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Heraklit Leben und Legendenbildung

aus AufEinWort, der freien Forschung

Heraklit wurde um 520 v. Chr.[1] in der griechischen Polis Ephesos, einer griechischen Pflanzstadt (Apoikia) in der Landschaft Ionien, geboren. Diese liegt an der kleinasiatischen Westküste, die bis in das 5. Jahrhundert unter der Herrschaft der Perser stand. Als Sohn eines gewissen Blyson oder Herakon, worüber bereits in der Antike Uneinigkeit herrschte,[2] stammte Heraklit aus dem alten Königsgeschlecht von Ephesos. Auf das Priesteramt des Basileus, das in der Familie vererbt wurde, verzichtete er zugunsten seines Bruders.[3] Das wurde teils als Zeichen seiner hohen Sinnesart betrachtet, teils, bei negativer Deutung der Quellenaussage, als Zeichen seines Hochmuts.[4] Zu seinen Mitbürgern nahm Heraklit auch politisch eine deutlich ablehnende Haltung ein, wie ein Zitat zeigt, welches sich auf die Verbannung eines prominenten Lokalpolitikers bezieht: „Recht täten die Ephesier, wenn sie sich alle Mann für Mann aufhängten und den Unmündigen ihre Stadt hinterließen, sie, die Hermodoros, ihren wackersten Mann, aus der Stadt gejagt haben mit den Worten: ‚Von uns soll keiner der Wackerste sein oder, wenn schon, dann anderswo und bei andern.‘“[5] Trotz seiner Abneigung gegen seine Mitbürger scheint er seine Heimatstadt nie verlassen zu haben.

Nur wenige der zu seinem Leben überlieferten Einzelheiten können als gesichert gelten, darunter aber immerhin die Mitteilung, dass er sein Werk ursprünglich im Artemistempel von Ephesos hinterlegte.[6] Die spärlichen biographischen Angaben sind – beispielsweise bei Diogenes Laertios – ansonsten untrennbar mit Anekdoten verbunden, deren Wahrheitsgehalt umstritten und in manchen Fällen höchst zweifelhaft ist.[7] Ein Großteil der angeblichen Begebenheiten wurde anscheinend in späterer Zeit aus seinen vielfältig deutbaren Sentenzen hergeleitet und zielte darauf, ihn postum der Lächerlichkeit preiszugeben.[8] In diesem Sinne spiegeln manche Anekdoten verzerrte Aspekte seiner Äußerungen wider: Dem Fragment B 52, welches das Leben mit den unvorhersehbaren Zügen eines im Brettspiel unerfahrenen Knaben vergleicht, wird eine Episode gegenübergestellt, wonach Heraklit eine Beteiligung an der Gesetzgebung in Ephesos ablehnte, weil er das Spiel mit Kindern im Artemistempel vorzog.[9] Ebenso ist Heraklits Tod um 460 v. Chr. von der Legende umrankt, dass er aufgrund seiner rein pflanzlichen Nahrung während seines zurückgezogenen Lebens in den Bergen um Ephesos an Wassersucht erkrankt sei. Mit seiner gewohnt rätselhaften Ausdrucksweise habe er sich den Ärzten nicht verständlich machen können. Daraufhin habe er versucht, sich selbst zu kurieren, indem er sich unter einen Misthaufen gelegt habe, um seinen wassersüchtigen Körper auszutrocknen.[10]Diese Schilderung angeblicher Umstände seines Ablebens dürfte ihren Ursprung in Versatzstücken der Lehre Heraklits haben, wonach es für die Seele den Tod bedeutet, zu Wasser zu werden.[11]

Trotz der lokalen und zeitlichen Nähe zu Milet und seinen Naturphilosophen ist eine direkte Bezugnahme Heraklits auf die Milesier weder für Thales noch für Anaximander oder Anaximenes überliefert. Weder stand er in einem Schülerverhältnis zu einem von ihnen,[12] noch begründete er selbst eine kontinuierliche Tradition oder eigene Lehrrichtung. Umstritten ist sein Verhältnis zu Parmenides; die Vermutung, dass er das Werk des Parmenides kannte, ist spekulativ.[13] Sein Philosophieren, das er als Selbstsuche charakterisierte,[14] steht somit außerhalb aller Einteilungen in Schulen und Richtungen. Philosophiegeschichtlich wurde Heraklit daher kontrovers als materieller Monist oder Prozess-Philosoph, als wissenschaftlicher Kosmologe, metaphysischer oder hauptsächlich religiöser Denker, Empirist, Rationalist oder Mystiker bezeichnet, seinem Gedankengut revolutionäre oder geringe Bedeutung zugesprochen und sein Werk als Grundlage der Logik oder als Widerspruch in sich beurteilt.[15]

  1. ↑ Zur Datierung von Geburt und Tod Heraklits siehe die ausführlichen Erörterungen von Serge N. Mouraviev: Héraclite d'Éphèse. Les vestiges. Bd. 1: La vie, la mort et le livre d'Héraclite (= Heraclitea III.1), Sankt Augustin 2003, S. 110–129.
  2. ↑ Diogenes Laertios 9,1 (= FGrHist 244 F 340a).
  3. ↑ Christian Meier: Kultur, um der Freiheit willen: Griechische Anfänge – Anfang Europas? München 2009, S. 281.
  4. ↑ Diogenes Laertios 9,6: ἐκχωρῆσαι γὰρ τἀδελφῷ τῆς βασιλείας; und ebenda: σημεῖον δ' αὐτοῦ τῆς μεγαλοφροσύνης. In positivem, rühmendem Sinne fassen die meisten Übersetzungen diese Mitteilung auf; abweichend Michael Franz: Heraklit und das Artemision. Die Erfindung eines neutralen Standpunkts in der Politik. In: Enrica Fantino, Ulrike Muss, Charlotte Schubert, Kurt Sier (Hrsg.): Heraklit im Kontext (= Studia Praesocratica. Band 8). De Gruyter, Berlin/New York 2017, S. 83–102, hier S. 89, der mit „Hochmut“ übersetzt.
  5. ↑ Diogenes Laertios 9,2.
  6. ↑ Hans-Georg Gadamer: Der Anfang des Wissens, Stuttgart 1999, S. 12.
  7. ↑ Diogenes Laertios 9,1–17.
  8. ↑ Geoffrey Kirk, John E. Raven, Malcolm Schofield: Die vorsokratischen Philosophen, Stuttgart 2001, S. 199.
  9. ↑ Christof Rapp: Vorsokratiker, München 1997, S. 62.
  10. ↑ Diogenes Laertios 9,3.
  11. ↑ DK 22 B 36; Christof Rapp: Vorsokratiker, München 1997, S. 62.
  12. ↑ Jürgen-Eckardt Pleines: Heraklit. Anfängliches Philosophieren, Hildesheim 2002, S. 67 Anm. 180.
  13. ↑ Serge Mouraviev: Héraclite d'Éphèse. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques, Bd. 3, Paris 2000, S. 573–617, hier: 584 f. (mit Literaturübersicht zur Frage). Mouraviev weist darauf hin, dass für eine Parmenides-Rezeption bei Heraklit nur spekulative philosophiegeschichtliche Überlegungen sprechen können, wogegen für eine Heraklit-Rezeption bei Parmenides nicht nur philosophiegeschichtliche, sondern auch philologische Argumente vorgebracht worden sind. Die Frage bleibt offen.
  14. ↑ DK 22 B 101: „Ich habe mich selbst erforscht“ (ἐδιζησάμην ἐμεωυτόν); Diogenes Laertios 9,5.
  15. ↑ Daniel W. Graham: Heraclitus. In: Stanford Encyclopedia of Philosophy.