Nomoi (Platon)/Zweites Buch
ZWEITES BUCH ÜBER DIE GESETZE
[652 St.2 A] DER ATHENER: Nun müssen wir aber, wie es scheint, noch weiter untersuchen, ob Trinkgelage, wenn man die richtige Anwendung von ihnen macht, bloß diesen Vorteil gewähren, dass sie Gelegenheit zur Prüfung unserer Charaktere geben, oder ob noch sonst irgend ein erheblicher Nutzen in ihnen enthalten ist, welcher einer ernsthaften Erwägung verdient. Was sagen wir also dazu? Er ist in ihnen enthalten, wie mich unsere Untersuchung ahnen lässt, in welcher Art und Weise aber, wollen wir sehen, indem wir darauf achten uns durch dieses Ahnen nicht täuschen zu lassen.
KLEINIAS: So sprich denn.
[B] DER ATHENER: Ich wünschte also, dass ihr es euch ins Gedächtnis zurückrufen möchtet, was wir unter der richtigen Erziehung glaubten verstehen zu müssen. [653 St.2 A] Denn ihre Erhaltung ist, wie mich wenigstens jetzt bedünken will, von der richtigen Anordnung solcher Gesellschaften abhängig.
KLEINIAS: Das will viel sagen.
DER ATHENER: Ich behaupte nämlich, dass Lust und Unlust der Kinder die ersten kindlichen Empfindungen seien, und dass Tugend und Untugend zuerst in dieser Gestalt in die Seele eintreten, ja dass es noch ein Glück ist, wenn vernünftige Einsicht und bleibende richtige Vorstellungen einem auch nur erst gegen das Alter hin zu Teil werden. Vollkommen freilich ist ein Mensch erst dann, wenn er zum Besitz dieser und aller in ihnen begriffenen Güter gelangt ist. Unter [B] Erziehung verstehe ich daher die Tugend in der Gestalt in welcher die Kinder sie zuerst empfangen, wenn nämlich eben, noch ehe sie die Vernunft zu gebrauchen im Stande sind, Lust und Liebe so wie Schmerz und Hass auf die rechte Weise in ihren Seelen erregt werden. Wenn sie aber sodann als Erwachsene dieselbe zu gebrauchen gelernt haben und dann eben in Folge jener ihnen zu Teil gewordenen richtigen und zweckmäßigen Gewöhnung diese Regungen in ihnen mit derselben übereinstimmen, so schließt diese Übereinstimmung die gesamte Tugend ein. Denjenigen Teil von der letzteren aber, welcher in der empfangenen richtigen Pflege von Lust und Unlust besteht, [C] in Folge deren man gleich von Anfang an bis zum Ende hasst was hassens- und liebt was liebenswert ist, ich sage, wenn man eben hierauf die Erziehung sich erstrecken ließe, so würde man wenigstens meiner Meinung nach die Erziehung richtig benennen.
KLEINIAS: Auch uns, Freund, scheint sowohl das früher als auch das jetzt über die Erziehung Gesagte richtig zu sein.
DER ATHENER: Gut denn. Von dieser richtigen Leitung von Lust und Unlust, welche sie empfangen haben und in welcher die Erziehung besteht, pflegen nun aber die Menschen im Verlauf ihres Lebens in vielen Stücken wieder abzuweichen [D] und lassen sich verderben, und
die Götter, des zu Mühsal geborenen Menschengeschlechts sich erbarmend, haben ihm daher nicht bloß zur Erholung von derselben ihrer Feste stete Wiederkehr verordnet, sondern auch die Musen und Apollon den Musenführer und den Dionysos zu Festgenossen gegeben, damit die Menschen so durch das Zusammensein mit den Göttern an den Festen wenigstens die Erziehung wieder in ihren früheren Zustand zurückführen lernten. Wir müssen nun aber zusehen, ob das was unsere Rede nun künden will wirklich der Natur der Sache gemäß als wahr [E] anzusehen ist, oder ob es anders damit steht. Sie behauptet nämlich jetzt dass, geradezu gesagt, alles was noch jung ist seinem Körper und seiner Stimme keinen Augenblick Ruhe zu lassen vermag, sondern sich beständig zu bewegen und Töne hervorzubringen sucht und bald hüpft und springt und vor Lust gleichsam scherzhafte Tänze aufführt, bald in alle möglichen Töne ausbricht. Die andern lebenden Wesen nun, behaupten wir ferner, haben keine Empfindung für die Ordnung oder Unordnung in den Bewegungen, für das was wir Rhythmus und Harmonie nennen, für uns aber sind eben dieselben Götter welche, [654 St.2 A] wie schon gesagt, uns zu Festgenossen gegeben sind, auch zugleich die Geber des Gefühls für Rhythmus und Harmonie und der Freude an denselben geworden, vermöge deren sie ja unsere Bewegungen und Reigen leiten, wenn sie uns zu Gesängen und Tänzen zusammenscharen, und sie haben auch den Namen Chorreigen, der naturgemäß von der freudigen Erregung hergeleitet ist, eingeführt.
Nehmen wir nun fürs Erste dies an? Setzen wir fest, dass unsere erste Erziehung von den Musen und vom Apollon herrühre, oder nicht?
KLEINIAS: Wir setzen es fest.
DER ATHENER: Also nehmen wir an, dass, [B] wer des Chortanzes unkundig, auch ein Mensch ohne Erziehung, ein wohlerzogener dagegen hinlänglich in demselben geübt ist?
KLEINIAS: Wie anders?
DER ATHENER: Nun schließt aber der Chorreigen als Ganzes doch Tanz und Gesang in sich.
KLEINIAS: Notwendig.
DER ATHENER: Ein Mensch von guter Erziehung muss also gut und schön zu singen und zu tanzen verstehen.
KLEINIAS: So scheint es.
DER ATHENER: Lasst uns nun sehen, was wiederum von dieser Behauptung der eigentliche Kern ist.
KLEINIAS: Wie meinst du das?
DER ATHENER: Ein solcher singt schön, behaupten wir, und tanzt schön. Wir wollen doch wohl damit zugleich sagen, dass auch der Inhalt seines Gesanges [C] und Tanzes schön sein soll? Oder nicht?
KLEINIAS: Ja, auch diese Bestimmung wollen wir hinzufügen.
DER ATHENER: Wie aber? Wenn einer das Schöne für schön und das Hässliche für hässlich hält und die Dinge auch demgemäß behandelt, wird ein solcher uns dann für besser erzogen gelten in Bezug auf Chortanz und Musik, oder derjenige welcher zwar mit dem Körper und der Stimme das als schön Erkannte jedesmal genügend auszuführen im Stande wäre, aber weder am Schönen seine Freude hätte noch das Unschöne hasste? Oder würde nicht der Erstere sogar in dem Falle den Vorzug verdienen wenn er mit der Stimme und dem Körper das Schöne zur Darstellung zu bringen nicht besonders geschickt wäre, wohl aber in Lust und Schmerz, [D] indem er an allem was schön ist Freude, über alles was unschön dagegen Verdruss empfände?
KLEINIAS: Gewiss, Freund, dessen Erziehung verdient bei weitem den Vorzug.
DER ATHENER: Wenn also wir drei von dem Schönen des Gesanges und Tanzes Kenntnis besitzen, so können wir auch richtig beurteilen ob jemand Erziehung und Bildung hat oder nicht. Wenn wir aber jene Kenntnis nicht haben, so werden wir auch das nie zu durchschauen im Stande sein, ob sich überhaupt eine Überwachung der Erziehung anstellen lässt und [E] wo dieselbe stattfindet. Ist's nicht so?
KLEINIAS: Allerdings.
DER ATHENER: Wir werden also demnächst Spürhunden gleich wiederum Folgendem nachspüren müssen: der Schönheit der Stellungen und Körperwendungen, der Tongebung des Gesanges und des Tanzes. Denn wenn uns dies entginge, so dürfte uns auch alle weitere Erörterung über die rechte Erziehung, sei es bei den Griechen oder den Nichtgriechen, vergeblich sein.
KLEINIAS: Gewiss.
DER ATHENER: Wohlan denn! Welche Körperwendung oder Tongebung soll man als schön bezeichnen, sprich, wenn ein tapferer Mensch und ein feiger ganz in der gleichen Not sich befänden, [655 St.2 A] wird es da wohl geschehen, dass auch ihre Körperwendungen und die Töne welche sie ausstoßen die gleichen sind?
KLEINIAS: Wie sollten sie? Wird es doch nicht einmal ihre Gesichtsfarbe sein.
DER ATHENER: Ganz recht, mein Freund! Doch in den musischen Künsten gibt es nur Körperwendungen, Tanzbewegungen und Töne, denn sie beruhen auf Rhythmus und Harmonie, so dass man, wenn man sich richtig ausdrücken will, wohl von gutem Rhythmus und guter Harmonie, aber nicht von einer schönen Färbung der Tanzbewegungen und Töne sprechen darf, wie es die Chorlehrer in bildlicher Redeweise tun. Von den Tanzbewegungen und Gesangesweisen des Tapferen und Feigen [B] aber sind und heißen mit Recht die des Ersteren schön und die des Letzteren hässlich, und überhaupt, um nicht lange Redens hierüber zu machen, alle Körperbewegungen und Töne ohne Ausnahme, welche mit einer Tugend der Seele oder mit irgend einer körperlichen Tüchtigkeit, sei es im wirklichen Leben oder in der Nachbildung, verbunden sind, setzen wir als schön, alle, welche mit dem Gegenteil zusammenhängen, dagegen als hässlich.
KLEINIAS: Mit Recht schlägst du das vor, und wir wollen dies so festsetzen.
DER ATHENER: Ziehen wir dann auch noch dies in Betracht, ob wir wohl alle an allen Chortänzen uns auf die gleiche Weise erfreuen [C] oder ob viel daran fehlt?
KLEINIAS: Es fehlt ungeheuer viel daran.
DER ATHENER: Was bezeichnen wir nun wohl als dasjenige was uns dabei zum Irrtum verleitet? Ist denn etwa nicht dasselbe für uns alle schön, oder es ist es zwar dasselbe, scheint es uns aber nicht zu sein? Denn das wird doch wohl keiner behaupten wollen, dass je die Tänze des Lasters schöner sein könnten als die der Tugend, oder dass er selbst an den Tanzweisen des Lasters seine Freude habe, andere Leute aber an der entgegengesetzten Muse. Freilich behaupten die meisten Leute, die Vollkommenheit der musischen Kunst bestehe in ihrer Fertigkeit den Seelen Genuss zu bereiten. Aber diese Meinung ist nicht zu dulden, ja es ist nicht einmal sie auszusprechen erlaubt, vielmehr ist es [D] wahrscheinlicher, dass uns Folgendes dabei irreführt.
KLEINIAS: Was denn?
DER ATHENER: Da die Tänze Nachahmungen des Benehmens, welches verschiedenartige Charaktere bei verschiedenartigen Handlungen und Glückszufällen äußern, in der Art sind, dass alle einzelnen Tänzer selbst die Rolle derselben spielen, so müssen diejenigen deren Benehmen, wie es von Natur ist oder durch Gewohnheit geworden oder auch durch beides ist, die Darstellung, die dem durch Sprache, Gesang und selbst bloßen Tanz entspricht, sich auch darüber freuen und es loben und als schön bezeichnen. [E] Diejenigen aber, deren Natur oder Charakter oder Gewohnheit sie widerspricht, können weder Freude darüber hegen noch Lob äußern, sondern es nur hässlich nennen. Nun gibt es aber auch Leute, welche von guten Naturgaben, aber von schlechten Angewohnheiten sind, oder umgekehrt, und diese werden gerade das Gegenteil von dem loben was ihnen Freude macht. Sie werden nämlich von gewissen Darstellungen dieser Art sagen, dass sie zwar Vergnügen gewährten, aber unsittlich seien, und werden sich [656 St.2 A] anderen Leuten gegenüber, welchen sie Einsicht zutrauen, schämen ähnliche Körperbewegungen zu machen, schämen ähnliche Weisen zu singen, als wenn sie dergleichen im Ernste für schön erklärten, innerlich aber werden sie sich daran freuen.
KLEINIAS: Du hast ganz Recht.
DER ATHENER: Bringt es nun nicht dem, welcher an Darstellungen des Schlechten in Tänzen oder Tongebungen seine Freude hat, auch irgendwie Schaden, und dagegen dem, welcher an den entgegengesetzten seine Lust empfindet, Nutzen?
KLEINIAS: Wahrscheinlich wohl.
DER ATHENER: Wie? Ist es bloß wahrscheinlich oder muss es nicht notwendig ebenso sein als wenn einer unter [B] schlechte Menschen geraten wäre und dann ihre lasterhaften Sitten nicht etwa verabscheute, sondern sie recht annehmlich fände und sich an ihnen erfreute, wenn er auch dabei in scherzhafter Weise halb im Schlafe ihre Schlechtigkeit tadelte? Es muss nämlich doch wohl notwendig ein jeder den Leuten mit denen er gerne verkehrt, seien es nun gute oder böse, ähnlich werden, auch wenn er sich schämen sollte sie zu loben? Und nun, welches größere Gut oder Übel, das uns mit aller Notwendigkeit daraus erwachsen müsste, würden wir wohl anzuführen im Stande sein?
KLEINIAS: Ich glaube, keines.
DER ATHENER: Wo sich also [C] wohleingerichtete Gesetze bereits finden oder auch in Zukunft gegeben werden sollten, glauben wir nun, dass es da in Bezug auf die Erziehung in den Musenkünsten und den Genuss, welcher durch sie bereitet wird, ganz den mit der schöpferischen Fähigkeit Begabten überlassen bleiben darf, eben das was dem Künstler selbst bei seinen Schöpfungen in Ansehung des Rhythmus, der Tongebung oder der Worte gefällt, auch die Söhne von Bürgern eines wohlgeordneten Staates als Knaben und Jünglinge in Chören zu lehren und sie so, je nachdem es der Zufall mit sich bringt, zu guten oder zu schlechten Sitten anzuleiten?
KLEINIAS: Nein, das hätte durchaus keinen Sinn. Wer sollte es billigen können?
DER ATHENER: Und doch ist gerade dies heutzutage wohl [D] in allen Staaten gestattet mit Ausnahme von Ägypten.
KLEINIAS: Was bestehen denn in Ägypten hierüber für Gesetze?
DER ATHENER: Ihr werdet sie mit Verwunderung hören. Schon längst ist nämlich bei den Ägyptern, wie es scheint, die Behauptung, welche wir eben jetzt aufstellen, als richtig anerkannt, man müsse die jungen Männer in den Staaten an schöne Tanzbewegungen und an schöne Tongebungen gewöhnen. Und nachdem sie nun dies bestimmt hatten, geben sie auch bei ihren Festfeiern zu erkennen, welches und wie beschaffen etwa dieselben seien, und es war weder [E] Malern noch allen sonstigen Darstellern von Gestalten oder was sonst dahin einschlägt, gestattet und ist es auch heute noch nicht, weder in der bildenden noch in der gesamten musischen Kunst, Neuerungen zu machen oder irgendetwas von den hergebrachten vaterländischen Sitten Abweichendes zu erfinden. Wenn man also die daselbst vor zehntausend, ich meine das nicht so wie man wohl so unbestimmt diesen Ausdruck gebraucht, sondern buchstäblich vor zehntausend Jahren gearbeiteten Gemälde und Bildsäulen betrachtet, so wird man finden, dass sie weder irgendwie schöner noch hässlicher [657 St.2 A] als die jetzt gelieferten, sondern mit derselben Kunst gearbeitet sind.
KLEINIAS: Das ist wunderbar erwähnt.
DER ATHENER: Vielmehr ist es ein Beweis ausgezeichneter Gesetzgebung und Staatsklugheit, und wenn man auch manches andere dort finden kann, was Tadel verdient, so ist doch das, was die Musenkunst anlangt, nicht bloß richtig, sondern auch insofern beachtenswert, als es möglich war, wenn man nur mit Zuversicht dabei zu Werke ging, feste Gesetze in diesen Dingen zu geben und Tongebungen, welche [B] das Richtige naturgemäß ausdrücken, festzuhalten. Dies dürfte aber wohl das Werk eines Gottes oder eines von einem Gott begeisterten Mannes sein, wie denn auch dort die durch diese lange Zeit hindurch bewahrten Weisen für Schöpfungen der Isis gelten. Wenn daher, wie gesagt, der Gesetzgeber nur auf irgendwelche Weise das Richtige in solchen Dingen zu erfassen vermag, so darf er es auch getrost zum Gesetz und zur Richtschnur erheben, denn die Sucht der Lust und des Schmerzes, welche sich in immer neuen Melodien auszusprechen sucht, [C] hat denn doch schwerlich einen so großen Einfluss um durch das Gesetz geschützte Weisen, bloß weil sie sie veraltet schilt, umzustürzen. Dort wenigstens scheint
sie keineswegs dazu im Stande gewesen zu sein, sondern gerade das Gegenteil stattgefunden zu haben.
KLEINIAS: Es wird durch das eben von dir angeführte Beispiel glaublich dass es sich allerdings so verhält.
DER ATHENER: Werden wir nun hiernach den rechten Gebrauch der Musik und des Chortanzes nicht zuversichtlich in folgender Weise bestimmen dürfen? Wir freuen uns doch wenn wir uns glücklich fühlen, und wiederum, wenn wir glücklich sind so freuen wir uns auch? Ist es nicht so?
[D] KLEINIAS: Ja, so ist es.
DER ATHENER: Und wenn wir in der Stimmung sind, in der wir uns freuen, so lässt uns dies nicht still sitzen.
KLEINIAS: So ist es.
DER ATHENER: Nämlich in solchem Falle sind unsere Jünglinge sogleich von selber zum Tanze bereit, wir Älteren aber glauben uns geziemend zu benehmen indem wir dann ihnen zuschauen und uns an ihren Spielen und ihrer Festeslust mitfreuen, weil uns nun einmal die erforderliche Behändigkeit nunmehr dazu fehlt, deren Verlust wir mit lebhafter Erinnerung bedauern, und so stellen wir denn wenigstens Wettkämpfe unter ihnen an und setzen Preise darauf, wer es am besten versteht, uns die Erinnerung unserer Jugendjahre aufs Neue [E] zu erwecken.
KLEINIAS: Sehr wahr.
DER ATHENER: Können wir also wohl jenes gegenwärtig in Betreff der festlichen Spiele allgemein gangbare Urteil für so ganz grundlos erklären, dass man den für den Geschicktesten halten und ihm den Sieg zuerkennen müsse, welcher uns am meisten Genuss und Vergnügen bereitet? Denn wenn es uns überhaupt gestattet ist, bei dergleichen Gelegenheiten uns an solchen festlichen Spielen zu ergötzen, dann muss doch wohl auch der, welcher den meisten Leuten am meisten Freude gemacht hat auch am meisten geehrt werden und den Siegespreis davontragen? Heißt das nicht richtig geurteilt [658 St.2 A] und gehandelt, wenn man diesen Weg einschlägt?
KLEINIAS: Vielleicht.
DER ATHENER: Doch, Bester, lasse uns nicht zu leicht so urteilen, sondern erst die Sache nach ihren besonderen Seiten etwa folgendermaßen betrachten. Gesetzt, es stellte jemand einmal nur so im Allgemeinen einen Wettkampf an, ohne genauer zu bestimmen ob in körperlichen Übungen oder in musischen Leistungen oder in den Künsten des Reiters und des Wagenlenkers, sondern er versammelte alle Bürger, setzte Preise aus und verkündigte ihnen dann, dass jeder welcher Lust hätte auftreten möge mit andern, [B] lediglich um die Ergötzung der Zuschauer und sonach darum in die Wette zu kämpfen, wer sie am meisten, gleich viel auf welche Weise, vergnügen und, weil er eben diese gesteckte Aufgabe am besten erreicht hätte, zum Sieger erklärt werden würde, welcher den Preis davon trägt unter allen Kämpfern am meisten gefallen zu haben, was, meinen wir wohl, werde auf eine solche Aufforderung erfolgen?
KLEINIAS: In wie fern meinst du?
DER ATHENER: Vermutlich würde dann doch wohl der Eine, wie Homer, sich mit einer Rhapsodie hören lassen, der Zweite mit einem Liede zur Zither, der Dritte mit einer Tragödie, und ein Vierter mit einer Komödie, und es wäre selbst gar nicht zu verwundern, wenn einer mit Vormachen von Kunststücken am ehesten den Preis davontragen zu müssen vermeinte. Wenn nun also solche und noch tausend andere Wettkämpfer aufträten, vermöchten wir da zu bestimmen, wem rechtmäßig der Preis gebührte?
KLEINIAS: Seltsame Frage! [C] Denn wer soll dir das beantworten, als könnte er es wissen, bevor er jeden dieser Wettkämpfer selbst mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört hätte?
DER ATHENER: Wie nun? Wollt ihr mir denn erlauben, dass ich diese seltsame Frage selber auch seltsam beantworte?
KLEINIAS: Warum nicht?
DER ATHENER: Wenn die noch kleinen Kinder urteilen sollten, so würden sie den, welcher sich mit Kunststücken hat sehen lassen, für den erklären, welcher ihnen am meisten gefallen hat. Nicht wahr?
KLEINIAS: Kaum anders.
DER ATHENER: Wenn aber die größeren Kinder, dann den, welcher mit Komödien, und die gebildeten Frauen und angehenden Jünglinge und wohl so ziemlich die Mehrzahl aller andern den, welcher mit einer Tragödie aufgetreten ist?
[D] KLEINIAS: Wahrscheinlich wohl.
DER ATHENER: Einen Rhapsoden aber, welcher die Ilias und Odyssee oder etwas aus den hesiodischen Gedichten gut vortrüge, würden vielleicht wir Greise am liebsten hören und ihm bei weitem den Vorzug zuerkennen. Wer hat denn nun rechtmäßig gesiegt? Das ist jetzt die Frage, nicht wahr?
KLEINIAS: Ja.
DER ATHENER: Offenbar werden ich und ihr hierauf notwendigerweise antworten: Diejenigen welche von unseren Altersgenossen für Sieger erklärt worden sind. Denn der Brauch, dass sie entscheiden, scheint uns [E] unter allen soeben besprochenen Staaten insgesamt und überall der beste zu sein.
KLEINIAS: Wie anders?
DER ATHENER: So viel gebe mithin auch ich jenem allgemeinen Urteil zu, dass man die musische Kunst nach dem Genusse, den sie gewährt, abschätzen müsse, aber nur nicht nach dem welchen sie dem ersten Besten gewährt, sondern jene Muse werde die schönste sein welche die Edelsten und Gebildetsten erfreut und vor allem den, [659 St.2 A] welcher an Tugend und Bildung über alle hervorragt. Und zwar behaupte ich, dass die Richter in diesen Dingen deshalb der Tugend bedürfen weil sie nicht bloß im Übrigen alle mögliche Einsicht, sondern auch Tapferkeit besitzen müssen. Denn ein Richter, der in Wahrheit diesen Namen verdient, wird doch nicht erst sein Urteil dem Publikum ablernen und sich von dem Lärme der Menge, im Falle seiner eigenen Unwissenheit bei demselben, betäuben lassen dürfen, und eben so wenig, wenn er bereits selbst das Richtige erkennt, aus Zaghaftigkeit und Feigheit mit demselben Munde, mit welchem er die Götter zu Zeugen seines Urteils anrief, [B] leichtsinnig wider seine Überzeugung urteilen. Denn nicht als Schüler, sondern vielmehr als Lehrer der Zuschauer, wenn es dem Rechte nach zugeht, sitzt der Richter da und um denen entgegenzutreten, welche denselben auf eine unziemliche Weise Genuss bereiten. Und dies war nach altem und echt hellenischem Herkommen gestattet, ganz anders als wie jetzt die Sitte in Sikelien und Italien der Masse der Zuschauer die Entscheidung überlässt und durch Aufheben der Hände den Sieger ernennt und teils die Dichter selbst, denn sie dichten nur [C] nach dem schlechten Geschmacke ihrer Kunstrichter und überlassen es somit dem Publikum sich selber zu bilden, teils auch den Geschmack der Zuschauer selber verdorben hat. Denn während sie dadurch, dass ihnen beständig edlere Charaktere, als die ihrigen sind, vorgeführt werden, denselben verbessern sollten, begegnet ihnen jetzt durch ihre eigene Schuld gerade das Gegenteil. Was will nun aber das jetzt wieder in unserer Erörterung Dargelegte bedeuten? Sehet zu, ob etwa dies.
KLEINIAS: Was denn?
DER ATHENER: [D] Es scheint mir unsere Erörterung zum dritten oder vierten Male auf dasselbe zurückzukommen, dass nämlich Erziehung dies sei, wenn die Knaben zu dem hingeleitet und hingezogen würden, was vom Gesetz für das Richtige erklärt wird und wovon auch die tüchtigsten und ältesten Männer vermöge der von ihnen gemachten Erfahrung erklären, dass es in Wahrheit das Richtige sei. Damit also die Seele des Kindes sich nicht daran gewöhne sich in seiner Freude oder Betrübnis mit dem Gesetze und denen, die dem Gesetze gehorchen, in Widerspruch zu setzen, sondern sie ganz auf dieselben Gegenstände richte wie der Greis, [E] zu diesem Zwecke müssen die auf diese Weise benannten Lieder und Gesänge nunmehr in Wahrheit Zaubergesänge für die Seele werden und mit allem Fleiße auf eine solche Übereinstimmung, wie
wir sie bereits beschrieben haben, angelegt sein, weil aber die Seelen der jungen Leute den Ernst noch nicht vertragen können, deshalb sollen sie als Spiel und Sang bezeichnet und behandelt werden, gleichwie diejenigen, denen die Sorge für körperlich Schwache und Kranke obliegt alles, was denselben heilsam ist, unter süßen Speisen und Getränken, alles dagegen was schädlich unter bitteren, [660 St.2 A] ihnen zu reichen bestrebt sind, damit sie so jenes gern nehmen, gegen dieses aber den gebührenden Widerwillen sich angewöhnen. Ganz dem entsprechend wird denn der rechte Gesetzgeber auch die mit schöpferischer Kraft in Poesie und Musik begabten Leute dazu überreden, dass sie so allein das Rechte tun, oder, wenn ihm dies nicht gelingt, sie dazu zwingen, dass sie in ihren schönen und Beifall gewinnenden Werken nur besonnener, tapferer und überhaupt tugendhafter Männer Körperbewegungen und Worte durch Rhythmus und Tongebung und somit das Richtige darstellen.
KLEINIAS: Aber, beim Zeus, Freund, scheint man dir denn jetzt in den anderen Staaten so zu verfahren? Denn ich für mein Teil, soweit meine Wahrnehmung reicht, weiß nichts davon, dass das was du jetzt angibst, irgendwo geschähe, [B] außer bei uns und bei den Lakedämoniern, sondern, dass stets einige Neuerungen im Tanze, sowie überhaupt in allem was sonst zu den musischen Künsten gehört, vor sich gehen, und zwar nicht etwa durch gesetzliche Bestimmungen, sondern durch einen ungeregelten Geschmack, der weit entfernt davon ist immer derselbe zu bleiben und an demselben Genuss zu finden, wie du von den Ägyptern erzählst, und vielmehr jeden Augenblick wechselt.
DER ATHENER: Ganz recht, lieber Kleinias. Es wundert mich aber auch gar nicht, wenn du glaubst ich habe das, wonach du fragst, als etwas was jetzt in Geltung steht, bezeichnen wollen, insofern mir dies dadurch begegnet ist und ich es selbst dadurch veranlasst habe, dass ich nicht bestimmt genug [C] meine Ansicht aussprach, sondern meine Wünsche in Bezug auf die Anordnung der musischen Kunst vielleicht so äußerte, dass du mich in dieser Weise missverstehen durftest. Und dies kommt daher, weil es durchaus nicht angenehm ist, unheilbare und schon weit vorgeschrittene Schäden in den bestehenden Verhältnissen zu rügen. Indessen zuweilen ist dies notwendig, und da auch du ebenso darüber denkst, so antworte denn. Du meinst also, dass die beschriebenen Einrichtungen mehr bei euch und den Lakedämoniern als bei den übrigen Hellenen bestehen?
KLEINIAS: Gewiss.
DER ATHENER: Gesetzt nun aber, sie beständen auch bei diesen, würden wir da nicht dieselben [D] für besser als ihre gegenwärtig bestehenden Einrichtungen erklären?
KLEINIAS: Gewiss wäre es weit vorzüglicher wenn solche Einrichtungen, wie sie bei den Lakedämoniern und bei uns bestehen und die du überdies als solche bezeichnet hast wie sie sein sollen, auch bei ihnen vorhanden wären.
DER ATHENER: Doch lasse sehen ob wir übereinstimmen werden. Nicht wahr, es kommt das, was bei euch in Bezug auf alles zur Erziehung und musischen Kunst Gehörige gilt, etwa auf folgendes hinaus? Ihr nötigt die Dichter zu lehren, dass der tüchtige Mann, besonnen und gerecht wie er ist, auch glückselig sei, gleichviel ob er groß und stark oder klein und schwach ist und ob er Reichtum besitzt oder nicht, dass vielmehr auch, wer noch größere Schätze als Kinyras und [E] Midas besäße, aber dabei ungerecht lebte, trotzdem unglücklich sein und ein elendes Dasein führen würde. Und
Nimmer gedächt' ich im Lied,
wird euer Dichter singen, wenn er anders die Wahrheit singen will,
... noch achtet' ich irgend den Mann auch,
[661 St.2 A] der nicht alles, was schön und löblich heißt, mit Gerechtigkeit ausführt und sich aneignet, und auch nur ein solcher
faßt nahe, zum Wurf zielend, ins Auge den Feind,
während den Ungerechten niemals, weder
bluttriefenden Mord zu erblicken,
noch
obsiegen im Lauf Boreas' thrakischer Kraft,
noch ihn überhaupt irgendeins von den genannten Gütern glücklich machen würde. Was nämlich die Leute gewöhnlich so nennen verdient nicht diesen Namen. Denn gewöhnlich gilt für das vornehmste Gut die Gesundheit, für das zweite die Schönheit und für das dritte der Reichtum, und außerdem werden dann noch tausenderlei andere Güter aufgeführt, ein scharfes Gesicht und Gehör und überhaupt die möglichste Schärfe aller Sinnesempfindungen, vor allem aber der Besitz unbeschränkter Herrschergewalt, um tun zu können [B] was einem beliebt. Und für den Gipfel aller Glückseligkeit würde es gelten, wenn jemand so rasch als möglich in den Besitz aller dieser Dinge gelangte und dann noch obendrein in demselben unsterblich würde. Ihr aber und ich, wir behaupten doch wohl, dass dies alles insgesamt zwar für gerechte und fromme Männer höchst schätzbare, aber für ungerechte ebenso alles insgesamt, von der Gesundheit an, höchst verderbliche Besitztümer seien, und dass mithin auch Sehen und Hören und Empfinden und überhaupt Leben, wenn man als unsterblich für alle Zeit im Besitz [C] aller jener sogenannten Güter, aber ohne den der Gerechtigkeit und überhaupt jeglicher Tugend wäre, das größte Übel, und ein möglichst kurzes Leben in einem solchen Falle noch ein geringeres Übel sein würde. Eben dies nun, was ich verlange, werdet ihr, denke ich, die Dichter bei euch überreden und zwingen zu lehren und so unter Hinzufügung der entsprechenden Rhythmen und Tongebungen eure Jugend zu erziehen. Ist es so? Sehet wohl zu. Denn ich für meine Person behaupte unumwunden, dass die genannten Übel für die Ungerechten Güter und für die Gerechten Übel und die Güter für die Guten dies wirklich, für die Schlechten aber das Gegenteil sind. Wie ich nun fragte, sind wir, ihr und ich, hierin [D] einverstanden oder nicht?
KLEINIAS: In einigen Stücken, scheint es mir, wohl, in anderen aber auf keine Weise.
DER ATHENER: Ist nun vielleicht das der Punkt worin ich euch nicht überzeuge, dass jemand der bei Unsterblichkeit Gesundheit, Reichtum, Herrschaft ohne Aufhören und, ich setze mit Rücksicht auf euch noch hinzu, auch ausgezeichnete Stärke und Tapferkeit besäße, und im Übrigen von allen sogenannten Übeln frei wäre, dabei aber nur Ungerechtigkeit und Zügellosigkeit in sich trüge, ich sage, dass jemand der ein solches Leben führte [E] nicht etwa glücklich, sondern vielmehr offenbar elend sein würde?
KLEINIAS: Du vermutest ganz richtig.
DER ATHENER: Gut denn! Was werden wir denn hierbei zunächst in Betracht zu ziehen haben? Scheint euch einer der tapfer, stark, schön, reich ist und sein ganzes Leben hindurch [662 St.2 A] alles tun kann, was er begehrt, denn nicht etwa notwendigerweise schmachvoll zu leben, wenn er dabei ungerecht und zügellos ist? Doch das werdet ihr mir wohl einräumen, dass ein solches Leben eine Schmach und Schande ist.
KLEINIAS: Gewiss.
DER ATHENER: Aber auch das, dass dies Leben für ihn selbst von Übel wäre?
KLEINIAS: Das nicht mehr in gleicher Weise.
DER ATHENER: Und gar, dass er ein unlustiges und ihm selber gar nicht zuträgliches Leben führen würde?
KLEINIAS: Ja, wie könnten wir wohl das noch zugeben?
DER ATHENER: Wie ihr es könntet? Wenn ein Gott, ihr Freunde, so scheint es, uns übereinstimmend macht, denn jetzt freilich sind wir ziemlich weit auseinander. Denn mir scheint dies nun einmal so notwendig sich so zu verhalten, dass es mir so gewiss ist [B] wie Kreta sei eine Insel. Und wenn ich Gesetzgeber wäre, so würde ich die Dichter und alle Staatsangehörigen zu nötigen suchen, dass sie ebenso lehrten, und ich würde so ziemlich die größte Strafe dem auferlegen, welcher im Lande die Behauptung ausspräche, dass es Menschen geben könne die ein unsittliches und doch dabei angenehmes Leben führten, oder dass eines das Nützliche und Gewinnbringende und ein anderes das der Gerechtigkeit mehr entsprechende sei, und noch zu vielen anderen ganz von den, wie es scheint, jetzt bei den Kretern und Lakedämoniern und somit
auch wohl bei anderen Leuten gangbaren Behauptungen abweichenden Urteilen würde ich meine Mitbürger anleiten. Denn sagt mir doch um des Zeus und Apollo willen, [C] ihr besten der Männer, wenn wir eben diese beiden Götter selbst, die euch eure Gesetze gegeben haben, fragten, ob das gerechteste Leben auch das angenehmste sei oder ob es zwei verschiedene Lebensweisen gebe, von denen die eine die angenehmste und die andere die gerechteste ist, und sie uns dann antworteten, das Letztere sei der Fall, so würden wir sie, wenn wir richtig verfahren wollten, doch wohl weiter fragen, welche von beiden man denn als glücklich bezeichnen müsse, die welche das gerechteste, oder die welche das angenehmste Leben führt? Und wenn sie uns dann erwiderten: die welche das angenehmste, so wäre das eine seltsame Antwort. Doch ich will so etwas nicht von Göttern gesagt haben, sondern vielmehr nur von unseren Vätern und Gesetzgebern, [D] und meine vorhergehende Frage vielmehr an einen von ihnen gestellt haben und annehmen, er habe mir geantwortet, dass wer das angenehmste Leben führt der Glückseligste sei. Dann würde ich fortfahren: wünschtest du es denn nicht, Vater, dass ich so glücklich sein solle als möglich? Denn beständig ermahntest du mich dazu, und hörtest gar nicht auf, dass ich so gerecht als möglich leben solle. Und damit würde denn, denke ich, der welcher jene obige Behauptung aufgestellt hat, mag es nun ein Gesetzgeber oder sonst einer unserer Vorväter sein, ungereimt erscheinen und in Verlegenheit geraten, wie er mit sich selber in Übereinstimmung bleiben möge. Wenn er aber vielmehr erklärte, dass das gerechteste Leben das glückseligste sei, so würde, glaub' ich, doch wohl jeder der dies hörte, weiter forschen, worin denn das Gute und Schöne innerhalb des gerechten Lebens besteht, [E] welches das Angenehme noch überbietet [663 St.2 A] und deshalb vom Gesetze anempfohlen wird. Und welches Gut kann denn dem Gerechten zu Teil werden das gesondert von allem Genusse ist? Lass sehen. Ist Ruhm und Lob bei Göttern und Menschen zwar etwas Gutes und Schönes, aber nicht angenehmes, und die Schande das Gegenteil? Nicht im Geringsten, lieber Gesetzgeber, werden wir antworten. Oder ist es unangenehm niemandem Unrecht zu tun und es von niemandem zu erleiden, aber gut und löblich, das Entgegengesetzte aber angenehm, jedoch schimpflich und schlecht?
KLEINIAS: Wie sollte es?
DER ATHENER: Somit ist denn die Ansicht welche Angenehmes und Gerechtes, Gutes und Schönes nicht trennt, wenn zu nichts anderem, so doch dazu gut um einen starken Beweggrund zu dem Entschlusse herzugeben ein frommes und gerechtes Leben [B] zu führen, so dass ein Gesetzgeber keinen tadelnswerteren und zweckwidrigeren Grundsatz aufstellen könnte als den, welcher die Richtigkeit dieser Ansicht leugnet. Denn niemand wird sich leicht überreden lassen irgendetwas zu tun was nicht mehr Freude als Schmerz im Gefolge hat. Was man nun freilich erst von ferne sieht erscheint besonders Kindern, aber auch wohl überhaupt allen in einem düsteren Nebel, und da soll denn nun der Gesetzgeber dieses Dunkel vertreiben und uns im Gegenteil zu einem klaren Urteil verhelfen [C] und soll uns auf alle mögliche Art, durch Gewöhnung, Lobsprüche und Begründungen, davon überzeugen, dass das Gerechte und das Ungerechte als solche auf die Wirkung in der Zukunft zielende Malereien zu betrachten seien, wobei das Bild des Ungerechten dem des Gerechten gegenübergestellt ist, so dass, mit den Augen des selber Ungerechten und Lasterhaften gesehen, das Erstere angenehm, das Letztere aber im höchsten Grade widrig, mit den Augen des Gerechten dagegen von beidem in allem das Gegenteil erscheint.
KLEINIAS: Das ist klar.
DER ATHENER: Welchem von beiden Urteilen werden wir nun aber die Wahrheit und die höhere Geltung zuschreiben, dem des schlechten oder [D] dem des guten Charakters?
KLEINIAS: Notwendig doch wohl dem des guten.
DER ATHENER: Notwendigerweise muss also das ungerechte Leben nicht bloß schmachvoller und schlechter, sondern in der Tat auch unangenehmer als das gerechte und fromme Leben sein.
KLEINIAS: So scheint es wenigstens nach der gegenwärtigen Auseinandersetzung, ihr Freunde.
DER ATHENER: Und gesetzt, es verhielte sich dies selbst nicht so wie es dieselbe soeben erwiesen hat, so dürfte doch ein Gesetzgeber, der nur irgendetwas taugt, sich auch wohl erkühnen zur
Beförderung der Tugend, wenn überhaupt irgendwo dann hierbei, nicht alle Wahrheit gegen die Jünglinge auszusprechen, und er könnte dies dann schwerlich je ersinnen, irgendwo nützlicher als hierbei, [E] dass sie nicht gezwungen, sondern freiwillig alles was recht ist tun.
KLEINIAS: Schön ist die Wahrheit, Freund, und unumstößlich, doch scheint es nicht leicht, von ihr zu überzeugen.
DER ATHENER: Das mag wohl sein. Und doch war es leicht, der Erzählung von jenem Sidonier, die doch so unwahrscheinlich klingt, und tausend anderen, Glauben zu verschaffen.
KLEINIAS: Welche meinst du?
DER ATHENER: Dass einst aus ausgesäten Zähnen bewaffnete Männer entsprossen seien. Das ist denn doch ein starker Beleg dafür, dass es einem Gesetzgeber [664 St.2 A] schon gelingen werde die Gemüter der jungen Leute von allem, was er nur versucht, zu überzeugen. Daher soll er auch bei seinen Erfindungen keine andere Rücksicht nehmen als darauf, woran er glauben machen muss um dadurch dem Staate am meisten zu nützen, und zu diesem Zweck muss er jeden Kunstgriff ausfindig zu machen suchen, welcher in irgend einer Art darauf hinwirkt, dass diese ganze Gemeinschaft der Bürger über den Gegenstand jener seiner Erfindungen ihr ganzes Leben hindurch stets dieselbe Sprache führe in Liedern wie in Sagen und Reden. Wenn es nun aber euch irgendwie anders als so erscheint, so steht euch nichts im Wege [B] eure Einwände dagegen vorzubringen.
KLEINIAS: Nun, ich glaube nicht, dass einer von uns beiden hiergegen je etwas wird einwenden können.
DER ATHENER: So wird es denn also meine Aufgabe sein das zunächst hieran sich Anschließende darzulegen. Ich behaupte nämlich, dass alle Chöre, deren es drei Gattungen gibt, den noch jungen und zarten Gemütern der Kinder sowohl alle sonstigen edlen Grundsätze, welche wir bereits durchgegangen haben und noch durchgehen werden, durch ihren Vortrag einsingen und gleichsam verzaubern sollen, als auch dass ihre Hauptlehre darin bestehen muss, dass wir mit der Behauptung, [C] das angenehmste und das tugendhafteste Leben sei nach dem Ausspruche der Götter dasselbe, nicht bloß vollkommen die Wahrheit sagen, sondern auch von derselben diejenigen, welche zu überzeugen uns obliegt, viel besser überzeugen werden als von jedem irgendwie abweichenden Ausspruch.
KLEINIAS: Ich muss dir beistimmen.
DER ATHENER: So werden wir denn am passendsten zuerst den aus Knaben bestehenden Musenchor auftreten lassen, um mit allem Eifer jene Lehren der ganzen Bürgerschaft vorzusingen, als zweiten aber einen Chor von Jünglingen unter dreißig Jahren, welcher den Päan zum Zeugen für die Wahrheit des von ihm Vorgetragenen anrufen und ihn anflehen soll dass er der Jugend gnädig sei und ihr den Glauben [D] an dieselbe gewähre. Es müssen aber drittens auch noch die Männer über dreißig bis zu sechzig Jahren singen, die noch Älteren aber, denn sie besitzen nicht mehr die Fähigkeit des Gesanges, mögen als übrig geblieben gelten, um dieselben Grundsätze in Form alter Sagen aus göttlicher Eingebung vorzutragen.
KLEINIAS: Was für Chöre, Freund, sollen denn jene dritten sein? Denn wir verstehen noch nicht genau genug was du bei ihnen im Auge hast.
DER ATHENER: Gleichwohl sind es gerade diese auf welche so ziemlich die meisten bisherigen Erörterungen hinzielen.
KLEINIAS: Das gibt uns noch nicht Licht genug. Versuche es also uns noch deutlicher zu machen.
[E] DER ATHENER: Wir sagten, wenn ich mich recht erinnere, am Anfang der vorliegenden Erörterungen, dass alles, was jung ist, vermöge seiner feurigen Natur sich nicht ruhig zu verhalten im Stande sei, weder mit dem Körper noch mit der Stimme, sondern stets regellos singe und springe, dass das Gefühl für die richtige Ordnung in beiderlei Bewegungen allen anderen lebendigen Geschöpfen versagt und allein der menschlichen Natur zu Teil geworden sei, dass man ferner die Ordnung in den körperlichen Bewegungen [665 St.2 A] Rhythmus, die Beziehung des Hohen und Tiefen in der Stimme aber Harmonie und die Verbindung von beidem
Chorreigen nenne. Die Götter, sagten wir dann weiter, hätten sich unser erbarmt und uns zu Mittänzern und Reigenführern den Apollon und die Musen gegeben, und dazu führten wir dann, wenn ihr euch dessen noch erinnert, als Dritten noch den Dionysos an.
KLEINIAS: Gewiss erinnern wir uns dessen noch.
DER ATHENER: Von dem Chor der Musen und dem des Apollon ist nun bereits das Nötige gesagt, wir müssen nun auch von dem dritten noch übrigen Chore, dem des Dionysos, sprechen.
KLEINIAS: Wie? Erkläre dich genauer. Denn wenn man das so plötzlich hört, muss einem ein Chor des Dionysos, [B] der aus bejahrten Leuten besteht, gar wunderlich vorkommen. Wie, es sollten also die Männer über dreißig, ja fünfzig Jahre und bis zum sechzigsten hin, ihm Reigentänze aufführen!
DER ATHENER: Du hast ganz Recht, und so bedarf es denn allerdings einer genaueren Bestimmung darüber wie ein solcher Chor dennoch vernunftgemäß sein kann.
KLEINIAS: Gewiss.
DER ATHENER: Gesteht ihr mir denn noch zu, was ihr mir vorher eingeräumt habt? KLEINIAS: Welches meinst du?
DER ATHENER: Dass jeder, Alt und Jung, Freier und Bediensteter, Mann und Weib, einander und der ganze Staat dem ganzen Staate [C] ohne Unterlass die besprochenen Grundsätze gleichsam wie Zauberformeln in den verschiedensten Variationen und mannigfaltigsten Formen einsingen müsse, so dass sie dieser Lieder nicht satt werden und sie mit steter Lust singen.
KLEINIAS: Wie sollte man dir nicht zugestehen dass es so geschehen müsse?
DER ATHENER: Aber bei welcher Gelegenheit soll uns nun jener edelste Teil der Bürgerschaft, welcher durch sein Alter und zugleich durch seine Einsicht unter allen Staatsangehörigen das größte Vertrauen genießt, diese schönsten aller Lieder singen, um dadurch am meisten dem Staate Heil zu bringen? [D] Oder sollen wir so töricht sein, ihn dabei ganz außer Betracht zu lassen, der doch in den Schönsten und ersprießlichsten Gesängen die allergrößte Wirksamkeit auszuüben im Stande ist?
KLEINIAS: Nein, das ist unmöglich nach dem eben Gesagten.
DER ATHENER: Auf welche Weise dürfte dies also am schicklichsten anzustellen sein? Meint ihr nicht auch, etwa auf folgende?
KLEINIAS: Nun?
DER ATHENER: Jeder der älter wird bekommt doch eine starke Scheu vor dem Singen, und es vergeht ihm immer mehr die Lust daran, und wenn er einmal nicht umhin kann, so wird er sich doch umso mehr dessen schämen je älter und besonnener er wird, [E] ist es nicht so?
KLEINIAS: Freilich.
DER ATHENER: Und gar erst recht würde dies der Fall sein, wenn er sich im Theater und vor aller Welt zuvorderst hinstellen und singen sollte. Und wenn dann noch dazu solche Männer gezwungen würden, wie die um den Sieg kämpfenden Chöre, sich der vom Chorlehrer vorgeschriebenen Lebensweise zu unterwerfen und bei schmaler Kost mit hungrigem Magen zu singen, so würden sie gewiss nur mit Unlust und Scham sich dazu verstehen und allen möglichen Widerwillen dagegen an den Tag legen.
[666 St.2 A] KLEINIAS: Ja, so würde es ganz notwendigerweise kommen.
DER ATHENER: Wie wollen wir sie denn aufmuntern und zum Singen geneigt machen? Wie wäre es, wenn wir ein Gesetz aufstellten, dass zunächst Knaben bis zu achtzehn Jahren den Wein ganz und gar nicht kosten sollen, indem wir sie lehren, dass sie nicht zu dem Feuer, welches bereits in ihrem Körper und ihrer Seele glüht, noch neues Feuer hinzuleiten dürfen, ehe sie noch an anstrengende Arbeiten zu gehen unternehmen? So würden wir denn die aufbrausende Art der Jugend mit der gehörigen Vorsicht berücksichtigt haben. Sodann dem Jünglinge [B] bis zum dreißigsten Jahre hin würde der Genuss des Weines bereits erlaubt werden, jedoch mit Maßen
und so, dass er sich einer häufigen Anwendung desselben und des Rausches durchaus zu enthalten hätte. Wenn der Mann jedoch so in die Vierzig tritt, mag er, nachdem er es bei den gemeinschaftlichen Mahlzeiten sich hat schmecken lassen, mit den anderen Göttern auch den Dionysos zu dem Feste und der Lust der Greise einladen, welche dieser Gott den Menschen zum Schutze gegen [C] den mürrischen Ernst des Alters verlieh, indem er ihnen den Wein als Heilmittel gab, so dass wir von Neuem wieder jung werden und allen Unmut vergessen und die Härte unseres Charakters wie Eisen im Feuer erweicht und geschmeidig wird. Fürs erste also, wird in einer solchen Stimmung nicht Jeder bereitwilliger dazu werden und sich minder davor schämen, nicht vor Vielen, aber doch vor einer mäßigen Anzahl, und nicht vor Fremden, wohl aber vor Landsleuten zu singen und die wiederholt besprochenen Zauberformeln vorzutragen?
KLEINIAS: Und zwar um Vieles.
DER ATHENER: Wenn wir also die Alten auf diese Weise dazu reizten uns zu Gefallen am Gesange Teil zu nehmen, so würde hierin [D] nichts Unschickliches liegen?
KLEINIAS: Keineswegs.
DER ATHENER: Was für einen Ton sollen nun aber die Männer anstimmen und was soll ihre Muse sein? Offenbar müssen doch wohl ihre Lieder passend für sie gewählt sein?
KLEINIAS: Das versteht sich.
DER ATHENER: Welche möchten nun aber für von den Musen begeisterte Männer passend sein? Etwa die der Chöre?
KLEINIAS: Wir wenigstens, Freund, und auch die Lakedämonier möchten wohl schwerlich ein anderes Lied zu singen imstande sein als die, welche wir in den Chören gelernt haben und die uns so geläufig geworden sind.
DER ATHENER: Natürlich, denn es hat euch in der Tat an Gelegenheit gefehlt die schönste aller Gesangarten euch anzueignen. Denn ihr habt eine Verfassung wie sie sich für ein Heerlager [E] und nicht wie sie sich für Stadtbewohner eignet, sondern eure Jugend gleicht einem Trupp Füllen, die in einer Herde zusammenweiden, und keiner nimmt seinen Nachwuchs, wenn er sehr wild und störrisch ist, von dieser Herde gewaltsam hinweg und gibt es auf seine eigene Hand zur Ausbildung und erzieht es selbst durch Streicheln und Zähmung und durch Anwendung alles dessen was zur Kindererziehung zweckdienlich ist, [667 St.2 A] umso nicht bloß einen Krieger aus ihm zu machen, sondern auch einen Mann der den Staat zu verwalten und Städte zu lenken vermag und eben auch, wie wir im Anfange sagten, einen tüchtigeren Krieger abgibt als die des Tyrtäos sind, indem er zu allen Zeiten und an allen Orten und für Privatleute so gut wie für den ganzen Staat die Tapferkeit unter den Tugenden nicht als das erste, sondern erst als das vierte Besitztum ehrt.
KLEINIAS: Abermals, Freund, setztest du unsere Gesetzgeber, ich weiß nicht wie, sehr herunter.
DER ATHENER: Wenn ich das tue, mein Guter, so geschieht es nicht mit Absicht, sondern wohin die Untersuchung uns führt, dahin müssen wir ihr auch folgen, wenn es euch recht ist. Gibt es also eine Muse, welche schöner ist als die der Chöre und der öffentlichen Schauspiele, so müssen wir auch versuchen [B] sie denen eigen zu machen, welche, wie gesagt, dieser letzteren sich schämen und dagegen sträuben mit der, welche die schönste ist, in Gemeinschaft zu treten.
KLEINIAS: Allerdings.
DER ATHENER: Muss nun nicht mit allen Dingen die von irgendeiner Annehmlichkeit begleitet sind vor allem die Beschaffenheit verbunden sein, dass entweder eben dies selber das Wünschenswerteste an ihnen ist oder aber eine innere Richtigkeit oder drittens irgendein Nutzen? Wie ich sage, dass Essen und Trinken und überhaupt alle Nahrung von einer solchen begleitet sind, daher wir denn auch von dem Genusse derselben reden; und wenn wir von ihrer Richtigkeit und ihrem Nutzen sprechen, so meinen wir damit, dass alles dasjenige von dem, was uns aufgetragen wird, welches uns jedesmal an demselben gesund, eben dies auch das Richtigste daran ist.
[C] KLEINIAS: Ganz recht.
DER ATHENER: Und ebenso ist auch mit dem Lernen eine Annehmlichkeit, nämlich der Genuss den man an ihm findet, verbunden, was aber die innere Richtigkeit und den Nutzen, die Güte und den Wert desselben bewirkt, das ist die Wahrheit.
KLEINIAS: So ist es.
DER ATHENER: Und nun ferner, wenn alle die Künste, welche wegen der Darstellung des ähnlichen nachahmende heißen, diesen ihren Zweck wirklich erreichen, würde man da nicht, wenn es als Folge damit verbunden ist, dass in ihren Werken ein Genuss enthalten ist, eben dies mit vollem Recht eine Annehmlichkeit an ihnen nennen?
KLEINIAS: Ja.
DER ATHENER: Dagegen [D] die innere Richtigkeit solcher Werke würde wohl eher durch ihre Gleichheit, um es mit einem Worte auszudrücken, mit dem Dargestellten an Größe und Beschaffenheit bestimmt werden als durch den Genuss?
KLEINIAS: Richtig.
DER ATHENER: Also wird man nach dem Genuss nur dasjenige allein mit Recht beurteilen dürfen was weder Nutzen bringt, noch Wahrheit zeigt, noch Ähnlichkeit darstellt, aber auch keinen Schaden tut, sondern lediglich in dem sein Ziel findet, was jene anderen Eigenschaften bloß begleitet, in der Annehmlichkeit; denn diese Annehmlichkeit kann nur dann im eigentlichen Sinn Genuss genannt werden wenn sie keine derselben nach sich zieht.
KLEINIAS: Also bloß den unschädlichen Genuss [E] nennst du überhaupt Genuss?
DER ATHENER: Ja, Genuss und ebenso auch heiteren Scherz nenne ich ihn nur dann, wenn er weder einen Schaden noch einen Nutzen bringt welcher einer ernsten Sorgfalt oder der Rede wert wäre.
KLEINIAS: Du hast vollkommen Recht.
DER ATHENER: Dürfen wir nun nicht dem jetzt Erörterten zufolge behaupten, dass jegliche Nachahmung nicht nach dem Genusse und nach der [668 St.2 A] nicht in der Wahrheit begründeten Meinung zu beurteilen sei, und ebenso jegliche Ähnlichkeit? Denn nicht darum, ob jemand diese oder jene Vorstellung darüber hat oder an diesem oder jenem Genuss findet, ist das Gleiche durchaus gleich und das Ebenmäßige ebenmäßig, sondern weil das seine wahre Beschaffenheit so ist, und schlechterdings aus keinem anderen Grunde.
KLEINIAS: Unstreitig.
DER ATHENER: Behaupten wir nun nicht dass die gesamte musische Kunst eine nachbildende und nachahmende sei?
KLEINIAS: Wie anders?
DER ATHENER: Keineswegs also darf man es gelten lassen, wenn jemand die musische Kunst nach dem Genusse abschätzen wollte, und darf durchaus diese, wenn es auch wohl eine solche gibt, nicht zum Gegenstande [B] seines Strebens machen, weil sie dies nicht verdient, sondern diejenige welche durch Nachahmung des Schönen die Verähnlichung ihrer Werke mit demselben wirklich erreicht hat.
KLEINIAS: Sehr wahr.
DER ATHENER: Und für jene, unsere Greise, also, welche nach dem schönsten Gesange und der schönsten Muse suchen, wird, wie es scheint, nicht nach einer solchen zu suchen sein welche angenehm ist, sondern welche innere Richtigkeit besitzt, denn diese Richtigkeit der Nachahmung, wie gesagt, hängt davon ab ob sie das Nachgeahmte nach seiner Größe und Beschaffenheit vollkommen darstellt.
KLEINIAS: Wie anders?
DER ATHENER: Und nun muss das doch wohl jeder hinsichtlich der musischen Kunst zugeben, [C] dass alle ihre Schöpfungen Nachahmung und Nachbildung seien, oder sollten das nicht Dichter und Tonsetzer so gut wie Publikum und Darsteller zugeben?
KLEINIAS: Vollständig.
DER ATHENER: Folglich muss aber, wie es scheint, jeder der bei ihrer Beurteilung nicht in Irrtum verfallen will bei jedem einzelnen dieser Werke wissen was es darstellen soll, und welches das Wesen dieses darzustellenden Gegenstandes ist. Denn wenn er dies Wesen nicht kennt, und folglich nicht weiß, was jenes Werk beabsichtigt und wovon es in Wahrheit ein Abbild ist, wird er schwerlich auch die Richtigkeit im Gelingen oder aber das Verfehlen dieser Absicht durchschauen.
KLEINIAS: Gewiss, denn wie wäre das möglich?
DER ATHENER: Wer aber [D] nicht erkennt ob die Richtigkeit der Nachahmung vorhanden ist, wird der wohl jemals im Stande sein ihre Güte oder ihren Unwert zu durchblicken? Doch ich spreche nicht deutlich genug, vielleicht sollte ich mich vielmehr deutlicher folgendermaßen ausdrücken.
KLEINIAS: Nun?
DER ATHENER: Es gibt doch tausenderlei Nachbildungen für das Auge? KLEINIAS: Ja.
DER ATHENER: Wie, wenn nun jemand auch bei diesen nicht wüsste was für einen Körper eine jede darstellen soll und wie dieser beschaffen ist, könnte er da wohl jemals erkennen was an ihnen richtig gearbeitet sei? Ich meine, ob sie die Maßverhältnisse des Körpers, so viel ihrer sind, und die Lage seiner einzelnen Teile haben, [E] dergestalt dass immer das zugehörige Glied mit dem zugehörigen in der richtigen Ordnung verbunden ist, und ob sie überdies auch die Farben und Stellungen wiedergeben, oder ob dies alles unrichtig gemacht sei. Scheint dir dies wohl jemals einer beurteilen zu können welcher gar nicht weiß welches lebendige Wesen denn hier nachgebildet werden sollte und wie dieses beschaffen ist?
KLEINIAS: Wie sollte er!
DER ATHENER: Wie aber, wenn wir wüssten, dass dies Gemälde oder diese Bildsäule einen Menschen darstellt und dass es [669 St.2 A] auch alle die ihm zukommenden Teile, Farben und Stellungen von der Kunst erhalten hat, wissen wir damit notwendig auch sogleich schon das Weitere, ob es schön ist oder worin es etwa der Schönheit ermangelt?
KLEINIAS: Auf diese Weise sind ja wir alle, Freund, Kenner des Schönen an den Bildwerken.
DER ATHENER: Richtig gesprochen. Wird also nicht, wer über irgendwelche Darstellung eines bildenden sowie eines musischen und überhaupt jedes beliebigen Künstlers ein verständiger Richter sein will, diese drei Dinge inne haben müssen: erstens zu wissen was sie darstellt, zweitens wie richtig [B] und drittens wie gut und schön das jedesmalige Abbild in Worten, Tongebungen und Rhythmen ausgeführt ist?
KLEINIAS: So scheint es wenigstens.
DER ATHENER: Lasse es uns denn nicht verdrießen die besonderen Schwierigkeiten in Betracht zu ziehen welche die Sache bei der musischen Kunst hat. Denn da man von ihr weit mehr Rühmens macht als von den Darstellungen anderer Künste, so ist auch bei ihrer Beurteilung weit größere Vorsicht als bei einer von allen diesen erforderlich. Teils nämlich schadet wer hierin fehlgreift sich im höchsten Grade dadurch, weil er damit eine Vorliebe für schlechte Gesinnungen gewinnt, teils ist es höchst schwierig wahrzunehmen, weil die Dichter und Tonsetzer viel schlechtere Künstler sind als die Musen. Denn diese würden sich wohl nie so weit vergreifen, [C] dass sie Worte welche sie Männern in den Mund legten mit weiblichen Tanzbewegungen und Tongebungen begleiteten, noch auch dass, wenn sie Tongebungen und Tänze für Freie gesetzt, sie diese dann mit Rhythmen verbänden wie sie für Knechte oder Leute von knechtischem Sinne sich eignen, oder endlich zu edlen Rhythmen und Tanzbewegungen eine Tongebung oder Worte lieferten, die mit jenen Rhythmen im Widerspruch ständen. Auch würden sie schwerlich die Stimmen von Tieren, Menschen und Instrumenten, kurz alle Arten von Schall verbinden, gerade als ob eine solche Darstellung zusammenstimmen würde. Die menschlichen Dichter und Tonsetzer [D] aber mischen und rühren dergleichen alles unverständig durch einander und müssen sowohl vor
solchen Menschen zum Gelächter werden von denen Orpheus sagt, dass sie zur wahrhaften Blüte des Genusses gediehen seien. Denn nicht genug dass diese dies alles durcheinander gemengt sehen, so reißen die Dichter und Tonsetzer andererseits auch das Zusammengehörige auseinander, indem sie bald Rhythmus und Tanz ohne Tongebung geben, und bloße Worte in Versmaße bringen, bald umgekehrt Tongebung und Rhythmus ohne Worte setzen und bloßes Zither- oder Flötenspiel anwenden. Da ist es denn freilich sehr schwer zu erkennen, was Rhythmus und Melodie [E] ohne Worte ausdrücken wollen und was für einem beachtenswerten Urbilde sie ähnlich sind. Allein von so etwas, wobei so hoher Wert auf Geschwindigkeit und ein Spiel ohne Anstoß und auf tierische Laute gelegt und Flöten- und Zitherspiel auch anders als zur Begleitung des Gesanges und des Tanzes angewandt wird, kann man auch nicht anders urteilen, [670 St.2 A] als dass es voll Rohheit steckt, denn die Anwendung jeder für sich ist Gaukelei und Abirrung von den Musen.
So also steht es nun hiermit, wir jedoch untersuchen nicht, wozu diejenigen von uns die bereits über dreißig Jahre, ja über die Fünfzig hinaus sind, die Musen nicht, sondern wozu sie sie gebrauchen sollen, und das scheint mir denn durch das Bisherige unsere Auseinandersetzung bereits klar gemacht zu haben, dass alle Fünfzigjährigen, wenn es ihnen wohl anstehen soll, des Gesanges zu pflegen, besser ausgebildet sein müssen als es die chorische Muse erheischt. [B] Denn notwendig müssen sie ein feines Gefühl für Rhythmus und Harmonie und Kenntnis von beiden haben, oder wie soll einer die innere Richtigkeit eines Gesangstückes beurteilen, der sich so gut wie gar nicht um das Wesen der dorischen Tonart und des Rhythmus gekümmert hat, welchen der Dichter und Tonsetzer mit ihr verband, wie will er beurteilen ob derselbe hiermit das Richtige oder das Verkehrte tat?
KLEINIAS: Offenbar wird er auf keine Weise hierzu im Stande sein.
DER ATHENER: Denn lächerlich ist es, wenn die Leute aus der großen Masse sich einbilden, so viel ihrer nur mitzusingen und im Takte einher zu schreiten angehalten gewesen sind, sie vermöchten nun auch schon genügend zu beurteilen, welches Gesangstück harmonisch und rhythmisch vollendet sei oder nicht. Dass man ersteres ja doch tun kann, ohne irgendeine Kenntnis von dem Wesen der jedesmaligen Harmonien und Rhythmen zu besitzen, [C] erwägen sie nicht. Und doch ist das Gesangstück, bei welchem diese schicklich angebracht sind, von der richtigen, jenes dagegen bei welchem dies nicht der Fall ist, von fehlerhafter Beschaffenheit.
KLEINIAS: Ganz notwendig.
DER ATHENER: Wie nun? Wer also noch nicht einmal weiß was irgendein Ding ist, wird der jemals irgendwobei wissen können wie richtig dasselbe angebracht ist oder nicht?
KLEINIAS: Was bliebe ihm dazu für ein Mittel?
DER ATHENER: Das also, wie es scheint, haben wir jetzt des weiteren gefunden, dass die Männer, welche wir jetzt aufmuntern und gewissermaßen mit ihrem eigenen Willen nötigen [D] zu singen, wohl notwendig soweit ausgebildet sein müssen, dass ein jeder von ihnen die Schritte der Rhythmen und die Tonschwingungen der Melodien zu verfolgen im Stande sei, damit sie vermöge ihres Einblicks in das Wesen der Harmonien und Rhythmen das Geeignete auszuwählen wissen, was sich für Leute von solchem Alter zu singen ziemt, und sodann auch dem entsprechend singen, und so durch ihren Gesang teils sich selbst für den Augenblick einen unschuldigen Genuss bereiten, teils den jüngeren Leuten gesunden Geschmack an guten Sitten einflößen. Sind sie aber bis zu diesem Punkte ausgebildet, so haben sie es eben damit auch zu einer feineren Bildung gebracht als die, welche die Menge erhält, [E] und als die der Dichter und Tonsetzer selbst ist. Denn jenes Dritte, nämlich ob die Nachahmung schön oder nicht schön sei, brauchen die Letzteren gar nicht wissen, und nur die Kenntnis der Harmonien und Rhythmen dürfte denselben unerlässlich sein, für sie dagegen ist es notwendig alle drei Stücke zu kennen, damit sie die Auswahl des Schönsten und was ihm zunächst steht zu treffen im Stande sind, oder aber niemals [671 St.2 A] durch den Zauber des Gesanges junge Männer zur Tugend anlocken zu können.
Und so hat denn nun unsere Untersuchung ihren im Anfange ausgesprochenen Zweck nach Möglichkeit erreicht, nämlich zu zeigen, dass unsere Verteidigung eines Chores für den Dionysos wohlbegründet sei. Sehen wir also zu, ob sich dies bestätige. In einer solchen Gesellschaft muss es notwendig im ferneren Verlaufe des Trinkens immer stürmischer zugehen, wie wir es denn vorhin bei denen, von welchen jetzt die Rede ist, als eine notwendige Tatsache vorausgesetzt haben.
KLEINIAS: Es kann nicht anders sein.
DER ATHENER: Und ein jeder fühlt sich da leichter als zuvor [B] und erhebt sich über sich selbst und wird freudig und von solchem Freimut und solcher Redseligkeit erfüllt, dass er gar nicht mehr auf das hört was seine Genossen sagen, und glaubt befähigt genug geworden zu sein, sich selbst und die Anderen zu beherrschen?
KLEINIAS: Wie anders?
DER ATHENER: Sagten wir nun nicht dass, sobald dies geschieht, die Gemüter der Trinker wie Eisen im Feuer zu glühen beginnen und sich erweichen und verjüngen, so dass sie leicht zu lenken würden für den, welcher es vermag und versteht sie zu erziehen und zu bilden, gleichwie sie es in der Jugend waren? Dazu aber sei gerade wie damals [C] wiederum der gute Gesetzgeber der Bildner, welcher Gesetze für die Trinkgelage aufstellen müsse, die da geeignet wären den Trinker, welcher allzu sehr voll Hoffnung und Zuversicht geworden und alles Anstandes zu vergessen beginnt und sich der Ordnung und Abwechslung von Schweigen und Reden, des Trinkens und der Muse nicht unterwerfen will, ganz zum Gegenteil umzustimmen und dem Einbruche der tadelnswerten Überheblichkeit [D] jene preiswürdige Furcht nach Gebühr zu ihrer Bekämpfung entgegenzustellen, welche wir Scham und sittliche Scheu genannt haben.
KLEINIAS: So ist es.
DER ATHENER: Und ferner, dass aber auch als Wächter und Mitarbeiter dieser Gesetze die ruhigen und nüchternen Leute den Befehl über die Trunkenen haben müssten, indem es ohne solche Führer schlimmer gegen die Trunkenheit als gegen die Feinde ohne sie zu kämpfen sei, und dass fernerhin der, welcher sich nicht bezwingen könne, ihnen und den eigentlichen Führern des Dionysos, nämlich den Greisen [E] über sechzig Jahre, zu gehorchen, eine gleiche und noch größere Schande dafür davontragen solle als wer den Führern des Ares ungehorsam sei.
KLEINIAS: Richtig.
DER ATHENER: Wenn es also so bei der Trunkenheit, wenn es so bei der Lustbarkeit zuginge, würden da nicht die Trinkgenossen mit wahrem Nutzen und noch befreundeter denn zuvor auseinandergehen und nicht, wie jetzt, als Feinde, ich sage, wenn sie so [672 St.2 A] nach den Gesetzen das ganze Gelage hindurch miteinander verkehrten und die Trunkenen der Leitung der Nüchternen Folge leisten würden?
KLEINIAS: Gewiss, wenn es nach dieser deiner Beschreibung dabei zuginge.
DER ATHENER: Wir wollen also nicht ferner jene Gabe des Dionysos so schlechthin tadeln, als sei sie vom Übel und dessen unwert im Staate Aufnahme zu finden. Ja, es ließe sich noch mehr zu ihrer Empfehlung sagen. Scheut man sich doch gerade von dem größten Gute, mit welchem uns der Gott beschenkt hat, öffentlich zu reden, [B] weil die Menschen, wenn man sich darüber ausspricht, es übel aufzufassen und verkehrt zu verstehen pflegen.
KLEINIAS: Welches meinst du denn?
DER ATHENER: Es schleicht eine Erzählung als Sage unter dem Volke fort, dass dieser Gott von seiner Stiefmutter Hera des Verstandes beraubt worden sei, und da habe er denn nun aus Rache die Ausgelassenheit der bacchischen Feste und alle wilden und rasenden Tänze ins Leben gerufen und zu eben diesem Zwecke uns denn auch den Wein geschenkt. Ich überlasse indessen dergleichen von den Göttern denen zu erzählen, welche glauben, es lasse sich so etwas mit Sicherheit von ihnen sagen, so viel jedoch weiß ich, dass kein lebendes Wesen mit demselben und [C] ebenso vielem Verstande zur Welt kommt als es nachher besitzt, wenn es erwachsen ist. In dieser Zwischenzeit nun, in welcher es noch nicht die ihm zukommende vernünftige Einsicht in
sich trägt, tollt ein jedes und es schreit regellos, und sobald es nur aufrecht gehen gelernt hat springt und hüpft es wiederum ebenso. Ihr werdet euch aber erinnern, dass wir dies für die Anfänge der musischen und gymnastischen Künste erklärten.
KLEINIAS: Wie sollten wir uns nicht dessen noch erinnern?
DER ATHENER: Dann auch wohl dessen noch, dass wir sagten, das Gefühl für Rhythmus und Harmonie habe diese Anfänge uns Menschen zu eigen gemacht, [D] und von den Göttern seien Apollon, die Musen und Dionysos die Urheber dieses unseres Gefühles?
KLEINIAS: Gewiss.
DER ATHENER: Und ebenso geht denn auch von dem Weine, so scheint es, zwar bei anderen die Rede, dass auch er den Menschen von dem Gotte verliehen sei um sie in Raserei zu versetzen und so an ihnen seine Rache zu nehmen, bei uns dagegen nach unserer gegenwärtigen Erörterung, dass gerade als ein Mittel zum Gegenteile, nämlich um der Seele Scham und dem Körper Gesundheit und Stärke zu erwerben.
KLEINIAS: Ganz vortrefflich, Freund, hast du alles wieder ins Gedächtnis gerufen.
DER ATHENER: Und so mag denn [E] nun die eine Hälfte des Chorreigens abgehandelt sein, die andere aber wollen wir, je nachdem es euch gefällt, durchnehmen oder liegen lassen.
KLEINIAS: Welche meinst du denn und wie unterscheidest du beide?
DER ATHENER: Das Ganze des Chorreigens bezog sich uns doch auf das Ganze der Erziehung, und von ihm nun wieder ein Teil auf die Stimme, nämlich Rhythmus und Harmonie?
KLEINIAS: Ja.
DER ATHENER: Der andere Teil aber, welcher sich auf die Bewegung des Körpers bezieht, hat zwar mit der Bewegung der Stimme den Rhythmus gemein, aber die Körperwendungen als eigen für sich, gerade so wie dort [673 St.2 A] die Bewegung der Stimme die Tongebung.
KLEINIAS: Sehr wahr.
DER ATHENER: Die Wirkung der Stimme nun bis in die Seele hinein, welche dieselbe zur Tugend bildet, haben wir, ich weiß nicht mit welchem Recht, musische Kunst genannt.
KLEINIAS: Sicherlich mit Recht.
DER ATHENER: Was dagegen die Bewegung des Körpers betrifft, die, als bloßes Spiel ausgeübt, Tanz heißt, so haben wir, wenn sie dagegen dahin geübt wird, dass sie dem Körper Tüchtigkeit verleiht, der kunstgemäßen Anleitung desselben zu ihr den Namen Gymnastik gegeben.
KLEINIAS: Sehr richtig.
DER ATHENER: Über die musische Kunst, welche wir eben bereits als die eine, schon abgehandelte und durchgenommene, so zu sagen, Hälfte des Chorreigens bezeichneten, mag denn also das Bisherige genügen. Wollen wir nun [B] auch die andere Hälfte besprechen oder wie wollen wir es machen?
KLEINIAS: Mein Bester, da du mit Kretern und Lakedämoniern in Unterredung bist und wir die musische Kunst durchgegangen, die Gymnastik aber übrig gelassen haben, was meinst du wohl, was dir der eine wie der andere von uns auf eine solche Frage antworten wird?
DER ATHENER: Ich meine, du hast bereits deutlich genug auf sie geantwortet, indem du mir diese Frage stellst, und verstehe dass sie nicht bloß, wie gesagt, eine Antwort, sondern auch noch eine Aufforderung an mich ist, die Gymnastik abzuhandeln.
KLEINIAS: Du hast es ganz richtig verstanden, und so handle denn auch darnach.
DER ATHENER: Es soll geschehen, und es wird auch gar nicht schwierig sein [C] etwas euch Geläufiges zu besprechen. Denn ihr habt bei weitem mehr Erfahrung in dieser Kunst als in jener.
KLEINIAS: Darin hast du wohl nicht Unrecht.
DER ATHENER: Es liegt also der Ursprung auch dieser Lustbarkeit wiederum in der naturgemäßen Gewohnheit jedes lebenden Wesens zu springen. Der Mensch aber, der, wie gesagt, das Gefühl für den Rhythmus empfangen hat, zeugte und gebar den Tanz, und da der Rhythmus an die
Tongebung mahnte und sie neu erweckte, so erzeugten beide in Gemeinschaft mit einander den Chorreigen und seine Lustbarkeit.
KLEINIAS: Sehr richtig.
DER ATHENER: Und [D] den einen Teil hiervon, wie gesagt, haben wir bereits durchgegangen, den andern aber wollen wir im Verlauf unserer Unterredung durchzugehen versuchen.
KLEINIAS: Ja wohl.
DER ATHENER: Zuerst wollen wir aber auf unsere Erörterung über die Trunkenheit den Schlussstein setzen, wenn es auch euch recht ist.
KLEINIAS: Was meinst du damit?
DER ATHENER: Wenn ein Staat den eben besprochenen Brauch der Trinkgelage als eine ernsthafte Sache behandeln, Gesetze und Ordnungen über ihn aufstellen und ihn so zur Übung in der Besonnenheit und Mäßigung anwenden, wenn er auf die gleiche Weise und nach denselben Grundsätzen auch die übrigen Genüsse nicht von sich ausschließen, sondern veranstalten wird, damit seine Bürger über sie [E] herrschen lernen, so mag er unter solchen Bedingungen immerhin sich alle erlauben. Wenn er sie aber als bloße Ergötzlichkeit behandelt und jedem der da Lust hat und wann und mit wem er Lust hat und nach irgendwelcher anderen Anordnung zu zechen erlaubt, [674 St.2 A] so möchte ich meine Stimme nicht dahin abgeben, dass hier alle oder einzelne je sich berauschen dürfen. Vielmehr werde ich sogar dem Gesetze der Karthager noch vor dem Brauche der Kreter und Lakedämonier den Vorzug zuerkennen, dass nämlich keiner im Felde je Wein kosten, sondern die ganze Zeit hindurch an das Wasser sich halten solle, und dass eben so auch in der Stadt die Bediensteten, auch die Obrigkeiten während des Jahres, in welchem sie als solche in Tätigkeit sind, desgleichen auch Steuermänner und Richter während ihrer Amtstätigkeit keinen Wein [B] zu sich nehmen dürften, ferner keiner, der über irgend eine Sache von Wichtigkeit an irgend einer beratenden Versammlung Teil nehmen soll, ja überhaupt bei Tage niemand, weder Mann noch Weib, es sei denn zur Stärkung zu körperlichen Übungen oder in Krankheiten, und auch bei Nacht dann nicht, wenn sie den Zeugungsakt vornehmen wollen. Und noch gar viele andere Fälle könnte man anführen, in welchen die, welche der Vernunft und dem richtigen Gesetze folgen, keinen Wein trinken werden, so dass zufolge dieser Auseinandersetzung auch vieler Weinberge kein einziger Staat bedürfen wird, sondern so gut wie für die übrigen Landeserzeugnisse und die ganze Nahrung ein festes Maß bestimmt sein muss, so würde hiernach dem Weine wohl [C] so ziemlich das beschränkteste und wenigste gesetzt werden. Dies, Freunde, mag, wenn ihr beistimmt, den Schlussstein unserer Erörterungen über den Wein bilden.
KLEINIAS: Du hast vortrefflich und ganz nach unserem Sinne gesprochen.