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Naturalismus in der Erkenntnistheorie

aus AufEinWort, der freien Forschung

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In der Gegenwartsphilosophie wird oft zwischen einem starken und einem schwachen erkenntnistheoretischen Naturalismus unterschieden.[1] Während der starke Naturalismus die philosophische Analyse menschlicher Erkenntnis letztlich vollständig in der empirischen Kognitionswissenschaft auflösen will, erklären schwache erkenntnistheoretische Naturalisten lediglich, dass die Erkenntnistheorie durch empirische Forschung ergänzt und verändert werden müsse. Die klassische Formulierung des Programms des starken Naturalismus findet man in Quines Aufsatz Epistemology Naturalized: „Aber wozu all diese erfinderischen Rekonstruktionen, all dieser Zauber? Letztlich sind ja die Reizungen der eigenen Sinnesrezeptoren das einzige, was man hatte, um zu seinem Bild der Welt zu kommen. Warum sollte man nicht einfach zu ermitteln suchen, wie diese Konstruktion wirklich vorgeht? Warum sich nicht mit Psychologie begnügen?“[2]

Wie hat man sich eine solche Ersetzung der Erkenntnistheorie durch die empirischen Wissenschaften aber genau vorzustellen? Das klassische Beispiel von Naturalisten ist hier die Analyse der Begriffe „Wissen“ und „Rechtfertigung“. Nach einem Vorschlag aus Platons Theaitetos wurde der Begriff des Wissens in der Erkenntnistheorie als wahre, gerechtfertigte Meinung definiert. Eine derartige Begriffsanalyse scheint auf den ersten Blick recht überzeugend: Wenn jemand weiß, dass Brasilien das bevölkerungsreichste Land Lateinamerikas ist, dann muss er auch eine entsprechende Meinung haben. Doch alleine eine Meinung reicht nicht, denn bei falschen Meinungen kann man nicht von Wissen sprechen. Wissen ist also mindestens wahre Meinung, aber auch dies ist noch nicht hinreichend. Man kann etwa eine wahre Meinung in Bezug auf die nächste Lottozahl haben, was allerdings nicht bedeutet, dass man weiß, was die nächste Lottozahl ist. Von „Wissen“ wird man hier nicht reden, weil man bei einem derartigen, zukünftigen Ereignis keine überzeugenden Gründe für seine Meinung angeben kann. In diesem Sinne ging die klassische Erkenntnistheorie davon aus, dass Wissen als wahre, gerechtfertigte Meinung zu definieren ist.

1963 veröffentlichte der Philosoph Edmund Gettier einen Aufsatz, in dem er das Gettier-Problem formulierte: Es scheint Situationen zu geben, in denen eine Person eine gerechtfertigte, wahre Meinung, aber dennoch kein Wissen hat.[3] Die klassische Begriffsanalyse schien also verfehlt zu sein und bald machten sich Philosophen daran, neue Definitionsvorschläge zu unterbreiten. 1967 führte Alvin Goldman die Debatte jedoch in eine neue Richtung, indem er argumentierte, dass man dem Begriff des Wissens gar nicht durch eine Analyse von Gründen und rationalen Argumenten näher komme. Vielmehr ergebe sich Wissen aus einer kausalen und damit empirisch überprüfbaren Verbindung.[4] Schaut man etwa der Ziehung der Lottozahlen zu und stellt fest, dass man gewonnen hat, so erwirbt man Wissen, weil es eine verlässliche, kausale Verbindung zwischen den gezogenen Zahlen und der erworbenen Meinung gibt. Hat man hingegen die wahre Meinung, dass man mit einer bestimmten Zahlenkombination im Lotto gewinnen wird, so handelt es sich nicht um Wissen, da es keine kausale Verbindung zwischen den (noch nicht gezogenen) Zahlen und der eigenen Meinung gibt.

Goldmans Analyse ist naturalistisch, da sie die Begriffe „Wissen“ und „Rechtfertigung“ durch eine empirisch überprüfbare Verbindung bestimmen will. Möchte man erfahren, ob eine bestimmte Meinung gerechtfertigt ist oder Wissen darstellt, müsse man nicht auf die Gründe und Argumente einer Person schauen. Vielmehr müsse man überprüfen, ob die Meinung der Person in geeigneten kausalen Verbindungen steht. Starke erkenntnistheoretische Naturalisten möchten derartige Behauptungen verallgemeinern: Die Analyse menschlicher Erkenntnis erfordere nicht mehr als eine Untersuchung kausaler Verbindungen von Meinungen und ihren Ursachen.

Einwand der Normativität

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Gegen das Konzept der Erkenntnistheorie ist häufig eingewandt worden, dass sich die Erkenntnistheorie und die Naturwissenschaften mit grundsätzlich verschiedenen Themen beschäftigen. So hat etwa Jaegwon Kim darauf hingewiesen, dass die Erkenntnistheorie ein normatives Unternehmen sei.[5] Normative Aussagen behandeln – im Gegensatz zu deskriptiven Aussagen – nicht die Frage, was der Fall ist. Sie beschreiben vielmehr, was der Fall sein sollte. So ist etwa die Aussage „Der Ausstoß von CO2 sollte zurückgehen“ normativ und die Aussage „Der Ausstoß von CO2 geht zurück“ deskriptiv. Kim weist nun darauf hin, dass die Erkenntnistheorie im Wesentlichen normative Fragen behandelt, so stellt sie etwa die Frage, welche Bedingungen Meinungen erfüllen sollen, damit man sie als gerechtfertigt akzeptieren kann. Sie stellt nicht die deskriptive Frage, nach welchen Kriterien Menschen de facto Aussagen als gerechtfertigt betrachten. Während die Erkenntnistheorie also normative Fragen behandelt, beschränken sich die Naturwissenschaften auf deskriptive Themen. In den Naturwissenschaften werde beschrieben, was der Fall ist und nicht, was der Fall sein sollte.

Akzeptiert man die Kennzeichnung der Erkenntnistheorie als normativ und der Naturwissenschaften als deskriptiv, so ist nicht mehr leicht zu sehen, wie die Erkenntnistheorie durch die Naturwissenschaften ersetzt werden könnte. Die Naturwissenschaften scheinen zu den Fragen der Erkenntnistheorie gar nichts zu sagen zu haben, da sie ein ganz anderes Thema behandeln. Starke Naturalisten in der Tradition von Quine reagieren auf diesen Einwand, indem sie akzeptieren, dass die Fragen der traditionellen Erkenntnistheorie im Programm des Naturalismus keinen Platz haben.[2]So erklärt Quine, dass die traditionelle Erkenntnistheorie mit ihrem Programm gescheitert sei, Kriterien für Rechtfertigungen zu liefern. Statt eines verfehlten, philosophischen Programms solle man sich lieber daran orientieren, was in den Wissenschaften tatsächlich als Rechtfertigung akzeptiert wird.

Eine derart radikale Abkehr von der klassischen Erkenntnistheorie wird selbst von den meisten Naturalisten abgelehnt. Sie argumentieren, dass man letztlich nicht auf die normative Frage „Wann soll man eine Aussage als gerechtfertigt betrachten?“ verzichten kann. Auch Wissenschaftler müssen sich die Frage stellen, wann sie Belege für berücksichtigenswert erachten sollen und wann nicht. Dem starken erkenntnistheoretischen Naturalismus wird daher oft ein schwacher Naturalismus entgegengestellt. Dieser will die normative Erkenntnistheorie nicht durch die Wissenschaften ersetzen, sondern sie durch empirische Erkenntnisse ergänzen. In diesem Sinne schreibt Susan Haack: „Die Resultate der Kognitionswissenschaften können relevant für die Lösung traditioneller, erkenntnistheoretischer Probleme sein, und es ist legitim, sie dafür zu verwenden.“[6] Gleichzeitig wird von Kritikern naturalistischer Theorien darauf verwiesen, dass sie gar nicht bezweifeln, dass empirische Daten in der Erkenntnistheorie eine Rolle spielen. Folglich ist zwischen schwachen erkenntnistheoretischen Naturalisten und Naturalismuskritikern eher umstritten, wie groß die Rolle empirischer Daten in der Erkenntnistheorie ist und an welchen Stellen sie nützlich sind.

  1. ↑ Siehe etwa: Mircea Flonta: Gemäßigter und radikaler erkenntnistheoretischer Naturalismus. In: Geert Keil, Herbert Schnädelbach (Hrsg.): Naturalismus. Philosophische Beiträge. Suhrkamp, Frankfurt 2000, ISBN 3-518-29050-9, S. 163–186.
  2. ↑ a b Willard van Orman Quine: Naturalisierte Erkenntnistheorie. In: ders.: Ontologische Relativität und andere Schriften. Reclam, Stuttgart 1975, S. 105.
  3. ↑ Edmund Gettier: Is Justified True Belief Knowledge? In: Analysis, 1963.
  4. ↑ Alvin Goldman: A Causal Theory of Knowing. In: The Journal of Philosophy, 1967, S. 335–372.
  5. ↑ Jaegwon Kim: What Is Naturalized Epistemology? In: Philosophical Perspectives, 1988.
  6. ↑ Susan Haack: Evidence and inquiry : towards reconstruction in epistemology. Blackwell, Oxford 1996, ISBN 0-631-19679-X.