Monade in der Zeit nach Leibniz
Quelle: Monade in der Zeit nach Leibniz
◀▷In der von Christian Wolff (1679–1754) geprägten deutschen Schulmetaphysik wurde die Leibniz’sche Monadenlehre meist nur modifiziert übernommen. Wolff selbst spricht von „ersten Elementen“, denen jedoch die metaphysische Qualität fehlt. Im berühmten „Monadenstreit“ der Berliner Akademie der Wissenschaften 1747 wurde ein Beitrag prämiert, der, auf geometrischen Überlegungen fußend, die Monadenlehre ablehnte. Die ausgedehnte publizistische Debatte über dieses Urteil in den zeitgenössischen gelehrten Journalen verweist auf eine Spaltung zwischen leibnizianisch-wolffianisch geprägter universitärer Aufklärung in Deutschland und der französisch und englisch geprägten friderizianischen (nach Friedrich dem Großen benannten) Akademie in Berlin.
Auch die Kritik, die Immanuel Kant (1724–1804) im Amphibolie-Kapitel der „Kritik der reinen Vernunft“ an der Monadenlehre übt, gilt eigentlich ihrer verwässerten nach-leibnizschen Gestalt.[1] Der frühe Kant konzipiert die Monaden nicht mehr als metaphysische, sondern nur noch als physische und somit seelenlose Punkte, nämlich als raumerfüllende Sphären mit anziehender und abstoßender Kraft. In der „Kritik der reinen Vernunft“ sagt Kant, dass sich Leibniz die Monaden als Noumena [griech. νοούμενον noúmenon bzw. Plural νοούμενα noúmena = das Gedachte]vorgestellt habe (KrV B 321 f. – Amphibolie der Reflexionsbegriffe).
Die wenigen Theorien des 19. und 20. Jahrhunderts, die den Begriff der Monade noch reklamieren, sind durch sehr unterschiedliche Kontexte gekennzeichnet. Bei Johann Friedrich Herbart(1776–1841) bezeichnet „Monade“ etwa ein „einfaches reales Wesen“, von welcher Art auch die Seele sei. Karl Marx bezeichnet in seiner Arbeit Zur Judenfrage 1844 die Freiheit in der bürgerlichen Gesellschaft als Freiheit des Menschen als isolierte, auf sich zurückgezogene Monade.[2] Der Mediziner Rudolf Virchow (1821–1902) nennt sogar die Zellen des Körpers Monaden, da jede ein Individuum sei. Insbesondere für die Bezeichnung von einzelligen Organismen hat sich der Ausdruck "Monade" als Endsilbe -monas gehalten. Dagegen verwenden einige Philosophen des 20. Jahrhunderts den Leibnizschen Zentralbegriff in einem eher von Kant oder Descartes inspirierten Sinne; so Richard Hönigswald (1875–1947) und Wolfgang Cramer (1901–1974) für das Prinzip der Subjektivität, Edmund Husserl (1859–1938) für das konkrete Ego. Beim Kriminologen und Soziologen Gabriel Tarde (1843–1904) wiederum sind Monaden Teil einer Philosophie des Habens, nicht des Seins, die erklären, wie in einer Gesellschaft ebenso homogener wie diskontinuierlicher Elemente diese Elemente als Monaden getrennt existieren, indem sie einander besitzen.[3]
In der Naturphilosophie wird der Begriff ‚Monade‘ auch als Inbegriff einer der Newton’schen Raumvorstellung diametral entgegengesetzten Raumvorstellung benutzt:[4] Der Raum und die ponderablen Körper existieren nicht nebeneinander wie zwei selbständige Untersysteme des Kosmos, sondern jeder Körper ist von einem eigenen, unendlich ausgestreckten Raumanteil umgeben. In diesem Sinne ist die als Spezielle Relativitätstheorie bekannt gewordene physikalische Interpretation der Lorentz-Transformation von Sẗjepan Mohorovičić als „Monadologie“ bezeichnet worden.[5]
- ↑ Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft. B 319, 329, 326ff. (Kritik an Leibniz) vgl. a. 316f. (Amphibolie).
- ↑ Karl Marx: Zur Judenfrage. In: MEW. Band 1, 1844, S. 364.
- ↑ Gabriel Tarde: Monadologie et sociologie, Revue Internationale de Sociologie 1893, dt. Monadologie und Soziologie.Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008.
- ↑ Vgl. z. B. Wilfred Krause: Inertial Reference Frame System. In: Journal for General Philosophy of Science. Band 23, Nr. 1, 1992, S. 61–83.
- ↑ Sẗjepan Mohorovičić: Die Einstein’sche Relativitätstheorie und ihr mathematischer, physikalischer und philosophischer Charakter, de Gruyter, Berlin 1923.