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WTH/Die ideale Sprechsituation/11

aus AufEinWort, der freien Forschung

▶Wenn es zutrifft, daß wir einen vernünftigen, d. h. argumentativ erzielten und zugleich wahrheitsverbürgenden Konsensus von einem bloß erzwungenen oder täuschenden Konsensus letztlich nur durch Bezugnahme auf eine ideale Sprechsituation unterscheiden können; wenn wir weiterhin davon ausgehen dürfen, daß wir uns faktisch jederzeit zutrauen und auch zutrauen müssen, einen vernünftigen von einem trügerischen Konsensus zu unterscheiden, weil wir sonst den vernünftigen Charakter von Rede preisgeben würden; und wenn gleichwohl in keinem empirischen Fall eindeutig festgestellt werden kann, ob eine ideale Sprechsituation gegeben ist oder nicht – dann bleibt die folgende Erklärung: Die ideale Sprechsituation ist weder ein empirisches Phänomen noch bloßes Konstrukt, sondern eine in Diskursen unvermeidliche, reziprok vorgenommene Unterstellung. Diese Unterstellung kann, sie muß nicht kontrafaktisch sein; aber auch wenn sie kontrafaktisch gemacht wird, ist sie eine im Kommunikationsvorgang operativ wirksame Fiktion. Ich spreche deshalb lieber von einer Antizipation, von einem Vorgriff auf eine ideale Sprechsituation. Dieser Vorgriff allein ist Gewähr dafür, daß wir mit einem faktisch erzielten Konsens den Anspruch eines vernünftigen Konsenses verbinden dürfen; zugleich ist er ein kritischer Maßstab, an dem ieder faktisch erzielte Konsensus auch in Frage gestellt und daraufhin überprüft werden kann, ob er ein hinreichender Indikator für einen begründeten Konsens ist.[1]

  1. ↑ W. Schulz schließt sich (Philosophie in der veränderten Welt, a. a. O., S. 173 ff.) Bedenken gegen die "erschreckende Irrealität" der Unterstellungen der idealen Sprechsituation (oder des reinen kommunikativen Handelns) an. Wenn dieser Einwand prinzipiell gemeint ist, drückt er den Zweifel daran aus, ob ich die Beweislast für den quasitranszendentalen Charakter, den ich dem universalpragmatischen Regelsystem zuschreibe, auch tragen kann. Um zu zeigen, daß wir, indem wir in einen Diskurs eintreten, jene zugleich unvermeidlichen und allgemeinen Präsuppositionen vornehmen, die ideale Sprechsituationen erfüllen müssen, wähle ich in dem vorliegenden Aufsatz den Weg der Verteidigung einer Konsenstheorie der Wahrheit. Gewisse Parallelen ergeben sich übrigens zwischen idealer Sprechsituation und der Struktur der "original position", die John Rawls (A Theory of Justice, Oxford 1972, S. 118 ff.) für seine vertragstheoretische Begründung der Ethik in Anspruch nimmt. Soweit der Einwand von Schulz aber pragmatisch gemeint ist, she ich meinerseits keinen Grund zum Widerspruch: die Institutionalisierung von Diskursen gehört offensichtlich zu den schwierigsten und gefährdetsten Innovationen der Menschheitsgeschichte. Vgl. meine Einleitung zur Neuausgabe von "Theorie und Praxis", Frankfurt/Main 1971, S. 31 ff. und meine Replik auf R. Spaemann, jetzt in der Aufsatzsammlung "Kritik und Kultur", Frankfurt/Main 1973, S. 378 ff.