Weibliche und männliche Rhetorik
(von Holger Münzer, Rhetorik-Dozent an der Uni der Künste)
Es gibt immer mal wieder Diskussionen mit Studenten, in denen (meist von weiblicher Seite) vorgebracht wird, daß ich als Dozent Dinge mit solcher Bestimmtheit sage, daß man nicht widersprechen könne, das wäre negativ. Das Auditorium würde eher von Dingen überzeugt, die einen Freiraum lassen. Man hat mir vereinzelt gar vorgeworfen, das käme aus einer Selbstverliebtheit bzw. dem Bedürfnis, mich selbst in den Vordergrund zu stellen. Das ist ein Irrtum:
Im Austausch von Meinungen, ob in der Rede oder im alltäglichen Gespräch miteinander, gibt es das Geltendmachen von Wahrheiten. Schopenhauer definiert dies in seinem eritische Dialektik Kunstgriff 30. Meine Aufgabe als Dozent ist aber nicht, meine Meinung kundzutun sondern zu lehren. Rhetorik ist eine Lehre, baut auf (empirische) Wissenschaft auf und hat Methoden entwickelt. Wenn ich als Dozent Meinungen äußere, kennzeichne ich diese als Meinung, wenn es sich um wissenschaftliche Erkenntnisse handelt gebe ich immer die Quelle mit Seitenzahl an, die im Handbuch der Rhetorik steht.
Zu Wissenschaft und Lehre: In der Wissenschaft kommt es nicht darauf an, die Lernenden von der Richtigkeit der wissenschaftlichen Erkenntnisse zu überzeugen, das muß der Lernende alleine tun. In der Algebra kann ich kann ja nicht sagen: "zwei mal zwei sollte vier sein", dann würde nämlich nachgefragt: "unter welchen Umständen gälte das?" - Ich habe das auf das Fallbeispiel gebracht: Dozent sagt "zwei mal zwei ist vier", Student sagt "da bin ich ganz anderer Meinung". So geht das aber nicht.
Oder ich hörte: könnten Sie das nicht etwas zurückhaltender sagen?
Der Dozent sagt nun mal "Marketing ist..." oder "Planwirtschaft umfaßt..." oder "Rhetorik ist...". Wenn in wissenschaftlichen und Lehrbüchern oder in den Lexiken stehen würde "Marketing könnte sein..." oder "Planwirtschaft sollte umfassen..." oder "laut Adam Riese soll zwei mal zwei vier sein..." oder "Rhetorik sollte die Kunst der Rede sein..." oder "ein gewisser Heinrich Heine soll geschrieben haben, Reden sei lautes Denken..." dann würden die Lexiken und die wissenschaftliche Literatur im Konjunktiv ersticken. Quellen werden nun mal direkt zitiert und nicht im Konjunktiv gehalten.
Anmerkg. KF: Falsch! anstelle von "Marketing ist..." gefolgt von der Definition mu0 es heißen "Laut ...(Name, Lehransicht oder ähnlich)... ist Marketing...". Zu jedem Begriff gibt es Definitionen entsprechend der Epochen und Lehrmeinungen und daher gibt es an sich kein "ist"
Zu den deutschen Füllwörtern, die ich in einer ähnlichen Diskussion erläutert habe, war ein Student z.B. völlig anderer Meinung. Daraufhin habe ich gesagt (im Beispiel): das stammt aus einer Schrift von Georg von der Gabelentz von 1891. Wenn Sie anderer Meinung sind, dann schreiben Sie ein sprachwissenschaftliches Buch, welches von der Gabelentz widerlegt. Wenn dann in weiteren hundert Jahren Ihre Sprachforschungen und Feststellungen obsiegen, dann sollen Sie recht erhalten. Aber zu wissenschaftlichen Forschungen, die durch vielfache Erhebungen und empirisch belegt sind, können Sie nicht einfach sagen: "...dazu habe ich eine andere Meinung".
Von der Gabelentz verweist in seiner Schrift Zu den deutschen Modalpartikeln (1891) auf die Funktion der Partikeln bei der intersubjektiven Einflußnahme und trennt den objektiven Sachverhalt, der im Satz zum Ausdruck gebracht wird, von der das Gemüt betreffenden, "gemüthlichgeselligen", Bedeutung. Weit davon entfernt, diese Redensarten, die nicht zur Sache gehören normativ abzulehnen, erkennt er ihnen eine positive soziale Funktion zu. Und schließlich lassen seine Äußerungen erkennen, daß er die Verwendung von Partikeln und ähnlichen sprachlichen Mitteln als ein Charakteristikum des Deutschen auffaßt. Das Deutsche habe nicht nur die Möglichkeit, derlei seelische Regungen zum Ausdruck zu bringen; dies geschehe im Deutschen auch mit auffallender Häufigkeit.
Die Zitate von Quellen sind keine Meinung und kein rhetorischer Kunstgriff des Lehrenden. Die von weiblichen Studenten gegenüber dem Dozenten bereits geäußerte Kritik, die Lehre oder eine wissenschaftliche Erkenntnis doch bitte "zurückhaltender" zu äußern beruht laut von der Gabelentz eher auf intersubjektiver Einflußnahme und der subjektiven Befindlichkeit des Lernenden und laut David Crystal auf den gegensätzlichen sozialen Rollen der beiden Geschlechter.
Die Wissenschaft (so auch die Sprachwissenschaft) kann jedoch bei ihren Forschungen nicht auf die Gemütsverfassung der Leser oder Hörer Rücksicht nehmen und sich derlei intersubjektiver Einflußnahme beugen. Sollte sie angezweifelt werden muß sie wissenschaftlich widerlegt werden.
Oft geschieht die Ablehnung auch nur dewegen, weil manche wissenschaftlichen Erkenntnisse liebgewonnene Irrtümer beenden.
Zur Formulierung von Meinungen: Manchmal höre ich (vorwiegend von weiblicher Seite) in der Ausformulierung der Rede: Ich wollte nicht mit der Tür ins Haus fallen und Sie nur höflich dazu auffordern, mal darüber nachzudenken...
Abgesehen davon, daß ich es persönlich für ein Unverschämtheit halte, mich aufzufordern, mal nachzudenken, da ich niemals aufhören kann nachzudenken, stellt Georg von der Gabelentz dazu fest:
Wir haben es hier mit einer echt nationalen, zuweilen provinzialen Eigenheit der Sprache zu thun, mit einer der bezeichnendsten, die ich kenne. Nicht das allein ist wichtig, in welcher Stärke und in welcher Form sich die Mittheilung äussert, sondern auch, welches ihr Lieblingsgegenstand ist, ob der Nebengedanke des Redners, seine halbverhüllte Meinung, Zweifel, Vermuthung, Gewissheit, - oder seine Nebenempfindung, und ob diese mehr der Sache oder mehr dem Angeredeten gilt.
Und Dale Carnegie warnt vor unnötigen Entschuldigungen in der Rede.
(Holger Münzer)