Werk:Timaios (Platon)
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Gründet auf dem Werk „Timaios“ Platon
399 n. Chr. hrsg.
Abschrift
unüberarbeitet
ungeprüft

Anm. KF:: Die Überlieferung legt auch nahe, daß Platon den Timaios aus dem Buch des Philolaos "Über die Natur" abgeschrieben habe. Der Vorwurf des Plagiats auf seiten Platons sei absurd, doch gibt es genügend allgemeine Ähnlichkeiten zwischen dem Timaios und dem Buch des Philolaos, um den Ursprung dieses Vorwurfs zu erklären (z. B. entspricht die musikalische Tonleiter, die Platon bei der Konstruktion der Weltseele verwendet, der Tonleiter bei Philolaos, Fr. 6a).
TIMAIOS. (De natura)
2, Teil: Timaios 2 (Platon)
3, Teil: Timaios 3 (Platon)
Nach der Übersetzung von Dr. Franz Susemihl
in: Platon's Werke, vierte Gruppe, sechstes und siebentes Bändchen, Stuttgart 1856, bearbeitet.
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[17 St.3 A] SOKRATES: Eins, Zwei, Drei sind da, wo aber bleibt uns denn der Vierte, mein lieber Timaios, von denen, welche gestern meine Einladung angenommen haben, jetzt aber mich hinnehmen sollen?
TIMAIOS: Es hat ihn irgendeine Unpässlichkeit befallen, lieber Sokrates, denn aus freien Stücken würde er wohl nicht aus dieser Gesellschaft wegbleiben.
SOKRATES: Dürfte es dann nicht deine Aufgabe und die der Übrigen hier sein, auch die Stelle des Abwesenden auszufüllen?
TIMAIOS: lässt, und wir werden es in nichts daran fehlen lassen, soweit es in unseren Kräften steht. [B] Denn nachdem wir gestern von dir mit allem, was sich geziemt, gastfreundlich empfangen worden sind, wäre es nicht recht, wenn wir anderen dich nicht bereitwillig aufnehmen wollten.
SOKRATES: Nun denn, erinnert ihr euch noch, wie viel und worüber ich euch zu sprechen aufgab?
TIMAIOS: Zum Teil erinnern wir uns dessen noch. Was uns aber entfallen ist, an das uns wieder zu erinnern bist du ja da. Oder lieber, wenn es dir nicht lästig ist, wiederhole es uns von Anfang an in der Kürze noch einmal, damit es uns deutlicher wird.
SOKRATES: Das soll geschehen. Der Hauptinhalt meiner gestrigen [C] Erörterungen über den Staat war ungefähr dieser, wie und aus was für Männern sich derselbe nach meiner Meinung am besten gestalten würde.
TIMAIOS: Ja, und zwar ganz nach unser aller Sinne stelltest du ihn dar.
SOKRATES: Schieden wir nun nicht zuerst den Beruf der Landbauern und alle anderen Gewerbe grundsätzlich von denen, deren Aufgabe vor allem die Kriegführung sein sollte?
TIMAIOS: Ja.
SOKRATES: Und indem wir je nach seiner Naturbeschaffenheit einem jeden nur die eine, ihm allein angemessene Beschäftigung und einem jeden nach seiner Art sein Gewerbe [D] zuerteilten, erklärten wir, dass diejenigen, welche für alle in den Krieg ziehen sollten, auch nichts weiter als Wächter des Staates sein dürften, wenn etwa einer von außen her oder auch einer von den Einwohnenden käme, um ihm zu schaden, und zwar so, dass sie die von ihnen Beherrschten als [18 St.3 A] ihre natürlichen Freunde milde richten, denen aber, welche ihnen in den Schlachten als Feinde begegneten, hart zusetzen sollten.
TIMAIOS: Allerdings.
SOKRATES: Denn die Seelen der Wächter müssten, so denke ich, sagten wir, eine willenskräftige, zugleich aber auch ganz vorzüglich zur richtigen Erkenntnis hinstrebende Natur besitzen, damit sie gegen jeden von beiden Teilen mild oder hart zu sein vermöchten.
TIMAIOS: Ja, wohl.
SOKRATES: Und dann was ihre Erziehung anlangte, sagten wir da nicht, dass sie in Leibesübungen und in der Musik und in allen [B] für sie erforderlichen Zweigen des Wissens gebildet werden müssten?
TIMAIOS: Freilich.
SOKRATES: Und wenn sie dann so gebildet wären, so etwa fuhren wir fort, sollten sie weder Gold, noch Silber, noch überhaupt irgendetwas anderes jemals als ihr ausschließliches Eigentum ansehen dürfen, sondern als Beschützer von ihren Schützlingen für deren Bewachung einen Sold von der Größe empfangen, wie er zu einem mäßigen Leben hinreicht, und sollten denselben dann gemeinsam mit einander verzehren und zusammen speisend miteinander leben [C] und ihr Streben durchaus allein auf die Tugend richten, von allen anderen Aufgaben aber befreit sein.
TIMAIOS: Auch das wurde so erklärt.
SOKRATES: Und was dann ferner ihre Frauen anbetrifft, so gedachten wir doch auch dessen, dass man nur solche von ähnlicher Beschaffenheit ihnen zugesellen dürfe und dass man denselben in Bezug auf den Krieg, so wie auf die übrige Lebensweise allen ganz die nämlichen Beschäftigungen zuerteilen müsste.
TIMAIOS: In dieser Weise ward auch dieses gesagt.
[D] SOKRATES: Was stellten wir denn ferner hinsichtlich der Kinderzeugung fest? Das ist wohl schon wegen der Ungewöhnlichkeit dessen, was darüber angeordnet ward, leicht zu behalten, dass wir nämlich alles, was Ehen und Kinder anlangt, allen insgesamt gemeinschaftlich machten, indem wir Anstalten dafür treffen ließen, dass keiner jemals seine Abkömmlinge vor denen der andern heraus erkennen könnte, sondern alle sie insgesamt als von gleicher Abkunft betrachten würden, nämlich als Schwestern und Brüder, soweit sie innerhalb des passenden Alters [E] geboren wären, die aber ein Menschenalter vorher und noch weiter zurück Geborenen als Eltern und Großeltern, und die in absteigender Linie Geborenen als Kinder und Kindeskinder.
TIMAIOS: Ja, und es ist dies, wie du sagst, leicht zu behalten.
SOKRATES: Damit sie nun aber gleich mit so vortrefflicher Naturanlage als möglich geboren würden, erinnern wir uns nicht, dass wir sagten, es müssten die Vorsteher und Vorsteherinnen des Staates für die Schließung der Ehen vermittelst gewisser Lose die Einrichtung treffen, dass die Guten und die Schlechten, gesondert voneinander, beide mit Weibern von gleicher Beschaffenheit zusammenkämen und dass so deswegen keine Feindschaft unter ihnen entstände, indem sie vielmehr den Zufall als die Ursache der jedesmaligen Verbindung ansähen?
TIMAIOS: Wir erinnern uns dessen.
SOKRATES: Und doch wohl auch [19 St.3 A] dessen, dass wir feststellten, dass die Kinder der Guten aufgezogen, die der Schlechten aber heimlich unter die übrigen Angehörigen des Staates verteilt werden müssten, und wie die Staatsvorsteher dann die Heranwachsenden zu beobachten und die Würdigen von ihnen wieder in einen würdigen Stand zu versetzen, die Unwürdigen innerhalb dieses letzteren Standes aber an den Platz dieser Hinaufgerückten zu stellen wären?
TIMAIOS: Freilich.
SOKRATES: Nun hätten wir denn wohl alles ebenso, wie gestern bereits, wieder durchgegangen, soweit dies für eine Wiederholung in den Hauptzügen erforderlich, oder vermissen wir, mein lieber Timaios, noch irgendetwas von dem Gesagten, was wir etwa übergangen hätten?
TIMAIOS: Nein, sondern gerade dies war der Inhalt desselben.
SOKRATES: [B] Hört nun ferner, wie es mir in Bezug auf diesen Staat, wie wir ihn entwickelt haben, geht. Ich habe nämlich ungefähr dieselbe Empfindung dabei, wie wenn einer schöne Tiere sieht, sei es gemalte, sei es auch wirklich lebende, die sich aber in Ruhe verhalten, und ihn dann das Verlangen ankommt, sie auch in Bewegung zu erblicken und etwas von den Eigenschaften, welche belebten Körpern zukommen, im Kampfe erproben zu sehen. Ebenso also geht es mir mit dem von uns entwickelten Staate. Denn gerne möchte ich jemanden [C] darstellen hören, wie
er diejenigen Kämpfe, welche ein Staat gegen andere Staaten zu bestehen hat, durchstehen würde, indem er auf eine würdige Weise zum Kriege geschritten wäre und nunmehr, während desselben das, der in ihm herrschenden Erziehung und Bildung Entsprechende, sowohl in der Ausführung durch Taten, als in der Verhandlung in Worten dem jedesmaligen anderen Staate gegenüber leisten würde.
Hierin nun, mein Kritias und Hermokrates, bin ich mir selber bewusst, dass ich niemals im Stande sein werde, den Staat und die Männer gebührend zu würdigen. [D] Was mich betrifft, so ist das kein Wunder, aber ich habe dieselbe Meinung auch von den vormaligen, so wie von den jetzt lebenden Dichtern gewonnen, nicht als ob ich damit das Geschlecht der Dichter herabsetzen wollte, vielmehr ist jedem klar, dass alle, die zu den nachahmenden Künstlern gehören, dasjenige am Leichtesten und Besten nachahmen werden, worin ein jeder erzogen wurde, und dass es dagegen für einen jeden schwer ist, dasjenige, was außerhalb seines Bildungskreises liegt, in den Taten, noch schwerer aber in den Worten gut nachzuahmen. Einen Sophisten aber wiederum halte ich zwar für sehr erfahren [E] in Reden und vielen anderen schönen Dingen, fürchte aber, weil er in den Staaten umherzieht und nirgends eigene Wohnsitze hat, dass er unfähig sei, das Richtige zu treffen, wenn es sich darum handelt, wie viel und welcherlei wissenschaftliche und zugleich staatskluge Männer in Kämpfen und Schlachten, so wie in den jedesmaligen Verhandlungen, in Tat und Wort zur Ausführung bringen dürften. So bleiben denn nur noch die Leute [20 St.3 A] eures Schlages übrig welche beides zugleich, und zwar durch Anlage und durch Bildung, sind.
Denn Timaios hier ist aus dem italischen Lokris gebürtig, welches sich der vortrefflichsten Verfassung erfreut, steht keinem von seinen Landsleuten an Vermögen und Herkunft nach, und hat dabei einerseits die höchsten Ämter und Ehrenstellen im Staate bekleidet, andererseits in allem, was nur wissenschaftliches Streben heißt, nach meinem Dafürhalten das Höchste erreicht.
Von dem Kritias aber, wissen wir Athener ja alle, dass ihm nichts von den Dingen, um welche es hier sich handelt, fremd ist, [B] und ebenso darf man es von der Naturanlage wie der Bildung des Hermokrates glauben, dass sie ihnen allen gewachsen sei, da dies von so vielen Seiten bezeugt wird.
Dies erwog ich auch schon gestern, und als ihr mich daher batet, das Wesen des Staates zu erörtern, so ging ich gerne darauf ein, weil ich wusste, dass niemand geschickter als ihr, wenn ihr wolltet, dazu sein würde, die Fortsetzung hierzu zu liefern, denn darzustellen, wie der Staat zu einem seiner würdigen Kriege schreiten und sodann in allem auf die ihm zukommende Weise [C] handeln würde, dürftet ihr allein von allen, die jetzt leben, geeignet sein. Nachdem ich mich daher dessen entledigt, was ihr mir aufgetragen, trug ich euch denn hinwiederum das eben Erwähnte auf. Ihr nun setztet nach gemeinschaftlicher Beratung auf heute meine Gegeneinladung zu Gesprächen fest, und da bin ich denn nun, gerüstet und ganz gewärtig sie zu empfangen.
HERMOKRATES: Und wir unsererseits, lieber Sokrates, wie es schon unser Timaios hier sagte, werden es lässt [D] an gutem Willen nicht fehlen lassen, auch haben wir so wenig einen Vorwand, uns dem zu entziehen, dass wir schon gestern, gleich als wir von hier in das Gastzimmer beim Kritias, wo wir wohnen, eingetreten waren, und noch vorher auf dem Wege dahin, eben den betreffenden Gegenstand mit einander betrachtet haben. Da trug uns denn nun unser Wirt eine Geschichte aus alter Überlieferung vor, und dieselbe, lieber Kritias, könntest [E] du nun auch dem Sokrates mitteilen, auf dass auch er mit uns prüfe, ob sie zur Erfüllung des uns Aufgetragenen etwas Geeignetes enthält oder nicht.
KRITIAS: Das mag geschehen, wenn es auch dem Timaios, als unserem dritten Gesprächsgenossen, gut dünkt.
TIMAIOS: Ich bin damit einverstanden.
KRITIAS: So höre denn, Sokrates, eine gar seltsame, aber durchaus wahre Geschichte, wie sie einst Solon, der Weiseste unter den Sieben, erzählt hat. Er war nämlich, wie bekannt, ein Verwandter und vertrauter Freund meines Urgroßvaters Dropides, wie er auch selber wiederholt in seinen
Gedichten sagt. Meinem Großvater Kritias aber erzählte er bei irgend einer Gelegenheit, wie es dieser als Greis wiederum mir mitteilte, dass es viele vor alters von unserem Staat vollbrachte bewunderungswürdige Taten gäbe, welche durch die Länge der Zeit und den Untergang der Menschen in Vergessenheit geraten wären, von allen aber sei eine die größte, [21 St.3 A] deren Andenken mir jetzt zu erneuern geziemt, um sowohl dir meinen Dank abzutragen, als auch zugleich die Göttin an ihrem gegenwärtigen Feste auf eine echte und gebührende Weise wie durch einen Lobgesang zu verherrlichen.
SOKRATES: Wohl gesprochen. Aber was für eine Tat ist denn das, die Kritias, obgleich sie der Überlieferung unbekannt ist, dir dennoch als eine in Wahrheit vor alters von dieser Stadt vollbrachte, nach dem Berichte des Solon, mitteilte?
KRITIAS: So will ich denn diese alte Geschichte erzählen, die ich von einem nicht mehr jungen Manne vernommen. Es war nämlich damals Kritias, wie er sagte, schon beinahe neunzig Jahre, ich aber so ungefähr zehn alt. Nun war gerade der Einzeichnungstag der Apaturien, [B] und was sonst jedesmal an diesem Feste gebräuchlich ist, geschah auch diesmal mit den Kindern, Preise setzten uns nämlich die Väter für den besten Vortrag von Gedichten aus. So wurden denn viele Gedichte von vielen anderen Dichtern hergesagt, namentlich aber trugen viele von uns Kindern manche von denen des Solon vor, weil diese zu jener Zeit noch etwas Neues waren. Da äußerte nun einer von den Genossen unserer Phratrie, sei es, dass dies damals wirklich seine Ansicht war, sei es, um dem Kritias etwas Angenehmes zu sagen, es scheine ihm Solon sowohl in allen anderen Stücken der Weiseste als auch in Bezug auf die Dichtkunst unter allen Dichtern der edelste zu sein. Der Greis nun, denn ich erinnere mich dessen noch sehr wohl, war sehr erfreut und erwiderte [C] lächelnd: wenigstens, Amynandros, wenn er die Dichtkunst nicht bloß als Nebensache betrieben, sondern, wie andere seinen ganzen Fleiß auf dieselbe verwandt und die Erzählung, welche er aus Ägypten mit hierher brachte, vollendet und nicht wegen der Unruhen und durch alle anderen Wirren, welche er hier bei seiner Rückkehr vorfand, sich gezwungen gesehen hätte, sie liegen zu lassen, dann wäre, wenigstens nach meinem Dafürhalten, weder Homer noch Hesiod noch irgend ein anderer Dichter je berühmter geworden als er.
Aber was für eine Geschichte war denn dies, fragte jener.
Nun, von der größten [D] und mit vollem Rechte ruhmwürdigsten Tat von allen, welche diese Stadt vollbracht, von welcher aber wegen der Länge der Zeit und des Unterganges derer, die sie vollbracht haben, die Überlieferung sich nicht bis auf uns erhalten hat.
So erzähle mir denn vom Anfange an, versetzte der Andere, was und wie und von wem Solon hierüber Beglaubigtes gehört und es danach berichtet hat.
Es gibt in Ägypten, versetzte Kritias, in dem Delta, um dessen Spitze herum der Nilstrom [E] sich spaltet, einen Gau, welcher der saitische heißt, und die größte Stadt dieses Gau's ist Sais, von wo ja auch der König Amasis gebürtig war. Die Einwohner nun halten für die Gründerin ihrer Stadt eine Gottheit, deren Name auf ägyptisch Neïth, auf Griechisch aber, wie sie angeben, Athene ist. Sie behaupten daher große Freunde der Athener und gewissermaßen mit ihnen stammverwandt zu sein. Als daher Solon dorthin kam, so wurde er, wie er erzählte, von ihnen mit Ehren überhäuft, und da er Erkundigungen über die Vorzeit [22 St.3 A] bei denjenigen Priestern einzog, welche hierin besonders erfahren waren, so war er nahe daran herauszufinden, dass weder er selbst, noch irgend ein anderer Grieche, fast möchte man sagen, auch nur irgendetwas von diesen Dingen wisse. Und einst habe er, um sie zu einer Mitteilung über die Urzeit zu veranlassen, begonnen, ihnen die ältesten Geschichten Griechenlands zu erzählen, ihnen vom Phoroneus, welcher als der erste gilt, und von der Niobe, und wie nach der Flut Deukalion und Pyrra übrig blieben, [B] zu berichten und das Geschlechtsregister ihrer Abkömmlinge aufzuzählen und habe versucht, mit Anführung der Jahre, welche auf jedes einzelne Geschlecht kamen, wovon er sprach, die Zeiten zu bestimmen. Da aber habe einer der Priester, ein sehr bejahrter Mann, ausgerufen: O Solon, Solon, ihr Hellenen bleibt doch immer Kinder, und einen alten Hellenen gibt es nicht!
Als nun Solon dies vernommen, habe er gefragt: Wie so? Wie meinst du das?
Ihr seid alle jung am Geiste, erwiderte der Priester, denn ihr tragt in ihm keine Anschauung, welche aus alter Überlieferung stammt, und keine mit der Zeit ergraute Kunde. Der Grund hiervon aber ist folgender. [C] Es haben schon viele und vielerlei Untergänge der Menschen stattgefunden und werden auch fernerhin noch stattfinden, die umfänglichsten durch Feuer und Wasser, andere, geringere aber durch unzählige andere Ursachen. Denn was auch bei euch erzählt wird, dass einst Phaethon, der Sohn des Helios, den Wagen seines Vaters bestieg und, weil er es nicht verstand auf dem Wege seines Vaters zu fahren, alles auf der Erde verbrannte und selber vom Blitze erschlagen ward, das klingt zwar wie eine Fabel, doch ist das Wahre daran die veränderte Bewegung der die Erde umkreisenden Himmelskörper und die Vernichtung von allem, was auf der Erde befindlich ist, durch vieles Feuer, [D] welche nach dem Verlauf großer Zeiträume eintritt. Von derselben werden dann die, welche auf Gebirgen und in hochgelegenen und wasserlosen Gegenden wohnen, stärker betroffen als die Anwohner der Flüsse und des Meeres, und so rettet auch uns der Nil, wie aus allen anderen Nöten, so auch alsdann, indem er uns auch aus dieser befreit. Wenn aber wiederum die Götter die Erde, um sie zu reinigen, mit Wasser überschwemmen, dann bleiben die, so auf den Bergen wohnen, [E] Rinder- und Schafhirten, erhalten, die aber, welche bei euch in den Städten leben, werden von den Flüssen ins Meer geschwemmt, dagegen in unserem Lande strömt weder dann noch sonst das Wasser vom Himmel herab auf die Fluren, sondern es ist so eingerichtet, dass alles von unten her über sie aufsteigt. Daher und aus diesen Gründen bleibt alles bei uns erhalten und gilt deshalb für das älteste.
In Wahrheit jedoch gibt es in allen Gegenden, wo nicht übermäßige Kälte oder Hitze es wehrt, stets ein bald mehr, bald minder zahlreiches [23 St.3 A] Menschengeschlecht. Nur aber ist bei uns alles, was bei euch oder in der Heimat oder in anderen Gegenden vorgeht, von denen wir durch Hörensagen wissen, sofern es irgendwie etwas Treffliches oder Großes ist oder irgend eine andere Bedeutsamkeit hat, insgesamt von alters her in den Tempeln aufgezeichnet und bleibt also erhalten. Ihr dagegen, und die übrigen Staaten, seid hinsichtlich der Schrift und alles anderen, was zum staatlichen Leben gehört, [B] immer eben erst eingerichtet, wenn schon wiederum nach dem Ablauf der gewöhnlichen Frist wie eine Krankheit die Regenflut des Himmels über euch hereinbricht und nur die der Schrift Unkundigen und Ungebildeten bei euch übrig lässt, so dass ihr immer von neuem gleichsam wieder jung werdet und der Vorgänge bei uns und bei euch unkundig bleibt, [C] so viel ihrer in alten Zeiten sich ereigneten. Wenigstens eure jetzigen Geschlechtsverzeichnisse, wie du sie durchgingst, unterscheiden sich nur wenig von Kindermärchen. Denn erstens erinnert ihr euch nur einer Überschwemmung der Erde, während doch so viele schon vorhergegangen sind, sodann aber wisst ihr nicht, dass das trefflichste und edelste Geschlecht unter den Menschen in eurem Lande gelebt hat, von denen du und alle Bürger eures jetzigen Staates herstammt, indem einst ein geringer Stamm von ihnen übrig blieb, sondern alles dies [D] blieb euch verborgen, weil die Übriggebliebenen viele Geschlechter hindurch ohne die Sprache der Schrift ihr ganzes Leben hinbrachten. Denn es war einst, mein Solon, vor der größten Zerstörung durch Wasser der Staat, welcher jetzt der athenische heißt, der beste im Kriege und mit der in allen Stücken ausgezeichnetsten Verfassung ausgerüstet, wie denn die herrlichsten Taten und öffentlichen Einrichtungen von allen [E] unter der Sonne, deren Ruf wir vernommen haben, ihm zugeschrieben werden.
Als nun Solon dies hörte, da habe er, wie er erzählte, sein Erstaunen bezeugt und angelegentlichst die Priester gebeten, ihm die ganze Geschichte der alten Bürger seines Staates in genauer Reihenfolge wiederzugeben.
Der Priester aber habe erwidert: Ich will dir nichts vorenthalten, mein Solon, sondern dir alles mitteilen, sowohl dir, als eurem Staate, vor allem aber der Göttin zu Liebe, welche euren, so wie unseren Staat gleichmäßig zum Eigentum erhielt und beide erzog und bildete, und zwar den euren tausend Jahre früher aus dem Samen, den sie dazu von der Erdgöttin Ge und dem Hephästos empfangen hatte, und später ebenso den unsrigen. Die Zahl der Jahre aber, seitdem
die Einrichtung des letzteren besteht, ist in unseren heiligen Büchern auf achttausend angegeben. Von euren Mitbürgern, die vor neuntausend Jahren entstanden, will ich dir also jetzt im Kurzen berichten, welches ihre Staatsverfassung und welches die herrlichste Tat war, die sie vollbrachten, das Genauere über dies alles [24 St.3 A] aber wollen wir ein anderes Mal mit Muße der Reihe nach durchgehen, indem wir die Schriften selber verfolgen.
Von ihrer Verfassung nun mache dir eine Vorstellung nach der hiesigen. Denn du wirst viele Proben von dem, was damals bei euch galt, in dem, was bei uns noch jetzt gilt, wiederfinden, zuerst eine Kaste der Priester, welche von allen andern gesondert ist, sodann die der Gewerbetreibenden, von denen wieder jede Klasse für sich arbeitet, und nicht mit den anderen zusammen, samt den Hirten, Jägern und Ackerleuten, endlich wirst du auch wohl bemerkt haben, dass die Kriegerkaste [B] hier zu Lande von allen anderen gesondert und dass ihr nichts anderes, außer der Sorge für das Kriegswesen, vom Gesetze auferlegt ist. Ihre Bewaffnung besteht nur aus Spieß und Schild, mit denen wir zuerst unter den Völkern Asiens uns ausrüsteten, indem die Göttin es uns, ebenso wie in euren Gegenden euch zuerst, gelehrt hatte. Was sodann die Geistesbildung anlagt, so siehst du doch wohl, eine wie große Sorge das Gesetz bei uns gleich in seinen Grundlagen auf sie verwandt hat, indem es aus allen auf die Naturordnung bezüglichen Wissenschaften bis zu der Wahrsagekunst und der Heilkunst zur Sicherung der Gesundheit hin, welche alle göttlicher Natur sind, [C] dasjenige, was zum Gebrauche der Menschen sich eignet, heraussuchte und sich dergestalt alle diese Wissenschaften und alle andern, welche mit ihnen zusammenhängen, aneignete. Nach dieser ganzen Anordnung und Einrichtung gründete nun die Göttin zuerst euren Staat, indem sie den Ort eurer Geburt mit Rücksicht darauf erwählte, dass die dort herrschende glückliche Mischung der Jahreszeiten am besten dazu geeignet sei, verständige Männer zu erzeugen. Weil also die Göttin zugleich den Krieg und die Weisheit liebt, so wählte sie den Ort aus, welcher am meisten sich dazu eignete, Männer, wie sie ihr am ähnlichsten sind, hervorzubringen, und gab diesem [D] zuerst seine Bewohner. So wohntet ihr denn also dort im Besitze einer solchen Verfassung und noch viel anderer trefflicher Einrichtungen und übertraft alle anderen Menschen in jeglicher Tugend und Tüchtigkeit, wie es auch von Sprösslingen und Zöglingen der Götter nicht anders zu erwarten stand. Viele andere große Taten eures Staates nun lesen wir in unseren Schriften mit Bewunderung, von allen jedoch ragt eine durch ihre Größe und Kühnheit hervor. Unsere Aufzeichnungen erzählen nämlich, eine wie gewaltige Kriegsmacht einst euer Staat gebrochen hat, als sie übermütig [E] gegen ganz Europa und Asien zugleich vom atlantischen Meere heranzog. Damals nämlich war das Meer dort befahrbar, denn vor der Meeresenge, welche ihr in eurer Sprache die Säulen des Herakles nennt, lag eine Insel, welche größer war als Asien und Libyen zusammen, und von ihr konnte man damals nach den übrigen Inseln übersetzen und von den Inseln auf das ganze gegenüberliegende Festland, [25 St.3 A] welches jenes umschließt, das wirklich ein Meer zu nennen ist. Denn alles das, was sich diesseits der eben genannten Meeresenge befindet, erscheint nur wie eine Bucht mit einem engen Zugang, jenes Meer aber kann in Wahrheit so und das es umgebende Land mit vollem Fug und Recht Festland heißen. Auf dieser Insel Atlantis nun bestand eine große und bewundernswürdige Königsherrschaft, welche nicht bloß die ganze Insel, sondern auch viele andere Inseln und Teile des Festlands unter ihrer Gewalt hatte. Außerdem beherrschte sie noch von den hier innerhalb liegenden Ländern Libyen bis nach Ägypten und Europa bis nach Tyrrenien [B] hin. Indem sich nun diese ganze Macht zu einer Heeresmasse vereinigte, unternahm sie es, unser und euer Land und überhaupt das ganze diesseits der Meeresenge liegende Gebiet mit einem Zuge zu unterjochen. Da wurde nun, mein Solon, die Macht eures Staates in ihrer Trefflichkeit und Stärke vor allen Menschen offenbar. Denn vor allen andern an Mut und Kriegskünsten hervorragend, führte derselbe zuerst die Hellenen, dann aber wurde er durch den Abfall [C] der anderen gezwungen, sich auf sich allein zu verlassen, und als er so in die äußerste Gefahr gekommen, da überwand er die Andringenden und stellte Siegeszeichen auf und verhinderte so die Unterjochung der noch nicht Unterjochten und gab den andern von uns, die wir innerhalb der herakleischen Grenzen wohnen, mit edlem Sinne die Freiheit zurück. Späterhin aber entstanden gewaltige Erdbeben und Überschwemmungen, und da
versank während eines schlimmen Tages und einer schlimmen Nacht das ganze streitbare Geschlecht bei euch [D] scharenweise unter die Erde, und ebenso verschwand die Insel Atlantis, indem sie im Meere unterging. Deshalb ist auch die dortige See jetzt unbefahrbar und unerforschbar, weil der sehr hoch aufgehäufte Schlamm im Wege ist, welchen die Insel durch ihr Untersinken hervorbrachte.
Da hast du nun, lieber Sokrates, was mir vom alten Kritias auf Solons Bericht hin erzählt wurde, im Kurzen vernommen. Und so fiel mir [E] denn auch, als du gestern über den Staat und seine Bürger, wie du sie schildertest, sprachst, eben das, was ich jetzt mitgeteilt habe, dabei ein, und mit Erstaunen bemerkte ich, wie wunderbar du durch ein Spiel des Zufalls so überaus nahe in den meisten Stücken mit dem zusammentrafst, was Solon erzählt hatte. Doch wollte ich es nicht sogleich sagen, [26 St.3 A] denn nach so langer Zeit hatte ich es nicht mehr gehörig im Gedächtnisse, und ich merkte daher, dass es nötig wäre, bei mir selber zuvor gehörig alles wieder zu überdenken und dann erst darüber zu sprechen. Darum war ich auch so rasch mit den Aufgaben, welche du gestern stelltest, einverstanden, indem ich glauben durfte, ich werde um das, was in allen solchen Fällen die meisten Schwierigkeiten macht, nämlich einen den Erwartungen entsprechenden Stoff zu Grunde zu legen, eben nicht in Verlegenheit sein. Deshalb nun rief ich es mir denn auch ins Gedächtnis zurück, [B] indem ich es gestern gleich, wie auch Hermokrates schon bemerkt hat, als ich von hier fortging, unseren beiden Gästen mitteilte, und ebenso sann ich, nachdem ich sie verlassen hatte, während der Nacht darüber nach und habe mir dadurch so ziemlich alles wieder zur vollen Erinnerung gebracht. Und in der Tat, es ist wahr, was das Sprichwort sagt: was man als Knabe lernt, das merkt sich wunderbar. Ich meinerseits wenigstens weiß es nicht, ob ich, was ich gestern hörte, mir so alles im Gedächtnis wieder vergegenwärtigen könnte, von dem eben Erzählten aber, was ich vor so langer Zeit gehört habe, sollte es gar sehr mich Wunder nehmen, wenn mir irgendetwas davon entschwunden wäre. Ich hatte aber auch schon damals, als ich es hörte, nach Kinderart viele Freude daran, weshalb ich denn den Alten, der auch stets bereit war mir Rede zu stehen, wiederholt immer von neuem [C] danach fragte, so dass es wie mit unauslöschlichen Zügen sich mir eingebrannt hat. Daher teilte ich denn auch den Gastfreunden gleich heute morgens früh eben dies mit, damit es auch ihnen, gleich mir, nicht am Stoffe zu Reden gebräche.
Jetzt also, um auf das zurückzukommen, weswegen dies alles bemerkt worden ist, bin ich bereit, lieber Sokrates, nicht bloß im Ganzen und Großen, sondern auch in den einzelnen Zügen alles, wie ich es gehört habe, vorzutragen, und die Bürger und den Staat, welche du gestern uns gleichsam nur wie in einer Dichtung geschildert hast, werde ich jetzt [D] in die Wirklichkeit, und zwar hierher nach Athen versetzen, indem ich annehme, dass jener Staat der unsrige gewesen ist, und werde behaupten, dass die Bürger, wie du sie dir dachtest, jene unsere leibhaftigen Voreltern gewesen sind, von welchen der Priester sprach. Sie werden ganz dazu stimmen, und wir werden durchaus das Richtige treffen, wenn wir sagen, dass sie die seien, welche in der damaligen Zeit lebten. werden uns jedoch in die Aufgabe, welche du uns gestellt hast, teilen und so alle dieselbe nach Vermögen gebührend zu lösen versuchen, und es ist eben deshalb zuzusehen, lieber Sokrates, ob dieser Stoff [E] nach unserem Sinne ist, oder ob wir noch erst einen anderen an seiner Stelle zu suchen haben.
SOKRATES: Und welchen anderen, mein Kritias, sollten wir wohl lieber an seiner Stelle nehmen, welcher zu dem gegenwärtigen Opferfest der Göttin, wegen der nahen Beziehung zu ihr, so gut passte? Und dazu ist auch wohl noch das an ihm ein großer Vorzug, dass er kein bloß erdichtetes Märchen, sondern eine wahre Geschichte enthält. Denn wie und woher sollten wir denn andere Stoffe nehmen, wenn wir diesen verschmähen wollten? Wir würden vergebens suchen, vielmehr, und ich wünsche euch guten Erfolg dazu, sollt ihr jetzt reden, ich aber darf, als Gegenleistung dafür, [27 St.3 A] dass ich gestern gesprochen habe, nunmehr in Ruhe zuhören.
KRITIAS: So betrachte denn, lieber Sokrates, wie wir die Anordnung der Gastgebote für dich getroffen haben. Wir haben nämlich beschlossen, dass Timaios, weil er sich unter uns am meisten auf die Astronomie versteht, und es sich am meisten zur Aufgabe gemacht hat, über die Natur
des Alls zur Erkenntnis zu gelangen, zuerst reden solle, und zwar so, dass er mit der Entstehung der Welt beginnt und mit der Erzeugung der Menschen aufhört, ich aber nach ihm, nachdem ich von ihm die Menschen als entstandene, gemäß seiner Darstellung, [B] von dir aber, einen Teil derselben als ganz vorzüglich gebildet, in Empfang genommen und diese Letzteren nach der Erzählung und dem Gesetze des Solon gleichsam vor unseren Richterstuhl geführt habe, dieselben, indem ich davon ausgehe, dass dies die damaligen Athener sind, welche die Überlieferung der heiligen Bücher aus ihrer Verborgenheit ans Licht gezogen hat, zu Bürgern unseres Staates machen und das Weitere über sie sodann als über Bürger und Athener vortragen solle.
SOKRATES: Ganz vortrefflich und glänzend scheint ja mein Gegenbesuch durch eure Reden ausfallen zu sollen. Deine Aufgabe, wie ich denke, Timaios, wäre es denn also hiernach, jetzt zunächst zu sprechen, nachdem du zuvor, wie der Brauch es fordert, die Götter angerufen hast.
[C] TIMAIOS: In der Tat, lieber Sokrates, tun doch das wohl alle, die auch nur ein wenig Überlegung besitzen, rufen doch sie alle wohl beim Beginne eines jeden Unternehmens, mag es nun geringfügig oder bedeutend sein, stets einen Gott an. Und wir, die wir gar über das All zu sprechen im Begriffe sind, nämlich in wie fern es entstanden ist oder aber unentstanden von Ewigkeit war, müssten ja ganz und gar den Verstand verloren haben, wenn wir nicht die Götter und Göttinnen anrufen und von ihnen erflehen wollten das Ganze, vor allem nach ihrem Sinne, sodann aber auch in Übereinstimmung mit uns selber, darzulegen. [D] Und so mögen denn die Götter eben hierum angerufen sein, an uns selbst aber haben wir den Anruf und die Anfrage zu stellen, auf welche Weise ihr eurerseits am leichtesten ein Verständnis der Sache gewinnen, ich für mein Teil aber den vorliegenden Gegenstand am deutlichsten so, wie ich über ihn denke, vortragen möchte.
Man muss nun nach meiner Meinung zuerst folgendes unterscheiden und feststellen: Wie haben wir uns das immer Seiende, welches kein Werden zulässt, und wie das immer Werdende zu denken, welches niemals zum Sein gelangt? [28 St.3 A] Nun, das eine als dem vernünftigen Denken vermöge des Verstandes erfassbar, eben weil es, als ein Solches, immer dasselbe bleibt, das Andere dagegen als der Vorstellung vermöge der Sinneswahrnehmung ohne Beteiligung des Verstandes zugänglich, eben weil es als ein Solches, dem Entstehen und Vergehen ausgesetzt und nie wahrhaft seiend ist. Alles Werdende muss ferner durch irgendeine Ursache werden, denn es ist unmöglich, dass etwas ohne irgendeine Ursache entstehe. Soweit nun der Urheber dabei auf dasjenige hinblickt, welches immer dasselbe bleibt, und ihm dieses dabei als mustergültige Festlegung dient, um danach ein Exemplar hervorzubringen, wird es [B] notwendigerweise sodann in allen Stücken vortrefflich geraten, soweit er aber auf das Gewordene hinblickt und sich eines Musters bedient, welches selber ein Exemplar ist, in so weit nicht vortrefflich. Von dem ganzen Weltgebäude nun oder Weltall, oder, wenn irgend ein anderer Name eher zutrifft, so sei ihm dieser von uns beigelegt, ist eben hiernach zunächst zu untersuchen, was überhaupt bei jedem Gegenstand der Untersuchung als Ausgangspunkt zu Grunde gelegt werden muss, ob es immer war und nicht erst, in das Werden eintretend, einen Anfang genommen hat, oder ob es entstanden und von einem Anfange ausgegangen ist. Es ist entstanden, denn es ist sichtbar und fühlbar und hat einen Körper. Alles so Beschaffene aber ist sinnlich wahrnehmbar, und das sinnlich Wahrnehmbare, welches der Vorstellung [C] mit Hilfe der Sinne zugänglich ist, erschien uns als das Werdende und Entstandene. Das Werdende, sagten wir dann ferner, müsse notwendig durch irgendeine Ursache werden. Den Bildner und Vater von diesem allen nun ist schwierig zu finden, und wenn man ihn gefunden hat, unmöglich, sich für alle verständlich über ihn auszusprechen, doch muss man in Betreff seiner wiederum dies untersuchen, welchem von beiderlei Muster er als Baumeister die Welt nachgebildet hat, ob nach [29 St.3 A] demjenigen, welches stets dasselbe und unverändert bleibt, oder aber nach einem Exemplar.
Wenn nun aber doch diese Welt schön und vortrefflich und der Meister gut und vollkommen ist, so ist es offenbar, dass er nach dem Ewigen schaute, wenn dagegen im Fall, welcher auch nicht einmal auszusprechen erlaubt ist, dann nach einem Exemplar. Eben hiernach ist es nun schon
jedermann klar, dass er nach dem Ewigen blickte, denn die Welt ist das Schönste von allem Entstandenen [B] und der Meister ist der beste und vollkommenste von allen Urhebern. So ist denn jene als eine solche ins Leben gerufen worden, die nach den Anordnungen dessen entstanden ist, was der Vernunft und Erkenntnis erfassbar ist und beständig dasselbe bleibt.
Schreiten wir nun auf diesen Grundlagen zur Betrachtung dieser unserer Welt, so ist sie eben hiernach ganz notwendigerweise ein Abbild von etwas. Nun ist es aber bei einer jeden Frage von der höchsten Wichtigkeit, ihren Ausgangspunkt sachgemäß zu behandeln, und so muss man denn auch zwischen der Art, wie man von dem Abbild und der, wie man von seinem Muster zu handeln hat, feste Grenzen ziehen, indem man erwägt, dass die Darstellungsweise [C] mit den Gegenständen, welche sie zum Verständnisse bringen soll, auch selber verwandt ist, und dass daher die Darlegung des Bleibenden und Beständigen und im Lichte der Vernunft Erkennbaren selber das Gepräge des Bleibenden und Unumstößlichen an sich trägt, und soweit es überhaupt wissenschaftlichen Erörterungen zukommt, unwiderleglich und unerschütterlich zu sein, darf man es hieran in nichts fehlen lassen, die des nach jenem Gebildeten dagegen, so wie dieses selber nur ein Abbild ist, diesem ihrem Gegenstande entsprechend das des bloß wahr Scheinenden, denn wie zum Werden das Sein, [D] so verhält sich zum Glauben die Wahrheit.
Wenn ich daher, mein Sokrates, trotzdem dass viele vieles über die Götter und die Entstehung des All erörtert haben, nicht vermögen sollte, eine nach allen Seiten und in allen Stücken mit sich selber übereinstimmende und ebenso der Sache genau entsprechende Darstellung zu geben, so wundere dich nicht, sondern, wenn ich nur eine solche liefere, die um nichts minder als die irgend eines anderen wahr zu sein scheint, so müsst ihr schon zufrieden sein und bedenken, dass wir alle, ich, der Vortragende, [E] und ihr, die Beurteiler, von nur menschlicher Natur sind, so dass es sich bei diesen Gegenständen für uns ziemt, uns damit zu begnügen, wenn die Dichtung nur das wahr zu sein scheinen für sich hat, und wir nichts darüber hinaus verlangen dürfen.
SOKRATES: Sehr richtig bemerkt, lieber Timaios, und lässt annehmbar gefordert. Deine Vorbereitung haben wir nun mit Bewunderung entgegengenommen, so lasse denn auch die Ausführung selber nach seiner Ordnung folgen.
TIMAIOS: So wollen wir denn sagen, welcher Grund den, der dieses All, das Reich des Werdens, zusammenfügte, zu dieser seiner Wirksamkeit bewogen hat. Er war gut, und in einem Guten entsteht niemals Neid, worauf sich derselbe auch immer beziehen könnte, und, weil frei von diesem, wollte er denn auch, dass alles ihm selbst so ähnlich als möglich werde. Diesen Ausgangspunkt des Werdens und der Welt dürfte man daher wohl mit dem größten Recht [30 St.3 A] einsichtigen Männern als den richtigen zugestehen. Da nämlich der Gott wollte, dass, soweit es möglich, alles gut und nichts schlecht sei, aber alles, was sichtbar war, nicht in Ruhe, sondern in regelloser und ungeordneter Bewegung vorfand, so führte er es denn aus der Unordnung in die Ordnung hinüber, weil er der Ansicht war, dass dieser Zustand schlechthin besser als jener sei. Es war aber und ist recht, dass der Beste nichts anderes, als das Schönste vollbringe, und da [B] fand er nun, indem er es bei sich erwog, dass unter den ihrer Natur nach sichtbaren Dingen kein Vernunftloses jemals schöner sein werde als ein Vernunftbegabtes, wenn man beide als Ganze einander gegenüberstellt, dass aber wiederum Vernunft ohne Seele unmöglich irgend einem Gegenstande zuteilwerden könne. In dieser Erwägung fügte er die Vernunft in eine Seele und die Seele in einen Körper ein, und fügte so aus ihnen den Bau des Weltalls zusammen, um so naturgemäß das möglichst schönste und beste Werk vollendet zu sehen. Und so darf man denn als wahr scheinend aussprechen, dass diese Welt als ein beseeltes und vernünftiges Wesen [C] durch des Gottes Absicht entstanden ist.
Nachdem dieses erörtert ist, müssen wir wiederum das hieran zunächst sich Anschließende besprechen, welchem lebendigen Wesen ähnlich denn der Meister sie gebildet hat. Von allem nun, was zu den unterteilten Gattungen von Wesen gehört, werden wir sie mit nichts in Vergleich bringen wollen, denn was dem Unvollkommenen gleicht, kann nicht schön sein, wohl aber werden wir sie demjenigen, wovon die übrigen lebendigen Wesen als einzelne, sowie nach ihren Gattungen unterteilt sind, als am allerähnlichsten setzen. Denn [D] alle die lebendigen Wesen,
welche allein dem Gedanken zugänglich sind, fasst jenes ebenso in sich zusammen, wie diese Welt uns und alle übrigen Geschöpfe, welche sichtbar gebildet sind. Denn da der Gott sie dem schönsten und in allen Stücken vollkommenen unter allen Dingen dem, was die Vernunft sich denken kann, am ähnlichsten machen sollte, so fügte er sie zu einem einzigen sichtbaren lebendigen Wesen zusammen, welches alle ihrer Natur nach mit ihm verwandten belebten Wesen [31 St.3 A] in sich enthielt. Sprechen wir also mit Recht nur von einer Welt, oder wäre es richtiger von vielen, ja von einer unbegrenzten Anzahl zu reden? Nein, nur von einer kann die Rede sein, wenn anders sie wirklich nach ihrer einer mustergültigen Festlegung ins Werk gesetzt sein soll. Denn jenes alle nur denkbaren belebten Gebilde umfassende Wesen kann unmöglich ein zweites neben einem anderen sein, denn dann müsste es wiederum noch ein anderes, jene beiden umfassendes Muster geben, dessen Exemplare dann also jene beiden wären, und es würde dann die Welt nicht mehr ein jenen beiden, sondern vielmehr ein diesem sie umfassenden Dritten nachgebildet richtiger genannt werden. Damit sie also vollständig dem vollkommenen lebendigen Wesen ähnlich wäre, darum schuf der Weltbildner [B] weder zwei, noch auch unzählige Welten, sondern, wie dieses Weltgebäude als ein einziges gewordenes, so besteht es auch und wird auch fernerhin also bestehen.
Körperlich, sichtbar und fühlbar muss nun aber das Gewordene sein. Ohne das Feuer aber kann schwerlich je etwas sichtbar werden, noch fühlbar ohne etwas Festes und fest wiederum nicht ohne Erde. Daher bildete der Gott den Körper des Alls, als er ihn zusammenzusetzen begann, zunächst aus Feuer und Erde. Zwei Dinge allein aber ohne ein Drittes wohl zusammenzufügen ist unmöglich, denn nur ein [C] vermittelndes Band kann zwischen beiden die Vereinigung bilden. Von allen Bändern ist aber dasjenige das schönste, welches zugleich sich selbst und die durch dasselbe verbundenen Gegenstände möglichst zu einem macht. Dies aber auf das Schönste zu bewirken, vermag die gleiche Proportion. Denn wenn von drei Zahlen oder Maßen oder Kräften die mittlere [32 St.3 A] sich ebenso zu letzten verhält, wie die erste zur mittleren, und diese ebenso wiederum zu der ersten wie die letzte zu ihr, dann wird sich ergeben, dass, wenn die mittlere an die erste und letzte, die erste und letzte dagegen an die beiden mittleren Stellen gesetzt werden, das Verhältnis notwendig dasselbe bleibt. Bleibt dies aber dasselbe, so bilden sie alle damit eine Einheit. Wenn nun der Leib des Alls eine Fläche ohne alle Höhe hätte werden sollen, dann würde ein Mittelglied genügt haben, das andere und sich selber zusammenzubinden, [B] nun aber kam es ihm zu, ein Körper zu sein, und für alle Körper ist nie ein, sondern sind stets zwei Mittelglieder gegeben, und so stellte denn der Gott zwischen Feuer und Erde das Wasser und die Luft in die Mitte, indem er sie so viel als möglich untereinander in dasselbe Verhältnis brachte, so dass sich das Feuer ebenso zur Luft wie die Luft zum Wasser, und wie die Luft zum Wasser so das Wasser zur Erde sich verhalten sollte, und verband und fügte auf diese Weise das Weltall zusammen, so dass es sichtbar und fühlbar wurde. Und so wurde denn zu diesem Zwecke und aus diesen also beschaffenen und ihrer Zahl nach auf vier sich belaufenden Wesenheiten [C] der Körper der Welt geschaffen, so dass er vermittelst der Proportion innerlich zusammenstimmte, und besaß dadurch eine solche Anhänglichkeit seiner Teile untereinander, dass er zu dem Einem wurde und unauflöslich für jeden anderen, als für den Urheber der Verbindung.
Von diesen vieren nun hat das Weltgebäude ein jedes ganz aufgenommen. Denn aus allem Feuer und Wasser und aus aller Luft und Erde fügte es der Bildner zusammen und ließ von keinem derselben [D] irgend einen Teil oder eine Kraft außerhalb zurück, indem er dies dabei bezweckte, zunächst, dass es als organisches Wesen zu einem [33 St.3 A] möglichst vollkommenen Ganzen durch sein Bestehen aus möglichst vollkommenen Teilen werde, sodann, dass es ein einziges sei, sofern nichts übrig geblieben, woraus ein anderes von derselben Art entstehen könnte, ferner auch dem Alter und der Krankheit nicht ausgesetzt, indem er erwog, dass, wenn einen zusammengesetzten Körper Hitze und Kälte und alles, was sonst starke Wirkungen ausübt, von außen her umgeben und zur Unzeit mit ihm zusammentreffen, sie ihn in Auflösung versetzen und ihm durch Herbeiführung von Krankheit und Alter seinen allmählichen Untergang bereiten. Aus diesem Grunde [B] und in dieser Erwägung erbaute er denn diese Welt als ein einziges Ganzes, welches selbst wieder aus lauter Ganzen besteht und eben deshalb frei ist von Alter und
Krankheit. Sodann gab er derselben auch eine Gestalt, wie sie ihr angemessen und ihrer Natur verwandt ist. Demjenigen lebendigen Wesen, welches alles andere Lebendige in sich fassen soll, dürfte nun wohl auch eine Gestalt angemessen sein, welche alle anderen Gestalten in sich fasst. Deshalb drehte er sie denn auch kugelförmig, so dass sie von der Mitte aus überall gleich weit von ihrer Oberfläche entfernt war, welches von allen Gestalten [C] die vollkommenste und am meisten sich selber gleiche ist, indem er das Gleiche für tausendmal schöner als das Ungleiche hielt. Nach außen hin aber machte er sie ringsherum auf das Genaueste vollständig glatt, und zwar aus vielerlei Gründen. Bedurfte sie doch der Augen nicht, denn es war nichts Sichtbares, noch auch der Ohren, denn es war nichts Hörbares außerhalb ihrer zurückgelassen, ebenso bestand nichts [D] zum Einatmen, welche sie noch umgeben und der Einatmung bedurft hätte, auch war sie keines Werkzeuges bedürftig, um vermittelst desselben Nahrung zu sich zu nehmen und die früher zu sich genommene, nachdem sie den eigentlichen Nahrungssaft von ihr ausgesogen, wieder von sich zu geben, denn nichts sonderte sich von ihr aus und nichts trat irgendwoher zu ihr hinzu, denn es gab nichts außer ihr, vielmehr ist sie kunstvoll dergestalt gebildet, dass ihre Aussonderungen ihr auch zugleich wieder zur Nahrung dienen, und dass sie alles innerhalb ihrer selbst erleidet und alles durch sich selber tut, denn es hielt der, welcher sie zusammenfügte, sie für vollkommener und besser, wenn sie sich selbst genügte, als wenn sie eines anderen bedürfte. Hände aber, die ihr, entweder um irgendetwas anzugreifen, noch auch abzuwehren, erforderlich waren, glaubte er nutzloser Weise ihr nicht anfügen zu dürfen, und eben so wenig Füße, sowie überhaupt die zum Gehen dienenden Glieder. [34 St.3 A] Denn er teilte ihr eine Bewegung zu, welche einem Körper von der Gestalt des ihrigen eigentümlich und von allen sieben Bewegungen diejenige ist, die am meisten der der Vernunft und Erkenntnis nahe kommt. Nämlich gleichmäßig in demselben Raume und in sich selber führte er sie herum und ließ sie so sich umschwingend im Kreise bewegen, alle sechs anderen Bewegungen aber nahm er ihr ab und machte sie von deren Einwirkung frei, und da sie zu jenem Umlauf der Beine nicht bedurfte, so erschuf er sie ohne Schenkel und Füße.
Diese ganze Erwägung nun also desjenigen göttlichen Wesens, welcher von Ewigkeit ist, wie derselbe sie über dasjenige göttliche Wesen anstellte, welcher erst ins Dasein treten sollte, bewirkte, dass der Körper der Welt glatt und eben und überall mit gleichem Abstand vom Mittelpunkt und in sich geschlossen und vollständig aus [B] Körpern, die schon selber vollständig waren, gebildet wurde. Die Seele aber pflanzte er in denselben hinein und spannte sie nicht bloß durch das ganze Weltall aus, sondern umkleidete den Weltkörper auch noch von außen mit ihr. Und so richtete er denn das Weltganze her als einen im Kreise sich drehenden Umkreis, welcher, einzig und einsam, durch seine Vortrefflichkeit am Umgang mit sich selber Genüge zu finden vermag und keines anderen dazu bedarf, sondern hinlänglich bekannt und befreundet ist allein mit sich selber, und durch all dieses schuf er es zu einem beseeligten göttlichen Wesen.
Die Seele hat nun aber nicht etwa, wie wir jetzt später von ihr zu reden beginnen, so auch der Gott erst nach dem Körper gebildet, [C] denn nicht würde er bei der Zusammenfügung beider zugelassen haben, dass das Ältere von dem Jüngeren beherrscht werde, sondern wir, wie wir vielfach vom Zufälligen und Angenäherten abhängig sind, reden nur gerade eben auf die entsprechende Weise, er dagegen fügte die Seele so, dass sie ihrer Entstehung so wie ihrer Vortrefflichkeit nach dem Körper voranging und ihm gegenüber die dem höheren Alter zustehende Würde empfing, als seine künftige Herrin und Gebieterin aus folgenden Bestandteilen [35 St.3 A] und auf folgende Weise zusammen. Aus beiden, nämlich aus der unwandelbaren und immer sich gleich bleibenden Substanz und der wandelbaren, mischte er eine dritte Art von Substanz zusammen, zwischen der Natur des Unwandelbaren und der des Wandelbaren, und stellte sie neben diese, zwischen dem Unwandelbaren und den Körpern mit der an ihnen haftenden Wandelbarkeit. Darauf nahm er alle drei und mischte sie zu einer einzigen Gestaltung zusammen, indem er die der Mischung widerstrebende Natur des anderen gewaltsam mit dem Unwandelbaren verträglich machte. Und nachdem er so beide mit der Substanz gemischt und so aus Dreien Eine gemacht hatte, teilte er wiederum dieses Ganze in so viel Teile als es sich gehörte, so aber, dass jeder Teil aus dem Unwandelbaren, dem Wandelbaren und der gemischten Substanz zusammengesetzt war.

Er begann aber diese Teilung folgendermaßen. Zuerst nahm er einen Teil von dem Ganzen weg, darauf das Doppelte desselben, zum Dritten sodann das Anderthalbfache des zweiten Teils, zum Vierten das Doppelte des zweiten, zum Fünften das Dreifache des dritten, zum Sechsten das Achtfache des ersten und zum Siebten das Siebenundzwanzigfache des ersten.

Hierauf füllte er sowohl die zweifachen als dreifachen Zwischenräume aus, ][36 St.3 A indem er noch weitere Teile vom Ganzen abschnitt und sie zwischen sie hineinsetzte, so dass in jeden Zwischenraume zwei Mittelglieder kamen, von denen das erste zum einen der äußeren Glieder im gleichen Verhältnis stand, in dem das zweite zum anderen der äußeren Glieder stand, das größer war [dazu: Euklides: Stoicheia VII.19].
Da nun aber Zwischenräume von 4:3, 3:2, und 9:8 durch diese Reihenglieder zwischen den früheren Zwischenräumen entstanden waren, so füllte er mit dem Zwischenraume von 9:8 alle Zwischenräume von 4:3 aus, jedoch ließ von einem jeden der letzteren noch einen Teil übrig, der dem Zwischenraum dieses Teiles, [B] in Zahlen ausgedrückt, dem Verhältnisse der Glieder 256:243 [= (4:3 : 9:8) : 9:8] entsprach.
