TDPC/Efg/n. 39
▷n. 39 Im Rückgriff auf das Pauluszitat kommt der »rote Faden« des Gesprächs wieder zum Vorschein. So weit ist die Untersuchung vorgedrungen, daß jetzt der Glaube thematisch ist als Anzusehendes. »Wie kann man Gott sehen?« ist vermittelt die Frage »Wie kann ich Christus sehen?«, und da Christus kein Geschaffenes und somit kein aenigma ist, »sine aenigmate« (11). Das »facialiter« (8) sowie die gedankliche Verknüpfung mit n. 38 lassen vermuten, daß der Kardinal hier auch 2 Kor. 4,5f. im Sinn hat. Gott hat sich in Jesus Christus eine facies gegeben, die der Mensch anschauen kann. Zugleich und vorab aber hat die Rede vom videre facialiter von 1 Kor. 13,12 her eschatologische Bedeutung. Es ist von diesem Text allein her nicht auszumachen, ob Cusanus den Christus incarnatus oder Christus den Verklärten als Gegenstand der facialis visio sieht. Hat er im Blick, daß Christus in der Welt die Welt verlassen hat oder daß er zu Gott gegangen ist? Mit anderen Worten: bleibt er im Glauben oder überspringt er die eschatologische Differenz? Wenn die Rede vom raptus (10) auf die Entrückung des Paulus (2 Kor. 12) Bezug nimmt, also die Paradiesesschau meint, könnte man letzteres vermuten. Wahrscheinlicher ist jedoch, daß der Kardinal nach der in n. 38 erwähnten, der ewigen Herrlichkeit vor- behaltenen visio cunctipotentis differenziert: Es ist keine eschatologisch begründete Resignation in bezug auf das Ganze angezeigt (n. 38,16f.), sondern es gibt hier ein Sehen des Glaubens. »In eo raptu« bezieht sich dann auf das Verlassen dessen, was zur Welt gehört. Linquere (8), subtrahere (9) ist dann Anhalt, Funktion des Überschritts, der im Sprung, im transilire (vgl. n. 32,7), im raptus erfolgt. Ziehen wir zur Verdeutlichung dessen, was Christiformis (12) heißt, eine Stelle aus De docta ignorantia heran (III 11 n. 252, h I 156), so finden wir das ascendere bzw. se elevari mit »gradatim« näher bestimmt. Vom Vorgang der An- näherung, des Ausschreitens des Ganzen löst sich der Sprung,der allein der Übergang zur Wahrheit ist. ›Christus facialiter sehen‹ heißt: ihn in der Ewigkeit sehen, in den invisibilia, den aeterna. ›Den Glauben facialiter sehen‹ ist in Entsprechung dazu: sich selbst letztgültig sehen, so wie Gott einen sieht. Anders gesagt: ›Christus sine aenigmate sehen‹ heißt: Christus selbst sehen, und das ist Christusförmig werden, sich dem gleichmachen, was man erkennt. Der erkenntnistheoretische Grundsatz »Gleiches wird durch Gleiches erkannt« (vgl. n. 17,10–12) gilt auch für das Er- kennen des Glaubens. - Eines läßt sich in bezug auf den »raptus« sicher sagen: daß er für Cusanus keine unio mystica im Sinne Eckharts ist. Es bleibt das Gegenüber. Die größte Annäherung an das, was Gott-sehen heißt, vollzieht sich paradoxerweise als Sehen des Glaubens (im aktiven und passiven Sinn), als Überweltlich-in-der-Welt-sein. Die Vermittlung des Gott-sehens geht über Christus, das sichtbar gewordene Unsichtbare. – Die Breite unserer Ausführungen an dieser Stelle entspricht der sachlichen Bedeutung dieses Abschnitts: wir sind hier, in der Mitte des Gesprächs, an seinem inhaltlichen Höhepunkt angelangt.