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Masse

aus AufEinWort, der freien Forschung

mass-e agr.-lat.-deu. f. 'Teig, Klumpen, Brotleib, Stoffmenge,

    • ‘dickflüssiger Brei, Menge, Fülle, Gesamtheit, überwiegender Teil, physikalische Eigenschaft stofflicher Materie’,
    • ahd. massa (9. Jh.),
    • mhd. masse ‘ungestalteter Stoff, Klumpen, Teig’
  • ist Entlehnung aus lat. massa ‘Teig, Klumpen’,
    • das seinerseits aus griech. mā́za (μᾶζα) ‘aus Gerstenmehl hergestellter, getrockneter Teig, Gerstenbrei, -brot, (Metall)klumpen’ stammt.
  • Die Bedeutung ‘Menge’ (von Sachen, auch von Menschen) entsteht schon im Lat. bzw. Spätlat.
  • Durch das in der 2. Hälfte des 18. Jhs. in dieser Bedeutung häufige (gleichfalls auf lat. massa beruhende) frz. masse, (Plural) les masses (zur Bezeichnung revolutionärer Volksmassen) wird nhd. Masse semantisch entscheidend beeinflußt.

Masse steht für:

Masse“ wird umgangssprachlich auch oft gleichbedeutend zu „einfache Leuten“, „Ungebildete“, „Arbeiterklasse“, oder allgemeiner auch zum „Volk“ oder zur „Bevölkerung“ benutzt. Gegenbegriffe sind dann „Individuum“, „bedeutende Einzelne“, auch „die Gebildeten“. Der deutsche Soziologe Max Weber unterschied im Dreischritt zwischen „Massen“, „Gefolgschaften“ und „Eliten“. Der Soziologe Vilfredo Pareto stellt die „Masse“ den „Eliten“ und „Reserveeliten“ gegenüber, ähnlich unterscheidet Charles Wright Mills zwischen „Masse“ und „Machtelite“.

Andererseits ist ein zweiter, soziologischer Gegenbegriff auch die „Menge“. Während Massen oft (meist spontane, manchmal aber auch geplante) Hierarchien aufweisen (insbesondere in Form von Anführern und Rädelsführern), sind „Mengen“ unstrukturiert, nur situativ verbunden (etwa alle Passanten in einer Einkaufsstraße) und tendieren im Gegensatz zu „Massen“ nicht dazu, geschlossen, also aktiv und intentional zu handeln.

Bei Gustave Le Bon, dem Urheber des Begriffs der Masse, existiert bereits 1895 in seinem Buch Psychologie der Massen der Ansatz zur Unterscheidung von Menge und Masse: In der Masse existiert eine Gemeinschaftsseele, es gibt eine kollektive „Ansteckung“ der Gefühle (englisch contagion), in der Menge fehlt beides.[1] Die Masse wird als irrational bezeichnet, in der Menge handelt der Mensch relativ vernünftig, im Sinne seiner individualistischen Interessen. Der französische Soziologe Gabriel Tarde unterschied 1901 in seinem Werk La opinion et la Foule ebenfalls sogenannte „hitzige“ gemeinschaftliche Massen von „erkalteten“ Mengen; es handelt sich quasi um zwei verschiedene Aggregatzustände einer menschlichen Vielheit: Eine „kalte“, individualisierte Arbeitermenge, in der jeder seinen eigenen Zielen zustrebt, kann sich demnach „erhitzen“ und im Rausch der Gefühle, im Dienste gemeinsamer Ziele zur handelnden Masse werden (etwa Streikmasse, revolutionäre Masse).

Elias Canetti stellte 1960 in seinem Werk Masse und Macht heraus, dass das „beseligende Element“ in der Masse das Gefühl der gemeinsamen Macht, mithin die Befreiung vom individualisierten Leben im Sinne eines „Krieges aller gegen alle“ (bellum omnium contra omnes) sei: Die Masse nimmt dem in ihr integrierten Menschen seine Ohnmachtsgefühle und Vereinsamungsängste, deshalb wird sie so gerne aufgesucht. Weil die Masse aber auch machtvoll ist und im Überschwang der Gefühle zu Überreaktionen neigt, wird sie gefürchtet und gemieden von jenen, die ihr nicht angehören.