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Semantischer Nominalismus

aus AufEinWort, der freien Forschung

Q: Universalienproblem Semantischer Nominalismus

Im 14. Jahrhundert wurde die sprachphilosophische Debatte intensiviert. Als Disziplin gewann die Logik im Vergleich zur Metaphysik zunehmendes Gewicht. Es wurde weniger nach dem Wesen des Seins gefragt, sondern verstärkt die Redeweisen über das Sein untersucht. Welche Bedeutung war mit den verwendeten Begriffen verbunden?

Skizze aus einer Handschrift von Ockhams Summa logicae von 1341 mit der Angabe frater Occham iste

Wilhelm von Ockham (1285–1347) gilt in der Rezeption als ein herausragender Vertreter eines differenzierteren Nominalismus, der die Frage der Universalien mit zeichentheoretischen Überlegungen verband und insofern auf die moderne Sprachlogik verwies. Realität hatten für Ockham nur extramentale Einzeldinge. „Es kann mit Evidenz aufgewiesen werden, dass kein Universale eine extramentale Substanz ist.“[1] Insbesondere verwarf Ockham die Lehre Scotus’ von der Artnatur der Einzeldinge, die durch eine Formalunterscheidung gesondert erfassbar wird.[2] Die Allgemeinbegriffe haben keine eigene Existenz, sondern sind nur die Summe der gedachten Dinge. Beispielsweise hat eine einzelne Rose eine reale Existenz, „die Rose“ an sich, als Begriff, hat hingegen nur eine rein gedankliche Existenz.

Begriffe entstehen zunächst unabhängig von der gesprochenen und geschriebenen Sprache im Geist (conceptus mentis) und dienen der Bezeichnung (significatio) der extramentalen Dinge. Die Grundlage für Sprachlaute und Schrift ist die Vereinbarung ihrer Bedeutung als Zeichen. Allgemeinbegriffe werden allein im Geist gebildet und dienen als Zeichen, die auf mehrere Dinge verweisen können (signum praedicabile de pluribus).[3] Soweit sich Allgemeinbegriffe nicht auf extramentale Dinge beziehen, sind sie Zeichen von Zeichen. Als Zeichen stehen Begriffe für etwas, wobei sich die Bedeutung aus dem Satzzusammenhang ergibt. Je nachdem, ob gesagt wird: „Ein Mensch rennt“, „Mensch ist eine Art“ oder „Mensch ist eine Bezeichnung“, hat das Wort Mensch einen anderen Sinn.

Ockham war ein scharfer Kritiker des tradierten Realismus. Gegen die platonische Vorstellung eigenständiger Ideen wandte er ein, dass diese dann ja selbst wieder Einzeldinge seien. Gegen Aristoteles argumentierte er, dass abstrakte Gegenstände auch als zweite Substanz keine eigenständige Existenz haben können; denn sonst würde das nicht nur zu einer Verdopplung, sondern sogar zu einer „Vervielfachung des Seienden“ führen. Universalien können keine Existenz außerhalb der Seele haben. Entsprechend lehnte er auch die von Duns Scotus vertretene Existenz von Relationen und die Lehre von der Artnatur (natura communis) ab. Indem er aber Allgemeinbegriffe als eine Qualität der Seele (qualitas mentis) annahm, gestand er den Universalien ein Sein im Geist (ens in anima) zu. „Jedes Universale ist eine Intention der Seele, welche gemäß einer wahrscheinlichen Meinung sich vom Erkenntnisakt nicht unterscheidet.“[4] Damit war er eher ein nominalistischer Konzeptualist als ein reiner Nominalist.

Der Nominalist Pierre d’Ailly vertrat auf dem Konzil von Konstanz die These, dass aus dem Realismus die ketzerische Konsubstantiationslehre folge, die der Lehre der Transsubstantiation widerspricht. Damit wurde dem Realisten Jan Huserfolgreich eine ketzerische Position unterstellt. Viele Universitäten drängten in der Folgezeit den Realismus zugunsten des Nominalismus zurück. Die offizielle Begründung war, dass der Realismus im Gegensatz zum Nominalismus schwieriger zu verstehen sei und daher nur er Anlass für philosophische Missverständnisse gebe, die zur Ketzereiführten.[5]

Weitere Vertreter des Nominalismus waren Nicolaus von Autrecourt, Marsilius von Inghen (der erste Rektor der Universität Heidelberg), Jean Gerson und Gabriel Biel (Professor in Tübingen), Johannes Buridan und Albert von Rickmersdorf ebenso wie Nikolaus von Oresme als bedeutender Naturphilosoph des 14. Jahrhunderts.

Die zunehmende Wirksamkeit des Nominalismus bedeutete jedoch kein Ende der Debatte. Auch in der Folgezeit wurden realistische Positionen vertreten, so z. B. durch Walter Burley, John Wyclif oder Johannes Sharpe.

  1. ↑ Summa Logicae I, 15, 2. Wilhelm von Ockham: Texte zur Theorie der Erkenntnis und der Wissenschaft, übersetzt und herausgegeben von Rudi Imbach, Stuttgart 1986.
  2. ↑ Richard Heinzmann: Philosophie des Mittelalters, 2. Auflage, Stuttgart 1998, S. 254–257.
  3. ↑ Summa logicae, I, 14.
  4. ↑ Summa Logicae I, 15, 10.
  5. ↑ Marten J.F.M. Hoenen, Kontroversen in der Philosophie, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, 5. Vorlesung am 22. November 2010, 1:05 – 1:20.