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I Ging/Geschichte und Überlieferungen

aus AufEinWort, der freien Forschung


Entstehungsgeschichte des Yijing

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Nach chinesischer Tradition, wie sie teilweise schon in der Großen Überlieferung niedergelegt ist, erfand der legendäre Kaiser Fu Xi (伏羲, 'Fú Xī') die acht Trigramme, die dann zu den 64 Hexagrammen kombiniert wurden. Das daraus entstandene Orakelbuch sollte dazu verhelfen, das Schildkrötenorakel durch ein mittels Schafgarbenstengeln durchgeführtes Pflanzenorakel zu ersetzen. Die Formulierung der Sprüche zu den Hexagrammen wurde dem Zhou-König Wen (周文王, 'Zhōu Wénwáng', 11. Jahrhundert v. Chr.) zugeschrieben, die der Sprüche zu den einzelnen Strichen einem seiner Söhne, Dan, dem Herzog von Zhou (周公旦, 'Zhōu Gōngdàn'). Auch galt Konfuzius noch bis ins 20. Jahrhundert hinein als Verfasser eines Teils der Zehn Flügel.

Archäologische Funde und philologische Vergleiche konnten nichts davon bestätigen. Beide Orakelformen gab es bereits vor der Machtübernahme der Zhou und lebten noch jahrhundertelang nebeneinander fort.[1] Das Buch der Riten erwähnt zwei weitere, verlorengegangene „Wandlungsbücher“, die offenbar älter waren, das Guicang (歸藏易, 'Gūi Cáng Yì') und das Lianshan (連山易, 'Lián Shān Yì').[1] Durch Textvergleiche mit anderen Quellen, wie dem Buch der Lieder und Bronzeinschriften, kann der Beginn der Entstehung des Zhou Yi auf das Ende des 9. Jahrhunderts v. Chr. eingegrenzt werden, also lange nach König Wens Tod. Die Autoren des Buchs sind nirgendwo genannt, aber eigentlich kommen dafür nur Schreiber bzw. Gelehrte am Königshof der Zhou in Frage, da sie über das notwendige literarische Wissen verfügten und in die Orakelpraxis eingebunden waren.[1]

Seitdem 1899 die ersten beschrifteten Schildkrötenpanzer entdeckt wurden, die dem Orakel dienten, geht die Forschung davon aus, dass das Zhou Yi zum Teil davon inspiriert wurde. Sowohl Zahlen als auch Vorbilder für die Striche und die Textbausteine sind auf den Panzern zu finden. Weiterhin wurden historische Begebenheiten, Mythen, Liedsequenzen, astronomische Beobachtungen und Textfragmente von Bronzeinschriften in die Texte eingearbeitet.[2] Sie sind aber meist nur angedeutet und Eigennamen sind bis auf wenige Ausnahmen getilgt. Dennoch macht sich die Tendenz bemerkbar, die Herrschaft der Zhou-Dynastie ideologisch zu untermauern.[2] Vor 600 v. Chr. wurde das Zhou Yi nur am Königshof der Zhou verwendet. Parallel zu deren Machtverlust verbreitete es sich auch in anderen Fürstentümern und beim niederen Adel. Das erklärt, warum sich im Laufe der Jahrhunderte verschiedene Versionen des Buchs und regionale Auslegungstraditionen entwickelten.[2]

Ab der Mitte des 4. Jahrhunderts v. Chr. wandten sich die Philosophen dem Zhou Yi zu und erforschten dessen Kompositionsmuster, politische Aussagen und ethische Prinzipien.[2] Daraus erwuchsen zahlreiche stilistisch und inhaltlich unterschiedliche Kommentierungen, deren Verfasser unbekannt sind. Konfuzius gehörte sicher nicht dazu, denn in seinen eigenen Lehren geht er bis auf ein kurzes Zitat nicht auf das Zhou Yi ein.[2] Möglicherweise stammen aber einige Textteile von seinen Nachfolgern.[3] Daneben finden sich aber auch Elemente anderer philosophischer Richtungen wie des Taoismus oder der Yin-Yang-Lehre. Überhaupt darf man sich diese Überlieferungen nicht als klärende Auslegungen des mehrere Jahrhunderte älteren Textes des Zhou Yi vorstellen. In dieser langen Zeit hatte sich die Sprache von einem archaischen zum klassischen Chinesisch gewandelt und die soziokulturellen Bedingungen waren stark verändert. Die Sprüche wurden stets nach zeitgenössischem Verständnis gelesen.[2] Zwar begriffen sich die Verfasser als Hüter eines literarischen Vermächtnisses,[2] aber das hinderte sie nicht daran, ihre eigenen und oft ganz anders gearteten Erkenntnisse und Spekulationen einzubringen und so darzustellen, als lägen sie schon im Text. Dabei berücksichtigten sie teilweise nicht die Ursprungsbedeutung der Wörter und den damaligen Sinn der Aussagen, sondern interpretierten sie neu.[2] Anders gesagt: Die Orakeltexte dienten nun auch als Illustration und Beleg für eigene philosophische Thesen und als Vorbild und Ratgeber in ethischen Fragen.

Überlieferungen und Textus receptus

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Da damals meist auf Bambusstreifen oder Seide, also auf vergängliches Material geschrieben wurde, sind so gut wie keine Textdokumente aus dieser Periode mehr verfügbar. Für etwa 10 % des Standardtextes erhielten sich Zeugnisse auf Steinstelen aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. Fragmente auf Bambusstreifen kamen 1977 bei einer Ausgrabung in Shuanggudui (雙古堆) bei Fuyang (富陽市) in der Provinz Anhui ans Tageslicht.[4] Seither sind durch weitere archäologische Funde noch weitere ältere oder Parallel-Versionen des Zhōu Yì aufgetaucht.[5] Dem Zerfall entgangen ist eine fast vollständige Textfassung, die 1973 in einem Grab in der Ausgrabungsstätte Mawangdui bei Changsha in der Provinz Hunan entdeckt wurde und seit der ersten Publikation im Jahr 1993 unter dem Namen Mawangdui Seidentexte (馬王堆帛書, 'Mǎwángduī Bóshū') bekannt ist. In ihr weichen die Reihenfolge der Hexagramme und ungefähr 560 Schriftzeichen (12 % des Textes) von der überlieferten Version ab.[6][7] Die Überlieferungen sind ebenfalls andere als die üblichen.[2]

Im 2. Jahrhundert v. Chr., zu Beginn der Han-Zeit, erstellten Gelehrte den Kanon der konfuzianischen Klassiker. An erster Stelle stand dabei eine standardisierte Version der Orakeltexte einschließlich der Zehn Flügel, die ab dann den Titel Yijing, wörtlich: 'Kettfaden der Wandlungen' oder 'Leitfaden der Wandlungen' trug.[1] Das älteste Zeugnis dieser mit einigen Abänderungen auf uns gekommenen Fassung des Yijing ist eine beschriftete Steinstele vor der Palasthochschule in Luoyang aus dem Jahr 171 n. Chr.[2] Eine weitere Textredaktion des Yijing fand im 7. Jahrhundert n. Chr. unter Leitung von Kong Yingda statt und wurde unter dem Titel Zhouyi zhengyi (周易正義, 'Zhōuyì zhèngyì') publiziert; diese Ausgabe war jahrhundertelang der maßgebliche Text. Seine Kenntnis war Voraussetzung für eine Beamtenlaufbahn.[2]

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  2. ↑ a b c d e f g h i j k Referenzfehler: Unbekannter Parameter „details“ im <ref>-Element. Die unterstützten Parameter sind: dir, follow, group, name.
  3. ↑ Lutz Geldsetzer, Hong Han Ding: Grundlagen der chinesischen Philosophie. Stuttgart 1998, S. 178.
  4. ↑ Edward L. Shaughnessy: The Fuyang „Zhou Yi“ and the Making of a Divination Manual. (Memento vom 28. März 2023 im Internet Archive; PDF; 286 kB) In: ihp.sinica.edu.tw (englisch).
  5. ↑ Die Bambustexte von Chu und die Guodian-Bambustexte.
  6. ↑ Edward L. Shaughnessy: I Ching. The Classic of Changes translated with an introduction and commentary. The first English translation of the newly discovered second century BC Mawangdui texts. Ballantyne Books, New York 1997.
  7. ↑ Vgl. Richard Rutt: Opening a New Field for Dragons | Edward L. Shaughnessy’s Mawangdui Yijing – a review Article. In: The Oracle. Journal of Yijing Studies. Band 2 (1999), S. 38–47.