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Minos (Platon)

aus AufEinWort, der freien Forschung

MINOS. (De lege)

Nach der Übersetzung von Friedrich E. D. Schleiermacher

in: Platons Werke, ersten Teiles zweiter Band, dritte Auflage, Berlin 1855, bearbeitet.

Durch Anklicken der indizierenden Seitenzahlen im deutschen Text wird die entsprechende Seite mit dem griechischen und lateinischen Text der Didot-Edition angezeigt.

[313 St.2 A] SOKRATES: Was ist uns doch das Gesetz? FREUND: Nach was für einem Gesetz fragst du denn?

SOKRATES: Wie? Unterscheidet sich denn irgendwodurch ein Gesetz vom andern eben insofern es Gesetz ist? Denn erwäge nur recht was ich dich eigentlich frage. Ich frage dich nämlich als wenn ich dich fragte was Gold ist, und wenn du mich so weiter fragtest was doch für Gold, ich meinte, so glaube ich, du fragtest nicht recht. Denn es unterscheidet sich weder Gold vom Golde noch Stein vom Steine sofern dieser Stein ist und sofern jenes Gold ist, und ebenso ist auch ein Gesetz vom andern um gar nichts [B] unterschieden, sondern sie sind alle dasselbe. Denn ein Gesetz ist jedes von ihnen auf gleiche Weise, nicht das eine mehr, das andere weniger. Und eben hiernach frage ich nach diesem Ganzen was das Gesetz ist. Hast du es nun bei der Hand, so sage es.

FREUND: Was also wäre das Gesetz wohl anderes, als eben das Festgesetzte?

SOKRATES: Dünkt dich denn auch die Rede das Geredete zu sein? Oder das Gesicht das Gesehene? Oder das Gehör das Gehörte? Oder ist die Rede etwas anderes als das Geredete? Und das Gesicht etwas anderes als das Gesehene? [C] Und das Gehör etwas anderes als das Gehörte? Und das Gesetz also auch etwas anderes als das Festgesetzte. So? Oder wie dünkt dich?

FREUND: Als etwas anderes erscheint es mir nun. SOKRATES: Das Gesetz ist also nicht das Festgesetzte? FREUND: Nein, dünkt mich.

SOKRATES: Was ist nun wohl das Gesetz? Lasse es uns so untersuchen: Wenn jemand uns über das eben Gesagte weiter fragte: Da ihr doch [314 St.2 A] sagt, dass durch das Gesicht das Gesehene gesehen wird, was ist denn nun das Gesicht, womit gesehen wird? So würden wir ihm antworten, es ist diejenige Fähigkeit, welche durch die Augen die Farben erfährt. Und wenn er wiederum fragte, was ist denn das Gehör, wodurch Gehörtes gehört wird, so würden wir ihm antworten, es ist die Fähigkeit, welche durch das Ohr uns die Töne erfährt. Ebenso demnach wenn er uns fragte, da doch durch das Gesetz das Festgesetzte festgesetzt wird, was ist denn nun das Gesetz, sofern dadurch festgesetzt wird? Ist es eine Fähigkeit oder Mitteilung? So wie das Gelernte gelernt wird durch Mitteilung einer Erkenntnis? Oder ist es [B] eine Beurteilung, wie das Beurteilte beurteilt wird, was gesund ist, zum Beispiel, und ungesund durch die Heilkunde, und was die Götter beabsichtigen, durch den Ausspruch der Seher, durch die Auslegerkunde? Denn durch eine Kunde erkennen wir ja wohl die Dinge wie sie sind. Nicht wahr?

FREUND: Allerdings.

SOKRATES: Was also hiervon wollen wir annehmen, dass das Gesetz sei?

FREUND: Jene Beschlüsse und Verordnungen, dünkt mich. Denn was anderes könnte jemand wohl sagen dass das Gesetz sei? So dass es scheint, dieses Ganze, wonach du fragst, das Gesetz, ist der Beschluss eines Gemeinwesens.

SOKRATES: [C] Für eine im Gemeinwesen geltende Beurteilung, wie es scheint, erklärst du das Gesetz?

FREUND: Das tue ich.

SOKRATES: Und vielleicht erklärst du es richtig. Besser aber werden wir es wohl so einsehen. Nennst du einige weise?

FREUND: Das tue ich.

SOKRATES: Und die Weisen sind doch durch Weisheit weise?

FREUND: Ja.

SOKRATES: Und wie, die Gerechten durch Gerechtigkeit gerecht?

FREUND: Allerdings.

SOKRATES: Auch die Gesetzlichen durch Gesetz gesetzlich?

FREUND: Ja.

SOKRATES: Die Ungesetzlichen aber durch Ungesetzlichkeit ungesetzlich?

FREUND: Ja.

SOKRATES: Und die Gesetzlichen sind gerecht?

FREUND: Ja.

SOKRATES: Und die Ungesetzlichen ungerecht?

FREUND: Ungerecht.

SOKRATES: Und etwas Schönes ist [D] die Gerechtigkeit und das Gesetz?

FREUND: So ist es.

SOKRATES: Hässlich aber die Ungerechtigkeit und Gesetzlosigkeit?

FREUND: Ja.

SOKRATES: So dass jene den Staat und alles Übrige erhalten, diese aber alles verderben und umstürzen?

FREUND: Ja.

SOKRATES: Als von etwas Gutem muss man also vom Gesetz denken, und als ein Gut es suchen?

FREUND: Wie anders!

SOKRATES: Und nicht wahr, ein Beschluss der Volksversammlung behaupteten wir sei das Gesetz?

FREUND: Das behaupteten wir.

SOKRATES: Wie nun, sind nicht einige Beschlüsse gute, andere schlechte?

FREUND: Das sind sie.

SOKRATES: Aber doch gilt uns ein Gesetz nicht [E] als etwas Schlechtes?

FREUND: Nein freilich.

SOKRATES: Dann ist es nicht richtig so ganz allgemein zu antworten, das Gesetz sei der Beschluss der Volksversammlung?

FREUND: Nein, wie mich dünkt.

SOKRATES: Denn es würde nicht stimmen, dass ein schlechter Beschluss ein Gesetz wäre. FREUND: Nicht füglich.

SOKRATES: Indessen eine Beurteilung scheint mir selbst allerdings das Gesetz auch zu sein. Wenn nun nicht die schlechte Beurteilung, ist dann nicht schon offenbar, dass es die gute sein muss, wenn doch das Gesetz eine Beurteilung ist?

FREUND: Ja.

SOKRATES: Welches ist aber die gute Beurteilung? Nicht die wahre?

FREUND: Ja.

[315 St.2 A] SOKRATES: Und die wahre Beurteilung ist doch die Erkenntnis von etwas wie es ist? FREUND: Das ist sie.

SOKRATES: Das Gesetz also soll die Erkenntnis dessen sein wie etwas ist.

FREUND: Wie so aber, Sokrates, wenn das Gesetz die Erkenntnis dessen ist wie etwas ist, behalten wir nicht immer dieselben Gesetze über dieselben Sachverhalte, wenn sie uns das, wie etwas ist, gefunden haben?

SOKRATES: Nichts desto weniger soll doch das Gesetz die Erkenntnis dessen sein wie etwas ist. Wenn aber die Menschen nicht immer dieselben Gesetze beibehalten, [B] wie uns scheint, können sie wohl das, was das Gesetz will, nicht immer herausfinden, nämlich das wahre. Denn komm lasse uns sehen, wenn es uns vielleicht hieraus deutlicher werden kann, ob wir immer dieselben Gesetze gebrauchen oder zu anderer Zeit andere, und ob alle dieselben oder je andere auch andere.

FREUND: Aber dieses, o Sokrates, ist doch nicht schwer einzusehen, dass nicht nur die nämlichen nicht immer dieselben Gesetze haben, sondern auch andere immer andere. Denn unter uns, zum Beispiel, gibt es kein Gesetz Menschen zu opfern, sondern [C] dies ist unfromm, die Karthager hingegen opfern, wie dies bei ihnen fromm ist und gesetzlich, und zwar einige sogar ihre Söhne dem Kronos, wie vielleicht auch du gehört hast. Und nicht nur, dass unhellenische Menschen andere Gesetze haben als wir, sondern auch die in Lykaia und die Nachkommen des Athamas, was für Opfer opfern die obgleich sie Hellenen sind? So wie auch von uns selbst du vielleicht gehört haben und wissen wirst, was für Gesetze wir ehedem hatten wegen der Verstorbenen, wie wir ihnen [D] Opfer nachschlachteten vor Heraustragung des Leichnams und Knochenleserinnen herbeiholten. Ja die noch älteren als jene begruben ihre Toten im Hause, wir hingegen tun nichts hiervon. Und tausenderlei könnte einer dergleichen sagen, denn gar weit und breit her ist das zu erweisen, dass weder wir mit uns selbst übereinstimmend immer dasselbe festsetzen, noch auch die Menschen überhaupt untereinander.

SOKRATES: Es ist wohl nicht wunderlich, Bester, wenn du vollkommen recht hast, mir aber dieses entgangen ist, dass du so lange für dich allein sprichst [E] was dir gut dünkt, in einer langen Rede, und dann wieder ich. So werden wir jedoch nie etwas sehen, wie ich glaube. Wenn du dich aber der Aufgabe gemeinschaftlich unterziehst, dann können wir vielleicht gemeinsam etwas zustandebringen. Willst du also, so frage du mich aus und erwäge es gemeinschaftlich mit mir, oder auch wenn du willst, antworte mir.

FREUND: So will ich denn, o Sokrates, beantworten was du nur willst.

SOKRATES: Komm also. Erklärst du etwa das Gerechte für ungerecht, und das Ungerechte für gerecht? Oder das Gerechte für gerecht, und das Ungerechte für ungerecht?

FREUND: Ich das Gerechte für gerecht und das Ungerechte für ungerecht. SOKRATES: Und ist dies [316 St.2 A] bei allen ebenso wie unter uns festgesetzt? FREUND: Ja.

SOKRATES: Also auch bei den Persern?

FREUND: Auch bei den Persern.

SOKRATES: Und wohl auch immer?

FREUND: Immer.

SOKRATES: Und was mehr wiegt wird hier als schwerer festgesetzt, und was weniger als leichter, oder umgekehrt?

FREUND: Nein, sondern was mehr als schwerer, und was weniger als leichter. SOKRATES: Und das auch in Karthago und in Lykaia?

FREUND: Auch.

SOKRATES: Das Schöne also, wie es scheint, wird überall als schön festgesetzt, und das Schändliche als schändlich, und nicht das Schändliche als schön noch das Schöne als schändlich.

FREUND: So ist es.

SOKRATES: Um es also [B] allgemein zu sagen, wird ja das, wie es ist, festgesetzt, dass es so ist, nicht wie es nicht ist, sowohl bei uns als bei allen übrigen.

FREUND: Mich dünkt es.

SOKRATES: Wer also das, wie es ist, verfehlt, der verfehlt auch das Gesetzliche?

FREUND: So zwar, wie du es sagst, Sokrates, erscheint dasselbe als gesetzlich sowohl für uns zu allen Zeiten als auch für die übrigen. Wenn ich aber bedenke, dass wir gar nicht aufhören unsere Gesetze durch und durch zu verändern, so kann ich mich nicht überzeugen.

SOKRATES: Vielleicht bemerkst du eben nicht, dass sie, wie die Steine im Brettspiel, [C] ihre Stellung verändernd, doch immer dieselben bleiben. Allein betrachte es nur so mit mir: Bist du schon irgend auf Schriften gestoßen über die Wiederherstellung der Kranken?

FREUND: O ja.

SOKRATES: Weißt du auch, welcher Kunst solche Schriften angehören?

FREUND: Ich weiß, dass sie der Heilkunst angehören.

SOKRATES: Und Ärzte nennst du die Sachverständigen über dergleichen?

FREUND: Das sage ich.

SOKRATES: Urteilen nun die Sachverständigen über dieselben Gegenstände auch dasselbe, oder andere anderes?

FREUND: Dasselbe, dünkt mich.

SOKRATES: Und etwa nur die Hellenen untereinander? Oder urteilen auch die Ausländer untereinander und mit den Hellenen über das nämlich, wovon sie Erkenntnis haben, dasselbe?

FREUND: [D] Dasselbe müssen ja ganz notwendig alle Wissenden gemeinschaftlich urteilen sowohl Hellenen als Ausländer.

SOKRATES: Schön geantwortet. Und zwar immer?

FREUND: Ja auch immer.

SOKRATES: Und Ärzte schreiben doch über die Gesundheit was sie wirklich urteilen, wie sie sei?

FREUND: Ja.

SOKRATES: Heilkundig also und heilkundige Beurteilungen sind diese Schriften der Arzte?

FREUND: Heilkundig allerdings.

SOKRATES: Sind etwa auch die Schriften der Landbauverständigen Beurteilungen für den Landbau?

FREUND: Ja.

SOKRATES: Und wessen sind nun wohl Schriften und Erklärungen über die Bearbeitung der Gärten?

FREUND: Der Gärtner.

SOKRATES: Beurteilungen [E] des Gartenwesens sind also diese?

FREUND: Ja.

SOKRATES: Von denen, welche verstehen Gärten zu beurteilen?

FREUND: Wie sonst!

SOKRATES: Dies verstehen aber die Gärtner?

FREUND: Ja.

SOKRATES: Und wessen sind Schriften und Beurteilungen über die Bereitung der Speisen?

FREUND: Der Köche.

SOKRATES: Für das Kochwesen sind diese also Beurteilungen?

FREUND: Allerdings.

SOKRATES: Derer, wie es scheint, welche verstehen die Bereitung der Speisen zu beurteilen?

[317 St.2 A] FREUND: Ja.

SOKRATES: Dies verstehen aber, wie man sagt, die Köche?

FREUND: Diese freilich verstehen es.

SOKRATES: Gut. Wessen aber sind wohl Schriften und Festsetzungen über Einrichtung eines Staates? Nicht derer welche verstehen Staaten zu regieren?

FREUND: Mich dünkt ja.

SOKRATES: Verstehen dies nun andere als die des städtischen Gemeinwesens und der Herrschaft Kundigen?

FREUND: Eben diese, allerdings.

SOKRATES: Staatskundige Schriften also sind das, was die Leute Gesetze nennen, Schriften von Herrschern und tüchtigen Staatsmännern.

FREUND: Wahr gesprochen.

SOKRATES: Und nicht wahr, die Sachkundigen werden doch nicht jedesmal wieder anderes schreiben über denselben Gegenstand?

FREUND: [B] Nein.

SOKRATES: Und werden nicht über denselben Gegenstand ihre Beurteilungen wieder so und so umändern?

FREUND: Nein freilich.

SOKRATES: Wenn wir also welche wo auch immer sehen, die dies tun, was wollen wir sagen, dass die sachkundig sind, welche dies tun oder unkundig?

FREUND: Unkundig.

SOKRATES: Und was das Richtige ist, das sagen wir sei jedem recht geurteilt, es gehöre nun zur Heilkunst oder zur Kochkunst oder zur Gartenkunst?

FREUND: Ja.

SOKRATES: Was aber nicht das Richtige ist, das erklären wir auch nicht mehr für recht geurteilt? FREUND: Nicht mehr.

SOKRATES: Also wird es ein Fehlurteil?

FREUND: Notwendig.

SOKRATES: Also auch in den Schriften über das Gerechte und Ungerechte und überhaupt [C] über die Einrichtung eines Staats und wie ein Staat muss verwaltet werden, ist das Richtige das bestimmende Gesetz, das nicht Richtige aber nicht, welches nur scheint ein Gesetz zu sein den Unkundigen, denn es ist ein Fehlurteil.

FREUND: Ja.

SOKRATES: Ganz recht also haben wir uns dahin erklärt, das Gesetz sei die Beurteilung dessen wie es ist?

FREUND: So zeigt es sich.

SOKRATES: Lasse uns aber auch noch dieses dabei betrachten. Wer ist kundig für die Erde den Samen zuzuweisen?

FREUND: Der Landmann.

SOKRATES: Und dieser wird jedem Boden den [D] angemessenen zuweisen? FREUND: Ja.

SOKRATES: Der Landmann also urteilt hierzu richtig, und seine Anweisungen und Urteile sind hierin richtig gesetzt?

FREUND: Ja.

SOKRATES: Und wer versteht Töne zu setzen für die Lieder, jedem die angemessenen? Und wessen Beurteilungen sind hierüber die richtigen?

FREUND: Die des Flötenspielers und Lyraspielers.

SOKRATES: Der Urteilsfähigste hierin [E] ist also der Tonkundigste.

FREUND: Ja.

SOKRATES: Und wer ist der Beste um den Leibern der Menschen die Nahrung anzusetzen? Nicht der, welcher die angemessenste bestimmt?

FREUND: Ja.

SOKRATES: Dessen Anweisungen und Beurteilungen sind also die Besten, und der Urteilsfähigste hierin gibt auch die beste Anweisung?

FREUND: Allerdings.

SOKRATES: Und wer ist dieser?

FREUND: Der Vorsteher der Leibesübungen.

SOKRATES: Dieser also ist [318 St.2 A] am geschicktesten die menschlichen Herden leiblich zu weiden?

FREUND: Ja.

SOKRATES: Und wer ist der beste um einer Herde von Schafen das ihrige anzuweisen? Wie heißt er?

FREUND: Der Hirte.

SOKRATES: Des Hirten Beurteilungen also sind die besten für die Schafe?

FREUND: Ja.

SOKRATES: Und die des Rinderhirten für die Rinder?

FREUND: Ja.

SOKRATES: Wessen Beurteilungen aber sind die besten für die Seelen der Menschen? Nicht die des Herrschers? Sage mir.

FREUND: Ja, sage ich also.

SOKRATES: Vortrefflich gesprochen. [B] Kannst du nun wohl sagen, wer unter den Alten sich ausgezeichnet hat als Beurteiler des Flötenspielens? Vielleicht entsinnst du dich nicht. Willst du aber, dass ich dich erinnere?

FREUND: Das will ich freilich.

SOKRATES: Sagt man es nicht vom Marsyas und von seinem Liebling Olympos, dem Phrygier?

FREUND: Ganz richtig.

SOKRATES: Deren Tonstücke sind die göttlichsten, sie allein bewegen und bringen ans Licht wie jemand der Götter bedürftig ist, und sind auch [C] noch jetzt allein überliefert als göttliche.

FREUND: So ist es.

SOKRATES: Wer aber von den alten Herrschern wird als ein guter Gesetzgeber gerühmt dessen Festsetzungen auch jetzt noch in Ansehen bleiben als göttliche?

FREUND: Ich entsinne mich nicht.

SOKRATES: Weißt du nicht welche Hellenen die ältesten Gesetze haben? FREUND: Meinst du etwa die Lakedaimonier und ihren Gesetzgeber Lykurgos?

SOKRATES: Die sind ja noch nicht dreihundert Jahre alt oder kaum etwas weniges drüber. Aber woher kommen die besten unter diesen Gesetzen? Weißt du das?

FREUND: [D] Man sagt wenigstens aus Kreta.

SOKRATES: Diese also haben die ältesten Gesetze unter den Hellenen?

FREUND: Ja.

SOKRATES: Weißt du nun was für treffliche Herrscher diese gehabt haben? Den Minos und Rhadamanthys, des Zeus und der Europa Söhne, von denen diese Gesetze herrühren.

FREUND: Rhadamanthys gilt wohl als ein gerechter Mann, Sokrates, Minos aber als wild und rau und ungerecht.

SOKRATES: Das ist Geschwätz aus Attika und den Tragödien, o Bester, das du vorträgst. FREUND: Wieso? Sagt man dies nicht vom Minos?

[E] SOKRATES: Nicht Homer und Hesiod, wiewohl diese gaubwürdiger sind als alle Tragödiendichter insgesamt, von jenen du eben, was du sagst, gehört hast.

FREUND: Was sagen also jene vom Minos?

SOKRATES: Das will ich dir sagen, damit nicht auch du wie die Meisten frevelst. Denn es gibt nichts frevelhafteres und nichts, was man mehr scheuen müsste, als gegen die Götter in Wort und Tat zu fehlen, das zweite aber gegen göttliche Menschen. Sondern gar viele Vorsicht musst du immer anwenden, wenn du einen Mann zu loben oder zu tadeln [319 St.2 A] im Begriff stehst, ob du auch nichts Unrichtiges sagst. Und deshalb eben muss man auch lernen gute und schlechte Menschen zu unterscheiden. Denn es zürnt der Gott, wenn man den ihm ähnlichen tadelt, oder den ihm entgegengesetzt sich verhaltenden lobt. Jener aber ist der gute. Denn glaube ja nicht, dass Steine wohl heilig sein können und Hölzer und Vögel und Schlangen, Menschen aber nicht. Sondern das Heiligste unter allem ist ein guter Mensch und das Verworfenste ein schlechter. So auch was den Minos betrifft, wie ihn Homer und Hesiod loben, [B] will ich dir deshalb sagen, damit du nicht als Mensch und eines Menschen Sohn gegen einen Heros und Sohn des Zeus mit Worten dich vergehest. Denn Homeros, wo er von Kreta sagt, dass viel und unzählbare Menschen darin sind, die neunzig Städte bewohnen, spricht weiter:

Jenen erhebt sich Knossos, die mächtige Stadt wo Minos einst geherrscht, jedes neunte Jahr dem Zeus als Genosse sich nahend.

Dieses nun ist, in kurzen Worten, eine solche Lobrede des Homer auf [C] den Minos, wie sie Homer auf keinen andern Heros gedichtet hat. Denn dass Zeus ein Weisheitslehrer ist und diese Kunst die vortrefflichste, das deutet er auch an vielen anderen Stellen an, so auch hier. Denn er sagt, Minos sei jedes neunte Jahr mit dem Zeus umgegangen in Gesprächen und habe ihn besucht um sich von dem Zeus als Weisheitslehrer unterrichten zu lassen. Dass nun diesen Ruhm Homer keinem andern Heroen beigelegt hat, als nur dem Minos, das ist ein erstaunliches Lob. Auch in der Totenfahrt der Odysseia [D] dichtet er den Minos mit goldenem Zepter geschmückt die Gestorbenen richtend, nicht den Rhadamanthys. Vom Rhadamanthys aber sagt er weder hier, dass er richtet, noch sonst irgendwo, dass er mit dem Zeus umgegangen wäre. Deshalb nun behaupte ich, dass Minos am allermeisten vom Homer ist gepriesen worden. Denn dass, als ein Sohn des Zeus, er allein vom Zeus ist unterrichtet worden, das ist ein Lob worüber keines geht. Und dies bedeutet doch der Vers:

jedes neunte Jahr dem Zeus als Genosse sich nahend,

dass Minos mit dem Zeus umgegangen. Denn diese Genossenschaft bestand in Gesprächen, [E] und ein Genosse ist, wer mit dem Anderen umgeht in Gesprächen. Nämlich jedes neunte Jahr ist Minos in des Zeus Grotte gegangen um teils zu lernen und teils zu zeigen was er in den ersten neun Jahren vom Zeus gelernt. Einige zwar nehmen an, ein Genosse des Zeus sei wer mit ihm getrunken und gescherzt habe. Jedoch folgenden Beleg kann jemand anführen, dass die nichts rechtes sagen, [320 St.2 A] welche dies annehmen. Denn so viele Menschen es auch gibt, Hellenen und Ausländer, gibt es doch keine, die sich des Zusammentrinkens und dieser ganzen Freude, wozu der Wein gehört, enthalten, als die Kreter, und nächst dem die Lakedaimonier, die es von den Kretern gelernt haben. In Kreta aber ist dies eines von den Gesetzen die Minos gegeben hat,

nicht zusammen zu trinken bis zum Rausch. Und offenbar ist doch, dass was er selbst für schön erkannte, er auch wird gesetzlich gemacht haben für seine Mitbürger. Denn gewiss hat Minos nicht wie ein unangenehmer Mensch eines festgesetzt und anders selbst getan, [B] abweichend von dem was er selbst festsetzte. Sondern jenes Zusammensein bestand, wie ich behaupte, in Gesprächen zum Unterricht in der Tugend. Daher er denn auch solche Gesetze seinen Bürgern gegeben hat, durch welche Kreta zu allen Zeiten glücklich gewesen ist, und auch Lakedaimon, seitdem es angefangen hat diese zu gebrauchen, weil sie göttlich sind. Rhadamanthys aber war zwar vom Minos unterrichtet, aber nicht in der ganzen herrschaftlichen Kunst war er unterrichtet, sondern nur in jener Dienstleistung für die Herrschaft, dass er verstand den Gerichtsstätten vorzustehen. Daher er auch den Ruf [C] erworben hat ein guter Richter zu sein. Seiner nämlich bediente sich Minos als des Gesetzwächters innerhalb der Stadt, im übrigen Kreta aber des Talos. Talos nämlich ging dreimal des Jahres in allen Flecken umher und hatte acht auf die Gesetze darin, die er auf eherne Tafeln geschrieben hatte, daher er auch der eherne heißt. Ähnliches sagt auch Hesiod vom Minos, denn indem er seines Namens gedenkt sagt er:

Und auch viele regiert' er umwohnende Menschengeschlechter

[D] Haltend das Zepter des Zeus, womit er die Städte beherrschte.

Auch dieser nun meint mit dem Zepter des Zeus nichts anderes als den Unterricht vom Zeus, durch welchen er nun ganz Kreta leitete.

FREUND: Weshalb doch, o Sokrates, hat sich dies Gerücht vom Minos verbreitet, als wäre er ungebildet und hart?

SOKRATES: Weshalb auch du, Bester, und jeder andere, dem daran gelegen ist guten Ruf zu haben, dich hüten wirst einen Dichter zu erzürnen. [E] Denn die Dichter vermögen viel, hinsichtlich des Ruhms, indem sie eines Menschen lobend oder tadelnd erwähnen. Darin eben hat Minos gefehlt, indem er mit dieser Stadt Krieg führte, in welcher neben vieler anderen Weisheit auch vielerlei Dichter gefunden werden in anderen Zweigen der Dichtkunst und auch in der Tragödie. Die Tragödie aber ist hier sehr alt, [321 St.2 A] nicht, wie manche glauben, nur vom Thespis her oder vom Phrynichos, sondern, wenn du es recht untersuchen willst, wirst du finden, dass sie eine sehr alte Erfindung dieser Stadt ist. Denn die Tragödie gereicht am meisten unter allen Dichtarten dem Volke zur Belustigung und Gemütsbewegung. In diese wurde daher bei uns der Minos gebracht, und wurde so Rache an ihm genommen, dafür, dass er uns genötigt hat, ihm jenen Tribut zu erlegen. Dies also war des Minos Fehler, dass er uns erzürnte, weshalb er denn auch, wonach du fragst, [B] einen übleren Ruf erlangt hat. Denn dass er gut und gesetzkundig war, wie wir im vorigen sagten, und ein trefflicher Herrscher, davon ist das der beste Beweis, dass seine Gesetze noch unverändert sind, weil er nämlich das Richtige geurteilt hatte, wie es wirklich ist in der Verwaltung eines Staates.

FREUND: Du scheinst mir, o Sokrates, sehr der Wahrheit nach diese Sache erklärt zu haben.

SOKRATES: Wenn ich also recht habe, so dünken dich die Kreter, des Minos und Rhadamanthys Bürger, die ältesten Gesetze zu besitzen.

FREUND: Offenbar.

SOKRATES: Diese also sind unter den Alten [C] die vortrefflichsten Gesetzgeber gewesen und Anführer und Hirten der Völker, wie auch Homer einen guten Heerführer einen Hirten der Völker nennt.

FREUND: Allerdings.

SOKRATES: So sage denn, beim Zeus der Freundlichkeit, wenn uns jemand fragte, ein guter Gesetzgeber und Anordner des Leibes, was verordnet denn der dem Leibe um ihn besser zu machen, so würden wir sagen, wenn wir gut und in der Kürze antworten wollten: Nahrungsmittel und Anstrengungen, um durch jene den Leib zu stärken, durch diese aber ihn zu üben und zu kräftigen.

FREUND: Richtig.

SOKRATES: Wenn er uns nun aber weiter fragte, was ist aber wohl dasjenige was ein guter Gesetzgeber unseren Seelen [D] verordnet um sie besser zu machen? Was würden wir ihm wohl antworten, wenn wir uns nicht schämen wollten für uns selbst und für unser Alter?

FREUND: Das weiß ich nun nicht zu sagen.

SOKRATES: Aber zur Schande gereicht es gewiss unseren beiden Seelen, dass sie bemerken müssen, von sich selbst nicht zu wissen worauf ihr Wohl und Wehe beruht, vom Leibe aber und den übrigen Dingen, es untersucht zu haben.