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Phaidros 2 (Platon)

aus AufEinWort, der freien Forschung

nachgebend und versprechend, sie wollten das Verlangte tun. Nun sind sie bei ihm, nun sehen sie das strahlende Angesicht des Lieblings.

Indem es aber der Wagenlenker sieht, wird seine Erinnerung zu dem Wesen der Schönheit fortgeführt, und wieder sieht er sie mit der Besonnenheit vereint auf unentweihtem Grunde stehen. Bei diesem Anblick aber erbebt er und beugt sich zurück, von Verehrung erfüllt, und zugleich wird er genötigt, die Zügel so stark nach hinten anzuziehen, dass er beide Rosse auf die Hüften setzt, das eine [C] gutwillig, weil es nicht Widerstand leistet, das trotzige aber höchst widerwillig. Indem sie nun beide weiter zurückgehen, gerät das eine so sehr in Beschämung und Entsetzen, dass es die ganze Seele mit Schweiß benetzt, das andere aber, sobald es den Schmerz los ist, den es von dem Zaum und dem Sturz bekommen, hat kaum wieder Atem geschöpft, so beginnt es voll Zorn zu schmähen und den Wagenlenker und seinen Mitgespann auf alle Weise schlecht zu machen, als wären sie aus Feigheit von ihrer Stellung und ihrem Versprechen gewichen. Und wiederum sie drängend, gegen ihren Willen hinzugehen, gibt es ihnen kaum nach, wenn sie bitten, es auf ein anderes Mal zu verschieben. Ist aber die verabredete Zeit gekommen, so mahnt [D] es die beiden, die sich stellen, als dächten sie nicht mehr daran, wendet alle Gewalt an, wiehert, zieht sie fort und nötigt sie, mit der nämlichen Absicht zu dem Liebling zu kommen, und wenn sie ihm nahe sind, so zieht es, sich vorwärts beugend, den Schweif emporstreckend und in den Zaum beißend, schamlos weiter. Der Wagenlenker aber, in noch stärkerem Grade von dem vorigen Gemütszustand ergriffen, wie einer, der von den Schranken auslaufend sich rückwärts beugt, zerrt den Zaum des trotzigen Rosses mit noch stärkerer Gewalt aus dem Gebiss nach hinten, strengt ihm die schmähsüchtige Zunge und die Backen an bis aufs Blut und [E] bereitet ihm arge Schmerzen, indem er ihm Schenkel und Hüften zur Erde niederzwingt. Wenn aber das schlimme Ross dieselbe Behandlung öfters erfährt und von seiner trotzigen Wildheit lässt, so folgt es gedemütigt schon der vernünftigen Leitung des Wagenlenkers, und wenn es den Schönen sieht, vergeht es vor Furcht. Und so kommt es, dass die Seele des Liebhabers nun dem Liebling verschämt und verschüchtert folgt.

[255 St.3 A] Dieser nun, da er sich ja fast einem Gott gleich alle Arten von Huldigung dargebracht sieht, dargebracht von einem, der sich nicht als ein Liebender nur anstellt, sondern in Wahrheit diese Leidenschaft hegt, wie er ja selbst schon durch den Zug der Natur befreundet gestimmt ist, schließt mit dem Huldigenden einen Freundschaftsbund. Und wenn er auch etwa vordem von seinen Gespielen oder irgend anderen Leuten, welche sagten, es sei eine Schande, einem Liebenden sich zu nähern, argwöhnisch gemacht worden wäre und er deshalb den Liebenden zurückgestoßen hätte, so bringt ihn doch schon im Verlauf der Zeit seine Jugend und die Macht der Notwendigkeit dazu, jenem [B] den Umgang zu gestatten. Denn nimmer ja ist es bestimmt, dass der Schlechte dem Schlechten freundlich, noch dass der Gute dem Guten nicht freundlich sei. Indem er es aber nun gestattet und Gespräch und Umgang sich gefallen lässt, so entzückt das in unmittelbarer Nähe sich äußernde Wohlwollen des Liebenden den Geliebten, indem er es bald durchfühlt, dass alle seine anderen Freunde und Angehörigen zusammengenommen verglichen mit dem gottbeseelten Freunde ihm so gut als keine Freundschaft gewähren. Wenn er aber nun dieses Verhältnis längere Zeit fortsetzt, in seiner Nähe verweilt und dabei auf den Ringplätzen und bei anderen [C] Anlässen des Umgangs in persönliche Berührung mit ihm tritt, dann leitet sich der Quell jenes Stroms, den Zeus, als er den Ganymedes liebte, Liebreiz nannte, in Fülle dem Liebhaber zu, so dass er teils in diesen eindringt, teils von ihm, wenn er selbst erfüllt ist, wieder nach außen strömt, und wie der Wind oder Schall, von glatten und festen Körpern abspringend, dahin zurückgetrieben wird, von wo er ausging, so kommt die Strömung der Schönheit, durch das Auge, wo sie den natürlichen Gang zur Seele hat, sich fortleitend, [D] wieder in den Schönen zurück mit neubefiedernder Kraft, und befeuchtend löst sie die Mündungen des Gefieders, weckt den Trieb der Befiederung und erfüllt nun auch wieder die Seele des Geliebten mit Liebe. Er liebt zwar nun, aber wen, ist ihm unklar, und weder weiß er, wie ihm geschehen, noch kann er es sagen, sondern wie einer, der von einem anderen die Augenkrankheit geerbt hat, weiß er die Ursache nicht zu sagen, auch dass er in dem Liebenden wie in einem Spiegel sich selbst erblickt, ist ihm verborgen. Und zwar, wenn dieser anwesend ist, wird er geradeso wie dieser von Schmerz


frei, wenn er aber abwesend ist, so sehnt er sich wieder geradeso, wie er ersehnt wird, [E] der Liebe Abbild, die Gegenliebe, in sich tragend, er aber sagt und glaubt nicht, dass sie Liebe, sondern dass sie Freundschaft sei. Indessen sehnt er sich fast ebenso wie dieser, nur in schwächerem Grade, ihn zu sehen, zu berühren, zu küssen, zu umarmen, und, wie es ja natürlich ist, tut er auch in der Folge bald dieses. Beim Zusammenliegen nun hat das unbändige Ross des Liebhabers mit dem Wagenlenker ein Wort zu sprechen und fordert für die vielen Mühsale ein bisschen Genuss, [256 St.3 A] das des Lieblings aber hat zwar nichts zu sagen, aber von Empfindung gesteigert, und ohne sich klar zu sein, umfasst es den Liebhaber und küsst ihn, ihn als seinen wohlwollendsten Freund begrüßend, und wenn sie sich umarmen, vermöchte er für seinen Teil sich nicht zu weigern, dem Liebenden zu willfahren, wenn er ihn darum bäte. Hiergegen aber leistet wieder der Mitgespann mit dem Wagenlenker Widerstand, von Schamgefühl und Vernunft geleitet.

Und nun, wenn die besseren vernünftigen Seelenkräfte, von welchen die Ausrichtung zu geregeltem Leben und zur Liebe der Weisheit ausgeht, obsiegen, [B] so führen sie schon hienieden ein seliges und einhelliges Leben, indem sie, sich selbst beherrschend und geordnet, wie sie sind, dasjenige untertänig halten, woran die Schlechtigkeit der Seele, das aber frei halten, woran ihre Tugend haftet. Sterben sie aber, so haben sie ja, befiedert und leicht geworden, von jenen drei Ringkämpfen, diesen wahrhaft olympischen Wettkämpfen, schon in einem den Sieg gewonnen, ein Glück so groß, dass weder eine Gabe menschlicher Besonnenheit noch göttlichen [C] Wahnsinns seinen Wert für den Menschen überbieten kann. Wenn sie aber einen ungebildeteren und unphilosophischen, dabei aber doch ehrliebenden Wandel führen, so mag es wohl einmal geschehen, dass die beiden unbändigen Gespanne im Zustande der Berauschung oder einem anderen sorglosen Augenblick die Seelen unbewacht überraschen, sie zusammenführen und das, was die Menge als das seligste Teil betrachtet, erwählen und verwirklichen, und haben sie es einmal verwirklicht, so machen sie sich dessen schon auch fernerhin teilhaftig, doch sparsam, da ihr Tun ja etwas betrifft, das nicht eben [D] der ganzen Seele Billigung hat. Als Freunde nun bringen zwar auch diese, doch weniger als jene, ihr Leben miteinander zu, sowohl solange die Liebe dauert, als wenn sie darüber hinaus sind, indem sie glauben, die höchsten Gewährschaften gegenseitig teils gegeben, teils empfangen zu haben, so dass sie es für frevelhaft achten müssten, diese wieder einzulösen und jemals in Feindschaft zu geraten. Im Sterben aber gehen sie zwar noch unbefiedert, aber von dem Triebe, sich zu befiedern, durchdrungen, aus dem Körper, so dass sie doch einen nicht geringen Preis von ihrem Liebeswahnsinn davontragen. Denn in die Finsternis und den Wandel unter der Erde zu kommen, [E] ist denen nicht mehr bestimmt, welche schon den himmlischen Wandel begonnen haben, sondern ein leichtes Leben zu führen und glücklich zu sein, miteinander wandelnd und der Liebe wegen, wenn sie es werden, zu gleicher Zeit befiedert zu werden.

Dieses, o Knabe, so Großes und so Göttliches wird dir die von einem Liebhaber gewidmete Freundschaft schenken. Die von dem Nichtverliebten ausgehende Vertraulichkeit aber, die, mit menschlicher Besonnenheit gemischt, auch nur Menschliches und Kärgliches auszuteilen hat, wird, indem sie in der geliebten Seele eine von der Menge als Tugend gepriesene unedle Sinnesart erzeugt, ihr das Los bereiten, sich noch neuntausend Jahre [257 St.3 A] auf der Erde umher unstet und unter der Erde vernunftlos umzutreiben.

Dieser Widerruf sei dir, geliebter Eros, gewidmet und als Schuld bezahlt, der schönste und beste nach unserem Vermögen, und der notgedrungen des Phaidros wegen, da und dort, zumal in der Ausdrucksweise, etwas dichterisch abgefasst wurde. Mir aber für das Frühere Verzeihung, für das Jetzige Gunst beweisend, wollest du gütig und gnädig die Liebeskunst, die du verliehen, im Zorne weder entziehen noch schwächen, verleihe mir aber [B] noch viel mehr als jetzt, von den Schönen geehrt zu sein! Haben wir aber in der früheren Rede etwas dir Missliebiges gesagt, Phaidros und ich, so rechne es dem Vater der Rede, dem Lysias zu, lasse ihn mit derartigen Reden aufhören und lenke ihn, wie sein Bruder Polemarchos sich dahin gelenkt hat, zur Philosophie, damit auch dieser, sein Liebhaber, hier nicht mehr auf beiden Schultern trage, wie jetzt, sondern sein Leben ungeteilt dem Eros und philosophischen Reden widme!

 

[C] PHAIDROS: Ich bete mit dir, o Sokrates, dass dieses, wofern es so besser für uns wäre, geschehen möge! Deine Rede aber erfüllte mich schon lange mit Bewunderung, wie viel schöner sie dir gegen die frühere geraten ist, so dass ich besorgt bin, ob Lysias mir nicht armselig vorkommen werde, wenn er allenfalls auch Lust bekäme, sich dieser durch eine andere entgegenzustellen. Denn auch kürzlich, o Bewundernswürdiger, hat von den Staatsmännern einer, der eine Schmährede gegen ihn hielt, ihm eben dieses zum Vorwurf gemacht und ihn durch die ganze Schmährede hindurch einen Redenschreiber genannt. Möglich nun, dass er aus Empfindlichkeit sich des Schreibens für uns [D] ganz enthält!

SOKRATES: Einen gar lächerlichen Glauben, o Jüngling, sprichst du da aus, und du irrst dich gewaltig in deinem Freunde, wenn du ihn für einen hältst, der den Tadel so scheut. Vielleicht aber glaubst du auch, dass sein Schmähredner mit dem, was er sprach, seine wirkliche Meinung ausgesprochen habe?

PHAIDROS: Wenigstens kam er mir so vor, o Sokrates, und du selbst weißt ja ebenso gut, dass die einflussreichsten und vornehmsten Männer in den Städten sich schämen, Reden zu schreiben und Schriftwerke von sich zu hinterlassen, aus Furcht, dass man sie in der Folgezeit Sophisten nennen möchte.

SOKRATES: Du kennst wohl das Sprichwort nicht, [E] o Phaidros: das 'süße Delta' nennt man so wie das große Delta des Nils. Und du bedenkst nicht, dass gerade diejenigen unter den Staatsmännern, die am meisten von sich halten, das Redenschreiben und das Hinterlassen von Schriftwerken vorzugsweise lieben, wie sie ja auch, wenn sie eine Rede schreiben, denen, die sie loben, dermaßen huldigen, dass sie diese gleich obenan hinzu schreiben.

PHAIDROS: Wie meinst du dies, denn ich verstehe nicht.

SOKRATES: Du verstehst nicht, [258 St.3 A] dass auf dem Schriftwerk eines Staatsmannes seine beifälligen Beurteiler im Eingang obenan geschrieben sei?

PHAIDROS: Wie?

SOKRATES: 'Es hat gefallen', sagt er ja doch wohl, 'dem Rat, oder dem Volk, oder beiden' und 'der und der hat vorgeschlagen', und dann redet, wer den Antrag stellte, nämlich der Schriftverfasser, der hiermit sich selbst gar vornehm aufführt und verherrlicht, nach diesem nun weiter, indem er denen, die ihm Beifall spenden, seine Weisheit aufzeigt und manchmal ein recht langes Schriftwerk verfasst. Oder scheint dir ein solches Werk etwas anderes zu sein als eine schriftlich abgefasste Rede?

PHAIDROS: Mir gewiss nicht!

[B] SOKRATES: Und nicht wahr, wenn nun dieser sich behauptet, so tritt der Verfasser frohlockend von der Schaubühne ab, wenn er aber leer ausgeht und es also für ihn mit dem Redeschreiben und der Würde des Schriftverfassers nichts ist, so trauern sowohl er als seine Freunde.

PHAIDROS: Und gar sehr!

SOKRATES: Sichtlich dann nicht als solche, die diese Neigung gering achten, sondern wie solche, die voll Bewunderung dafür sind?

PHAIDROS: Sehr wohl!

SOKRATES: Wie aber? Wenn ein Redner oder ein Herrscher, dem die Macht eines Lykurgos oder Solon oder [C] Dareios zu Gebot steht, zugleich der Mann ist, ein unsterblicher Redenschreiber in einem Staat zu werden, achtet er sich da nicht selbst noch bei Lebzeiten einem Gott gleich, und die nach ihm Kommenden, haben sie nicht dieselbe Meinung von ihm, wenn sie auf seine Schriftwerke schauen?

PHAIDROS: Gar sehr.

SOKRATES: Glaubst du nun, dass von diesen einer, wer er auch sei und wie ungünstig er auch immer gegen den Lysias sein mag, ihm gerade das zum Vorwurf mache, dass er Schriftwerke verfasse?


PHAIDROS: Das ist nicht eben wahrscheinlich nach dem, was du sagst! Denn er würde ja, wie es scheint, aus seiner eigenen Leidenschaft einen Gegenstand des Vorwurfs machen.

SOKRATES: Dieses also ist einmal jedem klar, dass es wenigstens [D] keine Schande ist, Reden zu schreiben.

PHAIDROS: Wie sollte es auch?

SOKRATES: Aber jenes, glaube ich, wird immerhin eine Schande sein, nicht schön zu sprechen oder auch zu schreiben, sondern schändlich und schlecht?

PHAIDROS: Offenbar, ja!

SOKRATES: Welches ist nun die Art und Weise, schön zu schreiben oder nicht? Sollen wir etwa, o Phaidros, den Lysias daraufhin prüfen, und den einen und anderen, der irgendeinmal etwas geschrieben hat oder schreiben wird, sei es nun eine Staats- oder eine Privatschrift, [E] in gebundener Rede als Dichter oder in ungebundener als Prosaiker?

PHAIDROS: Du fragst, ob wir sollen? Weshalb lebte man denn eigentlich, wenn nicht eben gerade für die Vergnügungen dieser Art? Denn sicher nicht für jene, bei denen man sich vorher recht bekümmern muss, wenn man nicht auf das Vergnügen verzichten will, was ja so ziemlich bei allen sinnlichen Vergnügungen der Fall ist, daher sie auch mit Recht sklavische genannt werden.

SOKRATES: Muße haben wir ja, wie es scheint. Zugleich kommt es mir vor, als ob auch die Zikaden über unseren Häuptern, bei der drückenden Hitze singend [259 St.3 A] und sich mit einander unterredend, heruntersähen. Wenn sie nun auch uns beide wie die meisten anderen sehen würden, wie wir, statt uns zu unterreden, uns von ihnen aus geistiger Trägheit einschläfern und einwiegen lassen, so würden sie wohl mit Recht lachen, in der Meinung, ein Paar Sklaven sei zu ihnen in die Herberge gekommen, um, wie Schafe an der Quelle, Mittag zu halten und zu schlafen. Wenn sie aber sehen, wie wir uns unterreden und uneingesungen an ihnen, wie an den Sirenen, vorüberschiffen, dann dürften sie vielleicht, entzückt darüber, [B] uns geben, was sie zur Gabe für die Menschen von den Göttern als ein Geschenk erhalten haben.

PHAIDROS: Was haben sie denn aber für eines erhalten? Denn zufällig bin ich, wie es scheint, dessen unkundig.

SOKRATES: Nicht wohl steht es fürwahr einem musenfreundlichen Manne an, solcher Dinge unkundig zu sein. Es geht aber die Sage, dass diese da einst Menschen und zwar von denen gewesen seien, welche lebten, ehe noch die Musen geboren waren. Als aber die Musen geboren wurden und der Gesang zum Vorschein kam, [C] da wurden also etliche von den damals Lebenden dergestalt entzückt, dass sie singend Essen und Trinken vergaßen und auch das Herannahen des Sterbens nicht inne wurden. Aus diesen entsteht hierauf das Geschlecht der Zikaden, welches von den Musen das als Geschenk empfing, von Geburt an keinerlei Nahrung zu bedürfen, sondern ohne zu essen und ohne zu trinken sogleich zu singen, bis es stirbt, und hernach zu den Musen kommend ihnen zu melden, wer von denen hienieden jede von ihnen verehre. Der Terpsichore also melden sie die, welche sie mit den Chören verehrt haben und machen sie ihr befreundeter, der Erato die mit [D] den Liebesliedern, und so den übrigen je nach der besonderen Art der Verehrung. Der ältesten aber, der Kalliope, und der ihr nächstfolgenden Schwester, der Urania, melden sie die, welche ihr Leben mit Philosophie hinbringen und die diesen eignende Musik ehren, wie ja sie unter den Musen die sind, die über den Himmel und über Gott und Menschheit Reden obwaltend, die schönste Stimme von sich geben. Aus vielen Gründen also muss man am Mittag etwas besprechen [E] und nicht schlafen.

PHAIDROS: Gesprochen also muss werden!

SOKRATES: Nicht wahr, was wir uns eben vorgesetzt haben, zu untersuchen, wie man es zu halten habe, um eine Rede schön sowohl zu sprechen als zu schreiben und wie nicht, das soll untersucht werden?

PHAIDROS: Offenbar!


SOKRATES: Muss nun nicht für Reden, welche gut und schön vorgetragen werden wollen, als Bedingung gelten, dass der Geist des Sprechenden das Wahre von dem wisse, worüber er sprechen will?

PHAIDROS: Hiervon habe ich so viel gehört, mein lieber Sokrates, dass es für den, [260 St.3 A] der ein Redner werden wolle, nicht nötig sei, das wahrhaft Gerechte zu erkennen, sondern das, was der Menge, die zu richten habe, so erscheinen werde, denn aus diesem, nicht aber aus der Wahrheit, ergebe sich das Überreden.

SOKRATES: Nimmer fürwahr ein verwerfliches Wort soll das sein, o Phaidros, was da weise Männer sagen, sondern ansehen muss man es, ob damit nicht wirklich etwas gesagt sei, und auch das jetzt Gesagte darf also ja nicht beiseitegelassen werden!

PHAIDROS: Richtig gesagt!

SOKRATES: [B] Folgendermaßen denn wollen wir es ansehen! PHAIDROS: Wie?

SOKRATES: Wenn ich dich bereden würde, ein Pferd zu erwerben, um gegen Feinde dich zu wehren, wir beide aber kein Pferd kennen würden, ich jedoch zufällig so viel von dir wüsste, dass Phaidros unter den zahmen Tieren dasjenige, welches die längsten Ohren hat, für ein Pferd hält?

PHAIDROS: So wäre das, o Sokrates, ja gar lächerlich!

SOKRATES: Noch nicht so gar, aber wenn ich dich nun im Ernst dazu bereden würde, indem ich eine Lobrede auf den Esel abfasste, [C] worin ich ihn Pferd nennen und davon sprechen würde, wie dieses Vieh alles wert sei zu Haus und im Feld, brauchbar von ihm herab zu fechten, und noch zum Tragen tüchtig für das Gepäck und zu vielem anderen nützlich?

PHAIDROS: So wäre das denn doch schon über alle Maßen lächerlich!

SOKRATES: Ist es nun nicht besser, ein lächerlicher, als ein arger und feindseliger Freund zu sein? PHAIDROS: Sichtbar!

SOKRATES: Wenn nun der Redefertige, der Gutes und Schlechtes nicht kennt und eine geradeso beschaffene Gemeinde vor sich hat, diese beredet, nicht so, dass er über den Schatten des Esels eine Lobrede hält, als wäre es der eines Pferdes, sondern [D] über etwas Schlechtes, als wäre es Gutes, wenn er so die Menge, weil er ihre Ansichten wohl erwogen hat, zu bereden weiß. Schlechtes zu tun statt Gutes, was für eine Frucht, glaubst du, werde die Redekunst von der, welche sie da gesät hat, in der Folge ernten?

PHAIDROS: Freilich keine gar anständige!

SOKRATES: Vielleicht haben wir aber, mein Guter, die Kunst der Reden derber geschmäht, als sich gebührt? Diese möchte vielleicht sagen: "Was faselt ihr doch da, ihr Wunderlichen? Denn ich nötige ja niemanden, der das Wahre nicht kennt, reden zu lernen, sondern wenn ich Rat geben darf, so erwirbt er zuvor jenes, [E] um dann erst mich aufzunehmen. Das aber spreche ich bestimmt aus, dass der, der auch das wahre Seiende weiß, ohne mich darum noch um nichts mehr imstande sein wird, kunstmäßig zu überreden."

PHAIDROS: Wird sie nun, indem sie dieses sagt, nicht ganz Richtiges behaupten?

SOKRATES: Ich bejahe es, wenn die gegen sie auftretenden Reden gelten lassen, dass sie eine Kunst sei! Denn es ist mir, als hörte ich einige Reden herbeikommen und Zeugnis ablegen, dass sie lüge und keine Kunst sei, sondern ein kunstloses Handwerk. Eine echte Kunst zu reden aber, sagt der Lakonier, ohne die Wahrheit ergriffen zu haben, gibt es weder jetzt noch wird es je später geben.

[261 St.3 A] PHAIDROS: Diese Reden müssen herbei, o Sokrates! Bringe sie nur her und forsche sie aus, was und wie sie reden?

SOKRATES: Herbei denn, ihr edlen Wesen, überzeuget den Phaidros, den mit den schönen Sprösslingen, dass, wenn er nicht tüchtig philosophiere, er auch niemals tüchtig sein werde, über irgendetwas zu reden! Der Phaidros also soll antworten!

PHAIDROS: Fraget nur!

 

SOKRATES: Nun also, sollte nicht die Redekunst im allgemeinen eine gewisse Seelenleitung sein durch Reden, nicht nur bei den Gerichten und was es sonst noch für öffentliche Versammlungen gibt, sondern auch in Privatkreisen, die immer sich gleich bleibt, sowohl wenn es um kleine als wenn es um große Angelegenheiten sich handelt? Und ihre richtige Ausübung, [B] hat sie nicht immer denselben Wert, sie zeige sich an ernsten Gegenständen oder an unbedeutenden? Oder wie hast du dieses gehört?

PHAIDROS: Nein, beim Zeus, ganz und gar nicht so! Sondern vorzugsweise wird in Rechtssachen nach der Kunst gesprochen und geschrieben, so gesprochen auch in Volksreden. Weiteres aber habe ich nicht gehört.

SOKRATES: Aber hast du denn nur von den Redekunstlehren des Nestor und Odysseus Kunde erlangt, die sie bei müßiger Weile vor Ilion geschrieben haben, [C] der des Palamedes aber bist du unkundig geblieben?

PHAIDROS: Ja, beim Zeus, ich für meinen Teil auch der des Nestor, wenn du nicht etwa aus einem Gorgias einen Nestor machst oder aus einem Thrasymachos und Theodoros einen Odysseus!

SOKRATES: Vielleicht! Doch lassen wir diese! Du aber sage: Was tun denn bei den Gerichten die gegnerischen Parteien? Nicht wahr, sie sprechen gegen einander? Oder was wollen wir sagen?

PHAIDROS: Eben das!

SOKRATES: Und zwar vom Recht sowohl als vom Unrecht?

PHAIDROS: Ja!

SOKRATES: Wird nun nicht der, der dies kunstmäßig tut, bewirken, [D] dass dieselbe Sache denselben Leuten bald als Recht, wenn er aber will, als Unrecht erscheint?

PHAIDROS: Wie anders?

SOKRATES: Und bei einer Volksrede, dass der Volksgemeinde dasselbe bald gut, bald wieder das Gegenteil zu sein dünkt?

PHAIDROS: So ist's!

SOKRATES: Wissen wir nun nicht vom Eleatischen Palamedes, dass er durch seine Kunst so redet, so dass den Hörenden dasselbe als gleich und ungleich, als eins und vieles, als bleibend ferner und als bewegt erscheint?

PHAIDROS: Gar wohl!

SOKRATES: Nicht also nur für die Gerichte und für die Volksrede ist die Kunst des Gegenredens, sondern, wie es scheint, für alles, was gesprochen wird, dürfte [E] die eine und dieselbe Kunst, wenn sie überhaupt eine ist, die sein, durch welche einer in den Stand gesetzt wird, alles Mögliche allem Möglichen zu verähnlichen und, wenn ein anderer es verähnlicht und versteckt, es ans Licht zu ziehen.

PHAIDROS: Wie meinst du doch dieses?

SOKRATES: Klar, dünkt mich, könnte es uns so werden. Entsteht Täuschung eher bei dem, was viel, oder bei dem, was wenig verschieden ist?

[262 St.3 A] PHAIDROS: Bei dem, was wenig verschieden ist!

SOKRATES: Nun aber wirst du, wenn du kleine Übergänge machst, wohl eher unvermerkt zum

Gegenteil kommen, als wenn du große Übergänge machst? PHAIDROS: Wie sollte ich nicht?

SOKRATES: Wer also einen anderen täuschen, selbst aber nicht getäuscht werden will, der muss die Ähnlichkeit und Unähnlichkeit der Gegenstände nach ihrer wirklichen Beschaffenheit gründlich zu beurteilen wissen.

PHAIDROS: Notwendig [B] wohl!

SOKRATES: Und nun, wird er wohl imstande sein, wenn er nicht jedesmal die wahre Beschaffenheit des Gegenstandes kennt, an den andern Gegenständen zu unterscheiden, wo sie mit dem Nichtgekannten eine kleine, wo eine große Ähnlichkeit haben?


PHAIDROS: Unmöglich!

SOKRATES: Ist es also nicht klar, dass diejenigen, welche Meinungen hegen, die den Gegenständen nach ihrer wirklichen Beschaffenheit zuwider laufen, und sich täuschen lassen, in diesen Zustand durch gewisse Ähnlichkeiten hineingeraten sind?

PHAIDROS: Freilich wohl geht es so!

SOKRATES: Ist es nun denkbar, dass einer die Kunstfertigkeit besitze, durch kleine Übergänge, die er macht, an den Ähnlichkeiten hin von dem Gegenstand nach seiner wirklichen Beschaffenheit jedesmal zum Gegenteil hinüber zu leiten oder aber selbst gegen dieses Verfahren sich zu sichern, wenn er nicht erkannt hat, was jedesmal der Gegenstand nach seiner wirklichen Beschaffenheit ist?

[C] PHAIDROS: Mitnichten!

SOKRATES: Wer also, mein Freund, die Wahrheit nicht weiß, sondern nur Meinungen nachjagt, der wird, wie mir dünkt, eine gar lächerliche und kunstlose Redekunstlehre zustande bringen.

PHAIDROS: Fast scheint es so!

SOKRATES: Willst du nun an der Rede des Lysias, die du bei dir trägst, und an denen, die wir gehalten haben, etwas sehen von dem, was wir teils als kunstlos, teils als kunstmäßig bezeichnen?

PHAIDROS: Nichts lieber als das, denn wir reden jetzt nur eben so dahin, wenn wir keine passenden Beispiele haben.

[D] SOKRATES: Und da ist es ja nun ein rechtes Glück, wie es scheint, dass da jene zwei Reden gehalten worden sind, die Beispiele davon enthalten, wie einer, der die Wahrheit weiß, mit seinen Reden die Hörenden spielend irre leiten könne. Und ich wenigstens, o Phaidros, schreibe hiervon die Ursache den hier zu Ort heimischen Göttern zu, vielleicht aber auch, dass die Dienerinnen der Musen, die Sänger über unseren Häuptern, es sind, durch deren Hauch uns dieses Geschenk zukam. Denn ich wenigstens bin der Kunst des Redens in keinerlei Weise teilhaftig.

[E] PHAIDROS: Es mag sein, wie du sprichst! Nur mache es deutlich, was du sagen willst!

SOKRATES: Wohlan denn, so lies mir den Anfang der Rede des Lysias!

PHAIDROS: "Meine Verhältnisse zwar kennst du nun, und wie ich glaube, dass es uns vorteilhaft sei, wenn das Bewusste geschieht, hast du gehört. Indessen sollte ich, wie ich billig erachte, mit dem, was ich bitte, darum doch nicht unglücklich sein, weil ich gerade nicht dein Liebhaber bin. Die Liebhaber nämlich reut alsbald."

SOKRATES: Es ist genug! Worin es also nun dieser verfehle und es kunstlos mache, das soll besprochen werden? [263 St.3 A] Nicht wahr?

PHAIDROS: Ja.

SOKRATES: Ist nun nicht jedermann so viel wenigstens klar, dass wir über etliches dieser Art einig sind, über etliches aber zwiespältig?

PHAIDROS: Wie mir dünkt, verstehe ich zwar, was du sprichst, allein sage es noch deutlicher!

SOKRATES: Wenn jemand die Wörter "Eisen" und "Silber" ausspricht, denken wir uns dabei nicht alle dasselbe?

PHAIDROS: Jawohl.

SOKRATES: Wie aber, wenn er sagt "gerecht" oder "gut"? Wird da nicht der eine dahin, der andere dorthin geraten? Und sind wir da nicht im Widerstreit sowohl unter einander, als auch mit uns selbst?

PHAIDROS: Gar sehr!

[B] SOKRATES: In einigem also stimmen wir zusammen, in anderem nicht. PHAIDROS: So ist's!

SOKRATES: Nach welcher von beiden Seiten hin sind wir nun leichter zu täuschen, und in welchem von beiden Gebieten vermag die Redekunst mehr?


PHAIDROS: Offenbar in dem, worin wir schwanken!

SOKRATES: Muss nun nicht der, der mit Redekunst sich befassen will, vorerst dieses ordnungsmäßig trennen und ein ausgeprägtes Merkmal für jede der beiden Gattungen zu gewinnen suchen, sowohl für diejenige, worin die Menge notwendig schwankt, als für diejenige, worin sie nicht schwankt?

PHAIDROS: Einen schönen Unterschied, fürwahr, o Sokrates, hätte derjenige begriffen, [C] der dieses gewänne!

SOKRATES: Sodann darf er, glaube ich, in jedem einzelnen Fall nicht unbeachtet lassen, sondern muss er scharf ins Auge fassen, welcher der beiden Gattungen nun gerade das, worüber er reden wolle, zugehöre?

PHAIDROS: Wie anders?

SOKRATES: Wie nun die Liebe? Wollen wir sagen, sie gehöre zu den strittigen Gegenständen oder zu den anderen?

PHAIDROS: Sicherlich zu den strittigen!

SOKRATES: Oder glaubst du, sie hätte dir sonst zu sagen erlaubt, was du da eben über sie sagtest, einmal, dass sie ein Verderben sei sowohl für den Geliebten als für den Verliebten, und dann wieder, dass sie gerade eines der größten [D] unter den Gütern sei?

PHAIDROS: Sehr gut gesprochen!

SOKRATES: Aber sage auch das, denn wegen des begeisterten Zustandes, in dem ich war, kann ich mich nicht genau erinnern, ob ich beim Beginn der Rede die Liebe erklärt habe?

PHAIDROS: Ja, beim Zeus, und unbeschreiblich genau!

SOKRATES: Ha! Wieviel bessere Künstlerinnen müssen nach dem, was du sagst, die Nymphen, die Töchter des Acheloos, und Pan, der Sohn des Hermes, in Reden sein als Lysias, der Sohn des Kephalos! Oder ist es nichts, was ich sage, sondern hat auch Lysias beim Beginn seiner Liebesrede uns genötigt, die Liebe als ein bestimmtes, als das, das er selbst wollte, [E] aufzufassen, um dann diesem gemäß die ganze folgende Rede abzufassen und durchzuführen? Willst du, dass wir ihren Anfang noch einmal lesen?

PHAIDROS: Wenn es dir beliebt, indessen, was du suchst, steht nicht darin!

SOKRATES: So lies, damit ich ihn selbst höre!

PHAIDROS: "Meine Verhältnisse zwar kennst du nun, und wie ich glaube, dass es uns vorteilhaft sei, wenn das Bewusste geschieht, hast du gehört. Indessen sollte ich, [264 St.3 A] wie ich billig erachte, mit dem, was ich bitte, darum doch nicht unglücklich sein, weil ich gerade nicht dein Liebhaber bin. Die Liebhaber nämlich reut alsbald, was sie Gutes erzeigt, sobald sie ihre Begierde befriedigt haben."

SOKRATES: Freilich, wie es scheint, fehlt viel dazu, dass er das wirklich leiste, was wir suchen, er, der nicht einmal vom Anfang, sondern vom Ende aus, rücklings schwimmend, seine Rede von hinten herein durchzuführen versucht und mit dem anfängt, was der Liebhaber sonst, erst am Schluss angekommen, zu dem Liebling zu sagen pflegt. Oder ist nichts an dem, was ich sage, Phaidros, edelster Freund?

PHAIDROS: Es ist freilich, o Sokrates, wohl eigentlich das Ende, worüber er seine Rede hält!

SOKRATES: [B] Und dann wie? Die übrigen Sätze der Rede scheinen sie nicht stoßweise hingeworfen zu sein? Oder ist irgendein zwingender Grund ersichtlich, warum das als Zweites Vorgetragene gerade als Zweites gesetzt werden musste, und so auch das übrige des Vortrags? Denn mir, der freilich nichts davon versteht, kam es vor, als ob von dem Schreiber, in etwas vornehmer Weise eben, was ihm gerade in den Mund kam, vorgetragen worden sei. Du aber hast wohl einen solchen zwingenden, aus der Redeschreibekunst genommenen Grund, warum jener dieses so in der Reihe nacheinander gesetzt hat?


PHAIDROS: Es ist gar gutherzig [C] von dir zu glauben, ich sei der Mann, die Arbeiten von jenem so gründlich zu durchschauen!

SOKRATES: Aber das wirst du, glaube ich, doch wohl zugeben, dass jede Rede wie ein lebendes Wesen organisch zusammengefügt sein, und dass sie gewissermaßen ihren Körper haben müsse, so dass sie weder kopflos ist noch ohne Füße, sondern Mitten und Enden hat, so verfasst, dass die Teile unter sich und mit dem Ganzen in rechtem Verhältnis stehen?

PHAIDROS: Wie sollte ich nicht?

SOKRATES: So untersuche nun die Rede deines Freundes, ob es sich mit ihr so oder anders verhalte, und du wirst finden, dass sie in nichts sich unterscheidet von jener Inschrift, die, wie einige sagen, auf den Phryger Midas geschrieben worden ist.

[D] PHAIDROS: Was für eine ist das, und was hat es mit ihr für eine Bewandtnis? SOKRATES: Es ist diese:

Jungfrau bin ich von Erz und lieg' auf dem Grabe des Midas, Während das Wasser rinnt und die hohen Bäume ergrünen, Immer bleibend hier am vielumtrauertem Denkmal,

Dass auch der Wanderer wisse, wo Midas liege begraben!

Dass es nun hier ganz einerlei ist, was man etwas zuerst oder zuletzt liest, [E] siehst du, denke ich, doch wohl ein?

PHAIDROS: Du treibst deinen Spott mit unserer Rede, o Sokrates!

SOKRATES: So wollen wir sie, damit du nicht unwillig wirst, beiseitelassen, obgleich sie mir recht viele Beispiele zu enthalten scheint, deren Betrachtung einem ersprießlich sein könnte, nur dass er ja nicht versuchen darf, sie nachzuahmen, und wir wollen nun an die anderen Reden gehen! Denn es war, wie mir vorkommt, etwas in diesen, das zu beachten denen wohl ansteht, [265 St.3 A] die über Reden eine Untersuchung anstellen wollen!

PHAIDROS: Was meinst du da wohl?

SOKRATES: Beide waren sich doch wohl entgegengesetzt, denn sie sprachen, die eine davon, dass man dem Verliebten, die andere davon, dass man dem, der es nicht ist, sich gefällig zeigen müsse?

PHAIDROS: Ja, und auf gar tapfere Weise!

SOKRATES: Ich glaubte, du würdest der Wahrheit gemäß sagen, auf gar wahnsinnige Weise! Wenigstens das, was ich suche, ist eben dieses! Denn wir behaupteten, dass die Liebe eine Art von Wahnsinn sei! Nicht wahr?

PHAIDROS: Ja!

SOKRATES: Es gibt aber zwei Arten von Wahnsinn, den einen infolge von menschlichen Krankheiten, den anderen infolge einer göttlich bewirkten Veränderung der [B] gewöhnlichen ordentlichen Zustände.

PHAIDROS: Sehr wohl!

SOKRATES: Den göttlich bewirkten Wahnsinn aber haben wir dann nach vier Göttern in vier Teile geteilt, indem wir die wahrsagerische Eingebung dem Apollon zueigneten, dem Dionysos aber die Weihen betreffende, ferner den Musen die dichterische, die vierte aber der Aphrodite und dem Eros, sodann haben wir gesagt, der Wahnsinn der Liebe sei der beste, und, den Zustand der Liebe, ich weiß nicht womit vergleichend, vielleicht dabei etwas Wahres berührend, [C] möglicherweise aber auch nach anderer Richtung hin falsch geführt, haben wir eine nicht völlig unglaubhafte Rede zusammengebraut und einen mythischen Hymnos, mit Anstand und frommer Weise spielend, angestimmt deinem und meinem Gebieter, dem Eros, o Phaidros, dem Beschützer schöner Knaben!

PHAIDROS: Und mir wenigstens gar nicht unangenehm zu hören!

SOKRATES: Das nun wollen wir daraus entnehmen, wie die Rede den Übergang fand vom Tadeln zum Loben.


PHAIDROS: Wie zeigst du also dieses?

SOKRATES: Das übrige zwar scheint mir in der Tat nur zu freundlichem Spiele vorgebracht zu sein, was aber die zwei, [D] den gehaltenen Vorträgen glücklicherweise eigenen Redearten betrifft, so wäre es nichts Undankbares, wenn jemand ihr Wesen der Kunst gemäß zu erfassen vermöchte.

PHAIDROS: Was für Arten denn?

SOKRATES: Einmal indem er das vielseitig Zerstreute in einen Begriff zusammenfassend, um, jedes genau bestimmend, klarzumachen, worüber er jedesmal belehren wolle, [E] so wie ja eben von der Liebe, nachdem zuvor ihr Wesen erklärt war, gesprochen worden ist, gleichviel ob gut oder schlecht, sicherlich hat wenigstens die Rede daher den Ausdruck der Deutlichkeit und der Übereinstimmung mit sich selbst.

PHAIDROS: Was aber verstehst du unter der zweiten Redeart, o Sokrates?

SOKRATES: Wenn man umgekehrt den Gegenstand nach Begriffen zerlegen kann, nach Gliedern, wie sie naturgemäß zu bestimmen sind, ohne dass man versucht, nach der Art eines schlechten Kochs verfahrend, irgend ein Stück zu zerbrechen, sondern so verfährt, wie vorhin die zwei Reden, indem sie zunächst den nichtbesonnenen Zustand der Seele ungeschieden als einen Begriff auffaßten. [266 St.3 A] Dann aber, wie an dem einen Körper ein gleichnamiges Doppeltes sich naturgemäß bestimmt, nämlich eine, so genannte, linke und rechte Seite, ebenso von der Betrachtung des Zustandes der Vernunftlosigkeit in uns als von einem Begriff ausgehend, haben die zwei Reden, die eine die linke Seite für sich ausscheidend, diese Seite selbst wieder zerlegt und nicht geruht, bis sie darin, so zu sagen, die linksseitige Liebe auffand, die sie mit Recht sehr schmähte, während die andere [B] uns auf die rechte Seite des Wahnsinns führte und eine zwar jener gleichnamigen, dagegen aber göttliche Liebe auffand und vor Augen stellte, die sie als die Quelle der größten Güter für uns rühmte.

PHAIDROS: Sehr wahr gesprochen!

SOKRATES: Hiervon nun bin ich selbst meinesteils ein Liebhaber, o Phaidros, von diesen Teilungen und Zusammenfassungen nämlich, um sowohl reden als auch denken zu können, und wenn ich von irgend einem anderen der Ansieht bin, dass ich damit das [C] zur Einheit und zur Vielheit sich Bestimmende einzusehen vermöge, dem gehe ich nach,

Auf dem Fuß ihm folgend als einem der Götter.

Ob ich jedoch diejenigen, die es zu leisten vermögen, richtig bezeichne oder nicht, das weiß ein Gott, ich nenne sie aber bis jetzt Dialektiker. Aber nun sage auch, wie man diejenigen, die bei dir und Lysias gelernt haben, nennen soll? Oder ist das eben die Redekunst, durch deren Anwendung Thrasymachos und die anderen, teils selbst Weise im Reden geworden sind, teils andere dazu machen, welche bereit sind, ihnen, Königen gleich, ihren Tribut zu entrichten?

[D] PHAIDROS: Königen ähnliche Männer zwar, doch freilich verstehen sie das nicht, wonach du fragst! Indessen scheinst du, wenigstens mir, jene richtig zu benennen, wenn du sie Dialektiker nennst, aber die Rhetoriker, scheint mir, sind uns bis jetzt entgangen.

SOKRATES: Wie sagst du? Etwas Schönes mag das wohl sein, was nach Abzug von jenem doch noch als Kunst aufgefaßt werden will? Indessen muß man es nicht ganz verschmähen, weder du noch ich, sondern besprechen, was doch auch noch an der Rhetorik übrig bleibt!

PHAIDROS: Gewiß noch gar mancherlei, o Sokrates, das ja in den über die Redekunst geschriebenen Büchern steht!

SOKRATES: [E] Und recht schön von dir, dass du mich daran erinnerst! Dass man, glaube ich, beim Beginn einer Rede als Erstes den Eingang sprechen müsse, dies meinst du, nicht wahr? Diese Feinheiten der Kunst?

PHAIDROS: Ja!

SOKRATES: Als Zweites die Darstellung des Falls, und in derselben die Zeugnisse, als Drittes die Begründungen, als Viertes die Anzeichen, die es wahr erscheinen lassen, auch von der


Beglaubigung, meine ich, und der Nebenbeglaubigung spricht der vortreffliche byzantinische Daidalos im Reden?

PHAIDROS: Du meinst den biederen Theodoros?

SOKRATES: Wen anders? Freilich [267 St.3 A] auch die Widerlegung und die Nachwiderlegung müsse man anbringen sowohl bei der Anklage als bei der Verteidigung! Den schönsten Euenos aus Paros aber, sollten wir nicht aufführen, der die versteckte Andeutung sowohl als das vielfältige Nebenlob zuerst erfunden hat? Einige sagen, er habe auch den mehrfältigen Nebentadel in Verse gebracht, [B] dem Gedächtnis zuliebe, denn ein weiser Mann ist er! Den Teisias aber und den Gorgias sollten wir schlafen lassen? Welche ersahen, dass man das Scheinbare höher ehren müsse als das Wahre, und welche das Kleine groß und das Große klein erscheinen lassen durch die Stärke der Rede, und das Neue alt, und das Gegenteil neu, und die sowohl die Gedrängtheit der Rede als die unbegrenzte Länge für jeden Gegenstand erfanden? Als aber dieses Prodikos von mir hörte, lachte er und sagte, er allein habe gefunden, [C] was für Reden man kunstmäßig brauche, man brauche nämlich weder lange noch kurze, sondern angemessene.

PHAIDROS: Freilich sehr weise, o Prodikos!

SOKRATES: Von Hippias aber sprechen wir nicht? Denn ich glaube, auch dieser Gast aus Elis stimmte ihm bei.

PHAIDROS: Warum nicht?

SOKRATES: Wie aber wollen wir ferner des Polos rhetorische Sammlung bezeichnen, als den Doppelausdruck, und die Sinnspruchrednerei, und die Bildersprache, [D] sowie des Likymnios Wörter, die dieser jenem schenkte zur Bewirkung des Schönredens?

PHAIDROS: Die Leistungen des Protagoras aber, o Sokrates, waren sie nicht ebenfalls etwas der Art?

SOKRATES: Ja, ein gewisses Richtigreden, o Knabe, und anderes Viele und Schöne! Dagegen in der Kunst kläglich seufzender, auf Alter und Armut bezüglicher Reden scheint mir der Chalkedonier den kraftvollen Sieg behauptet zu haben. Und ferner im Erzürnen vieler zugleich war der Mann gewaltig, und wiederum im Beschwichtigen der Erzürnten, wie er sagte, sowie im Verleumden und Entkräften von Verleumdungen, woher immer kommend, war er Meister. [E*] Über den Schluss der Reden aber, scheint es, haben alle zusammen einerlei Meinung, wobei die einen den Namen Rückblick gebrauchen, andere einen anderen.

PHAIDROS: Du meinst das Erinnern der Zuhörer an alles einzelne Gesagte am Ende durch einen zusammenfassenden Überblick?

SOKRATES: Dieses meine ich, und was du sonst noch etwa über die Redekunst zu sagen hast! PHAIDROS: Nur Geringfügiges und nicht der Rede wert!

SOKRATES: So lassen wir denn das Geringfügige! Das aber [268 St.3 A] wollen wir noch näher beim Lichte besehen: welche Bedeutung für die Kunst dieses alles habe, und in welchem Fall?

PHAIDROS: Ja, eine gar mächtige, o Sokrates, gewiss wenigstens in Volksversammlungen!

SOKRATES: Da freilich! Aber nun, du Dämonischer, siehe zu, ob wohl auch dir ihr Gewebe als ein ebenso fadenscheinig vorkommt wie mir?

PHAIDROS: Zeige es nur!

SOKRATES: So sage mir einmal: Wenn jemand zu deinem Freund Eryximachos käme oder zu dessen Vater Akumenos und sagte: "Ich weiß dieses und jenes Mittel für den Körper zu verordnen, so dass ich ihm Hitze, wenn es mir beliebt, und Abkühlung, [B] oder wenn es mir so gut dünkt, Erbrechen, wenn anders. Abführen verursache, und gar manches andere der Art, und weil ich dieses weiß, behaupte ich, ein Arzt zu sein und jeden andern dazu zu machen, dem ich etwa die Wissenschaft davon mitteile", was, glaubst du, werden jene sagen, wenn sie dies hören?

PHAIDROS: Was anders denn, als dass sie ihn fragten, ob er auch das noch dazu wisse, bei wem und wann man jedes dieser Mittel anwenden müsse, und bis zu welchem Grade?

 

SOKRATES: Wenn er nun sagen würde: "Das keineswegs, aber ich behaupte, dass derjenige, der jenes bei mir gelernt hat, auch [C] von sich selbst imstande sein wird, das, wonach du fragst, zu leisten?"

PHAIDROS: So würde er, glaube ich, sagen: "Der Mensch ist wahnsinnig, weil er irgendwoher aus einem Buch es erfahren oder einige Mittelchen in die Hand bekommen hat, glaubt er, ein Arzt zu sein, ohne doch etwas von der Kunst zu verstehen!"

SOKRATES: Ferner wie, wenn jemand zu Sophokles und Euripides käme und spräche, er wisse über eine kleine Sache sehr lange Vorträge zu halten und über eine große sehr kleine, und wenn es ihm beliebe, klägliche [D] und im Gegenteil wieder furchtbare und drohende und was sonst derart ist, und indem er hierin Unterricht erteile, glaube er die Abfassung der Tragödie zu lehren?

PHAIDROS: Auch diese, o Sokrates, glaube ich, würden eben lachen, wenn jemand glaubte, die Tragödie sei etwas anderes als eine Zusammenfügung jener Stücke, welche sowohl den Teilen unter sich das rechte Verhältnis verleihen, als auch so, dass es dem Ganzen angemessen ist.

SOKRATES: Aber nicht auf derbe Weise, glaube ich, würden sie ihn schmähen, sondern wie ein Musiker, wenn er einem Manne begegnete, der glaubte, ein Harmoniekünstler zu sein, [E] weil er etwa eine Saite möglichst hoch und möglichst tief zu stimmen weiß, gewiss nicht auf herbe Weise sagen würde: "Du ärmlicher Mensch, du bist verrückt", sondern, da er ja ein Musiker ist, in sanfterem Tone: "Mein Bester, zwar muß der, welcher ein Harmoniekünstler werden will, notwendig auch dieses wissen, dies hindert aber nicht, dass der, welcher deine Fertigkeit besitzt, darum noch nicht das mindeste von der Harmonie versteht, denn nur die notwendigen Vorkenntnisse der Harmonie weißt du, aber nicht die harmonische Kunst."

PHAIDROS: Gewiß sehr richtig!

[269 St.3 A] SOKRATES: Und würde nicht auch Sophokles von dem, der sich ihnen so zeigen wollte, sagen, er wisse die Vorkenntnisse der Tragödie, aber nicht die tragische Kunst, und Akumenos, er wisse die Vorkenntnisse der Heilkunde, aber nicht die Heilkunst?

PHAIDROS: Allerdings freilich!

SOKRATES: Was aber, glauben wir, würde Adrastos mit der honigsüßen Stimme oder auch Perikles, wenn sie von den wunderschönen Kunststücken hörten, [B] die wir jetzt eben durchgingen, von den verschiedenen Arten des Kurzredens und der Bildersprache, und was wir sonst durchmusterten und, wie wir sagten, näher beim Lichte betrachten müssten, würden sie wohl ungehalten wie ich und du mit Derbheit eine so unartiges Wort sagen gegen die, welche diese Dinge geschrieben haben und als rhetorische Kunst lehren, und nicht vielmehr, da sie ja weiser als wir sind, uns beide dafür strafen und sagen: "O Phaidros und Sokrates, man muß nicht ungehalten sein, [C] sondern nachsichtig, wenn Leute, die dialektisch nicht gebildet, nicht imstande sind zu erklären, was die Rhetorik eigentlich ist, bei ihrem Bildungsstand aber, weil sie die notwendigen Vorkenntnisse der Kunst besitzen, glauben, sie hätten die Rhetorik gefunden, und indem sie andere in jenen unterrichten, der Meinung sind, es sei von ihnen in der Rhetorik ein vollständiger Unterricht gegeben worden, jede einzelne dieser Kenntnisse aber überzeugend in einer Rede anzuwenden und zu einem Ganzes zusammenzufügen, das müssen die Schüler als etwas ohne Belang sich von sich selbst bei ihren Reden verschaffen."

[D] PHAIDROS: Allerdings, o Sokrates, droht es mit der Angelegenheit der Kunst, die diese Männer als Rhetorik lehren und schriftlich darstellen, so beschaffen zu sein, und mir wenigstens scheinst du wahr geredet zu haben. Aber wie und woher nun wird sich jemand die Kunst des wahren und überzeugenden Redners verschaffen können?

SOKRATES: Was das Können betrifft, o Phaidros, nämlich dass er ein vollkommener Wettstreiter werde, so hat es damit wahrscheinlich, vielleicht aber auch notwendig, dieselbe Bewandtnis wie mit anderem, [E] wenn du die natürliche Anlage zum Redner hast, so wirst du, wenn du noch Wissenschaft und Übung damit verbindest, ein namhafter Redner sein, in dem Maße aber, in dem es dir an einem von diesen beiden fehlt, wirst du ein unvollkommener sein. Soweit aber an der


Sache Kunst ist, scheint mir der Weg, den Lysias und Thrasymachos einschlagen, nicht der rechte zu sein.

PHAIDROS: Aber welcher denn?

SOKRATES: Perikles, mein Bester, ist doch, wie es fast scheint, wohl unter allen in der Redekunst der Vollkommenste gewesen?

PHAIDROS: Wieso?

SOKRATES: Alles, was irgend in diesen Künsten bedeutend ist, [270 St.3 A] bedarf unter anderem jenes erhabenen und hochfliegenden Geredes über die Natur. Denn eben daher scheint sich ihnen das Großartige und allseitig Zuversichtliche mitzuteilen, was auch Perikles neben seiner guten Naturgabe sich angeeignet hatte. Indem er nämlich, glaube ich, mit einem Manne dieser Art, dem Anaxagoras, in Berührung [B] kam und, dadurch von jenen hochfliegenden Reden erfüllt, auf das Wesen sowohl der Vernunft als der Unvernunft geleitet wurde, über welche Gegenstände ja Anaxagoras so viele Worte machte, so zog er von daher in die Redekunst herüber, was für diese nützlich war.

PHAIDROS: Wie meinst du dies?

SOKRATES: Es ist sicher mit der Redekunst dasselbe Verhältnis wie mit der Heilkunst? PHAIDROS: Wieso?

SOKRATES: In beiden musst du die Natur und zwar die des Körpers in der einen, die der Seele in der anderen unterscheiden, wenn du nicht bloß nach Art der hergebrachten Weise und erfahrungsgemäß, sondern nach den Regeln der Kunst jenem mittels Arzneien und Nahrungsmitteln Gesundheit und Stärke verschaffen, [C] dieser aber mittels Belehrungen und Sitten jedwede Überzeugung und Tugend mitteilen willst.

PHAIDROS: Aller Wahrscheinlichkeit nach, o Sokrates, ist es so.

SOKRATES: Glaubst du nun, dass es möglich sei, die Natur der Seele vernunftgemäß zu begreifen ohne die Natur des Ganzen?

PHAIDROS: Nicht einmal den Körper, ohne diesen Weg einzuschlagen, wenigstens wenn man dem Hippokrates von den Asklepiaden einigen Glauben schenken muß!

SOKRATES: Und mit Recht, o Freund, sagt er dies. Doch muß man neben dem Hippokrates auch die Vernunft untersuchen und sehen, ob sie [D] damit übereinstimme.

PHAIDROS: Ich gebe es zu.

SOKRATES: So sieh nun zu, was denn Hippokrates und die wahre Vernunft über die Natur sagt! Muß man nicht die Natur eines jeden Dinges folgendermaßen zu begreifen suchen? Erstens, ob das, worin wir selbst Künstler sein und fähig sein wollen, einen anderen dazu zu bilden, einfach oder vielgestaltig sei? Sodann, wenn es einfach ist, muß man sehen, welche Kraft ihm zukomme, um auf etwas tätig zu wirken, oder welche, um von etwas Einwirkungen zu erleiden? Wenn es aber mehrere Arten hat, muß man diese aufzählen und wie dort bei dem einen, so nun bei jeder einzelnen Art betrachten, was jede auszurichte, [E] und was jeder und von welcher Seite her zu leiden zukomme?

PHAIDROS: Fast scheint es so, o Sokrates.

SOKRATES: Ohne dieses würde wenigstens der Gang der Untersuchung aussehen wie der Wandel eines Blinden. Gewiß aber darf der, der einen Gegenstand kunstmäßig zu behandeln weiß, weder mit einem Blinden noch mit einem Tauben verglichen werden, sondern offenbar muß der, welcher einem andern auf kunstmäßigem Wege Reden an die Hand geben will, ihm das Wesen der Natur desjenigen gründlich zeigen, für das er seine Reden verfassen wird. Dieses aber ist gewiss die Seele.

PHAIDROS: Was anders?

SOKRATES: Muß nun nicht sein ganzer Eifer [271 St.3 A] auf dieses von ihm gespannt sein? Denn in diesem sucht er Überzeugung zu bewirken. Nicht wahr?

 

PHAIDROS: Ja!

SOKRATES: Offenbar ist also, dass Thrasymachos sowohl, als wer sonst, etwa im Ernst eine Redekunstlehre herausgeben will, zuerst mit aller Gründlichkeit die Seele beschreiben und anschaulich machen muß, ob sie ihrer Natur gemäß eines und dasselbe sei, oder ob sie nach der Gestalt des Körpers vielartig sei? Denn dieses heißt, sagen wir, ihre Natur zeigen.

PHAIDROS: Allerdings freilich!

SOKRATES: Zweitens aber dann, was ihr naturgemäß zukomme, auf welchen Gegenstand zu wirken, oder von welchem zu erleiden?

PHAIDROS: [B] Was anders?

SOKRATES: Drittens aber, wenn er die Arten der Reden und der Seele und ihre Einwirkungen auf diese erörtert hat, wird er auch sämtliche Ursachen durchgehen, jedes jedem anpassend, und zeigend, aus welcher Ursache was für eine Seele von welcherlei Reden entweder überzeugt wird oder nicht überzeugt wird.

PHAIDROS: Freilich würde es sich, wie es scheint, so am schönsten machen.

SOKRATES: Mitnichten also, mein Lieber, wird das, was auf andere Weise gelehrt oder vorgetragen wird, jemals kunstmäßig vorgetragen oder geschrieben sein, sei es über diesen oder einen anderen Gegenstand. [C] Aber die jetzigen Schreiber von Redekunstlehren, die du gehörst hast, sind Schlauköpfe und verheimlichen es, dass sie über die Seele ganz gut unterrichtet sind. Bevor sie nun auf diese Weise sprechen und schreiben, wollen wir uns ja nicht einreden, dass sie kunstmäßig schreiben.

PHAIDROS: Auf welche Weise denn?

SOKRATES: Es fällt nicht so leicht, dies selbst in Worten auszudrücken, indessen will ich davon sprechen, wie man schreiben müsse, wenn es kunstmäßig [D] geschehen soll, soweit es zulässig ist.

PHAIDROS: So sprich denn!

SOKRATES: Da die Kraft der Rede eine Seelenleitung ist, so muß derjenige, der ein Redner werden will, notwendig wissen, wie viele Arten die Seele hat. Deren gibt es also so und so viele und so und so beschaffene, daher auch die Menschen einige so, andere so beschaffen sind. Nachdem aber nun dieses eingeteilt worden ist, gibt es andererseits auch so und so viele Arten von Reden, und jede so oder so beschaffen. Die so beschaffenen Menschen sind nun durch die so beschaffenen Reden aus der [E] so beschaffenen Ursache zu den so beschaffenen Zwecken leicht zu überreden, die anders beschaffenen aber sind aus diesen Gründen schwer. Hat er nun dies gehörig begriffen, so muß er, wenn ihm in der Folge zur Anschauung kommt, wie eben dasselbe im wirklichen Leben ist und in Wirkung gesetzt wird, es mit scharfer Beobachtung verfolgen können, wo nicht, so wird er auch noch nicht mehr davon wissen als die Reden, die er einst als Schüler gehört hat. Wenn er aber gehörig zu sagen weiß, was für ein Mensch durch was für Reden überzeugt wird, auch imstande ist, so oft ihm ein solcher vorkommt, ihn genau zu erkennen und sich selbst deutlich zu machen, dass er dieser sei [272 St.3 A] und dass dieselbe Natur, von welcher damals die Reden handelten, in der Tat ihm nun gegenwärtig sei, jene nämlich, bei welcher gerade diese Reden auf diese Art zur Überzeugung über diese Gegenstände angewendet werden müssen, wenn er also dieses alles schon innehat und damit nun noch die Erkenntnis der Zeit, wann geredet und wann inne gehalten werden müsse, verbindet, wenn er ferner die kurzen und bündigen Stellen und die Sprache des Mitleids und der Steigerung, überhaupt für alle Redearten, [B] die er etwa gelernt hat, die rechte Zeit und die Unzeit zu unterscheiden weiß, dann erst ist seine Kunst in schönem und vollkommenem Maße ausgebildet, eher aber nicht. Lässt er es in einem dieser Stücke beim Sprechen oder Lehren oder Schreiben an sich fehlen, behauptet aber doch, kunstmäßig zu sprechen, so hat der recht, der ihm keinen Glauben schenkt. "Und wie nun", wird vielleicht der Schriftsteller sagen, "o Phaidros und Sokrates, dünkt euch die sogenannte Redekunstlehre so oder anders annehmbar zu sein?"


PHAIDROS: Unmöglich anders, [C] o Sokrates, obgleich sie freilich als eine nicht geringe Arbeit erscheint!

SOKRATES: Wahr sprichst du! Darum aber muß man alles Gesagte noch einmal zu oberst und zu unterst wenden, um nachzusehen, ob irgendwo ein leichterer und näherer Weg sich zeigt, um nicht unnötigerweise in einen weiten und rauen einzuschlagen, da doch ein kurzer und ebener offen steht. Hast du aber von Lysias oder irgendeinem andern hier irgendwie eine Hilfe vernommen, so versuche dich zu erinnern und es anzugeben!

PHAIDROS: [D] Auf einen Versuch möchte ich es schon ankommen lassen, aber gerade jetzt habe ich nichts zur Hand!

SOKRATES: Willst du also, dass ich etwa mitteile, was ich von einigen, die sich hiermit beschäftigen, sagen gehört habe?

PHAIDROS: Was sonst?

SOKRATES: Sagt man ja doch, o Phaidros, Gerecht sein und vertreten auch des Wolfes Rechte. PHAIDROS: So tue denn auch du so!

SOKRATES: Sie sagen so: Man brauche mit jenem gar nicht so vornehm zu tun, noch es von so weit her abzuleiten, denn es brauche, was wir ja auch beim Beginne dieser Besprechung gesagt haben, wer ein tüchtiger Redner werden wolle, keineswegs im Besitze der Wahrheit [E] zu sein weder hinsichtlich der Gegenstände, welche gerecht und gut, noch auch der durch Naturanlage oder Erziehung so beschaffenen Menschen. Denn bei den Gerichten bekümmere man sich durchaus nichts um die Wahrheit hierin, sondern nur um das Glaubliche. Dieses aber sei das Scheinbare, worauf also der, welcher kunstmäßig reden wolle, seine Aufmerksamkeit richten müsse. Denn im Gegenteil, manchmal dürfe er das wirklich Geschehene gar nicht in seine Rede aufnehmen, wenn es nämlich nicht zugleich auf wahrscheinliche Weise geschehen sei, sondern nur das Scheinbare, sowohl bei einer Anklage als einer Verteidigung, und so müsse der Sprechende durchaus nur die Spur des Scheinbaren verfolgen, dem Wahren aber viel Glück auf den Weg wünschen. [273 St.3 A] Denn dass jenes sich durch das Ganze der Rede hinziehe, das mache die ganze Kunst aus.

PHAIDROS: Was du da auseinandergesetzt hast, o Sokrates, ist ja dasselbe, was diejenigen sagen, die in den Reden für Künstler gelten wollen, denn ich erinnere mich, dass wir etwas der Art früher berührt haben, es dünkt aber denen, die sich hiermit beschäftigen, von großer Wichtigkeit zu sein.

SOKRATES: Nun fürwahr, du hast ja den Teisias selbst tüchtig geritten. So soll uns nun Teisias auch das sagen, ob er mit dem Scheinbaren etwas anderes bezeichne als das, was der Menge gut dünkt?

PHAIDROS: Was anderes denn?

SOKRATES: Nun, dieses hat er ja, wie es scheint, als einen weisen und zugleich künstlerischen Fund niedergeschrieben, nämlich, wenn ein Schwacher [B] und zugleich Tapferer einen Starken und zugleich Feigen niedergeschlagen und ihm den Mantel oder sonst etwas genommen hat und nun vor Gericht geführt wird, so darf ja keiner von beiden das Wahre sagen, sondern der Feige darf nicht angeben, dass er von dem Tapferen allein niedergeschlagen worden sei, dieser aber muß zwar dagegen behaupten, dass sie beide allein gewesen, dabei aber das geltend machen: "Wie hätte ich, wie ich bin, mit diesem, wie er ist, mich versuchen können?" Der aber wird gewiss seine Feigheit nicht eingestehen, sondern indem er irgendetwas anderes zu lügen versucht, dürfte er seinem Gegner wohl alsbald seine Überführung an die Hand geben. [C] Und dieser Art ungefähr ist auch das, was in anderen Fällen kunstmäßig gesprochen wird. Nicht so, o Phaidros?

PHAIDROS: Was sonst?

SOKRATES: Ha, eine gar wunderbar geheime Kunst hat, scheint es, Teisias erfunden oder ein anderer, wer er immer sein mag, und woher er seinen Namen zu haben sich erfreuen mag! Aber, mein Freund, wollen wir's ihm sagen oder nicht?


PHAIDROS: Was denn?

SOKRATES: Folgendes: Schon lange, o Teisias, ehe du noch hierhergekommen bist, haben wir zufällig davon gesprochen, wie gerade dieses Scheinbare sich der Menge aus der Ähnlichkeit mit dem Wahren [D] ergebe. Die Ähnlichkeiten aber, haben wir eben auseinandergesetzt, weiß überall derjenige, welcher die Wahrheit erkannt hat, am besten zu finden. Wenn du daher etwas anderes über die Kunst der Reden zu reden hast, wollen wir hören, wo nicht, so werden wir dem, was wir jetzt eben auseinandergesetzt haben, Glauben schenken, dass nämlich, wenn einer nicht die Naturen sowohl derjenigen, welche ihn hören werden, aufzählen kann, als auch die Gegenstände nach ihren Arten zu unterscheiden und alles einzelne in einen Begriff zusammenzufassen vermag, er niemals ein Künstler im Reden sein wird, soweit dieses überhaupt einem Menschen möglich ist. Dies aber wird er sich niemals erwerben können ohne viele praktische Übung, der sich aber nun der Besonnene nicht um des Redens und Handelns mit Menschen willen [E] unterziehen darf, sondern um den Göttern Gefälliges reden und in allem nach Vermögen ihnen gefällig handeln zu können. Denn ja nicht, o Teisias, sagen die, welche weiser als wir sind, darf wer Vernunft hat, sich bestreben, [274 St.3 A] seinen Mitknechten sich gefällig zu zeigen, außer in Nebensachen, sondern seinen guten und von Gutem kommenden Gebietern. Wundere dich denn nicht, wenn es auch ein langer Umweg ist, denn großer Dinge wegen muß man ihn machen, nicht wegen dem, was du meinst. Wenn dann einer, wie man sagt, nur will, so wird sich ihm auch jenes, die Kunst zu reden, aus diesem im schönsten Maß ergeben.

PHAIDROS: Gar schön scheint mir wenigstens, o Sokrates, dann gesprochen zu werden, wenn es nur jemand zu leisten imstande wäre!

SOKRATES: Aber, wer sich einmal an dem Schönen versucht, dem ist es auch ein Schönes, zu erleiden, was ihm zu erleiden zukommt.

PHAIDROS: Gar wohl!

SOKRATES: Darüber [B] nun, was Kunst und Kunstlosigkeit in Reden ist, möge dieses genügen! PHAIDROS: Wohl!

SOKRATES: Was aber die Frage über Angemessenheit und Unangemessenheit der Schrift betrifft, inwiefern ihr Gebrauch etwas Schönes sein möchte, und inwiefern etwas Unangemessenes, das ist noch übrig. Nicht wahr?

PHAIDROS: Ja!

SOKRATES: Weißt du nun, inwiefern du mit eigenen Reden, oder sie lehrend, einem Gott am meisten wohlgefällig sein kannst?

PHAIDROS: Nein, aber du?

SOKRATES: Eine Erzählung wenigstens, die ich vernommen, habe ich mitzuteilen von den Alten, das Wahre, das sie wissen. Fänden wir aber selbst die Wahrheit, würden wir uns da wohl noch etwas um menschliche Meinungen kümmern?

PHAIDROS: Lächerliches fragst du! [C] Aber teile es mit, was du vernommen zu haben behauptest!

SOKRATES: Ich habe also vernommen, zu Naukratis in Ägypten sei einer der dortigen alten Götter gewesen, dem auch der heilige Vogel, den sie ja Ibis nennen, eignete, der Dämon selbst aber habe den Namen Theuth. Dieser habe zuerst Zahl und Rechnung erfunden, dann Geometrie und Sternkunde, ferner Brettspiel und Würfelspiel, ja sogar auch die Buchstaben. Da damals über ganz Ägypten Thamus König war in der großen Stadt des oberen Bezirks, welche die Hellenen das ägyptische Theben nennen, [D] den dortigen Gott aber Ammon nennen, so kam der Theuth zu diesem und zeigte ihm seine Künste und sagte, man müsse sie nun den anderen Ägyptern mitteilen. Der aber fragte, was für einen Nutzen eine jede habe. Indem er dies nun auseinandersetzte, so wusste er, wie ihm jener etwas gut oder nicht gut zu sagen dünkte, es bald zu tadeln, bald zu loben. Vieles nun soll da Thamus dem Theuth über jede Kunst dafür und dawider frei heraus gesagt haben, was durchzugehen viele Worte fordern würde. Als er aber an den Buchstaben war, [E] sagte Theuth: "Diese Kenntnis, o König, wird die Ägypter weiser und erinnerungsfähiger machen, denn als ein Hilfsmittel für das Gedächtnis sowohl als für die


Weisheit ist sie erfunden." Thamus aber erwiderte: "O du sehr kunstreicher Theuth! Einer ist der, der das, was zur Kunst gehört, hervorzubringen, ein anderer aber der, der zu beurteilen vermag, in welchem Verhältnis sie Schaden und Nutzen denen bringe, die sie gebrauchen werden. [275 St.3 A] So hast auch du jetzt, als Vater der Buchstaben, aus Vaterliebe das Gegenteil von dem gesagt, was ihre Wirkung ist. Denn Vergessenheit wird dieses in den Seelen derer, die sie kennenlernen, herbeiführen durch Vernachlässigung des Gedächtnisses, sofern sie nun im Vertrauen auf die Schrift von außen her mittelst fremder Zeichen, nicht von innen her aus sich selbst, das Erinnern schöpfen. Nicht also für das Gedächtnis, sondern für seinen Anschein hast du ein Hilfsmittel erfunden. Von der Weisheit aber bietest du den Schülern nur Schein, nicht Wahrheit dar. Denn die viel lesen, sind nun ohne Belehrung, und so werden sie Vielwisser zu sein meinen, da sie [B] doch größtenteils Nichtswisser sind und Leute, mit denen schwer umzugehen ist, indem sie Dünkelweise geworden sind, nicht Weise."

PHAIDROS: O Sokrates, leicht erdichtest du ägyptische und dir beliebig wo immer heimische Reden!

SOKRATES: Es sagen ja gar welche, die ersten wahrsagerischen Reden seien die einer Eiche im Tempel des Zeus in Dodona gewesen. Den damals Lebenden also, die eben keine Weisen waren wie ihr Jüngeren, genügte es, in ihrer Einfalt den Baum und den Stein anzuhören, wenn sie nur Wahres redeten. Dir aber ist es vielleicht [C] nicht gleichgültig, wer der Redende und wo er heimisch ist? Denn nicht auf jenes allein siehst du, ob es sich so, ob anders verhält.

PHAIDROS: Mit Recht hast du mich gescholten! Auch mir scheint es sich mit der Schrift zu verhalten, wie der Thebäer sagt.

SOKRATES: Wer also glaubt, eine Kunst in Schriften zu hinterlassen, und wieder, wer sie annimmt, als ob aus Buchstaben etwas Deutliches und Zuverlässiges entnommen werden könnte, der wird wohl einfältig genug sein und in der Tat den Wahrspruch des Ammon nicht kennen, indem er glaubt, geschriebene Reden seien etwas mehr als eine Gedächtnishilfe für den, [D] der das schon weiß, wovon das Geschriebene handelt.

PHAIDROS: Sehr richtig!

SOKRATES: Dieses Missliche nämlich, o Phaidros, hat doch die Schrift, und sie ist darin der Malerei gleich. Denn die Werke auch dieser stehen wie lebendig da, wenn du sie aber etwas fragst, schweigen sie sehr vornehm. Geradeso auch die Reden, du könntest meinen, sie sprechen, als verständen sie etwas, wenn du aber in der Absicht, dich zu belehren, nach etwas von dem Gesprochenen fragst, zeigen sie immer nur eines und dasselbe an. Und wenn sie einmal [E] geschrieben ist, so treibt sich jede Rede aller Orten umher, gleicherweise bei denen, die sie verstehen, und unter denen, für die sie nicht gehört, und versteht nicht, zu wem sie reden soll und zu wem nicht. Und wird sie beleidigt und ungerechterweise beschimpft, bedarf sie immer ihres Vaters Hilfe, denn sie selbst ist weder zu schützen noch sich zu helfen im Stande.

PHAIDROS: Auch dies ist sehr richtig von dir gesagt.

SOKRATES: Wie aber? Wollen [276 St.3 A] wir etwa eine andere Rede ins Auge fassen, die Schwester von dieser, auf welche Weise sie entsteht und wieviel besser und wirksamer als jene sie in ihrer Natur nach ist?

PHAIDROS: Welche denn, und wie soll sie nach deiner Meinung entstehen?

SOKRATES: Jene, die mit Wissenschaft in die Seele des Lernenden geschrieben wird, und die sich nicht nur selbst zu wehren vermag, sondern auch zu reden und zu schweigen weiß und gegen wen es sein soll.

PHAIDROS: Du redest von der lebendigen und beseelten Rede des Wissenden, von der die geschriebene mit Recht ein Abbild genannt werden mag.

SOKRATES: Nun freilich, allerdings! Sage mir denn dieses: Ein Landmann, der Verstand hat, wird er den Samen, [B] an dem ihm gelegen ist und von dem er gerne Frucht bekommen möchte, ernstlich im Sommer in Adonisgärtchen setzen und sich nun freuen, wenn er sieht, dass diese binnen acht Tagen schön stehen? Oder wird er dieses nicht des Spiels und des Festes wegen so

 

machen, wenn er es überhaupt tut, denjenigen aber, mit dem es ihm ernst ist, nach den Regeln der Kunst des Landbaus dahin, wohin es sich gehört, säen und zufrieden sein, wenn das, was er säte, im achten Monat seine Reife erlangt?

PHAIDROS: Sicher, o Sokrates, dürfte er dieses im Ernst, jenes aber, wie du sagst, in ganz anderem Sinne tun.

[C] SOKRATES: Wer aber die Wissenschaft des Gerechten und des Schönen und des Guten innehat, wollen wir sagen, dass der weniger Verstand habe hinsichtlich seines Samens als der Landmann?

PHAIDROS: Keineswegs.

SOKRATES: Nicht also im Ernst wird er sie ins Wasser schreiben und mit Tinte durch die Feder aussäen, mit Worten, die unvermögend sind, sich selber redend zu helfen, unvermögend auch, das Wahre genügend zu lehren.

PHAIDROS: Nicht wohl, wie sich denken lässt!

SOKRATES: Nein, sondern die Buchstabengärtchen wird er, wie mir scheint, nur des Spiels halber besäen und beschreiben, so zwar, dass er, wenn er schreibt, einen Vorrat von Denkwürdigkeiten sammelt [D] sowohl für sich selbst auf die Zeit, da er in das Alter des Vergessens kommt, als für jeden, der derselben Spur nachgeht, und wenn er sie in ihrem zarten Wuchse schaut, wird er seine Lust daran haben. Und wenn andere andere Spiele treiben, bei Gastmahlen sich labend, oder was sonst damit verwandt ist, wird er stattdessen, wie mir scheint, an dem, wovon ich rede, seinen spielenden Zeitvertreib haben.

PHAIDROS: Ein gar schönes Spiel nennst du da neben einem unbedeutenden, o Sokrates, das Tun desjenigen, der dichtend in Reden zu spielen vermag, [E] indem er in Worten sich unterhalten kann und über die Gerechtigkeit und anderes plaudert.

SOKRATES: Und es ist so, mein lieber Phaidros. Viel schöner aber, glaube ich, ist das ernstliche Bemühen um diese Dinge, wenn einer, die dialektische Kunst anwendend, eine geeignete Seele nimmt und mit Einsicht Reden pflanzt und sät, die sich selbst und dem Pflanzenden zu helfen [277 St.3 A] geschickt und nicht unfruchtbar sind, sondern einen Samen enthalten, aus dem in anderen Seelen wieder andere Reden erwachsen, die fähig sind, denselben für immer unsterblich zu erhalten und den, der sie besitzt, so glücklich zu machen, als es einem Menschen nur irgend möglich ist.

PHAIDROS: Noch weit schöner ist das, was du da sagst.

SOKRATES: Nun denn, o Phaidros, können wir erst jenes beurteilen, nachdem wir uns über dieses verständigt haben.

PHAIDROS: Was denn?

SOKRATES: Das, was wir eigentlich betrachten wollen, und was uns ja eben hierher geführt hat, dass wir nämlich sowohl über den dem Lysias gemachten Vorwurf wegen des Redenschreibens eine Prüfung anstellen wollten, als über die Reden selbst, [B] welche wohl mit Kunst und ohne Kunst geschrieben würden. Und zwar scheint mir nun das, was kunstmäßig sei oder nicht, gebührend erklärt worden zu sein.

PHAIDROS: Wirklich schien es so. Indessen rufe mir's noch einmal ins Gedächtnis zurück, wie?

SOKRATES: Bevor einer das Wahre der einzelnen Gegenstände, über die er spricht und schreibt, kennt, sodann sich in den Stand gesetzt hat, das Ganze vollständig zu erklären, und dann, nachdem er es erklärt hat, es wieder nach Arten bis zum Unteilbaren zu teilen versteht, ferner auf dieselbe Weise, die Natur der Seele durchschauend, die jeder Seele entsprechende Art auffindet und danach die Rede setzt und anordnet, [C] also einer vielgestaltigen Seele vielgestaltige und tonartreiche Reden darbietet, einer einfachen aber einfache, eher, sagten wir, werde er nicht imstande sein, mit Kunst, soweit es die Natur des Gegenstandes erfordert, das Gebiet der Reden zu bearbeiten, weder zum Zweck der Belehrung noch zu dem der Überredung, wie die ganze bisherige Erörterung uns dargetan hat.


PHAIDROS: Allerdings nun hat sich dieses ungefähr so herausgestellt.

SOKRATES: Wie aber ferner hinsichtlich der Frage, ob es schön oder schimpflich sei Reden zu halten oder zu schreiben, und in welchem Falle man daraus mit Recht einen Vorwurf machen könne oder nicht, hat dies nicht das [D] eben erst Gesprochene klargemacht?

PHAIDROS: Welches denn?

SOKRATES: Dass, wenn Lysias oder irgend ein anderer jemals geschrieben hat oder schreiben wird in besonderer Angelegenheit oder in öffentlicher, indem er Gesetze vorschlagend ein staatliches Schriftstück verfasst und er nun der Ansicht ist, es sei irgend große Zuverlässigkeit und Deutlichkeit darin, dass in diesem Fall den Schreibenden ein Vorwurf treffe, möge es ihm jemand sagen oder nicht. Denn vom Gerechten und Ungerechten und vom Schlechten und Guten, wachend und schlafend nichts wissen, das kann man doch nicht umhin, als für vorwurfsvoll zu halten, auch nicht, wenn es die ganze Volksmenge loben würde!

PHAIDROS: Und gewiss nicht!

[E] SOKRATES: Wenn er aber der Ansicht ist, dass in einer über einen beliebigen Gegenstand geschriebenen Rede notwendig vieles Spiel ist, und dass noch nie eine Rede weder im Versmaß noch ohne Versmaß als ernster Beachtung würdig geschrieben oder gesprochen worden, wenn es in der Art geschah, wie die von den Rhapsoden vorgetragenen gesprochen werden ohne Untersuchung und Belehrung, nur der [278 St.3 A] Überredung halber, dass vielmehr die besten derselben in Wirklichkeit nur eine Gedächtnishilfe für die schon Wissenden sind, dass aber hingegen in den zur Belehrung verfassten und zum Unterricht gesprochenen und in Wirklichkeit in die Seele geschriebenen über das Gerechte und Schöne und Gute, und zwar nur in diesen, etwas Einleuchtendes und Vollkommenes und ernster Anstrengung Würdiges sei, ferner dass solche Reden dann als sein eigen, die gleichsam seine leiblichen Kinder sind, bezeichnet zu werden verdienen, und zwar als Erstling die in ihm selbst geborene, wenn sie als Fund ihm angehört, sodann als Sprösslinge und Brüder von dieser die, [B] welche etwa in den Seelen anderer in würdiger Gestalt erwachsen, während er die übrigen alle unbeachtet lässt, dieser, o Phaidros, verspricht ein solcher Mann zu sein, wie ich und du wünschen dürften, dass du und ich würden.

PHAIDROS: Allerdings möchte und wünsche ich freilich, was du sagst.

SOKRATES: Und nun möge das Maß unseres Spielens über das, was Reden betrifft, voll sein! Und du gehe nun und berichte dem Lysias, dass wir zwei an den Bach der Nymphen und den Musensitz hinabgestiegen und Reden gehört haben, die uns beauftragten, dem Lysias und wenn sonst jemand Reden [C] verfasst, und dem Homer und wer sonst eine Dichtung ohne oder mit Gesangbegleitung verfasst hat, drittens dem Solon und wer irgend sonst in staatlichen Reden Schriftstücke unter dem Namen von Gesetzen schrieb, zu sagen, dass, wenn er diese verfasste, wohl wissend, wie das Wahre sich verhält, und imstande ist dem Hilfe zu leisten, wenn er ins Verhör kommt, was er geschrieben, und so redend, dass er selbst das Geschriebene als nichtswürdig dagegen erscheinen zu lassen vermag, dass, sage ich, er dann auch nicht von dem allem seinen Beinamen erhalten und ein solcher genannt werden soll, sondern von jenem, womit er sich im Ernste beschäftigt hat.

PHAIDROS: Welche [D] Beinamen teilst du ihm nun zu?

SOKRATES: Zwar ihn einen Weisen zu nennen, dünkt mit etwas zu Großes zu sein, o Phaidros, und nur einem Gott wohl anzustehen, aber einen Freund der Weisheit, oder etwas dergleichen, das möchte wohl ihm selbst mehr passen und entsprechender sein.

PHAIDROS: Und auch nicht eben gegen den Gebrauch!

SOKRATES: Dagegen wer nichts Wertvolleres hat, als was er verfasst und geschrieben hat, es lange zu oberst und zu unterst wendend, bald aneinander fügend, bald [E] trennend, nennst du wohl den nicht mit Recht einen Dichter oder Redenschreiber oder Gesetzesschreiber?

PHAIDROS: Wie anders?

SOKRATES: Das also berichte deinem Freund!


PHAIDROS: Was aber du? Wie wirst du es halten? Denn mitnichten ja dürfen wir deinen Freund übergehen.

SOKRATES: Welchen denn?

PHAIDROS: Den schönen Isokrates! Was wirst du diesem melden, o Sokrates? Wer, werden wir sagen, dass dieser sei?

SOKRATES: Jung noch, o Phaidros, ist Isokrates! Was ich jedoch [279 St.3 A] von ihm für eine Erwartung hege, will ich aussprechen.

PHAIDROS: Was denn nun?

SOKRATES: Er dünkt mir besser zu sein nach seinen Naturanlagen, um mit Lysias in Reden verglichen zu werden, auch von edlerem Maß der Sinnesart, so dass es kein Wunder wäre, wenn er mit vorrückendem Alter in denselben Reden, mit denen er sich jetzt befasst, alle, die irgendeinmal mit Rhetorik sich abgegeben haben, wie Kinder überträfe, ja wenn, sollte ihm dieses nicht genügen, ein göttlicher Antrieb ihn zu Größerem hinleitete. Denn von Natur, mein Lieber, liegt Liebe zur Weisheit in seiner Sinnesart. Dieses denn nun will ich [B] von den hier waltenden Göttern dem Isokrates als meinem Lieblinge melden, du aber jenes dem deinigen, dem Lysias.

PHAIDROS: Das soll geschehen! Aber lass uns gehen, da auch die Hitze erträglicher geworden! SOKRATES: Ziemt es sich nicht, zu diesen hier ein Gebet zu richten, bevor wir gehen? PHAIDROS: Wie anders?

SOKRATES: O lieber Pan und alle ihr anderen Götter hier! Verleihet mir, schön zu werden im Innern, was ich aber von außen her habe, dass es dem Inneren befreundet sei! Für reich aber möge ich den Weisen achten, des Goldes Fülle aber möge mir werden in solchem Maße, [C] in welchem es nur ein Verständiger führen und tragen kann.

Bedürfen wir noch weiter etwas, o Phaidros? Denn für mich ist damit das volle Maß erbeten! PHAIDROS: Auch für mich sei das mitgebetet! Denn Freunden ist das Ihrige gemeinsam. SOKRATES: Gehen wir.