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Werk:Politikos (Platon)

aus AufEinWort, der freien Forschung

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Politikos

POLITIKOS. (De regno)

Der Staatsmann.

2. Teil: Politikos 2 (Platon)

3. Teil: Politikos 3 (Platon)

POLITIKOS. (De regno)

Der Staatsmann.

Nach der Übersetzung von Friedrich E. D. Schleiermacher

in: Platons Werke. Zweiten Teiles zweiter Band, dritte Auflage, Berlin 1857, bearbeitet.

Durch Anklicken der indizierenden Seitenzahlen im deutschen Text wird die entsprechende Seite mit dem griechischen und lateinischen Text der Didot-Edition angezeigt.

[257 St.2 A] SOKRATES: Gewiss vielen Dank bin ich dir schuldig, o Theodoros, für die Bekanntschaft mit dem Theaitetos, und auch für die mit unserem Gast.

THEODOROS: Und dreifachen wirst du vielleicht schuldig sein, wenn sie dir auch den Staatsmann werden dargestellt haben und den Philosophen.

SOKRATES: Wohl! Sollen wir sagen, lieber Theodoros, dass wir dieses so gehört haben vom Meister der Arithmetik und der Geometrie?

[B] THEODOROS: Wie so, Sokrates?

SOKRATES: Dass er diese Männer alle gleich geschätzt hat, die doch ihrem Werte nach noch weiter voneinander abstehen, als nach dem Verhältnis ihrer Kunst?

THEODOROS: Gar schön bei unserem Gott dem Ammon, o Sokrates, und sehr recht hast du mir das aufgefasst, und mir meinen Fehler im Zusammentun vorgeworfen. Und dich will ich ein andermal schon dafür heimsuchen. [C] Du aber, unser Gastfreund, lass ja noch nicht ab uns gefällig zu sein, sondern wie es dir lieber ist, sei es zuerst den Staatsmann oder den Philosophen, nimm uns nach einander durch.

GAST: Das müssen wir wohl tun, Theodoros, weil wir es einmal unternommen haben, dürfen wir nicht eher ablassen bis wir mit ihnen zu Ende gekommen sind. Allein wie soll ich es mit unserem Theaitetos halten?

THEODOROS: Weshalb?

GAST: Sollen wir ihn nun ausruhen lassen, und diesen seinen Mitschüler Sokrates zuziehen? Oder was rätst du?

THEODOROS: Wie du sagtest, ziehe [D] diesen zu. Denn jung wie sie sind, werden sie jede Anstrengung leichter tragen, wenn sie dazwischen ruhen.

SOKRATES: Mit mir, o Gast, scheinen ja beide eine gewisse Verwandtschaft zu haben. Denn von dem Einen sagt Ihr, Ihr fändet seine Gesichtszüge den meinigen ähnlich, und an dem andern [258 St.2 A] stellt schon der gleichlautende Name und die Anrede eine Angehörigkeit dar. Und Verwandte muss man alle Wege auch im Gespräch gern kennen lernen. Mit dem Theaitetos nun bin ich selbst gestern im Gespräch begriffen gewesen, und jetzt habe ich ihn dir antworten gehört, den Sokrates aber keines von beiden, und ich muss doch auch diesen in Augenschein nehmen. Mir also soll er ein andermal, dir aber jetzt antworten.

GAST: So sei es. Und du, o Sokrates, hörst du was Sokrates sagt? DER JÜNGERE SOKRATES: Ja.

GAST: Und stimmst auch ein zu dem was er sagt?

 

DER JÜNGERE SOKRATES: Allerdings.

GAST: Von deiner [B] Seite scheint also nichts im Wege zu stehen, und noch weniger soll von der meinigen im Wege stehen. Also nach dem Sophisten ist nun notwendig, wie mir scheint, dass wir den Staatsmann aufsuchen. Und sage mir, ob wir ihn auch als einen Kundigen setzen wollen, oder wie?

DER JÜNGERE SOKRATES: Allerdings so.

GAST: Also müssen wir die Kenntnisse einteilen, wie da wir den ersten betrachteten. [C] DER JÜNGERE SOKRATES: Freilich wohl.

GAST: Aber nicht, wie mich dünkt, Sokrates, nach demselben Schnitt.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie sonst?

GAST: Nach einem andern lieber?

DER JÜNGERE SOKRATES: Das lässt sich hören.

GAST: Wo findet nun aber wohl einer den Pfad zur Staatskunst? Denn wir müssen ihn finden und ihn dann ausgesondert von den übrigen mit einer beschreibenden Erklärung bezeichnen, und das übrige abgegrenzte auch mit einem andern Begriff bezeichnend, unsere Seele sich alle Gestalten in zwei Arten [D] eingeteilt denken lassen.

DER JÜNGERE SOKRATES: Das wird nun schon, denke ich, dein Geschäft, o Gastfreund, und nicht das meinige.

GAST: Es muss ja doch, o Sokrates, auch deines sein, wenn es uns klar geworden ist. DER JÜNGERE SOKRATES: Schön gesagt.

GAST: Sind nun nicht die Arithmetik und einige andere ihr verwandten Künste ganz frei von handwerklichen Tätigkeiten, und bewirken uns bloß eine Einsicht?

DER JÜNGERE SOKRATES: So ist es.

GAST: Die Tischlerei aber und alle andern [E] Handwerke haben ihre Erkenntnisse in Handlungen festgehalten, sind mit ihnen zusammengewachsen und gemeinschaftlich zu Stande bringend die durch sie entstehenden körperlichen Dinge, welche vorher nicht waren.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie sonst?

GAST: Auf diese Art also teile uns sämtliche Erkenntnisse, und nenne die eine handelnde, die andere lediglich einsehend.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wohl, diese sollen uns bestehen als der einen gesamten Erkenntnis beide Arten.

GAST: Setzen wir nun den Staatsmann, den König und den Hausherrn alles unter eine Benennung? Oder sollen wir sagen, dies wären so viele Künste als wir Namen genannt haben? Doch folge mir lieber hierher.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wohin?

[259 St.2 A] GAST: So. Wenn von den öffentlich angestellten Ärzten einen Privatarzt gut zu beraten weiß, muss man ihm nicht dennoch den Namen derselben Kunst beilegen, wie dem, welchem er Rat erteilt?

DER JÜNGERE SOKRATES: Ja.

GAST: Und wie? Wer den Beherrscher eines Landes zu beraten versteht, werden wir nicht sagen, dass er die Erkenntnis hat, die der Regierende selbst besitzen sollte?

DER JÜNGERE SOKRATES: Das werden wir sagen.

GAST: Aber die Erkenntnis und Kunst des wahren Königs ist doch die königliche? DER JÜNGERE SOKRATES: Ja.

GAST: Und wer diese besitzt, wird der nicht, er mag nun ein Herrscher sein [B] oder nicht, doch seiner Kunst nach mit Recht ein Herrscher genannt werden?


DER JÜNGERE SOKRATES: Billig wäre es wohl.

GAST: Und mit Hausherrn und Verwalter doch dasselbe?

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie anders?

GAST: Und wie? Sollten wohl ein Hauswesen von weitläufigem Umfang und eine Stadt von geringem Belang sich bedeutend voneinander unterscheiden was die Regierung derselben betrifft?

DER JÜNGERE SOKRATES: Wohl gar nicht.

GAST: Also ist, was wir eben in Erwägung zogen, deutlich, dass es nur eine Kunst für dies alles gibt. Diese mag nun einer die Herrscherkunst oder die Staatskunst [C] oder die Haushaltungskunst nennen, wir wollen nicht mit ihm darüber streiten.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wozu auch?

GAST: Allein soviel ist doch gewiss, dass jeder König mit den Händen und mit dem ganzen Leibe gar wenig zur Befestigung seiner Herrschaft vermag in Vergleich mit der Einsicht und der Stärke der Seele.

DER JÜNGERE SOKRATES: Gewiss.

GAST: Mehr der einsichtigen, wollen wir also doch lieber sagen, als der handarbeitenden und überhaupt verrichtenden, sei der Staatsmann angehörig?

[D] DER JÜNGERE SOKRATES: Wie anders?

GAST: Also die Staatskunst und den Staatsmann und die Herrscherkunst und den Herrscher, dies alles wollen wir als dasselbige in eines zusammenstellen.

DER JÜNGERE SOKRATES: Gewiss.

GAST: Würden wir nun nicht weiter kommen, wenn wir nächst diesem die einsichtige Erkenntnis trennten?

DER JÜNGERE SOKRATES: Freilich wohl.

GAST: Gib also recht Acht, ob wir irgendwo an ihr eine Gliederung bemerken.

DER JÜNGERE SOKRATES: Sage nur was für eine.

GAST: Eine solche. Wir hatten doch die Arithmetik.

DER JÜNGERE SOKRATES: Ja.

GAST: Die doch auf alle Weise [E] zu den erkennenden Künsten gehörte?

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie sollte sie nicht?

GAST: Und wir schreiben nun der Arithmetik, die den Unterschied der Zahlen erkennt, noch eine andere Aufgabe zu, als nur das erkannte zu beurteilen?

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie denn?

GAST: Dagegen jeder Baumeister ist doch nicht selbst Arbeiter, sondern gebietet nur den Arbeitern.

DER JÜNGERE SOKRATES: Ja.

GAST: Und gibt also doch seine Erkenntnis dazu her, nicht seiner Hände Arbeit.

DER JÜNGERE SOKRATES: So ist es.

GAST: Mit Recht also würde man sagen, [260 St.2 A] er habe Teil am erkennenden Wissen. DER JÜNGERE SOKRATES: Freilich.

GAST: Diesem nun meine ich, liegt doch ob, nicht nach abgeurteilter Sache sie zu beenden und sich von der Aufgabe loszusagen, wie der Rechnende, sondern allen Arbeitern das zweckdienliche anzugeben, bis sie das Aufgegebene vollendet haben.

DER JÜNGERE SOKRATES: Richtig.

GAST: Erkennende sind also sowohl diese, als auch jene, die der Arithmetik folgen, [B] und nur durch Beurteilung und Anordnung unterscheiden sich diese beiden Arten voneinander.


DER JÜNGERE SOKRATES: Das scheinen sie.

GAST: Wenn wir also die gesamte erkennende Wissenschaft teilen, die eine Art die beurteilende, das andere die gebietende nannten, so könnten wir sagen, das sei ganz angemessen geteilt.

DER JÜNGERE SOKRATES: Nach meiner Meinung wenigstens.

GAST: O, für die etwas gemeinschaftlich verrichtenden ist es doch immer erwünscht, wenn sie unter sich übereinstimmen.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie sollten sie nicht?

GAST: So lange es also uns beiden hieran nicht fehlt, wollen wir uns unbekümmert darum lassen, was andere meinen.

DER JÜNGERE SOKRATES: [C] Gerne.

GAST: Wohlan denn, in welche von diesen beiden Künsten sollen wir den Herrscher stellen? Etwa in die beurteilende wie einen Zuschauer? Oder sollen wir lieber sagen, dass er zu der gebietenden Kunst gehöre, da er ja doch Herr ist?

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie sollten wir nicht lieber dies?

GAST: Die gebietende Kunst müssen wir also nun wieder betrachten, ob sie sich aufteilen lässt. Und mich dünkt allerdings so ungefähr, wie die Kunst der eigentlichen Kaufleute sich [D] absondert von der Kunst der Eigenhändler, so auch die Art der Herrscher von der, der Herolde unterschieden zu sein.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie das?

GAST: Fremde Arbeiten, die ihnen zuvor verkauft worden, nehmen doch die Kaufleute und verkaufen sie zum zweiten male wieder?

DER JÜNGERE SOKRATES: Freilich.

GAST: So auch die von der Zunft der Herolde lassen sich fremde Äußerungen auftragen, und tragen sie selbst zum zweiten male andern vor.

DER JÜNGERE SOKRATES: Ganz richtig.

GAST: Wie also? Wollen wir die Herrscherkunst zusammenmengen mit der dolmetschenden, der [E] Befehle ausrufenden, und mit der Wahrsagekunst und Heroldskunst und vielen andern verwandten Künsten, denen ebenfalls ein Gebieten zu kommt? Oder sollen wir dem, womit wir die Sache eben verglichen auch den Namen nachbilden, da ohnedies fast unbenannt ist die Gattung der Eigengebietenden, und also auf diese Weise teilen, dass wir das ganze Geschlecht der Könige in die selbstgebietende Kunst stellen, um die übrigen aber uns gar nicht weiter bekümmernd andern überlassen ihnen einen Namen beizulegen? Denn nur auf den Herrscher ging unsere Untersuchung, nicht auf das [261 St.2 A] von ihm unterschiedene.

DER JÜNGERE SOKRATES: Allerdings.

GAST: Also da sich dies ziemlich von jenem unterscheidet, ausgesondert durch das Verhältnis der Fremdbindung zur Eigengebietenden, so müssen wir auch dieses wiederum trennen, wenn es irgendwo scheinen will, dass wir durchschneiden können.

DER JÜNGERE SOKRATES: Freilich.

GAST: Und das scheint ja. Folge mir nur und schneide mit.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wo denn?

GAST: Wen wir uns nur immer als Herrscher denken, der ein Gebieten anwendet, [B] werden wir nicht immer finden, dass der damit irgendetwas entstehe, gebietet?

DER JÜNGERE SOKRATES: Weshalb sonst?

GAST: Alles Entstehende aber in zwei Teile zu sondern ist gar nicht schwer.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie doch?

GAST: Nimmst du es nämlich insgesamt, so ist einiges davon beseelt, anderes unbeseelt. DER JÜNGERE SOKRATES: Ja.


GAST: Und eben hiernach lass uns des erkennenden Wissens gebietenden Teil, wenn wir ihn zerschneiden wollen, zerschneiden.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wonach?

GAST: Indem wir einiges davon den Entstehungen des unbeseelten zueignen, anderes denen des beseelten, und so wird das Ganze in zwei Teile geteilt sein.

DER JÜNGERE SOKRATES: Allerdings.

[C] GAST: Den einen Teil davon lassen wir liegen, den anderen nehmen wir auf, und nachdem wir ihn aufgenommen, teilen wir ihn wieder in zwei Teile.

DER JÜNGERE SOKRATES: Welchen von beiden meinst du aber sollen wir aufnehmen?

GAST: Offenbar doch den über das Lebendige gebietenden. Denn die Herrscherkunst hat nicht etwa unbeseeltes anzuordnen wie die Baukunst, sondern edlere Art besitzt sie an dem Lebendigen und über dieses immer ihre Macht.

DER JÜNGERE SOKRATES: Richtig.

GAST: Und die [D] Entstehung und Ernährung des Lebendigen könnte man ansehen, teils als die über vereinzelt, teils als die über gemeinschaftlich in Herden lebende Vieh sich erstreckende Sorgfalt.

DER JÜNGERE SOKRATES: Richtig.

GAST: Aber den Staatsmann werden wir doch nicht mit wenigen Einzelnen beschäftigt finden wie den Ochsenjungen oder Reitknecht, sondern mehr gleicht er einem, der Pferdezucht und Rindviehzucht im Großen treibt.

DER JÜNGERE SOKRATES: Das leuchtet mir ein, nun es gesagt ist.

GAST: Wollen wir also von der Aufziehung des Lebendigen, die gemeinsame Wartung vieler zugleich [E] die Gemeinzucht oder Herdenzucht nennen?

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie sich beides in der Rede am besten treffen mag.

GAST: Sehr gut, Sokrates. Und wenn du dich davor hütest, es nicht zu ernsthaft zu nehmen mit den Worten, wirst du, wenn du älter wirst, reicher sein an Einsicht. Jetzt also wollen wir es wie du rietest machen. Die Herdenzucht aber siehst du sich leicht als zweifach darstellen, [262 St.2 A] und das jetzt im doppelten gesuchte uns dann nur in der Hälfte wird suchen lassen.

DER JÜNGERE SOKRATES: Ich will es versuchen. Mich dünkt eine andere zu sein, die Auferziehung der Menschen und eine andere, die der Tiere.

GAST: Recht rasch und frisch hast du das geteilt. Aber dass uns doch dies womöglich [B] nicht noch einmal begegne.

DER JÜNGERE SOKRATES: Was doch?

GAST: Dass wir nicht ein kleines Teilchen allein von vielen und großen anderen aussondern, und nie ohne einen Begriff, sondern jeder Teil habe zugleich seinen eignen Begriff. Denn am schönsten ist das freilich, aus allem übrigen gleich das Gesuchte heraus zu sondern, wenn es sich richtig damit verhält, so wie du eben glaubend, dass die Einteilung sich verhalte, uns die Rede beschleunigt hast, weil du sahst, dass sie auf den Menschen losging. [C] Aber Lieber, gleich zu sehr ins kleine zu gehen, ist hier nicht sicher, sondern weit sicherer mitten durchschneiden. So trifft man auch mehr auf Begriffe, und darauf kommt doch alles an bei Untersuchungen.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie meinst du das nur, o Gastfreund?

GAST: Ich will versuchen es noch deutlicher zu erklären, Sokrates, aus Wohlgefallen an deiner Gemütsart. An dem jedoch, was uns jetzt vorliegt, ist unmöglich es genügend deutlich zu machen. Lasse uns dennoch versuchen, die Sache noch um ein klein weniges weiter vorwärts zu bringen der Deutlichkeit wegen.

[D] DER JÜNGERE SOKRATES: Was meinst du also, hätten wir eben bei unserer Einteilung nicht recht gemacht?


GAST: Dieses, wie wenn jemand das menschliche Geschlecht in zwei Teile teilen wollte, und täte es, wie hier bei uns die meisten zu unterscheiden pflegen, dass sie die Hellenen als eines von allem übrigen absondern für sich, alle andern unzähligen Geschlechter insgesamt aber, die gar nichts miteinander gemeinsam haben und gar nicht übereinstimmen, mit einer einzigen Benennung Barbaren heißen, und dann um dieser einen Benennung willen auch voraussetzen, dass sie von einer einzigen Art seien. [E] Oder wenn einer glaubte, um die Zahlen in zwei Arten zu teilen, wenn er aus allen Zahlen Zehntausend herausschnitte, die er als eine Art absonderte, und dann alle übrigen ebenfalls mit einem Worte bezeichnen und wegen dieser Benennung hernach glauben wollte, dieses sei nun mit Ausnahme von jenem die andere Art davon. Besser aber und mehr nach Arten und in die Hälften hätte er sie geteilt, wenn er die Zahl in gerades und ungerades zerschnitten, und so auch das menschliche Geschlecht in männliches und weibliches. Lydier aber und Phrygier und andere, allen übrigen entgegenstellen und abteilen könnte er dann, wenn er sich vornähme, Teil und Art [263 St.2 A] zugleich zu finden beim Unterscheiden.

DER JÜNGERE SOKRATES: Ganz richtig. Aber eben dieses, Fremdling, wie kann einer das recht deutlich einsehen, dass Teil und Art nicht dasselbe sind, sondern jedes etwas anderes?

GAST: O Sokrates, das ist keine schlechte Aufgabe. Wir aber sind schon jetzt weiter als billig von unserer vorgesetzten Rede abgeschweift, und du verlangst, wir sollen noch weiter abschweifen. Daher lasse uns jetzt nur, wie es sich gehört, zurückkehren, dieser Spur aber wollen wir ein andermal mit Muße nachgehen. Nur das nimm ja in Acht, dass du nicht etwa meinst, [B] hierüber etwas genau Bestimmtes von mir gehört zu haben.

DER JÜNGERE SOKRATES: Worüber denn?

GAST: Wie Art und Teil voneinander verschieden sind. DER JÜNGERE SOKRATES: Aber wie?

GAST: Dass nämlich, wenn es eine Art von etwas gibt, eben dieses notwendig auch ein Teil desselben sein wird, weshalb es eine Art genannt wird, dass aber, was ein Teil sei, auch eine Art sein müsse, gar nicht notwendig ist. So, sage immer, Lieber, dass ich mich erklärt hätte, als anders.

DER JÜNGERE SOKRATES: Das will ich tun. GAST: Sage mir nun aber auch das nächste. DER JÜNGERE SOKRATES: Was doch?

GAST: Wegen der Abschweifung, von wo sie uns hierher geführt hat. Ich glaube nämlich, es war, als du befragt, [C] wie die Herdenzucht wohl zu teilen wäre, so rasch antwortetest, es gebe zwei Gattungen des Lebendigen, eine die menschliche, und die aller übrigen Tiere insgesamt, die andere.

DER JÜNGERE SOKRATES: Richtig.

GAST: Und damals schienst du mir wenigstens, obschon du nur einen Teil herausgenommen, zu glauben, dass du alles Übrige auch wieder als eine Art zurückließest, weil du für alle einen Namen hattest sie damit zu benennen, und sie Tiere [D] hießest.

DER JÜNGERE SOKRATES: So war es auch.

GAST: Allein, so würde vielleicht, mein wackerer Sokrates, wenn es noch ein anderes verständiges Tier gäbe, wie man die Kraniche dafür hält, oder irgend ein anderes solches, auf gleiche Weise seine Benennungen bilden wie du, so dass es die Kraniche als eine Gattung allem übrigen Lebendigen entgegensetzte und sich selbst rühmend heraushöbe, alle übrigen aber, einschließlich des Menschen in eines zusammenfasste, und ebenfalls nicht besser als etwa Tiere nannte. Deshalb wollen wir uns bemühen dergleichen zu vermeiden.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie doch?

GAST: [E] Indem wir nicht gleich alles Lebendige insgesamt teilen, damit uns das weniger begegne. DER JÜNGERE SOKRATES: Das darf es freilich nicht.

GAST: Aber auch jenes Mal schon, war auf dieselbe Art gefehlt worden.


DER JÜNGERE SOKRATES: Wie das?

GAST: Unser gebietender Teil der Erkennenden hatte es doch in der Art der Auferziehung des Lebendigen mit dem in Herden Lebenden zu tun. Nicht wahr?

DER JÜNGERE SOKRATES: Ja.

GAST: Also war uns schon damals das gesamte Lebendige [264 St.2 A] eingeteilt in Zahmes und Wildes. Denn die es in der Art haben, sich aufziehen und bändigen zu lassen, nennen wir zahme, die dieses nicht haben, wilde.

DER JÜNGERE SOKRATES: Schön.

GAST: Die Kunst nun, der wir nachspüren, hatte es und hat es noch mit den Zahmen zu tun, und muß unter dem geselligen Vieh gesucht werden.

DER JÜNGERE SOKRATES: Ja.

GAST: Lass uns also nicht so teilen wie damals, dass wir auf das Ende sehen und eilen, um nur geschwind zur Staatskunst zu kommen. Denn deshalb ist es uns auch jetzt wie [B] nach dem Sprichwort ergangen.

DER JÜNGERE SOKRATES: Nach welchem?

GAST: Dass, weil wir uns nicht genug verweilt und gut eingeteilt haben, wir später fertig geworden sind.

DER JÜNGERE SOKRATES: Da ist es uns ganz recht ergangen, o Gastfreund.

GAST: Gut denn, so lass uns noch einmal anfangen die Gemeinzucht einzuteilen, vielleicht wird auch das, worauf du ausgehst, die gehörig durchgeführte Überlegung selbst dir nur noch schöner herausbringen. Sage mir also.

DER JÜNGERE SOKRATES: Was denn?

GAST: Dieses, ob du wohl schon von jemand gehört hast, denn selbst weiß ich, dass du nicht dabei gewesen bist, wie die Fische im Nil [C] gefüttert werden und in den Teichen des großen Königs. An Quellen aber hast du es vielleicht selbst gesehen?

DER JÜNGERE SOKRATES: Allerdings habe ich dies gesehen und jenes von Vielen gehört.

GAST: Und wie Gänse und Kraniche zusammen weiden, hast du, wenn du auch nicht die Thessalischen Ebenen durchstreift hast, doch wohl erfahren und glaubst es.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie sollte ich nicht!

GAST: Deshalb aber habe ich dich dies alles gefragt, weil es Herdenzucht gibt auf dem Wasser und auch auf dem Trockenen.

[D] DER JÜNGERE SOKRATES: Das gibt es allerdings.

GAST: Dünkt dich also nicht auch, dass wir so sollten die Wissenschaft der Gemeinzucht teilen, um jedem von diesen beiden seinen eigenen Teil anzuweisen, den einen die Schwimmtierzucht nennend, den andern die Landgängerzucht?

DER JÜNGERE SOKRATES: Mich auch.

GAST: Zu welchem nun von beiden die Herrscherkunst gehöre, brauchen wir nicht erst fragen, denn das sieht ja jeder.

DER JÜNGERE SOKRATES: Freilich.

GAST: Diesen Zweig der Herdenzucht aber, die Landgängerzucht [E] kann wohl jeder teilen.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie?

GAST: Wenn er Geflügeltes und zu Fuß Gehendes voneinander trennt.

DER JÜNGERE SOKRATES: Vollkommen richtig.

GAST: Und wie? Ob es die Staatskunst mit dem zu Fuß Gehenden zu tun hat, fragen wir danach erst? Oder meinst du nicht, dass auch der Unverständigste dies bejahen würde?

DER JÜNGERE SOKRATES: Gewiss.


GAST: Die Zucht des auf dem Lande Gehenden nun muß wieder, wie die geraden Zahlen, wenn sie aufgeteilt werden, in zwei Teilen erscheinen.

DER JÜNGERE SOKRATES: Offenbar.

GAST: Nach der Seite nun, [265 St.2 A] wohin unsere Rede sich wendet, glaube ich zwei gebahnte Wege zu sehen, einen schnelleren, wenn man einem großen Teil einen kleineren gegenüberstellt, einen anderen der davon, was wir vorher sagten, dass man mitten durchschneiden müsse, mehr an sich hat, aber länger ist er freilich. Es steht also bei uns, welchen von beiden wir gehen wollen.

DER JÜNGERE SOKRATES: Können wir denn nicht beide gehen?

GAST: Zugleich wenigstens nicht, Sokrates, aber nacheinander können wir es freilich. DER JÜNGERE SOKRATES: Ich wähle also nacheinander beide.

[B] GAST: Das geht auch gern, denn nur weniges ist uns noch übrig. Im Anfang freilich und als wir noch auf der Hälfte des Weges waren, wäre die Aufgabe schwierig gewesen. Nun aber, da es dir so gefällt, wollen wir den längeren zuerst gehen. Denn so lange wir noch frischer sind, werden wir leichter damit fortkommen. Die Einteilung nun siehe.

DER JÜNGERE SOKRATES: Sprich.

GAST: Das Fußvolk unter den Zahmen, das in Herden lebt, ist schon von Natur in zwei Teile geteilt.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wonach?

GAST: Dass einige ihrer Art nach ungehörnt sind, [C] andere hörnertragend. DER JÜNGERE SOKRATES: Das ist deutlich.

GAST: Teile also die Zucht des Fußvolkes so, dass du jedem einen Teil gibst, und bediene dich dabei, wie wir auch schon früher getan, gleich der Erklärung, denn wenn du sie benennen willst, wird es dir sonst schwieriger geraten als gut ist.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie soll man also erklären?

GAST: So, dass nachdem der gehenden Tiere Pflegekunst in zwei Teile geteilt worden, der einen Abteilung der gehörnte Teil des Herdenviehes angewiesen worden ist, der anderen der ungehörte.

[D] DER JÜNGERE SOKRATES: Dies sei nun so erklärt, denn es ist gewiss hinreichend deutlich gemacht.

GAST: Dem Herrscher aber sehen wir doch gewiss an, dass er eine gestutzte Herde, derer ohne Hörner, weidet.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie sollten wir das nicht sehen!

GAST: Auch diese wollen wir also durchzureißen versuchen, um ihm das seinige zu geben.

DER JÜNGERE SOKRATES: Freilich.

GAST: Sollen wir sie nun nach dem gespaltenen und ungespaltenen Hufe teilen, oder nach der artreinen und der sich mit anderen Arten mischenden Begattung? Du [E] verstehst wohl?

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie denn?

GAST: Die Pferde und Esel haben es doch in der Art sich mit einander zu begatten?

DER JÜNGERE SOKRATES: Ja.

GAST: Was aber dann noch übrig ist von der einen Herde der Zahmen, begattet sich nicht miteinander.

DER JÜNGERE SOKRATES: Richtig.

GAST: Scheint dir nun die Sorgfalt des Staatsmannes auf Naturen von solcher sich mischender Begattung zu gehen oder von reiner?

DER JÜNGERE SOKRATES: Von unvermischter offenbar.

GAST: Diese müssen wir nun, wie das vorige, ebenfalls in zwei Hälften zerlegen. DER JÜNGERE SOKRATES: Das müssen wir.


[266 St.2 A] GAST: Nun aber ist uns schon das Lebendige, sofern es zahm und gesellig ist, bis auf zwei Arten etwa ganz zerteilt, denn die Hunde lohnt es kaum, als eine eigene Gattung unter den geselligen Tieren aufzuführen.

DER JÜNGERE SOKRATES: Freilich nicht. Wonach aber wollen wir die beiden teilen?

GAST: Wonach Ihr beide, Theaitetos und du, billig teilen müsst, da ihr euch mit der Geometrie befasst habt.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wonach also?

GAST: Nach dem, was die Diagonalen, die des Quadrats von der des Quadrats über der Diagonalen, unterscheidet.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie meinst du das?

GAST: Die Natur der menschlichen Gattung, ist die wohl anders eingerichtet, wie die Diagonale

eines Quadrats mit zwei Quadratfuß Inhalt [rational]? DER JÜNGERE SOKRATES: Nicht anders.

GAST: Und zur Natur der anderen Gattung aber gehört auch die Diagonale eines Quadrats über unserer Diagonalen, denn sie hat zwei mal zwei Quadratfuß Inhalt?

DER JÜNGERE SOKRATES: Das freilich, und nun verstehe ich auch, was du sagen willst [sie sind der Länge nach inkommensurabel, es lässt sich für sie kein gemeinsames Maß finden].

GAST: Überdies aber sehen wir nicht, was uns lächerliches begegnet ist mit der Einteilung? DER JÜNGERE SOKRATES: Was doch?

GAST: Dass etwas mit unserer menschlichen Gattung zusammen Teil erhalten hat und also dazwischen her läuft unter dem edelsten und dem allerschlechteste?

DER JÜNGERE SOKRATES: Ich sehe wohl, wie das gar närrisch herauskommt.

[C] GAST: Ist es denn aber nicht natürlich, dass der Langsamste zuletzt ans Ziel kommt? DER JÜNGERE SOKRATES: Das freilich wohl.

GAST: Und da bemerken wir nicht, dass noch viel lächerlicher unser Herrscher erscheint, indem er samt seiner Herde umherläuft und gleichen Schritt hält mit dem auf ein schlechtes Leben eingeübten?

DER JÜNGERE SOKRATES: Allerdings freilich.

GAST: Aber nun eben, Sokrates, wird uns das noch besser deutlich, was damals bei der Untersuchung über den Sophisten gesagt wurde.

DER JÜNGERE SOKRATES: Was doch?

GAST: Dass nämlich diesem Verfahren in der Untersuchung weder an dem vortrefflicheren mehr liegt als an dem andern, [D] noch sie das kleinere hintansetzt wegen des größeren, sondern immer ganz für sich die Sache zu Ende bringt wie es am richtigsten ist.

DER JÜNGERE SOKRATES: So scheint es.

GAST: Nach diesem nun, damit du mir nicht zuvorkommst durch die Frage, welches doch vorhin mit dem kürzeren Weg gemeint gewesen zur Erklärung des Herrschers, will ich selbst gleich vorangehen.

DER JÜNGERE SOKRATES: Sehr wohl.

GAST: Ich meine nämlich, wir sollten gleich die Landgänger eingeteilt haben in zweifüßige und vierfüßige, und da wir dann die menschliche Gattung nur allein noch mit dem Federvieh zusammen die zweibeinige Herde bildend gefunden hätten, diese dann zerschneiden in einen nackten und einen Gefieder erzeugenden Teil. [E] Wäre sie nun so geteilt und dadurch die menschenhütende Kunst deutlich gezeigt worden, dann hätten wir unsern Staatsmann und Herrscher gefunden und wie den Wagenführer in den Staat hineingestellt, die Zügel desselben ihm übergebend, da hierin doch seine eigentümliche Kunst besteht.


[267 St.2 A] DER JÜNGERE SOKRATES: Sehr schön hast du mir wie die Hauptschuld, die Erklärung gegeben, und mir noch diesen Nebenweg wie die Zinsen beigelegt, weshalb sie nun ganz vollendet ist.

GAST: Wohlan denn, fassen wir nun, vom Anfang bis zum Ende alles noch einmal durchgehend, die Namenerklärung der Kunst des Staatsmannes zusammen.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wohl.

GAST: Von der erkennenden Wissenschaft hatten wir zuerst einen gebietenden Teil, von diesem nannten wir ferner, durch Vergleichung darauf gebracht, einen Teil den selbstgebietenden. Von dieser selbstgebietenden ward nun, [B] sicher nicht als kleinste Art, die, welche das Lebendige aufzieht, von uns abgeteilt. Von dieser eine Art, die Herdenzucht, von der Herdenzucht wiederum die Hütung der zu Fuß gehenden, und von dieser schnitten wir uns wieder besonders ab, die Auferziehung der ungehörnten Gattung. Den nächsten Teil von dieser, müsste nun einer wenigstens dreifach zusammenflechten, wenn er ihn in einen Namen zusammenfassen wollte, und müsste sie die Kunst der Hütung der unvermischt Begattenden nennen. Von dieser ist nun [C] der Abschnitt für die zweifüßige Herde der letzte übrig bleibende menschenhütende Teil, und selbst eben dieses Gesuchte, was sowohl königliche als Staatskunst heißt.

DER JÜNGERE SOKRATES: Vollkommen richtig.

GAST: Aber Sokrates, ist uns dies so, wie du eben sagst, auch wirklich verrichtet? DER JÜNGERE SOKRATES: Wie doch?

GAST: Dass unser Gegenstand vollkommen richtig und befriedigend ist ausgeführt worden? Oder fehlt nicht eben darin unsere Untersuchung, dass die Erklärung zwar irgendwie gegeben, aber [D] keineswegs vollkommen gründlich ist ausgeführt worden?

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie meinst du das?

GAST: Ich will versuchen, uns beiden was ich denke, jetzt noch deutlicher zu machen.

DER JÜNGERE SOKRATES: Das tue nur.

GAST: Nicht wahr, unter vielen hütenden Künsten, die sich uns eben gezeigt hatten, war eine die Staatskunst, die Sorgfalt für eine gewisse Herde?

DER JÜNGERE SOKRATES: Ja.

GAST: Und unsere Erklärung bestimmte, sie wäre nicht die Zucht der Pferde noch anderer Tiere, sondern die Wissenschaft der Gemeindezucht der Menschen?

DER JÜNGERE SOKRATES: So war es.

GAST: Lasse uns nun den Unterschied zwischen allen übrigen Hütern und den Herrschern betrachten.

DER JÜNGERE SOKRATES: Was für [E] einen?

GAST: Ob nicht mancher andere, von einer anderen Kunst benannte, mit jenem zugleich an der Aufziehung der Herde Anteil zu haben behauptet und sich anmaßt.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie meinst du das?

GAST: Wie die Kaufleute, Ackerbauer, alle Speisebereiter, und nach diesen die Vorsteher der Leibesübungen und das ganze Zunft der Ärzte, diese, weißt du wohl, würden sämtlich mit jenen Hütern der menschlichen Dinge, welche wir Staatsmänner genannt haben, über diese Erklärung sich streiten, [268 St.2 A] weil sie auch für die Erhaltung der Menschen sorgen, und zwar nicht nur, der zur Herde gehörigen Menschen, sondern auch der Herrscher selbst.

DER JÜNGERE SOKRATES: Und täten sie daran nicht Recht?

GAST: Vielleicht, und das wollen wir eben sehen. Das aber wissen wir doch, dass er weder mit dem Ochsenhirten sich in einen Streit einlässt, noch mit einem, der Hirte ist oder der Ernährer der Herde, weder der ihr Arzt ist oder der ihr Freiwerber ist, oder der gesamten Hebammenkunst bei der Schwangerschaft und der Geburt der Kinder kundig ist. Obwohl, was Spiel und Tonkunst betrifft, soweit sein Vieh dessen von Natur empfänglich ist, versteht niemand besser als er es

 

aufzumuntern und anlockend zu besänftigen, indem er, auf Instrumenten sowohl als mit dem bloßen Munde, [B] die seiner Herde angemessene Tonkunst ausübt. Und mit den übrigen Hütern ist es dasselbe. Nicht wahr?

DER JÜNGERE SOKRATES: Ganz richtig.

GAST: Wie kann also unsere Erklärung des Herrschers sich richtig und untadelhaft erweisen, wenn wir ihn den Hüter und Auferzieher der menschlichen Herde nennen, und ihn nicht herausheben aus zehntausend anderen die sich mit ihm darum streiten?

DER JÜNGERE SOKRATES: So auf keine Weise.

GAST: Also war unsere Besorgnis vorher begründet, als wir argwöhnten, [C] wir möchten zwar wohl einige Züge des Herrschers angeben, keineswegs aber könnten wir den Staatsmann genau dargestellt haben, bis wir alle, welche sich um ihn herdrängen und auf das Mithüten Anspruch machen, weggeräumt, und ihn abgesondert von jenen ganz für sich allein hinstellen.

DER JÜNGERE SOKRATES: Vollkommen begründet freilich.

GAST: Dies also, o Sokrates, müssen wir bewerkstelligen, wenn wir nicht unsere Erklärung zuletzt wollen [D] zu Schanden machen.

DER JÜNGERE SOKRATES: Das müssen wir tun, da das nicht geschehen darf.

GAST: Also müssen wir wiederum von einem andern Anfang aus einen andern Weg gehen? DER JÜNGERE SOKRATES: Was doch für einen?

GAST: Wo wir auch wohl einen Scherz einfügen. Denn wir müssen einen großen Teil einer umfangreichen Sage zu Hilfe nehmen, und hernach eben wie vorher, indem wir einen Teil nach dem andern wegnehmen, zu dem eigentlich Gesuchten selbst gelangen. Sollen wir das?

DER JÜNGERE SOKRATES: Allerdings.

GAST: Aber auf diese Sage sei mir ja recht aufmerksam [E] wie die Kinder. Du bist ja doch erst seit wenigen Jahren über die Kindheit hinaus.

DER JÜNGERE SOKRATES: Sage nur.

GAST: Solche alte Erzählungen also gab es und wird es auch noch geben wie gar viele andere, und so auch die Begebenheit bei dem Streit welcher vorgefallen sein soll zwischen Atreus und Thyestes. Denn du hast doch gehört und erinnerst dich, was sich damals soll ereignet haben?

DER JÜNGERE SOKRATES: Das Zeichen mit dem goldenen Lamm meinst du vielleicht?

[269 St.2 A] GAST: Nein das nicht, sondern das von der Änderung im Auf- und Untergang der Sonne und der andern Gestirne, dass sie nämlich da, wo sie jetzt aufgehen, dorthin damals untergingen, und aufgingen auf der entgegengesetzten Seite. Damals aber wies es ihnen der Gott, als Zeugnis des von Atreus verübten, und wendete sie um in die gegenwärtige Ordnung.

DER JÜNGERE SOKRATES: Erzählt wird freilich auch das.

GAST: Und auch von der Herrschaft, welche Kronos führte, haben wir von Vielen gehört.

DER JÜNGERE SOKRATES: Von gar Vielen.

GAST: Und auch, dass vorher die Menschen als Erdgeborene entstanden und nicht gezeugt wurden einer von dem andern?

[B] DER JÜNGERE SOKRATES: Auch das ist eine von den alten Sagen.

GAST: Dies nun rührt insgesamt von derselben Quelle her, und außerdem vielerlei anderes noch wunderlicheres, wovon aber durch die Länge der Zeit einiges in Vergessenheit geriet und das übrige nur teilweise erzählt wird, jedes einzelne abgerissen von dem übrigen. Den Umstand aber, der an alle diesem Ursache ist, hat noch niemand erzählt. Jetzt aber muss er berichtet werden, denn zur Darstellung des Herrschers wird er sich uns wohl schicken, wenn er erzählt ist.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wohl gesprochen! Erzähle also ohne etwas zu übergehen.

GAST: Höre denn. [C] Dieses Weltall hilft auf seiner Bahn bisweilen die Gottheit selbst bewegen und umdrehen, bisweilen lässt er es wieder los, wenn seine Umläufe das ihm gebührende Zeitmaß


schon erlangt haben. Dann aber wendet es sich von selbst wieder um nach der entgegengesetzten Richtung, als ein Lebendiges dem auch Vernunft zugeteilt ist, mit welcher er es ursprünglich zusammenfügte. Dieses Rückwärtsgehen aber gehört aus folgender Ursache notwendig zu seiner Natur.

DER JÜNGERE SOKRATES: Aus welcher denn?

GAST: Sich immer einerlei und auf gleiche Weise zu verhalten und dasselbe zu sein, [D] das kommt nur dem göttlichsten unter allem allein zu, etwas von körperlicher Natur gehört nicht dazu. Was wir nun Himmel und Welt genannt haben, hat freilich vieles und herrliches von seinem Erzeuger empfangen, indem ist es auch eines Körpers teilhaftig geworden ist und daher denn, aller Veränderung unerfahren zu sein, unmöglich ist. Nach Vermögen jedoch, wird es immer gleichförmig nach einer Richtung bewegt. Daher ist es der Umdrehungen teilhaftig mit der kleinstmöglichen Abweichung von der gleichmäßigen Selbstbewegung. Sich selbst aber [E] immer zu drehen, ist keinem so möglich, wie dem Anführenden alles Bewegte. Diesem ist aber nicht statthaft, sich jetzt so, dann wieder entgegengesetzt zu bewegen. Nach diesem allen also, darf man von der Welt weder behaupten, dass sie immer sich selbst drehe, noch dass sie immer ganz von Gott gedreht werde, da es nach der einen und der entgegengesetzten Richtung geschieht, noch auch, dass etwa irgend zwei Götter [270 St.2 A] voneinander entgegengesetzter Gesinnung sie drehen, sondern wie eben gesagt, und allein übrig bleibt, dass sie jetzt von einer andern göttlichen Ursache bewegt wird, das Leben aufs neue erwerbend und eine von dem Werkmeister ihr zubereitete Unsterblichkeit empfangend, dann aber, wenn sie losgelassen ist, von sich selbst geht, so gut sie kann, in einem solchen Zustande sich selbst überlassen, dass sie wiederum viele Myriaden von Umläufen rückwärts durchwandern kann, weil sie bei größtmöglichem Gleichgewicht mit kleinsten Änderungen einher schreitend geht.

DER JÜNGERE SOKRATES: Sehr einleuchtend ist alles gesagt, [B] was du bis jetzt ausgeführt hast.

GAST: So lasse uns zusammenstellend den Umstand betrachten der sich aus dem Gesagten ergibt, und von uns als die Ursache alles Wunderbaren angegeben wurde. Dies ist nämlich folgender.

DER JÜNGERE SOKRATES: Was für einer?

GAST: Dass nämlich die Bewegung des Weltalls bisweilen nach der Seite, wohin es sich jetzt dreht, sich bewegt, bisweilen nach der entgegengesetzten.

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie doch eigentlich?

GAST: Diese Veränderung muss man von allen Umkehrungen, welche sich am Himmel ereignen, für die größte und vollständigste halten.

DER JÜNGERE SOKRATES: Das scheint allerdings.

GAST: Daher ist auch zu glauben, dass alsdann die größten Veränderungen entstehen für uns, die wir innerhalb desselben wohnen.

DER JÜNGERE SOKRATES: [C] Auch das ist wahrscheinlich.

GAST: Von vielen wichtigen und mannigfaltigen Veränderungen aber, welche zusammentreffen, wissen wir dass die Natur der Lebenden diese nicht leicht erträgt?

DER JÜNGERE SOKRATES: Wie sollten wir das nicht?

GAST: Die größten Verheerungen entstehen dann notwendig, sowohl unter den anderen Tieren, als auch von dem menschlichen Geschlecht bleibt nur weniges übrig. Und für diese Überreste treffen dann viele andere wunderbare und überraschende Ereignisse zusammen, dieses aber würde das größte sein und begleitet die zeitliche Umkehrung des Ganzen notwendig dann, wenn die zu der bisher bestehenden entgegengesetzte Richtung eintritt.

[D] DER JÜNGERE SOKRATES: Was für eines denn?

GAST: Welches Alter jedes lebende Wesen hatte, dies bliebe ihm zunächst bestehen, und alles Sterbliche hörte auf, je länger je älter auszusehen, vielmehr wendete es sich auf das Entgegengesetzte zurück und wurde gleichsam jünger und zarter. Und die weißen Haare der Alten schwärzten sich, die Wangen der Bärtigen aber glätteten sich wieder, und brächten jeden zu


seiner schon vorübergegangenen Blüte zurück, ebenso die Leiber der mannbaren Jugend glätteten sich und wurden jeden Tag und jede Nacht kleiner, bis sie wieder die Natur der kleinen Kinder annähmen, und ihnen an Leib und Seele [E] ähnlich würden. Nach diesem aber welkten sie dann zusehends und verschwänden gänzlich. Ja auch die Leichname der zur selbigen Zeit gewaltsam Verstorbenen träfen die nämlichen Zufälle der Reihe nach insgesamt, so dass sie sich mit Schnelligkeit in wenigen Tagen [271 St.2 A] verzehrten.

DER JÜNGERE SOKRATES: Was für eine Entstehung des Lebendigen gab es aber damals, o Gastfreund, und auf welche Weise erzeugte es sich aus sich?

GAST: Offenbar, o Sokrates, gab es auf die bekannte Weise Gezeugtes in der damaligen Natur gar nicht, sondern das Geschlecht, wovon erzählt wird, es sei ehedem ein erdgeborenes gewesen, das waren eben die damals aus der Erde zurückkehrenden, und wurde so erwähnt von unseren ersten Vorfahren, welche noch der, auf Endigung des ersteren Umlaufes folgenden Zeit, Grenze erreichten und am Anfange des jetzigen geboren wurden. [B] Denn diese sind uns eben die Verkündiger geworden aller jener Geschichten, welche jetzt mit Unrecht von Vielen ungläubig verworfen werden. Das können wir, glaube ich hieraus ersehen. Denn damit, dass die Alten wieder zur Natur der Kinder zurückkehren, hängt ja zusammen, dass auch von den Verstorbenen und in der Erde liegenden alle diejenigen wieder aufstehend von dort und auflebend jener allgemeinen Umkehrung folgten, als die gesamte Entstehung sich auf das Entgegengesetzte herumwälzte und dass sie, als Erdgeborene nach eben diesem Verhältnis notwendig hervorkommend, hiervon ihren Namen und ihre Erklärung erhielten, so viele nämlich von ihnen die Götter nicht schon zu einem andern Geschick erhöht hatten.

[C] DER JÜNGERE SOKRATES: Offenbar folgt ja dies aus dem vorigen. Allein das Leben, welches während der Gewalt des Kronos, wie du sagst, gewesen ist, war dies zur Zeit jener Bewegung oder der jetzigen? Denn die Veränderung an der Sonne und den Gestirnen muss offenbar mit beiden Bewegungen zusammentreffen.

GAST: Sehr gut bist du der Rede gefolgt. Das aber, wonach du fragst, dass nämlich den Menschen alles von selbst geworden, gehört wohl keineswegs zu der jetzt bestehenden Bewegung, sondern auch dieses war offenbar in der vorigen. Denn damals herrschte zuerst, für die ganze Umwälzung Sorge tragend, [D] der Gott und es waren, den Gebieten entsprechend, die verschiedenen Teile der Welt gänzlich unter herrschende Götter verteilt. So auch die lebendigen Wesen, nach ihren verschiedenen Gattungen und Herden, hatten als göttliche Hüter unter sich verteilt die Dämonen, deren jeder jedem, welches er beherrschte, für alles genügte, so dass keines wild war, noch auch sie einander zur Speise dienten, und Krieg oder Zwiespalt gab es nicht unter ihnen, wie man auch unzählig viel anderes mit dieser Anordnung zusammenhängendes noch anführen könnte. [E] Was aber von der Menschen mühelosem Leben gerühmt wird, wird so erzählt. Der Gott hütete sie und stand ihnen vor, so wie jetzt die Menschen anderes Lebendiges, geringer als sie selbst, hüten. Unter seiner Hut aber gab es keine Staatsverfassungen noch auch häusliche, [272 St.2 A] so dass man keine Weiber und Kinder hatte, sondern dergleichen fehlte ihnen alles. Früchte aber hatten sie reichlich von Eichen und vielen anderen Gewächsen, nicht durch Ackerbau gezogene, sondern welche die Erde ihnen von selbst gab. Auch unbekleidet und ohne Lagerdecken weideten sie größtenteils im Freien, denn die Witterung war annehmlich für sie eingerichtet, und weich war ihr Lager genug, weil reichliches Gras aus der Erde hervorwuchs. Wie also das Leben unter dem Kronos gewesen, o Sokrates, hörst du, das jetzige aber, wie es heißt, unter dem Zeus, kennst du selbst. [B] Könntest du nun wohl und wolltest entscheiden, welches von beiden das glückseligere ist?

DER JÜNGERE SOKRATES: Keineswegs.

GAST: Willst du also, dass ich sie dir vergleichend beschreibe? DER JÜNGERE SOKRATES: Gar sehr will ich das.

GAST: Wenn die Pfleglinge des Kronos, da sie so vieler Muße genossen und auch das Vermögen, nicht nur mit Menschen, sondern auch mit Tieren vernünftigen Umgang zu pflegen, recht gebrauchten zur Ausbildung in der Philosophie und in ihren Unterredungen, mit den Tieren und

 

unter sich, von jedem Wesen erforschend, [C] ob es irgend ein besonderes Vermögen besitzend, etwas von den anderen verschiedenes wahrgenommen habe zur Vermehrung der Einsicht, dann ist wohl leicht zu entscheiden, dass die damaligen viel glückseliger dran waren als die jetzigen. Wenn sie aber, reichlich mit Speise und Trank gesättigt, sich untereinander und den Tieren solche Geschichten erzählten, wie auch jetzt noch erzählt werden, so ist auch so die Sache wenigstens nach meiner Meinung gar leicht zu entscheiden. Doch lassen wir das jetzt bis [D] einer kommt, der uns gründlich berichte, auf welche von beiden Seiten sich die Lust jenes Geschlechtes neigte in Beziehung auf Erkenntnis und Gebrauch des Verstandes. Weshalb wir aber diese Geschichte in Anregung gebracht, das muss jetzt erklärt werden, damit wir nächst dem nun zum folgenden fortschreiten können.

Als nämlich alles dieses seine Zeit erfüllt hatte und eine Umkehrung erfolgen musste, da auch das aus der Erde gekommene Geschlecht ganz aufgerieben war, nachdem jegliche Seele alle ihre Entstehungen durchgemacht und, soviel ihr bestimmt war, [E] Samen auf der Erde zurückgelassen hatte, alsdann ließ der Steuermann des Ganzen gleichsam den Griff des Ruders fahren und zog sich in seine Warte zurück. Die Welt aber bewegte sich nun wiederum rückwärts aufgrund des Geschicks und der ihr angeborenen Lust. Alle an ihren Orten mit dem höchsten Gott mitherrschende Götter, als sie bemerkten was geschah, ließen gleichfalls die Teile der Welt los von ihrer Aufsicht und Besorgung. [273 St.2 A] Sie aber, die nun im Zurückdrehen, des Endes und des Anfangs entgegengesetzten Schwung vermischend, einen neuen Umschwung nahm, indem sie in sich selbst große Erschütterungen erregte, richtete dadurch wieder anderes Verderben an unter allerlei Arten des Lebendigen. Als nun, nachdem eine geraume Zeit vergangen war, teils Getümmel und Verwirrung nachließen, und von den Erschütterungen eine Stille eintrat, teils sie nun zu ihrem gewohnten eigenen Lauf wohl geordnet war, ging sie, Aufsicht und Macht selbst ausübend über alles in ihr und über sich selbst, ihres Werkmeisters und Vaters Lehren dabei sich nach Kräften erinnernd. [B] Anfänglich nun führte sie dies genauer aus, zuletzt aber lässiger. Und hieran ist das körperliche in ihrer Mischung Schuld, dieses noch von der ehemaligen Natur her mit ihr Aufgezogene, weil es mit großer Unordnung behaftet war, ehe es zu der jetzigen Weltordnung gelangte. Denn von dem, welcher sie eingerichtet, besitzt sie alles Schöne, alles aber, was Widerwärtiges und Unrechtes unter dem Himmel geschieht, stammt ihr selbst von ihrer vorigen Beschaffenheit her, und auch in die Lebendigen bringt sie es mit hinein. So lange sie daher unter Aufsicht des Steuermannes ihre lebendigen Bewohner [C] ernährt, erzeugt sie in ihnen nur wenig Schlechtes und dagegen viel Gutes. Ist sie aber von jenem getrennt, so besorgt sie in der nächsten Zeit nach ihrer Freilassung noch alles aufs herrlichste, je weiter aber die Zeit vorrückt und Vergesslichkeit sich einschleicht bei ihr, umso mehr nimmt auch der Zustand der alten Verwirrung überhand, welcher am Ende der Zeit vollkommen aufblüht, so dass sie nur aus wenig Gutem und einem großen Anteil des Entgegengesetzten, jede Mischung zusammensetzend, in Gefahr des Verderbens gerät, sie selbst und alles in ihr. Weshalb [D] denn alsdann schon der Gott welcher sie eingerichtet hat, wenn er sie in diesen Nöten erblickt, aus Besorgnis, dass sie nicht zerfalle und durch die Zerrüttung gänzlich aufgelöst in der Unähnlichkeit unergründlichen Ort versinke, sich selbst wiederum an das Ruder stellend, da alles erkrankt und aufgelöst ist, durch Umwendung in den ihm eigenen Umlauf wieder in Ordnung bringt, und, so alles wieder bessernd, die Welt unsterblich und angealtert herstellt. Dieses nun sei nur als das Ende von allem gesagt.

Was uns aber der Darstellung des Herrschers dient, [E] finden wir hinreichend, wenn wir uns nur an das vorige der Rede halten. Sobald nämlich die Welt sich wiederum in die Bahn für das jetzige Werden hineindrehte, stand zuerst wiederum das Alter still, und neues, dem damaligen entgegengesetztes, brachte sie darauf hervor. Die vor Kleinheit fast schon verschwindenden Leiber der lebendigen Wesen wuchsen wieder und die neu aus der Erde schon als alt und grau hervorgegangenen kehrten sterbend wieder in die Erde zurück, und alles andere veränderte sich, den Zustand des Ganzen nachahmend, und [274 St.2 A] ihm folgend. Ebenso also auch, was zur Empfängnis, Geburt und Ernährung gehört, erfolgte notwendig dem Ganzen nachgebildet. Denn nun durfte nicht mehr in der Erde aus andern Bestandteilen ein Lebendiges gebildet

 

werden, sondern, sowie der Welt aufgegeben war, selbstherrschend ihre Bahn zu leiten, auf dieselbe Weise war auch ihren Teilen, aus sich selbst, soviel als möglich wäre, sich zu bilden, zu erzeugen und zu ernähren, durch dieselbige Anordnung aufgegeben.

Und nun sind wir eben bei dem angekommen, worauf diese ganze Rede ausging. Von den übrigen Tieren nämlich wäre es lang [B] und weitläufig zu erzählen, woher sich jedes und weshalb verwandelt, von den Menschen aber ist es kürzer zu fassen und mehr zur Sache gehörig. Denn, von der Sorgfalt des uns beherrschenden und hütenden Dämons verlassen, erfuhren die Menschen, da die meisten Tiere an rauerer Natur ganz verwildert, sie selbst aber schwach und schutzlos geworden waren, von diesen vielerlei Leid, und wären in den ersten Zeiten völlig hilflos und unbeholfen, weil die von selbst sich darbietende Nahrung ihnen ausgegangen, und sich deren selbst zu verschaffen sie noch nicht kundig waren, [C] da keine Art des Mangels sie vorher dazu genötigt hatte. Alles dieses nun brachte sie in große Not. Weshalb denn uns die in alten Sagen schon gerühmten Gaben von den Göttern mit der nötigen Belehrung und Unterweisung geschenkt wurden, das Feuer nämlich vom Prometheus und die Künste vom Hephaistos und seiner Kunstverwandten, Saat und Gewächse wiederum von anderen, und alles [D] was zur Ausstattung des menschlichen Lebens beigetragen, ist uns hieraus geworden, weil nämlich, wie gesagt wird, die Obhut der Götter den Menschen fehlte, und sie nun sich selbst führen und selbst für sich Sorge tragen mussten, eben wie die ganze Welt, welcher wir zu allen Zeiten nachahmen und folgen, und eben daher jetzt so und dann wieder auf andere Weise leben und entstehen. Und hiermit soll die Geschichte ein Ende haben. Zunutze aber wollen wir sie uns machen, um zu sehen wie sehr wir gefehlt haben bei der Darstellung des Herrschers und Staatsmannes in unserer vorigen Rede.