Nova de universis philosophia
Das Hauptwerk Patrizis, die Nova de universis philosophia (Neue Philosophie über die Dinge in ihrer Gesamtheit) sollte nach seinem Plan aus acht Teilen bestehen und seine gesamte Weltdeutung darlegen. Davon konnte er aber nur die ersten vier Teile fertigstellen und 1591 in Ferrara veröffentlichen. An einem weiteren Teil, De humana philosophia, arbeitete er 1591/1592, doch blieb das Manuskript unabgeschlossen, der Konflikt mit der Zensurbehörde stand der Vollendung und Publikation entgegen. Die Erstausgabe von 1591 widmete der Autor Papst Gregor XIV., mit dem ihn eine Jugendfreundschaft aus seiner Studienzeit in Padua verband.[1]
In der Vorrede empfahl Patrizi dem Papst eine tiefgreifende Umwälzung im katholischen Schulwesen: Er schlug vor, im Unterricht der kirchlichen Bildungseinrichtungen – der Ordensschulen und der Universitäten unter päpstlicher Kontrolle – den seit dem Mittelalter dominierenden Aristotelismus durch eine alternative Weltdeutung zu ersetzen, die der vorherrschenden Schulphilosophie überlegen sei. Dafür kämen fünf Modelle in Betracht. Das erste sei sein eigenes System gemäß der Nova de universis philosophia, das zweite der Zoroastrismus, das dritte die Hermetik, die Lehre des Hermes Trismegistos,[2] das vierte eine angeblich altägyptische Philosophie – gemeint ist die Lehre der fälschlich Aristoteles zugeschriebenen Theologia Aristotelis –,[3] das fünfte der Platonismus. Die vier älteren Philosophien habe er rekonstruiert, geordnet und erläutert. Alle fünf Modelle seien der Religion förderlich und aus katholischer Sicht annehmbar, im Gegensatz zum Aristotelismus, der gottlos und mit dem Glauben unvereinbar sei. Die Übereinstimmung des Platonismus mit dem Christentum hätten schon die antiken Kirchenväter erkannt. Dennoch habe die aristotelische Philosophie die Vorherrschaft errungen. Ihre weiterhin andauernde Dominanz gehe auf die mittelalterlichen Scholastiker zurück. Diesen seien die Werke Platons unbekannt gewesen, daher hätten sie sich den untauglichen Schriften des Aristoteles zugewandt.[4]
Provokativ übte Patrizi in der Vorrede Kritik am Vorgehen der gegenreformatorischen Kirche, die den Glauben an ihre Lehre mittels der Zensur, der Inquisition und staatlicher Gewalt abzusichern versuchte. Er empfahl nachdrücklich, lieber auf die Vernunft und die Überzeugungskraft philosophischer Argumente zu setzen, statt sich auf Zwang zu verlassen.[5]
Der erste Teil der Schrift, betitelt Panaugia (Allerhellung oder Allglanz), handelt vom Lichtprinzip, das als die formende und belebende Kraft im Universum dargestellt wird, und vom physischen Licht und dessen Eigenschaften. Erörtert werden unter anderem die Reflexion und Brechung des Lichts und die Natur der Farben. Der zweite Teil heißt Panarchia (Allherrschaft oder Allursächlichkeit). Das ist eine vom griechischen Substantiv archḗ („Ursprung“, „Ursache“, „Herrschaft“) ausgehende Wortschöpfung des Autors, die sich auf die hierarchische Weltordnung und deren göttliche Quelle bezieht. Die Panarchia beschreibt die Emanation – das stufenweise Ausströmen der Entitäten aus ihrer göttlichen Quelle – und die darauf beruhende Rangordnung im Universum. Der dritte Teil trägt den Titel Pampsychia (Allbeseeltheit). Dort stellt der Philosoph sein Konzept der Beseelung des gesamten physischen Kosmos durch die Weltseele vor und bespricht besonders die Seelen der Tiere. Im vierten Teil, der Pancosmia (Allordnung), werden Themen der physikalischen Kosmologie erörtert, insbesondere die Frage nach der räumlichen Ausdehnung des Universums, die Patrizi für unendlich hält.[6]
Als Anhänge beigefügt sind neben Quellentexten zwei Exkurse des Autors über spezielle Themen: ein Versuch, die Reihenfolge von Platons Dialogen zu bestimmen, und eine Zusammenstellung von Gegensätzen zwischen der aristotelischen und der platonischen Philosophie. Die Quellentexte sind Patrizis Sammlung der Fragmente der Chaldäischen Orakel, hermetische Literatur sowie die als „mystische Philosophie der Ägypter“ bezeichnete Theologia Aristotelis, eine pseudo-aristotelische Schrift, deren Inhalt Patrizi mit der nur mündlich vorgetragenen „ungeschriebenen Lehre“ Platons gleichsetzte. Er meinte, es handle sich um eine von Aristoteles angefertigte Aufzeichnung von Weisheitslehren altägyptischen Ursprungs, die Platon seinen Schülern im Unterricht vermittelt habe.[7]
Trotz seines großen Respekts vor den Urhebern der uralten Weisheitslehren zögerte Patrizi nicht, im Einzelfall eine abweichende Meinung zu vertreten. Er betonte die Notwendigkeit stichhaltiger Beweise und lehnte es ab, Zitate von ehrwürdigen Autoritäten als Ersatz für fehlende Argumente zu akzeptieren. Seine Aufgabe sah er darin, Argumente für das zu liefern, was in den überlieferten Texten der Weisen des Altertums nicht hinlänglich begründet war.[8]
- ↑ Maria Muccillo: Il «De humana philosophia» di Francesco Patrizi da Cherso nel codice Barberiniano greco 180. In: Miscellanea Bibliothecae Apostolicae Vaticanae 4, Città del Vaticano 1990, S. 281–307, hier: 281–288; Anna Laura Puliafito Bleuel (Hrsg.): Francesco Patrizi da Cherso: Nova de universis philosophia. Materiali per un’edizione emendata, Florenz 1993, S. X–XII.
- ↑ Siehe zu Patrizis Hermetikrezeption Udo Reinhold Jeck: Platonica orientalia, Frankfurt 2004, S. 334–343.
- ↑ Siehe dazu Udo Reinhold Jeck: Platonica orientalia, Frankfurt 2004, S. 343, 345–365.
- ↑ Siehe zu diesen Ausführungen Patrizis Kurt Flasch: Kampfplätze der Philosophie, Frankfurt 2008, S. 288–291; Michael Stausberg: Faszination Zarathustra, Berlin 1998, Teil 1, S. 339–345.
- ↑ Michael Stausberg: Faszination Zarathustra, Berlin 1998, Teil 1, S. 343 f., 366 f.; Kurt Flasch: Kampfplätze der Philosophie, Frankfurt 2008, S. 289–291.
- ↑ Eine Inhaltszusammenfassung bietet Paul Oskar Kristeller: Acht Philosophen der italienischen Renaissance, Weinheim 1986, S. 102–107.
- ↑ Thomas Leinkauf: Platon in der Renaissance: Marsilio Ficino und Francesco Patrizi. In: Ada Neschke-Hentschke (Hrsg.): Argumenta in dialogos Platonis, Teil 1, Basel 2010, S. 285–300, hier: 289–298.
- ↑ Karl Schuhmann: Francesco Patrizi und die hermetische Philosophie. In: Schuhmann: Selected papers on Renaissance philosophy and on Thomas Hobbes, Dordrecht 2004, S. 157–170, hier: 163 f.