▷
1. Heuristik: Sämtliche erhaltenen Textzeugen werden gesucht und gesammelt. Fragmente und mutmaßliche frühere Fassungen werden ebenso erfasst wie sekundäre Bezeugungen, d. h. Zitate aus dem fraglichen Text bei zeitgenössischen oder jüngeren Autoren. Auch Übersetzungen können als sekundäre Bezeugungen gelten, da abhängig von der Texttreue des Übersetzers aus der Übersetzung auf die der Übersetzung vorliegende Fassung geschlossen werden kann. Die sekundären Zeugen werden zuweilen als „Testimonien“ von den primären Zeugen begrifflich unterschieden.
2. Kollation: Die vorhandenen Textzeugen werden miteinander verglichen und Varianten (Lesarten) festgestellt.
3.
Recensio: Die Varianten werden analysiert, insbesondere im Hinblick auf ihr Entstehen. Gemeinsame Lesarten, insbesondere bestimmte Fehler (sogenannte Leitfehler) sind Indizien, dass Textzeugen voneinander oder einer gemeinsamen Vorlage abhängen. Dadurch kann auf die Existenz und den Wortlaut verlorener Vorlagen geschlossen werden, die zwischen dem Archetyp (der gemeinsamen Vorlage aller Zeugen, die vom ‚Original‘ oft durch eine jahrhundertelange Abschreibetradition mit Fehlern getrennt sein kann) und den erhaltenen Textzeugen stehen; sie werden
Hyparchetypen[1] genannt. Die Abhängigkeitsbeziehungen zwischen erhaltenen Textzeugen und erschlossenen Hyparchetypen werden oft in Form eines Stammbaums (
Stemma codicum genannt) dargestellt. Textzeugen, die nur Abschriften anderer erhaltener Zeugen sind, können von der weiteren Betrachtung ausgeschlossen, „eliminiert“ werden, sofern sie nicht sinnvolle Konjekturen enthalten. Die Anwendung dieser Methode setzt voraus, dass jeder Textzeuge nur von genau einer Vorlage abhängt („geschlossene Überlieferung“); wohingegen Handschriften auf mehrere Vorlagen zurückgehen und durch deren Varianten „kontaminiert“ sind, liegt eine offene Überlieferung vor, für die die Beziehungen zwischen den Textzeugen nicht mit Sicherheit rekonstruiert werden können. Im Fall einer solchen, offenen Überlieferung eines Textes sind die Konstruktion eines
Stemma, die Eliminierung von Textzeugen und auch die Rekonstruktion des Archetyps nicht oder nur mit Einschränkungen möglich.