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Kerbe

aus AufEinWort, der freien Forschung

Kerb + -e

KERBE[1], f. subst. zu kerben in mehrfacher bed.; ahd. nicht nachgewiesen, mhd. kërbe gramm. 13, 137 (ohne beleg), dem.kerbelîn troj. kr. 19986, vermutlich auch kërve, s. nachher. mnd. kerve und carve [ Dief.] 180a, nnd. karve, auch kerw (Danneil),nl. kerf, bei Kil. kerf und kerve, schott. carf; altfr. kerf, ags. cyrf. bemerkenswert ist die ausprägung aller drei geschlechter, denn esgibt auch kerb, kerbe m., kerf, karf n., s. unter  [ 1DWb]  kerb. entlehnt böhm. poln. karb m., böhm. karba f., litt. kárbas m.Merkwürdig sind nd. nebenformen: karre Richey u. a., kâr Schütze, karn Br. wb., Dähnert; auch altfries. kere neben kerf, wie imzeitwort koren neben korven geschnitten, kere neben kerve conj., nd. karren (karnen) neben karven. s. dazu kerben 4, f.
Die form mit f zeigt sich aber auch hd.: kerfe, dica. voc. ex quo Nürnb. 1482 bei [ Dief.] 180a, ebenda kerf, kerfe aus mitteld., rhein.vocc.; blätter (von kohl) beiderseits zerschnitten mit kerfen. [ Bock] 676; die blätter sind breit, lang und spitz ohne kerfen. [ Tabernäm.]440 (vgl.blätter gleich sägezähnen 481). ebenso kerfen dicare [ Dief.] 180a aus denselben quellen, auch oberd., abkerfer abdicatorgemma Straszb. 1518 A 2b (aber kerbholz G 4b), kerfholz talea [ Ruland] dict. Augsb. 1586 ([ Dief.] 572a). dasselbe wort musz auch kerfbei [ Behaim] Wiener 380, 11 sein, er erwähnt da löcher, grub und kerf (m.?), mit denen sich die belagerer in eine schanze wiemaulwürfe eingraben. s. auch unter kerbholz, kerbhölzlein, kerbzettel, kerbig. wenn das nicht nd. einflusz ist (s.  [ 1DWb]  kerben 4,a), spricht es für ein mhd. kerve, kerven, dessen v zu f vergröbert ward (vgl. sp. 443), und in dem 'kerwe' im mœre vom feldbauer141 (Germ. 1, 348a) scheint diesz kerve vorzuliegen; es ist wie mhd. werven (werfen) für werben. 1
[]1) Die bedeutung musz von haus aus allgemeiner gewesen sein. darauf deutet folg.: karn, das stück so herausgeschnitten wird, ênkarn hering, ein stück aus dem hering. Brem. wb. 2, 742, êne karre hering ein heringsschnitt [ Richey] 110; nl. kerf, ghesneden stuck,segmen. Kil. so schnitten die femboten bei nächtlicher ladung drei kerben aus dem rennbaum. [ Wigand] femg. 510, [ Grimm] rechtsalt.174, wie sonst ein span ausgeschnitten wird; einen kerben (also schw. m.) hauen aus dem rigelbaum oder pforten. [ Scherz] 776 ausSenkenberg, als ausweis für die vollbrachte ladung. Das fries. kerf bedeutet auch den schnitt, 'das durchschneiden' (wie ags. cyrfabscissio), die verschiednen arten der wunden werden im rechtsgebrauch damit benannt, z. b. halssinikerf, durchschneiden derhalssehne, s. [ Richthofen] 864a. Das bergmännische 'kerwe' vorhin könnte nach seiner umgebung (kerwen, kratzen, kîlhouwen) einwerkzeug zum kerben sein. Eine ostfries. redensart karven up de hôrns hebben, ein runzliges, altes gesicht haben [ Stürenburg] 103b(eig. offenbar von den hörnern alter   /Bd. 11, Sp. 558/ kühe) belegt die bed. runzel, und sie könnte nach kerben 1, d auch hd. sein;vgl. schott. carfuddle runzeln, böhm. karbuju runzeln, karbička runzelchen, litt. karbótas (eig. kerbig) runzelig, s.  [ 1DWb]  kerben 4,b. 2
[]2) Hd. kerbe, einschnitt, gemachter und natürlicher. 2@a
[]a) eine kerbe in etwas machen, schneiden, feilen, hauen u. a. Adelung; kerbe die man (an den ecken) in eine hölzene schachtelschneidet, dasz der faden hält mit dem man sie zubindet. [ Frisch] 1, 510b, ein einschnitt der durch zwei schnitte gebildet wird, die sichim winkel begegnen, das ist jetzt der genaue begriff; aber es musz auch das nur eine beschränkung des urspr. allgemeineren begriffssein, s. unter  [ 1DWb]  kerben. sprichwörtlich mit jemand in éine kerbe hauen, ihm nachsprechen, es mit ihm halten; es rührt wolvon zimmerleuten her, deren zwei an einer kerbe hauen, sodasz einer dabei leitet. an der säge, sägenkärben serrarum crenae [ Stieler]954. bei gärtnern, in die kerbe pfropfen, das pfropfreis in eine kerbe setzten (Adelung, auch in den kerb). kerbe am pfeil, womit er indie bogensehne passt, nl. kerf Kil.:

zog die senn' und die kerbe (zum schusse an).
[ Voss] Od. 21, 419, γλυφίς;
und dann zog er die kerbe zugleich und die nerve des rindes,
dasz die senne der brust annaht'
Il. 4, 122.

die kerbe an der armbrust, worein die gespannte sehne gelegt wird. 2@b
[]b) besonders einschnitt in das kerbholz (s. 3), als merkzeichen beim zählen, rechnen: und damit wir den sabbath auch heiligen ..mögten, schnit ich an stat eines calenders alle tage eine kerbe auf einen stecken, und am sontag ein creuz. Simpl. 1, 646 (6, 21), 2,233 Kurz. 2@c
[]c) 'nicht ganz zusammengedrückte falte' in weiszzeug (Pierer), s.  [ 1DWb]  kerbholz 2, a, kerben 2, d; vgl. karve runzel sp. 557 unten.2@d
[]d) natürliche kerbe, z. b. an blättern mit gekerbtem rande, s. vorhin schon Bock, Tabernämontanus. besonders aber 2@e
[]e) am menschlichen (thierischen) körper. 'kerbe zwischen den hinterbacken' Frisch, arschkerbe (auch nl. aarskerf, ostfries.nærskarve), auch für den ganzen körpertheil:

es druckt mich so ser umb die kerben (von indigestion),
ich hab sorg, ich musz sterben.
fastn. sp. 61, 32;

da nam er ein stück butter und stiesz das hinten in die kerben und kert den ars hinten z dem füer uber den braten und bedrouftalso den braten mit dem buttern usz der kerben. Eulensp. hist. 72;

auch haut man mich ubel mit ruten,
das mir oft thet die kerben bluten.
[ H. Sachs] 3, 3, 63c;

(wische von lumpen) da eim die fasen zwischen der kerben bleiben. Garg. 136b (248);

und hub sich schnell auf hinden, bisz
man iren sah die kerb gewisz.
flöhhatz 812 Sch.;

bald schwang er sich durch die hinderste bein (des pferdes) mit der zung durch die kerb fahrend auf des pferds rucken. Garg. 230a(431). Noch eine andre kerbe aus der bauernsprache des 15. jh. in den fastnachtspielen:

das er meiner frauen wart (dient) zu der kerben
und leszt mir mein felt ungepaut.
99, 4,

so klagt ein bauer über seinen knecht, ebenso 785, 28, krinne 98, 12. Kerbe auf der brust, die rinne in der mitte, von Voss gebrauchtfür Homers στῆθος μεταμάζιον:

und ihm flog nicht eitles geschosz aus der rechten,
sondern es traf in die kerbe der brust.
Il. 5, 19.

beim rindvieh der spalt in den klauen, s.  [ 1DWb]  kerbweh. 3
[]3) Auch das kerbholz heiszt kurz die kerbe (oder der kerb, s. d.), nl. kerf Kil., wie auch frz. taille, it. taglia, engl. score zugleich denkerbschnitt und das kerbholz bezeichnen. schon in Twingers voc. kerbe, dica ([ Scherz] 776), sodasz es schon mhd. sein musz; in vocc.des 15. jh. wird das mlat. wort mit kerbe, kerb, kerp, kerfe, nd. kerve, carve, kerf glossiert ([ Dief.] 180a), im bair. voc. v. 1419 mit kärm(für kärbn) oder raitholz (rechenholz); kerb, dica, apoca oder raitholz. voc. 1482 q 3a; kerb oder kerbholz, crena, talea, tessera[ Maaler] 242c:

die zal die steet noch an meiner kerben.
fastn. sp. 734, 13;

dazu soll ein paumeister (der stadtbaumeister) bestellen, das die zimmergesellen an der stat arbeit ein kerben haben, doran sie dieschnit schneiden, so oft sie (ihre äxte u. dgl.) schleifen lassen. desgleichen soll der schleifer auch ein kerben haben dergleichen,doran man solich schnit schneidt. [ Tucher] baumeisterbuch 112, 32, das ist kerbe und gegenkerbe (vgl.  [ 1DWb]  gegenzettel das. 240)zur schlieszlichen berechnung, s.  [ 1DWb]  kerbholz 1, d;   /Bd. 11, Sp. 559/

und wan ich eine plosz lasz grüeszen,
meint ich, si solt mit hend und füeszen
darnach selbs umb mich lassen werben,
des (darum) schneitt mich gleich auch an die kerben!
284, 11,

nämlich als narren; (der vogelfänger mit dem kloben) will es fur ein lob haben, ie mer er an die zedeln und kerben mag bringen.[ Albr. v. Eybe] 5b;

mit meinen fersen bzalt ich das (dem wirte),
was an der kerben zeichnet was (meine rechnung).
[ Murner] schelm. 15b (s. 3, 1544);
und wann du wilt verderben,
schuldhalb must ausz dem land,
so zeigt man mirs an dkerben.
Garg. 90a (155),

setzt mirs auf die rechnung, worte einer frau an einen schlemmer der um sie wirbt, aus einem schlemmerliede. Den gebrauch derkerbe im wirtschaftswesen um 1500 zeigt Nic. Engelmanns anweisung für verwaltung des Mainzer hofes zu Erfurt; z. b. bei derübergabe an den neuen küchenmeister soll dieser u. a. acht haben .. uf das messen (der frucht, getreidevorräte) und das zelen, auchuf das anschniden (an das kerbholz) grosz (besondere) acht haben, und die kerben (pl.) verwarlich halten, bisz die frucht gar(völlig) gemessen wirdet. sal er dan von den kerben in sein manual schriben, wie vil der gewest ist, und das er solchs von demalten küchenmeister N. entpfangen habe. er sal auch uf iglich kerbe schriben, was es vor frucht sei, die ihme geliebert wurdet.[ Michelsen] Mainzer hof s. 18. es ist aber schon hier nur noch bei frucht und wein gebraucht, und zwar eigner weise als neutr.: (derbäcker des hofs) sal alle zeit, so die drescher (die gedroschene) frucht in den schawern ufheben wollen, darbi sein und .. uf ein holzschniden wie viel ufgehaben ist, und dem küchenmeister das kerbe geben. 36; so man den mastschwinen gersten male, sal er demmüller, dweil die mast (mästezeit) wehret, die darmessen und ein kerbe mit ihm machen, und zu ende derselben demküchenmeister das kerbe liebern, wieviel gemalen ist. 37, über diesz kerbe machen mit einem (das. s. 36 auch zwischen kelner undweinkäufer) s.  [ 1DWb]  kerbholz 1, d; so man sewen (säen) will, sal er solchs ausgeschnitten kerben (s. kerbzettel) mit demoberackerman machen .. (die getreidearten genannt), und uf iglich (kerbe) schriben laszen was sie halten .. und solchs sal alsbald ufzwo kerben geschnitten werden und der oberackerman sein kerb bi ihme behalten, aber der becker sal sein kerbe in die haufenstecken davon man sewet. und so das sewen gescheen ist, sallen sie beide dem küchenmeister die kerben liebern. 36. 37, das zwokerben wird doch fem. sein; er sal ein lange kerbe machen und daran schniden, wievil leiten weins in iglichem weingarten undberge gewachsen sein. 36; (es) brengt der weinmeister vor der stadt uf den sambstag ein kerbe (über die wöchentliche löhnung derarbeitsleute), das rechnet der küchenmeister und gibt dem küchenschriber das gelt und leszt ihnen ablohnen. so (dagegen) brengtder weinmeister zu Tiefenthal sein kerbe uf den sontag, (dann) rechent der küchenmeister und gibt ihme das gelt und leszt ihnen(acc. sing.) den arbeitern lohnen. darnoch nimpt der küchenmeister die dri kerben .. und schribet iglichs (kerbe) sunderlich in seinmanuale. 45, also auch ganz gleich 'rechnung', wie engl. score und wie mlat. dica. dieses 'das kerbe' scheint doch nur vermischungvon die kerbe und das kerbholz, obwol auch das kerb hie und da vorliegen könnte, wie nd. karf, nrh. kerf n. (s.  [ 1DWb]  kerb), dasaber auch den kerbschnitt bezeichnet.

  1. ↑ „KERBE, f. subst.“, Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities, Version 01/23, <https://www.woerterbuchnetz.de/DWB?lemid=K03617>, abgerufen am 08.01.2024.