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I Ging/Die Elemente des Yijing

aus AufEinWort, der freien Forschung


Die zwei Striche

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Die grafischen Figuren im Yijing bestehen aus Strichen zweierlei Art:

  • Der durchgezogene Strich gilt als licht oder fest. In der späteren Yin-Yang-Lehre (陰陽, 'Yīn Yáng') steht er für das yáng (陽): Aktivität, Ausdehnung, maskuliner Aspekt, Licht, Leben, ungerade Zahlen.
  • Die durchbrochene Linie steht für das yīn (陰): Zusammenziehung, femininer Aspekt, Dunkelheit, Nacht, Tod, gerade Zahlen.

Die Begriffe Yin und Yang erscheinen noch nicht im Zhouyi, sondern erst in den Zehn Flügeln; stattdessen ist in den Orakelsprüchen von festen oder lichten und weichen oder dunklen Strichen die Rede. Die beiden Stricharten werden auch als zeichenhaftes Kürzel für Penis und Vagina gesehen. Das ist aber wahrscheinlich eine spätere Deutung, denn solche Striche wurden schon vor der Entstehung des Zhouyi auf Schreibmaterialien verschiedener Art niedergeschrieben und haben dort mit Zahlen zu tun.[1]

Die Acht Trigramme

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Größte Bedeutung für das Weltbild der Chinesen im Altertum und die Interpretation der Orakelsprüche besitzen die Acht Trigramme (八卦, 'Bā Guà'), die als eine 'Vollendung im Kleinen' gelten.[2] Auch sie lassen sich gemäß den Angaben in der Besprechung der Zeichen wie folgt in ein Schema einfügen

Kraft (乾, 'qián') = Himmel (天, 'tiān') Vater
Offen (兌, 'duì') = Sumpf (澤, 'zé') Jüngste Tochter
Strahlung (離, 'lí') = Feuer (火, 'huǒ') Mittlere Tochter
Beben (震, 'zhèn') = Donner (雷, 'léi') Ältester Sohn
Boden (巽, 'xùn') = Wind (風, 'fēng') Älteste Tochter
Schlucht (坎, 'kǎn') = Wasser (水, 'shuǐ') Mittlerer Sohn
Bund (艮, 'gèn') = Berg (山, 'shān') Jüngster Sohn
Feld (坤, 'kūn') = Erde (地, 'dì') Mutter

Vor allem die Art und die Natur der Trigramme werden in der Überlieferung des Urteils und in der Überlieferung der Bilder zur Deutung der Hexagramme herangezogen.

Die 64 Hexagramme

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Die Hexagramme sind nicht einfach eine Addition von sechs Strichen, sondern auf unterschiedliche Weise in sich gegliedert und es wohnt ihnen eine Dynamik inne. Unter anderem werden sie als Kombination von zwei dreistrichigen Trigrammen aufgefasst. Das erste oder untere Trigramm eines Hexagramms wird als der innere Aspekt der ablaufenden Veränderung angesehen; das zweite oder obere Trigramm als der äußere Aspekt. Überdies haben die Linien gemäß ihrem Platz innerhalb des Hexagramms (ob unten oder oben) unterschiedlichen Rang und Bedeutung. Vom unteren Strich heißt es, er sei noch nicht ganz in der Situation, vom obersten, er sei schon darüber hinaus.

Gelesen werden die Striche von unten nach oben. Die Ränge 1 und 4, 2 und 5, 3 und 6, also die jeweils unteren, mittleren und oberen Striche der beiden Trigramme, stehen in Verbindung.

Die Namen der Hexagramme beschreiben Wirkmächte (1 + 2), Situationen oder Aufgaben (3 + 5 + 6 + 10 + 18 …), Familie (31 + 37 + 54), persönliche Eigenschaften oder Fähigkeiten (4 + 8 + 9 + 14…), konkrete Tätigkeiten (56), Lebensphasen (11 + 12 + 21…). Meist handelt es sich um abstrakte Begriffe mit mehreren Deutungsmöglichkeiten.

Die Reihenfolge der Hexagramme

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Überlieferte Fassung des Yijing

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In der überlieferten Fassung des Yijing erfolgt die Anordnung der Hexagramme zum Teil nach mathematischen Kriterien. Sie sind jeweils zu einem Paar zusammengefasst, das zweite ist – in Hinblick auf die grafische Darstellung – meist gegenüber dem ersten um 180 Grad gedreht. Wo ein Hexagramm durch Drehung nur sich selbst ergäbe, ist das 'Partnerhexagramm' das, bei welchem alle Yinstriche durch Yangstriche ersetzt sind und umgekehrt. Bei vielen Paaren entsprechen sich auch die Namen oder die Sprüche, besonders sinnfällig bei den Hexagrammen 1 und 2, 19 und 20, 29 und 30, 31 und 32, 41 und 42, 63 und 64. Das lässt darauf schließen, dass diese Abfolge schon zur Zeit der Abfassung der Sprüche bestand und somit die älteste und authentischste darstellt. Bislang wurde allerdings keine Antwort darauf gefunden, warum die Paare so und nicht anders aufeinanderfolgen.

Andere Reihenfolgen

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1. Gruppe:
2. Gruppe:
3. Gruppe:
4. Gruppe:
5. Gruppe:
6. Gruppe:
7. Gruppe:
8. Gruppe:

Vor der Standardisierung des Yijing in der Han-Zeit waren Versionen mit anderen Reihenfolgen im Umlauf. Der Mawangdui-Seidentext beispielsweise – nebenstehend dargestellt – hält sich nicht an die Textworte, sondern gruppiert fast ausschließlich nach mathematischen Regeln: In der linken Spalte sind die acht Hexagramme angeordnet, die durch Verdoppelung der Trigramme entstehen. In jeder waagrechten Reihe ist das obere Trigramm gleich. Die unteren Trigramme sind, waagrecht gelesen, jeweils Paare, bei denen wiederum jeder Yinstrich zu einem Yangstrich gewechselt hat und umgekehrt.

Sehr bekannt ist auch die Reihenfolge, die Shao Yong in der Zeit der Song-Dynastie entwarf.[3][4] Sie ist so geordnet, dass sich die Zeichen als eine Folge binärer Zahlen ansehen lassen.

Die Grundgedanken des Yijing

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Das numerologisch-grafische System

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In zweierlei Hinsicht ist das Yijing von Logik, Zahlen und Rechnungen bestimmt: Zum ersten durch die grafische Darstellung der Trigramme und Hexagramme, für die es 23 = 8 bzw. 26 = 64 unterschiedliche Möglichkeiten gibt. Diese Trigramme und Hexagramme wiederum wurden von verschiedenen Autoren nach jeweils neuen logischen Regeln schachbrettartig gruppiert, um die innere Struktur und Schlüssigkeit des Systems deutlich zu machen. Oder sie wurden kreisförmig angeordnet, wie das auch in Bezug auf die Trigramme im Kapitel II der Besprechung der Zeichen der Fall ist.[5] Zum zweiten ist der – recht komplizierte – Prozess des Orakelwerfens mit 50 Schafgarbenstengeln ein Teil- und Zählverfahren und daher mathematischen Regeln unterworfen. Als Ergebnis erhält der Fragende sechs Zahlen zwischen 6 und 9, denen er ein Hexagramm zuordnen kann. Die Große Überlieferung (Erstes Buch, Kapitel 9, Abschnitt 3) gibt dafür die Anleitung:

„Man teilt sie in zwei Teile, um die beiden Grundkräfte abzubilden. Dann hält man einen besonders, um die drei Mächte abzubilden. Man zählt mit vier durch, um die Jahreszeiten abzubilden. Den Rest steckt man weg, um den Schaltmonat nachzubilden. In fünf Jahren sind zwei Schaltmonate, darum wiederholt man das Wegstecken, und danach erhält man das Ganze.“

– Richard Wilhelm: Übersetzung

Mit 'Grundkräften' meint Wilhelm Yin und Yang, die 'drei Mächte' sind Erde, Mensch und Himmel. Zwar ist diese Anweisung ohne Erläuterungen uns Heutigen nicht mehr in allem verständlich,[Anm. 1] aber sie illustriert die auch in vielen anderen Kulturen verbreitete Vorstellung, dass sich die Erscheinungen der Welt mit Zahlen oder, wie oben, mit geometrischen Figuren, kurz: durch Mathematik ausdrücken lassen. Im Gegensatz zum naturwissenschaftlichen Weltbild bezeichnen die Zahlen jedoch nicht nur Quantitäten, sondern sind von Zahlensymbolik bestimmt.

Bild des Kosmos

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Damit steht der nächste Grundgedanke in Verbindung, dass nämlich die Trigramme und Hexagramme ein Mikrokosmos sind, der in Analogie steht zu makrokosmischen Phänomenen. Auch dazu gibt die Große Überlieferung, Erstes Buch, Kapitel 4, Abschnitt 4, Auskunft:

„In ihm (d.h. im Yijing) sind die Formen und Bereiche aller Gestaltungen des Himmels und der Erde, so dass nichts ihm entgeht. In ihm sind alle Dinge ringsum vollendet, so dass ihrer keines fehlt. Darum kann man durch ihn den SINN von Tag und Nacht durchdringen, sodass man ihn versteht. Darum ist der Geist an keinen Ort gebunden und das Buch der Wandlungen an keine Gestalt.“

– Richard Wilhelm: Übersetzung

Mit 'SINN' übersetzt Wilhelm den chinesischen Begriff Tao. Hier wird also postuliert, dass die 64 Hexagramme und die Gesamtstruktur des Yijing auf geistige Art ein vollständiges Abbild der Welt ergeben und dadurch zur Erkenntnis führen.[6]

Die Wandlungen

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Diese Vollständigkeit ist möglich, weil den Zeichen selbst, aber auch ihrem System eine Dynamik innewohnt, sodass nicht nur eine statische Welt, sondern Weltgeschehen abgebildet werden kann. Das ist der dritte und für das Yijing charakteristische Grundgedanke, der dem Buch den Titel gab: Yi, die Wandlung (易Yì). Im Yijing gibt es Wandlungen mehrerer Art. Zunächst werden sie repräsentiert durch den Wechsel der Striche von Yin zu Yang (und umgekehrt) bei der Orakelpraxis,[7] wobei sich gleichzeitig ein Hexagramm in ein anderes verwandelt. Jedes davon kann in ein anderes übergehen, dafür gibt es 642 = 4096 Möglichkeiten. Die Große Überlieferung, Erstes Buch, Kapitel 9, Abschnitt 8 bemerkt dazu:

„… so sind alle möglichen Zustände auf der Erde ausgeschöpft.“[8]

Aber auch ohne an Orakel zu denken, wurden immer wieder Kombinationen von Hexagrammen ersonnen, die sich durch Wechsel der Striche ineinander verwandeln. Der erste Satz in der Überlieferung des Urteils zu Hexagramm 42, Die Mehrung, greift das auf:

„Die Mehrung: Minderung des Oberen, Mehrung des Unteren.“

Dahinter steht die Idee, dass sich Hexagramm 42 aus Hexagramm 12, Die Stockung, entwickelt hat, indem der unterste Strich und der 4. Strich (von unten gezählt) den Platz getauscht haben. Das sei für den oberen eine Minderung, weil aus Yang ein Yin wurde, während der untere von Yin zu einem Yang gemehrt wurde.[9] Auf konkretes politisches und soziales Leben übertragen, meint der Satz in diesem Kontext, dass verkrustete Zustände aufgebrochen werden können, wenn die Mächtigen mit den Unteren teilen und sie damit stärken, was eine Stärkung des Ganzen mit sich bringt.

Wandel ist oft auch an den Sprüchen zu den Strichen abzulesen, die eine Entwicklung von unten nach oben zeigen. Besonders markant sind dabei die Hexagramme 1, 23, 48 und 53.

In seinem erstmals 1925 veröffentlichten Kommentar Die Lehren des Laotse[10] beschreibt Richard Wilhelm sehr anschaulich den philosophischen Hintergrund, wobei mit dem Ausdruck „Urzeichen“ die Trigramme gemeint sind

„Die Welt ist in stetem Wechsel und Wandel begriffen. Alles was ist, ist eben deshalb dem Tode verfallen: denn Geburt und Tod sind zwar Gegensätze, aber sie sind notwendig aneinander geknüpft. Aber indem alles vergeht, was gewesen ist, ist dennoch kein Grund da zu sagen: »es ist alles ganz eitel«; denn dasselbe Buch der Wandlungen zeigt auch, daß alle Wandlungen nach festen Gesetzen sich vollziehen. Das Buch der Wandlungen enthält die Anschauung, daß die ganze Welt der Erscheinungen auf einem polaren Gegensatz von Kräften beruht; das Schöpferische und das Empfangende, die Eins und die Zwei, das Licht und der Schatten, das Positive und das Negative, das Männliche und das Weibliche, alles sind Erscheinungen der polaren Kräfte, die allen Wechsel und Wandel hervorbringen. Denn diese Kräfte darf man sich nicht als ruhende Urprinzipien vorstellen. Die Anschauung des Buchs der Wandlungen ist weit entfernt von jedem kosmischen Dualismus. Vielmehr sind diese Kräfte selbst in dauerndem Wandel begriffen. Das Eine trennt sich und wird Zwei, die Zwei schließt sich zusammen und wird Eins. Das Schöpferische und das Empfangende vereinigen sich und erzeugen die Welt. So sagt auch Laotse, daß die Eins die Zwei erzeugt, die Zwei erzeugt die Drei, und die Drei erzeugt alle Dinge. Im Buch der Wandlungen ist das dadurch dargestellt, daß die ungeteilte Linie des Schöpferischen und die geteilte Linie des Empfangenden zusammentreten zu den dreistufigen acht Urzeichen, aus deren Kombinationen die ganze Welt der möglichen Zeitkonstellationen sich aufbaut.“

– Richard Wilhelm
  1. ↑ Referenzfehler: Unbekannter Parameter „details“ im <ref>-Element. Die unterstützten Parameter sind: dir, follow, group, name.
  2. ↑ Wilhelm, 2005, S. 289. Große Überlieferung, Erstes Buch, 9. Kapitel, 7. Abschnitt.
  3. ↑ Näheres dazu: Wolfgang Bauer: Geschichte der chinesischen Philosophie. Konfuzianismus, Daoismus, Buddhismus (= Beck’sche Reihe. Band 1700). Originalausgabe, 1. Auflage. Beck, München 2006, ISBN 3-406-54141-0, S. 246–250.
  4. ↑ Richard J. Smith: Jesuit Interpretations of the Yijing in Historical and Comparative Perspective. (Memento vom 16. Januar 2012 im Internet Archive; PDF; 1,1 MB) In: ikgf.uni-erlangen.de, 6. April 2007 (englisch) – Der Artikel befasst sich nicht nur mit den Jesuiten in China, sondern bietet auch weitere Informationen zur Rezeption des Yijing in Ost und West.
  5. ↑ Siehe die grafischen Darstellungen in: Richard Wilhelm: I Ging. Neuausgabe. München 2005, S. 247 und 249. Die Seitenzahlen können in anderen Ausgaben der Wilhelmschen Übersetzung abweichen. Deswegen werden hier immer auch die Stellen in der Zählung der Kapitel angeführt.
  6. ↑ Siehe auch Dennis Schilling: Yijjing, Das Buch der Wandlungen. Frankfurt am Main / Leipzig 2009, S. 292.
  7. ↑ Eine detaillierte Beschreibung des Orakelwerfens findet sich bei Richard Wilhelm, I Ging, am Ende des Zweiten Buchs. In der Neuausgabe von 2005, S. 336–338.
  8. ↑ Übersetzung: Richard Wilhelm.
  9. ↑ Georg Zimmermann: I Ging, Das Buch der Wandlungen. Patmos Verlag, Düsseldorf 2007, ISBN 978-3-491-72511-9 (Neubearbeitung der Wilhelmschen Übersetzung). Referenzfehler: Unbekannter Parameter „details“ im <ref>-Element. Die unterstützten Parameter sind: dir, follow, group, name.
  10. ↑ Laotse: Tao te king. Das Buch vom Weg des Lebens. Hrsg.: Richard Wilhelm. 2. Auflage. Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 2003, ISBN 3-404-70141-0 (alternativ: ISBN 978-3-404-70141-4; Originalausgabe: Eugen Diederichs Verlag, 1910).


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