Menon (Platon)
MENON. (De virtute)
2. Teil: Menon 2 (Platon)
Nach der Übersetzung von Friedrich D. E. Schleiermacher
in: Platons Werke, zweiten Teiles erster Band, dritte Auflage, Berlin 1856, bearbeitet.
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[70 St.2 A] MENON: Kannst du mir wohl sagen, Sokrates, ob die Tugend gelehrt werden kann? Oder ob nicht gelehrt, sondern eingeübt? Oder ob weder eingeübt noch gelernt, sondern von Natur sie den Menschen zuteilwird oder auf irgendeine andere Art?
SOKRATES: Bis jetzt, o Menon, waren die Thessalier wegen ihrer Reitkunst berühmt unter den Hellenen und wurden deswegen und wegen ihres Reichtums bewundert, nun aber, wie mir scheint, auch der Weisheit wegen, [B] und darin nicht am wenigsten die Mitbürger deines Freundes Aristippos in Larissa. Dies verdanken sie dem Gorgias. Denn als er in jene Stadt kam, gewann er sich seiner Weisheit wegen die Zuneigung der Vornehmsten, nicht nur der Aleuaden, zu denen auch dein Liebhaber Aristippos gehört, als auch unter den übrigen Thessaliern. Und so habt ihr euch von ihm angewöhnt, ohne Scheu und mit edlem Freimut zu antworten, wenn euch [C] jemand etwas fragt, wie auch zu erwarten ist von denen welche etwas wissen. Denn auch er selbst bot sich ja dar jedem Hellenen, was nur jeder wollte, ihn zu fragen, und nie ist er einem die Antwort schuldig geblieben. Hier aber, lieber Menon, steht es umgekehrt, die Weisheit scheint wie erstarrt, [71 St.2 A] und sie scheint aus unseren Gegenden fort zu euch gezogen zu sein, die Weisheit. Zumal wenn du hier jemand so fragen willst, wirst du nicht Einen treffen, der nicht lachte und sagte: o Fremdling, du scheinst mich ja für glückselig zu halten, dass ich von der Tugend doch wenigstens wissen soll, ob sie lehrbar ist, oder auf welche Art man sonst dazu gelangt, ich aber bin so weit davon entfernt, zu wissen ob sie lehrbar ist oder nicht lehrbar, dass ich nicht einmal dieses, was die Tugend ist, ordentlich weiß. Auch mir selbst, Menon, geht es ebenso. Ich teile die Armut in dieser Sache mit meinen Landsleuten, und mache mir genug Vorwürfe darüber, [B] dass ich gar nichts von der Tugend weiß. Wovon ich aber gar nicht weiß, was es ist, wie soll ich davon irgendetwas wissen wie es beschaffen ist? Oder dünkt dich das möglich, dass wer den Menon gar nicht kennt, doch wissen kann, ob er schön ist oder reich oder wenigstens vornehm oder ob ganz das Gegenteil davon? Dünkt dich das möglich?
MENON: Nein freilich. Aber weißt du in der Tat nicht einmal was die Tugend ist, Sokrates? Und soll ich das von dir auch daheim bei uns erzählen?
SOKRATES: Nicht nur das, Freund, sondern auch, dass ich auch noch keinen anderen getroffen habe, der es gewusst hat, so viel mich dünkt.
MENON: [C] Wie? Hast du Gorgias nicht getroffen, als er hier war? SOKRATES: O ja.
MENON: Nun, und es schien dir nicht, dass er es wisse?
SOKRATES: Ich habe kein sehr gutes Gedächtnis, Menon, so dass ich jetzt im Augenblick nicht zu sagen weiß wie es mir damals schien. Allein vielleicht weiß er es, und du, was er gesagt hat. Bringe mich also darauf, wie er sie erklärte, oder wenn du das nicht willst, so sage es selbst. Denn du bist doch gewiss derselben Meinung wie er.
MENON: Das bin ich.
SOKRATES: So lassen wir jenen, [D] da er ohnedies abwesend ist. Du selbst aber, Menon, um der Götter willen, was sagst du, dass die Tugend ist? Sprich, und vorenthalte es mir nicht, damit ich die glückseligste Lüge möge gelogen haben, wenn sich zeigt, dass du es weißt und auch Gorgias, ich aber gesagt habe, mir sei noch nie einer vorgekommen, der es wisse.
MENON: Das ist ja gar nicht schwer zu sagen, Sokrates. Zuerst, wenn du willst die Tugend des Mannes, so ist es leicht, dass dieses des Mannes Tugend ist, dass er vermöge die Angelegenheiten des Staates [E] zu verwalten, und in seiner Verwaltung seinen Freunden wohlzutun und seinen Feinden weh, sich selbst aber zu hüten, dass ihm nichts dergleichen begegne. Willst du die Tugend des Weibes, so ist auch nicht schwer zu beschreiben, dass sie das Hauswesen gut verwalten muss, alles im Hause gut im Stande halten und dem Manne gehorchend. Eine andere wiederum ist die Tugend eines Kindes, sowohl Knaben als Mädchen, und eines Alten, sei er ein Freier oder ein Knecht. [72 St.2 A] Und so gibt es noch gar viele andere Tugenden, so dass man nicht in Verlegenheit sein kann, von der Tugend zu sagen was sie ist. Denn für jede Handlungsweise und jedes Alter hat für jede der Umstände jeder von uns seine Tugend, und ebenso auch, Sokrates, glaube ich, seine Schlechtigkeit.
SOKRATES: Ganz besonders glücklich, o Menon, scheine ich es getroffen zu haben, da ich nur eine Tugend suche und einen ganzen Schwarm von Tugenden finde, die sich bei dir niedergelassen haben. Allein, Menon, um bei diesem Bilde [B] von dem Schwarm zu bleiben, wenn ich dich fragte nach der Natur einer Biene, was sie wohl ist, und du sagtest mir, es wären ihrer gar viele und mancherlei, was würdest du mir antworten, wenn ich dich fragte: Meinst du, insofern wären sie viele und vielerlei und voneinander unterschieden, als sie Bienen sind? Oder sind sie hierin wohl nicht unterschieden, sondern nur in etwas anderem, wie in Schönheit, Größe oder sonst etwas dergleichen? Sage mir, was würdest du antworten auf diese Frage?
MENON: Dieses, dass sie [C] nicht verschieden sind, sofern sie Bienen sind, eine von der andern.
SOKRATES: Wenn ich nun hierauf weiter spräche: Sage mir denn eben dieses, worin sie nicht verschieden sind, sondern alle einerlei, was doch dieses ist nach deiner Meinung, so würdest du mir doch wohl etwas zu antworten wissen.
MENON: Das würde ich.
SOKRATES: So ist es nun auch mit den Tugenden, dass, wenn sie auch viele und mancherlei sind, sie doch sämtlich eine und dieselbe Begriffsbestimmung haben, um derentwillen sie eben Tugenden sind, und eben hierauf wird derjenige hinzusehen haben, der in seiner Antwort auf jene Frage [D] richtig erklären will, was die Tugend eigentlich ist. Oder verstehst du nicht, was ich meine?
MENON: Ich glaube zwar es zu verstehen, aber doch habe ich das, wonach gefragt ist, noch nicht so inne, wie ich wollte.
SOKRATES: Meinst du aber dieses etwa nur von der Tugend, Menon, dass es eine andere gibt für den Mann, und eine andere für die Frau und so für die übrigen? Oder auch von der Gesundheit und von der Größe und Stärke ebenso? Dünkt dich eine andere Gesundheit die des Mannes zu sein und eine andere die der Frau? Oder ist es überall derselbe Begriff, wenn es Gesundheit ist, [E] mag sie die eines Mannes sein, oder von wem sonst immer?
MENON: Dieselbe dünkt mich wohl die Gesundheit des Mannes zu sein und der Frau.
SOKRATES: Also auch wohl Größe und Stärke? Wenn eine Frau stark ist, wird sie vermöge desselben Begriffs und derselben Stärke stark sein. Den Ausdruck 'vermöge derselben' verstehe ich aber so, dass es der Stärke keinen Unterschied macht im Starksein, ob sie ein Mann hat oder eine Frau. Oder scheint es dir einen Unterschied zu machen?
MENON: Mir nicht.
[73 St.2 A] SOKRATES: Der Tugend aber soll es in dem Tugendsein einen Unterschied machen, ob sie ein Knabe hat oder ein Alter, ein Mann oder eine Frau?
MENON: Mir wenigstens schwebt irgendwie vor, dass dieses jenem übrigen nicht mehr ganz ähnlich ist.
SOKRATES: Wie doch? Sagtest du nicht, die Tugend des Mannes wäre den Staat wohl zu verwalten, die der Frau aber das Hauswesen?
MENON: Ja.
SOKRATES: Ist es nun wohl möglich, Staat oder Hauswesen, oder was irgend sonst, gut zu verwalten, wenn man es nicht besonnen und gerecht verwaltet?
MENON: gewiss nicht.
SOKRATES: Wenn sie es nun besonnen und gerecht [B] verwalten, so verwalten sie es doch mit Besonnenheit und Gerechtigkeit?
MENON: Notwendig.
SOKRATES: Dasselbe also bedürfen beide, wenn sie gut sein sollen, das Weib und der Mann, Gerechtigkeit nämlich und Besonnenheit?
MENON: Offenbar.
SOKRATES: Und wie? Ein Kind oder Greis, die zügellos wären und ungerecht, könnten die wohl tugendhaft sein?
MENON: gewiss nicht.
SOKRATES: Wohl aber wenn besonnen und gerecht?
MENON: Ja.
SOKRATES: Alle Menschen also sind auf einerlei Weise tugendhaft. Denn indem dasselbe beteiligt ist, [C] werden sie gut.
MENON: So scheint es.
SOKRATES: gewiss aber könnten sie, wenn ihre Tugend nicht eine und dieselbe wäre, nicht auf einerlei Weise tugendhaft sein.
MENON: Nicht füglich.
SOKRATES: Da also die Tugend eine und dieselbe ist für alle, so versuche nun auszusprechen und mir in Erinnerung zu bringen, was doch Gorgias sagt, dass sie sei, und du mit ihm.
MENON: Was sonst, als dass man vermöge über die Menschen zu herrschen, wenn du doch etwas suchst, was allem gemeinsam ist.
SOKRATES: Das suche ich freilich. Aber ist eben dieses auch die Tugend eines Kindes, Menon, und eines Knechtes, dass er vermöge [D] zu herrschen über seinen Herrn? Und dünkt dich noch ein Knecht zu sein wer herrscht?
MENON: Das dünkt mich keineswegs, Sokrates.
SOKRATES: Es geht auch freilich nicht, Bester. Denn erwäge auch noch dieses. Du sagst, dass man vermöge zu herrschen. Sollen wir nicht hier gleich hinzusetzen, gerecht nämlich, ungerecht aber nicht?
MENON: Das glaube ich allerdings. Denn die Gerechtigkeit, o Sokrates, ist Tugend. SOKRATES: Die Tugend, o Menon, oder eine Tugend?
MENON: Wie meinst du das?
SOKRATES: Wie bei irgendetwas anderem. Zum Beispiel von der Rundung würde ich sagen, sie sei eine Form, [E] nicht so schlechthin die Form. Deshalb nämlich würde ich so sagen, weil es auch noch andere Formen gibt.
MENON: Und ganz recht würdest du sagen, denn auch ich nenne nicht die Gerechtigkeit allein Tugend, sondern auch noch viele andere.
SOKRATES: Was für welche doch? sprich. [74 St.2 A] Wie auch ich dir andere Formen nennen könnte, wenn du es fordertest, so nenne auch du mir andere Tugenden.
MENON: Die Tapferkeit also dünkt mich Tugend zu sein, und die Besonnenheit, und die Weisheit, und die Großmut und viele andere.
SOKRATES: Wiederum also, o Menon, ist uns dasselbe begegnet. Viele Tugenden nämlich haben wir gefunden, da wir nur eine suchen, nur auf eine andere Weise als vorhin, die eine aber, die in allen diesen ist, konnten wir nicht finden.
MENON: Ich kann eben noch nicht, wie du Sokrates es suchst, die [B] eine Tugend in allen finden, so wie ich es bei den übrigen Dingen konnte.
SOKRATES: Ganz begreiflich. Aber ich will einen Versuch machen, uns, wenn ich es vermag, weiter zu bringen. Denn du siehst doch ein, dass es sich so mit jedem verhält. Wenn dich jemand nach dem fragte was ich eben anführte: was ist doch Form, Menon, und du ihm sagtest: das Runde, und er dann sagte eben wie ich: Ist das Runde die Form oder eine Form, so würdest du wohl sagen, eine Form?
MENON: Freilich.
SOKRATES: Nicht wahr deswegen, weil es noch andere Formen gibt?
MENON: Ja.
SOKRATES: Und wenn er dich weiter fragte, was für welche doch, so würdest du sie nennen? [C] MENON: Das täte ich.
SOKRATES: Und wiederum, wenn er dich über die Farbe gleichermaßen befragte, was sie ist, und auf deine Antwort, das Weiß wäre Farbe, der Fragende dann erwiderte: ist das Weiß die Farbe oder eine Farbe, so würdest du sagen eine Farbe, weil es noch mehrere gibt.
MENON: Das würde ich sagen.
SOKRATES: Und wenn er dich hieße andere Farben nennen, so würdest du ihm andere nennen, die nicht weniger Farben sind als das Weiß.
MENON: Ja.
SOKRATES: Wenn er nun, wie ich, die Rede herumnähme und sagte: Immer kommen wir auf vieles, aber wollen wir nicht, [D] sondern, da du doch dieses Viele insgesamt mit einem einzigen Namen benennst und behauptest, jedes davon sei eine Form, und zwar unerachtet sie einander entgegengesetzt sind, was ist doch dieses, was das Runde nicht minder unter sich begreift als das Gerade, was du eben Form nennst, und behauptest, das Runde sei nicht minder Form als das Gerade? Oder meinst du es etwa nicht so?
MENON: Freilich so.
SOKRATES: Wenn du nun so sagst, meinst du dann etwa, das Runde sei nicht mehr rund als gerade, und das Gerade [E] nicht mehr gerade als rund?
MENON: Keineswegs, Sokrates.
SOKRATES: Aber Form, sagst du, sei das Runde nicht mehr als das Gerade, und das Eine nicht mehr als das Andere.
MENON: Richtig.
SOKRATES: Was ist nun also das, dem du diesen Namen 'Form' beilegst? Versuche es zu beschreiben. Wenn du nun dem, [75 St.2 A] der so fragt, sei es nun über die Form oder über die Farbe, sagtest: Ich verstehe gar nicht einmal was du willst, lieber Mensch, noch weiß ich was du meinst, so würde er sich vielleicht wundern und sagen: verstehst du nicht, dass ich das suche, was in allen diesen dasselbe ist? Oder wüsstest du es auch hierin nicht anzugeben, wenn dich jemand fragte, was doch im Runden und Geraden und dem übrigen, was du Form nennst, in allem dasselbe ist? Versuche es zu sagen, damit du daran auch eine Übung hast für die Antwort [B] über die Tugend.
MENON: Nicht doch, sondern sage du es, Sokrates.
SOKRATES: Soll ich es dir zu Gefallen tun?
MENON: Freilich.
SOKRATES: Wirst du mir dann auch das von der Tugend sagen wollen?
MENON: Allerdings.
SOKRATES: So will ich daran gehen, denn es lohnt. MENON: Allerdings.
SOKRATES: Wohlan denn, ich will versuchen dir zu sagen, was Form ist. Sieh also zu, ob du annimmst sie sei dieses. Dasjenige nämlich soll uns Form sein, was allein an allen Dingen überall die Farbe nachfolgt. Genügt es dir, [C] oder begehrst du es noch anders? Denn ich meines Teils wollte mich schon begnügen, wenn du mir auch nur so die Tugend erklärtest.
MENON: Allein dies ist doch sehr einfältig, o Sokrates. SOKRATES: Wie meinst du?
MENON: dass dasjenige Form ist nach deiner Erklärung, was überall der Farbe folgt. Aber gut. Wenn nun einer leugnete zu wissen was Farbe ist, sondern darüber ebenso im ungewissen wäre wie über die Form, was meinst du dann geantwortet zu haben?
SOKRATES: Doch das Richtige, meine ich. Und wäre der Fragende einer von jenen Weisen, [D] Streitkünstlern und Wortfechtern, so würde ich ihm sagen, ich habe nun gesprochen, und wenn ich nicht richtig erklärt habe, so ist nun deine Sache das Wort zu nehmen und mich zu widerlegen. Wäre es aber, dass wir, wie du und ich, jetzt als Freunde miteinander uns zur Belehrung unterhalten wollten, so müsste ich dann freilich freundlicher und der Dialektik gemäßer antworten. Dies mag aber wohl so sein, dass man nicht nur das Richtige antwortet, sondern auch nur durch solche Merkmale, welche der Fragende ebenfalls eingeständig ist zu verstehen. [E] Auf diese Art nun will ich auch versuchen, es dir zu erklären. Sage mir also, nennst du etwas Ende, und meinst damit eine Grenze und ein Letztes? Alles dergleichen nehme ich hier für einerlei. Vielleicht nun würde Prodikos uns zuwider sein, du aber nennst doch auch etwas begrenzt sein und ein Ende haben? Nur dieses meine ich und keine krausen Unterschiede weiter.
MENON: O ja, ich nenne etwas so, und glaube zu verstehen was du meinst.
SOKRATES: Auch Fläche nennst du etwas, und etwas [76 St.2 A] anderes wiederum Körper, wie die in der Geometrie?
MENON: Ja, auch das.
SOKRATES: Hieraus wirst du vielleicht schon verstehen, was ich meine unter der Form. Denn von allen Formen sage ich, dass das, was den Körper eingrenzt, eigentlich die Form ist, so dass ich im Allgemeinen sagen möchte, die Form sei das Eingrenzende des Körpers.
MENON: Und was nennst du Farbe, Sokrates?
SOKRATES: Du bist übermütig, Menon! Einem alten Mann legst du schwierige Sachen auf zu beantworten, du selbst aber willst dir [B] nicht zurückrufen und mir mitteilen, was Gorgias sagt, dass die Tugend sei.
MENON: Aber wenn du mir dies wirst erklärt haben, Sokrates, will ich es dir auch gewiss sagen.
SOKRATES: Auch mit verhülltem Gesicht, o Menon, kann jeder, sobald du nur sprichst, merken, dass du schön bist, und dass du noch Liebhaber hast.
MENON: Wie so?
SOKRATES: Weil du immer nur befiehlst im Gespräch, wie jene Verwöhnten es machen, die ja immer herrisch sind, so lange die Jugend währt. [C] Und vielleicht hast auch du es mir schon angemerkt, dass ich den Schönen nicht widerstehen kann. Ich will dir also den Willen tun und antworten.
MENON: O ja tue mir den Willen.
SOKRATES: Ist es dir also genehm, dass ich dir in der Weise des Gorgias antworte, der du doch am besten folgen wirst?
MENON: Allerdings ist mir das genehm. Wie anders?
SOKRATES: Nicht wahr, ihr nehmt, wie Empedokles, gewisse Auswirkungen an aus allem was ist? MENON: Ganz recht.
SOKRATES: Und Wege, welche und durch welche die Auswirkungen gehen? MENON: Allerdings.
SOKRATES: Und dass von den Auswirkungen einige einigen Wegen angemessen sind, andere aber für dieselbigen zu groß oder zu klein?
MENON: [D] So ist es.
SOKRATES: Nun nennst du doch etwas Gesicht?
MENON: Allerdings.
SOKRATES: Hieraus nun 'entnimm dir, was ich meine', wie Pindar sagt. Nämlich, Farbe ist die dem Gesicht angemessene und wahrnehmbare Auswirkung der Formen.
MENON: Ganz vortrefflich, Sokrates, dünkst du mich diese Antwort abgefasst zu haben.
SOKRATES: Vielleicht ist sie nach einer dir gewohnten Weise abgefasst. Und überdies, glaube ich, merkst du, dass du aus ihr zugleich erklären könntest, was der Schall ist und der Geruch, [E] und viel anderes dieser Art.
MENON: Allerdings.
SOKRATES: Es ist eine Antwort im Stile der Tragödien, Menon, darum gefällt sie dir besser als die von der Form.
MENON: Mir wenigstens.
SOKRATES: Aber nicht sie, o Sohn des Alexidemos, wie ich meines Teils mich überzeuge, sondern jene ist die bessere. Und auch du, glaube ich, würdest diese Ansicht teilen, wenn du nicht, wie du gestern sagtest, genötigt wärest, vor den Mysterienfeiern abzureisen, sondern hier bleiben könntest, um dich einweihen zu lassen.
MENON: Gern bliebe ich, [77 St.2 A] Sokrates, wenn du mir viel dergleichen sagen wolltest.
SOKRATES: Am guten Willen wollte ich es nicht fehlen lassen, sowohl deinetwegen als meinetwegen dir dergleichen zu sagen, wenn ich nur nicht unvermögend sein werde, viel dergleichen zu sagen. Allein nun komm und versuche auch du mir dein Versprechen zu erfüllen und im Allgemeinen zu erklären, was die Tugend ist, und höre auf, vieles aus einem zu machen, wie man im Scherz zu denen sagt, die etwas zerbrechen, [B] sondern heil lasse sie und ganz, und so sage, was die Tugend ist. Die Beispiele dazu hast du ja von mir erhalten.
MENON: So dünkt mich denn, o Sokrates, Tugend zu sein, wie der Dichter sagt 'sich erfreuen am Schönen und es vermögen'. Und so nenne ich dies Tugend, dass man dem Schönen nachstrebend vermöge es herbeizuschaffen.
SOKRATES: Meinst du mit dem, der dem Schönen nachstrebt, einen der das Gute begehrt? MENON: Ganz eigentlich.
SOKRATES: Etwa, als gäbe es einige, die das Schlechte begehren, [C] und andere die das Gute? Und scheinen dir, Bester, nicht alle das Gute zu begehren?
MENON: Nein, mir nicht.
SOKRATES: Sondern einige das Schlechte?
MENON: Ja.
SOKRATES: In der Meinung, dass es gut sei, willst du sagen, oder gar wissend, dass es schlecht ist begehren sie es doch?
MENON: Beides, dünkt mich.
SOKRATES: Glaubst du denn also, Menon, dass jemand das Schlechte kennend, dass es schlecht ist, es dennoch begehrt?
MENON: Allerdings.
SOKRATES: Und was meinst du begehre er? dass es ihm werde? [D] MENON: dass es ihm werde. Denn was sonst?
SOKRATES: Etwa glaubend, dass das Schlechte dem nutzt, dem es zuteilwird? Oder das Schlechte kennend, dass es dem schadet, dem es wird?
MENON: Einige wohl indem sie glauben, das Schlechte nütze, andere auch indem sie es kennen, dass es schadet.
SOKRATES: Und dünkt dich denn, dass diejenigen das Schlechte erkennen, dass es schlecht ist, welche glauben das Schlechte nütze?
MENON: Das dünkt mich wohl nicht recht.
SOKRATES: Offenbar also begehren jene, welche es nicht erkennen, schon nicht mehr das Schlechte, sondern das vielmehr, was sie für gut halten, es ist aber eben schlecht, [E] so dass die, welche das Schlechte nicht erkennen, sondern glauben es sei Gutes, offenbar das Gute begehren. Oder nicht?
MENON: Diese scheinen ja wohl.
SOKRATES: Und wie, die das Schlechte begehren, und doch dafür halten, wie du behauptest, dass das Schlechte dem schade, dem es zuteilwird, die erkennen ja doch, dass sie Schaden davon haben werden?
MENON: Notwendig.
SOKRATES: Und diese glauben nicht [78 St.2 A] dass die Beschädigten elend sind, sofern sie beschädigt werden?
MENON: Auch das ist notwendig.
SOKRATES: Und nicht, dass die Elenden unglückselig sind?
MENON: Ich glaube wohl.
SOKRATES: Gibt es nun wohl irgendeinen, der elend sein will und unglückselig?
MENON: Nein, dünkt mich, Sokrates.
SOKRATES: Also, o Menon, will auch niemand das Schlechte, wenn er doch nicht ein Solcher sein will. Denn was hieße wohl sonst elend sein, als dem Schlechten nachstreben, und es erlangen?
MENON: Du scheinst Recht zu haben, Sokrates, und niemand will das Schlechte.
SOKRATES: Sagtest [B] du nun nicht soeben, die Tugend wäre das Gute wollen, und es vermögen?
MENON: Das sagte ich.
SOKRATES: Ist nun dieses gesagt, so kommt dieses zu wollen allen zu, und insofern ist keiner besser als der andere.
MENON: So scheint es.
SOKRATES: Sondern offenbar, wenn einer besser ist als der andere, so wäre er in Bezug auf das Gute sich verschaffen können besser.
MENON: Allerdings.
SOKRATES: Dies also ist, wie es scheint, nach deiner Rede die Tugend, das Vermögen das Gute herbeizuschaffen.
MENON: Auf alle Weise, Sokrates, dünkt mich, dass es sich so damit verhalte, wie du es eben vorstellst.
[C] SOKRATES: Lasse uns also auch dieses in Augenschein nehmen ob du Recht hast, denn vielleicht magst du Recht haben. dass man vermag das Gute herbeizuschaffen, dies, sagst du, ist Tugend.
MENON: Das sage ich.
SOKRATES: Nennst du aber nicht Gutes so etwas wie Gesundheit und Reichtum? Ich meine Gold und Silber besitzen, und Ansehen und Ämter im Staate. Nennst du etwa andere Dinge Gutes als dergleichen?
MENON: Nein, sondern alles dergleichen meine ich.
SOKRATES: Wohl! Gold also und Silber herbeischaffen ist Tugend, wie Menon behauptet, der angestammte Gastfreund des persischen Großkönigs! Setzt du nun zu [D] diesem Herbeischaffen etwa noch hinzu auf gerechte und fromme Weise? Oder macht dir dies keinen Unterschied, sondern auch wenn es jemand ungerechter Weise herbeischafft, nennst du das doch nicht minder Tugend?
MENON: Mitnichten, Sokrates, sondern Schlechtigkeit.
SOKRATES: Auf alle Weise also muss, wie es scheint, bei diesem Erwerb Gerechtigkeit oder Besonnenheit oder Frömmigkeit dabei sein, oder ein anderer Teil der Tugend, wo nicht, so wird er nicht Tugend sein, obschon Gutes herbeischaffend.
MENON: Wie könnte er auch wohl Tugend sein [E] ohne dieses!
SOKRATES: Aber Gold und Silber nicht herbeischaffen, wenn es nicht gerecht wäre, weder für sich selbst noch für einen andern, wäre nicht dieser Nichterwerb und Verzicht auch Tugend?
MENON: Offenbar wohl.
SOKRATES: Der Erwerb solcher Güter also wäre um nichts mehr Tugend als ihr Nichterwerb auch, sondern, wie es scheint, was nur mit Gerechtigkeit geschieht, wird Tugend sein, was aber ohne alles dergleichen, [79 St.2 A] das Schlechtigkeit.
MENON: Es dünkt mich notwendig zu sein, so wie du sagst.
SOKRATES: Behaupteten wir nun nicht vor kurzem, jedes von diesen sei ein Teil der Tugend, die Gerechtigkeit und die Besonnenheit, und alles dieses?
MENON: Ja.
SOKRATES: Also, o Menon, scherzest du mit mir. MENON: Wie so, Sokrates?
SOKRATES: Weil ungeachtet ich dich nur eben gebeten, mir die Tugend weder zu zerbrechen noch zu zerstückeln, und dir Beispiele gegeben, wie du antworten solltest, du unbekümmert um dies alles mir sagst, das sei Tugend, wenn man vermöge Gutes [B] herbeizuschaffen mit Gerechtigkeit, welche, wie du selbst eingestehst, ein Teil der Tugend ist.
MENON: Allerdings.
SOKRATES: Also folgt doch wohl aus dem was du eingestehst, alles, was man tut, mit einem Teile der Tugend zu tun, das sei Tugend. Denn die Gerechtigkeit, sagst du, sei ein Teil der Tugend, und so alles dahin Gehörige.
MENON: Was nun weiter, wenn ich dies behaupte?
SOKRATES: dass obwohl ich dich gebeten mir die ganze Tugend zu erklären, du weit entfernt bist mir zu sagen was sie ist, sondern nur sagst, jede [C] Handlung sei Tugend, wenn sie mit einem Teile der Tugend verrichtet wird, als hättest du schon erklärt was die Tugend ist im Ganzen, und als würde ich sie nun schon erkennen, wenn du sie auch nach ihren Teilen zerstückelst. Also bedarf es wie mich dünkt noch einmal von Anfang an derselben Frage, o Menon: Was ist denn die Tugend, wenn jede Handlung, in der sich ein Teil der Tugend findet, Tugend sein soll? Denn das sagt derjenige, welcher sagt, dass jede Handlung mit Gerechtigkeit Tugend ist. Oder dünkt dich nicht, dass es nochmals derselben Frage bedarf, sondern glaubst du, einer kenne einen Teil der Tugend was er ist, der nicht weiß, was sie selbst ist?
MENON: Das denke ich wohl nicht.
[D] SOKRATES: Denn wenn du dich nur erinnern willst, als ich dir vorher antwortete wegen der Form, verwarfen wir eine solche Antwort, welche durch noch zu Suchendes und noch nicht Eingestandenes beantworten wollte.
MENON: Und mit Recht gewiss verwarfen wir sie, o Sokrates.
SOKRATES: Also meine auch du nicht, Bester, so lange noch die ganze Tugend, was sie ist, gesucht wird, wenn du ihre Teile in die Antwort hineinbringst, sie dadurch irgendjemanden deutlich machen zu können, noch auch sonst irgendetwas, wenn du es auf eben die Weise [E*] wie dieses
erklärst, sondern es wird immer die alte Frage zurückkehren, was denn die Tugend ist, von der du jenes sagst, was du sagst. Oder dünkt dich dies nicht richtig gesagt?
MENON: Mich dünkt es allerdings richtig gesagt.
SOKRATES: Antworte also nochmals von vorne, was du sagst, dass die Tugend sei, du und dein Freund.
MENON: O Sokrates, ich habe schon gehört, noch ehe ich mit dir zusammengekommen bin, [80 St.2 A] dass du allemal selbst so in Zweifel bist, und auch andere in Zweifel bringst. Auch jetzt kommt mir vor, dass du mich bezauberst und mir etwas antust und mich offenbar besprichst, dass ich voll Verwirrung geworden bin, und du dünkst mich vollkommen, wenn ich auch etwas scherzen darf, in der Gestalt und auch sonst, jenem breiten Seefisch dem Zitterrochen zu gleichen. Denn auch dieser macht jeden, der ihm nahe kommt und ihn berührt, erstarren. Und so dünkt mich, hast auch du mir jetzt etwas ähnliches angetan dass ich erstarre. Denn in der Tat an Seele und Mund bin ich erstarrt und weiß [B] dir nichts zu antworten, wiewohl ich schon vielmals über die Tugend gar vielerlei Reden gehalten habe vor Vielen, und sehr gut wie mich dünkt. Jetzt aber weiß ich nicht einmal was sie ist zu sagen. Daher dünkt es mich, du tust gut daran, dass du von hier nicht fortgehst, weder zur See noch sonst wie. Denn wenn du anderwärts dergleichen als Fremder tätest, so würde man dich vielleicht als einen Zauberer verhaften.
SOKRATES: Schlau bist du, Menon, und hättest mich beinahe überlistet. MENON: Wie so, Sokrates?
SOKRATES: [C] Ich weiß wohl, weshalb du so ein Bild von mir gegeben hast. MENON: Weshalb meinst du denn?
SOKRATES: Damit ich auch ein Bild von dir geben möchte. Ich weiß das von allen Schönen, dass sie gern ein Bild von sich haben. Denn es gereicht ihnen zum Ruhme, weil auch die Bilder der Schönen, meine ich, schön sind. Aber ich werde dich nicht auch in einem Bild beschreiben. Ist nun dein Zitterrochen selbst auch erstarrt, wenn er andere erstarren macht, [D] dann gleiche ich ihm, wenn aber nicht, dann nicht. Denn keineswegs bin ich etwa selbst sicher, wenn ich die Anderen zum Zweifeln bringe, sondern auf alle Weise bin ich selbst auch in Zweifel, und ziehe nur so die Anderen mit hinein. So auch jetzt, was die Tugend ist, weiß ich keineswegs, du aber hast es vielleicht vorher gewusst ehe dir mich kennenzulernen begegnete, jetzt indes bist du einem Nichtwissenden ganz ähnlich. Dennoch will ich mit dir erwägen und untersuchen, was sie wohl ist.
MENON: Und auf [E] welche Weise willst du denn dasjenige suchen, Sokrates, von dem du überhaupt nicht weißt, was es ist. Denn als welches besondere von allem, was du nicht weißt, willst du es dir denn vorlegen und so suchen? Oder wenn du es auch noch so gut träfest, wie willst du denn erkennen, dass es dieses ist, was du nicht wusstest?
SOKRATES: Ich verstehe was du sagen willst, Menon! Siehst du was für einen streitsüchtigen Satz du uns herbeibringst? dass nämlich ein Mensch unmöglich suchen kann, weder was er weiß, noch was er nicht weiß. Nämlich weder was er weiß, kann er suchen, denn er weiß es ja, und es bedarf dafür keines Suchens weiter, noch was er nicht weiß, denn er weiß ja dann auch nicht, was er suchen soll.
[81 St.2 A] MENON: Scheint dir das nicht richtig gesagt zu sein, Sokrates?
SOKRATES: Mir gar nicht.
MENON: Kannst du sagen weshalb?
SOKRATES: O ja, denn ich habe es von Männern und Frauen sagen hören, die in göttlichen Dingen gar weise waren.
MENON: Was sagten denn diese?
SOKRATES: Etwas sehr Wahres, meines Erachtens, und Schönes. MENON: Aber was? Und wer waren die, die es sagten?
SOKRATES: Die es sagen, sind Priester und Priesterinnen, denen daran gelegen ist, im Stande zu sein, über das, was sie treiben, [B] Fragen beantworten zu können. Es sagt es auch Pindar und viele andere Dichter, welche göttlicher Art sind. Und was sie sagen, ist folgendes, erwäge aber wohl, ob dich dünkt, dass sie wahr reden. Sie sagen nämlich, die Seele des Menschen sei unsterblich, so dass sie jetzt zwar ende, was man Sterben nennt, aber auch wieder werde, untergehe aber niemals. Und deshalb müsse man aufs gottgefälligste sein Leben verbringen.
[C] Denn von welchen Persephone schon die Strafen
des alten Elendes genommen, deren Seelen gibt sie der oberen Sonne
im neunten Jahre zurück, aus welchen dann ruhmvolle
tatenreiche Könige und an Weisheit die vorzüglichsten Männer hervorgehen, und von da an als heilige Heroen unter den Menschen genannt werden.
Wäre nun die Seele unsterblich und oftmals geboren, und hätte, was hier ist und im Hades, alles erblickt, so ist auch nichts, was sie nicht hätte in Erfahrung gebracht, so dass nicht zu verwundern wäre, wenn sie auch von der Tugend und allem andern vermag sich dessen wieder zu erinnern, [D] was sie ja früher gewusst hätte. Denn da die ganze Natur in Zusammenhang steht, und die Seele mit allem bekannt geworden wäre, so hindert nichts, dass, wer nur sich an ein einziges wiedererinnert, was bei den Menschen lernen heißt, auch alles übrige wieder auffinden würde, wenn er nur den Mut nicht verliert und nicht ermüdet im Forschen. Denn das Suchen und Lernen ist demnach ganz und gar Wiedererinnerung. Keineswegs also darf man jenem streitsüchtigen Satze folgen, denn er würde uns [E] träge machen, und ist nur den weichlichen Menschen angenehm zu hören, dieser aber macht uns tätig und forschend, welchem vertrauend, dass er wahr sei, ich eben Lust habe mit dir zu untersuchen, was die Tugend ist.
MENON: Ja, Sokrates, aber wie meinst du dies, dass wir nicht lernen, sondern dass, was wir so nennen, nur ein Wiedererinnern sei? Kannst du mich wohl belehren, ob sich dieses so verhält?
SOKRATES: Schon eben sagte ich, dass du schlau bist, Menon, auch jetzt fragst du, ob ich dich lehren kann, der ich doch behaupte, es gebe keine Belehrung, [82 St.2 A] sondern nur Wiedererinnerung. Offenbar hast du es eilig damit, dass ich mit mir selbst im Widerspruch erscheine.
MENON: Bei Zeus, o Sokrates, nicht in solcher Absicht sagte ich es, sondern aus Gewohnheit. Wenn du mir also irgendwie zeigen kannst, dass es sich so verhält, wie du sagst, so tue es.
SOKRATES: Freilich ist dies nicht leicht, ich will es aber doch deinetwegen versuchen. Rufe mir also von den vielen Dienern hier, welche dich begleiten, irgendeinen her, welchen du willst, damit ich es dir an diesem zeige.
MENON: Sehr gern. Du da [B] komm her.
SOKRATES: Er ist doch ein Hellene und spricht hellenisch?
MENON: Wie sollte er nicht, er ist im Hause aufgezogen.
SOKRATES: Merke also wohl auf, wie er dir erscheinen wird, ob als er sich wiedererinnert oder als lernte er von mir.
MENON: Das will ich tun.
SOKRATES: Sage mir also, Knabe, weißt du wohl, dass ein Rechteck eine solche Figur ist?
KNABE: Das weiß ich.
SOKRATES: Gibt es also ein Rechteck, in welchem alle diese Seiten, deren viere sind, gleich sind?
KNABE: Allerdings.
SOKRATES: Sind nicht auch diese beiden Linien, welche durch die Mitte hindurchgehen, ebenso lang?
KNABE: Ja.
[C] SOKRATES: Eine solche Fläche nun kann doch größer und kleiner sein. KNABE: Freilich.
SOKRATES: Wenn nun diese Seite zwei Fuß hätte und diese auch zwei, wieviel Fuß enthielte das Ganze? Überlege es dir so. Wenn sie hier zwei Fuß hätte, hier aber nur einen, enthielte dann nicht die ganze Fläche einmal zwei Fuß?
KNABE: Ja.
SOKRATES: Da sie nun aber auch hier zwei Fuß hat, wird sie nicht von zweimal zwei Fuß? KNABE: Das wird sie.
SOKRATES: Zweimal zwei Fuß ist sie also?

SOKRATES: Wenn nun diese Seite zwei Fuß hätte und diese auch zwei, wieviel Fuß enthielte das Ganze? Überlege es dir so. Wenn sie hier zwei Fuß hätte, hier aber nur einen, enthielte dann nicht die ganze Fläche einmal zwei Fuß?
KNABE: Ja.
SOKRATES: Da sie nun aber auch hier zwei Fuß hat, wird sie nicht von zweimal zwei Fuß? KNABE: Das wird sie.
SOKRATES: Zweimal zwei Fuß ist sie also?
KNABE: Ja.
SOKRATES: Wieviel nun zweimal zwei Fuß sind, [D] das rechne aus und sage es.
SOKRATES: Sind nun nicht in ihm diese vier Quadrate, deren jedes diesem vierfüßigen gleich ist? KNABE: Ja.
SOKRATES: Wie groß ist es also? Nicht viermal so groß?


KNABE: Offenbar.
SOKRATES: Dreimal drei aber, wieviel Fuß sind das?
KNABE: Neun.
SOKRATES: Wieviel Fuß aber sollte das Zweifache haben?
KNABE: Acht.
SOKRATES: Auch nicht aus der dreifüßigen Seite also wird uns das achtfüßige Quadrat.
KNABE: Auch nicht.
SOKRATES: Von welcher also, [84 St.2 A] das versuche doch uns genau zu bestimmen und wenn du es nicht ausrechnen willst, so zeige uns nur von welcher.
KNABE: Aber beim Zeus, Sokrates, ich weiß es nicht.
SOKRATES: Siehst du wohl, Menon, wie weit er schon fortschreitet im Wiedererinnern? Denn zuerst wusste er zwar nicht, welches die Seite des achtfüßigen Quadrats ist, wie er es auch jetzt noch nicht weiß, allein er glaubte damals es zu wissen, und antwortete zuversichtlich als ein Wissender, und glaubte nicht in Verlegenheit zu kommen. Nun aber glaubt er schon [B] in Verlegenheit zu sein, und wie er es nicht weiß, so glaubt er es auch nicht zu wissen.
MENON: Du hast recht.
SOKRATES: Steht es also nun nicht besser mit ihm in Bezug auf die Sache, die er nicht wusste?
MENON: Auch das dünkt mich.
SOKRATES: Indem wir ihn also in Verlegenheit brachten und zum Erstarren, wie der Zitterrochen, haben wir ihm dadurch etwa Schaden getan?
MENON: Mich dünkt nicht.
SOKRATES: Vielmehr haben wir vorläufig etwas ausgerichtet, wie es scheint, damit er herausfinden kann, wie sich die Sache verhält. Denn jetzt möchte er es wohl gern suchen, [C] da er es nicht weiß, damals aber glaubte er ohne Schwierigkeit vor vielen oftmals gut zu reden über das zweifache Quadrat, dass es auch eine zwiefach so lange Seite haben müsse.
MENON: So mag es wohl sein.
SOKRATES: Glaubst du nun, er würde sich vorher bemüht haben, das zu suchen oder zu lernen, was er nicht wissend glaubte zu wissen, ehe er überzeugt, er wisse nicht, in Zweifel geriet, und sich nach dem Wissen sehnte?
MENON: Nein, dünkt mich, Sokrates.
SOKRATES: Nutzen [D] hat ihm also das Erstarren gebracht? MENON: So dünkt mich.
SOKRATES: Sieh nun aber auch zu, was er von dieser Verlegenheit aus, mit mir suchend auch finden wird, indem ich ihn immer nur frage und niemals lehre. Und gib wohl Acht, ob du mich dabei antriffst, dass ich ihn lehre und ihm vortrage, und nicht seine eigenen Gedanken nur ihm abfrage.
Sage mir du, ist dies nicht unser vierfüßiges Quadrat? Du weißt doch?
KNABE: Ja.
SOKRATES: Können [E] wir ihm nun nicht hier noch ein gleiches daran setzen? KNABE: Ja.
SOKRATES: Und auch dieses dritte wieder hier, jedem von den beiden gleich? KNABE: Ja.
SOKRATES: Können wir nun nicht auch das noch hier in die Ecke einfügen? KNABE: Allerdings.
SOKRATES: Sind dies nun nicht vier gleiche Quadrate?
KNABE: Ja.
SOKRATES: Wie nun? Das wievielfache ist wohl dies Ganze von diesen?
KNABE: Das Vierfache.
SOKRATES: Wir wollten aber ein Zweifaches bekommen, oder erinnerst du dich nicht? KNABE: Allerdings.
SOKRATES: Schneiden nun nicht diese vier Linien, welche aus einem Winkel in den gegenüberliegenden gehen, jedes von diesen Quadraten [85 St.2 A] in zwei gleiche Teile?

KNABE: Ja.
SOKRATES: Und sind nicht diese Linien auch vier gleiche Seiten, welche ein Quadrat einschließen?
KNABE: Allerdings.
SOKRATES: So betrachte nun, wie groß wohl dieses Quadrat ist?
KNABE: Das verstehe ich nicht.
SOKRATES: Hat nicht jede von diesen vier Linien jeweils die Hälfte von einem Quadrat abgeschnitten? Oder nicht?
KNABE: Ja.
SOKRATES: Wieviele Hälften sind nun im inneren Quadrat?
KNABE: Vier.
SOKRATES: Wieviel sind das zusammen?
KNABE: Zwei.
SOKRATES: Vier aber ist von Zwei was doch?
KNABE: Das Zweifache.
SOKRATES: Wievielfüßig ist es also?
KNABE: Achtfüßig.
[B] SOKRATES: Von welcher Seitenlinie?
KNABE: Von dieser.
SOKRATES: Von der, welche aus einem Winkel in den gegenüberliegenden das vierfüßige abschneidet?
KNABE: Ja.
SOKRATES: Diese Linie nun nennen die Lehrer die Diagonale und es folgt daraus, dass aus dieser Diagonale, wie du sagst, du Diener Menons, das zweifache Quadrat entsteht.
KNABE: Allerdings, Sokrates.
SOKRATES: Was dünkt dich nun, Menon? Hat dieser irgend nur Vorstellung, die nicht sein war, zur Antwort gegeben?
MENON: Nein, nur seine eigenen.
SOKRATES: Und doch wusste er es vor kurzem noch nicht, wie wir sagten? MENON: Ganz recht.
SOKRATES: Es waren aber doch diese Vorstellungen in ihm. Oder nicht? [C] MENON: Ja.
SOKRATES: In dem Nichtwissenden also sind von dem, was er nicht weiß, dennoch richtige Vorstellungen.
MENON: Das zeigt sich.
SOKRATES: Und jetzt sind ihm nur noch eben wie im Traum diese Vorstellungen aufgeregt. Wenn ihn aber jemand oftmals um dies nämliche befragt und auf vielfache Art, so wisse nur, dass er am Ende nicht minder genau als irgendein anderer um diese Dinge wissen wird.
MENON: Das scheint wohl.
SOKRATES: Ohne dass ihn also jemand lehrt sondern [D] nur ausfragt, wird er wissen, und wird die Erkenntnis nur aus sich selbst hervorgeholt haben.
MENON: Ja.
SOKRATES: Dieses nun, selbst aus sich eine Erkenntnis hervorholen, heißt das nicht sich wiedererinnern?
MENON: Allerdings.
SOKRATES: Und hat etwa nicht dieser die Erkenntnis, die er jetzt hat, entweder einmal erlangt oder immer gehabt?
MENON: Notwendig.
SOKRATES: Hätte er sie nun immer gehabt, wäre er nicht auch immer wissend gewesen? Hätte er sie dagegen jemals [E] erlangt, so hätte er sie wenigstens nicht in diesem Leben erlangt. Oder hat jemand diesen die Geometrie gelehrt? Denn gewiss wird er mit der ganzen Geometrie ebenso verfahren, und mit allen andern Wissenschaften auch. Hat nun jemand diesen dies alles gelehrt? Denn du musst es ja wohl wissen, da er in deinem Hause geboren und erzogen ist?
MENON: Ich weiß sehr gut, dass niemand sie ihn jemals gelehrt hat.
SOKRATES: Er hat aber diese Vorstellungen, oder nicht?
MENON: Notwendig, wie man ja sieht.
SOKRATES: Wenn er sie aber in diesem Leben nicht erlangt hätte und daher nicht wusste, [86 St.2 A] so hätte er sie ja offenbar in einer anderen Zeit gehabt und gelernt.
MENON: Offenbar.
SOKRATES: Wäre nun nicht dieses doch die Zeit, wo er kein Mensch war? MENON: Offenbar.
SOKRATES: Wenn also in der ganzen Zeit, wo er Mensch ist oder auch wo er es nicht ist, richtige Vorstellungen in ihm sein sollen, welche durch Fragen erweckt zum Wissen werden, müsste dann nicht seine Seele von je her in dem Zustande des Gelernthabens gewesen sein? Denn offenbar ist er durch alle Zeit entweder Mensch oder nicht.
MENON: Das ist einleuchtend.
SOKRATES: [B] Wenn nun von jeher immer die Wahrheit von allem was ist, der Seele innewohnen würde, so wäre ja die Seele unsterblich, so dass du getrost, was du jetzt nicht weißt, das heißt aber, dessen du dich nicht wiedererinnerst, trachten kannst zu suchen und dir zurückzurufen.
MENON: Du scheinst mir, ich weiß nicht wie, vortrefflich zu reden, Sokrates.
SOKRATES: Auch mir selbst scheine ich es, o Menon. Aber alles in dieser Überlegung Gesagte und Vorgebrachte freilich möchte ich nicht behaupten. dass wir aber, wenn wir glauben das suchen zu müssen was wir nicht wissen, [C] besser werden und tätiger und weniger träge, als wenn wir glauben, was man nicht wisse, sei nicht möglich zu finden, und man brauche es also auch nicht zu suchen, dafür möchte ich allerdings streiten, wie ich nur kann.
MENON: Auch dies dünkt mich sehr richtig gesagt, Sokrates.
SOKRATES: Da wir nun einig darüber sind, [D] dass gesucht werden muss, was man noch nicht weiß, willst du, dass wir miteinander unternehmen zu suchen, was wohl die Tugend ist?
MENON: Gar gern. Jedoch, Sokrates, möchte ich am liebsten jenes, wonach ich zuerst fragte, untersuchen und hören, ob man ihr als etwas Lehrbarem nachstreben muss, oder so, als wenn von Natur oder auf sonst irgendeine Weise die Tugend dem Menschen zuteilwerde.
SOKRATES: Hätte ich zu bestimmen, o Menon, nicht nur über mich, sondern auch über dich, so würden wir nicht eher überlegen, ob die Tugend lehrbar ist oder nicht, bis wir zuvor, was sie ist, [E] untersucht hätten. Allein da du, über dich selbst zwar gar nicht begehrst zu gebieten, um dir nämlich freie Zeit zu verschaffen, über mich aber begehrst zu gebieten und auch wirklich gebietest, so muss ich dir nachgeben. Denn was will ich machen? Wie es scheint also, sollen wir untersuchen, wie etwas beschaffen ist, wovon wir noch nicht wissen was es ist. Wenn also auch nicht ganz, so lass mir doch ein wenig nach von deinem Gebot, und gestatte mir, unter einer Voraussetzung dieses zu betrachten, ob sie lehrbar ist oder was sonst.
Dieses, unter einer Voraussetzung, meine ich aber so, wie die Geometer oft eine Untersuchung beginnen, wenn ihnen jemand einen Frage vorlegt, wie etwa von einer Figur, ob zum Beispiel in einen gegebenen [87 St.2 A] Kreis ein gegebenes Dreieck einbeschrieben werden kann. Dazu möchte einer wohl sagen, ich weiß noch nicht, ob dieses ein solches ist, aber als eine Voraussetzung für die Sache glaube ich folgendes bei der Hand zu haben. Wenn dieses Dreieck ein solches ist, dass seine größte Seite nicht größer ist als der Durchmesser des Kreises, dann, dünkt mich, wird es weiter zu untersuchen möglich sein, und nicht, wenn sie größer ist. Unter dieser Voraussetzung nun will ich dir sagen, [B] wie es mit dem Einbeschreiben desselben in den Kreis steht, ob es möglich ist oder nicht.
So auch wir in Beziehung auf die Tugend, da wir gar nicht wissen was sie ist noch wie beschaffen, wollen eine Voraussetzung machend dieses erwägen, ob sie lehrbar ist oder nicht lehrbar, indem wir so sagen: wenn sie etwas von dem in der Seele vorkommenden ist, wird sie lehrbar sein oder nicht lehrbar? Zunächst also, wenn sie nichts anderes ist als Erkenntnis, kann sie dann gelehrt werden oder nicht, oder, wie wir eben sagten, in Wiedererinnerung [C] gebracht werden? Denn es soll uns gleich gelten welches Wortes wir uns bedienen. Also ist sie dann lehrbar? Oder ist das wohl jedem klar, dass nichts anders dem Menschen kann gelehrt werden als Erkenntnis?