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Tempus als grammatische Kategorie

aus AufEinWort, der freien Forschung

▷Tempus als grammatische Kategorie

Grammatische Kategorie und Bedeutung

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Viele grammatische Kategorien, so wie Tempus, aber auch Person, Numerus und andere, verbinden Form und Bedeutung; die Bedeutungsseite ist hierbei weniger differenziert als bei Elementen des Wortschatzes (lexikalischen Elementen), sondern mehr schematischer Art. Die Tempusbedeutung wird hier vorläufig verstanden als die Einordnung der Situation, die in einem Satz beschrieben wird, in die Gegenwart, Vergangenheit oder Zukunft relativ zum Sprechzeitpunkt. (Genaueres weiter unten im Abschnitt #Bedeutung des Tempus).

In einer Sprache, die Tempus nicht als grammatische Kategorie besitzt, müssen Begriffe für Zeitverhältnisse deswegen nicht fehlen, aber Zeitverhältnisse könnten dann nur durch lexikalische Elemente wie etwa verschiedene Zeitadverbiale („gestern / dieses Jahr“ etc.) ausgedrückt werden – oder Zeitverhältnisse wären vom Hörer nur zu erschließen. Im Sprachvergleich kann die Kategorie Tempus also daran identifiziert werden, dass der genannte Bedeutungstyp jeweils durch grammatische Mittel ausgedrückt wird. Dies ist in erster Linie morphologischer Ausdruck durch Affixe (meist Endungen) am Verb. Eine weitere Möglichkeit sind Hilfsverbkonstruktionen; diese können auch gleichwertige Funktion zu morphologischem Ausdruck haben.[5]

Kennzeichen dafür, dass Tempus eine grammatische Kategorie ist, auch wenn es sich vielleicht um selbständige Wörter handelt, sind Produktivitätund Obligatorik der Form:[6] Tempusmarkierung ist vollständig produktiv, betrifft also alle Verben einer Sprache, sie hängt nicht von einzelnen Verbklassen oder Verbbedeutungen ab (das Aussehen der Tempusmarkierung kann sich aber je nach Verbklasse unterscheiden). Wenn eine Sprache Tempusflexion an Verben hat, dann ist es auch obligatorisch, ein Verb für eine Tempusform zu kennzeichnen, auch dann, wenn eine Zeitangabe schon unabhängig vorliegt:

  • „Wir sind doch erst gestern einkaufen gewesen.“

In Sprachen wie dem Deutschen, die finite und infinite Verbformen unterscheiden, ist die Tempusflexion überall dort erforderlich, wo eine finite Verbform erforderlich ist. Gegebenenfalls fungiert die Gegenwarts-Form (Präsens) als neutrale („unmarkierte“) Form, z. B. wenn bei allgemeingültigen Sätzen keine besondere zeitliche Einordnung gewünscht ist.

Tempus und die Konjugation des Verbs („Zeitformen“)

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Unter der Konjugation versteht man die Abwandlung einer Verbform je nach ihren grammatischen Merkmalen. Eine Darstellung, die diese Formen nach ihren Merkmalen ordnet, oft in Tabellenform, ergibt das Paradigma eines Verbs. In jeder einzelnen Verbform treffen dann Tempusmerkmale mit anderen Merkmalen zusammen, zum Beispiel:

  • (du) lob-te-st
lob-(indikativ)-präteritum-2.pers.sg.

In dieser Perspektive geht es wohlgemerkt um Tempus als grammatisches Merkmal (Flexionsmerkmal), die Bedeutung dieser Formen ist getrennt davon zu untersuchen.

Das Lateinische, das die traditionelle Grammatikschreibung stark beeinflusst hat, verfügt über sehr komplexe Wortformen und damit Paradigmen. Wie in der nachfolgenden Tabelle zu sehen, werden dabei manche Merkmale getrennt angezeigt, häufig liegen aber mehrere Merkmale in einer Endung „aufgehäuft“ (kumuliert) vor (nachfolgend durch Verbindung mit einem Punkt „ . “ symbolisiert, trennbare Markierungen durch Bindestrich). Der Ausschnitt des lateinischen Verbparadigmas für die Kategorie Tempus stellt sich wie folgt dar (für die Formen der 1. Person Singular im Aktiv):

Zeitform Indikativ Konjunktiv
Präsens laud-o...-1sg laud-e-m...-konj.präs-1sg
Imperfekt lauda-ba-m...-ipf-1sg lauda-re-m...-konj.ipf-1sg
Futur lauda-b-o...-fut-1sg --
Perfekt laudav-i...-perf.1sg laudav-eri-m...-konj.perf-1sg
Plusquamperfekt laudav-era-m...-pqpf-1sg laudav-isse-m...-konj.pqpf-1sg
Futur II (Futur exakt) laudav-er-o...-futexc-1sg --

Zeitformen des Deutschen werden traditionell oft in direkter Analogie dazu gegliedert (hier für die dritte Person Singular, zur besseren Unterscheidung Konjunktiv-Indikativ):

Zeitform Indikativ Konjunktiv
Präsens lob-t lob-e
Präteritum lob-te lob-te / würde loben
Futur wird loben werde loben
Perfekt ha-t gelobt hab-e gelobt
Plusquamperfekt hat-te gelobt hät-te gelobt
Futur II wird gelobt haben werde gelobt haben

Anstelle der kompakten Wortformen des Lateinischen werden hier also ganze Konstruktionen aus mehreren Wörtern als Zeitformen angesetzt („periphrastische Konjugation“), aber weiterhin dieselben 6 Zeitstufen unterschieden. Präteritum, Perfekt und Plusquamperfekt erscheinen so beispielsweise als drei gleichberechtigte Vergangenheitstempora nebeneinander. Diese Darstellung ist die traditionell vorherrschende, vor allem in der Schulgrammatik. In der Sprachwissenschaft ist für das System des Deutschen jedoch eine Alternative gängig. Denn in den Formen des Hilfsverbs haben lassen sich seinerseits Konjugationsformen für Präsens, Präteritum, Futur identifizieren: habe, hatte, wird haben. Dies führt auf die Auffassung, dass nur diese Wortformen des Hilfsverbs als Zeitformen gelten sollten, in diesem Fall dann als Zeitformen der Perfektkonstruktion.[7] Man unterscheidet dann stets nur:

Zeitform (des Vollverbs) Indikativ Konjunktiv
Präsens lob-t lob-e
Präteritum lob-te lob-te
Futur wird loben werde loben
Zeitform (des Perfekts) Indikativ Konjunktiv
Präsens des Perfekts ha-t gelobt hab-e gelobt
Präteritum des Perfekts hat-te gelobt hät-te gelobt
Futur des Perfekts wird gelobt haben werde gelobt haben

Im Gegensatz zur ersten Aufstellung erklärt diese zweite Darstellung unmittelbar, warum zwar das „Perfekt“ einen Infinitiv hat (gelobt zu haben), das Plusquamperfekt jedoch nicht: Es handelt sich sowieso nie um den Infinitiv einer Zeitform, sondern das Hilfsverb haben wird wie jedes Verb konjugiert, besitzt also auch einen Infinitiv, der aber außerhalb der Reihe der finiten Zeitformen steht.

Eine solche zweistufige Betrachtungsweise ist auch schon unter den Grammatikern der Antike erwogen worden. So bezeichnete bereits der lateinische Grammatiker Marcus Terentius Varro die obige Serie laudavi / laudaveram / laudavero als die Gegenwart, Vergangenheit bzw. Zukunft zum „Perfectum“ des Verbs (parallel zur gleichartigen Serie des „Infectum“, woraus sich dann die Zeiten Präsens, Imperfekt, Futur ergeben).[8]Diese Einteilung hat aber weniger Einfluss ausgeübt.