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Kohärenztheorien der Rechtfertigung

aus AufEinWort, der freien Forschung

Q: Kohärenztheorien der Rechtfertigung

Nach der Kohärenztheorie der Rechtfertigung (auch: Kohärentismus) „besteht die Rechtfertigung einer einzelnen Überzeugung in der Mitgliedschaft in einem System von Überzeugungen, dessen einzelne Überzeugungen untereinander […] in vielfältigen Rechtfertigungsbeziehungen stehen“.[1]

Wissen im Sinne einer gerechtfertigten Meinung gründet nicht nur auf einem Fundament nichtinferentiellen (empirischen) Wissens oder gerechtfertigten Meinens.

Meinungen seien, lehren Kohärentisten, nur gerechtfertigt durch Relationen mit anderen Meinungen. Neben fundamentalistischen Epistemologien (einige Meinungen seien unabhängig von Relationen zu anderen Meinungen selbst gerechtfertigt) werden von Kohärentisten reliabilistische Theorien abgelehnt (einige Meinungen seien dadurch gerechtfertigt, Produkt verlässlicher Meinungsbildungsprozesse zu sein).

Taxonomie der Kohärenztheorien der Rechtfertigung

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Kohärenztheorien der Rechtfertigung wurden mit unterschiedlichen Kriterien in Klassen eingeteilt.

Positive und negative Kohärenztheorien

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Zahlreiche Kohärenztheoretiker unterscheiden positive und negative Kohärenztheorien.[2][3][4] Gilbert Harmanbezeichnet eine negative Kohärenztheorie auch als general foundations theory.[5][6]

Negative Kohärenztheorien nennt man Kohärenztheorien, die alle Überzeugungen solange für zunächst einmal (prima facie) gerechtfertigt halten, bis etwas gegen sie spricht. Harman bezeichnet dies als Prinzip der positiven Unterminierung[7] und Erik J. Olsson als negative Konsolidierung.[8]

Eng verwandt mit negativen Kohärenztheorien ist das sog. Konservativismusprinzip, demzufolge ein Subjekt gerechtfertigt ist, seine Überzeugungen zu behalten, solange es keine Gründe hat, die dagegen sprechen.

Ein Problem für negative Kohärenztheorien ist, dass negativen Kohärenztheorien zufolge auch astrologische und religiöse Überzeugungen zunächst einmal gerechtfertigt sind. Harman bezeichnet diesen Einwand als antireligiösen Einwand.[6]

Ein weiterer Einwand ist der Paranoia-Einwand, demzufolge jemand mit Paranoia zu seinen Überzeugungen einer negativen Kohärenztheorie zufolge gerechtfertigt ist.[6]

Positive Kohärenztheorien nennt man Kohärenztheorien, die davon ausgehen, dass keine Überzeugung gerechtfertigt ist, solange nichts für sie spricht. Eine Überzeugung ist gerechtfertigt, wenn sie Defekte eines Überzeugungssystems reduziert bzw. die Kohärenz eines Überzeugungssystems erhöht. Olsson spricht von positiver Konsolidierung.[8]

Arbiträre und kommunikative Kohärenztheorien

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Die Unterscheidung von negativen und positiven Kohärenztheorien ist nicht vollständig. Man kann auch mit einer zufälligen Bewertung als gerechtfertigt und nichtgerechtfertigt beginnen und diese Einschätzung immer dann korrigieren, wenn etwas für oder gegen eine Überzeugung spricht. Diese Position wird als arbiträre Kohärenztheoriebezeichnet.[9]

Als zunächst gerechtfertigt können auch die Überzeugungen gelten, die die Eltern oder ein wissenschaftlicher Lehrer, ein Lehrbuch usw. vertreten, um dann ebenfalls zu korrigieren, wenn etwas für oder gegen eine Überzeugung spricht. Derartige Kohärenztheorien werden als kommunikative Kohärenztheorien bezeichnet.[9]

Computersimulationen haben ergeben, dass negative, positive, arbiträre und kommunikative Kohärenztheorien auf lange Sicht zu denselben Überzeugungssystemen führen.[10]

Kohärenztheorien mit Einbettungsgrad

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In manchen Kohärenztheorien ist die relationale Kohärenz, also die Eigenschaft, wie gut eine Überzeugung zu einem Überzeugungssystem passt, eine graduelle Eigenschaft. Man spricht in diesem Fall von Kohärenztheorien mit Einbettungsgrad.[11]

Die Kohärenztheorien von Harold H. Joachim und Francis Herbert Bradley sind, wenn man sie als Kohärenztheorien der Rechtfertigung liest, Kohärenztheorien mit Einbettungsgrad. Neuere Kohärenztheorien mit Einbettungsgrad sind die von Laurence Bonjour, Paul Thagard, Wang, Daniel Schoch und Wiedemann. Dieser entspricht in Constraint-Satisfaction-Theorien (Thagard, Wang, Schoch, Wiedemann) dem Grad, den Überlegungen haben, wenn die Netze ihr Gleichgewicht gefunden haben.[12]

Gewichtete und ungewichtete Kohärenztheorien

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In den meisten Kohärenztheorien der Rechtfertigung wird die Kohärenz einer Überzeugungsmenge durch Inferenzen (z. B. Erklärungen) bestimmt. Werden diese Inferenzen in ihrer Stärke unterschieden spricht man von gewichteten Kohärenztheorien, sonst von ungewichteten Kohärenztheorien.[12] Beispiele für gewichtete Kohärenztheorien sind die von Thagard, Bartelborth, Wang, Schoch und Wiedemann.[12]

Kompromisslose und moderate Kohärenztheorien

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Als kompromisslose Kohärenztheorien bezeichnet man Kohärenztheorien, die sowohl ungewichtet sind als auch keinen Einbettungsgrad haben. Haben Kohärenztheorien mindestens eine dieser beiden Eigenschaften nicht, spricht man von moderaten Kohärenztheorien.[11]

Eigenschaften kohärenter Überzeugungssysteme

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Es gibt verschiedene Bedingungen, die von kohärenten Überzeugungssystemen verlangt werden. Diskutiert werden u. a.:[13][14][15]

  • Bedingung des Vernetzungsgrades: Ein Überzeugungssystem ist umso kohärenter, je mehr inferentielle Beziehungen (logische und Erklärungsbeziehungen) die Überzeugungen vernetzen.
  • Bedingung der Erklärungsstärke: Ein Überzeugungssystem ist umso kohärenter, je besser die Erklärungen sind, die die Überzeugungen vernetzen.
  • Inkonsistenzbedingung: Ein Überzeugungssystem ist umso kohärenter, je weniger Widersprüche (logische oder probabilistische Inkonsistenzen) auftreten.
  • Subsystembedingung: Eine Überzeugungssystem ist umso kohärenter, je weniger Teilsysteme es enthält, die untereinander relativ wenig vernetzt sind.
  • Anomalienbedingung: Ein Überzeugungssystem ist umso kohärenter, je weniger Erklärungsanomalien auftreten
  • Konkurrenzbedingung: Ein Überzeugungssystem ist umso kohärenter, je weniger konkurrierende Erklärungen auftreten.
  • Stabilitätsbedingung: Ein Überzeugungssystem ist umso kohärenter, je stabiler das Überzeugungssystem in der Vergangenheit war.

Kohärenz und Konsistenz

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Häufig, insbesondere von Kritikern der Kohärenztheorie, werden Kohärenz und Konsistenz (Widerspruchsfreiheit) identifiziert, d. h., von den genannten Bedingungen wird nur die Konsistenzbedingung verlangt.

Bereits Joachim und A. C. Ewing haben aber darauf hingewiesen, dass Kohärenz und Konsistenz nicht verwechselt werden dürfen.[16][17]

Viele Kohärenztheoretiker, die den Unterschied gesehen haben, betrachten Konsistenz als notwendige Bedingung für Kohärenz, d. h. jedes kohärente Überzeugungssystem ist nach dieser Auffassung konsistent, aber nicht jedes konsistente Überzeugungssystem auch automatisch kohärent. Neben Joachim und Ewing vertraten z. B. Stout[18] und Rescher diese Position.

BonJour hat Konsistenz zur notwendigen Bedingung für Kohärenz gemacht, um die Kohärenztheorie nicht zu kompliziert werden zu lassen.[19]

Bogen hat gezeigt, dass diese Annahme für die Untersuchungen von Newton zum Gravitationsgesetz unplausibel ist.[20]

Der Hintergrund für solche Kritiken ist, dass reiche und komplexe Theorien, die einige Inkonsistenzen enthalten, besser sind als andere Theorien, die weniger reichhaltig, aber konsistent sind.

Vertreter der Kohärenztheorie, die die Konsistenz nicht als notwendig betrachten, gehen gewöhnlich davon aus, dass ein kohärentes Überzeugungssystem so konsistent wie möglich sein sollte.[21]

Eine besondere Problematik bilden probabilistische Inkonsistenzen, d. h. Überzeugungen, die zwar einander nicht logisch widersprüchlich sind, deren gemeinsame Gültigkeit aber sehr unwahrscheinlich ist.

Komprehensivität

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Bradley fordert, umfangreiche Überzeugungssysteme den kleineren vorzuziehen:

“The highter and wider my structure, and the more that any particular fact or set of facts is implied in that structure, the more certain are the structure and the facts.”[22]

Diese Eigenschaft wird als Komprehensivität bezeichnet. Ewing beschreibt das Fehlen der Komprehensivität als

“[…] the fact that such a system of coherent propositions always covers only a very limited part or aspect of reality […]”[23]

Rescher unterscheidet zwei Formen der Komprehensivität, die externe Komprehensivität und die interne Komprehensivität.[24] Während es bei der externen Komprehensivität nach Rescher darum geht, dass die Daten möglichst reichlich eingeschlossen sind, geht es bei der internen Komprehensivität um eine Maximierung des Systems.

In gegenwärtigen Kohärenztheorien, insbesondere bei Kohärenztheorien, die dem Constraint-Ansatz von Thagard und Verbeurgt folgen, aber beispielsweise auch bei den Bestimmungen der Kohärenz durch BonJour und Bartelborth, ist die Komprehensivität eine abgeleitete Eigenschaft, die aus anderen Eigenschaften folgt, und wird nicht explizit gefordert.

Zusammenhang

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Die verschiedenen Kohärenztheoretiker sind sehr unterschiedlich damit umgangen, was es denn heißt, dass ein Überzeugungssystem in mehrere unabhängige Teile zerfällt.

Blanshard hat gefordert, wobei zu beachten ist, dass beim ihm auch kausale Verknüpfungen zu den Entailments zählen:

“Fully coherent knowledge would be knowledge in which every judgment entailed, and was entailed by, the rest of the system.”[25]

Ewing hat eine schwächere Bedingung als Blanshard formuliert und gefordert, dass jede Proposition in einem vollständig kohärenten System aus dem Rest des Systems abgeleitet werden kann.[26]

Ähnlich kohäriert nach Bernard Bosanquet ein System A, B, C, wenn C aus A und B folgt, B aus A und C und A aus B und C. Rescher bezeichnet diese Eigenschaft als Forderung der (inferentiellen) Redundanz.[27]

Die Charakterisierung von Ewing und Bosanquet hat die Eigenschaft, dass ein Teil eines kohärenten Systems nicht selber wieder kohärent sein muss.

Als eine weitere Bedingung für die Kohärenz nennt Ewing, dass ein kohärentes System eine Menge ist, deren Elemente füreinander relevant sind.[28]

Als eine Konkretisierung dieser Bedingung lässt sich die Bestimmung der Kongruenz durch Lewis auffassen, der schreibt, dass eine Menge von Aussagen genau dann kongruent genannt wird, wenn die Wahrscheinlichkeit einer jeden ihrer Aussagen steigt, wenn die anderen als wahre Prämissen angenommen werden.[29]

Sehr ähnlich formuliert Chisholm bei seiner Bestimmung der Konkurrenz, dass eine Menge A von Propositionen konkurrent für S genau dann ist, wenn A eine Menge aus drei oder mehr Propositionen ist von denen jede Proposition durch die Konjunktion der anderen für S wahrscheinlich ist.[30]

Hansson/Olsson haben dieses Prinzip als Prinzip des residualen Supports bezeichnet.[31]

Price beschreibt ein System als kohärent, wenn die Wahrheit einer jeden ihrer Propositionen die Wahrheit des Restsystems wahrscheinlicher macht.[32]

  1. ↑ Peter Baumann: Erkenntnistheorie. 2. Auflage. Metzler, Stuttgart/Weimar 2006, S. 213.
  2. ↑ John L. Pollock, Joseph Cruz: Contemporary Theories of Knowledge. 2. Auflage. Rowman & Littlefield, Lanham u. a. 1999, S. 70 f.
  3. ↑ Keith Lehrer: Coherentism. In: J. Dancy, E. Sosa (Hrsg.): A Companion To Epistemology. Blackwell, Oxford / Malden, Ma. 1999, S. 67–70.
  4. ↑ Uwe Wiedemann: Theorie der epistemischen Rechtfertigung. Univ. Leipzig, Leipzig 2004, S. 33 f.
  5. ↑ Gilbert Harman: General Foundation versus Rational Insight (Entwurf, 8. September 1999).
  6. ↑ a b c Gilbert Harman: Skepticism and Foundations (Entwurf, 27. Januar 2001).
  7. ↑ Gilbert Harman: Positive Versus Negative Undermining in Belief Revision. In: Nous, 18 (1984), S. 46.
  8. ↑ a b Erik J. Olsson: Making Beliefs Coherent. The Subtraction and Addition Strategies. In: Journal of Logic, Language, and Information, 7 (1998), S. 144.
  9. ↑ a b Uwe Wiedemann: Theorie der epistemischen Rechtfertigung. Univ. Leipzig, Leipzig 2004, S. 34.
  10. ↑ Uwe Wiedemann: Theorie der epistemischen Rechtfertigung. Univ. Leipzig, Leipzig 2004.
  11. ↑ a b Susan Haack: Evidence and Inquiry: Towards Reconstruction in Epistemology. Blackwell, Oxford / Cambridge, Ma. 1993, S. 18.
  12. ↑ a b c Uwe Wiedemann: Theorie der epistemischen Rechtfertigung. Univ. Leipzig, Leipzig 2004, S. 35.
  13. ↑ Laurence BonJour: The Structure of Empirical Knowledge. Harvard University Press, Cambridge, Mass. / London 1985, S. 95–101.
  14. ↑ Thomas Bartelborth: Begründungsstrategien. Ein Weg durch die analytische Erkenntnistheorie. Akademie Verlag, Berlin 1996, S. 193.
  15. ↑ Uwe Wiedemann: Theorie der epistemischen Rechtfertigung. Univ. Leipzig, Leipzig 2004, S. 61.
  16. ↑ Harold H. Joachim: The Nature of Truth. Clarendon, Oxford 1906, S. 73f.
  17. ↑ A. C. Ewing: Idealism. A critical survey. London/New York 1934 (Reprint: 1974), S. 228f.
  18. ↑ G. F. Stout: Immediacy, Mediacy and Coherence. In: Mind, N. S., 17 (1908), S. 30f.
  19. ↑ Laurence BonJour: The Structure of Empirical Knowledge. Harvard University Press, Cambridge, Mass. / London 1985, S. 240, Anm. 7.
  20. ↑ James Bogen: Coherentist Theories of Knowledge Don’t Apply to enough Outside of Science and Don’t Give the Right Results When Applied To Science. In: John W. Bender (Hrsg.): The Current State of the Coherence Theory. Kluwer Academic Press, Dordrecht u. a. 1989, S. 148ff.
  21. ↑ So z. B. F. H. Bradley: Essays on Truth and Reality. Clarendon, Oxford 1914, S. 202.
  22. ↑ F. H. Bradley: Essays on Truth and Reality. Clarendon, Oxford 1914, S. 211.
  23. ↑ A. C. Ewing: Idealism. A critical survey. London/New York 1934 (reprinted 1974), S. 229, Fußn.
  24. ↑ Nicholas Rescher: The Coherence Theory of Truth. Clarendon, Oxford 1973, S. 73.
  25. ↑ Brand Blanshard: The Nature of Thought. George Allen & Unwin, London 1939, Bd. II, S. 264.
  26. ↑ A. C. Ewing: Idealism. A critical survey. London/New York 1934 (reprinted 1974), S. 229.
  27. ↑ Nicholas Rescher: The Coherence Theory of Truth. Clarendon, Oxford 1973, S. 37.
  28. ↑ A. C. Ewing: Idealism. A critical survey. London/New York 1934 (reprinted 1974), S. 230.
  29. ↑ C. I. Lewis: An Analysis of Knowledge and Valuation. La Selle, Ill. 1946, S. 338.
  30. ↑ Roderick M. Chisholm: Theory of Knowledge. 3. Auflage. Prentice-Hall, Englewood Cliffs 1989, S. 71.
  31. ↑ Sven Hansson, Erik J. Olsson: Providing Foundations for Coherentism. In: Erkenntnis, 51 (1999), S. 246.
  32. ↑ H. H. Price: Perception. London 1932, S. 183.