Dieses zweidimensionale Dreiecksfraktal ist – mit entsprechendem Aufwand – auch als Konstruktion mit Zirkel und Lineal darstellbar.

Anhand der nebenstehenden Skizze wird der Verkleinerungsfaktor , die gewünschte Anzahl der Äste (Dreiecke) und somit auch der Abstand der letzten Äste zueinander grafisch bestimmt.[13]
Es beginnt mit der Konstruktion eines gleichseitigen Dreiecks mit der Seitenlänge gleich . Halbiert man nun dessen beide Schenkel und zieht die Gerade durch die soeben erhaltenen Mittelpunkte, ergibt sich das gleichseitige (grüne) Ausgangsdreieck des Fraktals mit Seitenlänge gleich . Es folgen zwei Verbindungslinien, jeweils ab dem Mittelpunkt der Schenkel bis zur gegenüberliegenden Ecke des Dreiecks. Sie schneiden sich im Mittelpunkt des Umkreises des großen Dreiecks. Beim Ziehen des Umkreises ergibt sich, mittels der Schnittpunkte auf der Geraden , der gesuchte Verkleinerungsfaktor links und rechts vom Ausgangsdreieck.

Die oben beschriebenen Konstruktionsschritte gleichen denen der Konstruktion nach Odom.
Somit gilt in diesem Fall:
daraus folgt
Die in der Skizze mit gepunkteten Linien angedeutete Konstruktion zeigt: Die Seitenlängen (Kreisradien) für die nachfolgenden, noch gut im Fraktal erkennbaren Dreiecke, ergeben sich, indem man für das nächste Dreieck den Exponent des Verkleinerungsfaktors um erhöht:
Beutelspacher ermittelte in Der Goldene Schnitt den Wert des Abstandes, bei dem sich die entgegenkommenden Äste im Grenzfall berühren, letztendlich aus der kubischen Gleichung (siehe nebenstehendes Bild)
- ;
deren einzige positiven Lösung ist
- .
Somit ist aufgezeigt: ist nicht nur der Wert des Verkleinerungsfaktors, sondern auch der Wert des Abstandes, bei dem sich im Grenzfall die einzelnen Äste berühren, sprich gerade noch nicht überlappen.[13]
Im Buchdruck wurde gelegentlich die Nutzfläche einer Seite, der sogenannte Satzspiegel, so positioniert, dass das Verhältnis von Bundsteg zu Kopfsteg zu Außensteg zu Fußsteg sich wie verhielt. Diese Wahl von Fibonacci-Zahlen approximiert den Goldenen Schnitt. Eine solche Gestaltung wird auch weiterhin in Teilen der Fachliteratur zum Buchdruck empfohlen.[14]
- ↑ Albrecht Beutelspacher, Bernhard Petri: Der Goldene Schnitt. Spektrum, Heidelberg/Berlin/Oxford 1988, ISBN 3-411-03155-7, S. 26–29.
- ↑ Albrecht Beutelspacher, Bernhard Petri: Der Goldene Schnitt. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Spektrum Akademischer Verlag, 1996, S. 26.
- ↑ Albrecht Beutelspacher, Bernhard Petri: Der Goldene Schnitt. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Spektrum Akademischer Verlag, 1996, S. 27, Bild 1.11, Fig. 7.
- ↑ Albrecht Beutelspacher, Bernhard Petri: Der Goldene Schnitt. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Spektrum Akademischer Verlag, 1996, S. 27, Bild 1.11, Fig. 6.
- ↑ a b Albrecht Beutelspacher, Bernhard Petri: Der Goldene Schnitt, zweite, überarbeitete und erweiterte Auflage, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg/Berlin/Oxford 1996, ISBN 978-3-8154-2511-4, Seite 71.
- ↑ Heinrich Hemme: Triangulation des Rechtecks. Spektrum.de vom 6. November 2016, abgerufen am 20. Dezember 2024
- ↑ Referenzfehler: Ungültiges
<ref>-Tag; kein Text angegeben für Einzelnachweis mit dem Namen Kaschube. - ↑ M. Johann Wentzel Kaschube: Cursus mathematicus, Oder Deutlicher Begrief Der Mathematischen Wissenschaften. Johann Felix Bielcke, Jena 1717, S. 564 (Digitalisat [Google]).
- ↑ M. Johann Wentzel Kaschube: Cursus mathematicus, Oder Deutlicher Begrief Der Mathematischen Wissenschaften. Johann Felix Bielcke, Jena 1717, S. 539 (Digitalisat [Google] – Tab. I Alg.).
- ↑ Hans Walser: Kreispackung. Miniaturen von Hans Walser, abgerufen am 7. Januar 2025.
- ↑ Hans Walser: Der Goldene Schnitt. (Mit einem Beitrag von Hans Wußing). 6., bearbeitete und erweiterte Auflage. Edition am Gutenbergplatz, Leipzig 2013, ISBN 978-3-937219-85-1.
- ↑ Hans Walser: Der Goldene Schnitt - Geometrische und zahlentheoretische Betrachtungen, 7., überarbeitete und erweiterte Auflage, Springer Spektrum, Berlin 2023, ISBN 978-3-662-68556-3, Seiten 127 und 128
- ↑ a b c Albrecht Beutelspacher, Bernhard Petri: Der Goldene Schnitt. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Spektrum Akademischer Verlag, 1996, S. 74–76.
- ↑ Albrecht Beutelspacher, Bernhard Petri: Der Goldene Schnitt. Spektrum, Heidelberg/Berlin/Oxford 1988, ISBN 3-411-03155-7, S. 158–160.
