TDPC/Vorwort der Herausgeberin
Der Trialog »De possest« ist uns vollständig nur in einer Handschrift überliefert, im Codex 219 der Kueser Hospitalbibliothek. Eine weitere Handschrift, Codex Monacensis Latinus 7338 der Bayerischen Staatsbibliothek, enthält nur etwa die Hälfte des Gesprächs; sie bricht – nach einigen Auslassungen – mit n. 34 ab. Bezüglich des Verhältnisses beider Handschriften zueinander sei auf die Praefatio zur kritischen Ausgabe (vol. XI 2, p. X–XIII) verwiesen. Die vier Drucke des 15. und 16. Jahrhunderts kennen das Werk alle in dem in Cod. Cus. 219 gebotenen Umfang.
Von »De possest« liegen bisher drei vollständige Übersetzungen ins Deutsche vor. Hans Rupprich hat seiner Übertragung[1] die von den Handschriften vielfach abweichenden Drucke von 1514 und 1565 zugrundegelegt. Die lateinisch-deutsche Jubiläumsausgabe von Dietlind und Wilhelm Dupré[2] stützt sich zwar auf die Handschriften, trägt aber naturgemäß Spuren der eiligen Fertigung. Das größte Maß an sachlicher Auseinandersetzung mit dem Text verrät noch die Übersetzung von Elisabeth Bohnenstädt in dieser Reihe[3], die jedoch seit langem vergriffen ist und an deren Stelle nun diese zweisprachige Studienausgabe tritt. Ich bin bei meiner Übersetzung nach dem Grundsatz »So wörtlich wie möglich und so frei wie nötig« verfahren. Besonderen Wert legte ich darauf, die sich im syntaktischen Gefüge längerer Perioden kundgebende Gedankenführung nicht durch Auflösung in kürzere Sätze zu verdunkeln. An manchen Stellen ließ sich jedoch – sollte die Übersetzung nicht unverständlich oder vieldeutig bleiben – die Interpretation nicht ganz zurückhalten.
In den Anmerkungen nenne ich die wichtigsten Quellen aus der Tradition sowie Parallelen aus dem Werk des Cusanus. Ich hielt es angesichts dieses Textes nicht für sinnvoll, anmerkungsweise einzelne, untereinander nicht zusammenhängende Verständnishilfen einzustreuen, sondern gebe eine Analyse des Gedankengangs bei, die in Zusammenarbeit mit meinem Mann entstanden ist.
Das Explicit in Cod. Cus. 219 weist die mit »Bernhard« und »Johannes« angeredeten Gesprächsteilnehmer des Kardinals aus als Bernhard von Kraiburg, den Kanzler der erzbischöflichen Kurie in Salzburg, dem Cusanus freundschaftlich verbunden war, und Giovanni Andrea dei Bussi, Abt von St. Justina in Rom, den Sekretär und langjährigen Vertrauten des Kardinals, der noch einmal in »De non aliud« als Dialog-Person auftritt. Die Handschrift enthält weder Datierung noch Ortsangabe, jedoch läßt sich mit einem hohen Grad von Wahrscheinlichkeit die zweite Februarhälfte des Jahres 1460 als Zeit der Abfassung nennen, als Ort der Unterredung die Bergfestung Buchenstein oder Andraz in den Dolomiten.[4]
Was den literarischen Charakter des Werkes betrifft, so ist festzustellen, daß ihm jede Zufälligkeit abgeht, daß wir es also nicht mit der Nachschrift einer so stattgehabten Unterredung zu tun haben, sondern mit einer kunstvoll komponierten, in strenger Gedankenführung ausgearbeiteten Abhandlung, wobei die dialogische Form jedoch nicht nur Erinnerung an ein Gespräch dieses Inhalts ist, sondern wesentliches Element der Wahrheitsfindung. So ist neben einigen individuellen Zügen der Mitunterredner die auffallendste Beobachtung, daß der Kardinal denjenigen, die er belehrt, auch immer wieder den sachlichen Fortschritt im Dialog überläßt.
Ich danke allen, die mir geholfen haben: meinem Mann für manchen Rat bei der Übersetzung, dem Herausgeber dieser Reihe, Herrn Prof. Dr. Bormann, sowie den Kollegen am Thomas-Institut der Universität Köln, besonders Pater Dr. Fischer und Herrn Dr. Senger, für ihre freundliche Unterstützung bei der Vorbereitung der Anmerkungen.
Wuppertal, im November 1972
Renate Steiger
- ↑ In: Frühzeit des Humanismus und der Renaissance in Deutschland, Leipzig 1938, S. 138 177, Gespräch über das Seinkönnen; verbesserte und ergänzte Neuausgabe in Reclams Universal-Bibliothek, Stuttgart 1963.
- ↑ Nikolaus von Kues: Philosophisch-theologische Schriften, Band II, Wien 1966, S. 267-359, Trialogus de possest – Das Können-Ist.
- ↑ Schriften Heft 9, Vom Können Sein, Leipzig 1947, S. 1–58.
- ↑ Vgl. E. Vansteenberghe, Le Cardinal Nicolas de Cues, Paris 1920, Nachdruck Frankfurt 1963, S.278. Die biographischen Data für diese Zeit der weit gespannten kirchenpolitischen Aktivitäten und des Kampfes mit Herzog Sigmundvon Tirol um das Bistum Brixen ent- nehme man der Darstellung Erich Meuthens, Die letzten Jahre des Nikolaus von Kues, Köln-Opladen 1958.