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Kalenderreform (Cusanus-Portal)

aus AufEinWort, der freien Forschung

(correctio kalendarii, reparatio kalendarii). Nikolaus von Kues verfasste um 1435/36 für das → ((Basler Konzil)) eine De reparatio kalendarii (alternativ De correctione kalendarii) betitelte Schrift mit dem Ziel eine Verbesserung des für die christliche Festberechnung ungeeigneten bestehenden Kalenders, der eine Kombination des Julianischen Sonnenkalenders des dionysischen Mondzyklus darstellte (Siehe Honecker, Entstehung [[bib:1251]]; Stegemann, Kalenderverbesserung [[bib:60]]). Der Kueser steht mit seiner Kalenderschrift in einer langen Tradition bedeutender Autoren, welche das gesamte späte Mittelalter hindurch immer wieder auf die ‚Fehlerhaftigkeit‘ des Kalenders aufmerksam gemacht haben. Die bedeutendsten Namen in diesem Kontext sind sicherlich →Robert Grosseteste, →Roger Bacon, →Johannes de Muris und Firminus de Bellavalle, sowie der französische Kardinal → ((Pierre d’Ailly)), der als unmittelbarer Vorgänger des Cusanus 1417 dem Konstanzer Konzil eine Abhandlung super correctionem calendarii vorgelegt hat (Vgl. allgemein Kaltenbrunner, Vorgeschichte [[bib:1859]], spezieller zu Grosseteste etwa Moreton, Grosseteste and Calendar [[bib:2996]], oder Dales, Computistical Works [[bib:2997]], desweiteren zu Johannes de Muris auch Gack-Scheiding, Epistola [[bib:2067]]).

Der Kalender zur Zeit des Cusanus

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Gemäß der mittelalterlichen Tradition habe das erste ökumenische Konzil von Nizäa (325) festgelegt, das Osterfest am ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond nach Frühlingsanfang zu feiern, wobei der Frühlingsanfang im Julianischen Kalender auf den 21. März festgesetzt worden sei. Da aber das tropische Sonnenjahr, d.h. die Zeitdauer von einem Frühlingsanfang (Frühlingsäquinoktium) zum nächsten, knapp 11 Minuten kürzer ist als das durchschnittliche Julianische Sonnenjahr (365,25 Tage) kommt es im Laufe von etwa 128 Jahren zu einer Verschiebung des Frühlingsanfangs um einen Tag im Kalender. Dies führte dazu, dass der wahre Frühlingsanfang zu Cusanus’ Lebzeiten bereits knapp neun Tage vor den kalendarischen Termin fiel und es in der Folge vorkommen konnte, dass das Osterfest – vom astronomischen Standpunkt aus betrachtet – 36 Tagen zu spät begangen wurde. Hinzukam, dass auch der offizielle Mondkalender der Kirche, ein von →Dionysius Exiguus im Jahre 525 vorgeschlagener 19-jähriger Zyklus (Goldene Zahl) fehlerhaft war. Die von ihm gemachten Vorhersagen wichen in etwas mehr als 300 Jahren um einen Tag von den tatsächlichen Himmelsphänomenen ab mit dem Resultat, dass im 15. Jahrhundert die Mondphasen ungefähr vier Tage vor den berechneten Terminen eintraten. Dies führte seinerseits zu der Konsequenz, dass die Ostertermine in mehr als der Hälfte der Fälle um sieben Tage zu spät angesetzt wurden.

Cusanische Kalenderkritik und Verbesserungsvorschläge

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Dabei ist die Abweichung des Mondkalenders empirisch leicht überprüfbar und dementsprechend auch verhältnismäßig präzise quantifizierbar. Cusanus spricht von einer Antizipation der Mondphasen zur Berechnung vermittels der Goldenen Zahl von einem Tag in 304 Jahren. Demgegenüber ist der genaue Zeitpunkt des Frühlingsanfang äußerst schwierig durch direkte Beobachtung zu ermitteln, weshalb in der Cusanus zugänglichen Quellenliteratur mehrere Längenangaben des Sonnenjahres kursierten. Ptolemäus spräche von einer Abweichung, die in 300 Jahren einen Tag betrüge, während Albategni das Vorrücken des Frühlingspunktes um einen Tag alle 100 Jahre angebe (Rep. kal. II. n. 9). Cusanus nennt zudem den Wert der Alphonsinischen Tafeln, der mit einem Tag in 134 Jahren bemerkenswert nahe an den heute gültigen Wert heranreicht (Rep. kal. II. n. 9). Nichtsdestoweniger wagt es Nikolaus nicht, sich auf eine dieser Jahreslängen festzulegen und verzichtet in Ermangelung der genügend genauen Kenntnis des Sonnenjahres auf eine gezielte Korrektur des letzteren. Er richtet seine gesamte Aufmerksamkeit auf die Reform des Mondkalenders. Dabei schlägt er vor zunächst sieben Tage im Kalender ausfallen zu lassen um die Äquinoktien wieder annähernd an die Zeitpunkte zurückzuführen an denen sie zur Zeit des Nicäums gelegen haben (Rep. kal. VIII. n. 45). Damit einhergehend schlägt er eine Umwandlung der Goldenen Zahl in einen Goldenen Zyklus vor, wobei letzterer gegenüber ersterem um vier Einheiten verschoben ist, um die richtigen Ostergrenzen wieder zu erreichen (Rep. kal. VIII. n. 45). Man beachte hierbei, dass Cusanus auch das Fallenlassen einer zyklischen Berechnung zugunsten etwa einer Bestimmung der Vollmonddaten durch additive Berechnung der mittleren Lunationsdauern oder vermittels astronomischer Tafeln diskutiert, von einem solchen Vorgehen jedoch absieht, da dies für die einfachen Leute nicht nachvollziehbar sei und zudem noch alle bestehenden komputistischen Büchern nutzlos werden lasse (Rep. kal. VIII. n. 41 f.). Um der zukünftigen Verschiebung des Goldenen Zyklus gegenüber den Konjunktionen zu verhindern sieht Cusanus zudem vor, alle 304 Jahre einen Schalttag fallen zu lassen (Rep. kal. X. n. 55). Damit erreicht er einen Osterfestkalender, der über mehr als 1000 Jahre hinweg ein korrektes Osterdatum geliefert hätte, wenn man die von Cusanus ebenfalls besprochene und empfohlene Regel der ‚Alten‘ berücksicht, in Mondjahren mit 13 Monaten Ostern niemals im März zu feiern (Rep. kal. X. n. 56). Es sind nämlich höchsten in diesen Jahren, in denen der wahre Frühlingsvollmond im cusanischen Kalender vor den 21. März fallen kann.

Weitere Entwicklung

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Die cusanische Kalenderreform wurde nicht sanktioniert. Zwar hat das Basler Konzil nach dem Weggang des Nikolaus von Kues ein Kalenderdekret ausarbeiten lassen, doch kam dieses nicht zur Ausführung (Kaltenbrunner, Vorgeschichte S. 337f. [[bib:1859]], Honecker, Entstehung S. 591f. [[bib:1251]]).

Erst im Jahre 1582 dekretierte Papst Gregor XIII. einen verbesserten Kalender. Dieser Gregorianische Kalender basiert auf besseren Angaben der Längen des Sonnen- wie des Mondjahres als sie Cusanus zur Verfügung standen und er erreicht deshalb auch eine zufriedenstellende Reform sowohl des Sonnen- als auch des Mondjahres. Man kann jedoch behaupten, dass sich die drei grundsätzlichen Ansätze, die in die gregorianische Kalenderreform einflossen, bereits in ihrer Grundüberlegung bei Nikolaus finden: das Fallenlassen einer bestimmten Anzahl von Tagen zur Wiederherstellung der Situation des vierten Jahrhunderts (bei Gregor 10 Tage; bei Cusanus 7 Tage), die Neuregelung des Mondzyklus (bei Gregor die Lilianische Epakten; bei Cusanus Goldener Zyklus durch einfache Permutation der Goldenen Zahl) und der Änderung der Schaltregel (bei Gregor dient diese Änderung der Erhaltung des ‚richtigen‘ Sonnenjahres; bei Cusanus dient die Änderung der Erhaltung des Mondjahres).

Bemerkenswert ist in diesem Kontext ebenfalls die Tatsache, dass die Kalenderreform für Cusanus einen wesentlichen Bestandteil der von ihm angestrebten gesamtkirchlichen Reform darstellte und er die Schrift De reparatione kalendarii am Ende seines Lebens noch einmal überarbeitete und in den Kanon seiner zu druckenden Werke in den Codices Cusani 218 und 219 aufnahm.

Tom Müller

04.12.2008

zuletzt bearbeitet: 04.12.2008