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Spätscholastik

aus AufEinWort, der freien Forschung


In der Spätscholastik schlug das Pendel erneut um. Viele Denker erkannten nun, dass eine rein auf Logik und Vernunft aufgebaute Glaubenslehre nicht mehr durchhaltbar war und forderten die Trennung von Glauben und Vernunft. Bildung verbreitete sich auch durch die fortschreitenden Universitätsneugründungen immer mehr und ging Schritt für Schritt auch auf bürgerliche Kreise über, die ihren Lebensunterhalt nicht mehr im Rahmen kirchlicher Institutionen verdienten. Konsequenterweise wurde auch der Ruf nach Trennung von Kirche und Staat immer lauter.

Roger Bacon

Roger Bacon (1214–1294) war naturwissenschaftlich gebildet und verwendete sein Privatvermögen für Experimente. Mit der praktischen Forschung stand er im Gegensatz zur üblichen Haltung der Scholastiker, die Erkenntnis allein aus der Vernunft schöpfen wollten. Bacon wendete sich vor allem gegen Vorurteile, Gewohnheit und Mangel an Selbstkritik. Erkenntnis allein aus Vernunft ist nicht möglich. Hierzu bedarf es vor allem auch der Erfahrung. Man kann ihn aufgrund dieser Haltung als einen der Urväter des britischen Empirismus ansehen.

Petrus Hispanus (1226–1277) schrieb ein Kompendium der Logik, Aegidius Romanus (1243–1316) verfasste gegen die radikalen Aristoteliker einen Katalog von 95 Irrlehren. Heinrich von Gent (1217–1293) wehrte sich gegen den Intellektualismus des Thomas und forderte, zu Augustinus zurückzukehren und den Primat des Willens anzuerkennen.

Johannes Duns Scotus

Johannes Duns Scotus (1266–1308) gilt als der große Gegenpol zu Thomas von Aquin. Als scharfer Logiker und Mathematiker wendete er sich gegen die zu starke Verknüpfung von Vernunft und Glauben. Der Wille hat einen Vorrang vor der Vernunft. Deshalb ist die intellektuelle Verbrämung des Glaubens abzulehnen. Das ursprüngliche Denken ist verworren und unklar. Der Mensch ist durch die Triebe und die Gefühle der Lust und Unlust bestimmt. Erst der Wille ist in der Lage, diese zu überwinden. Das Gute wird durch den Willen bestimmt und steht höher als das Wahre. Wenn der Wille auf Gott gerichtet ist, erreicht er das Gute in der Liebe.

Dietrich von Freiberg (um 1250–1320) erforschte neben anderem das Prinzip des Regenbogens. Dante Alighieri (1265–1321) war stark durch den Thomismus geprägt, zeigte aber schon den Weg zur Renaissance auf, indem er ein von der Kirche unabhängiges Staatskonzept entwarf.

Wilhelm von Ockham

Wilhelm von Ockham (um 1280–1347) hat wesentliche Beiträge zur formalen Logik und zur Sprachphilosophiegeleistet. Das nach ihm benannte „Ockhamsche Rasiermesser“ ist ein Ökonomieprinzip (Frustra fit per plura quod potest fieri per pauciora = Es ist umsonst, etwas durch mehreres zu machen, was durch weniger gemacht werden kann; Summa Totius Logicae I, 12). Das dahinter stehende Verständnis ist, dass Theorien nur ein Modell sind, die die Wirklichkeit so einfach wie möglich erklären sollen, weil sie die Natur in ihrer Komplexität vermutlich (sowieso) nicht erfassen können.

Im Universalienstreit war Ockham Nominalist, wobei die Begriffe nicht Abbilder der Dinge sind, sondern nur Zeichen. Für Ockham waren weder das Dasein Gottes noch dessen Eigenschaften aus der Vernunft heraus beweisbar. Das Unbeweisbare zu glauben ist jedoch ein verdienstlicher Willensakt. Selbsterkenntnis hat die höchste Gewissheit. Ockham trat für eine Trennung von Kirche und Staat ein. Beides sind legitime Autoritäten. Letzterer habe die Aufgabe, das Gemeinwohl zu fördern. Mit dieser Auffassung kam er in Konflikt mit dem Papst und musste bei Ludwig IV. von Bayern in München Schutz vor Verfolgung suchen.

Raimundus Lullus

Raimundus Lullus (1232–1316) war ein vielgereister Weltenbummler, den man als Averroisten einstufen kann. Er erfand eine Schablone mit sieben konzentrischen Kreisen, auf der er Begriffskombinationen ablesen konnte, die nach seiner Aussage entsprechende Wahrheiten aufzeigen konnten. Nikolaus von Oresme (ca. 1330–1382) beschäftigte sich mit einer Reihe von naturwissenschaftlichen Fragen, setzte dabei mathematische Konzepte ein und fand dabei auch sachliche Fehler bei Aristoteles. Er vertrat die Auffassung, dass auch neue Betrachtungsweisen zulässig seien und hielt sogar ein heliozentrisches Weltbild für möglich. Marsilius von Inghen (ca. 1335–1396) war Mitbegründer der Universität von Heidelberg. Johannes Buridan (ca. 1300–1358) war Rektor der Pariser Universität und befasste sich mit Fragen der Willensfreiheit. Berühmt ist sein Beispiel eines Esels, der genau in der Mitte zwischen zwei Heuhaufen steht, sich nicht entscheiden kann, zu welchem er geht und darüber verhungert. Pierre d’Ailly (1350–1420) gilt als philosophischer Skeptiker, der das Primat des Willens lehrte. Wahrnehmung ist nur der äußere Bezug zur Natur, die von Gott verändert werden kann.