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Werk:Politikos (Platon)/Politikos 2

aus AufEinWort, der freien Forschung

3. Teil: Politikos 3 (Platon)

[E] DER JÜNGERE SOKRATES: Wie so? Und was für ein großer Fehler meinst du, dass uns begegnet wäre?

GAST: Auf der einen Seite ein kleinerer, auf der andern ein gar starker und weit größer als vorher. DER JÜNGERE SOKRATES: Wie so?

GAST: Dass wir nämlich, gefragt nach dem Herrscher und Staatsmann, aus dem gegenwärtigen Umlauf und Art des Werdens, vielmehr aus dem entgegengesetzten Zeitlauf, den Hirten der damaligen menschlichen Herde beschrieben haben, [275 St.2 A] und also einen Gott statt eines Sterblichen, daran haben wir gar sehr gefehlt. Dass wir ihn aber als den Herrscher des gesamten Staates angegeben haben ohne zu bestimmen auf welche Weise, daran haben wir zwar an sich selbst ganz wahr geredet, aber wir haben es weder ganz noch deutlich genug ausgedrückt, und deshalb hierbei auch weniger als an jenem gefehlt.

DER JÜNGERE SOKRATES: Richtig.

GAST: Wir dürfen also, wenn wir nun noch die Art und Weise des Herrschens im Staate bestimmt haben, alsdann wie es scheint, hoffen, dass der Staatsmann uns vollständig erklärt sei.

DER JÜNGERE SOKRATES: Sehr schön.

GAST: Deshalb nun haben wir auch [B] die Erzählung beigebracht, damit sie zeigen sollte, nicht nur von der Herdenzucht überhaupt, wie sich alle mit dem jetzt Gesuchten hinsichtlich der Herrscherkunst streiten, sondern auch, damit wir eben jenen selbst deutlicher erblicken, welchem, weil er allein nach Art und Weise der Hirten und Hüter für die menschliche Erhaltung Sorge trägt, auch allein dieser Name gebühren kann.

DER JÜNGERE SOKRATES: Richtig.

GAST: Und ich meines Teils wenigstens denke, Sokrates, dass der so beschriebene göttliche Hüter auch im Vergleich mit einem Könige, diesen noch weit hinter sich lässt, dagegen unsere jetzigen Staatsmänner hier weit mehr den Beherrschten [C] ihrer Natur nach ähnlich sind, und auch an ihrer Bildung und Erziehung bei weitem mehr mit ihnen übereinstimmen.

DER JÜNGERE SOKRATES: Freilich wohl.

GAST: Suchen müssen wir sie aber doch um nichts mehr oder minder, sie mögen nun so oder anders geartet sein.


DER JÜNGERE SOKRATES: Was sollten wir nicht!

GAST: So lasse uns denn wieder zurückgehen. Die wir die selbstgebietende Kunst über Lebendige genannt haben, und zwar nicht über einzelne, sondern die eine gemeinsame Sorgfalt ausübt über Viele, und die wir doch dort auch gleich die Herdenzucht nannten. Du erinnerst dich doch?

DER JÜNGERE SOKRATES: Ja.

[D] GAST: Diese nun haben wir um etwas verfehlt. Denn wir haben den Staatsmann gar nicht mit gefasst und benannt, sondern unvermerkt ist er uns durch die Benennung entwischt.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie das?

GAST: Dass jeder seine Herde aufzieht und ernährt, dies kommt wohl allen andern Hütern zu, dem Staatsmann gerade kommt es aber nicht zu, und doch haben wir eben davon den Namen hergenommen, da wir ihn von etwas allen insgesamt gemeinschaftlichem hergenommen haben.

DER JÜNGERE SOKRATES: Ganz wahr sprichst du, wenn es so etwas gab.

GAST: War doch das Pflegen etwas allen gemeinschaftliches gewesen sein, wobei auch weder Fütterung noch irgend ein andere einzelne Tätigkeit ausgeschlossen war, und wir also, wenn wir sie Herdenwartung oder Pflege oder Besorgung nannten, alsdann den Staatsmann mit unter den übrigen versteckt haben, da doch die Rede darauf deutete, dass dies geschehen müsse?

DER JÜNGERE SOKRATES: Richtig. Aber die weitere Einteilung [276 St.2 A] wie hätte die erfolgen sollen?

GAST: Eben so wie wir vorher die Herdenzucht weiter teilten, für zu Fuß Gehendes und Unbefiedertes und für Reinbegattendes und Ungehörntes, ebenso hätten wir auch die Herdenwartung teilen sollen und unter dieser Erklärung dann die jetzige und die unter der Regierung des Kronos gleichermaßen mit begriffen haben.

DER JÜNGERE SOKRATES: Das ist deutlich. Ich sinne aber, wie nun weiter?

GAST: Haben wir nun den Namen der Herdenwartung so bestimmt, so wird offenbar keiner kommen und uns [B] bestreiten, dass sie etwa gar keine Besorgung wäre, so wie damals mit Recht bestritten wurde, dass es keine Kunst unter uns gebe, die diesen Beinamen der aufziehenden und ernährenden verdiente, und wenn es eine gäbe, viele andere weit eher und mehr dazu gehören würden als irgend ein Herrscher.

DER JÜNGERE SOKRATES: Richtig.

GAST: Und Besorgung der gesamten menschlichen Gemeinschaft wird doch wohl keine andere Kunst, mehr und minder, zu sein behaupten wollen, als die königliche und über alle Menschen sich erstreckende Herrschaft.

DER JÜNGERE SOKRATES: Richtig gesagt.

GAST: Nächst dem aber, o Sokrates, merken wir nicht etwa, dass auch gegen das Ende wiederum verschiedentlich [C] gefehlt ist?

DER JÜNGERE SOKRATES: Worin doch?

GAST: Darin, dass wenn wir auch noch so gut gesehen hätten, es gebe zwar eine aufziehende Kunst für die zweibeinige Herde, wir sie dennoch nicht gleich sollten die königliche und Staatskunst genannt haben, als wäre sie bereits völlig bestimmt.

DER JÜNGERE SOKRATES: Warum nicht?

GAST: Zuerst, wie schon gesagt, war der Name zu verändern und mehr auf die gesamte Besorgung als auf die bloße Zucht zu beziehen. Dann war auch diese noch zu teilen, denn sie hat wohl noch nicht wenige Aufteilungen.

DER JÜNGERE SOKRATES: Was für welche?

GAST: Wie wir ja schon den göttlichen Hüter und den menschlichen Vorsorger voneinander getrennt haben.

DER JÜNGERE SOKRATES: Richtig.


GAST: Aber auch diese abgeteilte [D] vorsorgende Kunst war notwendig wieder entzwei zu schneiden.

DER JÜNGERE SOKRATES: Und wie das?

GAST: In gewaltsame und freiwillige.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie so?

GAST: Auch darin hatten wir vorher gefehlt, und König und Tyrann in eines zusammengestellt, da doch sie selbst und eines jeden von ihrer Art zu beherrschen einander ganz unähnlich sind.

DER JÜNGERE SOKRATES: Richtig.

GAST: Nun also wollen wir auch dies berichtigend, die menschliche Versorgungskunst in zwei Teile teilen, nachdem gewaltsames darin ist oder freiwilliges.

DER JÜNGERE SOKRATES: Allerdings.

GAST: Und die der Gewalttätigen [E] nennen wir die tyrannische, die freiwillige Herdenwartung aber über freiwillige zweibeinige lebendige Wesen als Staatskunst bezeichnend, wollen wir nun den, der diese Kunst und Besorgung ausübt, als den wahrhaften und wirklichen König und Staatsmann aufstellen.

[277 St.2 A] DER JÜNGERE SOKRATES: Und hiermit, o Gastfreund, wird uns nun doch wohl die richtige Darstellung des Staatsmannes ganz vollendet sein.

GAST: Sehr schön, o Sokrates, stände es dann um uns. Aber das musst nicht nur du allein, sondern auch ich muss es gemeinschaftlich mit dir glauben. Nun aber scheint mir wenigstens der Herrscher noch nicht seine völlige Gestalt zu haben, sondern wie die Bildhauer bisweilen, wenn sie zu sehr eilen, ihre Werke größer anlegen als nötig und sie dadurch verzögern, so haben auch wir, um nicht nur schnell, sondern auch auf eine prächtige Art [B] den Fehler unserer ersten Ausführung ans Licht zu bringen, und in der Meinung, es gezieme sich dem Herrscher auch große Beispiele beizufügen, viele Mythen zusammengebracht und uns dann eines größeren Teiles derselben mehr als nötig bedienen müssen. Darum ist unsere Darstellung gar lang geraten, und wir haben nicht einmal die Erzählung zu Ende gebracht. Sondern an unserer Rede mögen wohl wie an einem Gemälde die Umrisse gut genug gezeichnet sein, aber gleichsam die Deutlichkeit, welche durch die Pigmente und durch die richtige Mischung der Farben entsteht, ihr noch gefehlt haben. Und doch soll man, besser als [C] durch Malerei oder jede andere Handarbeit, alles Lebendige durch Vortrag und Rede denen darstellen, die es fassen können, und nur den andern durch handarbeitende Nachbildung.

DER JÜNGERE SOKRATES: Das ist wohl richtig. Wie du aber meinst, dass wir noch nicht hinlänglich erklärt hätten, das mache mir deutlich.

GAST: Es ist schwer, Bester, wenn man nicht ein Beispiel zur Hand nimmt, irgendetwas größeres recht deutlich zu machen. Denn sonst mag wohl [D] jeder von uns zuerst wie im Traume alles wissen und dann wieder gleichsam wachend alles nicht wissen.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie meinst du das?

GAST: Gar sonderbar scheine ich gegenwärtig die Frage angeregt zu haben, wie das Wissen in uns zustande kommt.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie das?

GAST: Eines Beispiels hat ja nun wieder auch das Beispiel selbst bedurft.

DER JÜNGERE SOKRATES: [E] Was nun weiter? Sage es nur, und meinetwegen trage gar kein Bedenken.

GAST: So will ich es denn sagen, da ja auch du bereit bist zu folgen. Von den Kindern wissen wir doch, wenn sie eben lesen lernen.

[278 St.2 A] DER JÜNGERE SOKRATES: Was denn?

GAST: Dass sie jeden Buchstaben in den kürzesten und leichtesten Silben bald ausreichend bemerken und ihn da richtig auszusprechen verstehen.

 

DER JÜNGERE SOKRATES: Das gewiss.

GAST: Diese selbige aber in anderen wieder verkennen und dann fehlen in ihrer Vorstellung und Rede.

DER JÜNGERE SOKRATES: Allerdings.

GAST: Ist es nun nicht so am leichtesten und schönsten sie zu dem zu führen, was sie noch nicht erkennen?

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie?

GAST: Dass man sie erst zu dem zurückführe, wo sie dasselbe richtig vorgestellt haben, und dann dieses neben das noch nicht von ihnen erkannte stelle, um ihnen durch Vergleichung die Ähnlichkeit und [B] die selbige Beschaffenheit in beiden Zusammenstellungen zu zeigen, bis das richtig vorgestellte, neben alles noch unbekannte gestellt, aufgezeigt ist und so aufgezeigt, Beispiele abgibt, welche bewirken, dass von allen Buchstaben in allen Silben, jeder wenn er verschieden ist, auch verschieden, wenn er aber derselbe ist, auch als derselbe immer auf gleiche Weise benannt werde.

DER JÜNGERE SOKRATES: Allerdings freilich.

GAST: Das also haben wir zur Genüge gefasst, dass ein Beispiel alsdann entsteht, wenn [C] etwas, was dasselbe ist in einem andern Unterschiedenen, richtig vorgestellt und herbeigebracht, von jedem von beiden als gleichen eine und dieselbe richtige Vorstellung bewirkt.

DER JÜNGERE SOKRATES: Das leuchtet ein.

GAST: Sollen wir uns also wundern, wenn unsere Seele, der es von Natur mit den Bestandteilen der Dinge überhaupt ebenso ergeht, jetzt der Wahrheit gemäß über einzelnes in einigen Sicherheit gewinne, dann aber wieder über alle in anderen schwankt, und einige von ihnen doch in manchen Verbindungen richtig vorstellt, versetzt aber in weitläufige und nicht leichte Zusammenhänge, und gleichsam Silben aus Gegenständen, [D] eben dieselbigen wieder nicht erkennt?

DER JÜNGERE SOKRATES: Gar nicht ist das zu verwundern.

GAST: Denn von einer falschen Vorstellung anfangend, könnte einer wohl auch nicht zum kleinsten Teile der Wahrheit gelangen und so irgend Einsicht gewinnen.

DER JÜNGERE SOKRATES: Gewiss auf keine Weise.

GAST: Also wenn dies so beschaffen ist, so würden wir wohl nicht fehl gehen, ich und du, nachdem wir zuerst versucht haben die Natur des gesamten Beispiels an einem kleinen, auf etwas Besonderes sich beziehenden Beispiel, zu erkennen, wenn wir es nun unternehmen, indem wir zu dem Herrscher, als dem größten, auch den selbigen Begriff aus kleineren Dingen erklärt, [E] irgendwoher hinzu brächten, vermittelst des Beispiels auch zu versuchen, die Besorgung derer in der Stadt nach der Kunst zu erläutern, damit wir, statt nur im Traume, es auch wachend haben.

DER JÜNGERE SOKRATES: Vollkommen richtig.

GAST: [279 St.2 A] So lass uns denn unsere vorige Rede wieder aufnehmen, dass nämlich, weil mit dem königlichen Geschlecht so viele andere um die Besorgung im Staate sich streiten, wir diese alle absondern müssen um jenen allein zu behalten, und eben hierzu, sagten wir, bedürften wir eines Beispiels.

DER JÜNGERE SOKRATES: Und das gar sehr.

GAST: Was für ein möglichst kleines Beispiel, welches aber doch dieselbige staatsbürgerliche Verrichtung in sich zeigte, könnte einer nun wohl beibringen um das Gesuchte danach genau genug [B] zu finden? Beim Zeus, Sokrates, sollen wir, wenn wir nichts anderes bei der Hand haben, ebenso gern die Weberei nehmen? Und auch die, wenn du meinst, nicht ganz? Vielleicht nämlich wird uns schon die hinreichen, welche in Wolle arbeitet. Denn wenn wir auch nur diesen Teil von ihr herausnehmen, wird er uns wohl schon nachweisen, was wir wollen.

DER JÜNGERE SOKRATES: Warum also nicht?


GAST: Und warum wollten wir nicht, wie wir vorher alles, von jedem Teil wieder Teile abteilend, zerlegt haben, auch jetzt bei der Weberei dasselbe tun, und wenn wir alles so kurz als möglich schnell durchgegangen sind, [C] wieder zu dem, was uns jetzt brauchbar ist, zurückkehren?

DER JÜNGERE. SOKRATES: Wie meinst du das?

GAST: Ich will dir durch die Ausführung selbst antworten. DER JÜNGERE SOKRATES: Sehr gut gesagt.

GAST: Alle Dinge also, welche wir verfertigen oder erwerben, dienen uns teils um etwas zu tun, teils sind sie, um etwas nicht zu leiden, zum Schutz. Und von diesem Schutz sind einige Heilmittel, sowohl göttliche als menschliche, andere Abwehrmittel. Und von den Abwehrmitteln sind einige Rüstungen für den Krieg, andere sind Einhegungen. Von diesen Einhegungen [D] sind einige Vorbauungen gegen den Einblick, andere sind Sicherungen gegen Hitze und Ungewitter. Von diesen Sicherungen sind einige was wir Obdach, andere was wir Umhüllungen nennen. Die Umhüllungen sind einige Unterlagen, andere zum Bedecken. Von denen zum Bedecken manche aus einem Stück, andere zusammengesetzt. Die zusammengesetzten teils gelocht, teils ohne Lochung verbunden, und von den ungelochten einige aus dem Baste der Pflanzen, andere von Haaren, und die härenen teils mit Wasser und Erde geklebt, teils durch [E] sich selbst verbunden. Eben diese nun, aus durch sich selbst verbundenem gefertigten Abwehrmitteln und Umhüllungen, nennen wir Kleider. Die diese Kleider besorgende Kunst wollen wir, wie wir dort, die den Staat besorgende, die Staatskunst nannten, [280 St.2 A] so auch diese, von der Sache selbst, die Kleidermacherkunst nennen. Und wollen auch sagen, dass die Weberei, inwiefern sie bei Verfertigung der Kleider bei weitem das wichtigste Stück ist, gar nicht als nur dem Namen nach von dieser Kleidermacherkunst unterschieden ist, so wie dort die königliche von der Staatskunst.

DER JÜNGERE SOKRATES: Vollkommen richtig.

GAST: Und nun lasse uns das weitere bedenken, dass nämlich diese so beschriebene Weberei der Kleider einer wohl für hinlänglich erklärt halten würde, der nämlich nicht bemerken könnte, dass sie von ihren nächsten Gehilfinnen noch nicht ausgeschieden, wenn gleich von vielem Verwandten [B] abgeteilt ist.

DER JÜNGERE SOKRATES: Von was für Verwandten, sage.

GAST: Du bist dem Gesagten nicht gefolgt wie es scheint. Also müssen wir wohl noch einmal zurückgehen vom Ende anfangend, ob du etwa das Verwandte gewahr wirst, das wir jetzt eben von ihr abgeteilt haben, nämlich die Verfertigung der Teppiche, welche wir absonderten, da sie untergelegt, jene aber angelegt werden.

DER JÜNGERE SOKRATES: Ich verstehe.

GAST: Auch jede Bereitung aus Lein und Hanf und allem, was wir in der Erklärung Pflanzenbast [C] nannten, haben wir weggenommen, auch alles Filzen haben wir ausgeschieden und was mittelst Lochung und Naht die Teile verknüpft, wovon das meiste die Lederarbeit ist.

DER JÜNGERE SOKRATES: Allerdings.

GAST: Eben so die Bearbeitung der Häute zu Bedeckungen aus einem Stück, und alle Arten von Obdach, sowohl welche die Baukunst und die Tischlerei zu Bauten errichten, als auch, was andere einhegende Künste hervorbringen, um gegen Diebereien und gewalttätige Handlungen zu schützen, und alle welche sich damit beschäftigen, Kisten und Deckel zu verfertigen und die Befestigungen der Türen, und alle welche [D] sich abteilen lassen als Teile der Kunst, die sich der Nägel bedient. Ferner haben wir die Verfertigung der Waffen abgeschnitten als einen Ausschnitt der großen und mannigfaltigen Kunst der Abwehrungsmittel, ja auch jene Kocherei, welche es mit den Arzneimitteln zu tun hat, haben wir gleich Anfangs gänzlich abgeschieden, und haben, wie wir denken sollten, nur [E] eben die gesuchte gegen die Witterung schützende und wollene Umwürfe verfertigende allein übrig gelassen, welche die Weberei genannt wird.

DER JÜNGERE SOKRATES: So scheint es allerdings.


GAST: Aber vollständig ist dies noch gar nicht erklärt, o Jüngling. Denn wer ganz zuerst an Verfertigung der Kleider Hand anlegt, [281 St.2 A] scheint doch ganz das Gegenteil des Webens zu verrichten.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie so?

GAST: Das Weben ist doch ein Zusammenflechten?

DER JÜNGERE SOKRATES: Ja.

GAST: Jenes aber ist vielmehr eine Trennung des zusammenhängenden und zusammengefilzten.

DER JÜNGERE SOKRATES: Welches denn?

GAST: Das Geschäft des Zuschneiders. Oder sollen wir wagen dies Weberei und den Zuschneider wirklich Weber zu nennen?

DER JÜNGERE SOKRATES: Keineswegs.

GAST: Und wenn jemand wiederum das Spinnen des Fadens zur Kette sowohl als das Zuschneiden Weberei nennen wollte, so würde der sich auch [B] eines ungewöhnlichen und falschen Namens bedienen.

DER JÜNGERE SOKRATES: Freilich wohl.

GAST: Und wie, alles Zuschneiden und Ausbessern sollen wir das nicht als eine Besorgung und Pflege der Kleider setzen? Oder auch dies alles als Weberei aufstellen?

DER JÜNGERE SOKRATES: Keineswegs.

GAST: Aber doch werden diese alle, die Besorgung und Entstehung der Kleider wohl der Weberei streitig machen, den größten Teil freilich ihr überlassend, aber auch einen großen sich zuschreibend.

DER JÜNGERE SOKRATES: Freilich.

GAST: Überdies ist anzunehmen, dass dann auch die Künste, [C] welche die Werkzeuge verfertigen, mit denen die Geschäfte bei dem Gewebe verrichtet werden, auch werden Miturheberinnen sein wollen bei jedem Gewebe.

DER JÜNGERE SOKRATES: Ganz recht.

GAST: Wird nun wohl die Erklärung der Weberei welche wir als besonderen Teil gewählt, hinlänglich bestimmt sein, wenn wir sie unter allen Besorgungen für die wollenen Gewande nur als die schönste und größte angeben? Oder würden wir dann zwar wohl etwas richtiges sagen, genaues und vollständiges aber nicht, ehe als wir auch diese alle abgesondert haben?

DER JÜNGERE SOKRATES: Gewiss.

GAST: Ist dies also nun zu verrichten, was wir eben sagen, damit uns die Rede weiter gedeihe? DER JÜNGERE SOKRATES: Freilich.

[D] GAST: Zuerst also lasse uns zweierlei Künste bei allem was gemacht wird betrachten.

DER JÜNGERE SOKRATES: Was für welche?

GAST: Die eine ist an einem Entstehen Mitverursacher, die andere Verursacher selbst.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie das?

GAST: Solche Künste, welche die Sache nicht selbst verfertigen, den Verfertigenden aber Werkzeuge erstellen, ohne deren Anwendung das jeder Kunst Anheimfallende nicht könnte verfertigt werden, diese nenne ich Mitverursacher, die aber welche die Sache selbst verfertigen, Verursacher.

DER JÜNGERE SOKRATES: [E] Das hat freilich Grund.

GAST: Demnächst also wollen wir die, von denen die Spinnrocken und Weberladen herrühren, und was für Werkzeuge sonst noch an der Entstehung der Bekleidungen Teil haben, alle Mitverursacher nennen, die aber sie selbst behandeln und verfertigen, Verursacher.

DER JÜNGERE SOKRATES: Ganz richtig.


GAST: Von denen nun, welche [282 St.2 A] Verursacher sind, wollen wir das Waschen und Ausbessern und alle ähnlichen Besorgungen, weil die Putzkunst sehr ausgebreitet ist, als den hierher gehörigen Teil derselben zusammenfassen, und alle zusammen benennen nach der Walkerei.

DER JÜNGERE SOKRATES: Gut.

GAST: Wiederum das Krempeln und Spinnen und alle Schritte der Verfertigung des Kleides selbst, wovon wir reden, diese alle bilden zusammen eine Kunst unter allen angegebenen, welche die Wollzeugbereitung genannt wird.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie sollte sie auch anders!

GAST: Die Wollzeugbereitung habe uns aber wieder zwei Abschnitte, deren jeder zugleich ein Teil von zwei Künsten ist.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie das?

GAST: Das Krempeln und die eine Hälfte der Bearbeitung [B] auf dem Webstuhl, und was sonst das vereinigte trennt, alles dies gehört, wenn man es in eines zusammenfassen will, freilich zur Zeugbereitung selbst, aber dann gibt es doch auch noch zwei sehr weit über alles verbreitete Künste, die verbindende und die trennende?

DER JÜNGERE SOKRATES: Ja.

GAST: Das Krempeln also und das eben erwähnte alles gehört zur trennenden. Denn das Trennen der Wolle und der Fäden, welches mit der Weberlade auf eine Art geschieht, mit den Händen auf eine andere, dies führt eben die jetzt genannten Namen.

DER JÜNGERE SOKRATES: Allerdings.

GAST: Eben so werden wir wiederum einen Teil der verbindenden Kunst auch in der Wollbereitung finden, und wollen daher [C] was von ihr zur trennenden gehört alles zusammenholen, und so die Wollzeugbereitung aufteilen in einen trennenden und einen verbindenden Teil.

DER JÜNGERE SOKRATES: So sei sie dann geteilt.

GAST: Aber auch den verbindenden zur Wollzeugbereitung gehörigen Teil, o Sokrates, wirst du teilen müssen, wenn wir recht genau die vorhin beschriebene Weberei finden wollen.

DER JÜNGERE SOKRATES: So müssen wir es denn.

GAST: Wir müssen es freilich, und sagen, der eine Teil sei der drehende, der andere der flechtende.

DER JÜNGERE SOKRATES: Verstehe ich recht? Mich dünkt nämlich du nennt den, [D] der es mit Verfertigung des Fadens zur Kette zu tun hat, den drehenden.

GAST: Nicht zur Kette allein, sondern auch zum Einschlag. Oder werden wir irgend finden, dass dieser ohne Drehen entstehe?

DER JÜNGERE, SOKRATES: Gewiss nicht.

GAST: Teile aber auch wieder jeden von diesen, denn diese Teilung könnte dir sehr zustatten kommen.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie denn?

GAST: So. Das Werk des Wollkremplers, in die Länge und in die Breite zu ziehen, nennen wir den Wocken.

DER JÜNGERE SOKRATES: Ja.

GAST: Was nun hiervon mit der Spindel zu einem starken Faden gedreht wird, das nenne das Gespinst zur Kette, und die Kunst, die dieses sauber anfertigt, die Kettenspinnerei.

DER JÜNGERE SOKRATES: [E] Richtig.

GAST: Was aber nur lose zusammengedreht wird und bei der Bearbeitung des Walkers die zur Einflechtung in die Kette angemessene Weichheit erhält, dieses Gespinst ist das für den


Einschlag, und die Kunst, der es anheimfällt, [283 St.2 A] wollen wir die Einschlagspinnerei nennen.

DER JÜNGERE SOKRATES: Ganz richtig.

GAST: Und nun ist der Teil der Weberei, den wir bestimmen wollten, schon jedem klar. Nämlich wenn der, in der Wollzeugbereitung sich findende Teil der verbindenden Kunst durch gerades einschießen des Einschlages in die Kette ein Geflecht hervorbringt, so wird nun das gesamte Geflecht das wollene Gewebe sein, und die hierzu gesetzte Kunst nennen wir die Weberei.

DER JÜNGERE SOKRATES: Ganz richtig.

GAST: Warum haben wir aber nicht gleich geantwortet, die Weberei sei die Verflechtung des Einschlages [B] und der Kette, sondern sind in einem weiten Kreise herumgegangen, gar vieles unnützerweise beschreibend?

DER JÜNGERE SOKRATES: Unnützerweise scheint, mir wenigstens, nichts gesagt zu sein von dem was wir gesagt haben.

GAST: Das ist wohl auch kein Wunder, aber es könnte dir doch so scheinen. Gegen dieses Übel nun, wenn es dir vielleicht in Zukunft wieder begegnen sollte, denn auch das wäre kein Wunder, höre eine Überlegung, die auf alles dergleichen angewendet zu werden, wohl verdient.

DER JÜNGERE SOKRATES: Sage sie nur.

GAST: Zuerst also lasse uns überhaupt sehen, was Übermaß und Mangel ist, damit wir mit Grund loben und tadeln, [C] was in solchen Untersuchungen über das sinnvolle hinaus gesagt wird, und was entgegengesetzt.

DER JÜNGERE SOKRATES: Das wollen wir dann.

GAST: Wenn also unsere Überlegung auf diese Dinge selbst ginge, würde sie den rechten Weg einschlagen.

DER JÜNGERE SOKRATES: Auf welche?

GAST: Auf Länge und Kürze und überhaupt auf jedes Übermaß und Mangel. Auf alles dies geht aber doch eben die Messkunst?

DER JÜNGERE SOKRATES: Ja.

GAST: Lasse sie uns also in zwei Teile teilen, denn das bedürfen wir zu unserm jetzigen Behuf.

DER JÜNGERE SOKRATES: Sage nur wie die Teilung [D] geschehen soll.

GAST: So. Der eine Teil bezieht sich auf das Verhältnis zueinander hinsichtlich Größe und Kleinheit, der andere auf die Beziehung einer Sache auf den Zweck seines Werdens.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie meinst du das?

GAST: Dünkt dich nicht notwendig, dass man sagen müsse, das Größere sei nichts anderes, als größer als das Kleinere? Und das Kleinere wiederum kleiner als das Größere und nichts anderes?

DER JÜNGERE SOKRATES: Das dünkt mich allerdings.

GAST: Wie aber? Was in Worten oder in Werken das Angemessene übertrifft oder davon übertroffen wird, müssen wir das nicht auch beschreiben als ein wirklich Werdendes, wodurch ja auch insbesondere die Guten und die Bösen unter uns sich voneinander unterscheiden?

DER JÜNGERE SOKRATES: Offenbar.

GAST: Diese [E] zwei verschiedenen Arten und ihre Beurteilung, müssen wir also annehmen für das Große und Kleine, und nicht, wie wir vorher sagten, nur ihr Verhältnis zueinander, sondern vielmehr, wie es jetzt erklärt worden, ist die eine im Verhältnis beider aufeinander, die andere in ihrem Verhältnis auf das Angemessene zu setzen. Weshalb aber, wollen wir das untersuchen?

DER JÜNGERE SOKRATES: Warum nicht?

GAST: Wenn jemand nicht zugeben will, dass der Begriff des Größeren sich auf etwas anderes bezieht als auf das Kleinere, [284 St.2 A] so wird er sich nie auf das Angemessene einlassen. Nicht wahr?

 

DER JÜNGERE SOKRATES: Gewiss.

GAST: Und würden wir nicht die Künste selbst und alle ihre Werke zerstören durch diese Behauptung, und wird uns nicht eben auch die jetzt gesuchte Staatskunst und die vorher erklärte Weberkunst verschwinden? Denn alle solche suchen, was größer oder geringer als das Angemessene ist, nicht als nicht Seiendes, sondern als für ihre Tätigkeit verderblich zu vermeiden, und nur indem sie auf diese Weise das Angemessene bewahren, vollbringen sie alles Gute und Schöne.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie könnten sie anders?

GAST: Machen wir aber, dass die Staatskunst uns verschwindet, so bleibt unsere Untersuchung ohne Ergebnis.

DER JÜNGERE SOKRATES: [B] Gewiß.

GAST: Sollen wir nun, wie wir bei dem Sophisten durchsetzten, dass das Nichtseiende ist, weil dahin allein die Rede sich retten konnte, so auch jetzt durchsetzen, das Mehr und Weniger müsse messbar sein, nicht nur gegeneinander, sondern auch im Verhältnis zu dem zu erzielenden Angemessenen? Denn unmöglich kann weder ein Staatsmann noch irgendein anderer von denen, die es mit Handlungen zu tun haben, unbestritten ein wahrhaft Kundiger sein, wenn dies nicht zugestanden wird.

DER JÜNGERE SOKRATES: Also müssen wir auf alle Weise auch jetzt dasselbe tun.

GAST: Nur noch größer ist diese Aufgabe, o Sokrates, als jene, und wir erinnern uns doch noch an jene, wie lang sie währte. [C] Aber voraussetzen können wir folgendes wohl mit allem Recht.

DER JÜNGERE SOKRATES: Was doch?

GAST: Dass allerdings das Erörterte nötig sein wird zur Verfolgung der zuerst gestellten Aufgabe. Dass es aber zu unserem jetzigen Bedarf schön und genügend gezeigt ist, dazu scheint diese Überlegung uns gut zu helfen, dass man doch auf gleiche Weise annehmen muß, dass alle Künste bestehen, indem Größeres und Kleineres messbar ist, nicht nur gegeneinander, [D] sondern auch zur Erzielung des Angemessenen. Denn wenn dies stattfindet, können auch jene bestehen, und bestehen jene, so muss auch dieses sein, ist aber eines von beiden nicht, so kann auch keines von beiden jemals sein.

DER JÜNGERE SOKRATES: Das ist richtig, allein was folgt weiter?

GAST: Offenbar werden wir nun die Messkunst auf die Art wie jetzt erklärt ist, in zwei teilen, als den einen Teil derselben alle Künste setzend, welche Zahlen, Längen, Breiten, Tiefen und Geschwindigkeiten gegen ihr Gegenteil abmessen, als den andern Teil alle, die das Angemessene und Schickliche und Gebührliche [E] abmessen gegen das was ist und dem ihm Entgegengesetzten, da es zwischen diesen liegt.

DER JÜNGERE SOKRATES: Gar groß ist jeder von diesen Abschnitten und gar weit unterschieden einer vom andern.

GAST: Denn was bisweilen, o Sokrates, viele preiswürdige Männer sagen in der Meinung etwas recht weises vorgetragen zu haben, [285 St.2 A] dass nämlich die Messkunst auf alles Werdende geht, das ist eben dies jetzt erklärte. Denn Messung findet gewissermaßen bei allem Kunstmäßigen statt. Weil sie aber nicht gewöhnt sind, was sie betrachten, nach Arten einzuteilen, so werfen sie diese so sehr voneinander verschiedenen Dinge zusammen, und halten sie für ähnlich, ebenso tun sie dann auch wieder das Gegenteil, indem sie anderes gar nicht nach einer ordentlichen Teilung voneinander trennen, da doch, wer zuerst die Gemeinschaft zwischen vielen [B] bemerkt, nicht eher ablassen sollte, bis er alle Verschiedenheiten in derselben gesehen hat, so viele nur ihrer auf Begriffen beruhen, und wiederum wenn die mannigfaltigen Unähnlichkeiten an einer Mehrheit erschienen sind, man nicht im Stande sein sollte, eher sich zu scheuen und aufzuhören, bis man alles verwandte innerhalb einer Ähnlichkeit eingeschlossen und unter das Wesen einer abgeteilten Art gefasst hat. Dies sei nun aber hierüber und über Mangel und Übermaß zur Genüge gesprochen. Nur dies lasse uns in Acht nehmen, [C] dass wir zwei Arten


der Messkunst dafür gefunden haben, und lasse uns erinnern worin wir sagten, dass beide bestehen.

DER JÜNGERE SOKRATES: Das wollen wir erinnern.

GAST: Nach dieser Erklärung nun, lasse uns eine andere hinzufügen, über unsere Untersuchung selbst, und über jede Behandlung in derartigen Fragen.

DER JÜNGERE SOKRATES: Was doch für eine?

GAST: Wenn uns jemand fragte über den Unterricht derer, welche die Buchstaben lernen, ob, wenn einer bei irgend einem Worte gefragt wird, aus was für Buchstaben es bestehe, wir dann sagen wollen, die Frage geschehe wegen des einen aufgegebenen, oder vielmehr damit er bei allen, die aufgegeben werden können, [D] sprachkundiger werde?

DER JÜNGERE SOKRATES: Deshalb offenbar damit er es bei allen werde.

GAST: Und wie? Unsere Frage über den Staatsmann ist sie uns mehr um seinetwillen selbst aufgegeben worden, oder damit wir in allem dialektischer werden?

DER JÜNGERE SOKRATES: Offenbar auch dies um es in allem zu werden.

GAST: Gewiß suchen wir doch, wenn wir noch bei Vernunft sind, [E] die Erklärung der Weberei nicht deshalb, dass wir die Weberei erklären können. Aber das, befürchte ich, merken die meisten nicht, dass einige Dinge leicht zu erkennende zur Wahrnehmung gehörige Ähnlichkeiten an sich tragen, welche es dann gar nicht schwer ist aufzuzeigen, wenn jemand einem, der Rechenschaft über etwas verlangt, nicht auf eine mühsame Weise, sondern ohne Erklärung leicht etwas darüber deutlich machen will. Und dass aber von den größten und wichtigsten Dingen es kein anschauliches [286 St.2 A] Bild für die Menschen gibt, durch dessen Aufzeigung, wer die Seele eines Forschenden befriedigen will, wenn er es etwa irgend einem Sinne vorhielte, sie hinlänglich befriedigen könnte. Deshalb muss man darauf bedacht sein, von jedem Erklärung geben und auffassen zu können. Denn das Unkörperliche als das Größte und Schönste, wird nur durch Erklärung und auf keine andere Weise deutlich gezeigt. Und hierauf bezieht sich alles jetzt Gesagte, aber die Übung ist in allen Stücken leichter am geringeren [B] als am größeren.

DER JÜNGERE SOKRATES: Gut gesagt.

GAST: Weshalb wir nun dieses alles vorgetragen, lasse uns ja nicht vergessen. DER JÜNGERE SOKRATES: Weshalb also?

GAST: Zunächst, und nicht am wenigsten, wegen eben jener Beschwerde über jene Weitläufigkeit in der Erklärung der Weberei, die wir gar beschwerlich empfunden haben, und wegen der von der Umwälzung des Ganzen, und wegen der über das Sein des Nichtseienden beim Sophisten, indem wir bemerkten wie sehr lang dies alles war. Und über alles dieses haben wir uns [C] Vorwürfe gemacht, besorgend, dass wir außer lang auch ungehörig sprächen. Damit wir aber in Zukunft nicht wieder einen solchen Umweg nehmen müssen, deshalb, sage, haben wir dies alles erörtert.

DER JÜNGERE SOKRATES: Das soll geschehen, sprich nur weiter.

GAST: Ich sage demnach, dass wir, du und ich, uns des jetzt Gesagten zu erinnern und immer Lob und Tadel über Länge und Kürze, wovon wir auch jedesmal reden mögen, zu erteilen haben, nicht nach Beurteilung der Längen im Vergleich miteinander, sondern zufolge jenes Teiles der Messkunst, [D] welchen wir uns damals merken wollten, nach dem Schicklichen.

DER JÜNGERE SOKRATES: Richtig.

GAST: Aber auch danach darf man nicht nach alles beurteilen. Denn der angemessenen Größe, der Wohlgefälligkeit halber, werden wir nicht anders bedürfen als nur nebenbei, und ebenso auch für die Untersuchung des unmittelbar Aufgegebenen. Das Ergebnis aufs leichteste und schnellste zu finden, gebietet unsere Untersuchung uns nicht als das erste, sondern nur als das zweite zu schätzen, am meisten aber, und zuerst, das Verfahren selbst in Ehren zu halten, dass man der Teilung nach Arten [E] mächtig ist, und daher auch eine Untersuchung, wenn sie auch noch so lang dauert, um die Vorstellungskraft der Hörer zu steigern, dennoch zu verfolgen und über die Länge nicht unwillig zu sein, und wiederum wenn sie nur kurz sein darf, ebenso. Ferner auch,


dass wer in solchen Verhandlungen die Länge der Reden tadelt und das Herumgehen im Kreise sich nicht will gefallen lassen, dass der keineswegs nur so geradezu das Gesprochene abzutun und [287 St.2 A] zu tadeln habe, dass es zu lang sei, sondern auch zu bedenken, dass er zeigen müsse, wie es kürzer könnte gewesen sein und doch die Unterredenden dialektischer gemacht haben und erfinderischer in der Kundmachung der Dinge durch die Rede, und dass wir auf anderes Lob und Tadel, wobei auf etwas anderes gesehen wird, uns gar nicht zu bekümmern haben, vielmehr tun können als ob wir auf solche Reden ganz und gar nicht hörten.

Hiervon sei es nun genug, wenn auch du so meinst. Lass uns jetzt wieder [B] zum Staatsmann zurückkommen und das vorher durchgeführte Beispiel der Weberei an ihm versuchen.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wohl gesprochen, und lass uns tun was du sagst.

GAST: Nicht wahr, von vielen Künsten welche ebenfalls Hüterinnen sind, oder vielmehr von allen, welche mit Herden zu tun haben, ist der Herrscher uns schon abgesondert? Es sind uns nur noch übrig, müssen wir sagen, die im Staate zu den Mitverursachern und Verursachern gehören, welche wir zuerst voneinander trennen müssen.

DER JÜNGERE SOKRATES: Richtig.

GAST: Nun weißt du wohl, dass es schwer ist, sie in zwei Teile zu teilen, und auch die Ursache davon wird uns, denke ich, wenn wir weiter gehen, nicht minder deutlich werden.

DER JÜNGERE SOKRATES: So [C] wollen wir es denn so tun.

GAST: Gliederweise wollen wir sie also, wie die Opfer, zerteilen, da es in die Hälften nicht gehen will. Denn in das, dem möglichst nahe liegende, muss man immer zerteilen.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie wollen wir das also jetzt machen?

GAST: Wie vorher, wo wir doch alle, welche nur Werkzeuge für die Weberei hergaben, als Mitverursacher setzten.

DER JÜNGERE SOKRATES: Ja.

GAST: Dasselbe müssen wir nun auch jetzt, und zwar noch mehr als damals, tun. Die nur irgend ein, sei es nun kleines oder großes Werkzeug im Staat verfertigen, diese müssen wir insgesamt als Mitverursacher [D] setzen. Denn ohne diese könnte weder ein Staat noch eine Staatskunst jemals bestehen, aber keines davon können wir doch als ein Werk der Herrscherkunst ansehen.

DER JÜNGERE SOKRATES: Freilich nicht.

GAST: Allein etwas schwieriges unternehmen wir zu tun durch Absonderung dieser Art von den übrigen. Denn von welchem Dinge man auch sagt, dass es Werkzeug für ein gewisses anderes sei, wird das immer ganz glaubhaft gesagt scheinen. Dennoch aber wollen wir von anderen Dingen im Staate dieses behaupten.

DER JÜNGERE SOKRATES: Was doch meinst du?

GAST: Jene Art, die nicht diese Eigenschaft hat. [E] Denn nicht um Ursache zu sein, dass etwas entstehe wird sie erstellt, wie ein Werkzeug, sondern zu des bereits verfertigten Staates Erhaltung.

DER JÜNGERE SOKRATES: Was meinst du doch damit?

GAST: Was für trockenes und nasses, für im Feuer gewesenes und nicht darin gewesenes auf mannigfaltige Weise verfertigt und mit einem Namen Gefäß genannt wird, ein gar weitläufiger Begriff, der mit unserer gesuchten Wissenschaft, [288 St.2 A] wie ich glaube, gar nichts zu schaffen hat.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie sollte er auch?

GAST: Ferner ist eine dritte, von diesen verschiedene, Art von Sachen häufig zu sehen zu Land und zu Wasser, teils weit umherschweifend, teils nicht, teils kostbar, teils geringwertig, einen Namen aber führend, weil es insgesamt um etwas bei sich aufzunehmen ein Sitz für etwas wird.

DER JÜNGERE SOKRATES: Was doch meinst du?

GAST: Was wir Fahrzeug nennen, und was gar nicht der Staatskunst Werk ist, sondern weit mehr des Zimmermanns und Töpfers und Metallarbeiters.

 

DER JÜNGERE SOKRATES: Ich verstehe.

GAST: Und wie? Sollen wir nicht als eine andere vierte Art diejenige angeben, wozu das meiste von dem vorher schon [B] erwähnten gehört, alles was Kleidung ist, und die meisten Waffen und Mauern, und alles was aufgeworfen wird aus Erde und Steinen, und vielerlei anderes? Da es aber insgesamt um etwas zu umgeben und zu decken verfertigt wird, könnte man es im allgemeinen und mit allem Recht Bedeckung nennen und es bei weitem mehr für das Werk der Baukunst und der Weberei halten, als der Staatskunst.

DER JÜNGERE SOKRATES: Allerdings.

GAST: Wollen wir nun etwa als das fünfte alles, was zum Schmuck gehört, aufstellen, und die Malerkunst, und was durch Anwendung dieser Kunst und der Tonkunst als Nachbildung nur zu unserem Vergnügen hervorgebracht und mit Recht unter [C] einem Namen begriffen wird?

DER JÜNGERE SOKRATES: Unter welchem?

GAST: Vergnügungsdinge nennt man doch etwas?

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie sollte man nicht!

GAST: Und das wird sich eben als gemeinschaftlicher Name für dies alles schicken. Denn nie wird etwas davon einer ernsten Sache wegen, sondern nur zum Vergnügen gemacht.

DER JÜNGERE SOKRATES: Auch das verstehe ich wohl.

GAST: Was nun aber dem allen Körper gibt, woraus und womit alle erwähnten Künste arbeiten, und was wiederum als mannigfaltige Art ein Erzeugnis vieler anderen Künste ist, [D] sollen wir das nicht als das sechste setzen?

DER JÜNGERE SOKRATES: Was meinst du wohl?

GAST: Gold und Silber und was sich sonst hämmern lässt, und was die Holzschläger und Scherer abschneidend den zimmernden und flechtenden Künsten liefern, und die Baumschäler welche den Gewächsen, so wie die Lederarbeiter welche den belebt gewesenen Körpern die Haut abziehen, und alle Künste welche sich mit dergleichen abgeben, wie auch die den Kork und die Schreiberollen und die Riemen verfertigenden, was diese alle liefern, um zusammengesetztes verschiedener Art aus allen Arten des nichtzusammengesetzten zu verfertigen, dies alles [E] nennen wir als eines, den ursprünglichen und unzusammengesetzten Rohstoff für die Menschen, keineswegs aber ein Werk der Herrscherkunst.

DER JÜNGERE SOKRATES: Schön.

GAST: Dann wieder das Gewinnen der Nahrung, und was, in den Leib eingebracht, durch seine Teile die Teile des Leibes irgend zu stärken ein Vermögen besitzt, dies nennen wir insgesamt als das siebente die Nahrung, [289 St.2 A] wenn wir nicht einen anderen schöneren Namen haben. Und wenn wir dies der Kunst des Landbaues und der Jagd und der Leibesübungen und der Heilkunst und Kochkunst anweisen, werden wir es richtiger stellen als unter die Staatskunst.

DER JÜNGERE SOKRATES: Das gewiss.

GAST: Nun, glaube ich, dass fast alles, was man besitzen kann, außer den zahmen Tieren, in diesen sieben Arten zu finden ist. Sieh nur noch einmal zu. Es sollte nämlich richtiger zuerst oben an stehen der Rohstoff, nächst diesem das Werkzeug, das Gefäß, das Fahrzeug, die Bedeckung, das Unterhaltende, die Nahrung. Wir übergehen aber, wenn uns etwa manches unwichtige entgangen ist, was sich in eines von diesen größeren [B] nicht fügen kann, wie das Gebiet des Geldes, der Insiegel und aller aufgedrückten Zeichen. Denn für diese ist keine unter jenen großen Gattungen ganz angemessen, sondern einiges davon würde sich zum Schmuck anderes zu den Werkzeugen, mit Gewalt zwar, aber doch ganz gewiss, ziehen lassen und zusammenstimmen. Was aber zum Besitz der zahmen Tiere gehört, wenn man die Knechte ausnimmt, das wird die Herdenzucht, wie wir sie vorher eingeteilt haben, wohl ganz in sich befassen.

DER JÜNGERE SOKRATES: Allerdings.

GAST: Nun sind also noch die Knechte [C] und alle anderen Diener übrig, unter denen ich wohl ahne, dass sich uns auch die zeigen werden, die sich auch, wie die Weberei selbst, mit dem


Herrscher streiten, wie vorher mit dem Weber die, welche das Spinnen und Wollkämmen und anderes erwähnte, treiben. Die übrigen alle sind als Mitverursacher bezeichnet, schon mit den eben erwähnten Werken abgetan und von der herrschenden und staatskünstlerischen Tätigkeit abgesondert.

DER JÜNGERE SOKRATES: Das scheinen sie wenigstens.

GAST: Lasse uns also die noch übrigen betrachten und zwar nahe hinzutretend, damit wir sie fester ins Auge fassen.

DER JÜNGERE SOKRATES: Das müssen wir freilich.

GAST: Bei den hauptsächlichsten Dienern, [D] von hier aus gesehen, werden wir freilich eine ganz entgegengesetzte Tätigkeit und solches Leben finden, als uns jetzt ahndete.

DER JÜNGERE SOKRATES: Welche meinst du?

GAST: Die erkauften, verkäuflichen und auf diese Art erwerblichen, welche wir ohne Widerrede Knechte nennen und von ihnen sagen dürfen, dass sie am wenigsten Anspruch machen auf die Herrscherkunst.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie sollten wir das nicht?

GAST: Und wie? Diejenigen Freien, welche sich den eben erwähnten, freiwillig zugesellen in der Dienstbarkeit, des Ackerbaues und der andern Künste Erzeugnisse einander zutragend und gegeneinander austauschend, [E] die einen auf dem Markte, die andern von Stadt zu Stadt ziehend über See und zu Lande, und Geld gegen Waren oder auch gegen sich selbst umsetzend, welche wir Geldwechsler und Großhändler, Schiffsherren, [290 St.2 A] Zuträger und Krämer nennen, sollten die sich wohl irgend dazu drängen zur Staatskunst zu gehören?

DER JÜNGERE SOKRATES: Vielleicht wohl zu der der Kaufleute.

GAST: Niemals aber werden wir doch, die wir als Söldner dienen sehen und als jedem bereitwillige Tagelöhner zugleich als solche erfinden, auf die Herrscherkunst Anspruch machen.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie sollten wir wohl!

GAST: Und wie? Etwa diejenigen, welche uns dergleichen Dienste zu leisten pflegen? DER JÜNGERE SOKRATES: Wen? Und was für Dienste meinst du?

GAST: Die, zu denen das Geschlecht der Herolde gehört, und die sich auf öffentliche Schriften verstehen und uns damit oft Dienste leisten, und manche andere, [B] die vielerlei anderes für die öffentlichen Gewalten mühsam auszurichten gar trefflich sind, wie sollen wir die nennen?

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie du schon sagtest, Diener, nicht Herrscher in den Staaten selbst.

GAST: Aber ich habe doch wohl nicht ein Traumgesicht gesehen, dass ich sagte, hier würden sich uns wohl die zeigen, welche ganz besonders mit der Herrscherkunst im Streit begriffen wären? Wiewohl es freilich ganz ungereimt scheinen kann, diese in irgendeinem dienenden Stande suchen zu wollen.

DER JÜNGERE SOKRATES: Freilich wohl.

GAST: Lass uns also noch näher [C] an die noch nicht geprüften uns heranmachen. Da sind zuerst die, welche an der Seherkunst einen Teil einer dienenden Wissenschaft besitzen. Denn für Sprecher der Götter bei den Menschen werden sie ja gehalten?

DER JÜNGERE SOKRATES: Ja.

GAST: Eben so dann auch das Geschlecht der Priester erst, wie die bestehende Meinung sagt von unserer Seite, Geschenke an Opfern für die Götter nach ihrem Sinne zu schenken, und von ihrer Seite uns durch Gebete den Besitz des Guten zu erflehen. Und dies sind doch wohl beides Teile einer dienenden Kunst?

DER JÜNGERE SOKRATES: Offenbar ja wohl.

GAST: Endlich also scheinen wir doch [D] nun eine Spur, der wir nachgehen können, gefunden zu haben. Denn Priester und Sehen haben ja ein sehr verständiges Ansehen und genießen eine hohe Achtung wegen der Wichtigkeit ihrer Tätigkeit. So dass in Ägypten kein König ohne Priestertum


regieren darf, sondern wenn auch etwa einer aus einer anderen Klasse die Regierung an sich gerissen hat, so muss er doch notwendig noch nachher in dies priesterliche eingeweiht werden. Auch unter den Hellenen findet man häufig, dass den höchsten obrigkeitlichen Personen die wichtigsten [E] solcher Opfer zu verrichten übertragen sind. Ja auch bei euch liegt ja dies nicht weniger zu Tage. Denn wen das Los zum Archon, der König genannt wird, macht, dem, sagt man, wären hier die feierlichsten und althergebrachten Opfer übertragen.

DER JÜNGERE. SOKRATES: Allerdings.

GAST: Diese [291 St.2 A] also, die durch Los ernannten Könige und die Priester und ihre Diener und noch eine große Menge anderer, die uns jetzt erschienen sind, müssen wir betrachten, nach gänzlicher Absonderung aller vorigen.

DER JÜNGERE SOKRATES: Welche meinst du nur? GAST: Einige gar wunderliche.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie so?

GAST: Eine gar kunterbunte Sorte, wie sich gleich auf den ersten Anblick zeigt. Denn viele der Männer gleichen den Löwen und Kentauren und anderen der Art, gar viele aber auch den Satyrn und den kleineren, aber gewandteren Tieren, oft verwandeln sie sich auch [B] aus einer Gestalt und Eigenschaft in die andere. Kurz jetzt, o Sokrates, glaube ich die Männer endlich erblickt zu haben.

DER JÜNGERE SOKRATES: Sprich nur. Denn du scheinst etwas gar wunderliches zu sehen.

GAST: Freilich, denn wunderliches kommt allen aus der Unwissenheit her. Ist mir doch noch jetzt dasselbe gar plötzlich begegnet. Denn ich war ganz zweifelhaft als ich den Chor, der mit den Staatsangelegenheiten sich beschäftigt, erblickte.

DER JÜNGERE. SOKRATES: Welchen doch?

GAST: Den größten Gaukler unter allen Sophisten und den erfahrensten [C] in diesen Künsten, den wir, wie schwer er auch von den wahrhaften Herrschern und Staatsmännern abzusondern sein mag, dennoch absondern müssen, wenn wir den Gesuchten recht klar sehen wollen.

DER JÜNGERE SOKRATES: Davon dürfen wir aber doch auf keine Weise ablassen. GAST: Gewiss nicht, wenn es nach mir geht. Sage mir also dieses.

DER JÜNGERE SOKRATES: Was doch?

GAST: Ist nicht die Monarchie eine von den Regierungen des Staates?

DER JÜNGERE SOKRATES: Ja.

GAST: Und nächst der Monarchie würde einer, glaube ich, die Obergewalt der Wenigen anführen.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie sollt er nicht?

GAST: Und die dritte Gestalt der Staatsverfassung, ist das nicht die Regierung der Menge, welche Demokratie [D] genannt wird?

DER JÜNGERE SOKRATES: Allerdings.

GAST: Und werden aus diesen nicht gewissermaßen aus dreien fünfe, wenn zwei davon sich aus sich selbst andere hervorbringen?

DER JÜNGERE SOKRATES: Was für welche doch?

GAST: Wenn man doch auf das Gewaltsame und Freiwillige sieht, auf Armut und Reichtum, auf Gesetz und Gesetzlosigkeit, welche in ihnen statthaben, so teilt man jede von den beiden in zweie, und benennt die Monarchie, als begriffe sie zwei Arten, mit zwei Namen, die Tyrannei die eine, die andere das Königtum.

DER JÜNGERE SOKRATES: [E] Richtig.

GAST: Und so auch den von Wenigen beherrschten Staat mit zwei Namen, Aristokratie und Oligarchie.

DER JÜNGERE SOKRATES: Allerdings.


GAST: In der Demokratie aber, mag nun mit Gewalt oder mit ihrem gutem Willen die Menge über die, welche das Vermögen in Händen halten, [292 St.2 A] regieren, und mag sie die Gesetze genau beobachten oder auch nicht, so pflegt sie doch niemals jemand mit einem anderen Namen zu benennen.

DER JÜNGERE SOKRATES: Das ist wahr.

GAST: Wie nun? Glauben wir nun, irgendeine von diesen Staatsverfassungen sei richtig, in wie fern sie durch diese Bestimmungen bestimmt ist, durch die Anzahl, ob es Einer ist oder Wenige oder Viele, oder durch Armut und Reichtum, oder nach dem Gewaltsamen und Freiwilligen, und inwiefern sie schriftliche Satzungen hat oder ohne Gesetze besteht?

DER JÜNGERE SOKRATES: Warum nicht? Und was sollte doch dagegen sein? GAST: Betrachte es nur genauer, indem du mir so folgst.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie doch?

GAST: Ob wir bei dem anfänglich Gesagten bleiben oder davon abgehen wollen? DER JÜNGERE SOKRATES: Von welchem meinst du?

GAST: Die Regierung des Herrschers sagten wir, gehöre in das Gebiet der Wissenschaften. [B] DER JÜNGERE SOKRATES: Ja.

GAST: Und nicht nur eine aus allen, sondern eine sondernde und vorstehende nahmen wir erst aus den anderen heraus?

DER JÜNGERE SOKRATES: Ja.

GAST: Und aus der vorstehenden wiederum eine für unbeseelte Werke und eine für lebendige Wesen, und so sind wir immer weiter teilend bis hierher gekommen, ohne je die Suche nach Wissenschaftlichkeit fahren zu lassen, nur was für eine sie wäre, konnten wir immer noch nicht recht ausmitteln.

[C] DER JÜNGERE SOKRATES: Richtig gesagt.