Zum Inhalt springen

Goldener Schnitt/Weitere mathematische Eigenschaften

aus AufEinWort, der freien Forschung

Algebraische Zahlentheorie

[✐ | ✎]

Der Goldene Schnitt ist als Nullstelle des Polynoms X2−X−1 eine algebraische Zahl. Weil das Polynom normiert ist und alle Koeffizienten ganzzahlig sind, ist der Goldene Schnitt sogar eine algebraisch ganze Zahl. Es sei K:=ℚ(Φ)=ℚ(5), dann ist K/ℚ eine Körpererweiterung von Grad 2. Damit ist K ein quadratischer Zahlkörper. Es ist der reell-quadratische Zahlkörper kleinster Diskriminante, nämlich 5 (der reell-quadratische Zahlkörper mit nächstgrößerer Diskriminante ist ℚ(2) mit Diskriminante 8).[1] Es sei 𝒪K der zugehörige Ganzheitsring. Weil Φ ganz ist, gilt Φ∈𝒪K, aber mehr als das: Wegen

NK/ℚ(Φ)=ΦΦ′=1+52⋅1−52=1−54=−1∈ℤ×

ist der Goldene Schnitt sogar Einheit des Ganzheitsrings 𝒪K. Sein multiplikativ Inverses ist −Φ′=5−12=Φ−1. Dies lässt sich algebraisch allein durch Kenntnis des Minimalpolynoms X2−X−1 zeigen: Φ(Φ−1)=Φ2−Φ=Φ2−Φ−(Φ2−Φ−1)=1 Jedoch ist der Goldene Schnitt nicht nur eine Einheit des Ganzheitsrings 𝒪K, sondern sogar Fundamentaleinheit des Ganzheitsrings. Das bedeutet, jedes Element aus 𝒪K× ist von der Form ±Φn mit n∈ℤ. Darüber hinaus bilden 1,Φ∈𝒪K eine ℤ-Basis von 𝒪K.[2] Das heißt, jedes Element aus 𝒪K lässt sich eindeutig als a+bΦ mit a,b∈ℤ schreiben. Es bildet auch 1,Φ2∈𝒪K eine ℤ-Basis von 𝒪K. Dabei ist Φ2=3+52.

Kettenwurzel

[✐ | ✎]

Aus Φ2=1+Φ lässt sich folgende unendliche Kettenwurzel herleiten:[3]

Φ=1+1+1+1+⋯

Setzt man also Φ0:=1 und Φn:=1+Φn−1 mit n≥1, so gilt

limn→∞Φn=Φ.

Hinsichtlich der Konvergenzgeschwindigkeit gilt

Φ−Φn∼2C(2Φ)n,n→∞, wobei C=1,0986419643…. Es gilt die exakte Formel
C=∏n=1∞2ΦΦ+Φn.

Sie kann auch implizit charakterisiert werden. Es bezeichne F die für |x|<Φ2 analytische Funktion, so dass die Differentialgleichung

F(x)=2ΦF(Φ−Φ2−x)

sowie F(0)=0 und F′(0)=1 erfüllt ist. Dann gilt C=ΦF(1Φ).[4]

Trigonometrische und Hyperbolische Funktionen

[✐ | ✎]

Aus der Trigonometrie folgt unter anderem[3]

Φ=2cos⁡(π5)=2sin⁡(3π10)

und

1Φ=2sin⁡(π10)=2cos⁡(2π5),

sowie

3−Φ=2sin⁡(π5).

Es ist π5 der volle Spitzwinkel und 3π10 die Hälfte des stumpfen Außenwinkels des Pentagramms. Gelegentlich wird die Rolle des Goldenen Schnitts für das Fünfeck als vergleichbar bedeutend bezeichnet wie die der Kreiszahl π für den Kreis. Ein weiterer Zusammenhang zur Kreiszahl π ergibt sich über den Arkustangens, der Umkehrfunktion des Tangens aus der Trigonometrie. Es gilt[5]

π=2(arctan⁡(Φ5)+arctan⁡(1Φ5))=6arctan⁡(1Φ)−2arctan⁡(1Φ5).

Der Goldene Schnitt lässt sich mit Hilfe der Eulerschen Zahl und der hyperbolischen Areasinus-Funktion ausdrücken:

Φ±1=earsinh⁡(±12)

Unendliche Reihen

[✐ | ✎]

Einsetzen von q=1Φ in die für |q|<1 gültige geometrische Reihenformel ∑k=1∞qk=q1−q ergibt:

Φ=1Φ1−1Φ=∑k=1∞1Φk.

Es gilt zudem[3]

2log⁡(Φ)5=(1−12−13+14)+(16−17−18+19)+(111−112−113+114)+⋯.

Eine weitere Reihe, die den logarithmierten Goldenen Schnitt enthält, beinhaltet die mittleren Binomialkoeffizienten:

2log⁡(Φ)2=∑n=1∞(−1)n−1n2(2nn).

Da gleichzeitig auch die Identität

π218=∑n=1∞1n2(2nn)

für die nicht alternierende Variante gilt, wird hier eine „Verbindung“ zwischen der Kreiszahl π und dem Goldenen Schnitt gesehen.[6]

Eine schnell konvergente Reihe beinhaltet die Fibonacci-Folge:

4−Φ=∑n=0∞1f2n=1f1+1f2+1f4+1f8+⋯.

Rogers-Ramanujan Kettenbrüche

[✐ | ✎]

Es gilt[7]

e−2π5Φ5−Φ=1+e−2π1+e−4π1+e−6π1+⋯,
e−π5(Φ−1)5−(Φ−1)=1−e−π1+e−2π1−e−3π1+⋯.

Dabei bezeichnet e die Eulersche Zahl und π die Kreiszahl. Setzt man für |q|<1

R(q):=q151+q1+q21+q31+⋯

so hat man allgemeiner für α,β>0 mit αβ=π2

(Φ+R(e−2α))(Φ+R(e−2β))=5Φ,

sowie

(Φ−1−R(−e−α))(Φ−1−R(−e−β))=5Φ−1.

Diese Entdeckungen gehen auf Srinivasa Ramanujan zurück. Die Funktion R wird auch als Rogers-Ramanujan-Kettenbruch bezeichnet und hat Verbindungen zur Theorie der Modulformen.[8]

Zusammenhang zur Chintschin-Levy-Konstante

[✐ | ✎]

Definiert man den nächstgelegenen ganzzahligen Kettenbruch (englisch: nearest integer continued fraction) für reelle Zahlen −12<x<12 via

x=1+1c1+1c2+⋯

über die Rekursion

c1=⌊1x+12⌋,x1=1x−c2,c2=⌊1x1+12⌋,x2=1x1−c2,…

so können die cj eventuell negative Zahlen sein. Für die Chintschin-Levy-Konstante gilt in diesem Falle

limn→∞|c1⋯cn|n=(5Φ+35Φ+2)log⁡(2)log⁡(Φ)∏k=1∞(8(k−1)Φ+(2k−3)2+48(k−1)Φ+(2k−3)2)log⁡(k)log⁡(Φ)=5,4545172445…

für alle betroffenen reellen Zahlen bis auf eine Lebesgue-Nullmenge.[9] Das bedeutet, dass alle Zahlen −12<x<12, „bis auf 0 %“ in einem asymptotischen Sinne, diese Gesetzmäßigkeit erfüllen. Ist zudem PnQn der (vollständig gekürzte) n-te Näherungsbruch dieser Konstruktion, so gilt wieder bis auf Nullmenge[10]

limn→∞|Qn|n=eπ212log⁡(Φ)=5,5243079702….

Alternierende Bit-Mengen

[✐ | ✎]

Jede natürliche Zahl lässt sich eindeutig über das Binärsystem durch Nullen und Einsen ausdrücken. Innerhalb einer solchen Darstellung lassen sich nun sog. alternierende Bit-Mengen abzählen, die wie folgt erklärt sind:

  • Von links nach rechts wechseln sich in den ausgewählten Positionen die Zahlen 1 und 0 ab.
  • Die Zahl ganz zur Linken der ausgewählten Positionen ist 1.
  • Die Zahl ganz zur Rechten der ausgewählten Positionen ist 0.

Man bezeichnet die Anzahl der alternierenden Bit-Mengen einer Zahl n mit c(n). Es ist zum Beispiel c(26)=8, denn im Binärsystem gilt 26=11010, und daher sind die möglichen alternierenden Bit-Mengen (aus formalen Gründen inklusive der leeren Menge):

{},{5,3},{5,1},{4,3},{4,1},{2,1},{5,3,2,1},{4,3,2,1}.

Es bezieht sich z. B. {5,3,2,1} auf 11010. Es entspricht c(n) gleichzeitig der Anzahl der Möglichkeiten, n als Summe von Zweierpotenzen zu schreiben, ohne dabei eine Potenz mehr als zweimal zu benutzen.[11] Diese zahlentheoretische Funktion c hat eine Verbindung zum Goldenen Schnitt, denn es konnte

0,9588<lim supn→∞c(n)nlog⁡(Φ)log⁡(2)<1,1709

gezeigt werden. Dabei ist lim sup der Limes superior. Ob der innere Wert sogar 1 beträgt, konnte bisher nicht gezeigt werden.[12]

Verbindung zu speziellen Funktionen

[✐ | ✎]

Über die Formel

Γ(15)Γ(45)=25π52+Φ

wird eine direkte Verbindung zur Gammafunktion hergestellt.[13] Dabei ist wie üblich π die Kreiszahl. Die Gammafunktion stellt eine Fortsetzung der Fakultätsfunktion auf komplexe Zahlen dar.

Für den Trilogarithmus Li3 gilt die Identität

Li3(2−Φ)=45ζ(3)+π215log⁡(2−Φ)−112log⁡(2−Φ)3.

Dabei bezeichnet ζ(3) den Wert der Riemannschen Zeta-Funktion an der Stelle 3, der auch unter Apéry-Konstante bekannt ist.[14]

  1. ↑ Frazer Jarvis: Algebraic Number Theory. Springer, S. 131.
  2. ↑ Jürgen Neukirch: Algebraische Zahlentheorie. Springer, 1992, S. 16.
  3. ↑ a b c Steven R. Finch: Mathematical Constants (= Encyclopedia of Mathematics and its Applications, 1.2 The Golden Mean, φ, Band 94). Cambridge University Press, 2003, S. 7.
  4. ↑ Steven R. Finch: Mathematical Constants (= Encyclopedia of Mathematics and its Applications, Well-Known Constants, Band 94). Cambridge University Press, 2003, S. 8.
  5. ↑ Alfred Posamentier, Ingmar Lehmann: The Glorious Golden Ratio. Prometheus Books, S. 75.
  6. ↑ Steven R. Finch: Mathematical Constants (= Encyclopedia of Mathematics and its Applications, 1.4.1 Infinite Series, Band 94). Cambridge University Press, 2003, S. 20.
  7. ↑ Steven R. Finch: Mathematical Constants (= Encyclopedia of Mathematics and its Applications, 1.2 The Golden Mean, φ, Band 94). Cambridge University Press, 2003, S. 7–8.
  8. ↑ Bruce Berndt: Ramanujan’s Notebook Part III. Springer, S. 83–84.
  9. ↑ Steven R. Finch: Mathematical Constants, 1.8 Khintchine–Lévy Constants (= Encyclopedia of Mathematics and its Applications. Band 94). Cambridge University Press, 2003, S. 59–62.
  10. ↑ Steven R. Finch: Mathematical Constants (= Encyclopedia of Mathematics and its Applications, Well-Known Constants, Band 94). Cambridge University Press, 2003, S. 62.
  11. ↑ Steven R. Finch: Mathematical Constants (= Encyclopedia of Mathematics and its Applications, 2.16.3 Alternating Bit Sets, Band 94). Cambridge University Press, 2003, S. 148.
  12. ↑ Steven R. Finch: Mathematical Constants (= Encyclopedia of Mathematics and its Applications, 2.16 Stolarsky–Harborth Constant, Band 94). Cambridge University Press, 2003, S. 149.
  13. ↑ Steven R. Finch: Mathematical Constants (= Encyclopedia of Mathematics and its Applications, 1.5.4 Gamma Function, Band 94). Cambridge University Press, 2003, S. 33.
  14. ↑ Steven R. Finch: Mathematical Constants (= Encyclopedia of Mathematics and its Applications, Well-Known Constants, Band 94). Cambridge University Press, 2003, S. 44.