Zum Inhalt springen

Wahrheit im Deutschen Idealismus

aus AufEinWort, der freien Forschung

Q: Wahrheit im Deutschen Idealismus

Die Vertreter des Deutschen Idealismus stellen das Prinzip der Subjektivität in den Mittelpunkt ihrer Philosophie. Für sie gibt es im Grunde keine außerhalb des Subjekts befindliche Gegenständlichkeit. Wahrheit kann daher nicht einfach im Sinne der Korrespondenztheorie als Übereinstimmung des Urteils eines Subjekts mit einem außerhalb des Subjekts befindlichen Gegenstand bestimmt werden.

Die Korrespondenztheorie der Wahrheit ist für diese idealistischen Philosophen nur für die aposteriorische Wahrheit von Erfahrungsgegenständen relevant. Ohne unabhängig von den erkennenden Subjekten existierende Außenwelt hat die Frage nach der Wahrheit keine große Bedeutung. Daher gilt das primäre Interesse der Deutschen Idealisten der Frage nach den „Bedingungen der Möglichkeit“ von Wahrheit.

Bezeichnend für den veränderten Status der Wahrheit ist die Position Friedrich Schlegels:

„Es gibt keine wahre Aussage, denn die Position des Menschen ist die Unsicherheit des Schwebens. Wahrheit wird nicht gefunden, sondern produziert. Sie ist relativ.[1]“

Siehe zu dieser Auffassung, die die Wahrheit stets von etwas anderem bedingt ansieht und absolute Wahrheiten verneint: Relativismus.

Fichte

[✐ | ✎]

Nach Johann Gottlieb Fichte darf die Wahrheit nicht vom Wahrheitserlebnis des Subjekts getrennt werden. Wahrheit, die nicht von einer (allgemeinen) Subjektivität erlebt wird, ist ein Widerspruch in sich. Gleichwohl muss zwischen Denkakt und Denkinhalt unterschieden und der Anspruch auf objektive Gültigkeit von Wahrheit aufrechterhalten werden. Eine psychologistisch-solipsistische Position wie die von Berkeley lehnt Fichte als „dogmatischen Idealismus“ ab.

Wahrheit liegt für Fichte dann vor, wenn eine Übereinstimmung zwischen demjenigen, was das Ich passiv erlebt bzw. erleidet und den aktiven Ich-Vollzügen vorliegt. Das Objekt ist für Fichte identisch mit passiv und begrenzt erlebten Vollzügen des Subjekts. Wenn diese mit dessen aktiven Vollzügen zusammenstimmen, spricht Fichte von Wahrheit.

Dennoch wird Wahrheit von Fichte als etwas Überindividuelles verstanden. Es gibt nicht viele, psychologistisch verstandene Wahrheiten, sondern nur eine unteilbare Wahrheit. Sie hängt nicht vom Individualwillen der einzelnen Subjekte ab, sondern von den allgemeinen Strukturen eines immer schon vorausgesetzten vernünftigen Subjekts:

„[D]as Wesen der Vernunft ist in allen vernünftigen Wesen Eins und ebendasselbe. Wie andere denken, wissen wir nicht, und wir können davon nicht ausgehen. Wie wir denken sollen, wenn wir vernünftig denken wollen, können wir finden; und so, wie wir denken sollen, sollen alle vernünftigen Wesen denken. Alle Untersuchung muß von innen heraus, nicht von außen herein, geschehen. Ich soll nicht denken, wie andere denken; sondern wie ich denken soll, so, soll ich annehmen, denken auch andere. – Mit denen übereinstimmend zu seyn, die es mit sich selbst nicht sind, wäre das wohl ein würdiges Ziel für ein vernünftiges Wesen?“

– Johann Gottlieb Fichte[2]

Wahrheit hat so einen An-sich-Charakter: aus der Perspektive des individuellen Subjekts erschafft sie sich scheinbar von selbst; die transzendentale, allgemeine Subjektivität weiß dagegen um sich selbst als den Konstitutionsgrund der einheitlichen Wahrheit. Absolute Wahrheit besteht in völliger Selbstidentität und erweist sich für das endliche Ich als eine unendliche Aufgabe, ein letztlich nie zu erreichendes Ideal.

Hegel

[✐ | ✎]

Für Georg Wilhelm Friedrich Hegel bezeichnet der „gewöhnliche“ Begriff der Wahrheit, der diese als Übereinstimmung zwischen Urteil und Realität auffasst, eine bloße Richtigkeit. Hegel verlegt den Begriff der Übereinstimmung von der Ebene des Verhältnisses zwischen dem Denken und der Sache auf die Ebene des Denkens und des die Sache erfassenden Gedankens. In diesem Sinne ist Wahrheit die Übereinstimmung eines Gegenstandes mit sich selbst, d. h. mit seinem Begriff.

„Wahrheit“ ist damit bei Hegel ein „immanenter“ Prozess „der Sache selbst“. Hegel unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen dem „gewöhnlichen“ und dem „philosophischen oder spekulativen“ Satz. Der gewöhnliche Satz hat die Form eines Urteils. Es werden seine Komponenten, Subjekt und Prädikat, zuerst als voneinander getrennt verstanden und als solche in eine Beziehung zueinander gesetzt.[3] Diese ist dann wahr oder falsch. Im positiv-vernünftigen oder spekulativen Satz wird dagegen die dialektische Bewegung der Sache selbst festgehalten.

Der „Begriff“ stellt im hegelschen Sinne die substantielle Verfasstheit aller „Dinge“ (Sachen) und des „Ganzen“ dar. Der Begriff einer Sache übertrifft prinzipiell und notwendigerweise diese Sache selbst, und zwar wegen des endlichen Momentes der Sache. Die absolute Wahrheit ist Gott als Geist. Er allein stellt die absolute Übereinstimmung des Begriffs und der Realität dar:

„Gott allein ist die wahrhafte Übereinstimmung des Begriffs und der Realität; alle endlichen Dinge aber haben eine Unwahrheit an sich, sie haben einen Begriff und eine Existenz, die aber ihrem Begriff unangemessen ist […].[4]“

Der Grund für eine Nichtübereinstimmung von Begriff und Sache liegt für Hegel darin, dass die Dinge eine „Unwahrheit“ in sich haben. Diese ist darin begründet, dass sie endlich sind, während der sie fassende Begriff selbst unendlich ist. „Deshalb müssen sie [die endlichen Dinge] zu Grunde gehen, wodurch die Unangemessenheit ihres Begriffs und ihrer Existenz manifestiert wird. Das Tier als Einzelnes hat seinen Begriff in seiner Gattung, und die Gattung befreit sich von der Einzelheit durch den Tod“. Die „ontologische Verfasstheit“ eines endlichen Dinges besteht nach Hegel also darin, dass es sich aufhebt; das Zugrundegehen ist das Resultat der Dialektik, die deswegen einsetzt, weil das Sein der endlichen Dinge seinem eigenen Begriff nicht angemessen ist. Entsprechendes gilt von der „Wahrheit“ der endlichen Dinge: Diese „Wahrheiten“ sind „endliche Wahrheiten“, die zugrunde gehen müssen. Dabei werden sie nicht vernichtet, dies kann dem Geistigen im Gegensatz zum Materiellen nicht passieren, sondern sie bilden zusammen mit dem Fassen ihrer Entwicklung das Resultat. Hier zeigt sich Wahrheit im eigentlichen Sinne – als Zusammenkommen, Übereinstimmung (Identität) von Verschiedenen in einem gemeinsamen Medium. Hegel meint es wörtlich, wenn er sagt:

„Die Wahrheit des Seins sowie des Nichts ist daher die Einheit beider; diese Einheit ist das Werden.[5]“

  1. ↑ Nach Philosophische Lehrjahre (Bd. 18 der Kritischen Schlegel-Ausgabe), Nr. 1149, formuliert in: Hans Jörg Sandkühler (Hrsg.): Handbuch Deutscher Idealismus. Metzler, Stuttgart/Weimar 2005, ISBN 978-3-476-02118-2, S. 350.
  2. ↑ Johann Gottlieb Fichte: Ueber Belebung und Erhöhung des reinen Interesses für Wahrheit. In: Johann Gottlieb Fichte: Werke. Bd. 8, S. 351.
  3. ↑ Vgl. Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Wissenschaft der Logik I. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1986, S. 93ff.
  4. ↑ Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Enzyklopädie. § 24, Zusatz 2.
  5. ↑ Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Enzyklopädie. § 88.