Joachim Heinrich Campe

Joachim Heinrich Campe (* 29. Juni 1746 in Deensen; † 22. Oktober 1818 in Braunschweig) war ein deutscher Schriftsteller, Sprachforscher, Pädagoge und Verleger zur Zeit der Aufklärung.<figure class="mw-default-size">
Campe entwickelte für zahlreiche (ca. 11.500) Fremdwörter Verdeutschungen, von denen mehrere in den allgemeinen Sprachgebrauch aufgenommen wurden, beispielsweise[13][14][15][16]
- altertümlich (für das Fremdwort antik)
- dienstunfähig (invalid)
- einschließlich (inklusive)
- Einzahl (Singular)[17]
- Erdgeschoss (Parterre)
- Ergebnis (Resultat, Produkt)[17]
- Esslust (Appetit)
- Feingefühl[18] (1. Delikatesse. 2. Takt)
- fortschrittlich (progressiv)
- Gebärdensprache (Pantomime)[17]
- herkömmlich (konventionell)
- Hochschule[19] (Universität)
- Lehrgang (Kursus)
- Randbemerkung (Glosse)
- Stelldichein (Rendezvous)
- Streitgespräch (Debatte)
- tatsächlich (faktisch)
- Voraussage (Prophezeiung)
- Wust (Chaos)[20]
- zahlungsunfähig (insolvent)[17]
- Zerrbild (Karikatur)
Keinen nachhaltigen Eingang in die Alltagssprache fanden u. a.:[21][22][23]
- Afterkirchenversammlung[17] (für Konzil)
- Blitzfeuererregung[24], „Electrisirung“[25]
- Dörrleiche[26] oder Balsamleiche (Mumie)
- Fingerfuß[17] (Daktylus)
- Freigläubiger (Protestant)
- Geistesanbau (Kultur)
- Heiltümelei (Reliquie)
- Kunsthöhle (Grotte)[27]
- Polsterbett (Sofa)[28]
- Queruliren,[29] klägeln[29]
- Schalksernst (Ironie)
- Schweissgrübchen, Schweisslöcher[30], Dunstgrübchen (Poren)
- Urgemisch, Urgemenge bzw. Mischklump (Chaos)[31]
Nicht von Campe stammen dagegen Scheidekunst (schon bei Zesen), außerdem Haarkräusler (nach Grimms Deutschem Wörterbuch schon bei Kaspar von Stieler: Der Teutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs.).
Die Wortschöpfung Gesichtserker für Nase wird Campe (wie auch früher schon Philipp von Zesen) ebenfalls fälschlich zugeschrieben, zumindest gibt es keinen Nachweis dafür in seinen Schriften. Vermutlich handelt es sich dabei eher um eine Parodie auf die Vorschläge von Campe und anderen Sprachpuristen.[32]
Campes Sprachpurismus war aber nicht nationalistisch, sondern aufklärerisch motiviert. Vermutlich unter dem Eindruck des hohen Diskussionsniveaus der einfachen Bevölkerung Frankreichs während der Französischen Revolution bemühte sich Campe, Fremdwörter durch im Sprachsystem verankerte, durchsichtige und damit auch Ungebildeten verständliche Wörter zu ersetzen. Damit, so hoffte er, wären diese Ungebildeten nicht mehr vom politischen Geschehen ausgeschlossen. Campe bezweckte also nicht vorrangig den Erhalt sprachlicher Reinheit, sondern die Schaffung von etwas, das später „Öffentlichkeit“ heißen sollte; letztlich war sein Programm daher emanzipativ.[33]
Bezüglich der Ausbildung einer deutschen Standardsprache aus den verschiedenen deutschen Mundarten verlief die Bruchlinie im barocken Sprachenstreit hauptsächlich entlang der konfessionellen Grenzen. Dabei versuchten vor allem süddeutsche und österreichische Geistliche, eine südliche Schreibsprache zu etablieren, während die Gelehrten des protestantischen Nordens eine an die meißnerische Mundart angelehnte hochdeutsche Schriftsprache bevorzugten. In diesem damals heftig geführten Streit war Campe klar auf der Seite der nördlichen Schriftvariante, wie sie 1748 von Johann Christoph Gottsched vorgelegt worden war. Er wandte sich jedoch gegen die Bildung der Standardsprache ausschließlich aus mitteldeutschen Dialekten, wie sie Johann Christoph Adelung in seinem Wörterbuch praktiziert hatte. Stattdessen plädierte er für eine gleichmäßig aus allen Dialekten schöpfende Standardsprache.[34] Erst 1784 wurde der barocke Sprachenstreit zumindest auf politischer Ebene endgültig entschieden, indem auch in den habsburgischen Kronländern die Gottsched’sche Variante als Amtssprache eingeführt wurde. Damit war aber für den Süden des deutschsprachigen Raumes das aufklärerische Prinzip, die Schrift möglichst nah an das Gesprochene heranzuführen, nicht verwirklicht worden.