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WTH/Die ideale Sprechsituation/2

aus AufEinWort, der freien Forschung

▶Die Form des theoretischen Diskurses muß eine schrittweise Radikalisierung, d.h. Selbstreflexion des erkennenden Subjekts ermöglichen. Der erste Schritt ist der Übergang von problematisierten Behauptungen, die selbst Handlungen darstellen, zu Behauptungen, deren kontroverser Geltungsanspruch zum Gegenstand eines Diskurses gemacht wird (Eintritt in den Diskurs). Der zweite Schritt besteht in der theoretischen Erklärung der problematisierten Behauptung, also in der Angabe (mindestens) eines Arguments innerhalb eines gewählten Sprachsystems (theoretischer Diskurs).[1] Der dritte Schritt ist der Übergang zu einer Modifikation des zunächst gewählten Sprachsystems oder zu einer Abwägung der Angemessenheit alternativer Sprachsysteme (metatheoretischer Diskurs). Der letzte Schritt und eine weitere Radikalisierung besteht im Übergang zu einer Reflexion auf die systematischen Veränderungen der Begründungssprachen. Die Nachkonstruktion des Erkenntnisfortschritts, der sich in Form einer substantiellen Sprachkritik, eben einer sukzessiven Übewindung von unangernessenen Sprach- und Begriffssystemen vollzieht, führt zu einem normativen Begriff von Erkenntnis überhaupt (Kritik der Erkenntnis).[2] Dieser letzte Schritt sprengt interessanterweise die Grenzen des theoretischen Diskurses. Er führt auf eine Ebene des Diskurses, auf der wir uns mit Hilfe der eigentümlich zirkulären Bewegung rationaler Nachkonstruktionen dessen vergewissern, was als Erkenntnis gelten soll: We sollen die kognitiven Leistungen beschaffen sein, die auf den Titel Erkenntnis Anspruch erheben dürfen? In der Rekonstruktion des Erkenntnisfortschritts geben die theoretischen Grundnormen ihren praktischen Kern preis: Erkenntnis bemißt sich gleichermaßen an der Sache wie an dem lnteresse, welches der Begriff der Sache jeweils treffen muß.

  1. ↑ Ich verwende hier den Ausdruck "theoretische Erklärung" extensiv; er soll ebenso die Erklärung von Phänomenen mit Hilfe von beobachteten Regelmäßigkeiten, einzelnen Hypothesen oder geschlossenen Theorien, wie auch die Erklärung von theoretischen Sätzen und Theorien mit Hilfe anderer Theorien umfassen, solange es sich um Argumente innerhalb eines gegebenen Sprachsystems handelt.
  2. ↑ Der systematische Zusammenhang von Theorie der Wissenschaften und theoretischer Wissenschaftsgeschichte stellt sich in den Diskussionen zwischen Kuhn und Popper und anderen Beteiligten (wie vor allem Lakatos und Toulmin) immer deutlicher heraus. Vgl. dazu auch die interessanren Bemerkungen von R. Bubner, Dialektische Elemente einer Forschungslogik, in: Dialektik und Wissenschaft, Frankfurt a. M. 1972, S. 129 ff.