Gorgias 4 (Platon)
SOKRATES: Und vor einem großen Haufen Volks werden diese Reden gesprochen?
KALLIKLES: Freilich.
SOKRATES: Also ist die Dichtkunst auch eine Volksrednerei.
KALLIKLES: So scheint es.
SOKRATES: Und nicht wahr, so wie Redekunst [D] ist sie Volksrednerei. Oder scheinen dir nicht die Dichter auf der Schaubühne Redekunst zu treiben?
KALLIKLES: Wohl freilich.
SOKRATES: Jetzt also haben wir eine Redekunst gefunden an ein solches Volk, aus Kindern zugleich und Weibern und Männern, aus Knechten und Freien, mit welcher wir nicht sehr zufrieden sind, denn wir sagen, sie sei eine Schmeichelei.
KALLIKLES: Freilich.
SOKRATES: Wie aber die vor dem Volk der Athener? [E] Oder überhaupt in Städten vor andern Versammlungen freier Männer? Was ist uns doch diese? Scheinen dir etwa die Redner immer in Beziehung auf das Beste zu sprechen, dieses im Auge habend, dass die Bürger möglichst gebessert werden durch ihre Reden? Oder gehen auch diese nur darauf aus, sich den Bürgern gefällig zu machen, und behandeln ihres eigenen Vorteils wegen, den gemeinsamen
vernachlässigend, das versammelte Volk wie Kinder, indem sie ihm nur Vergnügen zu machen suchen, [503 St.1 A] ob es aber besser oder schlechter werden wird dadurch, sich nicht kümmern?
KALLIKLES: Das ist nicht mehr so im Allgemeinen zu beantworten, denn es gibt, die was sie sagen aus wahrer Vorsorge für die Bürger sagen, es gibt aber auch solche, wie du sagt.
SOKRATES: Das genügt mir. Denn wie sich dieses auch stellt, so ist doch der eine Teil Schmeichelei, und schlechte Volksrednerei, der andere aber wäre etwas Schönes, Besserung zu bewirken für die Seelen der Bürger, und immer durchzusetzen, dass man nur das Beste rede, mag es angenehmer sein oder unangenehmer [B] für die Hörer. Aber niemals gewiss hast du diese Redekunst gesehen, oder wenn du einen solchen angeben kannst unter den Rednern, warum hast du ihn mir nicht auch genannt, welcher es sei?
KALLIKLES: Ja, beim Zeus, ich weiß dir keinen zu nennen, wenigstens unter den jetzigen Rednern.
SOKRATES: Wie? Etwa unter den Alten weißt du einen zu nennen, durch welchen besser geworden zu sein man den Athenern nachsagen kann, seit er seine rednerische Tätigkeit angefangen, da sie vorher schlechter waren? [C] Denn ich weiß nicht, wer dieser ist.
KALLIKLES: Wie? Hast du nicht gehört, was für ein vortrefflicher Mann Themistokles gewesen, und Kimon und Miltiades, und dieser Perikles, der erst neuerdings gestorben ist, und den du noch selbst gehört hast?
SOKRATES: Ja, Kallikles, wenn nämlich die, welche du vorher meintest, die rechte Tugend ist, Begierden zu befriedigen, seine eignen und anderer, wenn aber nicht dies, sondern was wir in dem späteren Teil des Gesprächs genötigt wurden anzunehmen, nämlich welche Begierden, wenn sie befriediget werden, den Menschen besser machen, [D] diese zu erfüllen, welche aber schlechter, die nicht, und dass es hierzu einer Kunst bedürfe, kannst du dann wohl sagen, dass irgend einer von diesen Männern ein solcher gewesen sei?
KALLIKLES: Ich weiß nicht mehr, was ich sagen soll.
SOKRATES: Wenn du es nur aufrichtig untersuchst, wirst du es schon finden. Lasse uns aber so ganz gemach betrachtend zusehen, ob einer von diesen ein solcher gewesen ist. Nicht wahr, der rechtschaffene Mann, der um des Besten willen sagt was er sagt, der wird doch [E] nicht in den Tag hinein reden, sondern etwas bestimmtes vor Augen habend, so wie auch alle andere Künstler jeder sein eigentümliches Werk im Auge habend nicht auf Geratewohl zugreifend jedesmal etwas neues an ihr Werk anlegen, sondern damit jedem das, was er ausarbeitet, eine gewisse bestimmte Gestalt bekomme. Wie wenn du die Maler ansehen willst, die Baumeister, die Schiffbauer, alle andere Arbeiter welche du willst, so bringt jeder jedes, was er hinzubringt, an eine bestimmte Stelle, und zwingt jedes, sich zu dem Andern zu fügen, [504 St.1 A] und ihm angemessen zu sein, bis er das ganze Werk wohlgeordnet und ausgestattet mit Schönheit dargestellt hat. So diese Künstler, und so auch jene andern, von denen wir eben sprachen, die es mit dem Leibe zu tun haben, die Arzte und die Turnmeister, bringen doch so den Leib zu Ordnung und Anstand. Nehmen wir an, dass es sich so verhalte oder nicht?
KALLIKLES: Das mag immer so sein.
SOKRATES: Ein Hauswesen also, in welchem Ordnung und Anstand anzutreffen ist, das wäre ein gutes und angemessenes, in welchem aber Unordnung, das ein schlechtes?
KALLIKLES: Das gebe ich zu.
SOKRATES: Eben so auch ein Schiff?
KALLIKLES: Ja.
SOKRATES: Und dasselbe sagen wir auch von unserem Leibe?
[B] KALLIKLES: Freilich.
SOKRATES: Wie aber die Seele? Wird die vollkommen sein, wenn Unordnung in ihr anzutreffen ist, oder auch sie, wenn Ordnung und Anstand?
KALLIKLES: Notwendig ergibt sich aus dem vorigen auch dieses.
SOKRATES: Wie nennt man nun, was für den Leib aus Ordnung und Anstand sich bildet? KALLIKLES: Du meinst wohl Gesundheit und Stärke?
SOKRATES: Die meine ich. Wie aber nun, bezeichnen wir den Seelenzustand, der sich aus Ordnung und Anstand ergibt? Versuche doch auch dafür wie für jedes einen Namen zu finden und auszusprechen.
KALLIKLES: Warum sagst du es nicht selbst, [C] Sokrates?
SOKRATES: Wenn es dir lieber ist, will ich es wohl sagen. Aber nur wenn du glaubst, dass ich es richtig sage, stimme mir bei, wenn aber nicht, so widerlege mich, und sieh mir ja nichts nach. Ich meine also, die Ordnungen für den Leib heißen Gesundheitsregeln, wodurch in ihm Gesundheit entsteht, und jede andere Tugend des Leibes. Ist das so oder nicht?
KALLIKLES: Es ist so.
SOKRATES: Die Ordnungen aber und Gestaltungsmaßregeln für die Seele sind Recht und Gesetz, vermittelst deren sie rechtlich werden und anständig, und das ist eben Gerechtigkeit und Beherrschtheit. Bejahst du es [D] oder nicht?
KALLIKLES: Es sei so.
SOKRATES: Mit Hinsicht hierauf also wird jener Redner, der rechtschaffene und kunstmäßige, sowohl alle seine Reden, die er vor die Seelen bringt, einrichten, als auch seine Handlungen, und bei den Gaben, die er zu verteilen hat, nicht minder als bei den Lasten, darauf immer den Sinn gerichtet, wie Gerechtigkeit in die Seele seiner Mitbürger kommen möge, Ungerechtigkeit aber hinweggeschafft werden, und Besonnenheit hineinkommen, Zügellosigkeit aber hinweggeschafft werde, und so jede andre Tugend hineinkommen, die Untugend aber vertreiben. Räumst du dies ein oder nicht?
KALLIKLES: Ich räume es ein.
SOKRATES: Denn was würde [E] es auch helfen, einem kranken zerrütteten Leibe viele und noch so angenehme Speisen zu reichen, und Getränke oder irgendetwas, was ihm bisweilen um nichts mehr dient, oder im Gegenteil recht gesprochen, wohl noch weniger. Ist das so oder nicht?
[505 St.1 A] KALLIKLES: Es sei.
SOKRATES: Denn ich denke, es lohnt dem Menschen nicht, in einem jämmerlichen Zustande des Leibes fortzuleben, weil er ja so auch notwendig ein jämmerliches Leben führt. Oder ist es nicht so?
KALLIKLES: Ja.
SOKRATES: Und nicht wahr, seine Begierden befriedigen, wie wenn er hungert essen so viel er will, und wenn ihn durstet trinken, das gestatten die Ärzte dem Gesunden wohl meistenteils, den Kranken aber lassen sie gerade niemals sich daran sättigen, wonach ihn gelüstet. Dies gibst du doch auch wohl zu?
KALLIKLES: Ja doch.
SOKRATES: Und mit der Seele, Bester, ist es nicht eben so? [B] So lange sie noch schlecht ist, weil unvernünftig, unbändig, ungerecht und unfromm, muss man sie zurückhalten in ihren Begierden, und ihr nicht gestatten, irgend anderes zu tun als wodurch sie besser werden kann? Bejahst du oder nicht?
KALLIKLES: Ich bejahe.
SOKRATES: Denn so ist es ihr selbst wohl besser, der Seele.
KALLIKLES: Ja doch.
SOKRATES: Und zurückhalten von dem, was sie begehrt, das heißt doch bändigen und in Zucht halten?
KALLIKLES: Ja.
SOKRATES: In Zucht gehalten werden, das ist also für die Seele besser [C] als die Unbändigkeit, wie du doch vorher meintest.
KALLIKLES: Ich weiß nicht was du vorbringst, Sokrates! Frage lieber einen andern.
SOKRATES: Dieser Mann will sich nicht gefallen lassen, gefördert zu werden durch eben dieses, wovon die Rede ist, dass man ihn nämlich in Zucht halte.
KALLIKLES: Auch kümmert mich gar nichts von allem was du sagst, und ich habe dir auch bis jetzt nur des Gorgias wegen geantwortet.
SOKRATES: Wohl! Was wollen wir also machen? Die Untersuchung mitten drin abbrechen? KALLIKLES: Das magst du selbst wissen.
[D] SOKRATES: Sagen sie doch, es sei nicht recht, auch nur ein Märchen in der Mitte stecken zu lassen, sondern man solle ihm einen Kopf aufsetzen, damit es nicht ohne Kopf umhergehe. So beantworte doch noch das übrige, damit auch unser Gespräch seinen Kopf bekomme.
KALLIKLES: Wie zudringlich du bist, Sokrates! Wenn du indes mir folgen wolltest, ließest du diese Rede fallen, oder sprächst mit einem andern.
SOKRATES: Wer will wohl von den Andern? Dass wir doch die Rede nicht lassen unvollendet.
KALLIKLES: Kannst du sie denn nicht allein zu Ende bringen, sei es nun, dass du [E] zusammenhängend fortsprächest, oder dass du dir selbst antwortetest?
SOKRATES: Dass mir noch das Epicharmische widerführe "was vorhin zwei Männer sprachen, dazu soll ich allein genug sein?" Indes, ich mag wohl an dieser Lage nichts mehr ändern. Wollen wir es jedoch so machen, so denke ich, wir müssen auch alle aus allen Kräften uns bemühen zu erfahren, was wahr ist in der Sache, wovon wir sprechen, und was falsch, denn es ist für Alle insgesamt gut, dass dies ans Licht komme. Ich also will es durchgehen, wie ich glaube, dass es sich verhält. [506 St.1 A] Wenn aber einer von euch denkt, ich stimmte mir selbst bei, wo ich nicht sollte, so müsst ihr dazwischentreten und widerlegen. Denn nicht als wüsste ich es, sage ich was ich sage, sondern ich suche es gemeinschaftlich mit euch, so dass, wenn mir derjenige etwas zu sagen scheint, der mir widerstreitet, ich es zuerst einräumen werde. Ich sage jedoch dies nur, falls euch gut dünkt, dass die Rede zu Ende gebracht werde, wollt ihr aber das nicht, so lassen wir sie, und gehen auseinander.
GORGIAS: Ich meines Teils [B] denke nicht, dass wir schon auseinander gehen sollten, sondern dass du die Rede durchführst, und ich sehe wohl, dass die andern eben dies wünschen. Denn auch ich möchte gar gern hören, wie du das übrige allein durchnimmst.
SOKRATES: Freilich, Gorgias, hätte ich gern noch mit unserm Kallikles weiter gesprochen, bis ich ihm könnte die Rede des Amphion wieder gegeben haben für die des Zethos. Da aber du, o Kallikles, die Rede nicht willst mit mir zu Ende führen, so merke wenigstens auf und weise mich zurecht, wenn du meinst, dass ich etwas unrichtiges sage. [C] Und wenn du mich überführst, werde ich dir nicht zürnen, wie du mir, sondern als mein größter Wohltäter wirst du bei mir angeschrieben stehen.
KALLIKLES: So sprich nur selbst, Guter, und mache ein Ende.
SOKRATES: Höre denn, wie ich von Anfang an alles wieder aufnehme. - Ist wohl das Angenehme und das Gute einerlei? - Nicht einerlei, wie ich und Kallikles übereingekommen sind. - Muss nun das Angenehme um des Guten willen getan werden, oder das Gute um des Angenehmen? - Das Angenehme um des Guten. - Angenehm aber ist das, durch dessen Anwesenheit wir [D] ergötzt werden, gut hingegen, durch dessen Anwesenheit wir gut sind? - Gewiss. - Gut aber sind wir, und alles Andere was gut ist, durch irgendeiner Tugend Anwesenheit? - Dies dünkt mich wenigstens notwendig, Kallikles. - Die Tugend eines jeglichen Dinges aber, eines Gerätes wie eines Leibes und so auch einer Seele und jegliches Lebenden, findet sich nicht so von ungefähr aufs schönste herzu, sondern durch Ordnung, richtiges Verhalten, und durch die Kunst, welche eben einem jeden angewiesen ist. Ist dies wohl so? - Ich wenigstens bejahe es. - Durch Ordnung also wird die Tugend eines jeden [E] festgesetzt und in Stand gebracht? - Ich würde es bejahen. - Eine gewisse eigentümliche Ordnung also, die sich in einem jeden bildet, macht jeden und jedes gut? - So dünkt mich. - Auch die Seele also, die ihre eigentümliche Ordnung und Sitte hat, ist besser als die ungeordnete? - Notwendig. - Die aber Ordnung und Sitte hat, das ist die sittliche? - Wie anders? -
Und die sittliche ist die besonnene? [507 St.1 A] - Notwendig. - Die besonnene Seele also ist die gute? - Ich wenigstens weiß nichts anders zu sagen als dies, lieber Kallikles, weißt du aber etwas, so lehre es mich.
KALLIKLES: Sprich nur weiter, du Guter.
SOKRATES: Weiter also sage ich, wenn die besonnene die gute ist, so ist die von der entgegengesetzten Beschaffenheit die böse, diese war aber die unbesonnene und zügellose? - Freilich. - Der Besonnene aber tut überall was sich [B] gebührt gegen Götter und Menschen, denn er wäre ja nicht besonnen, wenn er das Ungebührliche täte? - Das ist notwendig so. - Tut er nun was sich gebührt gegen Menschen, so tut er das Gerechte, und wenn dasselbe gegen die Götter, dann das Fromme, und wer gerecht und fromm handelt, der ist notwendig auch gerecht und fromm? - So ist es. - Ja auch tapfer wohl notwendig, [C] denn dem Besonnenen ist es nicht eigen, zu suchen oder zu fliehen was sich nicht gebührt, sondern diejenigen Ereignisse und Menschen, Lust und Unlust zu fliehen und zu suchen, welche er soll, und standhaft auszuharren, wo er soll. So dass notwendig, o Kallikles, der besonnene Mann, da er, wie wir gezeigt haben, auch gerecht und tapfer und fromm ist, auch der vollkommen gute Mann sein wird, der Gute aber wird schön und wohl in Allem leben, wie er lebt, wer aber wohl lebt, wird auch zufrieden und glückselig sein, der Böse hingegen und der schlecht lebt, elend. Und dies wäre der, welcher dem Besonnenen entgegengesetzt sich verhält, der Zügellose, welchen du lobtest. [D] So setze ich wenigstens dieses, und behaupte, dass es so wahr ist. Ist dies aber wahr, so muss, wie es scheint, wer glückselig sein will die Besonnenheit suchen und üben, die Zügellosigkeit aber fliehen, jeder so weit und schnell er kann und so dieses vor allen Dingen zu erlangen suchen, dass er keiner Züchtigung bedürfe, bedürfte er ihrer aber entweder selbst oder einer von seinen Angehörigen, sei es ein Einzelner oder der Staat, dann Strafe auflegen und züchtigen, wenn er glückselig sein will. Dies dünkt mich das Ziel zu sein, auf welches man hinsehen muss bei Führung des Lebens, und alles in eignen und gemeinschaftlichen Angelegenheiten darauf hinlenkend so verrichten, dass immer Gerechtigkeit und Besonnenheit dem gegenwärtig bleibe, der glückselig werden will, [E] nicht aber so, dass man die Begierden zügellos werden lasse, und im Bestreben sie zu befriedigen, ein überschwängliches Übel, das Leben eines Räubers lebe. Denn weder mit einem andern Menschen kann ein solcher befreundet sein noch mit Gott, denn er kann in keiner Gemeinschaft stehen, wo aber keine Gemeinschaft ist, da kann auch keine Freundschaft sein. Die Weisen aber behaupten, o Kallikles, dass auch Himmel und Erde, Götter und Menschen nur durch Gemeinschaft [508 St.1 A] bestehen bleiben und durch Freundschaft und Schicklichkeit und Besonnenheit und Gerechtigkeit, und betrachten deshalb, o Freund, die Welt als Ein Ganzes und Geordnetes, nicht als Verwirrung und Zügellosigkeit. Du aber, wie mich dünkt, merkst hierauf nicht, wiewohl du so weise bist, sondern es ist dir entgangen, dass die ausgewogene Gleichheit so viel vermag unter Göttern und Menschen, du aber glaubst, alles komme an auf das Mehr haben, weil du eben das Maß vernachlässigst. [B] Wohl! Entweder nun muss uns dieser Satz widerlegt werden, dass nicht durch Gerechtigkeit und Besonnenheit die Glückseligen glückselig sind, und durch Schlechtigkeit die Elenden elend, oder wenn er wahr bleibt, muss man sehen was folgt. Nämlich jenem vorigen, o Kallikles, folgt alles, wovon du mich fragtest, ob ich es im Ernst meinte, als ich sagte, dass man, wer nur etwas Unrechtes getan, den anklagen müsse, sich selbst, seinen Sohn, seinen Freund, und dazu die Redekunst gebrauchen. Und was Polos dir schien [C] nur aus Scham zugegeben zu haben, das war also wahr, dass nämlich das Unrechttun um wieviel schändlicher, um so viel auch übler wäre als das Unrechtleiden, und dass wer ein rechter Redner werden wolle, notwendig gerecht und des Rechts kundig sein müsse, was wiederum Gorgias nach Polos Rede nur aus Scham soll eingeräumt haben.
Verhält sich nun dieses so, so lass uns sehn, wie es wohl mit dem steht, was du mir vorwirfst, ob es wohl recht gesagt ist oder nicht, dass ich nicht im Stande bin, mir selbst noch irgend einem meiner Freunde und Angehörigen zu helfen oder sie aus den [D] größten Gefahren zu erretten, sondern dass ich in eines jeden Gewalt bin, wie die Ehrlosen, der nur Lust hat, und wenn er mich auch, was ja das große Wort in deiner Rede war, ins Angesicht schlagen wollte oder des Vermögens berauben, oder aus der Stadt vertreiben,
oder endlich gar töten, und sich in solchem Zustande zu befinden doch das schändlichste ist nach deiner Meinung. Meine Meinung dagegen, welche schon oft gesagt worden ist, [E] mag sie aber doch immer noch einmal gesagt werden, ist, ich leugne, Kallikles, dass ungerechter Weise ins Angesicht geschlagen zu werden das schändlichste ist, ebenso auch nicht, wenn man mir schnitte, sei es den Leib oder den Beutel, sondern eben das Schlagen selbst, mich und das meinige, ungerechter Weise, und das Schneiden ist sowohl schändlicher als übler. Und stehlen dazu und Entführung zur Knechtschaft und gewaltsamer Einbruch, und überhaupt jedes andere Unrecht gegen mich und das meinige, ist für den der es begeht beides übler und schändlicher, als für mich, an dem es begangen wird. Dieses, was sich uns auch schon dort in den früheren Reden so gezeigt hatte, wie ich sage, bleibt fest und wohl verwahrt, sollte das auch zu derb klingen, [509 St.1 A] mit kristallklaren Gründen, wie es ja noch scheint, welche du oder ein noch mutigerer entweder lösen muss, oder es wird nicht möglich sein, anders als ich getan und doch richtig über die Sache zu reden. Denn ich bleibe immer bei derselben Rede, dass ich zwar nicht weiß, wie sich dies verhält, dass aber von denen, die ich angetroffen, wie auch jetzt, keiner imstande gewesen ist, etwas anderes zu behaupten, ohne [B] dadurch lächerlich zu werden. Daher sage ich wiederum, dass es sich so verhält. Und wenn es sich so verhält, und das größte unter allen Übeln die Ungerechtigkeit selbst ist für den der Unrecht tut, und noch ein größeres, wo möglich als dieses größte, die Ungestraftheit des Unrechttuns ist. Welche Hilfe müsste dann ein Mensch sich selbst zu leisten unfähig sein, um dadurch in Wahrheit zum Gespött zu werden? Nicht diejenige, welche gerade den größten Schaden von uns abwendet? Ganz notwendig doch muss es das schmählichste sein, gerade diese Hilfe sich selbst und seinen Freunden und [C] Angehörigen nicht leisten zu können, nächst dem aber die gegen das zweite Übel, und drittens die gegen das dritte, und so fort nach der eigentümlichen Größe eines jeden Übels ist es auch schön, gegen jeden Hilfe leisten zu können, und schmählich, es nicht zu können. Verhält es sich anders, oder so, Kallikles?
KALLIKLES: Nicht anders.
SOKRATES: Unter den beiden nun, dem Unrechttun und Unrechtleiden ist das größere Übel, sagen wir, das Unrechttun, das kleinere das Unrechtleiden. Was müsste sich nun jemand wohl verschaffen, [D] um diese beiden Vorteile zu genießen, den nicht Unrecht zu tun, und den nicht Unrecht zu leiden? Das Vermögen oder den Willen? Ich meine nämlich so: Wenn einer nicht will Unrecht leiden, wird er schon deshalb wirklich nicht Unrecht leiden? Oder wird er nur dann, wenn er sich ein Vermögen erworben hat, nicht Unrecht zu leiden, auch wirklich nicht Unrecht leiden?
KALLIKLES: Das ist ja wohl offenbar, [E] wenn ein Vermögen.
SOKRATES: Und wie ist es mit dem Unrechttun? Ist es etwa hinreichend, wenn einer nur nicht Unrecht tun will, so dass er dann auch nicht Unrecht tun wird, oder muss auch hierzu ein Vermögen und eine Kunst erworben werden, weil wenn einer diese nicht lernt und übt, er doch Unrecht tun wird? Warum beantwortest du mir nicht dieses wenigstens, Kallikles? Glaubst du, dass ich und Polos durch eine wahre Notwendigkeit dahin gebracht worden sind oder nicht in unserem vorigen Gespräch dies einzugestehen was wir eingestanden, niemand täte mit Willen Unrecht, sondern alle Unrechttuenden täten Unrecht wider Willen?
KALLIKLES: Auch das mag so sein, Sokrates, damit [510 St.1 A] du deine Rede zu Ende bringst. SOKRATES: Auch hierzu also, wie es scheint, muss ein Vermögen und eine Kunst erworben
werden, um nicht Unrecht zu tun? KALLIKLES: Gewiss.
SOKRATES: Welches ist nun die Kunst, durch welche man erreicht, dass man gar nicht oder so wenig als möglich Unrecht leidet? Sieh zu, ob du ebenso denkst wie ich. Ich denke nämlich so. Entweder muss man selbst im Staate herrschen, sei es gesetzmäßig oder gewalttätig, oder man muss der bestehenden Gewalt freund sein.
KALLIKLES: [B] Siehst du, Sokrates, wie bereit ich bin, dich zu loben, wenn du etwas Richtiges vorbringst? Dies scheinst du mir sehr richtig gesagt zu haben.
SOKRATES: Erwäge dann auch dies, ob es dir gut gesagt scheint. Freund nämlich dünkt mich einem Jeden derjenige am meisten zu sein, von dem es schon die Alten und Weisen sagen, der Ähnliche dem Ähnlichen. Meinst du nicht auch?
KALLIKLES: Auch ich.
SOKRATES: Wenn also ein roher und ungebildeter Mann irgendwo eigenmächtig herrscht, wird nicht ein solcher Tyrann, wenn es irgend in diesem Staate einen weit besseren Mann gibt, als er selbst ist, diesen fürchten, und ihm nicht von ganzer Seele freund sein können?
[C] KALLIKLES: So ist es.
SOKRATES: Eben so wenig aber auch, wenn Einer weit schlechter wäre, dem auch nicht. Denn einen solchen würde der Tyrann verachten, und ihm nicht solche Aufmerksamkeit wie einem Freunde beweisen können.
KALLIKLES: Auch das ist wahr.
SOKRATES: Es bleibt also nur der übrig als der rechte Freund für einen solchen, der ihm gleichgesinnt wäre, dasselbe lobend und tadelnd, und sich dennoch beherrschen lassen und dem Gewalthabenden unterworfen sein wollte. Dieser wird dann viel in solchem Staate vermögen, und niemand wird ihn ungestraft beleidigen. Steht es nicht so?
KALLIKLES: Ja.
SOKRATES: [D] Wollte also in dieser Stadt einer von den jüngeren Leuten überlegen, auf welche Weise könnte ich wohl zu großer Macht gelangen, dass mich niemand beleidigte, so wäre dies, wie es scheint, der Weg für ihn, dass er sich gleich von Jugend an gewöhnte, dasselbe zu lieben und zu hassen, wie sein Herr, und es darauf anlegte, diesem so ähnlich zu werden als möglich. Nicht so?
KALLIKLES: Ja.
SOKRATES: Also diesem wird das bewirkt sein in der Stadt, dass er [E] nicht beleidigt werde, und, wie ihr sprecht, viel vermöge?
KALLIKLES: Allerdings.
SOKRATES: Aber etwa auch dies, dass er selbst nicht unrecht tue? Oder weit gefehlt, wenn er ja einem unrechten Gewalthaber ähnlich sein soll und bei diesem viel vermögen? Sondern, denke ich, im Gegenteil wird ja seine ganze Vorrichtung darauf gehen, dass er im Stande sei, möglichst viel Unrecht zu tun, und doch nicht bestraft zu werden. Nicht wahr?
KALLIKLES: Offenbar.
[511 St.1 A] SOKRATES: Also das größte Übel wird er doch bei sich wagen, dass er sich nämlich um dieser Nachahmung seines Herrn und dieser Gewalt willen seine Seele zerrüttet und verstümmelt hat?
KALLIKLES: Ich weiß nicht, wie du jedesmal deine Reden windest und drehst, Sokrates, immer wieder das unterste nach oben. Oder weißt du nicht, dass dieser Nachahmer jenen nicht Nachahmenden töten, und ihm alles nehmen wird, was er hat?
SOKRATES: Das weiß ich, mein guter Kallikles, wenn ich etwa nicht taub bin, da ich es ja [B] von dir und Polos nur eben mehr als einmal gehört habe, und auch sonst von fast Allen in der Stadt. Aber höre du mich auch, er wird ihn freilich töten wenn er will, aber er wird dies tun wie ein böser an einem guten und rechtschaffenen.
KALLIKLES: Ist das nun nicht eben das empörendste?
SOKRATES: Nicht für den Vernünftigen, wie unsere Rede andeutet. Oder soll der Mensch nur dafür sorgen, dass er die längstmögliche Zeit lebe, und sich nur der Künste befleißigen, die uns immer aus den Gefahren [C] erretten, wie auch der Redekunst, deren ich nach deinem Rate mich befleißigen soll, weil sie uns aushelfen kann vor Gericht?
KALLIKLES: Und gewiss, beim Zeus, sehr gut riet ich dir.
SOKRATES: Wie doch, Bester? Hältst du auch die Kunst zu schwimmen für etwas sehr großes und vortreffliches?
KALLIKLES: Wahrlich, ich nicht.
SOKRATES: Aber doch rettet auch sie die Menschen vom Tode, wenn sie in solche Umstände geraten sind, wobei es dieser Kunst bedarf. Dünkt dich nun diese doch geringfügig, so will ich dir eine [D] größere als sie nennen, die Kunst der Schifffahrt, welche nicht nur das Leben, sondern auch Leib und Vermögen zugleich aus den äußersten Gefahren rettet, eben wie die Redekunst. Und diese hält sich doch sehr zurückgezogen und sittsam, und macht gar nicht große Ansprüche in ihrem ganzen Betragen, als ob sie etwas außerordentliches leistete. Sondern hat sie etwas dasselbe geleistet, wie die gerichtliche Verteidigung, so will sie doch, wenn sie einem aus Ägina glücklich hierher geholfen hat, glaube ich, zwei Obolen verdient haben, wenn aber aus Ägypten oder dem Pontos, [E] wird sie für diese große Wohltat, nachdem sie einen mit Weib und Kind und Habe erhalten und in den Hafen gebracht hat, aufs Höchste zwei Drachmen fordern, und er selbst, der diese Kunst besitzt und dies geleistet hat, steigt aus und geht am Ufer auf und ab neben seinem Schiffe gar bescheidenen Ansehens. Er weiß nämlich, so denke ich, dass er nicht wissen kann, welchen der Mitreisenden er wirklich Nutzen gestiftet hat, indem er sie nicht ertrinken ließ, und welchen vielleicht Schaden, da er ja weiß, dass er sie um nichts besser ausgesetzt hat als sie eingestiegen waren, weder dem Leibe noch der Seele nach. [512 St.1 A] Er sagt sich also, dass doch unmöglich, wenn ein mit großen und unheilbaren Leibesübeln Bestrafter nicht ertrank, ein solcher zwar elend daran ist, dass er den Tod nicht gefunden hat, und diesem also gar kein Vorteil geschafft ist durch ihn, wer aber mit großen und unheilbaren Übeln an der Seele, die so viel mehr als der Leib wert ist, behaftet ist, dem gut sein könne, fort zu leben, und er ihm einen Nutzen verschafft habe, wenn er ihn, gleichviel ob aus der See oder vor Gericht oder wo nur sonst irgend her errettet habe, sondern er weiß, dass es für einen solchen [B] elenden Menschen gar nicht besser ist zu leben, weil er eben schlecht leben muss.
Darum ist es auch nicht hergebracht, dass der Schiffer groß tut, ob er uns gleich beim Leben erhält. Und eben so wenig ja der Kriegsbaumeister, du Wunderlicher, der die Befestigungen besorgt, wiewohl er bisweilen kein geringerer Helfer ist, als sogar als der Heerführer, geschweige denn als der Schiffer, und als sonst irgend einer, denn er rettet ja wohl bisweilen ganze Städte. Meinst du nicht, der könnte sich ja wohl mit dem Anwalt am Gericht gleich stellen? Und freilich, Kallikles, wenn er reden wollte wie ihr, [C] und die Sache herausstreichen, er würde euch überwältigen mit seinen Reden und Ermahnungen, dass ihr solltet Kriegsbaumeister werden, und dass alles andere nichts wäre. Zu sagen hätte er genug. Aber du achtest ihn dennoch gering samt seiner Kunst, ja ordentlich zum Schimpf könntest du ihn den Maschinenzimmerer nennen, und würdest weder seinem Sohn deine Tochter zur Ehe geben, noch die seinige für deinen nehmen wollen. Und doch nach dem, weshalb du dein [D] Geschäft lobst, mit welchem Rechte kannst du ihn und die übrigen, die ich erwähnt, gering achten? Ich weiß du wirst sagen, du wärest ein Besserer, und von Besseren her. Allein wenn das Bessere nicht das sein soll, was ich darunter verstehe, sondern eben dies die Tugend ist, nur sich selbst und das seinige zu erhalten, wie einer auch sonst sein möge, so wird deine Verachtung lächerlich, gegen den Kriegsbaumeister und den Arzt und alle die andern Künste, welche der Erhaltung wegen ersonnen sind. Also, [E] Bester, sieh zu, ob nicht das Edle und Gute etwas ganz anderes ist, als das Erhalten und Erhaltenwerden, und ob nicht ein Mensch, der es wahrhaft ist, eben dieses, nur zu leben so lange es irgend geht, muss dahingestellt sein lassen, und keineswegs am Leben hängen, sondern dieses Gott überlassend, und mit den Weibern glaubend, dass doch keiner seinem Schicksal entgeht, nur auf das nächste sehen, auf welche Weise er während der Zeit, die er nun zu leben hat, am besten leben möge, ob er sich wirklich soll der Regierung ähnlich machen, [513 St.1 A] unter welcher er wohnt, und jetzt also auch du dem Volke der Athener sollst ähnlich zu werden suchen so sehr als möglich, wenn du bei ihm willst beliebt sein, und viel vermögen in der Stadt. Dies siehe zu, ob es dir wirklich nutzt und mir, damit es uns nicht gehe wie man von den Thessalerinnen sagt, welche den Mond herunter holen, und auch wir mit dem liebsten was wir haben uns dieses erwerben, viel zu vermögen im Staate. Glaubst du aber, irgend ein Mensch könne dir eine solche Kunst mitteilen, welche dich viel vermögend machen kann in dieser Stadt, [B] wenn du auch ihrer Verfassung unähnlich bist, gleichviel ob besser oder schlechter, so beratest du dich schlecht, o Kallikles, wie mich dünkt. Denn nicht einmal nur sein Nachahmer musst du sein, sondern schon
von Natur ihm ähnlich, wenn du etwas ordentliches erlangen willst in der Freundschaft des Athenischen Volks, und so auch wahrlich in der des Pyrilampes. [C] Wer dich also diesem recht ähnlich macht, der macht dich, wie du ein Staatsmann zu sein wünschest, zu einem solchen Staatsmann und Redner. Denn was nach seinem eignen Sinn gesprochen wird, daran freut sich ein jeder, was aber aus einem fremden, das ist ihm zuwider, wenn du nicht etwa anders meinst, edelster Freund. Haben wir etwas hiergegen zu sagen, Kallikles?
KALLIKLES: Ich weiß nicht, wie mir wirklich gut vorkommt, was du sagst, Sokrates, es geht mir aber doch wie den meisten, ich glaube dir nicht sonderlich.
SOKRATES: [D] Jene zweifache Liebe eben, die du in der Seele hast, o Kallikles, zum Volk und zum Jüngling steht mir entgegen, aber vielleicht wenn wir öfter und besser dasselbe erwägen wirst du überzeugt werden. Erinnere dich also, dass wir sagten, es gäbe eine zweifache Vorrichtung um jedes den Leib und die Seele zu behandeln, davon die eine nur um der Lust willen sich damit abgebe, die andere mit Hinsicht auf das Beste nicht sich gefällig mache, sondern [E] durchsetze. War das nicht, was wir voneinander unterschieden?
KALLIKLES: Allerdings.
SOKRATES: Und die eine, die es nur mit der Lust zu tun hat, war unedel und nichts anders ihrem Wesen nach als Schmeichelei. Nicht wahr?
KALLIKLES: Es sei so, wenn du denn willst.
SOKRATES: Die andere aber, wenn wir nach Kräften das besser zu machen suchen, was wir behandeln, sei es nun Leib oder Seele?
KALLIKLES: So war es.
SOKRATES: Sollen wir uns also auf diese Weise an die Stadt und die Bürger wagen, dass wir sie behandeln, um sie so viel möglich besser zu machen? Denn ohne dies, wie wir vorher fanden, ist es unnütz irgendeine andere Wohltat zu erweisen, wenn nicht die Gesinnung derer gut [514 St.1 A] und schön ist, welche entweder zu großem Besitz gelangen sollen, oder zur Herrschaft über Andere, oder zu sonst irgendeinem Vermögen. Sagen wir dass es sich so verhält?
KALLIKLES: Ja, wenn es dir lieber ist.
SOKRATES: Wenn wir nun in die öffentlichen Geschäfte eingetreten einander zuredeten, o Kallikles, uns unter den bürgerlichen Angelegenheiten etwa mit dem Bauwesen zu befassen, mit den Mauern, Schiffswerften, oder den wichtigsten Tempel, müssten wir uns dann nicht zuvor untersuchen und prüfen, zuerst ob wir wohl die Sache [B] selbst verstehen oder nicht verstehen, die Baukunst, und von wem wir sie gelernt haben? Müssten wir das oder nicht?
KALLIKLES: Freilich wohl.
SOKRATES: Und zweitens wohl auch dieses, ob wir schon je wenigstens zum häuslichen Gebrauch irgendein Gebäude aufgeführt haben für einen unserer Freunde oder für uns selbst, und ob dieses gut ist oder schlecht. Und wenn sich aus der Untersuchung ergibt, dass wir vortreffliche und berühmte Lehrer gehabt haben, und viele schöne Gebäude mit unserem Lehrern gemeinschaftlich aufgeführt, viele auch selbst allein, seitdem wir uns von den Lehrern [C] getrennt, so ziemte es unter solchen Umständen vernünftigen Menschen, sich auch an die öffentlichen Werke zu wagen. Könnten wir aber keinen Lehrer aufzeigen und auch keine Gebäude oder viele zwar, aber nichts werte, dann wäre es doch gewiss unvernünftig, öffentliche Werke zu unternehmen, und einander dazu zu ermuntern. Wollen wir sagen, dies sei richtig gesprochen oder nicht?
KALLIKLES: Freilich.
SOKRATES: Nicht auch ebenso mit allem übrigen, wenn wir uns zureden wollten, auch die öffentlichen Geschäfte der Ärzte zu übernehmen, als tüchtig in diesem Fach, [D] würden wir uns nicht erst prüfen, ich dich und du mich, - lass doch sehn, bei Gott, den Sokrates selbst wie es doch steht mit seiner Gesundheit? Oder ob wohl schon jemand durch ihn von einer Krankheit ist befreit worden, sei es ein Knecht oder ein Freier, und auf eben die Art würde auch ich dich
prüfen, und fänden wir nicht, dass wir jemals jemanden gesunder gemacht hätten, weder Fremden noch Bürger, weder Mann noch [E] Weib, beim Zeus, Kallikles, wäre es nicht belachenswert, wenn dann Menschen noch so töricht sein könnten, ehe sie nicht erst für sich allein, vieles zwar wie es sich eben traf, vieles aber auch richtig und gut ausgeführt und die Kunst hinlänglich geübt hätten, gleich wie der Töpfer im Sprichwort beim Topf anzufangen, und sowohl sich selbst an die öffentlichen Geschäfte zu wagen, als auch andere eben solche dazu zu ermuntern? Dünkt es dich nicht unvernünftig, so zu handeln?
KALLIKLES: Mich wohl.
SOKRATES: Nun da aber [515 St.1 A] du selbst, bester Mann, erst eben angefangen hast, Staatsgeschäfte zu betreiben, und mich ermahnst und schiltst, dass ich sie nicht betreibe, wollen wir einander nicht prüfen, wohlan, hat Kallikles wohl schon einen Bürger besser gemacht? Ist einer, der zuvor schlecht war, ungerecht etwa, zügellos und unvernünftig, durch den Kallikles gut und rechtlich geworden, ein Fremder oder ein Einheimischer, Knecht oder Freier? Sprich, wenn dich jemand hierauf prüft, Kallikles, was wirst du sagen? Wen wirst du [B] behaupten besser gemacht zu haben durch deinen Umgang? Bedenkst du dich zu antworten, wenn du doch ein solches Werk aufzuzeigen hast aus der Zeit, da du für dich lebtest, ehe du dich ins öffentliche Leben wagtest?
KALLIKLES: Du willst immer Recht behalten, Sokrates.
SOKRATES: Keineswegs aus Rechthaberei, frage ich, sondern in Wahrheit um zu erfahren, wie du denn meinst, dass der Staat bei uns müsse verwaltet werden, ob du wohl auf etwas anderes deine Sorgfalt zu wenden denkst, nun du dich der öffentlichen Angelegenheiten annimmst, als darauf, dass wir Bürger immer besser werden? Oder haben wir nicht schon oft eingestanden, dass dies der Staatsmann bewirken müsse? Haben wir es [C] eingestanden oder nicht? Antworte. Wir haben es eingestanden, will ich für dich antworten. Wenn also dies der tüchtige Mann seiner Stadt muss zu bewirken suchen, so besinne dich und sage mir noch einmal deine Meinung von jenen Männern, die du vorhin anführtest, ob du noch glaubst, dass sie gute Staatsmänner gewesen sind, Perikles und Kimon und Miltiades und Themistokles?
KALLIKLES: Ich glaube es doch.
SOKRATES: Waren sie also gute Staatsmänner, so hat doch offenbar jeder von ihnen die Bürger zu besseren gemacht [D] aus schlechteren. Haben sie das getan oder nicht?
KALLIKLES: Sie haben es getan.
SOKRATES: Also da Perikles anfing vor dem Volke zu reden, waren die Athener schlechter, als da er zum letzten Male redete?
KALLIKLES: Vielleicht.
SOKRATES: Nicht doch vielleicht, Bester, sondern es folgt notwendig aus dem eingestandenen, wenn anders jener ein guter Staatsmann war.
KALLIKLES: Und was weiter?
SOKRATES: Nur dies sage mir noch, ob man wirklich der Meinung ist, die Athener wären durch den Perikles besser geworden, oder [E] umgekehrt, sie wären verderbt worden durch ihn. Denn dazu höre ich, ich wenigstens, immer habe Perikles die Athener zu einem faulen, feigen, geschwätzigen, geldgierigen Volk gemacht, indem er sie zuerst zu Söldlingen erniedrigt hat.
KALLIKLES: Das hörst du von denen, die nur das Schlechte heraus hören, o Sokrates.
SOKRATES: Aber dies doch höre ich nicht nur, sondern wir wissen es beide genau, ich und du, dass Perikles zuerst zwar in gutem Ruf stand, und die Athener keine schimpfliche Klage gegen ihn kannten, als sie noch schlechter waren, nachdem sie aber durch ihn gut und edel geworden, [516 St.1 A] gegen das Ende seines Lebens haben sie auf Unterschleif gegen ihn erkannt, und hätten ihn beinahe am Leben gestraft, offenbar doch als einen gefährlichen Mann.
KALLIKLES: Nun? War etwa deshalb Perikles schlecht?
SOKRATES: Wenigstens ein solcher Aufseher über Esel, Pferde und Rinder würde für schlecht gehalten werden, der sie keineswegs so übernommen, dass sie schlugen, stießen und bissen, sie aber so hätte verwildern lassen, dass sie nun dieses alles tun. Oder dünkt dich nicht jeder solcher ein schlechter Aufseher über jede Art von Tieren, der sie zahmer bekommt, [B] und sie wilder macht als er sie bekommen hat. Dünkt es dich nicht?
KALLIKLES: Ja doch, damit ich dir nur deinen Willen tue.
SOKRATES: So tue mir auch noch den Willen, mir dies zu beantworten, ob der Mensch auch zu den Tieren gehört, oder nicht?
KALLIKLES: Wie sollte er nicht?
SOKRATES: Und Menschen regierte Perikles?
KALLIKLES: Ja.
SOKRATES: Wie also? Sollten sie nicht nach dem eben festgesetzten gerechter unter ihm geworden sein aus Ungerechteren, wenn er sie doch als ein rechter [C] Staatsmann regierte?
KALLIKLES: Freilich.
SOKRATES: Nun aber sind die Gerechten zahm, wie Homer sagt. Was sagst du aber? Nicht eben das?
KALLIKLES: Ja.
SOKRATES: Und doch hat er sie wilder gemacht, als er sie vorgefunden hatte, und zwar gegen ihn selbst, was er doch am wenigsten wollte.
KALLIKLES: Willst du, dass ich dir Recht gebe?
SOKRATES: Wenn dich dünkt, dass ich Recht habe?
KALLIKLES: So sei denn dieses so!
SOKRATES: Wenn also wilder, dann auch ungerechter und schlechter? KALLIKLES: Es sei.
SOKRATES: Also war Perikles kein guter Staatsmann nach dieser Rede. KALLIKLES: Nein, behauptest du freilich.
SOKRATES: Beim Zeus, auch du, [D] nach dem, was du mir zugegeben hast. Weiter auch wegen des Kimon sage mir doch, haben nicht eben die, deren Bestes er besorgte, ihn aus der Stadt verwiesen, um nur Zehn Jahre lang seine Stimme nicht zu hören? Und haben sie nicht dem Themistokles dasselbe getan, und ihn noch obendrein gänzlich verbannt? Den Miltiades aber, den Sieger bei Marathon, hatten sie schon beschlossen in der Grube umkommen zu lassen, und wäre nicht die Anordnung des Prytanen gewesen, so würde er auch [E] hineingekommen sein. Und doch würde diesen, wären sie so vortrefflich gewesen wie du behauptest, dergleichen nicht begegnet sein. Wenigstens einem guten Wagenführer geht es nicht so, dass er anfangs zwar nicht herunterfällt vom Wagen, wenn er aber seine Pferde erst eine Zeitlang behandelt hat, und dadurch auch selbst ein besserer Wagenführer geworden ist, dann herabfällt. Dergleichen kommt nicht vor, weder beim Wagenführen noch bei irgendeinem andern Geschäft. Oder meinst du?
KALLIKLES: Nein freilich.
SOKRATES: So waren also, wie es scheint, unsere vorigen Reden ganz richtig, dass wir keinen wissen, [517 St.1 A] der ein tüchtiger Staatsmann gewesen wäre in dieser Stadt. Du aber räumtest zwar ein, es gebe keinen unter den jetzigen, unter den früheren aber meintest du doch, und hobst eben diese Männer heraus. Von diesen aber hat sich gezeigt, dass sie den jetzigen ganz gleich sind. So dass wenn diese Redner waren, sie weder die wahre Redekunst verstanden haben, denn sonst würden sie nicht durchgefallen sein, noch auch die schmeichlerische.
KALLIKLES: Aber es fehlt doch sehr viel, Sokrates, dass von den jetzigen einer solche Dinge ausrichtete, wie von jenen jeder, welchen du immer willst, ausgerichtet hat.
[B] SOKRATES: O wunderlicher Kallikles, ich tadle ja auch diese Männer nicht, sofern sie Diener des Staates gewesen sind, vielmehr scheinen sie mir weit dienstbeflissener gewesen zu sein als die
jetzigen, und weit geschickter, dem Staate dasjenige zu verschaffen, wonach ihn gelüstete. Aber seine Gelüste umstimmen und ihnen nicht nachsehen, sondern durch Überredung und durch Gewalt ihn zu dem bewegen, wodurch die Bürger besser werden können, darin, dass ich es grade heraus sage, waren diese [C] nichts besser als jene, und dies ist doch das einzige Geschäft des rechten und guten Staatsmannes. Allein Schiffe und Mauern und Werften zu schaffen und vielerlei dergleichen, darin gestehe auch ich dir gern, dass jene weit stärker gewesen sind als diese.
Aber lächerlich machen wir uns, ich und du, in unsern Reden. Denn in der ganzen Zeit, seit wir mit einander sprechen, haben wir noch nicht aufgehört, immer auf dasselbe zurückzukommen, und nicht zu wissen was wir meinen. Ich nämlich denke, du hast oft genug zugestanden und eingesehen, dass es wirklich eine solche zweifache Beschäftigung gibt [D] um den Leib und um die Seele, deren die eine bloß eine dienstbare ist, dass einer im Stande ist, wenn unsern Leib hungert, Speise herbeizuschaffen, wenn ihn durstet Getränk, wenn er friert Kleider, Decken, Schuhe, und anderes wozu sonst dem Leibe Lust ankommt. Und wohlbedacht erläuterte ich es dir durch dieselben Bilder, damit du es leichter begreifst. Wer nun dies zu verschaffen weiß, als Krämer oder Kaufmann oder Verfertiger dieser Dinge, als Koch, Bäcker, Weber, Schuster oder Gerber, [E] kein Wunder, dass der sich selbst dünkt der Versorger des Leibes zu sein, und auch den übrigen, jedem nämlich, der nicht weiß, dass es außer allen diesen eine Kunst gibt, die Heilkunst nämlich und die Gymnastik, welche in Wahrheit die Versorgerin des Leibes ist, und welcher auch gebührt, über alle jene Künste zu herrschen, und sich ihrer Werke zu bedienen, weil sie nämlich weiß, was das Zuträgliche ist und das Verderbliche von Speisen und Getränk für die Vollkommenheit [518 St.1 A] des Leibes, die andern alle aber es nicht wissen. Daher auch jene nur für knechtisch, dienstbar und unedel gelten in ihren Bemühungen um den Leib, diese aber, die Heilkunst und die Gymnastik, mit Recht Herrinnen jener andern sind. Dass ich nun meine, dass dasselbe ebenso in Beziehung auf die Seele statt finde, dünkst du mich manchmal recht gut zu verstehen, und gibst es zu, als wüsstest du was ich meine, bald darauf aber behauptest du, [B] es hätte doch gar tüchtige und treffliche Staatsmänner gegeben unter uns, und als ich frage, welche denn, nennst du mir Menschen, die sich zur Staatskunst vollständig eben so verhalten, als wenn du mir auf die Frage wegen der Gymnastik, was für ausgezeichnete Männer in Besorgung des Leibes wir wohl gehabt haben oder noch haben, ganz ernsthaft antworten wolltest, Thearion der Bäcker und Mithaikos, der die Sikelische Kochkunst geschrieben hat, und Sarambos der Schenkwirt, diese wären [C] vortreffliche Pfleger des Leibes gewesen, denn der eine hätte wunderschönes Brot geliefert, der andere Speisen, der dritte Wein.
Vielleicht nun wärest du dann unwillig geworden, wenn ich dir gesagt hätte, lieber Mann, du verstehst nichts von der Leibespflege, denn du nennst mir nur dienstbare Menschen, die für die Begierden arbeiten, und nichts Gutes und Schönes hiervon verstehen, die, wenn es sich so trifft, die Leiber der Menschen anfüllen und aufschwemmen, wiewohl von ihnen gelobt, ihnen das alte [D] Fleisch auch noch verderben. Die Leute aber werden aus Unkunde nicht diese, von denen sie so bewirtet wurden, beschuldigen, dass sie Ursache an ihren Krankheiten wären und an dem Verlust ihrer bisherigen Wohlbeleibtheit, sondern diejenigen, welche alsdann grade um sie sind und ihnen Rat geben, wenn nämlich das ehemalige maßlose Essen ihnen lange hernach Krankheiten zuzieht, [E] da es ihnen so ganz ohne alle Rücksicht auf die Gesundheit geboten wurde, diese werden sie beschuldigen und tadeln und ihnen Übles zufügen, wenn sie es vermögen, jene früheren aber, die eigentlich Schuld an dem Übel sind, werden sie loben. Ebenso gehst auch du jetzt zu Werke, Kallikles, und lobpreisest Menschen, welche Andere auf solche Art bewirtet haben, mit allem, wonach sie nur gelüstete, vollauf, und von denen es nun heißt, sie hätten die Stadt zu ihrer Größe erhoben, dass sie aber eigentlich nur aufgedunsen ist und innerlich brüchig durch das Verfahren jener Alten, das merkt man nicht. [519 St.1 A] Denn ohne auf Besonnenheit und Gerechtigkeit zu denken haben sie nur mit ihren Häfen und Schiffswerften und Mauern und Zölle und derlei Possen die Stadt angefüllt. Wenn nun der rechte Ausbruch der Krankheit erfolgen wird, werden sie die derzeitigen Ratgeber anklagen, den Themistokles aber, den Perikles und Kimon, die Urheber des Übels werden sie lobpreisen, und sich dagegen vielleicht an dich halten, wenn du dich nicht hütest, und an meinen Freund
Alkibiades, wenn ihr ihnen mit dem Neuerworbenen auch noch das Alte verliert, [B] da ihr doch gar nicht die Urheber des Übels seid, sondern vielleicht nur Mitschuldige. Auch noch etwas ganz unvernünftiges sehe ich jetzt vorfallen, und höre auch gleiches von den Alten. Wenn nämlich die Stadt einen von den Staatsmännern angreift als unrechttuend, dann höre ich sie murren und jammern, als müssten sie schreckliches erdulden, nachdem sie nämlich dem Staate so viele Wohltaten erzeigt, würden sie nun von ihm [C] ungerechter Weise unglücklich gemacht, nach ihrer Rede. Das ist aber alles falsch. Denn auch gar keinem Vorsteher eines Staates kann von eben diesem Staate, dem er vorsteht, irgendetwas Übles ungerechter Weise widerfahren! Nämlich es ist wohl ganz dasselbe mit denen, welche sich für Staatsmänner, wie mit denen, welche sich für Sophisten ausgeben. Denn auch die Sophisten, wie weise sie übrigens sind, begehen hierin ungereimtes. Unerachtet sie nämlich behaupten, Lehrer der Tugend zu sein, beklagen sie sich doch oft über ihre Schüler, dass diese ihnen Unrecht täten, indem sie ihnen Lohn vorenthielten, und sich sonst [D] nicht dankbar gegen sie bewiesen, da sie doch Gutes von ihnen empfangen haben. Und was kann wohl unvernünftiger sein als diese Rede, dass Menschen, die gut und gerecht geworden sind, denen die Ungerechtigkeit von ihren Lehrern weg genommen und die Gerechtigkeit eingepflanzt worden, Unrecht tun sollten, vermöge dessen was sie gar nicht mehr haben? Dünkt dich das nicht ungereimt, Freund? Ordentlich eine Rede zu halten hast du mich gezwungen, Kallikles, weil du nicht antworten wolltest.
[E] KALLIKLES: Kannst du denn gar nicht reden, wenn dir nicht jemand antwortet?
SOKRATES: Es scheint ja doch. Jetzt wenigstens habe ich ja meine Reden ziemlich lang gestreckt, da du mir nicht antworten willst. Aber du Guter, sprich, so lieb du mich hast, dünkt es dich nicht unvernünftig, wenn einer behauptet, er habe einen Andern gut gemacht, und doch eben diesem vorwirft, dass er, obgleich durch ihn gut geworden und jetzt wirklich gut, dennoch auch schlecht ist?
KALLIKLES: Das dünkt mich wohl so.
SOKRATES: Und hörst du nicht dieses eben diejenigen sagen, welche sich rühmen, die Menschen zur Tugend zu bilden?
[520 St.1 A] KALLIKLES: Freilich wohl. Aber was willst du auch nur sagen von Menschen, die gar nichts wert sind.
SOKRATES: Und was willst du nur von jenen sagen, welche behaupten, sie ständen dem Staate vor, und sorgten dafür, dass er so gut als möglich werde, und dann doch, wenn es sich trifft, ihn wieder anklagen als Wunder wie schlecht? Meinst du, dass diese irgend besser sind als jene? Ganz dasselbe, o Bester, ist ein Sophist wie ein Redner, oder ihm wenigstens sehr nahe und verwandt, wie ich auch zum Polos sagte, du aber meinst aus Unkunde, die eine, die Redekunst sei etwas gar schönes, und die andere dagegen [B] verachtest du. Nach der Wahrheit aber ist die Sophistik noch um so viel schöner als die Redekunst, wie die Gesetzgebung schöner ist als die Rechtspflege, und die Gymnastik schöner als die Heilkunst. Und gerade den Volksmännern und den Sophisten glaubte ich, stehe es nicht zu, sich über das zu beklagen, was sie selbst unterrichten und bilden, als handle es schlecht gegen sie, oder sie müssen mit derselben Rede zugleich auch sich selbst anklagen, dass sie denen nichts nutz gewesen sind, denen sie sich doch rühmen nützlich zu sein. Ist es nicht so?
KALLIKLES: Freilich.
SOKRATES: Und grade ihnen, [C] wie sich zeigt, gebührte es, die Dienste, welche sie leisten können, ohne Lohn zu erweisen, wenn ich anders vorhin Recht hatte. Denn wer in einer andern Sache weiter gefördert ist von jemand, etwa wer schnellfüßiger geworden ist durch den Turnmeister, der kann vielleicht mit dem Dank durchgehen, wenn der Turnmeister ihn freigestellt, und nicht über den Lohn mit ihm eins geworden, sobald er ihm die Schnelligkeit beigebracht, auch sein Geld an sich genommen hat. [D] Denn die Langsamkeit ist nicht das, glaube ich, wodurch die Menschen unrecht tun, sondern die Ungerechtigkeit. Nicht wahr?
KALLIKLES: Ja.
SOKRATES: Also wenn ihnen jemand eben dies beseitigt, die Ungerechtigkeit, so darf er ja gar nicht bange sein, dass ihm Unrecht getan werde, sondern der allein kann es wagen seine Dienstleistung bedingungslos hinzugeben, wer nur wirklich Andere gut machen könnte. Nicht so?
KALLIKLES: Ich gebe es zu.
SOKRATES: Darum ist auch, wie es scheint, in andern Dingen seinen Rat für Geld erteilen, in Sachen der Baukunst etwa und andern Künsten, [E] gar nichts schändliches.
KALLIKLES: So scheint es.
SOKRATES: In dieser Angelegenheit aber, auf welche Weise wohl jemand möglichst gut werden könnte, und sein Hauswesen oder seinen Staat gut verwalten, darin wird es für schändlich angesehen, wenn jemand seinen Rat versagen wollte, wofern man ihm nicht Geld dafür gäbe. Nicht wahr?
KALLIKLES: Ja.
SOKRATES: Und offenbar ist doch dies die Ursache, weil unter allen Dienstleistungen diese allein dem empfangenden das Verlangen erregt, wieder hilfreich zu sein. So dass dies ein richtiges Kennzeichen ist, wer diesen Dienst gut erwiesen hat, dem wird auch wieder gedient werden, wer aber nicht, dem nicht. Verhält sich dies wirklich so?
[521 St.1 A] KALLIKLES: Ja.
SOKRATES: Zu welcher von beiden Arten den Staat zu behandeln ermahnst du mich also, das bestimme mir. Zu der, welche es durchsetzen will, dass die Athener besser werden, wie es der Arzt macht, oder wie einer, der ihnen dienstbar sein muss, und nur wie es ihnen wohlgefällt, mit ihnen umgeht? Sage es mir aufrichtig, Kallikles! Denn es gebührt dir, wie du dich freimütig gezeigt hast gegen mich von Anfang an, auch nun dabei zu beharren, dass du mir sagst, [B] was du meinst. Rede also auch jetzt direkt und ungezwungen heraus.
KALLIKLES: So sage ich denn, du sollst ihnen dienstbar sein.
SOKRATES: Ein Schmeichler also zu werden, du edelster Mann, forderst du mich auf.
KALLIKLES: Wenn du lieber ein Mysier heißen willst, Sokrates. Dann wenn du dies nicht tun willst.
SOKRATES: Sage nur nicht, was du schon so oft gesagt hast, dass mich alsdann töten wird, wer Lust hat, damit ich nicht auch wieder sage, ja aber wie ein Schlechter einem Guten wird er mir das tun, auch nicht etwa, dass er mir nehmen wird was ich habe, damit ich nicht [C] wieder sage, ja aber wenn er es genommen, wird er es nicht zu gebrauchen wissen, sondern wie er es ungerecht genommen hat, so wird er es auch ungerecht gebrauchen, und wenn ungerecht auch schlecht, und wenn schlecht auch zu seinem Schaden.
KALLIKLES: Wie scheinst du mir doch, Sokrates, zu glauben, dir könne nichts dergleichen begegnen, als ob du ganz wo anders wohntest, und nicht etwa könntest von dem ersten besten elenden und ganz schlechten Menschen vor Gericht gezogen werden.
SOKRATES: Dann wäre ich wohl ganz unvernünftig, Kallikles, wenn ich nicht glaubte, dass in dieser Stadt jedem Jedes begegnen kann, wie es sich trifft. Aber das weiß ich auch, wenn ich vor Gericht erscheinen muss, [D] und in solche Gefahr komme wie du sagst, so wird das ein schlechter Mensch sein, der mich vorgeladen hat; denn kein guter würde einen unschuldigen Menschen belangen, und es sollte mich gar nicht wundern, wenn ich sterben musste. Soll ich dir sagen, weshalb ich das erwarte?
KALLIKLES: O ja.
SOKRATES: Ich glaube, dass ich, sowie einigen andern wenigen Athenern, damit ich nicht sage ganz allein, mich der wahren Staatskunst befleißige, und die Staatssachen betreibe ganz allein heutzutage. Da ich nun nicht ihnen zum Wohlgefallen rede, [E] was ich jedesmal rede, sondern für das Beste, gar nicht für das Angenehmste, und mich nicht befassen will mit den herrlichen Dingen die du mir anmutest, so werde ich nichts vorzubringen wissen vor Gericht, und es wird mich dasselbe treffen, was ich zum Polos sagte, ich werde nämlich gerichtet werden wie unter
Kindern ein Arzt, den der Koch verklagte. Denn bedenke nur, wie sich ein solcher Mensch auf solchen Dingen ertappt verteidigen wollte, wenn ihn einer anklagte und spräche: Ihr Kinder, gar viel Übles hat dieser Mann euch zugefügt, und auch die jüngsten unter euch verderbt er, und ängstigt euch, so dass ihr euch nicht helfen lasst mit Schneiden und Brennen und Abmagern und Schwitzen und [522 St.1 A] mit den bittersten Getränken und lässt euch hungern und dursten, gar nicht wie ich Euch immer mit so viel und vielerlei Süßigkeiten bewirtete. Was glaubst du wird ein Arzt, wenn er in solcher Not drin steckt, wohl sagen können? Oder wenn er etwa die Wahrheit sagte, Ihr Kinder, das alles tat ich zu eurer Gesundheit, was meinst du wohl würden solche Richter für ein Geschrei erheben? Nicht ein großes?
KALLIKLES: Fast sollte man es denken.
SOKRATES: Glaubst du also nicht, dass er in der größten [B] Verlegenheit sein wird, was er wohl sagen soll?
KALLIKLES: Freilich.
SOKRATES: Eben so, weiß ich recht gut, würde es mir auch ergehen, wenn ich vor Gericht käme. Denn keine Lust, die ich ihnen bereitete, werde ich ihnen anführen können was sie doch allein als Verdienst und Wohltat ansehen. Ich aber beneide weder die, welche sie ihnen verschaffen, noch die, die man ihnen verschafft. Und wenn einer sagt, ich verderbe die Jugend, dass sie sich nicht zu helfen wisse, oder ich schmähe die [C] Alten durch bittere Reden über ihr häusliches Leben und über ihr öffentliches, so werde ich weder die Wahrheit sagen können, nämlich, mit Recht sage und tue ich das Alles als nämlich euer Bestes, ihr Richter, noch sonst irgendetwas anderes, so dass ich wahrscheinlich, was sich eben trifft, werde leiden müssen.
KALLIKLES: Glaubst du nun wohl, dass es gut stehe um einen Menschen, der sich in solcher Lage befindet im Staate, und unvermögend ist, sich selbst zu helfen.
SOKRATES: Wenn es ihm nur daran nicht fehlt, was du oftmals zugegeben hast, [D] wenn er sich nur dazu verholfen hat, nichts Unrechtes jemals gegen Menschen oder Götter zu reden und zu tun. Denn dies ist, wie wir oft einig geworden, die wichtigste Hilfe, die jeder sich selbst zu leisten hat. Wenn mich nun jemand überführen könnte, dass ich hierzu unvermögend wäre, mir selbst und Andern zu verhelfen, dann würde ich mich schämen, ich möchte dessen nun vor Vielen, oder vor Wenigen überwiesen werden oder unter Zweien, und wenn ich um dieses Unvermögens willen [E] sterben musste, das würde mich kränken. Wenn ich aber wegen Mangel an schmeichlerischer Redekunst sterben musste, so würdest du sehen, das weiß ich gewiss, wie leicht ich den Tod ertrüge. Denn das Sterben selbst fürchtet ja wohl niemand, wer nicht ganz und gar unverständig ist und feige, das Unrechttun aber fürchtet man. Denn mit vielen Vergehen die Seele angefüllt in die Unterwelt kommen, ist unter allen Übeln das ärgste. Willst du, so will ich dir auseinander setzen, dass sich dies wirklich so verhält.
KALLIKLES: Wohl, da du das Andere beendigt hast, so füge auch noch dieses hinzu.
[523 St.1 A] SOKRATES: So höre denn, wie sie zu sagen pflegen, eine gar schöne Rede, die du zwar für ein Märchen halten wirst, wie ich glaube, ich aber für Wahrheit. Denn als volle Wahrheit sage ich dir, was ich sagen werde.
Wie also Homer erzählt, teilten Zeus, Poseidon und Pluton die Herrschaft, nachdem sie sie von ihrem Vater übernommen hatten. Nun war folgendes Gesetz wegen der Menschen unter dem Kronos schon immer, besteht auch noch jetzt bei den Göttern, dass welcher Mensch sein Leben gerecht und fromm geführt hat, der gelangt nach seinem Tode [B] auf die Inseln der Seligen, und lebt dort ohne Übles in vollkommener Glückseligkeit, wer aber ungerecht und gottlos, der kommt in das zur Zucht und Strafe bestimmte Gefängnis, welches sie Tartaros nennen. Hierüber nun waren unter dem Kronos, und auch noch später da schon Zeus die Herrschaft hatte, Lebende der Lebenden Richter, und saßen zu Gericht an dem Tage, da jemand sterben sollte. Schlecht wurden daher die Sachen abgeurteilt. Weshalb denn Pluton und die Vorsteher aus den Inseln der Seligen [C] zum Zeus gingen, und ihm sagten, wie beiderseits bei ihnen unwürdige Menschen ankämen. Da sprach Zeus: Diesem will ich ein Ende machen. Denn jetzt freilich wird
schlecht geurteilt, weil, sagte er, die zur Untersuchung gezogenen verhüllt gerichtet werden, denn sie werden lebend gerichtet. Viele nun, sprach er, die eine schlechte Seele haben, sind eingehüllt in schöne Leiber, und Verwandtschaften und Reichtümer, und wenn dann das Gericht gehegt wird, so stellen sich viele Zeugen ein, um ihnen Zeugnis zu geben, dass sie gerecht [D] gelebt haben. Teils nun werden die Richter von diesen überlistet, teils richten auch sie selbst verhüllt, da ja ihre Seele ebenfalls hinter Augen, Ohren und dem ganzen Leibe versteckt ist. Dieses alles nun steht ihnen im Wege, ihre eignen Verhüllungen und der zu Richtenden ihre. Zuerst also, sprach er, muss dieses aufhören, dass sie den Tod vorher wissen, denn jetzt wissen sie ihn vorher. Auch ist [E] dies schon dem Prometheus angesagt, dass er es ändern soll. Ferner sollen sie gerichtet werden entblößt von diesem allem. Wenn sie tot sind nämlich, soll man sie richten. Und auch der Richter soll entblößt sein, ein Toter, um mit der bloßen Seele die bloße Seele eines Jeden anzuschauen, zu der Zeit wenn jeder gestorben ist, entblößt von allen Verwandtschaften, und nachdem sie allen jenen Schmuck auf der Erde zurückgelassen, damit das Gericht gerecht sei. Dies Alles habe ich schon früher eingesehen als ihr, und habe von meinen Söhnen zu Richtern ernannt zwei aus Asia, den Minos und Rhadamanthys, [524 St.1 A] und einen aus Europa, den Aiakos. Diese also, sobald sie nur werden gestorben sein, sollen Gericht halten auf der Wiese am Kreuzwege, wo die beiden Wege abgehen, der eine nach der Insel der Seligen, der andere nach dem Tartaros. Und zwar die aus Asia soll Rhadamanthys richten, und die aus Europa Aiakos. Dem Minos aber will ich den Vorsitz übertragen, um die letzte Entscheidung zu tun, wenn jenen beiden etwas allzu bedenklich ist, damit das Urteil, welchen Weg die Menschen zu wandeln haben, vollkommen gerecht sei.
Dies, o Kallikles, halte ich, wie ich es gehört habe, [B] zuversichtlich für wahr, und erachte, dass daraus folgendes hervorgeht. Der Tod ist, wie mich dünkt, nichts anders, als zweier Dinge Trennung von einander, der Seele und des Leibes. Nachdem sie nun voneinander getrennt sind, hat nichts desto weniger noch jedes von beiden fast dieselbe Beschaffenheit, die es auch hatte, als noch der Mensch lebte. Sowohl der Leib hat seine eigentümliche Natur, und alles was er sich angeübt hat, [C] und was ihm zugestoßen ist ganz deutlich. Wie wenn jemand von Natur, oder durch seine Lebensweise, oder durch beides, einen großen Leib hatte, so ist auch sein Leichnam noch groß, wenn er tot ist. War er fett, ist auch der Leichnam fett, und alles andere eben so, und mochte einer gern langes Haar tragen, so ist auch der Leichnam langhaarig. Und wiederum wenn einer ein Selbstzüchtiger war, und bei seinen Lebzeiten Spuren von Schlägen an seinem Leibe trug, oder von Hieben und andern Wunden, so wird man auch an dem Leichnam des Toten dieses selbige finden können. Und hatte einer irgend zerbrochene oder verrenkte Glieder im Leben, [D] so zeigt sich dies auch bei dem Toten, mit einem Worte, wie der Leib beim Leben behandelt und was ihm zugefügt wurde, das zeigt sich alles oder doch größtenteils auch nach dem Tode noch einige Zeit. Dasselbe nun dünkt mich auch mit der Seele sich zu begeben, o Kallikles. Sichtbar ist alles an der Seele, wenn sie vom Leibe entkleidet ist, sowohl was ihr von Natur eignete, als auch die Veränderungen, welche der Mensch durch sein Bestreben um dies und jenes in der Seele bewirkt hat. Kommen sie nun vor den Richter, [E] und zwar die aus Asia vor den Rhadamanthys, so stellt Rhadamanthys sie vor sich hin, und beschaut eines jeden Seele, ohne zu wissen wessen sie ist, sondern oft wenn er den großen König vor sich hat oder andere Könige oder Fürsten, findet er nichts gesundes an der Seele, sondern durchgepeitscht findet er sie und voller Schwielen von Meineid und Ungerechtigkeit und [525 St.1 A] wie eben jedem seine Handlungsweise sich in der Seele ausgeprägt hat, und findet alles verrenkt von Lügen und Hochmut und nichts gerades daran, weil sie ohne Wahrheit aufgewachsen ist, sondern vor aller Gewalttätigkeit und Weichlichkeit, Übermut und Unmäßigkeit im Handeln zeigt sich auch die Seele voll Missverhältnis und Hässlichkeit. Hat er nun eine solche erblickt, so schickt er sie ehrlos gerade ins Gefängnis, wo sie was ihr zukommt erdulden wird.
[B] Dies aber kommt jedem in Strafe verfallenen zu, der von einem Andern auf die rechte Art bestraft wird, dass er entweder selbst besser wird und Vorteil davon hat, oder dass er den Übrigen zum Beispiel gereicht, damit Andere, welche ihn leiden sehen, was er leidet, aus Furcht besser werden. Es sind aber die, welchen selbst zum Vorteil gereicht, dass sie von Göttern und
Menschen gestraft werden, diejenigen, welche sich durch heilbare Vergehen vergangen haben. Dennoch aber erlangen sie diesen Vorteil nur durch Schmerz und Pein hier sowohl als in der Unterwelt, denn auf andere Weise ist nicht möglich, von der Ungerechtigkeit entledigt zu werden. [C] Welche aber das äußerste gefrevelt haben und durch solche Frevel unheilbar geworden sind, aus diesen werden die Beispiele aufgestellt, und sie selbst haben davon keinen Nutzen mehr, da sie unheilbar sind. Andern aber ist es nützlich, welche sehen, wie diese um ihrer Vergehen willen die ärgsten, schmerzhaftesten und furchtbarsten Übel erdulden auf nicht endende Zeit, offenbar als Beispiele aufgestellt dort in der Unterwelt, im Gefängnis, [D] allen Frevlern wie sie ankommen zur Schau und zur Warnung. Von diesen behaupte ich wird auch Archelaos einer sein, wenn Polos die Wahrheit sagt, und wer sonst noch ein solcher Gewalthaber ist. Wie ich denn auch glaube, dass meistens diese Beispiele von den Tyrannen genommen werden, und den Königen und Fürsten, und denen, welche die öffentlichen Angelegenheiten verwaltet haben. Denn eben diese begehen vermöge ihrer Macht die größten und unheiligsten [E] Verbrechen. Das bezeugt auch Homer, denn Könige und Fürsten hat er in seinen Gedichten angeführt, als mit immerwährenden Strafen in der Unterwelt belegt sind, den Tantalos und Sisyphos und Tityos. Vom Thersites aber und andern geringen Leuten, die euch böse waren, hat niemand gedichtet, dass er mit schweren Strafen behaftet wäre, als ein Unheilbarer. Denn er hatte nicht Macht genug, um ein solcher zu werden, deshalb war er auch glücklicher als die, welche Macht dazu hatten. Sondern unter den Mächtigen, o Kallikles, finden sich die Menschen, welche ausgezeichnet böse werden. Nichts hindert freilich, [526 St.1 A] dass nicht auch unter diesen rechtschaffene Männer sich finden, und gar sehr muss man sich ja freuen über die, welche es werden. Denn schwer ist es, o Kallikles, und vieles Lobes wert, bei großem Druck zum Unrechttun dennoch gerecht zu leben, und es gibt nur wenige solche. Gegeben aber hat es sie doch, hier sowohl als anderwärts, und wird auch, denke ich, noch künftig geben, treffliche Männer in dieser Tugend, alles gerecht zu verwalten, was ihnen jemand anvertraut. [B] Einer aber ist sogar vorzüglich berühmt, auch unter den andern Hellenen, Aristeides, der Sohn des Lysimachos.
Die meisten aber unter den Mächtigen, o Bester, werden böse. Was ich also sagte, wenn jener Rhadamanthys einen solchen vor sich hat, so weiß er weiter gar nichts von ihm, nicht wer, noch aus welchem Geschlecht er ist, sondern nur, dass er ein böser ist, und so wie er dies ersehen hat, schickt er ihn nach dem Tartaros, bezeichnet je nachdem er ihn dünkt heilbar zu sein oder unheilbar, worauf dann jener bei seiner Ankunft das gebührende leiden muss. [C] Erblickt er aber bisweilen eine andere Seele, die heilig und in der Wahrheit gelebt hat, eines zurückgezogen lebenden Mannes, oder sonst eines, vornehmlich aber meine ich, o Kallikles, eines Weisheit liebenden, der das seinige getan und nicht vielerlei äußerlich betrieben hat, so freut er sich, und sendet sie in die Inseln der Seligen. Ebenso auch Aiakos. Und diese beiden richten mit einem Stab in der Hand. Nur Minos, die Aufsicht führend, sitzt allein ein goldenes Zepter haltend, wie Odysseus beim [D] Homer sich rühmt, er habe ihn gesehen,
mit goldenem Zepter geschmückt die Gestorbenen richtend.
Ich meines Teils, Kallikles, habe mich durch diese Reden überzeugen lassen, und trachte, wie ich mich mit möglichst gesunder Seele dem Richter darstellen will. Was also andern Menschen für Ehre gilt, lasse ich gern fahren, und will der Wahrheit nachjagend, versuchen wirklich so sehr ich nur kann [E] als der Beste sowohl zu leben als auch, wenn ich dann sterben soll, zu sterben, ermuntere aber auch die übrigen Menschen alle, soweit ich kann. Daher ich meinerseits auch dich ermuntere zu dieser Lebensweise und diesem Wettstreit, welcher vor allem, was man hier so nennt, den Vorzug hat, und es dir zum Schimpf vorhält, dass du nicht vermögend sein wirst, dir selbst zu helfen wenn jenes Gericht und jenes Urteil dir bevorsteht, wovon ich jetzt eben gesprochen; sondern dass wenn du vor deinen Richter, den Sohn der Aigina, kommst, und er dich vornimmt, [527 St.1 A] du dort ebenso mit offenem Munde stehen und dir schwindelig sein wird, wie mir hier, und dort einer vielleicht dich sogar schmählich ins Angesicht schlagen könnte, und auf alle Weise beschimpfen. Vielleicht nun dünkt dich dies ein Märchen zu sein, wie ein Mütterchen eins erzählen würde, und du achtest es nichts wert. Und es wäre auch eben nichts besonderes, dies zu verachten, wenn wir nur irgendwie suchend etwas Besseres und Wahreres
finden könnten. Nun aber siehst du ja, dass ihr drei, die weisesten unter den Hellenen heutzutage, nicht erweisen konntet, dass man auf eine andere Weise leben müsse, [B] als auf diese, die sich auch dort noch als zuträglich bewährt.
Unter so vielen Reden, die alle widerlegt wurden, ist diese allein richtig geblieben, dass man das Unrechttun mehr scheuen müsse, als das Unrechtleiden, und dass ein Mensch vor allem andern darnach streben müsse, nicht dass er scheine gut zu sein, sondern dass er es sei in seinem häuslichen Leben sowohl als in dem öffentlichen. Wenn aber Jemand schlecht wird in irgendeiner Hinsicht, dass er dann muss gezüchtigt werden, und dass dies das zweite Gut ist, [C] nächst dem gerecht sein, und um es werden durch Bestrafung dem Recht Genüge leisten. Und dass man alle Schmeichelei, sowohl gegen sich selbst als gegen Andere, seien es nun Viele oder Wenige, fliehen, und nur auf diese Art auch der Redekunst sich bedienen müsse, immer für das Recht, und so auch jedes andern Vermögens. Gib du also mir Gehör, und folge mir dahin, wo angelangt du gewiss glückselig sein wirst im Leben und im Tode, wie unsere Rede verheißt, und lasse dann immer einen dich verachten [D] als unverständig, und dich beschimpfen wenn er will, ja, beim Zeus, auch jenen schimpflichen Schlag lasse dir getrost zufügen, denn nichts arges wird dir daran begegnen, wenn du nur in der Tat edel und trefflich bist und Tugend übend. Hernach erst, nachdem wir uns so gemeinschaftlich geübt, wollen wir, wenn es uns nötig dünkt, auch der Staatsangelegenheiten uns annehmen, oder worin es uns sonst gut dünkt, wollen wir Rat erteilen, wann wir erst besser dazu geschickt sind als jetzt. [E] Denn schmählich ist es uns, so beschaffen, wie jetzt offenbar geworden ist, dass wir sind, noch groß zu prahlen, als wären wir etwas, da wir doch nie einig sind mit uns selbst über dieselbe Sache, und zwar über die wichtigste, so ganz und gar sind wir noch untauglich.
Zum Wegweiser also lasse uns diese Überlegungen gebrauchen, welche uns jetzt klar geworden sind und welche uns anzeigen, dass dies die beste Lebensweise sei, in Übung der Gerechtigkeit und jeder anderen Tugend zu leben und zu sterben. Dieser also wollen wir folgen, und auch andere dazu aufrufen, nicht jener, welcher du vertraust und mich dazu aufrufst, denn sie ist nichts wert, o Kallikles.