Naturalismus in der Philosophie des Geistes
Der Mensch selbst erweist sich als zentrales „Problem“ naturalistischer Theorien. Er lässt sich einerseits durch die Naturwissenschaften beschreiben, die Humanbiologie ist hierfür ein offensichtliches Beispiel. Zugleich scheint mit den naturwissenschaftlichen Beschreibungen eben nur ein Teil des Menschen erfasst: Menschen sind Naturwesen, sie sind aber zugleich Kulturwesen, die sich in sozialen Gemeinschaften organisieren, eine Geschichte haben sowie etwa Kunst und Literatur schaffen.[1] Der Kulturaspekt scheint wiederum nur verständlich zu sein, weil Menschen Wesen mit einem komplexen Geist sind – weil sie Wünsche, Emotionen, Gedanken und Erinnerungen haben können und weil sie kraft ihrer geistigen Fähigkeiten eine Sprache beherrschen. Es reicht daher nicht, wenn ein Naturalist auf die human- oder neurobiologischen Untersuchungen des Menschen verweist. Will er ein allgemeines naturalistisches Programm vertreten, muss er zudem zeigen, dass die geistigen Aspekte nicht in Konflikt mit dem naturalistischen Spruch „Alles ist Natur“ geraten.
Auch in der Philosophie des Geistes nimmt der Naturalismus verschiedene Formen an. Einige naturalistische Theorien sind durch einen Physikalismus gekennzeichnet. Ihre zentrale These lautet, dass der Mensch nicht aus einem biologisch-physischen Körper und einem immateriellen Geist zusammengesetzt ist. Vielmehr erweist sich der Geist nach Meinung von physikalistischen Naturalisten als Teil der physischen Wirklichkeit. Eine stärkere Variante des Naturalismus ist der Reduktionismus, nach dem der Geist nicht nur Teil der physischen Welt ist, sondern sich auch durch die Naturwissenschaft erklären lässt. Viele Philosophen sind allerdings der Ansicht, dass der physikalistische Naturalismus zum reduktionistischen Naturalismus führen muss: Wenn der Geist ein biologisch-physisches Phänomen ist, muss er sich zumindest prinzipiell auch durch Biologie und Physik erklären lassen.[2] Gelegentlich wird in der Philosophie des Geistes auch in einem sehr viel schwächeren Sinne von „Naturalismus“ geredet, so nennt etwa David Chalmers seinen Eigenschaftsdualismus „Naturalistischer Dualismus“.[3] Damit behauptet Chalmers, dass seine Konzeption nicht im Widerspruch zu den grundlegenden Annahmen der Naturwissenschaften (etwa dem Energieerhaltungssatz) stehe und keine religiösen Annahmen Argumente enthalte – etwa die Existenz einer körperunabhängigen Seele.
Der Naturalismus der Philosophie des Geistes ist problemorientiert. Naturalisten versuchen Merkmale des Geistes zu bestimmen, die ein Problem für naturwissenschaftliche Beschreibungen darstellen. Im Folgenden versuchen sie zu zeigen, dass sich diese Merkmale doch im Rahmen einer naturwissenschaftlichen Untersuchung analysieren lassen. Dabei wird oft von drei kritischen Merkmalen des Geistes ausgegangen:
- Geistige Prozesse wie Gedanken oder Erinnerungen haben eine Bedeutung bzw. einen semantischen Gehalt. Aufgrund dieser Bedeutung können etwa Gedanken wahr oder falsch sein und sind für Gründe zugänglich. Demgegenüber scheinen biologische oder physische Prozesse nicht mit Bedeutung geladen zu sein. Dies zeigt sich unter anderem daran, dass man bei einem biologischen Prozess nicht fragen kann, ob er wahr ist. Auch werden biologische Prozesse nicht durch Gründe, sondern durch Ursachen geleitet. Naturalisten müssen sich folglich fragen, wie sich die Bedeutung geistiger Prozesse durch eine naturwissenschaftliche Analyse erklären lassen soll. Diese Frage wird in der Philosophie des Geistes in der Tradition von Franz Brentano als Intentionalitätsproblem diskutiert.[4]
- Geistige Prozesse sind mit einem Erlebnisaspekt verknüpft. Es fühlt sich auf eine bestimmte Weise an, Schmerzen zu erleben, einen Kaffee zu trinken oder gekitzelt zu werden. Diese subjektive Erlebniskomponente scheint im Rahmen einer biologischen Beschreibung jedoch keinen Platz zu haben. Blickt man auf die biologischen Prozesse, die in einer Person vorgehen, so wird man keine Erklärung für das spezifische Erleben der Person finden. Der Zusammenhang zwischen subjektivem Erleben und der objektiven, naturwissenschaftlichen Beschreibung wird in der Philosophie als Qualiaproblem diskutiert.[5]
- Geistige Prozesse finden aus einer bestimmten Perspektive statt, die durch das Wort „Ich“ ausgedrückt werden kann. Es ist immer ein Subjekt, das empfindet, will, erkennt, denkt oder erinnert. Diese Perspektivenzentriertheit geistiger Prozesse scheint sich im biologischen oder physischen Geschehen nicht wiederzufinden. Zwar kann man auch physische Prozesse nur aus einer bestimmten Perspektive wahrnehmen, aber ein physischer Prozess scheint selbst nicht aus einer Perspektive stattzufinden. Naturalisten haben sich also mit der Frage auseinanderzusetzen, wie sich perspektivische, geistige Fakten durch nichtperspektivisches, physisches Geschehen erklären lassen sollen. Dieses Problem lässt sich durch eine sprachphilosophische Herausforderung verdeutlichen: Der indexikalische und somit perspektivische Satz „Ich habe Angst.“ lässt sich nicht in einen Satz ohne das Wort „Ich“ übersetzen. Äußert etwa Friedrich Nietzsche diesen Satz, so mag man zunächst an die Übersetzung „Friedrich Nietzsche hat Angst.“ denken. Die beiden Sätze sind jedoch nicht bedeutungsgleich, Nietzsche könnte dem ersten Satz zustimmen und den zweiten ablehnen, wenn er nicht mehr weiß, dass er selbst Friedrich Nietzsche ist. Man müsste also den zweiten Satz durch „… und ich bin Friedrich Nietzsche.“ ergänzen. Damit wäre das Wort „Ich“ allerdings auch wieder im zweiten Satz vorhanden.[6]

Die Intentionalität gilt seit Franz Brentano als eine zentrale Eigenschaft des Geistes. In der 1874 veröffentlichten Psychologie vom empirischen Standpunkte erklärte Brentano:
- „Jedes psychische Phänomen ist durch das charakterisiert, was die Scholastiker des Mittelalters die intentionale (auch wohl mentale) Inexistenz eines Gegenstandes genannt haben, und was wir, obwohl mit nicht ganz unzweideutigen Ausdrücken, die Beziehung auf einen Inhalt, die Richtung auf ein Objekt (worunter / hier nicht eine Realität zu verstehen ist), oder die immanente Gegenständlichkeit nennen würden. Jedes enthält etwas als Objekt in sich, obwohl nicht jedes in gleicher Weise. In der Vorstellung ist etwas vorgestellt, in dem Urteile ist etwas anerkannt oder verworfen, in der Liebe geliebt, in dem Hasse gehasst, in dem Begehren begehrt usw. Diese intentionale Inexistenz ist den psychischen Phänomenen ausschließlich eigentümlich. Kein physisches Phänomen zeigt etwas Ähnliches.“[7] (Kursivschreibung eingefügt)
Intentionale Ereignisse sind also dadurch ausgezeichnet, dass sie sich auf etwas beziehen. Einfache Beispiele können dies verdeutlichen: Der Gedanke an die Kuh auf der Wiese bezieht sich auf die Kuh auf der Wiese, die Erinnerung an die letzte Reise bezieht sich auf die letzte Reise. Erst durch diese intentionale Bezugnahme werden weitere Eigenschaften mentaler Zustände verständlich. Gedanken können etwa wahr oder falsch sein, weil sie sich auf etwas in der Außenwelt beziehen. Der Gedanke „Dort steht eine Kuh auf der Wiese.“ ist genau dann wahr, wenn wirklich eine Kuh auf der Wiese steht, und ist falsch, wenn man etwa ein Pferd in der Dunkelheit für eine Kuh hält. Wird in der Philosophie des Geistes über die Naturalisierung des Geistes gestritten, so geht es meist um die Frage nach einer naturwissenschaftlichen Erklärung der Intentionalität. Siehe dazu auch den Zusammenhang von Signifikat und Signifikant.
Brentano erklärt, dass die Intentionalität ein Merkmal psychischer Phänomene ist, während physische Phänomene nichtintentional sind. Physische Ereignisse stehen zwar in Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen, sie beziehen sich jedoch nicht intentional auf ein Objekt oder einen Sachverhalt. Auch dies kann man durch Beispiele verdeutlichen: Denkt eine Person „Herodot war ein Historiker“, so bezieht sie sich auf Herodot und ihr Gedanke ist wahr, da Herodot tatsächlich ein Historiker war. Die neuronalen (oder auch physischen) Ereignisse in der Person scheinen sich jedoch nicht auf Herodot zu beziehen. Es scheint, dass man daher auch nicht sagen kann, dass neuronale (oder physische) Ereignisse wahr oder falsch sind. Was sollte es heißen, zu sagen: „Dieses Neuronenfeuern ist falsch“? Wollen Naturalisten eine irreduzible, geistige Intentionalität vermeiden, so müssen sie erklären, wie sich intentionale, psychische Ereignisse aus nichtintentionalen, biologischen oder physischen Ereignissen ergeben.
Ein beliebter Startpunkt für naturalistische Konzeptionen der Intentionalität ist der Begriff der Repräsentation. Von Repräsentationen wird mittlerweile auch häufig in der Psychologie, der künstlichen Intelligenz und den Neurowissenschaften geredet. Es liegt für einen Naturalisten daher nahe, zu behaupten: Wenn ein Zustand intentional ist, dann ist er eine Repräsentation. Da es auch etwa neuronale Repräsentationen gibt, könne man intentionale Zustände auf die entsprechenden Repräsentationen im Gehirn zurückführen. Es gebe also den Gedanken „Dort ist eine Kuh auf der Wiese.“, weil es eine interne Repräsentation einer Kuh auf einer Wiese gibt. Mit dem Verweis auf Repräsentationen kann es aber noch nicht getan sein. Will man das Problem nicht einfach verschieben, so muss man eine naturalistische Interpretation des Begriffs der Repräsentation bieten. An dieser Stelle setzt die Theorie des Philosophen und Kognitionswissenschaftlers Jerry Fodor an.[8] Die vereinfachte These lautet: Ein Zustand X repräsentiert einen anderen Zustand Y, wenn X durch Y verursacht wird. Wird ein bestimmter Zustand in einem System etwa durch Kühe auf Wiesen verursacht, so repräsentiert dieser Zustand Kühe auf Wiesen. Der Gedanke „Dort ist eine Kuh auf der Wiese.“ bekommt seinen intentionalen Gehalt nach Fodor also deshalb, weil er durch Kühe auf Wiesen verursacht wird. Fodor sieht allerdings selbst, dass seine Analyse zu Problemen führt. Der Gedanke „Dort ist eine Kuh auf der Wiese.“ kann bei schlechten Sichtverhältnissen auch durch ein Pferd verursacht werden. Wie kann man bei einer solchen kausalen Verbindung erklären, dass der Gedanke von einer Kuh und nicht von einem Pferd handelt? Fodor hat für dieses Problem zwar Lösungsvorschläge entwickelt, dennoch bleibt umstritten, ob eine kausale Analyse der Intentionalität möglich ist.
Der Philosoph Daniel Dennett vertritt die Ansicht, dass Fodors Ansatz letztlich zum Scheitern verurteilt ist. Nach Dennett muss man als Naturalist gar keine Erklärung für intentionale Zustände anbieten, da sie nicht mehr als nützliche Fiktionen sind.[9] Gedanken oder Wünsche sind also nach Dennett gar nicht Teil einer objektiven Wirklichkeit, sondern Fiktionen, mit denen man Verhalten prognostizieren kann. Dennett versucht seine These zu begründen, indem er auf verschiedene Einstellungen hinweist, die man gegenüber einem System einnehmen kann. Zunächst gibt es eine physikalische Einstellung: Man kann ein System in seinen physischen Eigenschaften beschreiben und so sein Verhalten vorhersagen. Das Verhalten eines Systems in physikalischer Einstellung vorherzusagen, wird jedoch oft aus Komplexitätsgründen nicht möglich sein. An dieser Stelle kann man zu einer funktionalen Einstellung greifen: Um eine Uhr zu verstehen und ihr Verhalten zu prognostizieren, muss man nur die Bedienungsweise und die Prinzipien des Bauplans kennen, die konkreten physischen Bedingungen für ihr Funktionieren können vernachlässigt werden. Doch manchmal sind Systeme sogar zu komplex, um ihnen in funktionaler Einstellung beizukommen. Dies gilt etwa von Menschen und Tieren. Hier greift die intentionale Einstellung: Das Verhalten eines Systems wird erklärt, indem man ihm Gedanken zuspricht. So sagt man etwa auch das Verhalten von Schachcomputern voraus: „Er denkt, dass ich den Turm opfern will.“ Dennoch hat ein Schachcomputer keine mysteriösen, mentalen Zustände, die eine Herausforderung für den Naturalismus darstellen würden. Die Verwendung von intentionalem Vokabular sei eine pragmatische Strategie zur Verhaltensvorhersage. Nach Dennett verhält es sich bei Menschen nicht anders, es gebe streng genommen keine intentionalen Zustände, die ein Problem für den Naturalismus darstellen würden. Gegen Dennetts Ansatz ist etwa von Fodor eingewandt worden, dass er nicht erklären kann, warum die intentionale Einstellung so erfolgreich ist. Es sei nicht verständlich, dass die auf Gedanken und Wünschen basierende Psychologie so gut funktioniert, wenn es eigentlich gar keine Gedanken und Wünsche gibt.[10] Auch Dennett hat seinen Ansatz mittlerweile deutlich abgeschwächt.[11]
Über den richtigen Umgang mit dem Phänomen der Intentionalität herrscht in der Philosophie des Geistes weiterhin große Uneinigkeit. So versuchen etwa Ruth Millikan und David Papineau, intentionale Zustände durch eine evolutionsbiologische Analyse zu erklären. Patricia und Paul Churchland wollen die gesamte Alltagspsychologie (also auch alle intentionalen Begriffe) durch eine naturwissenschaftliche Sprache ersetzen und naturalismuskritische Theoretiker wie Hilary Putnam und John Searle erklären, dass man das ganze Programm einer Naturalisierung des Geistes aufgeben sollte.
- ↑ Für eine Erörterung des Begriffspaars „Kultur“ – „Natur“ aus naturalismuskritischer Perspektive siehe Dirk Hartmann und Peter Janich (Hrsg.): Die kulturalistische Wende – zur Orientierung des philosophischen Selbstverständnisses. Suhrkamp, Frankfurt 1998, ISBN 3-518-28991-8.
- ↑ Jaegwon Kim: The Myth of Nonreductive Materialism. In: Proceedings and Addresses of the American Philosophical Association, 1989.
- ↑ David Chalmers: The Conscious Mind. Oxford University Press, Oxford 1996, ISBN 0-19-511789-1.
- ↑ Einen Überblick gibt Wolfgang Barz: Das Problem der Intentionalität. Mentis, Paderborn 2004, ISBN 3-89785-178-4.
- ↑ Einen Überblick gibt Heinz-Dieter Heckmann, Sven Walter (Hrsg.): Qualia. Ausgewählte Beiträge. Mentis, Paderborn 2001, ISBN 3-89785-184-9.
- ↑ Zentrale Texte zu diesem Problem finden sich in: Manfred Frank: Analytische Theorien des Selbstbewußtseins. Suhrkamp, Frankfurt, ISBN 3-518-28751-6.
- ↑ Franz Brentano: Psychologie vom empirischen Standpunkte. 1874, S. 124.
- ↑ Jerry Fodor: Psychosemantics. The problem of meaning in the philosophy of mind. 3. print. MIT Press, Cambridge 1993, ISBN 0-262-06106-6.
- ↑ Daniel C. Dennett: The intentional stance. 7. printing. MIT Press, Cambridge Mass. 1998, ISBN 0-262-54053-3.
- ↑ Jerry Fodor: Fodor’s Guide to Mental Representations. In: Mind, 1985.
- ↑ Daniel Dennett: Real Patterns. In: The Journal of Philosophy, 1991.