Nomoi (Platon)/Zehntes Buch
ZEHNTES BUCH ÜBER DIE GESETZE
[884 St.2 A*] DER ATHENER: Nach diesen Gesetzen über tätliche Beleidigungen mag folgendes als einziges gemeinsames Gesetz über Gewalttätigkeiten festgestellt werden: Niemand soll etwas von fremdem Eigentum hinwegtragen oder wegführen, noch auch etwas von den Sachen des Nachbars gebrauchen, wenn er nicht die Erlaubnis des Besitzers dazu erhalten hat. Denn eben hieran hängte sich und hängt sich die Entstehung aller vorerwähnten Übel und wird sich stets daran hängen.
Von allen übrigen Vergehen aber sind die größten die Zuchtlosigkeiten und Beschimpfungen wie es vorkommt von jungen Leuten ausgeübt zu werden, und zwar gegen das Wichtigste dann gerichtet wenn sie gegen heilige Dinge erfolgen, und dabei wieder noch von besonderer Wichtigkeit, wenn sie die Heiligtümer des ganzen Volkes oder doch die kleinerer Gemeinschaften, nämlich der einzelnen Phylen oder [885 St.2 A] anderer Vereinigungen dieser Art betreffen, die gegen Privatheiligtümer und Gräber sodann nehmen die zweite Stelle und den zweiten Rang ein, und die gegen Eltern die dritte, sofern ihnen jemand nämlich außer den schon erwähnten Gewalttaten noch Beschimpfungen zufügt. Die vierte Art von Beschimpfung aber tritt ein, wenn jemand unter Missachtung der Obrigkeiten irgendetwas von dem, was diesen gehört, wegnimmt oder fortträgt oder in Gebrauch nimmt, ohne dazu von ihnen die Erlaubnis erhalten zu haben. Die fünfte wird die Kränkung der bürgerlichen Ehre eines jeden Bürgers sein, durch welche er genötigt wird den Schutz des Rechtes anzurufen. Für jede [B] dieser Arten muß nun ein gemeinsames Gesetz gegeben werden.
Wie nun zunächst der Tempelraub, mag er mit Gewalt oder heimlich vor sich gehen, zu bestrafen sei, ist bereits in kurzem besprochen worden, für alle Beschimpfungen aber, welche jemand in Wort oder Tat den Göttern antut, ist nach vorausgeschickter ermahnender Einleitung die Strafe nunmehr festzusetzen. Diese Einleitung nun sei folgende.
Kein Mensch, welcher den Gesetzen gemäß an das Dasein von Göttern glaubt, wird je absichtlich eine gottlose Tat verüben noch ein gesetzwidriges Wort reden, vielmehr nur, [C] wenn einer von den folgenden drei Fällen eintritt, dass man entweder das eben Genannte nicht glaubt, oder zweitens zwar wohl dass es Götter gebe, aber nicht, dass sie sich um die Menschen bekümmern, oder drittens, dass sie durch Opfer und Gebet leicht sich lenken und gewinnen ließen.
KLEINIAS: Was werden wir denn also mit solchen Leuten machen oder wie zu ihnen sprechen?
DER ATHENER: Mein Bester, wir wollen erst hören, was sie mit verächtlicher Miene und mit Spott, wie ich ahne, zu uns sagen werden.
KLEINIAS: Nun was?
DER ATHENER: Vermutlich werden sie uns folgende Spottrede halten: „Ihr fremden Leute aus Athen, Lakedämon und Knossos, [D] ihr habt ganz recht. Ein Teil von uns ist in der Tat der Ansicht, es gebe schlechterdings überhaupt keine Götter, ein anderer aber, solche wie ihr sie da beschreibt. Wir halten es daher für billig, gleichwie ihr es hinsichtlich der Gesetze dafür hieltet dass, bevor ihr harte Drohungen gegen uns feststellt, ihr uns erst durch genügende Beweise zu überzeugen und zu belehren sucht, es gebe wirklich Götter und sie seien vollkommener als dass sie sich durch irgendwelche Geschenke bestechen und von der Gerechtigkeit abwenden lassen könnten. Denn jetzt, da wir das Letztere und anderes der Art von den Dichtern, Rednern, Sehern und Priestern, die gerade für die besten gelten, [E] und unzähligen anderen verkünden hören, werden die meisten von uns nicht dazu gebracht kein Unrecht zu begehen, sondern vielmehr nur zu dem Versuche die Strafe für das begangene abzuwenden. Von Gesetzgebern daher, die sich für nicht roh, sondern gemäßigt ausgeben, dürfen wir verlangen, dass sie zuerst das Mittel der Überzeugung gegen uns anzuwenden versuchen, indem ihr uns über das Dasein der Götter, wenn auch nicht viel Besseres und Wahreres als die andern, so doch wenigstens solche, die der
Wahrheit wenigstens einigermaßen näherkommen, und vielleicht möchten wir dann euch folgen. Versucht also, wenn wir eine billige Forderung tun, uns das vorzutragen wozu wir euch auffordern.“
KLEINIAS: Dünkt es dich, Freund, denn nicht ein Leichtes zu sein, die Wahrheit des Satzes, es gebe Götter, zu erhärten?
[886 St.2 A] DER ATHENER: Aber wie?
KLEINIAS: Beweisen es denn nicht vor allem die Erde und die Sonne und die gesamten Gestirne und ferner diese schöne Anordnung der Jahreszeiten und Monats- und Jahresteilung und endlich der Umstand, dass alle Griechen und Nichtgriechen an Götter glauben?
DER ATHENER: O ich fürchte, mein Teurer, dass bei solcherlei Gründen die Schlechten, ich will freilich nicht sagen, dass ich das scheue, euch mit Verachtung anblicken möchten. Denn ihr wisst da eben nicht den wahren Grund ihrer abweichenden Ansicht und wähnt, dass nur durch einen zügellosen Hang zu [B] Lüsten und Begierden ihre Gemüter zu einem gottlosen Leben hingetrieben werden.
KLEINIAS: Nun, und was könnte es noch außerdem für eine Ursache geben?
DER ATHENER: Etwas was ihr als etwas ganz außer eurem Gesichtskreise Liegendes nicht wissen, sondern ganz damit unbekannt sein werdet.
KLEINIAS: Nun, und was wäre denn dieses?
DER ATHENER: Eine schön geredete schwere Unwissenheit, die ihnen aber als die größte Weisheit vorkommt.
KLEINIAS: Wie sagst du?
DER ATHENER: Bei uns werden gewisse Schriften viel gelesen, welche bei euch wegen der Vortrefflichkeit eurer Staatsordnung, wie ich für meinen Teil einsehe, ganz außer Gebrauch sind und die, teils in Versen, teils in Prosa abgefasst, [C] über die Götter berichten. Und zwar erzählen uns die ältesten derselben, wie zuerst der Himmel und sodann alles andere in seiner Urgestalt entstand, und dann ferner nicht weit von ihrem Anfang beschreiben sie die Entstehung der Götter und den Verkehr den diese miteinander pflegen. Ob nun diese Erzählungen in anderer Rücksicht für ihre Leser von Nutzen sind oder nicht, darüber lässt sich ihres hohen Alters wegen nicht gut ein absprechendes Urteil fällen, aber in Rücksicht der Hochachtung und Ehrerbietung, die man dem Älteren schuldig ist, möchte ich für meinen Teil sie nicht loben und behaupten, dass sie in dieser Hinsicht nützliche und in jedem Betracht richtige Lehren [D] gegeben hätten. Diese alten Werke setze ich daher ganz beiseite und lasse sie ruhen und jeden darüber urteilen wie es Gott gefällt. Aber die Schriften der jüngeren Weisen soll mein Tadel treffen, insoweit sie Schuld des in Rede stehenden Übels sind. Sie sind es aber wirklich, indem sie bewirken, dass, wenn ich und du, zum Beweise dafür, dass es Götter gibt, eben das, was du vorhin nanntest, Sonne, Mond, Sterne und Erde anführen, als welche eben selbst Götter und göttlichen Wesens seien, andere, die jenen Weisen glauben, uns erwidern, jene Dinge seien ja nichts als Erde und Steine und könnten sich daher unmöglich um die menschlichen Angelegenheiten kümmern, und diese Meinung dann mit Reden unterstreichen werden, welche ihr einen [E] hübschen Schein von Wahrheit geben.
KLEINIAS: Das ist freilich ein schwerwiegender Einwurf den du da vorführst, auch wenn es nur ein Einziger wäre der ihn vorbringt, nun aber wenn Ihrer gar viele sind, so dürfte dies in noch höherem Grade der Fall sein.
DER ATHENER: Wie nun also? Was sollen wir jetzt sagen oder tun? Sollen wir uns verteidigen, als hätte uns einer vor gottlosen Menschen, die eben selbst nur unserer Gesetzgebung wie ein Angeklagter der Anklage zu entrinnen suchen, indem sie uns erklären, wir täten großes Unrecht, dass wir bei derselben so verführen [887 St.2 A] als gäbe es Götter? Oder sollen wir diese Sache auf sich beruhen lassen und in unserer Gesetzgebung fortfahren, damit uns nicht hier die Einführung länger werde als das Gesetz selber? Denn nicht wenig würden wir unsere Rede ausdehnen müssen, wenn wir denen, welche gottlos zu sein begehren, teils hinlänglichen Aufschluss über das worüber sie ihn verlangen geben, teils sie in Furcht versetzen und ihnen
Abscheu einflößen vor demjenigen, was sich zu fürchten und zu verabscheuen ziemt, und dann erst zur Gesetzgebung schreiten wollen.
KLEINIAS: Aber, lieber Freund, wir haben uns doch schon oft genug für diese kurze Zeit eben dahin erklärt, dass in dieser unserer Unterredung die Kürze durchaus keinen Vorzug vor der Weitläufigkeit haben dürfe. Denn wir haben ja, wie man wohl zu sagen pflegt, keinen Treiber hinter uns, und so wäre es denn belachenswert [B] und verächtlich wenn wir uns als Leute zeigen wollten die das Kürzere dem Besseren vorziehen. Es ist aber nicht wenig daran gelegen, dass unsere Behauptungen, es gäbe Götter und sie seien gut und achteten die Gerechtigkeit weit höher als die Menschen, möglichst wahrscheinlich gemacht werden. Denn eine schönere und bessere Einführung könnten wir unseren sämtlichen Gesetzen nicht geben. Wir wollen uns also durch nichts abschrecken und durch nichts drängen lassen, sondern alle Kraft, die wir haben, unverkürzt auf den Beweis dieser Sätze verwenden und die Sache möglichst erschöpfend abtun.
DER ATHENER: [C] So ernsten Eifer wie sie zeigen, kommen deine Worte mir wie eine Aufforderung zum Gebete vor, dass unser Vorhaben auch von einem glücklichen Erfolge gesegnet werden möge, jedenfalls darf ich nicht länger zaudern ans Werk zu gehen. Wohlan denn, sage mir, wie soll jemand, ohne in Eifer zu geraten, darüber zu sprechen imstande sein ob es überhaupt Götter gibt oder nicht. Muß man nicht notwendig Hass und Entrüstung gegen Leute fühlen, welche je zu dieser Erörterung Anlass gegeben haben und ihn auch uns jetzt geben, Leute die den Sagen nicht glauben die sie schon in zartester Kindheit und noch an der Mutterbrust von Wärterinnen und Müttern hörten [D] und deren Zauber ebenso sehr ihre Unterhaltung wie ihre ernste Belehrung ausmachte, indem dieselben den Inhalt der Gebete, die sie bei den Opfern hörten, und der Zeremonien bilden mit denen sie dieselben begleiten sahen, das anziehendste Schauspiel welches nur ein junges Gemüt erblicken und vortragen hören kann, und indem sie mitten in dem feierlichen und inbrünstigen Ernste der Opfernden auch ihre eigenen Eltern wahrnehmen, wie sie mit innigster Andacht und der festesten Überzeugung von dem Dasein der Götter dieselben mit Gebet und Flehen für sich und ihre Kinder angehen, indem sie endlich Griechen und Nichtgriechen beim Aufgange der Sonne und des Mondes und beim Niedergange derselben in den verschiedenartigsten Lebenslagen, im Glück wie im Unglück, sich zu Boden werfen sehen und die Götter anrufen hören, nicht als gäbe es solche gar nicht, sondern [E] in der festesten Zuversicht von ihrem Dasein und ohne den geringsten Argwohn gegen dasselbe. Woher soll einer die Sanftmut nehmen um alle solche Leute, die sich mit Verachtung dies alles aus dem Sinne geschlagen haben und uns jetzt, ohne im mindesten einen vernünftigen Grund dazu zu haben, [888 St.2 A] wie jeder irgend Verständige urteilen muß, nötigen ihnen erst den Beweis zu geben, welchen wir nunmehr führen wollen, mit Milde zurechtzuweisen und darüber zu belehren, dass es wirklich Götter gibt! Gleichwohl müssen wir es versuchen. Denn es dürfen nicht beide Teile hier rasend vor Leidenschaft sein, jene vor unersättlicher Genusssucht und wir vor Entrüstung über sie. Und so mag denn folgende leidenschaftslose Vorerinnerung an die Leute ergehen, deren Gemüt so verderbt ist, und wir wollen allen Zorn unterdrücken und in aller Sanftmut, als ob ein Einzelner von ihnen vor uns stände, ihn folgendermaßen anreden: „Mein Sohn, du bist noch jung, und der Fortschritt der Zeit wird dich lehren über viele Dinge ganz anders, ja gerade entgegengesetzt zu denken wie jetzt. Warte also doch so lange, [B] bevor du über die allerwichtigsten aburteilst. Denn das Wichtigste ist gerade das, was du jetzt für nichts achtest, nämlich eine richtige Vorstellung vom Göttlichen, weil ihr Besitz die Glückseligkeit und ihr Mangel das Elend hervorbringt. Ich bin nun sicher, dass ich nicht werde als Lügner befunden werden, wenn ich dich in dieser Sache zunächst auf einen wichtigen Umstand aufmerksam mache, nämlich folgenden. Nicht du und deine Freunde sind die Ersten und Einzigen welche die Meinung, dass es keine Götter gebe, hegten, sondern es gibt stets mehr oder weniger Leute die mit dieser Krankheit behaftet sind. Das jedoch kann ich, der ich mit vielen derselben verkehrt habe, dir versichern, dass keiner, der in seiner Jugend die Ansicht fasste, es gebe keine Götter, [C] je bis in sein Greisenalter bei dieser Denkweise verharrt hat. Die beiden anderen Meinungen aber bleiben allerdings, wenn auch nicht bei vielen, so doch bei manchen, dass es zwar Götter gebe, dass aber diese entweder sich nicht um die menschlichen Angelegenheiten bekümmerten, oder
aber, dass sie zwar auch dies täten, aber durch Gebet und Opfer leicht zu begütigen seien. Wenn du also mir folgen willst, so wartest du es ab, bis du dir erst ein zuverlässiges Urteil über diese Fragen gebildet hast, und denkst zu diesem Zwecke erst darüber nach ob die Sache sich so oder anders verhalte, und ziehst auch andere und vor allem [D] den Gesetzgeber darüber zu Rate. Inzwischen aber erfreche dich nicht wider die Götter zu freveln. Denn der, welcher dir Gesetze gibt, muß versuchen dich jetzt und weiterhin zu belehren wie es mit eben diesen Dingen steht.“
KLEINIAS: Ganz vortrefflich, lieber Freund, ist so weit alles, was du da sagst.
DER ATHENER: Freilich, lieber Megillos und Kleinias, aber wir sind da ganz unversehens auf eine wunderliche Behauptung geraten.
KLEINIAS: Auf was für eine meinst du denn?
[E] DER ATHENER: Die, welche von vielen für die Allerweiseste gehalten wird.
KLEINIAS: Erkläre dich deutlicher.
DER ATHENER: Es behaupten gewisse Leute dass alle Dinge, welche es gibt und gegeben hat und geben wird, entweder von Natur, oder aber durch Zufall oder durch Kunst entstehen.
KLEINIAS: Und haben sie darin nicht recht?
DER ATHENER: Nun, es ist ja wahrscheinlich, dass weise Männer recht haben, indessen wollen wir sie doch erst ein wenig weiter auf ihrem Wege begleiten und [889 St.2 A] uns darüber unterrichten, was sie sich denn bei dieser ihrer Grundansicht denken.
KLEINIAS: Versteht sich.
DER ATHENER: Es sei klar, sagen sie, dass die größten und schönsten Werke der Natur und dem Zufall ihren Ursprung verdanken und nur die unbedeutenderen der Kunst, welche ja die Elemente ihres Schaffens bereits fertig aus den Händen der Natur empfange und nur nehme was diese bereits Großes hervorgebracht, um daraus alle jene geringeren Werke zu bilden und zu formen, die wir ja eben Kunstwerke zu nennen pflegen.
KLEINIAS: Erkläre dich deutlicher.
DER ATHENER: Nun, so höre denn. Feuer, Wasser, Erde, und Luft, sagen sie, seien insgesamt Werke der Natur und des Zufalls, und aus diesen seien [B] dann wieder ohne alle beseelende Kraft zunächst die Körper, Erde, Sonne, Mond und Sterne, entstanden. Die sämtlichen Bestandteile aller Dinge seien nämlich umhergetrieben, wohin einen jeden nach dem Maße seiner Kraft der Zufall führte, wodurch denn in geeigneter Weise zusammengetroffen sei was zu einander passte, Warmes mit Kaltem, Trockenes mit Feuchtem, Weiches mit Hartem und überhaupt alles was, eben weil es einander entgegengesetzt ist, mit Notwendigkeit zu einer Mischung sich verbindet, sobald es der Zufall zusammenführt, und so hätten sie auf diese Weise [C] die ganze Welt und alles, was in ihr ist, hervorgebracht und ebenso auch die Tiere und Pflanzen, sowie auch die Jahreszeiten eine Folge dieser Mischung gewesen seien, und dies alles, sagen sie, nicht mit Vernunft, noch geleitet durch irgend eine Gottheit oder auf dem Wege der Kunst, sondern wie gesagt, es sei lediglich ein Werk der Natur und des Zufalls. Erst aus diesen Schöpfungen sei vielmehr späterhin die Kunst entstanden und sei daher auch von niedrigerem Range, nur von Sterblichen erzeugt und daher selber sterblich, und sie habe eben darum auch nur Spielereien hervorgebracht, die wenig Wirklichkeit hätten, sondern nur Schattenbilder von gleicher Art wie sie selber seien, wie denn dies ja von den Werken der Malerei, der musischen Kunst und aller Schwesternkünste von diesen gelte, und wo eine Kunst wirklich etwas Namhaftes hervorbringe, da sei dies doch nur eine solche, [D] welche ihre eigene Kraft mir der der Natur verbinde, so die Arzneikunst, der Landbau und die Körperübung. Und so sei denn auch die Staatsverwaltung nur zum geringsten Teile Sache der Natur und weit mehr der Kunst, und namentlich die Gesetzgebung beruhe ganz und gar auf der letzteren und gar nicht auf der ersteren, und darum eben fehle es ihren Satzungen auch an Wahrheit.
KLEINIAS: Erkläre mir auch das noch genauer.
DER ATHENER: Die Götter zunächst, mein Teuerster, behaupten sie, seien gar nicht von Natur, sondern bloße künstliche Phantasiegebilde und Satzungen, daher denn auch in jedem Lande andere verehrt würden, je nachdem man eben bei [E] der Gesetzgebung hier so und dort so übereinkam. Ähnlich sei ferner das Löbliche etwas anderes nach der Natur und etwas anderes nach dem Gesetze, und etwas Gerechtes gebe es gar nicht von Natur, sondern die Menschen lägen vielmehr in einem unaufhörlichen Streite darüber, und bestimmten es alle Tage anders, und was sie dann jedesmal als Bestimmung hinstellten, das habe dann, so lange es noch neu sei und nicht verändert werde, Gültigkeit, [890 St.2 A] so dass alles Recht lediglich aus der Kunst und dem Gesetze entspringe und nicht in irgend einer Ordnung der Natur seinen Grund habe. Dies ist es, ihr Freunde, was von weisen Männern den jungen Leuten in Prosa und Versen gepredigt wird, und das sei das größte Recht, behaupten sei, was immer einer mit Gewalt durchsetzen könne, und dadurch verfallen denn eben die jungen Leute auf gottlose Handlungen, indem sie sich darauf verlassen, es gebe keine Götter und nur das Gesetz befehle sie anzunehmen, und selbst Empörung und Aufstände sind die Folgen solcher Grundsätze, sofern sie die Leute dazu hinziehen, dass nun eben jeder nach dem Rechte der Natur zu leben strebt, welches eben darin besteht, dass man nicht unter dem Zwange des Gesetzes stehe und anderen diene, [B] sondern vielmehr die Anderen sich unterwerfe.
KLEINIAS: Was für eine schlimme Lehre ist das, bester Freund, die du uns hier darlegst, und wie müssen der Staat als solcher und die einzelnen Haushaltungen darunter leiden wenn so verderbliche Grundsätze bei den jungen Leuten einreißen!
DER ATHENER: Wohl hast du recht, lieber Kleinias. Was für Mittel, meinst du also, müsse der Gesetzgeber anwenden, da solche Lehren schon von alter Zeit her im Schwange sind? Ist es genug, dass er nur so dastehe und drohe wofern jemand nicht zugesteht, dass es Götter gibt, oder sie sich gerade so denkt und vorstellt wie das Gesetz es ihm gebietet? Und sollte gleichermaßen in Bezug auf die Forderungen [C] der Ehre und des Rechts und überhaupt auf alle Fragen von der höchsten Wichtigkeit, auf alles was Tugend und Lasterhaftigkeit anlangt, wohl schon der bloße Ausspruch genügen, dass man hierin ganz nach derjenigen Denkart handeln müsse, welche der Gesetzgeber vorgeschrieben hat, und dass, wer diesen seinen Gesetzen nicht gehorchen sollte, entweder mit dem Tode oder mit körperlicher Züchtigung und Gefängnis, mit Verlust der bürgerlichen Ehren oder des Vermögens oder endlich mit Verbannung bestraft werden würde? Oder sollte er bei der Verkündigung seiner Gesetze wohl nicht zugleich auch der Überredungsgabe bedürfen und freundliche Zureden mit jenem Akte verbinden müssen, um nach Möglichkeit die Gemüter der Leute [D] zu gewinnen?
KLEINIAS: Gewiss, Freund, wenn nur irgendwie Gründe zu finden sind welche geeignet erscheinen in solchen Dingen das Volk auch nur einigermaßen zu überzeugen, so darf der Gesetzgeber, wenn er nur im geringsten diesen Namen verdienen will, keine Mühe sich verdrießen lassen, sondern muß, wie man wohl zu sagen pflegt, alle Töne anschlagen, um dem uralten Glauben an das Dasein der Götter und die Wahrheit alles dessen, was du noch sonst so eben erwähntest, zu stützen und auch dem Gesetze selbst und der Kunst zu Hilfe zu kommen und zu zeigen, dass beide selber von Natur sind oder von etwas nicht geringerem, als die Natur ist, herstammen, wenn sie doch Erzeugnisse der Vernunft [E] sind, wie du mir anzunehmen und richtig anzunehmen scheinst, so dass ich dir vollkommen beistimme.
DER ATHENER: Ja, lieber Kleinias, du freilich bist bereitwillig genug, aber sollte es nicht für die Menge schwierig sein, einem solchen ohne weiteres an sie gerichteten Vortrag zu folgen und sollte derselbe nicht ungebührlich lang ausfallen?
KLEINIAS: Aber, lieber Freund, ermüdeten wir denn als sich unsere Unterredungen über die Trunkenheit und die musische Kunst so sehr in die Länge zogen? Und nun sollten wir nicht ausharren, wenn es sich um die Götter und jene anderen hochwichtigen Dinge handelt? Und es liegt doch in einem solchen Verfahren für eine weise Gesetzgebung die größte Unterstützung, [891 St.2 A] falls jene Vorreden zu den Gesetzen schriftlich niedergelegt werden, da sie dann niemandem weglaufen, sondern für alle Zeit einem jeden Gelegenheit zu ruhiger Prüfung geben,
so dass man sich weder davor zu fürchten braucht, wenn es zuerst und beim bloßen Anhören derselben auch schwierig sein sollte ihnen zu folgen, da ja auch der Ungelehrige sie so sich öfters ansehen kann, noch ob sie sehr lang ausfallen, wenn sie eben nur wirklich lehrreich sind. Und so wäre es denn wider alle Vernunft und, ich darf wohl sagen, gewissenlos, wenn wir nicht auf diese Weise nach Kräften dazu beitragen wollten jene Grundsätze zu verteidigen und zu stützen.
MEGILLOS: Ganz vortrefflich, Freund, [B] scheint mir Kleinias gesprochen zu haben.
DER ATHENER: Allerdings, Megillos, und so soll denn auch seinen Wünschen entsprochen werden. Denn freilich, wären jene Lehren nicht in alle Welt verbreitet worden, so bedürfte es wahrlich nicht erst des Beweises für das Dasein der Götter, für die, die dieselben zurückschlagen. So aber tritt allerdings die Notwendigkeit eines solchen ein, und da so die wichtigsten aller Gesetze durch schlechte Menschen ihrer Wirksamkeit beraubt werden, wem ziemt es da in höherem Grade ihnen zu Hilfe zu kommen als dem Gesetzgeber?
MEGILLOS: Keinem anderen.
DER ATHENER: Wohlan, so wende ich mich wieder an dich, Kleinias, denn mit dir wünsche ich diese Sache weiter zu erörtern. Hat es nicht den Anschein, als ob [C] mit jener vorhin erwähnten Ansicht Feuer, Wasser, Erde und Luft für die letzten Gründe aller Dinge gehalten werden und unter ihnen dasjenige verstanden wird, was Natur genannt wird, und aus ihnen die Seele erst später entsteht? Mich dünkt, es hat nicht bloß diesen Anschein, sondern sie erklären uns das durch jene ihre Behauptungen aufs deutlichste.
KLEINIAS: Allerdings.
DER ATHENER: Nun beim Zeus! Da haben wir denn, glaube ich, die eigentliche Quelle aller der unsinnigen Ansichten entdeckt, welche je von Leuten, die sich mit Untersuchungen über die Natur abgaben, aufgestellt worden sind. Denn prüfe und erwäge nur einmal diese ganze Behauptung. Denn wir hätten damit nicht wenig gewonnen, wenn sich nun ergäbe, dass die, welche solche gottlosen [D] Lehren aufstellen und andere zum Glauben an dieselben verleiten, nicht von richtigen, sondern von ganz grundverkehrten Voraussetzungen ausgehen. Mich wenigstens will es so bedünken.
KLEINIAS: Und gewiss mit Recht, und so suche uns denn zu zeigen, inwiefern es wirklich so damit stehe.
DER ATHENER: Da werden wir aber wohl nicht umhin können uns auf eine ungewöhnlichere Art von Untersuchungen einzulassen.
KLEINIAS: Du darfst deshalb kein Bedenken tragen, Freund. Denn ich verstehe dich wohl, du glaubst die Bahn [E] der Gesetzgebung zu verlassen, wenn wir uns auf Untersuchungen dieser Art einlassen wollen, allein, wenn es auf keine andere Weise möglich ist, die Richtigkeit der in unseren Gesetzen geforderten Grundsätze zur Überzeugung zu bringen als auf diesem Wege, so muß man ihn eben einschlagen.
DER ATHENER: Nun denn, so werde ich diese ziemlich ungewöhnliche Erörterung, wie es scheint, nicht scheuen dürfen, und so beginne ich sie denn folgendermaßen. Gerade das, was die ursprüngliche Ursache des Entstehens und Vergehens aller Dinge ist, erklärt jene Lehre, welche das Gemüt der Ungläubigen eben ungläubig macht, vielmehr für das später Entstandene, und umgekehrt das Letztere für das Ursprüngliche, und daher eben ihr Irrtum über das wahre Wesen der Götter.
[892 St.2 A] KLEINIAS: Das ist mir noch nicht klar.
DER ATHENER: Es wissen überhaupt, mein Freund, wie es scheint, die meisten Leute nicht, wie es mit der Seele ihrem Wesen und ihrer Wirksamkeit nach, sowohl in allem an ihr als auch wie es mit ihrem Ursprunge bestellt ist, dass sie nämlich nicht von abgeleiteter Natur, sondern dass sie vielmehr ursprünglicher als alles Körperliche und dass sie recht eigentlich es ist, von deren Leitung alle Veränderungen und aller Wechsel innerhalb der Körperwelt ausgeht. Wenn dem aber so ist, wird da nicht auch alles, was mit der Seele verwandt ist, für ursprünglicher gelten müssen als alles, was den Körper angeht, wenn doch sie selber eben ursprünglicher ist als dieser?
KLEINIAS: Notwendigerweise.
DER ATHENER: Nun, dann müssen auch Vernunft, Vorstellung, Berechnung, Kunst und Gesetz ursprünglicher sein als Hartes und Weiches und Schweres und Leichtes, und ebenso werden dann auch [B] die großen und ursprünglichen Schöpfungen eben als solche Werke der Kunst, was jene Leute aber Werke der Natur und die Natur selbst, die sie hiernach fälschlich mit diesem Namen nennen, werden etwas Späteres und unter der Leitung der Kunst und der Vernunft Entstandenes sein.
KLEINIAS: In wie fern geben sie denn dem, was sie Natur nennen, damit nicht den rechten Namen?
DER ATHENER: [C] Mit dem Worte Natur wollen sie ja gerade bezeichnen, dass dies das Ursprüngliche sei. Wenn sich nun aber ergibt, dass die Seele und eben nicht Feuer oder Luft, wenn sich ergibt, dass vielmehr die Seele ursprünglicher ist, so wird man doch wohl mit dem vollsten Rechte sagen dürfen, dass gerade sie vorzugsweise von Natur sei. So steht also die Sache, sobald nur der Nachweis geführt ist, dass die Seele ursprünglicher sei als der Körper, sonst freilich nicht.
KLEINIAS: Du hast vollkommen Recht.
DER ATHENER: Müssen wir uns nun also nicht zunächst zu diesem Nachweis anschicken? KLEINIAS: Gewiss.
DER ATHENER: Wir müssen uns aber dabei [D] wohl in Acht nehmen, denn hier ist Täuschung gar leicht, da diese Lehre noch neu ist und ihre Durchführung daher Jugendkraft erfordert, während wir alte Leute sind. Vielleicht also können wir dabei auf falsche Wege geraten und der Gegenstand unseres Suchens uns entschlüpfen, und dann hätten wir uns lächerlich gemacht und würden als Leute erscheinen die Großes erstrebten und doch schon das Kleine verfehlen. Hört also meinen Vorschlag. Gesetzt wir Drei sollten über einen Fluss von starker Strömung setzen, da würde es euch gewiss zweckmäßig erscheinen wenn ich euch vorschlüge, ich als der Jüngste, der überdies schon über manchen Strom gesetzt, wollte lieber erst euch in Sicherheit zurücklassen und allein versuchen ob auch ihr Älteren wohl imstande sein würdet über diesen hinüberzukommen, und erst dann wenn [E] ich zu dieser Überzeugung gekommen auch euch nachrufen und euch vermöge meiner Erfahrung hinüberhelfen, und falls ich jene Überzeugung nicht gewinnen sollte, so wäre es doch wohl umso besser gewesen, wenn nur ich allein mich der Gefahr ausgesetzt hätte? Ebenso fordert nun aber auch die Untersuchung, in welche wir uns jetzt einlassen wollen, keine geringe Kraft und übersteigt vielleicht die eure. Damit euch nun nicht dabei schwindlig und schwarz vor Augen werde, [893 St.2 A] wenn sie vorüberbraust und euch mit Fragen bestürmt, auf welche ihr zu antworten nicht gewohnt seid, und euch so in eine verdrießliche, widerwärtige und unziemliche Lage versetze, wird es, glaube ich, daher das Beste sein, wenn ich erst mir selbst Fragen vorlege und mir selbst beantworte und euch in aller Ruhe und Sicherheit zuhören lasse und in dieser Weise die ganze Untersuchung über das Wesen der Seele durchführe, bis sie mit dem Nachweis, dass die Seele ursprünglicher sei als der Körper zu ihrem Ende gediehen ist.
KLEINIAS: Dein Vorschlag dünkt uns [B] vortrefflich. Mache es also ganz so wie du sagst.
DER ATHENER: Wohlan denn, wenn wir je Ursache hatten göttlichen Beistand anzurufen, so haben wir sie jetzt. Denn da wir eben das Dasein der Götter zu beweisen unternehmen, so müssen wir vor allem dabei auf das Inständigste ihre Hilfe erflehen. Und nun, nachdem wir das Schiff unserer Untersuchung an diesem sicheren Taue festgebunden, lasst es uns besteigen. Auf folgende Fragen also, die man an mich zu stellen berechtigt ist, um den in Rede stehenden Punkt ins Reine zu bringen, glaube ich am sichersten folgendermaßen antworten zu müssen.
Lieber Freund, wird man sagen müssen, steht alles still und ist nichts in Bewegung? Oder findet das Gegenteil statt? [C] Oder ist alles teils in Bewegung und teils in Ruhe?
Ich werde mich dann für den dritten Fall entscheiden.
Wird nun aber nicht sowohl das, was ruht, sich dabei in einem Raume befinden als auch das, was sich bewegt, sich in einem solchen bewegen?
Allerdings.
Und das Letztere wird dabei teils an einer Stelle verbleiben und teils mehrere Orte durchlaufen?
Da werden wir denn antworten: du verstehst unter dem, was in seiner Bewegung an derselben Stelle verharrt, alles dasjenige, was sich um seinen festen Mittelpunkt bewegt, gleichwie der Umfang eines Rades sich dreht?
Ja.
Ich begreife ferner auch, werde ich fortfahren, dass in derselben der gleiche Umschwung zugleich den größten und den kleinsten [D] Kreis herumtreibt und sich im Verhältnis allen Kreisen die innerhalb des Umkreises liegen so mitteilt, dass seine Geschwindigkeit eben mit der Größe derselben wächst, weshalb denn auch diese Bewegung die Quelle alles Wunderbaren ist, indem sie zustande bringt, was man doch für unmöglich halten sollte, größere und geringere Geschwindigkeit, die eine für die größeren und die andere für die kleineren Kreise, zugleich und so dass beide im vollsten Einklange miteinander stehen, zu erzeugen.
Sehr richtig bemerkt.
Und unter dem, was in seiner Bewegung mehrere Orte durchläuft, scheinst du mir alles das zu verstehen, was eine fortschreitende Bewegung hat und daher stets seinen Ort verändert, und zwar indem es zum Teil einfach fortrückt, zum Teil aber zugleich sich im Kreise bewegt, sofern es fortrollt, in beiden [E] Fällen aber, sobald es mit einem anderen Körper zusammentrifft, wenn dieser in Ruhe verharrt, durch ihn zerteilt wird, dagegen wenn er von entgegengesetzter Richtung her ihm begegnet und mit ihm zusammentrifft, sich mit demselben in eines zu einem gemischten Körper verbindet, welcher die Mitte, eine Mischung der beiden darstellt.
Allerdings meine ich es so wie du da angibst.
Und ferner bist du ohne Zweifel der Ansicht, dass für die Körper in der Vereinigung auch das Wachstum und in der Trennung die Abnahme bestehe, jedoch nur wenn die ursprüngliche Beschaffenheit dabei unverändert bleibt, und wo nicht, dass sie da vielmehr durch das Eine wie durch das Andere zugrunde gehen.
[894 St.2 A] Ja, aber zum Entstehen jedes beliebigen Körpers, was für Umstände müssen demnach hierzu wohl eintreten?
Offenbar gehört hierzu, dass der erste Ansatz zu einem solchen irgendwie einen Zuwachs erhält und so zur zweiten und von der zweiten zur dritten Entwicklungsstufe alles Körperlichen fortschreitet und dadurch, dass er bis zu ihr vorgerückt ist, den sinnbegabten Wesen sinnfällig wird. Durch solche Veränderung und Fortbewegung also entstehen alle Dinge, und so lange sie unverändert bleiben, sind sie wirklich, sobald sie aber in eine andere Beschaffenheit übergehen, vergehen sie.
Damit haben wir denn nun wohl alle Bewegungen, soweit sie sich ihrer Anzahl nach in Arten zusammenfassen lassen, aufgeführt, mit Ausnahme von zweien, ihr Freunde.
[B] KLEINIAS: Welche zwei meinst du denn?
DER ATHENER: Ich glaube, mein Guter, gerade diejenigen beiden, um derentwillen wir diese ganze gegenwärtige Untersuchung angestellt haben.
KLEINIAS: Sprich deutlicher.
DER ATHENER: Die Seele ist doch der Gegenstand derselben. KLEINIAS: Allerdings.
DER ATHENER: Nun wohl, die eine dieser beiden Bewegungen ist die, vermöge deren ein Gegenstand zwar einen andern bewegen kann, sich selbst aber nicht, wieder eine andere aber von allen Bewegungen ist die, vermöge deren er so gut sich selbst wie anderes zu bewegen vermag,
mag dies Bewegen nun genauer ein Verbinden oder Trennen, [C] ein Hervorrufen von Wachstum oder Abnahme, von Entstehen oder Vergehen sein.
KLEINIAS: Sei es so.
DER ATHENER: Wir werden also diejenige Art der Bewegung vermöge deren ein Gegenstand bloß anderes treibt und von anderem getrieben wird, wohl als die neunte, und die welche aus sich selbst beginnt und dann auch anderes in Bewegung setzt, eben deshalb allem Tun und Leiden schließlich zugrunde liegt und als der wahre Ausgangspunkt aller Bewegung und Veränderung der Dinge zu bezeichnen ist, als die zehnte bezeichnen.
KLEINIAS: Allerdings.
DER ATHENER: Und welcher von diesen zehn Arten der Bewegung werden wir nun wohl mit Recht den Vorzug einräumen, dass sie die stärkste und wirksamste [D] von allen sei?
KLEINIAS: Nun, notwendig muß doch wohl die Selbstbewegung weitab die vorzüglichste sein und alle andern ihr in allem nachstehen.
DER ATHENER: Du hast recht. Darnach müssen wir aber wohl eines oder zwei Dinge, mit denen wir dann nicht gebührend verfahren sind, richtiger stellen.
KLEINIAS: Welche meinst du?
DER ATHENER: Eben jene Bewegung ist danach wohl nicht richtig als die zehnte bezeichnet worden.
KLEINIAS: Inwiefern denn nicht?
DER ATHENER: Nun, es gebührt ihr vernunftgemäßerweise die erste Stelle sowohl in Ansehung ihres Ursprungs als ihrer Stärke, und in die zweite haben wir ferner dann diejenige einrücken zu lassen, welche wir vorhin unschicklich an die neunte setzten.
KLEINIAS: [E] Warum urteilst du so?
DER ATHENER: Höre nur. Wenn ein Ding ein anderes und dieses wieder ein drittes verändert und so immer weiter, wird da nicht schließlich eins von allen diesen Dingen dasjenige sein müssen von welchem zuerst die Veränderung ausgeht? Aber wie sollte das, was seine Bewegung doch selbst erst von etwas anderem empfängt, dennoch jenes erste sein können und von allen jenen Veränderung bewirkenden Dingen das einzige, welches dies in ursprünglicher Weise tut? Nein, dies ist undenkbar. Aber wenn das Sichselbstbewegende ein anderes und dies wieder ein anderes verändert, und so unzählig viele bewegte Gegenstände entstehen, [895 St.2 A] wird dann von ihrer aller Bewegungen etwas anderes der Ursprung sein als die Veränderung, welche jenes Sichselbstbewegende mit sich vornahm?
KLEINIAS: Du hast vollkommen recht, und jeder muß dir beipflichten.
DER ATHENER: So werde ich denn jetzt weiter fortfahren und mir selber antworten. Gesetzt es wäre einmal alles in der Welt, wie die Anhänger jener Lehren meistens kühn genug sind zu behaupten, zugleich in Ruhe, welche von allen aufgeführten Bewegungen müsste dann wohl zuerst vor sich gegangen sein?
KLEINIAS: Doch wohl offenbar die Selbstbewegung. Denn ehe nicht irgendein Ding dazu einen Anstoß von sich selbst empfängt, kann es auch keine Veränderung in anderen Dingen hervorbringen.
DER ATHENER: Gut, so werden wir also behaupten müssen, dass der Anfang und die erste aller Bewegungen, die [B] unter den ruhenden Dingen eintrat und die bewegten in Bewegung erhält, die Selbstbewegung und dass sie mithin auch die älteste und stärkste aller Veränderungen sei, und dass dagegen die durch ein anderes Ding hervorgebrachte Veränderung, die dann ihrerseits wieder andere Dinge in Bewegung setzt, die zweite Stelle einnimmt.
KLEINIAS: Du hast ganz recht.
DER ATHENER: So viel hätten wir denn also von unserer Untersuchung bereits abgetan. Demzufolge muß ich uns jetzt eine weitere Frage vorlegen.
KLEINIAS: Und die ist?
DER ATHENER: Wenn wir nun diese Selbstbewegung in irgendeinem Dinge, sei es aus Erde, Wasser oder Feuer, und mag es aus irgendeiner von diesen gesonderten Substanzen bestehen oder aus mehreren gemischt sein, wahrnehmen, [C] welchen Zustand werden wir da demselben zuschreiben?
KLEINIAS: Ich denke, du willst die Antwort haben: Alles was sich selbst bewegt besitze eben damit Leben.
DER ATHENER: Eben diese.
KLEINIAS: Und wer sollte dir die auch wohl nicht geben!
DER ATHENER: Gut denn, und wenn wir nun in einem Dinge Seele bemerken, werden wir da nicht ebenso von demselben zugestehen müssen dass es lebe?
KLEINIAS: Auch da, gewiss.
DER ATHENER: Nun beim Zeus! So gib acht. Ist es nicht dreierlei was du von jedem Dinge gern kennen möchtest?
KLEINIAS: Was meinst du denn?
DER ATHENER: Fürs erste das Ding selbst, das ist, fürs zweite die Erklärung seines Wesens, fürs dritte seinen Namen. Bemerke [D] nun ferner, dass man über jedes Ding auf zweierlei Art fragen kann.
KLEINIAS: Wie so?
DER ATHENER: In jedem Falle kann man ja entweder den Namen des Dinges angeben und dann die Erklärung desselben verlangen, oder umgekehrt die Erklärung desselben geben und darnach nach seinem Namen fragen. Nun aber sage mir auch noch folgendes.
KLEINIAS: Nun?
DER ATHENER: Es gibt doch, wie wo anders auch, so namentlich bei den Zahlen eine Teilbarkeit in zwei Hälften, und dafür ist nun bei den Zahlen der Name: gerade Zahl, und die Erklärung: eine Zahl, welche sich in zwei gleiche Teile teilen lässt.
KLEINIAS: Allerdings.
DER ATHENER: Und nun höre was ich hiermit will. Wollen wir uns nun aber nicht in beiden Fällen dasselbe Ding bezeichnen lassen, sowohl wenn wir den Namen [E] „gerade Zahl” angeben und nach der Erklärung „eine Zahl die sich in zwei gleiche Teile teilen lässt” fragen, als auch wenn wir es umgekehrt machen?
KLEINIAS: Stets dieselbe.
DER ATHENER: Welches ist nun also nach dem vorigen die Erklärung des Dinges, dessen Name Seele ist? Kann es nach demselben wohl eine andere sein [896 St.2 A] als dass sie das Sichselbstbewegende ist?
KLEINIAS: Du behauptest also, dass es einerlei ist, ob wir das Wesen, welches wir alle Seele zu nennen pflegen, mit diesem Namen oder durch die Erklärung bezeichnen, dass sie allein sich selber bewege?
DER ATHENER: So sage ich. Wenn sich dies aber so verhält, vermissen wir da noch irgendetwas zu einem genügenden Beweise dafür, dass die Seele nichts anderes ist als das Prinzip der Entstehung und Bewegung aller gegenwärtigen, vergangenen und zukünftigen Dinge und ebenso auch alles dessen, was ihnen entgegengesetzt ist, da sie sich ja auch als die Ursache aller Veränderungen erwiesen hat?
KLEINIAS: Nein, sondern es ist auf das Vollständigste gezeigt, [B] dass sie der Anfang aller Bewegungen und eben damit auch, dass sie das Ursprünglichste aller Dinge ist.
DER ATHENER: Und ist damit nicht zugleich gezeigt, dass diejenige Bewegung, welche ein Ding von einem andern empfängt und vermöge deren es nie sich selber aus eigener Kraft bewegen
kann in den zweiten Rang, ja so tief als man will, unter jene erstere herabzusetzen und eben nur die Veränderung eines in Wahrheit seelenlosen Körpers ist?
KLEINIAS: Gewiss.
DER ATHENER: Und also war denn unsere Behauptung durchaus richtig und gültig, wahr und treffend, dass die Seele ursprünglicher sei als der Körper und dass dieser, [C] als ein zu späterer Zeit Entstandenes, der Herrschaft der Seele untertan sei.
KLEINIAS: Das ist nun eine vollständig erwiesene Wahrheit.
DER ATHENER: Nun erinnern wir uns aber doch zuvor bereits zugegeben zu haben, wenn sich die Seele als ursprünglicher denn der Körper erwiesen, dass dann auch alles, was die Seele angeht, ursprünglicher sein müsse als alles, was zum Körper in Beziehung steht.
KLEINIAS: Allerdings.
DER ATHENER: Sitte, Gemütsart, Verstandes- und Willensäußerung, richtige Vorstellung, Berechnung, Gedächtnis sind also immer eher da als Länge, Breite und Tiefe und Stärke der Körper, wenn doch eben die Seele selbst immer früher als der Körper ist.
KLEINIAS: Notwendigerweise.
[D] DER ATHENER: Wenn nun aber die Seele die letzte Ursache von allem ist, muß sie da nicht sowohl die des Guten wie des Schlechten, des Schönen wie des Hässlichen, des Gerechten wie des Ungerechten, und überhaupt alles Entgegengesetzten sein?
KLEINIAS: Freilich muß sie das.
DER ATHENER: Und wenn nun ferner die Seele alles durchwaltet und allem innewohnt, was überall sich bewegt, muß man da nicht auch dem ganzen Weltall eine solche es durchwaltende Seele zuschreiben?
KLEINIAS: Sicher.
DER ATHENER: Eine oder mehrere? Mehrere antworte ich für euch. Mindestens müssen wir [E] ihrer zwei annehmen, eine wohltätige und eine, welche das Gegenteil vollbringen kann.
KLEINIAS: Du hast vollkommen Recht.
DER ATHENER: Halten wir dies also fest. Es leitet nämlich die Seele nach dem Vorigen alles im Himmel und auf Erden und auf dem Meere durch ihre eigenen Bewegungen, welche man Wollen, Erwägung, Sorgetragen, [897 St.2 A] Ratschlagen, sich richtig oder falsch Vorstellen, Freude oder Trauer, Mut oder Furcht, Hass oder Liebe nennt. Solche und ähnliche Bewegungen sind nämlich die ursprünglichen, welche dann erst in den Körpern die Bewegungen zweiter Ordnung mit sich bringen und so alles in Wachstum und Abnahme, Scheidung und Verbindung versetzen, wovon denn Wärme und Kälte, Schwere und Leichtigkeit, Härte und Weichheit, Weiße und Schwärze, Herbheit und Süßigkeit die Folgen sind. Wenn nun dabei die Seele die Vernunft, die göttliche, beständig [B] zu Rate zieht und infolge dessen den richtigen Weg einschlägt, so leitet sie alles richtig und zum Glücke, wenn sie dagegen der Unvernunft sich überlässt, so begegnet ihr das Gegenteil. Glaubt auch ihr, dass es so hiermit stehe, oder sind wir noch uneins darüber, ob es nicht vielleicht sich anders verhalte?
KLEINIAS: Nein, wir sind ganz einverstanden.
DER ATHENER: Welcher von beiden Arten von Seele wollen wir nun die Herrschaft über Himmel und Erde, über den ganzen Weltenkreis zuschreiben, derjenigen die mit Weisheit und Tugend erfüllt ist, oder der, die keine von beiden besitzt? Soll ich diese Frage für euch entscheiden, so würde meine Antwort so lauten.
KLEINIAS: Nun?
DER ATHENER: Wenn, so werde ich sagen, mein Teuerster, [C] die Gesamtbewegung der Welt und der Zug der einzelnen Himmelskörper ähnlicher Natur ist mit der Bewegung, dem Umschwung und den Berechnungen der Vernunft und einen verwandten Gang nimmt, so müssen wir offenbar behaupten dass die gute Seele für die Welt sorge und sie eben diesen Weg führe.
KLEINIAS: Einverstanden.
DER ATHENER: Wenn hingegen jene Bewegung ohne Sinn und Ordnung ist, so die böse. KLEINIAS: Auch dagegen ist nichts einzuwenden.
DER ATHENER: Von welcher Natur ist nun aber die Bewegung der Vernunft? Das, meine Freunde, [D] ist eine Frage, auf welche eine wirklich einsichtige Antwort schwer ist, und es ist daher billig, dass ich euch wiederum beim Aufsuchen derselben helfe.
KLEINIAS: Wohl gesprochen.
DER ATHENER: Damit es nun nicht so wie denen ergehe, denen es am hellen Mittag Nacht vor den Augen wird, weil sie gerade in die Sonne hineinschauen, so lasst uns nicht uns einbilden, dass wir die Vernunft selber mit sterblichen Augen anschauen und hinlänglich zu erkennen vermöchten, sondern lieber sicherer gehen und den Gegenstand unserer Forschung an einem Bilde betrachten.
KLEINIAS: Und was für ein Bild wählst du dazu?
DER ATHENER: Diejenige von jenen zehn Arten der Bewegung, welcher die der Vernunft ähnlich ist. [E*] Diese wollen wir uns also gemeinschaftlich wieder in Erinnerung bringen, um dadurch die Antwort auf meine Frage zu gewinnen.
KLEINIAS: Gut denn.
DER ATHENER: Wir erinnern uns aus unserer vorhin gegebenen Auseinandersetzung doch noch dessen, dass wir annahmen, von allen Dingen befände sich stets ein Teil in Bewegung und der andere in Ruhe?
KLEINIAS: So wurde gesagt.
DER ATHENER: Und ferner auch dessen, dass von dem sich Bewegenden ein Teil dabei [898 St.2 A] an demselben Orte verharre, ein anderer aber seinen Ort verändere?
KLEINIAS: Auch das.
DER ATHENER: Von diesen beiden Bewegungen muß nun die erstere stets um einen Mittelpunkt herumgehen, wie die Scheiben auf der Drechselbank, und diese ist es, welche mit dem Umschwunge der Vernunft die größte Verwandtschaft und Ähnlichkeit hat.
KLEINIAS: Inwiefern?
DER ATHENER: Wenn wir sagen, die Bewegung der Vernunft und die in demselben Raume vor sich gehende Bewegung kämen beide darin überein, dass sie stets in der gleichen Art und Weise und unter den gleichen Bedingungen, stets in einer Sphäre und um einen Mittelpunkt und in einer Richtung, nach einer Regel und einer Ordnung stattfinden, und es sei daher auch die erstere mit der einer wohlgedrechselten Kugel vergleichbar, so brauchen wir nicht zu fürchten, dass wir in der Kunst [B] der Vergleiche als ungeschickte Arbeiter erscheinen möchten.
KLEINIAS: Du hast ganz recht.
DER ATHENER: Und wird nicht dagegen diejenige Bewegung, die nie auf gleiche Art und Weise und unter gleichen Bedingungen, und nie in demselben Raume und einer Richtung und um einen Mittelpunkt, die ohne allen Plan, ohne alle Regel und Ordnung vor sich geht, das Fehlen von Verstand verraten?
KLEINIAS: Sicherlich.
DER ATHENER: Da es nun aber doch die Seele ist, welche alles in Bewegung setzt, so ist es jetzt auch nicht mehr schwierig, sich bestimmt [C] darüber zu entscheiden, ob es notwendigerweise eine gute oder aber eine böse ist, durch deren Fürsorge und Leitung der Kreislauf des Weltalls bewirkt wird.
KLEINIAS: Gewiss nicht, Freund, sondern nach dem soeben Dargelegten würde es ein Frevel sein zu leugnen, dass eine mit aller möglichen Güte und Vollkommenheit ausgerüstete Seele oder mehrere solche diese Wirksamkeit ausüben.
DER ATHENER: Auf das Trefflichste, Freund, bist du meiner Auseinandersetzung gefolgt. Nun merke aber auch noch folgendes.
KLEINIAS: Nun?
DER ATHENER: Wenn nun also eine Seele die Gesamtheit von Sonne, Mond und allen übrigen Gestirnen in Umlauf setzt, wird da wohl nicht auch der besondere Umlauf den jedes dieser Gestirne hat, von einer besonderen Seele desselben ausgehen?
KLEINIAS: Versteht sich.
DER ATHENER: So wollen wir denn jetzt über einen dieser Himmelskörper reden, [D] und was wir dabei vorbringen werden wird auch auf die übrigen passen.
KLEINIAS: Nun, und über welchen denn?
DER ATHENER: Über die Sonne. Den Körper derselben sieht jedermann, aber nicht ihre Seele, ebenso wenig wie die irgend eines beseelten Einzelwesens, weder während es lebt noch nach seinem Tode, aber wenn auch diese ganze Gattung ihrer Natur nach überhaupt allen Sinnen unseres Körpers zugänglich ist, so ist doch begründete Aussicht vorhanden, dass sie unserem Denken erfassbar ist, und so wollen wir denn lediglich durch Vernunft und Nachdenken uns folgenden Begriff von ihr machen.
KLEINIAS: Nun?
DER ATHENER: Wenn die Sonne durch ihre Seele in Umlauf gesetzt wird, so werden wir nicht fehlen, wenn wir behaupten, dass dies nur auf eine von drei Arten denkbar sei.
[E] KLEINIAS: Und diese sind?
DER ATHENER: Entweder wohnt diese Seele innerhalb dieses ihres runden Körpers der unseren Sinnen erscheint, und lenkt denselben so nach allen Richtungen herum, gerade wie unsere Seele uns nach allen Seiten hin leitet, oder sie treibt, wie einige glauben, irgendwoher von außen mit einem Körper von Licht, oder auch von Luft, den sie angezogen hat, [899 St.2 A] den Sonnenkörper gewaltsam fort, oder drittens, sie steht rein für sich ohne allen Körper da, besitzt aber andere über die Maßen wunderbare Kräfte um dennoch den Gang der Sonne zu leiten.
KLEINIAS: Ja, auf eine von diesen drei Arten muß notwendig jede Seele zu Werke gehen um irgendeinen Körper in Bewegung zu setzen.
DER ATHENER: In jedem Falle nun aber, mag diese Seele der Sonne die letztere ähnlich wie einen Wagen lenken und so mit ihr Licht durch das Weltall verbreiten oder sie von außen her oder endlich auf jede andere beliebige Art und Weise fortbewegen, so ist sie doch nicht bloß ein weit höheres Wesen als die Sonne, sondern jedermann wird sie auch für eine Gottheit [B] anerkennen müssen. Nicht wahr?
KLEINIAS: Ja, es müsste denn jemand bereits den höchsten Gipfel des Unverstandes erstiegen haben.
DER ATHENER: Werden wir nun wohl über den Mond und alle Sterne, über Jahre, Monate und Jahreszeiten eine andere Schlussfolgerung ziehen können als abermals eben dieselbe: weil eine oder mehrere Seelen ihnen allen als wirkende Kräfte zugrunde liegend und als Wesen von aller möglichen Vollkommenheit erschienen sind, so müssen wir behaupten, dass alle diese Wesen Götter sind, sie mögen nun in Körpern wohnend und mit diesen zu lebendigen Wesen verbunden oder auf welche andere Weise immer die ganze Welt leiten und regieren? Und wer dies zugibt, wird der [C] noch leugnen können dass alles mit Göttern erfüllt sei?
KLEINIAS: Nein, Freund, so sinnlos kann niemand sein.
DER ATHENER: So wollen wir denn, Megillos und Kleinias, jetzt allen denen, die vorher der Ansicht waren, es gebe keine Götter, unsere abschließende Erklärung geben und uns dann von ihnen verabschieden.
KLEINIAS: Und wie wird dieselbe lauten?
DER ATHENER: Entweder möchten sie uns beweisen, dass wir geirrt haben, wenn wir die Seele als die letzte Ursache des Entstehens aller Dinge hinstellten, so wie in allem Übrigen was sich uns weiter hieraus ergab, oder aber, wenn sie uns so eines Besseren zu belehren nicht im Stande sind, uns glauben und hinfort in der Überzeugung vom Dasein der Götter ihr Leben zubringen. Oder
hätten wir etwa [D] die Gottesleugner noch nicht hinlänglich widerlegt und fehlte unserem Beweise noch irgendetwas zur Vollständigkeit?
KLEINIAS: Nicht das Allermindeste, Freund.
DER ATHENER: So mag denn unsere Unterredung mit jenen Leuten zu Ende sein, und wir wollen uns jetzt mit unserer Rede denen zuwenden, welche das Dasein von Göttern zugeben, aber bestreiten, dass sie sich um die menschlichen Angelegenheiten bekümmern. Bester Freund, werden wir also zu einem solchen sagen, offenbar zieht dich deine innere Verwandtschaft mit den Göttern zu ihnen hin, so dass du nicht bloß [E] an ihr Dasein glaubst, sondern sie auch als dir verwandte Wesen ehrst, aber das scheinbare Glück schlechter und ungerechter Menschen im häuslichen und öffentlichen Leben, welches doch in Wahrheit nie ein solches ist und nur unverständigerweise von den Leuten als ein hohes Glück gepriesen, in Liedern besungen und in mancherlei Reden verherrlicht wird, verleitet dich zur Gottlosigkeit, und es macht dich verwirrt, wenn du ruchlose Menschen vielleicht ein hohes Alter erreichen und Kinder und Kindeskinder in den höchsten [900 St.2 A] Ehren hinterlassen siehst, es macht dich verwirrt, wenn du in alle solche Verhältnisse hineinblickst oder wenn du von Hörensagen erfährst oder es gar als Augenzeuge mit ansiehst, wie von manchen Leuten vielerlei ruchlose und frevelhafte Taten verübt wurden und sie gerade durch diese sich aus der Niedrigkeit zur Herrschaft und höchsten Gewalt aufschwangen. Offenbar willst du nun, um wegen aller solcher Vorgänge die Götter nicht tadeln zu müssen, zu denen du dich eben als zu verwandten Wesen hingezogen fühlst, lieber sie nicht als die Urheber von ihnen ansehen, und da du die richtige Erklärung hierfür nicht zu finden weißt, so hast du dir nicht anders zu raten gewusst [B] als dadurch, dass du annimmst, den Göttern, deren Dasein du anerkennst und gegen die du keinen Unwillen zu hegen vermagst, seien eben die menschlichen Angelegenheiten zu geringe um sich mit ihnen zu befassen. Damit also nicht dieser Irrtum zu einem noch größeren Übel, zur Gottesleugnung, in dir wachse, so will ich versuchen, ob ich nicht durch meine Zusprache diesen Anfall zu bannen vermag, und ich will zu dem Beweis, welchen ich dir jetzt zu führen habe, an den vorhin gegen die vollständigen Gottesleugner geführten anknüpfen und so von diesem letzteren auch hier wieder [C] Gebrauch machen.
Ihr nun, Kleinias und Megillos, übernehmt es abermals, wie bei jener Gelegenheit, für den Jüngling zu antworten. Sollte aber irgendeine Schwierigkeit bei dieser Erörterung uns in den Weg treten, so werde ich wieder wie damals euch diese Aufgabe abnehmen und uns so über den Fluss hinüberhelfen.
KLEINIAS: Wohl gesprochen. So mache es, und auch wir werden nach Kräften deinen Wunsch erfüllen.
DER ATHENER: Vielleicht ist es aber durchaus nicht schwer zu zeigen, dass die Götter für das Kleine nicht geringere Sorgfalt haben als für das Große und Hervorstechende. Denn er hörte es ja und war dabei gegenwärtig, als wir noch eben erst den Beweis führten, dass sie jede Vollkommenheit besitzen und eben deshalb die Fürsorge für alle Dinge [D] zu ihrer eigentümlichsten Wirksamkeit gemacht haben.
KLEINIAS: Allerdings ist dem so.
DER ATHENER: So haben wir denn wohl zunächst miteinander zu untersuchen, worin denn eigentlich die Vollkommenheit bestehe, um derentwillen wir sie eben gut nennen. Wohlan also, rechnen wir nicht Maßhaltigkeit und Besonnenheit unter die Tugenden und Vollkommenheiten, und das Gegenteil davon unter die Mängel und Gebrechen?
KLEINIAS: Allerdings.
DER ATHENER: Und ferner zählen wir nicht ebenso die Tapferkeit zu den ersteren und die Feigheit zu den letzteren?
KLEINIAS: Ohne Zweifel.
DER ATHENER: Und behaupten, dass Besonnenheit und Tapferkeit Lob, Zügellosigkeit und Feigheit aber Verachtung verdient?
KLEINIAS: Notwendigerweise.
DER ATHENER: Und alles, was zum letzteren gehöre, [E*] finde sich, wenn es vorkomme, lediglich bei uns Menschen, den Göttern aber hafte weder wenig noch viel davon an?
KLEINIAS: Auch dies wird wohl jeder zugeben.
DER ATHENER: Und nun weiter: Wollen wir Nachlässigkeit, Trägheit und Weichlichkeit unter die Vollkommenheit der Seele setzen? Was gedünkt dich davon?
KLEINIAS: Wie wäre das möglich?
DER ATHENER: Aber unter das Gegenteil?
KLEINIAS: ja.
DER ATHENER: Und folglich [901 St.2 A] werden wir auch alle ihnen entgegengesetzten Eigenschaften wieder in das Entgegengesetzte setzen?
KLEINIAS: Ja.
DER ATHENER: Und wird der Weichliche, Nachlässige und Träge, der nach dem Ausspruch des Dichters den stachelberaubten Drohnen am ähnlichsten ist, nicht uns ganz dafür gelten?
KLEINIAS: Ja wohl, dieser Ausspruch ist vortrefflich.
DER ATHENER: Hiernach wird man nun auch nicht sagen dürfen, dass die Gottheit selbst von dieser Art sei, die sie es vielmehr hasst, und man darf es nicht dulden, dass jemand so zu reden sich unterfange.
KLEINIAS: Nein, gewiss nicht.
DER ATHENER: Gesetzt nun aber, es wendete jemand in den Dingen, deren Verrichtung und Besorgung recht eigentlich ihm zukommt, allen seinen Geist und Sinn lediglich auf das Große [B] und vernachlässigte das Kleine, würden wir da nicht durchaus unrecht tun, wenn wir ihn loben wollten? Doch wir wollen uns die Sache einmal noch etwas genauer ansehen. Von jedem, der so verfährt, mag es nun ein Gott oder ein Mensch sein, lässt sich dies doch nur auf zweierlei Weise denken.
KLEINIAS: Nämlich?
DER ATHENER: Entweder glaubt er, es mache für das Ganze keinen Unterschied wenn das Kleine vernachlässigt werde, oder auch, er sieht recht wohl ein, dass dies nicht gleichgültig ist, aber aus Leichtsinn und Trägheit vernachlässigt er es dennoch. Oder weißt du noch eine andere Ursache aus welcher Vernachlässigung entstehen könnte? Denn wo es etwa jemandem, sei er ein Gott oder ein schwacher Mensch, unmöglich wäre, alles zu besorgen, [C] weil es ihm an Kräften hierzu gebricht und es die seinen übersteigt, und er deshalb Kleines oder Großes unbesorgt lässt, da kann ihm dies doch nicht für Vernachlässigung angerechnet werden.
KLEINIAS: Unmöglich.
DER ATHENER: Jetzt mögen denn nun aus Dreien jene Zwei antworten, die zwar beide das Dasein von Göttern zugestehen, von denen aber der Eine behauptet, dass sie leicht zu begütigen seien, und der Andere, dass sie sich um das Kleine nicht kümmerten. Sagt uns also zuerst, ihr beide, gebt ihr zu dass die Götter alles sehen, hören und wissen und dass ihnen nichts von allem, was mit den Sinnen wahrgenommen und was mit dem Geiste erkannt wird, verborgen bleibt? Glaubt ihr dies [D] oder bestreitet ihr es?
KLEINIAS: Wir glauben es, werden sie sagen.
DER ATHENER: Und gebt ihr denn weiter auch zu, dass sie alles vermögen, was nur immer sterblichen und unsterblichen Kräften erreichbar ist?
KLEINIAS: Auch das werden sie unmöglich bestreiten können.
DER ATHENER: Und dass sie schlechthin gut und vollkommen sind, darüber haben wir alle Fünf uns bereits verständigt.
KLEINIAS: Allerdings.
DER ATHENER: Wenn sie aber dies wirklich sind, so ist es auch nicht denkbar, dass sie in irgendetwas mit Leichtfertigkeit und Schlaffheit verfahren sollten. Denn Trägheit entspringt
wenigstens bei uns Menschen aus Feigheit, und aus der Trägheit und Weichlichkeit wieder [E] Leichtfertigkeit.
KLEINIAS: Du hast ganz recht.
DER ATHENER: Aus Trägheit und Leichtfertigkeit wird daher keiner der Götter irgendetwas vernachlässigen, denn Feigheit wohnt doch wohl keinem derselben inne.
KLEINIAS: Auch das ist ganz richtig.
DER ATHENER: Also bleibt, wenn sie bei [902 St.2 A] der Verwaltung des Ganzen das Einzelne und Kleine vernachlässigen, nur noch übrig, dass sie einsehen, es sei auch ganz und gar nicht notwendig sich um irgendetwas hiervon zu bekümmern. Denn was könnte noch wohl bleiben, nachdem wir den Fall, dass dies geschehe, während sie doch gerade das Gegenteil als richtig einsehen, bereits abgetan haben?
KLEINIAS: Nichts.
DER ATHENER: Du musst mithin annehmen, Liebster, Bester, die Götter wüssten nicht, dass wir ihrer Fürsorge bedürfen, und infolge dieses Nichtwissens entzögen sie uns dieselbe, deren wir doch in der Tat bedürftig sind, wenn du nicht doch etwa lieber glauben willst, sie wüssten dies recht wohl, aber es ergehe ihnen wie den Schlechtesten unter den Menschen, die, wie man sagt, recht wohl wissen, dass sie besser täten anders zu handeln als wie sie handeln, es aber dennoch nicht tun, weil sie irgendwie den Lust- und Schmerzempfindungen nicht zu widerstehen vermögen.
KLEINIAS: Aber wie sollte ich das Eine oder das Andere [B] annehmen!
DER ATHENER: Haben nicht die menschlichen Angelegenheiten Teil an der Beseelung des All, und ist nicht unter allen beseelten Einzelwesen gerade der Mensch das gottesfürchtigste?
KLEINIAS: Man sollte das denken.
DER ATHENER: Und wird wohl jemand leugnen können, dass alles, was es an beseelten sterblichen Geschöpfen gibt, der Götter Eigentum sei, denen ja auch das ganz Weltall angehört?
KLEINIAS: Gewiss nicht.
DER ATHENER: So behaupte man nun meinetwegen, dass die menschlichen Angelegenheiten etwas Kleines oder etwas Großes in den Augen der Götter seien! Denn in keinem von beiden Fällen hat es einen Sinn dass sie, die unsere Herren [C] und die Fürsorglichsten und Besten sind, uns vernachlässigen sollten. Betrachten wir nämlich die Sache auch noch von einer anderen Seite.
KLEINIAS: Lasse hören.
DER ATHENER: Stehen nicht unsere Sinne in Bezug auf Leichtigkeit und Schwierigkeit in einem natürlichen Gegensatz gegen unsere Kraft?
KLEINIAS: Wie meinst du das?
DER ATHENER: Es ist doch wohl schwieriger das Kleine zu sehen und zu hören als das Große, und dagegen für jedermann leichter Kleines und Weniges zu tragen, zu leiten, zu besorgen?
KLEINIAS: Und zwar bei weitem.
DER ATHENER: Wird nun aber wohl unter den Händen eines Arztes das ihm anvertraute Ganze, wenn es ihm auch zu dessen Behandlung weder an Geschick noch an gutem Willen fehlt, zum Wohlsein gelangen, wenn er es nur im Großen behandeln [D] und dagegen in den Teilen und im Kleinen vernachlässigen wollte?
KLEINIAS: Gewiss nicht.
DER ATHENER: Und eben so wenig werden auch Steuermänner, Heerführer, Haus- und Staatsverwalter, und wer es sonst sein mag, das Viele und Große gut instand zu setzen und zu erhalten vermögen, wenn sie nicht eben mit dem Wenigen und Kleinen anfangen, denn ohne die kleinen Steine, sagen die Baumeister, liegen die Großen nicht fest.
KLEINIAS: Es kann nicht anders sein.
DER ATHENER: Sollen wir also [E] die Gottheit für schlechter als menschliche Meister halten? Sollen wir glauben dass, während diese, je tüchtiger sie sind, desto genauer und vollkommener mit derselben Kunst ebenso gut das Kleine wie das Große ausführen, die allweise Gottheit, die gleich sehr durch Willen und Geschick fürsorglich ist, mit dem Kleinen, welches doch leichter zu besorgen wäre, sich, [903 St.2 A] einem feigen und trägen Menschen gleich, welcher der Mühe wegen die Arbeit scheut, nicht abgeben und doch des Großen sich annehmen sollte?
KLEINIAS: Auf keine Weise, Freund, dürfen wir einer solchen Vorstellung über die Götter Raum geben, denn wir würden mit ihr uns gegen das Heilige versündigen und wider die Wahrheit freveln.
DER ATHENER: Ich glaube, wir hätten uns nun im Grunde bereits vollkommen hinreichend mit dem verständigt, welcher den Göttern gern den Vorwurf der Vernachlässigung machen möchte.
KLEINIAS: Ja.
DER ATHENER: Wenigstens haben wir ihn durch unsere Gründe bereits genötigt, die Unrichtigkeit seiner Behauptung zuzugestehen.
KLEINIAS: Richtig.
DER ATHENER: [B] Gleichwohl werden indessen noch einige Besprechungen in Übereinstimmung mit den Überlieferungen für ihn nicht überflüssig sein.
KLEINIAS: Welches sind dies?
DER ATHENER: Wir wollen den Jüngling zu überzeugen suchen und sagen: „Von dem, dessen Fürsorge das ganze Weltall umfasst, sind alle Dinge so angeordnet, wie es zur Erhaltung und Vollkommenheit des Ganzen erforderlich ist, so dass jeder Teil wirkt und leidet was ihm eben hiernach zukommt und soweit eben hiernach sein Vermögen reicht. Über diese besonderen Teile sind Herrscher gesetzt, ihr Tun und Leiden [C] durchgängig bis ins Kleinste zu regieren und so die Vollendung des Ganzen bis in die kleinsten Teile zu befördern. Ein solches Teilchen bist nun auch du, armer Sterblicher, welches, so klein es ist, doch allezeit auf die Zwecke des Ganzen hinarbeitet und in ihnen seinen Zweck hat. Du aber bedenkst eben dies nicht, und es bleibt dir verborgen, dass alles, was da entsteht, eben nur um deswillen entsteht, damit jenes Wesen, welches dem Leben des Ganzen zu Grunde liegt, ein glückseliges sei, und dass dies Ganze nicht um deinetwillen geworden ist, sondern du um des Ganzen willen. Arbeitet doch auch [D] jeder verständige Künstler und Arzt immer auf ein Ganzes hin, und indem er immer nach einer allseitigen Vollkommenheit strebt vollendet er doch wahrlich nicht das Ganze des Teiles, sondern den Teil des Ganzen wegen. Du aber murrst, weil du nicht einsiehst, inwiefern das, was für dich das Beste ist, zugleich dem Ganzen und, soweit es die allgemeinen Gesetze des Werdens gestatten, auch dir entsprechen kann. Da aber die Seele allezeit einem Leibe, bald diesem und bald jenem, zugeordnet und mannigfachen Veränderungen teils durch sich selbst und teils durch andere Seelen ausgesetzt ist, so bleibt nichts [E] anderes übrig, als die Seelen wie ein Brettspieler zu versetzen, indem er die, deren Sinnesart sich veredelt hat, ihren bisherigen Aufenthaltsort mit einem besseren, und die, deren Sinnesart sich verschlimmert hat, mit einem schlechteren vertauschen lässt, und so einer jeden den ihr jedesmal angemessenen zuweist, auf dass so allen dasjenige Los zuteilwerde welches ihnen gebührt.“
KLEINIAS: Erkläre dich genauer.
DER ATHENER: Ich glaube, ich stelle die Sache in einer Weise dar, durch welche die Leichtigkeit erklärlich wird, mit welcher die Götter für alle Dinge zu sorgen imstande sind. Denn wenn ein Gott nicht mit stetem Hinblick auf das Weltganze alles bilden und umbilden wollte, wie Feuer in beseeltes Wasser, und nicht Vieles aus Einem oder Eines aus Vielem so hervorbrächte, dass demselben dadurch seine erste, zweite und [904 St.2 A] dritte Umwandlungsstufe bereits fest vorgeschrieben sind, dann möchte er mit dieser in stetem Umbilden und Umschaffen bestehenden Weltleitung wohl kein Ende finden. So aber geht ihm dieselbe mit wunderbarer Leichtigkeit vonstatten.
KLEINIAS: Noch einmal, erkläre dich deutlicher.
DER ATHENER: Ich meine dies so. Da der Herrscher sah, dass alle unserer Handlungen von der Seele ausgehen und dass in ihnen viel Tugend, aber auch viel Untugend zum Vorschein kommt, Leib und Seele aber zwar nicht ewig gleich den Göttern, wie sie das Gesetz uns lehrt, sondern entstanden, aber doch unvergänglich sind, denn [B] nimmer könnte eine Entstehung lebendiger Wesen stattfinden, wenn eines von diesen beiden zu Grunde ginge, und da er ferner erwog, dass alles, was in der Seele Gutes ist, seiner Natur nach allezeit nütze, alles Böse aber schade, so ordnete er in Anbetracht dieses allen einem jeden Teile des Weltganzen diejenige Stelle in demselben zu, in welcher er am meisten, leichtesten und besten dazu befähigt wäre der Tugend innerhalb desselben zum Siege und dem Bösen zur Niederlage zu verhelfen. Er hat also in Beziehung auf dieses Weltganze die Einrichtung getroffen, dass ein jedes gemäß der von ihm angenommenen Beschaffenheit auch seine Stelle und seinen Wohnsitz innerhalb desselben mit Notwendigkeit erhält, welche Beschaffenheit es aber annehmen sollte, [C] das zu verursachen überließ er dem Willen eines jeden von uns, und welche Beschaffenheit seiner Seele und wie er dieselbe zu erreichen begehrt, so pflegt sie insgeheim auch einem jeden zuteil zu werden.
KLEINIAS: So ist es wohl anzunehmen.
DER ATHENER: So gehen denn in allem, was einer Seele teilhaftig ist, mancherlei Veränderungen vor, deren Ursache es eben in sich selber trägt, in Folge dieser Veränderungen aber wechselt es dann seine Orte nach der Ordnung und dem Gesetze des Schicksals. Wer sich in seinem sittlichen Charakter nur wenig verändert hat, der erhält nur eine andere Stelle auf der Oberfläche der Erde. Wer sich aber beträchtlicher, [D] und zwar zum Schlimmeren, verändert hat, wird in die Tiefen und in jene unteren Räume hinabgestoßen, welche unter dem Namen des Hades und anderen verwandten Benennungen ein gewaltiger Schrecken der Seelen im Traume, im Leben so wie nach der Ablösung von den Leibern sind. Hat endlich eine Seele in noch höherem Grade an Tugend oder an Laster durch ihren eigenen Willen und durch den mächtigen Einfluss des Umganges zugenommen und sich in der einen oder dem andern gefestigt, so erhält sie, wenn sie der göttlichen Tugend sich verbunden hat und demgemäß selber in einem ausgezeichneten Grade des Göttlichen voll geworden ist, auch einen neuen ganz ausgezeichneten und geheiligten [E] Wohnsitz, im entgegengesetzten Falle aber zieht sie ihr Leben auf einen gerade entgegengesetzten herab.
„Das ist dir der Gebrauch der Unsterblichen auf dem Olympos, o Knabe und Jüngling, der du dich von den Göttern vernachlässigt wähnst, dass wer schlechter wird, zu den schlechteren, wer sich bessert aber zu den besseren Seelen hinwandere und dass keiner von beiden im Leben wie in allen Gestaltungen des Todes etwas anderes leide und tue, als wie er es von der Fügung ihm verwandter Wesen erwarten kann. Diesem [905 St.2 A] wirst weder du jemals noch irgend ein anderer, der in das Unglück verfiel, sich rühmen können entronnen zu sein, da die, welche es einsetzten, es über alles andere erhoben und uns zu der unbedingtesten Scheu vor demselben verpflichtet haben. Du wirst, sage ich, seinem Walten niemals entrinnen, und wärest du noch so klein und verkröchest dich in den Tiefen der Erde oder erhöbest dich noch so hoch und schwängest dich in den Himmel empor, sondern du wirst die gebührende Strafe erleiden müssen, welche derselbe dir auferlegt, sei es dass du nur an einen anderen Ort der Erde versetzt wirst, sei es, dass du in den Hades oder in einen noch schrecklicheren Ort hinabfahren musst. [B] Und eben dies lasse dir auch in Ansehung derer gesagt sein, welche du durch allerlei Frevel und Übeltaten aus niedrigen Verhältnissen zu großer Macht emporsteigen sahst und von denen du deshalb glaubtest sie seien aus dem Elend zur Glückseligkeit emporgestiegen, so dass du in ihren Schicksalen wie in einem Spiegel zu sehen vermeintest, dass keiner der Götter sich um uns kümmere, während du doch gar nicht weißt, welchen Beitrag dieselben zum Ganzen liefern, und wie kannst du, Verwegenster aller Verwegenen, dir einbilden, du brauchtest das gar nicht erst zu wissen! Wird doch vielmehr wer dies nicht weiß, sich kein Bild davon zu entwerfen noch es in Worten [C] darzustellen vermögen was denn im Leben Glückseligkeit und was ein unglückliches Geschick zu nennen sei. Wenn dich nun hier Kleinias und unsere ganze Versammlung von Greisen jetzt überzeugt hat, dass du hinsichtlich der Götter nicht weißt was du sprichst, dann wird Gott selbst sich deiner annehmen. Solltest du aber noch einer weiteren Belehrung bedürfen,
so höre, wenn du auch nur ein wenig Verstand besitzest, zu, wie wir nun unserem dritten Gegner antworten werden. Dass es nämlich Götter gebe und dass sie sich um die Menschen bekümmern, diese beiden Sätze sind nunmehr, ich darf wohl sagen, nicht gar übel von uns erwiesen worden, [D] dass sie aber Geschenke annehmen und sich durch dieselben von denen, die Unrecht tun, erbitten lassen ist auch eine Behauptung, die man nicht zugestehen darf, sondern in jeder Weise nach Kräften zu widerlegen versuchen muß.“
KLEINIAS: Wohl gesprochen! Lasse uns denn also sogleich hierzu schreiten.
DER ATHENER: Wohlan denn, bei eben diesen Göttern, gesetzt sie ließen sich dergestalt erbitten, auf welche Weise wäre dies denn wohl denkbar? Und welche und was für Götter müssten es dann sein? Notwendig müssen wir sie uns doch als Herrscher denken, wenn sie doch eben das ganze Weltall unausgesetzt verwalten sollen.
KLEINIAS: Gewiss.
DER ATHENER: Aber mit welchen Herrschern, die uns bekannt sind, sollen wir sie vergleichen oder welche mit ihnen, so dass wir vermöge dieser Vergleichung richtig vom Kleineren auf das Größere [E] schließen möchten? Vielleicht mit Wagenlenkern in den Wettkämpfen oder mit Steuermännern der Schiffe oder auch mit Heerführern oder mit Ärzten welche gegen den feindlichen Angriff der Krankheiten auf die Leiber Sorge tragen, oder Landwirten welche der regelmäßigen Wiederkehr [906 St.2 A] gewisser dem Pflanzenwuchse verderblicher Witterungsverhältnisse mit Besorgnis entgegensehen, oder auch Aufsehern von Herden. Denn da wir bei uns festgestellt haben, dass die Welt zwar allerdings vieles Guten voll sei, aber auch vieles Schlimmen, wenn auch des Ersteren mehr als des Letzteren, so müssen wir auch weiter zugeben, dass daraus ein endloser Kampf zwischen beidem erwächst und dass es einer erstaunlichen Wachsamkeit bedarf. Zu Bundesgenossen haben wir dabei die Götter und Dämonen, so wie wir andererseits deren Herden sind. Unser Verderben ist die Ungerechtigkeit, der Übermut und die Torheit, unsere Rettung die Gerechtigkeit, [B] Besonnenheit und Weisheit, welche ihren eigentlichen Sitz in der Geisteskraft der Götter haben, von denen man jedoch einiges wenige als auch uns hienieden einwohnend deutlich erblicken mag. Demgemäß sind denn nur gewisse Seelen auf Erden, die sich in den Besitz widerrechtlichen Gewinnes gesetzt haben und nun jene höchsten Herrscher, wie die Stimmen dieser Bösen verkünden, durch schmeichelnde Worte und, sozusagen, Gebetszauber, zu überreden wissen, dass dieselben ihnen straflos andere zu beeinträchtigen gestatten, gerade wie wenn wilde Tiere es in ähnlicher Weise bei den Wächtern der Herden, den Hunden oder auch den Hirten selbst durchzusetzen wüssten. [C] Wir unsererseits werden nun aber dies Beeinträchtigen und Schädigen einesteils durch den andern für ganz dasselbe erklären, was im tierischen Körper Krankheit, bei den Einflüssen der Witterung auf die Jahreszeiten Seuche und in den Staaten und Staatsverfassungen wiederum mit anderem Namen Ungerechtigkeit heißt.
KLEINIAS: Allerdings.
DER ATHENER: Wer also behauptet, dass die Götter stets den ungerechten und frevelnden Menschen zu verzeihen geneigt seien, falls sie ihnen [D] nur von dem widerrechtlich Erworbenen etwas abgeben, der wird sie notwendig so ansehen müssen, als wenn die Wölfe den Hunden etwas weniges von dem durch sie Geraubten abgeben und diese, durch solche Geschenke besänftigt, die Herden von ihnen berauben lassen wollten. Oder meinst du nicht, dass wirklich jene Ansicht von den Göttern notwendig hierauf hinausläuft?
KLEINIAS: Freilich.
DER ATHENER: Mit welchen von den vorher genannten Wächtern möchte irgendjemand die Götter vergleichen und ihnen ähnlich finden, ohne sich lächerlich zu machen? Sind etwa Steuermänner denkbar, [E] welche „durch Weinguss und Weihrauch” sich verführen lassen könnten, Schiff und Mannschaft untergehen zu lassen?
KLEINIAS: Gewiss nicht.
DER ATHENER: Gewiss aber werden wir doch auch die Götter nicht Wagenlenkern vergleichen wollen, welche im Wettkampfe durch Geschenke sich dazu bestechen lassen anderen Gespannen verräterischerweise den Siegespreis zu geben?
KLEINIAS: Nein, das wäre ein abscheulicher Vergleich.
DER ATHENER: Eben so wenig auch mit Heerführern, Ärzten oder Landwirten oder Hirten, aber wahrlich auch nicht mit Hunden, welche sich von den Wölfen berücken ließen.
[907 St.2 A] KLEINIAS: Es wäre ein Frevel so etwas zu sagen.
DER ATHENER: Sind nun aber nicht unter allen Wächtern und Hütern die gesamten Götter als die
Größten und die für das Größte Sorge tragen von uns anzusehen? KLEINIAS: Bei weitem.
DER ATHENER: Und sollen wir nun sagen, dass die, welche das Herrlichste behüten, und demgemäß denn auch auf das Herrlichste durch ihre Hütertugend vor allen anderen hervorragen, noch schlechter seien als Hirtenhunde oder als ganz gewöhnliche Menschen, die doch nicht so leicht das Recht um der Geschenke willen, welche ihnen von ungerechten Leuten ruchloserweise dargeboten werden, würden verraten?
KLEINIAS: Sicherlich nicht, vielmehr lästerlich ist eine solche Behauptung, und wer ihr anhängt dürfte unter denen, welche irgendwelcher Art von Gottlosigkeit nachgehen, für den [B] schlimmsten, dürfte für den gottlosesten aller Gottlosen mit vollstem Rechte erklärt werden.
DER ATHENER: So dürfen wir denn nunmehr wohl annehmen, dass alle drei uns vorgelegten Sätze, dass es Götter gebe, dass sie sich um uns bekümmern, und dass sie gegen alles, was wider das Recht ist schlechthin unerbittlich seien, zur Genüge uns erwiesen sind.
KLEINIAS: Gewiss, wir sind völlig dadurch überzeugt worden.
DER ATHENER: Es mag wohl sein, dass ich meine Ausdrücke im Eifer des Kampfes wider ihre böswilligen Leugner dabei etwas stark gewählt habe. Ich habe aber diesen Kampf nur darum so eifrig geführt, mein lieber Kleinias, [C] damit sich die Schlechten nicht etwa einreden möchten, ihre Gründe seien den unseren überlegen, und sie seien daher berechtigt, gemäß allem dem, was und der Art wie sie von den Göttern denken, ganz nach ihrem Belieben zu handeln. Dies also reizte mich etwas leidenschaftlich zu sprechen. Wenn wir aber damit auch nur ein Weniges dazu ausgerichtet haben solche Leute einigermaßen dazu anzutreiben, dass sie ihren eigenen bisherigen Sinn hassen und die entgegengesetzte Denkart lieb gewinnen lernen, so können wir mit diesem unserer Einführung zu den Gesetzen wider die Gottlosigkeit [D] schon zufrieden sein.
KLEINIAS: Nun, und dass das geschehen, steht zu hoffen, und sollte es dennoch nicht der Fall sein, so wird wenigstens die Art des Vortrages keine Schuld auf den Gesetzgeber laden.
DER ATHENER: Nach diesem Eingange werden wir denn nun also zu dem Worte, welches die Gesetze selber verkündet, fortschreiten und allen Gottlosen anbefehlen ihrer bisherigen Sinnesart zu entsagen und sich dem Leben der Gottesfürchtigen zuzuwenden. Und für den Fall, dass sie uns nicht gehorchen, treffe sie das folgende Gesetz wider die Gottlosigkeit.
Wenn sich jemand in Worten oder Werken wider die Götter vergeht, [E] so soll jeder der hinzukommt, gehalten sein, ihm zu steuern, indem er irgend einer Obrigkeit davon Anzeige macht, und zwar der ersten besten, und diese soll wiederum gehalten sein, den Angezeigten kraft der Gesetze vor das für solche Fälle eingesetzte Gericht zu führen. Verabsäumt sie dies aber, so soll jedermann befugt sein, sie selber der Gottlosigkeit anzuklagen und dem Gesetze Genugtuung zu verschaffen. Ist nun jemand der Gottlosigkeit schuldig befunden worden, so soll das Gericht jedem [908 St.2 A] in jedem besonderen Falle auch eine besondere Strafe zuerkennen, so zwar, dass Gefängnisstrafe sie alle trifft, da aber der Gefängnisse im Staate drei sind, ein allgemeines für die Mehrzahl der Gesetzübertreter am Markte, um sie in persönlichem Gewahrsam zu halten, ein zweites bei dem Sitzungsorte der nächtlichen Versammlung, welches den Namen Besserungshaus führt, und ein drittes endlich im Innern des Landes in einer möglichst öden und wilden Gegend, das irgend einen Namen führen soll welcher eine schimpfliche Strafe bezeichnet [B] und so einen heiligen Schauder einflößt, da es fernerhin dreierlei Ursachen zum Frevel gegen die Götter gibt,
wie wir sie ja so eben dargelegt haben, und, weil aus jeder derselben zweierlei Arten desselben entspringen können, der letzteren sechs sind, die wohl voneinander unterschieden zu werden verdienen, so soll dies denn auch geschehen und nicht eine gleiche oder auch nur ähnliche Strafe wider sie verhängt werden. Wenn nämlich jemand zwar nicht an Götter glaubt, aber doch eine natürliche Rechtschaffenheit des Charakters besitzt, so wird er trotzdem schlechte Menschen hassen, die Ungerechtigkeit verabscheuen [C] und sich daher vor ihr hüten und deshalb auch die Ungerechten meiden und die Rechtschaffenen lieben. Es gibt aber auch Leute, bei denen zu dem Glauben, die Welt sei leer von Göttern auch noch ein Mangel an Selbstbeherrschung in Lust wie im Schmerz hinzukommt und die dabei ein vortreffliches Gedächtnis und eine schnelle Fassungsgabe besitzen. Beide Arten leiden also an dem gemeinsamen Fehler des Unglaubens an das Dasein der Götter, aber die erstere wird bei anderen Menschen geringeren, die letztere größeren Schaden anrichten. Ein Mensch der ersteren Art nämlich wird sich sehr viel Freiheit in seinen Reden über Götter, Opfer und Eidschwüre erlauben und andere verspotten und dadurch leicht manche von ihnen auf seine Seite bringen, wenn man ihn straflos [D] gewähren ließe. Einer von der letzteren Art aber, wenn er auch ebenso denkt wie jener, wird die geistige Begabung welche ihm alle zuerkennen mit Betrug und Arglist ausbeuten, und aus solchen Leuten geht dann eine Menge von Wahrsagern und von Menschen hervor, die sich mit allerlei Zauberkünsten abgeben, zuweilen aber auch Tyrannen, Volksführer und Heerführer, auch solche Männer, welche trügerisch Privatmysterien stiften oder die Künste der sogenannten Sophisten treiben. Von dieser zweiten Gattung gibt es also viele Unterarten, doch die Gesetzgebung hält sich nur an jene beiden [E] Hauptgattungen, von denen die Zweite mit ihrem heuchlerischen Truge Verbrechen hervorruft, die mehr als eines einfachen und selbst zweifachen Todes würdig sind, während es gegen die erste mit Zurechtweisung und Gefängnis einzuschreiten genügt. In gleicher Weise erzeugt aber auch die Annahme, dass die Götter sich nicht um uns kümmern, und ebenso auch die, dass sie sich erbitten lassen, zwei Arten von Verbrechern, und überall soll der Richter auf Grund dieser Unterscheidung die erste Art, welche eben nur aus Unverstand und nicht aus Bosheit des Herzens und Charakters dergestalt gefallen ist, kraft des Gesetzes [909 St.2 A] auf nicht weniger als fünf Jahre in das Besserungshaus stecken. Während dieser Zeit soll kein Bürger mit einem solchen Gefangenen verkehren, mit Ausnahme der Mitglieder der nächtlichen Versammlung, diese aber sollen es zu dem Zwecke um ihn zu bekehren und seine Seele zu retten. Ist dann diese Zeit der Gefängnisstrafe abgelaufen, so soll er von da an, wenn er Hoffnung gibt zur Vernunft gekommen zu sein, auch wieder unter den Vernünftigen wohnen, wo aber nicht, so soll ihm von neuem der Prozess gemacht und er dann mit dem Tode bestraft werden. Alle diejenigen aber, welche zu der Meinung, es gebe keine Götter oder sie bekümmerten sich nicht um uns oder sie wären durch Geschenke zu bewegen, noch überdies einen tierischen Sinn zeigen und [B] mit Verachtung der Menschen nicht bloß die Seelen vieler Lebenden beschwören, sondern auch die der Verstorbenen herbeibeschwören zu können vorgeben und die Götter durch Opfer, Gebete und Zaubersprüche zu berücken und zu überreden sich anheischig machen und die, um sich zu bereichern, darauf ausgehen nicht bloß die Einzelnen, sondern auch ganze Häuser und Staaten von Grund aus zu verderben, alle solche Leute sollen, wenn sie eines solchen Verbrechens überwiesen worden sind, vom Gerichte nach dem Gesetze dazu verurteilt werden lebenslänglich in dem Gefängnisse [C] im Innern des Landes eingekerkert in Ketten zu liegen, und kein freier Bürger soll sie jemals besuchen dürfen, sondern die von den Gesetzverwesern für sie bestimmte Nahrung ihnen von Dienern gereicht werden. Nach ihrem Tode aber sollen sie unbeerdigt aus dem Lande geworfen werden. Und falls ihnen dennoch ein freier Bürger zu einem Begräbnis verhelfen sollte, so soll jedermann berechtigt sein diesen selber auf Gottlosigkeit zu belangen. Sollte aber ein solcher Verurteilter dem Staate brauchbare Kinder hinterlassen, so sollen diese von dem Tage ab, an welchem die Verurteilung ihres Vaters erfolgt ist, als Waisen angesehen werden, und die Vorsteher der Waisenangelegenheiten sollen für sie als solche nicht minder als für alle wirklichen Waisen Sorge tragen.
Außerdem muß nun aber noch ein Gesetz gegeben werden, welches beiden Arten [D] dieser Verbrechen vorzubeugen bestimmt ist, indem es der großen Mehrzahl der zu ihnen geneigten
Leute die Gelegenheit möglichst dazu entzieht sich in Wort und Tat gegen die Götter zu vergehen und überhaupt sich derartige unvernünftige Vorstellungen zu bilden, dadurch, dass es ihnen verwehrt ist auf eine diesem Gesetz widersprechende Weise sich mit göttlichen Dingen zu befassen. Dies allgemeine Gesetz, nach welchem sich jeder ohne Ausnahme zu richten hat, laute denn folgendermaßen. Es soll niemand in seinem Hause ein Privatheiligtum haben, sondern, so oft jemanden sein Gemüt zu opfern drängt, soll er zu diesem Zwecke sich zu den öffentlichen Heiligtümern begeben und seine Opfer den Priestern und Priesterinnen einhändigen, denen die Sorge für die Reinheit derselben obliegt, und soll sodann sein Gebet mit dem ihren und aller derer, welche noch sonst an demselben teilzunehmen wünschen, vereinigen. Der Grund [E] dieser Vorschrift aber ist folgender. Es ist kein leichtes Ding Heiligtümer einzurichten und Götterdienste einzuführen, sondern es bedarf einer gehörigen Einsicht um dabei richtig zu verfahren. Nichtsdestoweniger aber pflegen viele Leute und insonderheit Frauen, wenn sie in irgend einer Krankheit, Gefahr oder Verlegenheit sich befinden oder im Gegenteil irgend eines besonderen Glückes teilhaftig geworden sind, nicht bloß das, was sie gerade besitzen, den Göttern zu weihen, sondern auch Opfer zu geloben und [910 St.2 A] Göttern, Dämonen und Göttersöhnen die Errichtung von Heiligtümern und Bildern zu versprechen. Und nicht minder pflegen sie, wenn sie durch Wahrzeichen, die sie im Wachen oder im Traume erblickt, in Schrecken gesetzt werden oder sich an früher gehabte Erscheinungen erinnern, um das durch sie verkündete Unheil abzuwehren, Altäre und Heiligtümer zu errichten und mit denselben alle Häuser und Gaue zu erfüllen, und zwar nicht bloß an gereinigten Orten, sondern wo immer einer solche Gesichte erblickte. Um dem vorzubeugen, soll daher nach dem eben gegebenen Gesetze jedermann sein Verhalten einrichten. Dadurch wird denn zugleich den Gottlosen die Gelegenheit entzogen werden sich ebenfalls verstohlenerweise ein solches Tun anzueignen, indem sie gleichfalls Altäre und Heiligtümer in Privathäusern errichten und dort nach ihrem Wahne im Verborgenen die Götter [B*] durch Opfer und Gebet sich geneigt zu machen suchen, um dadurch nicht nur sich in ihrem eigenen lasterhaften Sinne bis ins Maßlose zu bestärken, sondern auch die, welche ihnen dies alles zulassen, trotzdem dass sie selber besseren Sinnes sind, ebenso gut wie sich selbst der Strafe der Götter Preis zu geben, so dass dann der ganze Staat gewissermaßen mit Recht die Schuld dieser Gottlosen mit entgelten müsste. Auf dass also der Gesetzgeber sich frei mache von einer solchen Mitschuld, soll das Gesetz gelten, dass keinem der Götter ein Heiligtum in einem Privathause errichtet werden darf.
Wird es aber entdeckt, dass irgendjemand, sei es Mann oder Weib, irgend ein anderes Heiligtum besitzt oder andere Götterdienste feiert als die öffentlich anerkannten, so soll der Entdecker ihn, sofern er dabei kein weiteres großes und schändliches Unrecht sich hat zu Schulden kommen lassen, den Gesetzverwesern anzeigen und diese ihm dann anbefehlen diesen Privatdienst in den öffentlichen Tempel zu verpflanzen und ihn, falls er sich nicht gutwillig dazu bereden lässt, [C*] so lange mit Bußen belegen bis er es getan hat. Kommt es aber zum Vorschein, dass jemand nicht bloß in kindischer Unwissenheit, sondern mit der Bosheit eines Erwachsenen sich eigene Heiligtümer errichtete um wider die Götter zu freveln, oder die öffentlichen irgendwelcher Gottheit zu diesem Zwecke benutzte, so soll er mit dem Tode bestraft werden, weil er als ein Unreiner geopfert hat. Ob aber irgend eine Gottlosigkeit nur aus kindischer Torheit begangen wurde oder nicht, darüber sollen die Gesetzverweser zunächst selber entscheiden und dann erst den Angeklagten vor das Gericht ziehen und von demselben mit der Strafe für Gottlosigkeit belegen lassen.