NCIT/2. Cusanus im Dienste von Kirche und Reich (1432-1450)
▶Der Ruf nach einer Reform der Kirche an Haupt und Gliedern erscholl schon seit zwei Jahrhunderten in Deutschland und beschäftigte Theologen, Dichter und Politiker, ohne daß es zu einer Reform der Kirche gekommen wäre.
Das Konzil von Konstanz (1414-1418) hatte zwar den Skandal beseitigen können, daß drei Päpste sich gegenseitig bekämpften, aber dafür zwei schwere Hypotheken hinterlassen. Einerseits konnte Papst Martin V. (1417-1431) die Tatsache nicht aus der Welt schaffen, daß das Konzil feierlich die Oberhoheit des Konzils über den Papst (Theorie des Konziliarismus) zum Glaubenssatz erhoben hatte und den Papst im Dekret “Frequens“ (1417) verpflichtet hatte, zunächst nach fünf, dann nach sieben und dann alle zehn Jahre ein Reformkonzil abzuhalten.
Andererseits hatte das Konzil trotz Zusicherung freien Geleites den Reformator Johannes Hus als Ketzer verbrannt und damit die furchtbaren Hussitenkriege für Deutschland heraufbeschworen, mit denen der süd- und mitteldeutsche Raum über Jahrzehnte hin belastet war.
Martin V. hielt seine feierlichen Versprechungen nicht ein; erst 1431 kam es unter Papst Eugen IV. (1431-1447) zum Konzil von Basel.
Kardinal Giuliano Cesarini, der Lehrer des Cusanus aus Padua, sollte das Konzil als Legat des Papstes leiten. Entgegen der von ihm beschworenen Wahlkapitulation suchte Eugen IV. das Konzil zu hintertreiben und löste es schon am 12. November 1431 wieder auf. Die Konzilsteilnehmer rebellierten jedoch und blieben. Jede Maßnahme des Papstes hatte nun eine konziliaristische Gegenmaßnahme zur Folge. 1433 mußte Eugen die Auflösung widerrufen.
An der Frage nach einem Unionskonzil für die Verhandlung mit den Orthodoxen zerbrach das Konzil am 7. Mai 1437: die (päpstliche) Minderheit verließ Basel und tagte zunächst in Ferrara und dann in Florenz weiter, und die (konziliaristische) Mehrheit blieb in Basel, erklärte Eugen IV. als abgesetzt und wählte 1439 den Herzog Amadeus von Savoyen zum (Gegen-)Papst Felix V. Erst l449 löste sich das Basler Konzil nach dem Rücktritt Felix' V. auf.
▶Wie zur Zeit des Schismas von Avignon versuchten beide Seiten nun, wichtige Fürsten oder Denker zur Erklärung der Obödienz (Anerkennung) zu bringen. Die Stimmung in Deutschland war wegen der kirchlichen Mißstände eher gegen Rom gerichtet. Daß das Papsttum in Rom sich schließlich durchsetzte, entschied sich in Deutschland.
▶Nikolaus Cusanus und später auch Enea Silvio Piccolomini waren die Haupturheber des päpstlichen Sieges. Der Haß der antirömischen Partei auf Cusanus hat hier seine Wurzeln, insbesondere, weil Cusanus zuerst auf seiten des Konzils von Basel stand.[Anm. 1] Enea Silvio nannte den späteren Freund damals den „Herkules aller Eugenianer“[Anm. 2]. Unter diesem Titel zeigt eine Karikatur aus der Zeit der Reformation Cusanus am Gängelband des Papstes, zu den Deutschen predigend.
▶Am Konzil von Basel traf Cusanus 1432 als Vertreter Ulrich von Manderscheids ein, der jedoch vorn Konzil 1434 nicht als rechtmäßiger Trierer Erzbischof anerkannt wurde.
Der junge Theologe wurde dem Ausschuß für Glaubensfragen zugeteilt. An den Verhandlungen mit den Hussiten, die dem Konzil 1436 im Abschluß der Kompaktaten mit den Utraquisten einen großen Prestigegewinn einbrachten, beteiligte sich Cusanus 1433 mit einem „Sendschreiben an die Böhmen“[Anm. 3]. 1436 legte er dem Konzil seinen Entwurf „Über die Kalenderreform“ vor. Berühmt wurde er jedoch vor allem durch sein erstes Hauptwerk „De concordantia catholica“ (1433/34), in dem er einen gemäßigten Konziliarismus vertrat. 1434 verfaßte er auch den Traktat “Über die Leitungsgewalt der Generalkonzilien“.
In seinem Werk „Taten des Basler Konzils“ berichtet Johannes von Segovia öfters über Auftritte des Theologen, der bald in ganz Deutschland Aufsehen erregte.
Zu den Anhängern des Konziliarismus gehörten auch der fanatisch antirömische Jurist Gregor Heimburg, Enea SiJvio Piccolomini (der ebenfalls seit 1432 in Basel war), der Wiener Theologe Thomas Ebendorfer und als Vertreter des Stifts Neustift Kaspar Aigner (1433/34), der spätere Propst und Freund des Cusanus. Ob die beiden schon damals zusammenkamen, ist nicht bekannt.
Der Brixner Bischof Ulrich II. Putsch (1427-1437) gehörte wie auch seine beiden Nachfolger zur Konzilspartei; noch 1446 wandten sich Abt Johannes I. Teurl von St. Georgenberg und Leonhard Wiesmair, der 1450 zum Bischof von Brixen gewählt wurde, in Tiroler Angelegenheiten an das Basler Konzil.
▶Über den Parteiwechsel des Cusanus wurde schon viel geschrieben. Wäre er allein aus opportunistischen Gründen erfolgt – wie ihm gehässige Gegner immer wieder vorwarfen -, so wäre Cusanus mit Recht zu tadeln. Auch dieses Problem muß von der Lebenslinie des Theologen her verstanden werden. Ihm ging es um die Konkordanz, die Eintracht in Kirche und Staat. Die zunehmende Demokratisierung und Radikalisierung des Konzils konnten einem Philosophen, der weiter dachte als die habgierigen Fürsten, die die Spaltung zwischen Papst und Konzil nur als permanenten Erpressungshebel benutzten, nicht gefallen. Er war auch kein so wendiger Diplomat wie Enea Silvio, der – nachdem er zuerst Sekretär Felix' V. gewesen war und diesen dann verließ, als König Friedrich III. ihm einen aussichtsreicheren Posten bot – die antipäpstliche Koalition schließlich 1446 durch Bestechung sprengen konnte.
Cusanus dachte und argumentierte immer vom Wohl der Kirche aus. Daß diese Denkweise von der breiten Masse nicht immer verstanden wurde, bezeugt z. B. der gegen ihn und seinen Landsmann, den Mainzer Kanzler Johannes von Lysura, gerichtete Spottvers: “Cusa und Lysura verdrehen alles Recht“ (“Cusa et Lysura pervertunt omnia jura“.). Enea Silvio berichtet uns in seiner „Geschichte des Reichstags von Regensburg (1454)“, daß dieses Sprichwort („proverbiumh“) damals allgemein verbreitet war.[1] In ähnlicher Form taucht es auch bei Peter Numagen und in einer Berliner Handschrift auf.[2] Schon Enea Silvio bemerkte bei seiner Schilderung des Regensburger Reichstages, daß Lysura (= “von Lieser“) und Cusanus bürgerliche Moselländer von niederer Herkunft gewesen seien, die später große Karriere gemacht hätten. In der Berliner Handschrift wird das Wort “Iesura“ noch als Wortspiel (“Iaesura“ = Rechtsverletzung) gebraucht, so daß der Vers in seiner Abwandlung (,,0 Kusa, Kusa, qualiter symphonisat tua musa? / Tu cum lesura pervertis omnia jura.“) auch übersetzt werden kann mit:
„O Kusa. Kusa, was säuselt Deine Muse? Du verdrehst mit Deinen Rechtsverletzungen alles Recht.“
▶In einer zwischen 1444 und 1446 entstandenen Handschrift aus dem Kloster Heiligenkreuz bei Donauwörth ist der Spottvers zum Spottgedicht erweitert, in dem auch die kaiserlichen Diplomaten Heinrich Leubing und Bischof Silvester von Chiemsee sowie der Jurist Gregor Heimburg, der Augsburger Bischof Peter von Schaumberg, der Reichskanzler Kaspar Schlick und Papst Eugen IV. verspottet werden:
„Cusa leidet Schmerzen in der Wade, weil er weiß. daß Lysura einflußreich ist.
(Cusa dolet suram, quia scit valare Lysuram.l
Cusa und Lysura verdrehen oft das Recht.
Der Pfarrer Leubing … macht Gesetze,
Die Gregor von Heimburg falsch auslegt.
Der glatzköpfige Gregor, der einst weiß war, ist jetzt schwarz geworden ...
Welche Übeltaten soll ich vom Chiernseer berichten?
O guter Silvester, du weißt sogar zu Fuß auf dem Pferd zu reiten'
Perer von Augsburg. Dich führte er vergeblich auf Schleichwege,
Er und dieser Kaspar Schlick ..
Sie brachten Dich wie dein König schon vorlangem dazu, die Treue zu brechen.
Felix V. aber stürzte den glücklichen Eugen ins Pech.“
(“Felix felicem Eugenium proiecit in picem“[3])
▶Es wurde vermutet, daß die Spottverse auf die Franziskaner-Konventualen zurückgehen, die wie ihr Wortführer Matthias Döring zu den Anhängern des Konzils von Basel gehörten. Möglicherweise war Döring selbst der Urheber der Verse, da er auch einen ähnlichen Ververfaßte:
„Ein gewisser Nikolaus von Kues / von dem die Muse nichts Gutes zu singen weiß“. („Quidam Nicolaus de Kusa, cujus non cecinit bene Musa“.)
▶Döring schreibt zum Beispiel auch über den Überschritt des Mainzer Kurfürsten Dietrich I. von Erbach auf die Seite des Papstes ( 1444), er sei dem “albernen Geschwätz seiner Kriecher („palporum“) „Cusa und Lysura“ gefolgt. Döring verfaßte eine Fortsetzung der „Nova Chronica“ des Dietrich Engelhus († 1434), die bis 1464 reicht. Darin polemisiert er auch gegen die Legationsreise des Cusanus durch Deutschland (1451/52) und vergleicht das Einsammeln der Ablaßgelder des Cusanus, die Kollekte für den König von Zypern 1455 und eine weitere Kollekte, die 1456 zum Loskauf von Christensklaven vom Papst ausgeschrieben wurde, in bissiger Form mit einem Zitat des Propheten Joel. Hier heißt es im 4. Vers des 1. Kapitels über die Heuschreckenplage:
„Was die Kohlraupe übrigließ, fraß die Heuschrecke.
Was die Heuschrecke übrigließ, fraß der Grashüpfer.“Döring wandelte dieses Bilbelzitat auf die drei erwähnten Kollekten ab:
„Was Cusanus übrigließ, fraß der Zypernablaß.
Was der Zypemablaß übrigließ, fraß die Sklaven-Kollekte.“[4]
▶Die Spottverse und die Außerungen Dörings zeigen zwar einerseits gewisse charakterliche Schwächen des Cusanus auf, müssen andererseits aber doch weitgehend vom Hintergrund der konziliaristischen Propaganda gesehen werden.[Anm. 4] ▶Cusanus suchte den Frieden in der Kirche.[5] Er, dessen von Ramon Lull ausgehendes Harmoniedenken auf den Frieden im Glauben gerichtet war, erstrebte zutiefst die Wiedervereinigung mit der Ostkirche.[Anm. 5] Es war einer der Höhepunkte im Leben des Cusanus, als Eugen IV. ihn 1437 mit einer Delegation in das von den Türken bedrohte Konstantinopel schickte, um die Union mit den Griechen vorzubereiten. Über Venedig und Kreta reiste er in die oströmische Hauptstadt, wo er bei den Minoriten eine Koranhandsehrift erwarb und sich neben der Politik und den kirchlichen Verhandlungen auch wissenschaftlichen Studien widmete. Er brachte die Griechen zu den Verhandlungen nach ltalien. Am 6. Juli 1439 konnte das Unionsdekret unterzeichnet werden. Leider hatte die durch politischen Druck und philosophisch-theologische Disputationen ohne Fühlungnahme mit der Basis erarbeitete Union keinen Bestand. Noch heute bezeugen jedoch Theologen, daß der Kirchenbegriff des Konzils von Ferrara-Florenz viel “ökumenischer“ gewesen sei, weil Katholiken und Orthodoxe als gleichberechtigte Partner am Konzil teilnahmen und die Messe feierten – was bekanntermaßen heute nicht mehr möglich ist. Darum ging es Cusanus, um die Konkordanz im Glauben und den Frieden im Reich.
Wie kläglich nimmt sich daneben das Verhalten König Friedrichs III. und der deutschen Fürsten und Bischöfe aus, die ihre Obödienz für Geld und Pfründen verkauften!

Cusanus hatte am Sieg des Papsttums über die Konzilsbewegung maßgeblichen Anteil, was ihm in den folgenden Jahrhunderten das Lob der katholischen und die Kritik der reformatorischen Bewegungen eintrug. Es ist jedoch historisch falsch, erst später entstandene Kategorien auf einen Vertreter des 15. Jahrhunderts und des Spätmittelalters anzuwenden.
▶Der „Herkules der Eugenianer“ vertrat in dem oft würdelosen Ringen zwischen päpstlicher Partei und dem Konzil von Basel die Sache Roms auf den Reichstagen zu Nürnberg (1438), Mainz (1439), Mainz (1441), Frankfurt (1442), Nürnberg (1444), Frankfurt (1446) und an den Kurfürstentagen zu Lahnstein (1439), Frankfurt (1447) und Aschaffenburg (1447). Wenige Tage vor dem Tod Eugens IV. erklärten die deutschen Fürsten dem Papst 1447 ihre Obödienz. König Friedrich hatte sie 1445 regelrecht verkauft; neben Geld und Privilegien erhielt er 1446 das Recht, den Brixner Bischofsstuhl zu besetzen. Das Wiener Konkordat vom 17. Februar 1448 besiegelte dann den Sieg des Papsttums.
Natürlich war Cusanus bei der ganzen Sache nicht zu kurz gekommen. Neben einer Reihe von Pfründen erhielt er am 20. Dezember 1448 die damals für einen Deutschen höchst ungewöhnliche Auszeichnung der Ernennung zum Kardinal.
▶Die erfolgreiche Tätigkeit des Cusanus verdeutlicht auch, wieso seine Gegner ihn verleumdeten und verfolgten. Schon 1438 eröffnete das Konzil von Basel den Prozeß gegen ihn.
In der Delegation des Kardinals Albergati beim Reichstag zu Nürnberg 1438 befand sich neben dem Theologen Juan de Torquemada auch der langjährige Sekretär des Kardinals, Thomas Parentucelli. Dieser sollte zum lebenslänglichen Freund des Cusanus werden. Parentucelli kannte Deutschland von seiner diplomatischen Tätigkeit her sehr gut. Er begriff sehr wohl, daß es den deutschen Fürsten bei ihren Forderungen nach der Reform der Kirche nicht um eine echte Reform ging, sondern nur darum, der römischen Kurie Vorteile abzuerpressen. Er sah genau, wie die Fürsten die Führungskrise der Kirche ausnutzten, um kirchliche Rechte im Innern mehr und mehr zu beschneiden. In ganz außerordentlichem Maße war dies in Tirol der Fall, wo der Landesfürst, der ursprünglich Vogt des Bischofs von Brixen und dessen Lehensmann gewesen war, seinen einstigen Herrn immer mehr zum “Hofkaplan“ herunterdrücken wollte. Als Thomas 1447 zum Papst Nikolaus V. gewählt worden war, schickte er 1450 seinen Freund Cusanus “ins Feuer“, nämlich auf die Stelle eines Tiroler Oberhirten, um die Entwicklung der letzten zwei Jahrhunderte aufzuhalten und umzukehren.[Anm. 7]
▶Schon bald mußte Cusanus vor seinen Gegnern, unter denen Gregor Heimburg zu einem Wortführer wurde, auf der Hut sein. 1439 ersuchte das Basler Konzil den Mainzer Fürstentag, Cusanus in Haft zu nehmen. Es wird auch von einem Vergiftungsversuch berichtet. So ist es auch zu verstehen, daß der Theologe bald zu einer ängstlichen Natur wurde.
1440 vollendete er in Kues sein zweites Hauptwerk “De docta ignorantia“ (Vom gelehrten Nichtwissen). Auch für den Reichstag zu Frankfurt 1440 wurde er zum päpstlichen Gesandten ernannt. Seine Gegner jedoch fingen das päpstliche Ernennungsdekret ab, so daß er nicht rechtzeitig ankam. Schon vorher hatte die Konzilspartei einen Brief des Cusanus an Thomas Parentucelli und einen Brief an die Kurie abgefangen, der einen Skandal erregte: Cusanus wollte Propst von St. Martin in Worms werden. Das Wormser Kapitel aber wollte Cusanus nicht. Daher schlug er in dem abgefangenen Brief der Kurie vor, der Papst solle ihm die Propstei für seine kirchenpolitischen Verdienste, insbesondere um die Griechenunion, unter Aufhebung des Wahlrechtes des Kapitels verleihen. Das päpstliche Dekret sollte die – unrichtige – Begründung enthalten, der Papst hätte ihm die Pfründen schon zu Lebzeiten des Vorgängers versprochen. Man sieht an dieser Angelegenheit, daß Cusanus kein Heiliger war und gelegentlich das Prinzip vertrat, daß der Zweck die Mittel heilige.[Anm. 8]
▶Auf dem Mainzer Reichstag von 1441 trat Cusanus gegen den Konzilstheologen Johannes von Segovia auf. Die beiden großen Denker trennte nur die Konzilsfrage. Als Johannes sich 1454, erschüttert von der Eroberung Konstantinopels durch die Türken, mit der These an Cusanus wandte, man müsse den Islam auf friedlichem Wege gewinnen, gab der Brixner Bischof zustimmend zur Antwort, er sei der gleichen Meinung und habe darüber das Werk „Vom Frieden des Glaubens“ geschrieben.
Wie bekannt Cusanus schon um 1440 war, geht auch aus dem „Buch der Dialoge“ hervor, das damals von Enea Silvio verfaßt wurde, der bis 1444 Konziliarist war. In dem Dialog tritt auch Cusanus auf, dem von einem Gesprächspartner der Vorwurf gemacht wird, er habe die Partei gewechselt (was Enea vier Jahre später dann selbst tat!). 1442 traf Cusanus beim Frankfurter Reichstag mit Enea Silvio und Thomas Ebendorfer zusammen, die König Friedrich III. (1440-1493) vertraten.


Auf dem Nürnberger Reichstag kaufte er 1444 eine Reihe von astronomischen Geräten, die sich teilweise noch heute im St.-Nikolaus-Hospital von Kues befinden. Es gelang ihm auch, astronomische Werke aus der von den Hussiten geplünderten königlichen Prager Bibliothek zu erwerben.
1446 gelang es Cusanus und Piccolomini, den deutschen Kurfürstenbund, der dem Papst ein Ultimatum gestellt hatte, die Absetzung der Kurfürsten von Trier und Köln wieder zurückzunehmen, zu sprengen, wobei Enea auch Bestechungsgelder einsetzte. Der Kurfürstenbund war das Werk Gregor Heimburgs gewesen. Der geniale Jurist wartete nun darauf, an Cusanus und Piccolomini Rache zu nehmen.
▶Betrachtet man den politischen Niedergang Deutschlands in den letzten Jahrhunderten und die große Glaubensspaltung des 15. Jahrhunderts im Lichte der Reformvorschläge des jungen Cusanus, so kann man feststellen, daß er die Gefahren der politischen und religiösen Entwicklung erkannte und eine Alternative anbot.[Anm. 9]
Das genaue Studium der “Concordantia catholica“ (1434)[6] führt auch zu der Erkenntnis, daß sein Übergang ins päpstliche Lager 1436/37 nur ein “scheinbarer Frontwechsel“[7] war. Ihm ging es weder um die Partei des Papstes noch um die des Konzils, sondern um Konkordanz, um die Eintracht der Christenheit.[Anm. 10]
Sein Studium des Werkes “Über die himmlischen Hierarchien“[Anm. 11] von Pseudo-Dionysius Areopagita hatte er in seinem großen Werk über die katholische Konkordanz mit historisch-kritischem Denken zu einem Reformprogramm verbunden, das die Eintracht in der Christenheit durch eine Rückkehr zu den Ursprüngen wieder herstellen sollte. Das Werk gliedert sich in drei Teile: Der erste Teil behandelt die Kirche, der zweite die Konzilien und der dritte das Reich.[Anm. 12] Gewidmet ist es Kaiser Sigismund von Luxemburg (1410-1437) und Giuliano Cesarini und gerichtet an das Basler Konzil.
▶Im Vorwort betont der 33jährige Philosoph, er habe viele durch das hohe Alter schon fast unlesbare Urkunden in Klosterbibliotheken gesammelt. Die das Buch lesen würden, sollten glauben, daß er alles aus alten Originalurkunden, nicht aber aus der „Sekundärliteratur“ (“non ex cuiusquam abbreviata collectione“) abgeschrieben habe (Praefatio, § 2).
Diese Aussage entspricht jedoch nicht der Wahrheit, denn Cusanus hat – wie moderne Autoren peinlich genau nachwiesen – nicht nur seitenlang das staatstheoretische Werk “Defensor pacis“ von Marsilius von Padua abgeschrieben, ohne dies zu zitieren, sondern aus diesem Werk auch Cicero- und Aristoteleszitate sozusagen “aus zweiter Hand“ übernommen.[8])[Anm. 13][Anm. 14][Anm. 15][Anm. 16]
Den römischen Papst ordnete Cusanus dem Konzil unter. An die Unfehlbarkeit des Papstes glaubte er nicht.[Anm. 17] Der Papst ist für ihn nur der Patriarch des Westens. Unfehlbar ist nur die Gesamtkirche. Auch ein Konzil ist fehlbar. Das beste Zeichen für die Unfehlbarkeit ist die Konkordanz, die Übereinstimmung aller in der Kirche. Absolute Sicherheit gibt es nur bei Einstimmigkeit. Wenn der Papst seine Kompetenzen verletzt, kann er auch abgesetzt werden. Die wahre Kirche ist die “katholische“,[Anm. 18] die allgemeine, die über die ganze Erde verbreitet ist.[Anm. 19]
▶Der zweite Teil der “Concordantia catholica“ handelt von der Bedeutung der Konzilien. Die Konzilsbeschlüsse dürfen nicht im Widerspruch zum Glauben der Kirche stehen.
Aus den alten Urkunden könne man entnehmen, daß die Konzilsbeschlüsse früher nicht durch die Autorität des Papstes, sondern durch die Konkordanz der Bischöfe zustande gekommen seien (II, 8). Die Kraft der Beschlüsse hängt immer vom Konsens des Konzils ab (II, 12). Da aber die römische Kirche das Haupt aller Kirchen ist, wird kein Konzil ihre Privilegien beseitigen wollen. Eine päpstliche Suprematie über das Konzil oder den noch heute von der katholischen Kirche vertretenen Universalepiskopat (d. h., der Papst ist nicht nur Bischof von Rom, sondern Bischof der ganzen Welt) lehnt der gemäßigte Konziliarist Cusanus jedoch ab (II 13, § 126). Bei der Diskussion einer Lehrmeinung Zabarellas betont er auch, Petrus habe von Jesus nicht mehr Macht erhalten als die übrigen Apostel (II, 13, § 115).
▶Bei den Reformvorschlägen ist interessant, daß sie teilweise im Widerspruch zu seiner Praxis als späterem Bischof von Brixen stehen: Er betont, daß Christus die Bischöfe nicht als Richter über weltliche Dinge eingesetzt habe. Die Sorge um das Weltliche führe zur Vernachlässigung der geistlichen Aufgaben (II, 17, § 152).[Anm. 20]
Scharf geht er mit der Gier der Kurie nach Geld ins Gericht: Die ganze Welt klage über die Gewinnsucht der römischen Kurie. Die Habgier der kirchlichen Vorgesetzten sei ein Skandal für die ganze Kirche. Es mutet geradezu wie eine Vorwegnahme der Forderungen der Reformatoren an, wenn Cusanus fordert, bei der römischen Kurie und den Erzbischofssitzen müsse alles gratis erledigt werden (“Fiant cuncta in Romana curia ae aliis rnetropoliticis gratis“[Anm. 21]). Wenn die Kirche Geld benötige, solle man sich mit Kollekten begnügen und das habgierige und pompöse Treiben der Kurie abstellen (Il, 30, § 226).
In bezug auf die – auch von Cusanus selbst betriebene – Pfründenanhäufung meint er, man müsse mit der Anhäufung von Pfründen aufräumen, weil sie nur eine Menge ungebildeter Priester erzeuge und die Laien verbittere (“et facitlaicos clericis infestos esse“[Anm. 22]). Eine große Zahl von Priestern nütze nicht viel, weil alles Große selten sei. Besser wenige Priester, aber dafür gute (“Pluralitas sacerdotum non sit multum utilis, quia omne magnum rarum esse debet. Melius enim est paucos habere bonos.“[Anm. 23])!
Interessant ist im Hinblick auf seine spätere Brixner Tätigkeit auch das 19. Kapitel des II. Teiles der “Concordantia catholica“, in der die freie Wahl und die Zustimmung des Volkes als maßgebliche Kriterien für die kirchliche Leitungsgewalt bezeichnet werden. Die wahre Würde erhält die priesterliche Gewalt durch die Wahl, wie ja auch das Urteil des Volkes als göttliches angesehen wird (“Iustam sacerdotibus ordinandis reverentiam servet electio, ut in gravi munere populorum divinum credatur esse iudicium“[Anm. 24]) (Il, 19, § 167).
▶Im dritten Teil der “Concordantia catholica“ entwirft Cusanus ein Programm für die Reform des Reiches. Auch im irdischen Bereich gilt der Konkordanzgedanke; Gesetze müssen durch alle Menschen, für die sie bestimmt sind, gegeben werden. Auch die Vorgesetzten müssen den Gesetzen gehorchen. Cusanus tritt hier für die Wahlmonarchie ein.
Berühmt wurde vor allem das 2. Kapitel des 3. Teiles. Über 700 Jahre hindurch war eine Fälschung der römischen Kurie, die sogenannte „Konstantinische Schenkung“, nach der Kaiser Konstantin dem römischen Papst die Westhälfte des Römischen Reiches geschenkt hätte, so daß die kaiserliche Macht Karls des Großen und seiner Nachfolger letztlich auf den Papst zurückginge, allgemein anerkannt worden. Was so lange von niemand ernsthaft bezweifelt wurde, stellte der 33jährige Historiker erstmals als Fälschung hin! Hier erwies er sich ganz als Meister der historischen Kritik: Er studierte die Werke von Hieronymus, Augustinus, Ambrosius und die Konzilsprotokolle sowie die Lebensbeschreibungen der Päpste aus der Zeit Konstantins und fand nichts davon. So konnte er sieben Jahre vor dem italienischen Humanisten Lorenzo Valla und 16 Jahre vor dem Engländer Reginald Pecock beweisen, daß das wichtigste Dokument, auf das sich die Päpste in ihren Auseinandersetzungen mit den deutschen Kaisern zu berufen pflegten, eine Fälschung war.[Anm. 25]
▶Die Macht des Kaisers und der Fürsten leitete Cusanus aus der Konkordanz mit den Menschen ab. Die Fürsten müssen das Recht schützen.
Er beklagt auch, daß die Bischöfe sich zu viel um das Weltliche kümmern. Das weltliche Regiment schade der Kirche nur. Den Kaisern wirft er vor, oft nur durch Verträge mit den egoistischen Fürsten zur Macht zu gelangen.[Anm. 26]
Auch die Abneigung gegen den Adel kehrt wieder: Die Adeligen meinen, sie könnten ihre Ehre retten, wenn sie vor einem Überfall einen Absagebrief ausstellten und dann Güter anderer oder der Kirche besetzten.
Die Rechtspflege sollte auf jährlichen Reichsversammlungen wiederhergestellt werden. Aus Vertretern des Adels, der Kleriker und auch der Bürger sollten Schöffengerichte gebildet werden.
Das Recht der einzelnen Landschaften, Weistümer und Gesetze sollte gesammelt und zu einem einheitlichen deutschen Reichsgesetzbuch vereinheitlicht werden.
Der Formalismus des Recht sollte gänzlich beseitigt werden, weil oft einfache und arme Menschen durch höchst ungerechte Rechtsverdrehereien und Sophistereien übervorteilt würden, was er selbst in der Diözese Trier gesehen habe.[9] Eine starke Zentralgewalt mit einem Reichsheer zur Exekution der Gesetze sollte Frieden und Rechtspflege schützen. Dann würde endlich die Schwäche des Reiches ein Ende haben, und die Bischöfe könnten sich endlich ganz ihrem geistlichen Beruf widmen und die Verwaltung ihrer Güter den Wirtschaftsfachleuten überlassen.
▶Wäre der großartige Reformentwurf in Kirche und Staat beachtet worden, wäre die Geschichte vielleicht ganz anders verlaufen. Noch 1815 meinte Josef Görres, es hätte keiner Reformation bedurft und wäre auch nicht zum Untergang des Hl. Römischen Reiches Deutscher Nation gekommen, wenn man den Reformentwurf des Cusanus mehr beachtet hätte.
Freilich muß auch Cusanus selbst an seinem Werk bemessen werden. Theorie und Praxis sind leider oft verschiedene Dinge.
Als der Reformtheoretiker zwanzig Jahre später die Verwaltung einer Diözese übernahm, beging er selbst immer wieder Fehler, die er einst in der „Concordantia catholica“ so scharf kritisiert hatte.
▶Auch in der Philosophie ging Cusanus zurück zu den Quellen. Die erstarrte Scholastik und die Spitzfindigkeiten des Nominalismus interessierten ihn wenig. Er schrieb seine Werke nicht in der Form scholastischer Quästionen, sondern in der Art sokratischer Dialoge.
Neben Ramon Lull und Pseudo-Dionysius studierte er vor allem auch das Werk Meister Eckharts, den er vor dem Vorwurf des Pantheismus in Schutz nahm.[Anm. 27]
Im Glauben sah er die größte Wahrheit ganz sokratisch als Wissen des Nichtwissens.
1440 verfaßte er das Werk „De coniecturis“ („Von den Mutmaßungen“), in dem er betonte, daß der Mensch mit seiner Sinneswahrnehmung über Mutmaßungen nicht hinauskomme und kein absolut sicheres Wissen erlangen könne. Mit dem Verstand könne man nur Produkte des Verstandes wahrnehmen, also z. B. logische und mathematische Gebilde. In ihrem Wesen bleiben uns die realen Dinge immer verborgen.[Anm. 28]
1440 vollendete Cusanus in Kues auch sein zweites Hauptwerk “De docta ignorantia“ (“Vom gelehrten Nichtwissen“). Er arbeitet hier mit dem sokratischen Paradox, daß die wahre Weisheit in der Erkenntnis der eigenen Begrenztheit liegt. Im Sinne der negativen Theologie, die die Transzendenz Gottes durch das “Abstreifen“ aller menschlichen Gottesprädikate usw. sicherstellen will, versuchte der Denker, sich Gott zu nähern. Die Welt ist für Cusanus unbegrenzt und ohne festen Bezugspunkt.[Anm. 29] Der Mensch aber braucht im Kosmos nicht unterzugehen. Christus ist für ihn der Mittler zwischen Gott und Mensch und bleibendes Vorbild.[Anm. 30]
Bis heute ist die philosophische Theologie[Anm. 31] nicht über Cusanus hinausgekommen, der in “De docta ignorantia“ schreibt: “Da aber die Verehrung Gottes, ... notwendigerweise in positiven Aussagen über Gott gründet, so nimmt jede Religion in ihrer Gottesverehrung notwendigerweise ihren Aufstieg über eine affirmative Theologie[10] ... , wobei sie immer den Kult durch den Glauben bestimmt sein läßt. Sie glaubt demgemäß ... , daß das unendliche Licht stets im Dunkel unserer Unwissenheit leuchtet … Damit ist jedoch die negative Theologie für die affirmative so unentbehrlich, daß Gott ohne sie nicht als der unendliche Gott verehrt würde, sondern vielmehr als ein Geschöpf. Eine solche Gottesverehrung aber ist Götzendienst. ... Die heilige Unwissenheit hat uns die Unaussprechlichkeit Gottes gelehrt, und zwar wegen seiner unendlichen Erhabenheit über alles, was sich benennen läßt. Weil dies unbedingt wahr ist, sprechen wir richtiger von ihm, wenn wir alles Geschöpfliehe abstreifen und verneinen ... Daraus erhellt, daß in theologischen Aussagen Verneinungen wahr und positive Aussagen unzureichend sind. Ebenso sind die negativen Aussagen um so wahrer, je mehr sie Unvollkommenheiten vom schlechthin Vollkommenen abwehren.“[11] 1445 schrieb Cusanus in “De quaerendo Deum“ (“Vom Gottsuchen“) über den einzigen Weg, wie der Mensch zu Gott gelangen könne: “Das ist uns schon offenkundig, daß wir durch die Wirksamkeit seines Gnadenlichtes zum unbekannten Gott hingezogen werden, der nicht anders erfaßt werden kann, er zeige sich denn selbst. Und er will gesucht werden und will auch dem Suchenden das Licht darbieten, ohne das sie ihn nicht zu suchen vermögen.“[12][Anm. 32][Anm. 33][Anm. 34]
Ludwig Wittgenstein, der von vielen Zeitgenossen als der bedeutendste Denker des 20. Jahrhunderts angesehen wird, kommt in seinem “Tractatus“ im Grunde nicht über die Abgrenzung der Erkenntnisfähigkeit des Menschen bei Cusanus hinaus: die moderne Sprachphilosophie soll die Grenze dessen aufzeigen, was für den Menschen “sagbar“ ist: für die Erkenntnis Gottes als des für die Menschen wahrhaft Wesentlichen bleibt nach Wittgenstein wie nach Cusanus die “mystische Schau“ die einzige Möglichkeit.[13] [Anm. 35]
Für die Wirkung der “Docta ignorantia“ gibt es ein schönes Zeugnis in einer Randbemerkung des Nikolaus Kopernikus, der einen zeitgenössischen französischen Philosophen mit der Glosse kommentiert, daß Cusanus das im ersten Buche von “De docta ignorantia“ besser ausgedrückt habe.[14] Das Werk wurde schnell bekannt. Aus der Zeit vor dem ersten Druck sind davon 17 Handschriften bekannt, darunter eine aus dem Kartäuserkloster Allerengelberg im Schnalstal.[15] 1442/43 verfaßte der Heidelberger Universitätsprofessor Johannes Wenck († 1460) ein Werk „De ignota litteratura“[Anm. 36], auf das Cusanus 1449 mit der “Apologia doctae ignorantiae“ antwortete. Wenck, der sich erst nach 1439 der Partei des Basler Konzils zuwandte, suchte Cusanus als Pantheisten zu verdächtigen. Die cusanische Definition Gottes als des Zusammenfalls der Gegensätze bezeichnete er als Zusammenfall der Schöpfung mit Gott. Er wisse nicht, schrieb Wenck, ob es je einen so schlimmen Ketzer wie den Cusanus gegeben habe.[16] Cusanus verteidigte sich und nahm auch Meister Eckhart gegen den Vorwurf des Pantheismus in Schutz. Wenck antwortete darauf mit einem Werk “De facie scolae doctae ignorantiae“, in der die Schule des Cusanus aIs im Widerspruch zu den gängigen Lehrmeinungen der Universitäten kritisiert wird! Wenck hatte mit seiner Verleumdung insofern Erfolg, als seither immer wieder der unberechtigte Vorwurf, Cusanus sei ein Pantheist gewesen, auftaucht. Die Gegnerschaft war eher politisch begründet; im Werk selbst gab es durchaus Berührungspunkte zwischen den Theologen.[Anm. 37]
▶Daß es um 1450 schon eine „Cusanusschule“ gab, bezeugt auch ein Brief des Tegernseer Theologen Johannes Keck an Cusanus, in dem es heißt, daß das Werk weit und breit gerühmt werde. Bei der Gegnerschaft zu Cusanus spielte sicherlich auch der Neid eine Rolle.
Möglicherweise läßt sich auch eine Äußerung des Johannes von Segovia darauf zurückführen, der in einem Bericht über den Nürnberger Reichstag von 1438 erwähnt, Cusanus habe damals gesagt, beim Basler Konzil könne ja nichts Gutes herausschauen, da die Veranstaltung unter einer ungünstigen Konstellation der Gestirne stehe.[17] Daß Cusanus der Astrologie zuneigte, geht auch aus einer Bemerkung hervor, daß das Jahr 1433, in dem er Karriere gemacht habe, als im Zeichen des Krebses stehend für ihn besonders glückbegünstigt sei.[18] Auch Enea Silvio hing der Astrologie an; den Ausbruch der Pest in Basel 1437 führte er auf astrologische Ursachen zurück, da nach Aussage der Astrologen Jupiter mit dem Schwanz der Schlange zusammengestoßen sei. Noch als Papst Pius II. soll er astrologiegläubig gewesen sein.
Man muß es aus der Zeit heraus verstehen, daß Cusanus auch versuchte, den “jüngsten Tag“ auszurechnen. In der “Coniectura de ultimis diebus“ (“Mutmaßung über die jüngsten Tage“) berechnete er die Zeit der Auferstehung für 1700 bis 1734.[19] Doch Cusanus verfiel nicht allein in derlei Spekulationen; dies lag im Geist der Zeit. Interessanterweise wurde ausgerechnet dieses Werk des Cusanus als erstes gedruckt und am schnellsten verbreitet – bereits 1471 in Paris zusammen mit einem anderen Traktat über dieses Thema. 1562 erschien es in Paris in französischer Übersetzung, 1696 erschien es in England in Englisch, 1700 wurde es in Amsterdam in Französisch und Latein neu gedruckt, und endlich erschien es 1745 in Frankfurt am Main als erstes Werk des Cusanus in deutscher Sprache unter dem Titel “Des im XV Seculo, nemlich circa annum 1486, gelebten und durch seine gelehrten Schriften sehr berühmten Cardinals Nicolai de Cusa Muthmassung von den letzten zeiten“.[20]
▶Wie alle großen Menschen war Cusanus gleichzeitig ein Kind seiner Zeit und damit auch den Irrtümern der Zeit verhaftet wie auch seiner Zeit weit voraus. Obwohl er einerseits noch ganz ein Mensch des Mittelalters war, hat er doch als Philosoph den Menschen hinsichtlich der Möglichkeit der Gotteserkenntnis an eine Grenze geführt, die nicht nur noch heute gilt, sondern auch in Zukunft nicht überschritten werden kann.[Anm. 38]
Einzelnachw
- ↑ RTA XIX/l (1969). S. 247, und Wolkan (1918), S. 548. (übersetzt vom Verfasser)
- ↑ Haubst (1955), S.27. und Wattenbach (1884), S 628.
- ↑ Ioachimsohn (1392), S. 691 f. (übersetzt vom Verfasser).
- ↑ Alle Außerungen Dörings ziliet nach Krause (1885), S. 405.
- ↑ Wenn man bedenkt das Frieden eigentlich „Schutz“ bedeutet, so hat Cusanus den Schutz in der Kirche für sich und den Schutz der Kirche an sich gesucht
- ↑ * Zitiert nach der Heidelberger Ausgabe (von Gerhard Kallen, s. Lit.-Verz.) nach Teil, Kapitel und Paragraph.
- ↑ Candillac ( l951). S.21.
- ↑ Grass: Cusanus als Rechtshistoriker (1970), S. 107 7)
- ↑ Liermann (1970), S- 216.
- ↑ affirmativ „bejahend; bekräftigend; bestätigend; billigend; gutheißend; zustimmend“ affirmativ (lat. affirmativus), bejahend, heißt ein Urteil , welches einem Subjekt irgend ein Prädikat beilegt (S ist P). Negativ dagegen heißt ein Urteil , das einem Subjekt ein Prädikat abspricht (S ist nicht P). daß in theologischen Aussagen Verneinungen wahr und positive Aussagen unzureichend sind. Verhältnis affirmative und negative Theologie o man benötigt zunächst ein positives Gottesbild, um guten Anfang zu haben o es genügt nicht Gott nur positiv zu beschreiben, allerdings zwingende Voraussetzung -> Königsweg: „via negationis“
- ↑ Kues, Bd. I (1979). S. l09-113.
- ↑ Kues (l958), S. 18.
- ↑ Baum ( 1979).
- ↑ Gandilac (19955). S.70, und Lübke (1968), S.222.
- ↑ UB Innsbruck, Codex 441, fol- 2-4r-
- ↑ Haubst (1955). S. l00.
- ↑ Queis (1921). S. 82.
- ↑ Lübke (1963), S. 15 (allerdings ohne Ouellenangabe); vgl. dazu Meulhen-Hallauer (1976), Nr.24, S.9 ünd Nr. 149ä, S.89. ‚5)
- ↑ Vansteenberghe (1961), S. 247 f.
- ↑ Ebenda, S. 468 a
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