Lautsprache und Verschriftlichung
Bei der Beschreibung des Zeicheninventars einer Sprache sowie bei der Klassifizierung von Sprachen nach bestimmten Kriterien wird in der Sprachwissenschaft gemeinhin von der Aussprache der sprachlichen Elemente, also von der lautlichen Realisierung der Sprache ausgegangen. Die schriftliche Umsetzung einer Sprache dient ihrer „Konservierung“ und kann von sehr unterschiedlicher Form sein. Sie hat mit der lautlichen Realität von Sprachen vorerst und im Grunde keinen Zusammenhang. Jedoch bildeten sich bei allen verschrifteten Sprachen bestimmte Konventionen. So wird allein mittels der lateinischen Buchstaben beispielsweise der Laut [ʃ] im Deutschen als <sch> wie in „Gulasch“ wiedergegeben, im Englischenals <sh> wie in cash ‚Bargeld‘, im Ungarischen mit <s> wie in gulyas ‚Gulaschsuppe‘, im Italienischen mit <sc> wie in scena ‚Szene‘, ‚Bühne‘ oder im Französischen mit <ch> wie in chaine ‚Kette‘. Andererseits wird im Deutschen bei der Verschriftlichung kein Unterschied zwischen der stimmhaften ([ʒ]) und der stimmlosen ([ʃ]) Variante des „sch“-Lautes gemacht, während beispielsweise im Französischen neben dem stimmlos artikulierten <ch> das stimmhafte „sch“ mit <g> wie in gendarme ‚Gendarm‘ oder mit <j> wie in jour ‚Tag‘ verschriftlicht wird. (Die unterschiedlichen Schreibungen resultieren aus der jeweiligen Wortgeschichte.) Dass Konventionen nur bedingt Gültigkeit haben können, zeigt sich unter anderem in Rechtschreibreformen.
Nicht-Sprachwissenschaftler hingegen gehen meist nicht von der Artikulation der Laute, sondern von ihrer schriftlichen Repräsentation aus: So wird von linguistischen Laien von diesem oder jenem „Buchstaben“ gesprochen, wenn eigentlich ein bestimmter „Laut“ gemeint ist, woraus fälschlicherweise auch abgeleitet wird, dass ein bestimmter Buchstabe immer auf dieselbe Weise artikuliert werden müsse. Auch bleibt dabei die Tatsache ungeachtet, dass ein Buchstabe oftmals auch gar nicht einen Laut selbst, sondern eine Lautqualität anzeigt. (So wird zum Beispiel im Deutschen der Buchstabe <e> in See anders ausgesprochen als in Meer und die Verdoppelung des Vokals bedeutet, dass der Vokal lang ausgesprochen wird.) Auch die Frage, ob die Schreibweise entweder dieser oder jener Sprache eher der tatsächlichen Aussprache der Wörter entspricht (also ob Schrift und Aussprache eher oder eher nicht „übereinstimmen“), ist auch deshalb eine laienhaft gestellte, weil meist die Verschriftlichung der eigenen Lautsprache als korrekte Norm interpretiert wird. Daher wird oftmals die Aussprache eines Wortes einer anderen Sprache – sofern nicht die Lautschrift herangezogen wird – schriftlich so wiedergegeben, als ob es sich um ein Wort der eigenen Sprache handelte.