Kleitophon (Platon)
KLEITOPHON. (Exhortatorius)
Nach der Übersetzung von Friedrich E. D. Schleiermacher
in: Platons Werke, zweiten Teiles dritter Band, dritte Auflage, Berlin 1861, bearbeitet.
Durch Anklicken der indizierenden Seitenzahlen im deutschen Text wird die entsprechende Seite mit dem griechischen und lateinischen Text der Edition Typographia Societatis Bipontinae angezeigt.
[406 St.3 D*] SOKRATES: Hat mir doch neulich jemand vom Kleitophon, dem Sohne des Aristonymos, erzählt, dass er im Gespräch mit dem Lysias des Sokrates Art zu lehren getadelt, des Thrasymachos Umgang dagegen über die Maßen gerühmt habe.
KLEITOPHON: Wer das auch sei, o Sokrates, so hat er dir nicht richtig, was ich mit Lysias von dir geredet, berichtet. Denn einiges freilich habe ich an dir nicht gelobt, anderes aber habe ich auch gelobt. Da du nun offenbar unzufrieden mit mir bist, wiewohl du dir das Ansehen gibst, dich nichts darum zu kümmern, so möchte ich dir am liebsten selbst die Gespräche erzählen, zumal wir allein sind, damit du nicht so sehr glaubst, dass ich mich schlecht gegen dich betrage. [E*] Denn nun hast du es vielleicht nicht richtig gehört, und zeigst dich deshalb unwilliger gegen mich als recht ist. Gewährst du mir also Freimütigkeit, so nehme ich das gern an und will reden.
SOKRATES: Das wäre ja schmählich, da du dir die Mühe geben willst [407 St.3 A] mir nützlich zu sein, wenn ich dir nicht zuhören wollte. Denn offenbar, wenn ich erfahre, worin ich schlechter bin und worin besser, werde ich das eine üben und ihm nachtrachten, und das andere vermeiden aus allen Kräften.
KLEITOPHON: So höre denn. Oft nämlich, o Sokrates, war ich im Umgang mit dir ganz erstaunt, wenn ich dich hörte, und du scheinst mir vor allen anderen Menschen am vortrefflichsten zu reden, so oft du die Leute strafend gleichsam wie ein Gott aus der Theatermaschine einer tragischen Bühne deine Stimme erhobst und sagtest: Wo treibt ihr hin, Leute, und wisst nicht, dass ihr nichts tut von dem was ihr solltet, die ihr um Geld und Gut euch alle ersinnliche Mühe gebt damit ihr es erlangt, um die Söhne [B] aber, denen ihr doch dies alles hinterlassen müsst, wie sie wohl verstehen werden alles dies recht zu gebrauchen, unbekümmert bleibt, und ihnen weder Lehrer sucht für die Gerechtigkeit, wenn sie denn lehrbar ist, oder, falls sie nur will eingeübt und eingewöhnt sein, solche, die sie hinlänglich einüben und eingewöhnen, noch auch habt ihr vorher euch selbst dieses angedeihen lassen. Allein wenn ihr nun seht, euch selbst und eure Kinder, dass sie die Sprache, die Musik und die Gymnastik hinlänglich gelernt haben, was ihr für die vollständigste Anleitung zur Tüchtigkeit in allen Dingen haltet, und dass sie sich nichts desto weniger schlecht zeigen wo es auf Geld und Gut ankommt, weshalb verachtet ihr nicht diese Erziehung, und sucht nicht Leute, [C] die euch dieses Missstandes entledigen? Da ja doch eben um dieser Verderbtheit und Fahrlässigkeit willen, nicht aber weil der Fuß nicht rechten Takt hält mit der Leier, ein Bruder mit dem anderen und eine Stadt mit der anderen in taktlose und verstimmte Verhältnisse kommen, und in bürgerlichen Unruhen und Kriegen das Äußerste einander antun, und voneinander erdulden. Ihr aber behauptet nicht aus Unerzogenheit und Unwissenheit, sondern freiwillig, seien die Ungerechten ungerecht, und habt dann doch wieder das Herz zu sagen, die Ungerechtigkeit sei schändlich und gottlos. Wie sollte nun wohl ein solches Übel jemand freiwillig wählen? — Ja, sagt ihr, [D] wer den Lüsten unterliegt. — Aber dann ist ja dieses wieder unfreiwillig, wenn das Siegen freiwillig ist. So dass auf alle Weise in der Rede herauskommt, dass das Ungerechtsein unfreiwillig ist, und dass also jeder für sich, und für das Gemeinsame alle Städte, größere Sorgfalt als die bisherige hierauf wenden müssen.
Dergleichen also, o Sokrates, wenn ich dich oftmals sagen höre, habe ich große Bewunderung dafür, und lobe es sehr. So auch wiederum, wenn du das hierauf folgende vorträgst, dass diejenigen, welche den Leib zwar üben, die Seele aber vernachlässigen, zugleich etwas solches tun, dass sie das, was herrschen soll, vernachlässigen, [E] und sich um das, was beherrscht werden soll, Mühe geben, und wenn du sagst, dass welches Ding jemand nicht zu gebrauchen versteht, dessen Gebrauch er besser tue zu unterlassen, wenn also jemand seine Augen nicht zu brauchen verstehe oder seine Ohren oder seinen gesamten Leib, dem sei es auch besser, weder zu hören, noch zu sehen, noch irgend einen anderen Gebrauch seines Leibes zu machen, als ihn nur irgendwie zu gebrauchen. Und mit allem was Kunst ist ebenso. [408 St.3 A] Denn wer nicht verstehe seine eigene Leier zu gebrauchen, der offenbar auch nicht die seines Nachbarn, und wer nicht die der anderen, der auch nicht seine eigene, noch ebenso irgendein anderes Werkzeug oder Besitztum. Und sehr schön endigt dir diese Rede darin, dass, wer die Seele nicht zu gebrauchen verstehe, dem wäre es besser, wenn seine Seele gar nicht tätig wäre, und nicht zu leben besser, als zu leben sich selbst überlassen, wenn ihm aber eine Notwendigkeit wäre zu leben, so sei es also für einen solchen besser ein Knecht zu sein, als frei sein Leben lang, gleichsam wie bei einem Schiffe die Steuerruder seiner Seele einem anderen übergebend, der nämlich [B] die Steuerkunst der Menschen gelernt hat, welche du, o Sokrates, immer die Staatskunst nennst, und sagst, dieselbe sei auch die Kunde und Pflege des Rechts und die Gerechtigkeit. Diesen Reden also und anderen solchen, sehr vielen und sehr schön gesprochenen, dass man neben dem, was außer der Tugend lehrbar sei, vor allem anderen auf sich selbst Sorge wenden müsse, habe ich gewiss wohl niemals widersprochen, noch ist mir bange, dass ich es jemals in Zukunft tun werde, sondern ich halte sie für anregend und heilsam im höchsten Grade, und die uns recht wie aus dem Schlafe aufwecken.
[C] Ich gab also recht acht um nun auch das weitere zu hören, und fragte zuerst nicht dich, o Sokrates, sondern von meinen Gefährten und Mitstrebern, deinen Freunden oder wie man dieses ihr Verhältnis gegen dich bezeichnen soll, von diesen fragte ich zuerst diejenigen, welche am meisten von dir dafür geachtet wurden etwas zu sein, um von ihnen zu erfahren, welches denn nun die weitere Rede sei, und gewissermaßen nach deiner Art die Sache aufgreifend, sagte ich ihnen:
O ihr Besten, wie sollen wir doch wohl nun des Sokrates Anregung zur Tugend ansehen? So, als ob dieses das Einzige wäre, das zählt, aber nicht weiter zu gehen [D] in der Sache und sie vollständig zu ergreifen möglich ist? Sondern soll dieses unser ganzes Leben lang immer unsere Aufgabe sein, die noch nicht Angeregten anzuregen und diese wiederum andere? Oder sollen wir nicht den Sokrates und uns einander nun auch des Weiteren ausfragen, nachdem wir einig geworden, dass eben dieses der Mensch tun müsse, was also nun weiter? Wie, sagen wir nun, soll man es anfangen um die Gerechtigkeit zu erlernen? So, wie wenn einer uns anregen wollte Sorge zu wenden an unseren Leib, der da sähe, dass wir gar nicht bedächten, wie Kinder, dass es eine Gymnastik und eine Heilkunde gibt, und uns also schelten würde und sagte: Es wäre doch schändlich auf Weizen und Gerste und Trauben allen Fleiß zu wenden, und auf alles, was wir um des Leibes willen [E] verarbeiten und erwerben, für ihn selbst aber, dass er so gut als möglich gedeihe, durchaus keine Kunst oder Geschicklichkeit aufzufinden imstande seien, und wir diesen, der uns so anregte, weiter fragten: Welches, sagst du, sind diese Künste? [409 St.3 A] Er uns vielleicht sagen würde die Gymnastik und die Heilkunst, so auch jetzt, welches behaupten wir denn nun sei die zur Tugend der Seele führende Kunst? Das muss doch gesagt werden.
Der nun unter ihnen schien der Tüchtigste zu sein, sagte mir zur Antwort hierauf, diese Kunst sei dieselbe, welche, sprach er, du immer vom Sokrates nennen hörst, keine andere als die Gerechtigkeit.
Als ich nun sagte: Sage mir aber nicht den Namen allein, sondern so. Eine Kunst heißt doch die Heilkunst. Was nun diese bewirkt ist zweierlei. Das eine, dass sie zu den Ärzten, welche es schon gibt, immer neue bildet, das andere ist die Gesundheit. Hiervon nun ist das eine nicht mehr Kunst, [B] sondern vielmehr das Werk der lehrenden und erlernten Kunst, welches wir die Gesundheit nennen. Und bei der Baukunst auf gleiche Weise ist das Haus und die Baukunst jenes das Werk und dieses die Lehre. So nun soll es der Gerechtigkeit ebenfalls zukommen, einmal
Gerechte zu machen, wie auch dort jede ihre Künstler, das andere aber, das Werk, welches der Gerechte im Stande sein soll uns hervorzubringen, welches behaupten wir denn sei dies, das erkläre mir.
So antwortete nun dieser, glaube ich, das Zuträgliche, ein anderer das Geziemende, wieder einer das Nützliche, und einer das Vorteilhafte.
Ich aber holte noch weiter aus und sagte: Auch dort verwendet man ja eben dieselben Ausdrücke in einer jeden Kunst, nämlich richtig handeln [C] und zweckmäßig und nützlich und alle dergleichen, aber worauf nun alles dieses sich bezieht, das wird jede Kunst auf ihre Art sagen, wie die Zimmerkunst wird sagen, gut schön und richtig dazu, dass hölzerne Geräte entstehen, was ja nicht die Kunst selbst ist. Dieses sagt mir nun von der Gerechtigkeit.
Endlich nun antwortete mir einer, o Sokrates, von deinen Freunden, welcher ja am besten schien zu sprechen, dieses wäre das eigentümliche Werk der Gerechtigkeit, was sie mit keiner anderen Kunst teile, Freundschaft in den Staaten zu bewirken. Dieser nun, [D] weiter befragt, sagte, die Freundschaft sei ein Gut und niemals ein Übel. Die Freundschaften der Kinder aber und der Tiere, die wir auch mit diesem selbigen Namen benennen, nahm er nicht an, dass sie Freundschaften wären als er weiter gefragt ward, denn es ergab sich ihm, dass dergleichen mehrenteils mehr schädlich sind als gut. Darum wich er diesem aus, und behauptete, dergleichen wären auch nicht einmal Freundschaften, sondern falsch würden sie benannt von denen, die sie so benennen, die wahrhafte und rechte Freundschaft aber sei offenbar eine Gleichgesinntheit. Als er aber gefragt wurde, ob er unter der Gleichgesinntheit eine Gleichheit der Meinung verstehe oder eine Erkenntnis, so verschmähte er die Gleichheit der Meinung, denn wir wurden darauf geführt, dass häufig auch schädliche Meinungsgleichheiten unter den Menschen entstehen, [E] die Freundschaft aber hatte er behauptet, sei durchaus ein Gut und das Werk der Gerechtigkeit. Darum nun erklärte er für dasselbe mit ihr die Gleichgesinntheit als welche Erkenntnis sei, nicht Meinung.
Als wir nun soweit waren in der Rede, konnten schon die Anwesenden ihm Vorwürfe machen [410 St.3 A] und zeigen, dass diese Erklärung wieder auf dasselbe hinauslaufe wie die früheren, indem sie ihm sagten: auch die Heilkunst ist ja eine Gleichgesinntheit und alle anderen Künste, und sie wissen auch zu sagen worin, die aber von dir beschriebene Gerechtigkeit oder Gleichgesinntheit weiß selbst nicht wohin sie zielt, und unbekannt ist, welches wohl ihr Werk sein mag.
Eben dieses nun, o Sokrates, fragte ich zuletzt dich selbst. Da sagtest du mir zuerst, der Gerechtigkeit läge ob, den Feinden zu schaden und den Freunden wohl zu tun. Hernach aber zeigte sich, dass der Gerechte niemals irgendjemanden schade, sondern alles täte er allen nur zum Besten.
Dies nun habe ich nicht einmal nur oder zweimal, sondern eine lange Zeit hindurch mir gefallen lassen und immer ausgehalten, [B] bis ich endlich müde geworden bin und die Meinung gefasst habe, dass zum Fleiß in der Tugend anregen, dieses du unter allen Menschen am trefflichsten leistest, aber eins von beiden, entweder nur so viel könntest, weiter aber nichts, wie das auch bei jeder anderen Kunst sein kann, wie dass einer, der kein Steuermann ist, doch das Lob dieser Kunst darlegen kann, dass sie den Menschen gar vieles wert ist, und bei allen andern Künsten ebenso. Dasselbe nun könnte einer auf dich anwenden in Bezug auf die Gerechtigkeit, dass du nämlich deshalb um nichts mehr dich auf die Gerechtigkeit verstehen müsstest, weil du sie [C] so schön loben kannst. Allein, so meine ich ist es nicht, sondern nur eins von beiden, dass du dich entweder nicht darauf verstehst, oder mir nichts davon mitteilen willst. Darum also werde ich nun, denke ich, zum Thrasymachos gehen, und anders wohin ich nur immer kann, aus Verlegenheit. Denn wenn du nur wolltest auf diese nur aufmunternden Reden gegen mich zu verzichten, so wie wenn du mich angeregt hättest zur Gymnastik, dass man den Leib nicht vernachlässigen dürfe, du mir wohl auch was auf die ermunternde Rede folgt, würdest gesagt haben, nämlich wie mein Leib von Natur [D] beschaffen wäre, und welcherlei Pflege er also bedürfe, so auch hier dasselbe: Nimm nur an, Kleitophon habe schon eingestanden, dass es ganz
lächerlich sei, auf alles andere Sorgfalt zu wenden, die Seele aber, um derentwillen wir auf alles andere hinarbeiten, gänzlich zu vernachlässigen, und alles übrige denke dir, dass ich nun ebenso gesagt hätte was damit zusammenhängt, wie ich es auch nur eben durchgegangen bin. Und ich sage dies, dich bittend, o Sokrates, dass du es doch ja nicht anders machen mögest, damit ich nicht, wie jetzt, einiges zwar an dir lobe gegenüber dem Lysias und den übrigen, anderes aber auch wieder tadle. Denn dass du einem noch nicht angeregten Menschen [E] alles wert bist, werde ich immer behaupten, aber einem schon angeregten Menschen kannst du beinahe sogar ein Hindernis sein, durch Vollendung in der Tugend glückselig zu werden.