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Werk:Alkibiades I (Platon)

aus AufEinWort, der freien Forschung

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Alkibiades I

ALKIBIADES. Erster Dialog.

(De natura humana)

2. Teil: Alkibiades I 2 (Platon)

Nach der Übersetzung von Friedrich E. D. Schleiermacher in: Platons Werke, zweiten Teiles dritter Band, Berlin 1826, bearbeitet.

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[103 St.2 A] SOKRATES: O Sohn des Kleinias, ich glaube du wunderst dich, dass ich, der ich dein erster Liebhaber gewesen, da die übrigen aufgehört haben, mich allein nicht abwendig machen lasse, und dass die übrigen haufenweise sich mit dir unterhielten, ich aber seit so vielen Jahren dich auch nicht einmal angeredet habe. Hiervon nun ist die Ursache nicht ein menschliches, sondern ein dämonisches Hindernis gewesen, von dessen Kraft du auch in der Folge noch hören wirst. Jetzt aber, [B] da es mich nicht mehr hindert, habe ich mich dir genähert, und bin der guten Hoffnung, dass es mir auch künftig nicht mehr entgegen sein wird.

In dieser Zeit nun habe ich ziemlich Acht gegeben und gemerkt, wie du dich gegen deine Liebhaber verhieltest. Nämlich unerachtet ihrer so viele gewesen und gar hochsinnige, war doch keiner, der nicht wäre, überragt von deiner Großartigkeit, zur Flucht gebracht worden. Die [104 St.2 A] Gründe aber, vermöge deren du so über sie hinweggesehen, will ich dir darlegen. Du meinst keines Menschen bedürftig zu sein zu nichts, weil das was du hast, so reichlich ist, dass du nichts brauchst von Leibe anfangend bis zur Seele. Denn du meinst vor allem sehr schön zu sein und sehr wohlgewachsen, und das kann jeder deutlich sehen, dass du dich hierin nicht irrst, dann auch von dem glänzendsten Geschlecht in deiner [B] Vaterstadt, welche wiederum die größte ist unter den hellenischen, und hier rühmst du dich von Vaterseite die trefflichsten Freunde und Verwandten zu haben, welche dir dienen würden, wenn es irgend nötig wäre, und von Mutterseite nicht wenigere noch geringere. Mehr aber als alles insgesamt was ich angeführt, glaubst du vermöge dir Perikles, der Sohn des Xantippos, welchen dein Vater dir und deinem Bruder zum Vormunde gesetzt, der nicht nur in dieser Stadt auszurichten vermag was er nur will, sondern auch in ganz Hellas und bei vielen und großen Geschlechtern der Ausländer. Ich würde auch hinzusetzen, [C] wie reich du bist, aber hierauf scheinst du mir am wenigsten groß zu tun.

Mit dem allen nun dich brüstend bist du deinen Liebhabern überlegen, und sie, weit unter dir darin, fühlten deine Überlegenheit, und dir ist das nicht entgangen. Daher weiß ich auch gewiss, dass du dich wunderst, was ich wohl denke, dass ich mich gar nicht abwendig machen lasse von der Liebe, und was für eine Hoffnung ich wohl haben muss, dass ich noch bleibe, da die andern schon zurückgetreten sind.

ALKIBIADES: Und vielleicht weißt du nicht, Sokrates, dass du mir nur um ein weniges zuvorgekommen bist. Denn ich hatte eben im Sinne dir zuerst entgegenzugehen und dich auf dasselbige anzureden, was du doch [D] eigentlich willst, und was für eine Hoffnung im Auge habend du mich quälst, und überall, wo ich nur bin, absichtlich dich auch zeigst. Denn ich wundere mich in der Tat was doch deine Absicht ist, und möchte es gern erfahren.

SOKRATES: Also wirst du mir, wie es scheint, willig zuhören, wenn du doch, wie du sagst, Lust hast zu erfahren was ich denke, und ich also als zu einem, der hören und aushalten will, reden kann.

ALKIBIADES: gewiss gar sehr, also rede nur.

 

SOKRATES: Siehe wohl zu, denn es wäre kein Wunder, wenn ich, wie ich schwer angefangen habe, nun auch schwer wieder aufhören könnte.

ALKIBIADES: O Guter, [E] rede nur, ich will schon hören.

SOKRATES: So sei es denn geredet. Schwer ist es freilich wohl für einen Liebhaber sich an einen Mann wenden, dem Liebhaber nichts anhaben können, dennoch aber muss ich es wagen, meine Meinung kund zu tun. Nämlich, o Alkibiades, wenn ich dich mit demjenigen, was wir eben durchgegangen sind, zufrieden gesehen hätte, und gesonnen dein Leben damit hinzubringen, so hätte ich schon längst von meiner Liebe abgelassen, wie ich [105 St.2 A] von mir selbst glaube. Nun aber will ich dich noch ganz anderer Gedanken, die du hegst, vor dir selbst bezichtigen, woraus du auch erkennen wirst, dass ich immer sehr wohl auf dich Acht gehabt habe.

Ich denke nämlich von dir, dass wenn dir einer der Götter sagte, o Alkibiades, willst du wohl das behaltend, was du jetzt hast, leben, oder lieber gleich tot sein, wenn es dir nicht erlaubt sein soll größeres zu erwerben? Ich denke du würdest wählen tot zu sein. Und nun, auf welche Hoffnung lebst du? Das will ich dir sagen. Du glaubst, sobald du nur bei den Volksversammlungen der Athener zugegen sein würdest, und das werde ja in gar [B] wenigen Tagen geschehen, würdest du den Athenern dort zeigen, dass du solcher Ehre wert bist, wie weder Perikles noch irgend ein anderer von allen, die nur je gewesen, und wenn du ihnen dies gezeigt, würdest du dann am meisten vermögen in der Stadt, wärest du aber hier der größte, dann wärest du es auch bei den andern, nicht nur Hellenen sondern auch den Barbaren, die mit uns in demselben Weltteil wohnen. Und wenn nun derselbige Gott dir sagte, hier in Europa solltest du zwar herrschen, aber nach Asien solle dir nicht erlaubt sein zu gehen und an die [C] dortigen Angelegenheiten deine Hand zu legen, so dünkt mich, würdest du auch auf diese Bedingungen allein nicht leben wollen, wenn du nicht mit deinem Namen und deiner Macht, kurz zu sagen, alle Menschen beeindrucken dürftest. Und ich meine, außer dem Kyros und Xerxes hältst du wohl keinen sonderlich der Rede wert. dass du nun diese Hoffnung hegst weiß ich sehr wohl, und vermute es nicht nur.

Vielleicht nun wirst du sagen, weil du weißt, dass ich wahr rede: Was hat doch aber dies, o Sokrates, mit dem zu schaffen, was du vorhattest zu erklären, weshalb nämlich du nicht von mir ablässt? Das will ich dir sagen, lieber Sohn des Kleinias und der Deinomache. [D] Nämlich allen diesen Plänen ist es dir unmöglich zum Ziel zu führen ohne mich, so große Gewalt glaube ich zu haben über deine Angelegenheiten und über dich. Deshalb glaube ich auch, hat mir so lange der Gott nicht gestattet mit dir zu reden, auf den ich wartete, wann er es doch zulassen würde. Denn so wie du Hoffnungen hegst, vor der Stadt zu beweisen, dass du ihr alles wert bist, und wenn du es bewiesen, dann nichts mehr sein würde, was du nicht solltest ausrichten können, so hoffe auch ich bei dir [E] alles auszurichten, wenn ich dir gezeigt habe, dass ich dir alles wert bin, und dass weder Vormund noch Verwandter noch sonst jemand im Stande ist dir die Macht zu verschaffen, nach der du strebst, außer ich, mit Gott freilich. So lange du nun jünger und ehe du so großer Hoffnung voll warst, ließ mich, wie mich dünkt, der Gott nicht mit dir reden, damit ich nicht vergeblich redete. Nun aber hat er es gestattet denn nun möchtest du [106 St.2 A] mich wohl anhören.

ALKIBIADES: Noch viel wunderlicher, o Sokrates, kommst du mir nun vor, nachdem du angefangen zu reden, als solange du mir schweigend nachgingst. Wiewohl du auch damals schon gar sehr so aussahst. Ob ich nun dieses im Sinne habe oder nicht, darüber hast du, wie es scheint, schon entschieden, und wenn ich es auch leugnen wollte, würde mir das wohl nicht helfen dich zu überreden. Wohl denn! Wenn ich nun dies aber noch so sehr im Sinne habe, wie soll mir das durch dich werden, so dass es ohne dich gar nicht geschehen könnte, weißt du mir das wohl zu sagen?

SOKRATES: Fragst du etwa, ob ich eine zusammengestellte Rede darüber vorzutragen weiß, wie du gewohnt bist [B] zu hören? Das ist freilich nicht meine Sache. Aber zeigen kann ich dir allerdings, wie ich glaube, dass sich dies wirklich so verhält, wenn du mir nur ein weniges dabei willst zu Hilfe kommen.

ALKIBIADES: Wenn es nur keine schwere Hilfsleistung ist, die du meinst, so will ich wohl.

 

SOKRATES: Dünkt es dich schwer zu antworten, was gefragt wird? ALKIBIADES: Nicht schwer.

SOKRATES: So antworte denn.

ALKIBIADES: Frage nur.

SOKRATES: Ich darf also doch fragen, als hättest du das im Sinne, was ich sage, dass du gedenkst? ALKIBIADES: Das sei so, wenn du willst, damit ich nur erfahre, was du doch sagen wirst.

SOKRATES: Wohlan denn. Du gedenkst [C] also, wie ich sage, binnen kurzer Zeit dich daran zu geben mit den Athenern zu ratschlagen. Wenn ich nun, indem du im Begriff wärest die Bühne zu besteigen, dich bei der Hand fasste und fragte, o Alkibiades, weil die Athener worüber doch gedenken jetzt Rat zu pflegen, bist du aufgestanden um auch Rat zu erteilen? Doch wohl weil über etwas, was du besser verstehst als diese? Was würdest du antworten?

ALKIBIADES: Ich würde offenbar sagen, allerdings über etwas, was ich besser weiß als diese.

SOKRATES: Also was du weißt, darin [D] bist du auch ein guter Ratgeber?

ALKIBIADES: Wie sollte ich nicht!

SOKRATES: Und du weißt doch wohl nur das, was du entweder von andern gelernt oder selbst erfunden hast?

ALKIBIADES: Was für anderes sollte ich wohl!

SOKRATES: Kannst du nun wohl irgendwann etwas erlernt haben oder erfunden, ohne dass du es weder lernen noch selbst suchen wolltest?

ALKIBIADES: Das kann ich nicht.

SOKRATES: Wie nun? Hast du wohl je suchen oder lernen gewollt, was du schon zu wissen glaubtest?

ALKIBIADES: gewiss nicht.

SOKRATES: Also was du jetzt weißt, dafür gab es doch eine Zeit, wo du es nicht zu wissen glaubtest?

ALKIBIADES: Notwendig.

SOKRATES: Allein was du gelernt hast, das weiß ich doch ungefähr, sollte mir aber [E] etwas entgangen sein, so sage es mir. Du hast, soviel ich mich erinnere, die Sprache gelernt, und die Leier spielen, und zu fechten, die Flöte aber wolltest du ja nicht lernen. Dies ist es, was du verstehst, wenn du nicht etwas gelernt hast mir unbemerkt, ich glaube aber nicht, dass du so jemals aus dem Hause gegangen bist weder bei Tage noch bei Nacht.

ALKIBIADES: Ich habe auch keine anderen Schulen besucht als diese.

SOKRATES: [107 St.2 A] Wirst du also wohl, wenn die Athener über das Schreiben ratschlagen, wie sie richtig schreiben sollen, alsdann aufstehen um deinen Rat auch zu erteilen?

ALKIBIADES: Beim Zeus, ich nicht.

SOKRATES: Aber wenn über das Leierschlagen?

ALKIBIADES: Keineswegs.

SOKRATES: Aber über das Fechten pflegen sie ja wohl gar nicht zu ratschlagen in der Versammlung?

ALKIBIADES: Freilich nicht.

SOKRATES: Also wenn sie worüber doch ratschlagen? Doch wohl nicht wenn über Gebäude? ALKIBIADES: Auch nicht.

SOKRATES: Denn da wäre wohl ein Baumeister ein besserer Ratgeber als du.

ALKIBIADES: Ja.

SOKRATES: Auch wohl nicht, wenn sie [B] über Wahrsagung ratschlagen?

ALKIBIADES: Nein.


SOKRATES: Denn da wäre wieder ein Wahrsager besser als du. ALKIBIADES: Ja.

SOKRATES: Und zwar er mag klein sein oder groß, schön oder hässlich, vornehmer oder geringer Abkunft.

ALKIBIADES: Freilich wohl.

SOKRATES: Denn von dem Wissenden, denke ich, kommt guter Rat in jeder Sache, nicht von dem Reichen.

ALKIBIADES: Wie könnte es anders sein!

SOKRATES: Ob also der, welcher ihnen zuspricht, arm ist oder reich, das wird den Athenern nichts verschlagen, wenn sie wegen der Bewohner der Stadt ratschlagen, wie sich diese wohl gesund erhalten können, sondern sie werden nur suchen, dass [C] der Ratgeber ein Arzt sei.

ALKIBIADES: Ganz natürlich wohl.

SOKRATES: Wenn sie also was doch überlegen, wirst du mit Recht auftreten, wenn du auftrittst ihnen Rat zu erteilen?

ALKIBIADES: Wenn ihre eigenen Angelegenheiten, o Sokrates.

SOKRATES: Meinst du die des Schiffbaues, was für Schiffe sie sollen zimmern lassen?

ALKIBIADES: Nicht doch, Sokrates.

SOKRATES: Denn Schiffe zu bauen, denke ich, verstehst du nicht. Ist das die Ursache, oder sonst etwas?

ALKIBIADES: Nein, sondern dieses.

SOKRATES: Also die Beratschlagung über welche von ihren Angelegenheiten meinst du denn?

ALKIBIADES: Wenn sie über Krieg [D] und Frieden ratschlagen, o Sokrates, oder über sonst eine von den Angelegenheiten des Staats.

SOKRATES: Meinst du, wenn sie ratschlagen, mit wem sie Frieden machen sollen und mit wem Krieg führen und auf welche Weise?

ALKIBIADES: Ja.

SOKRATES: Müssen sie nun nicht dies, mit wem es am besten ist? ALKIBIADES: Ja.

SOKRATES: Und dann wann es am besten ist?

ALKIBIADES: Freilich.

[E] SOKRATES: Und so lange als es besser ist?

ALKIBIADES: Ja.

SOKRATES: Wenn nun die Athener sich beraten, mit wem man ringen muss, und mit wem lieber mit dem bloßen Vorderarm kämpfen und auf welche Weise, würdest dann du besser Rat geben oder der Meister in Leibesübungen?

ALKIBIADES: Der letztere offenbar.

SOKRATES: Weißt du nun wohl zu sagen, worauf sehend er seinen Rat darüber erteilen würde, mit wem man ringen muss und mit wem nicht? Und wann und auf welche Weise? Ich meine es so: man muss doch mit denen ringen, mit denen es besser ist? Oder nicht?

ALKIBIADES: Ja.

[108 St.2 A] SOKRATES: Und so viel Gänge als es besser ist?

ALKIBIADES: So viele.

SOKRATES: Und auch dann, wann es besser ist?

ALKIBIADES: Freilich.

SOKRATES: Und wer singt muss bisweilen die Leier schlagen zum Gesang und tanzen?


ALKIBIADES: Das muss er.

SOKRATES: Und nicht wahr, dann wann es besser ist? ALKIBIADES: Ja.

SOKRATES: Und so lange als es besser ist? ALKIBIADES: Das behaupte ich.

SOKRATES: Wie nun? Da du doch beide Male das Bessere genannt hast [B] beim Leierschlagen zum Gesang und beim Ringen, wie nennst du das Bessere im richtigen Leierschlagen? So wie ich das Bessere im Ringen das Gymnastische nenne, wie nennst du jenes?

ALKIBIADES: Ich verstehe nicht.

SOKRATES: Versuche es nur zu machen wie ich. Denn ich habe je schon das genannt, was sich überall richtig verhält. Denn richtig verhält sich doch das was nach der Kunst geschieht. Oder nicht?

ALKIBIADES: Ja.

SOKRATES: War aber nicht jene Kunst die Gymnastik?

ALKIBIADES: Wie sollte sie nicht.

SOKRATES: Und ich nannte das Bessere im Ringen das Gymnastische? [C] ALKIBIADES: Das tatest du.

SOKRATES: Und mit Recht?

ALKIBIADES: Das dünkt mich.

SOKRATES: So komm denn! Denn dir steht es ja auch wohl an, dich richtig auszudrücken, und sage mir zuerst, welches ist die Kunst, welcher das richtige Leierschlagen und singen und sich dazu bewegen obliegt, wie wird sie insgesamt genannt? Kannst du es noch nicht sagen?

ALKIBIADES: Nicht recht.

SOKRATES: Versuche es so. Welches sind die Göttinnen, denen diese Kunst zukommt? ALKIBIADES: Die Musen meinst du, Sokrates?

SOKRATES: Freilich. Sieh nun, was für einen Beinamen hat von ihnen diese Kunst? ALKIBIADES: Die Musik [D] dünkst du mich zu meinen.

SOKRATES: Die meine ich auch. Was ist nun das, was nach dieser richtig erfolgt? So wie ich dir dort das nach der gymnastischen Kunst richtige benannte, wie sagst du nun auch hierbei, dass es geschehe?

ALKIBIADES: Musikalisch, dünkt mich.

SOKRATES: Wohl gesprochen. Wohlan denn, auch das bessere beim Krieg führen oder beim Friede halten, dieses Bessere wie nennst du es? Wie du dort von jedem sagtest, das Bessere sei das Musikalischere, und bei dem andern es sei das [E] Gymnastischere, so versuche auch hier das Bessere zu benennen.

ALKIBIADES: Aber ich weiß wirklich nicht wie.

SOKRATES: Allein ist das nicht schmählich, wenn dich, indem du sprächest und Rat gäbest über Speisen, dass die eine besser ist als die andere und jetzt und in der Menge, jemand hernach fragte, wie nennst du dieses Bessere, o Alkibiades, dass du hiervon zwar zu sagen wüsstest, es ist das Gesündere, wiewohl du dich nicht für einen Arzt ausgibst, wofür du dich aber ausgibst es zu verstehen, [109 St.2 A] und auftrittst um Rat zu erteilen als ein Wissender, hiernach gefragt, du wie es scheint, nichts zu sagen weißt, willst du dich dessen nicht schämen, oder dünkt es dich nicht schmählich?

ALKIBIADES: Gar sehr freilich.

SOKRATES: So überlege denn und versuche zu sagen, worauf doch ziele dieses Bessere in dem Frieden halten und in dem Kriegführen mit wem man soll.


ALKIBIADES: Aber ich überlege es und kann es doch nicht innewerden.

SOKRATES: Und weißt auch nicht, wenn wir Krieg anfangen, wessen wir einander [B] beschuldigen, weshalb wir zum Kriegführen schreiten, und wie wir sie nennen?

ALKIBIADES: Das weiß ich, wir wären hintergangen oder beraubt worden oder man hätte uns Gewalt angetan.

SOKRATES: Halt, und wie sagen wir, sei uns das alles begegnet? Versuche anzugeben, wie dabei das So oder So verschieden ist.

ALKIBIADES: Meinst du unter dem So, o Sokrates, das gerecht oder ungerecht?

SOKRATES: Eben dieses.

ALKIBIADES: Das ist ja freilich ein großer und gänzlicher Unterschied.

SOKRATES: Wie nun? Gegen welche von beiden willst du die Athener raten Krieg zu führen, gegen die [C] Unrechttuenden, oder die welche gerecht gehandelt haben?

ALKIBIADES: Das ist ja eine harte Frage. Denn wenn einer auch dächte, man sollte gegen die, welche recht handeln, Krieg führen, so würde er es doch nicht eingestehen.

SOKRATES: Denn dies ist nicht gesetzlich, wie ja einleuchtet.

ALKIBIADES: Freilich nicht, und auch für ehrenvoll wird es ja nicht gehalten.

SOKRATES: Also in Bezug hierauf, auf das Gerechte, würdest auch du deine Reden stellen? ALKIBIADES: Notwendig.

SOKRATES: Ist nun wohl, wonach ich eben fragte, das Bessere im Kriegführen und nicht, und mit wem man soll, mit wem dagegen nicht, und wann, [D] wann aber nicht, etwas anderes als das Gerechtere? Oder nein?

ALKIBIADES: Offenbar ja eben dieses.

SOKRATES: Wie nun, o lieber Alkibiades, weißt du entweder selbst nicht, dass du dies nicht verstehst? Oder weiß ich nicht, dass du es gelernt und einen Lehrer besucht hast, der dich gelehrt hat das Gerechtere und Ungerechtere zu unterscheiden? Und wer ist doch der? Zeige ihn mir doch auch an, damit ich mich ihm als Schüler von dir vorstellen lasse.

ALKIBIADES: Du spottest, o Sokrates.

SOKRATES: Bei meinem und deinem Freundschaftsgott, bei dem ich am wenigsten falsch schwören möchte, nein. Sondern [E] wenn du kannst, so sage wer es ist.

ALKIBIADES: Und wie, wenn ich nun nicht kann? Glaubst du nicht, dass ich anders woher wissen kann, was gerecht ist und ungerecht?

SOKRATES: Ja wenn du es selbst gefunden hättest.

ALKIBIADES: Und das, glaubst du, könnte ich nicht haben? SOKRATES: O sicher, wenn du es gesucht hättest.

ALKIBIADES: Und glaubst du, ich hätte es nicht gesucht? SOKRATES: Das wohl, wenn du geglaubt hättest es nicht zu wissen. ALKIBIADES: Also, gab es etwa keine Zeit, wo es so mit mir stand?

SOKRATES: Richtig gesprochen. Kannst du mir also diese Zeit angeben, wo du nicht glaubtest das Gerechte und Ungerechte zu erkennen? [110 St.2 A] Sprich, hast du es vor einem Jahr gesucht und nicht geglaubt es zu wissen? Oder glaubtest du es da schon? Und antworte mir die Wahrheit, damit wir unsere Gespräche nicht vergeblich führen.

ALKIBIADES: Da glaubte ich es zu wissen.

SOKRATES: Und vor zwei und drei und vier Jahren nicht so? ALKIBIADES: Allerdings.

SOKRATES: Und früher warst du doch noch ein Knabe. Nicht wahr? ALKIBIADES: Ja.


SOKRATES: Damals nun weiß ich ganz gewiss, dass du es zu verstehen glaubtest. ALKIBIADES: Woher weißt du das so gewiss?

SOKRATES: Weil ich dich oft [B] in den Schulen gehört habe als ein Kind, auch sonst, besonders wenn du mit Knöchel würfelnd spieltest oder irgend ein anderes Spiel, gar nicht als ob du ungewiss wärest über Recht und Unrecht, sondern ganz laut und zuversichtlich, von welchem Knaben es nun eben war, sagen, er wäre schlecht und ungerecht und er täte Unrecht. Oder ist das nicht wahr?

ALKIBIADES: Aber was sollte ich denn tun, o Sokrates, wenn mir nun einer Unrecht tat?

SOKRATES: Meinst du, wenn du ungewiss wärest ob dir Unrecht geschähe oder nicht, [C] was du dann tun solltest?

ALKIBIADES: Beim Zeus! Ich war ja gar nicht ungewiss, sondern ich erkannte ganz bestimmt, dass mir Unrecht geschah.

SOKRATES: Also schon als ein Kind glaubtest du zu verstehen, wie sich zeigt, was recht und unrecht ist?

ALKIBIADES: Freilich, und ich verstand es auch.

SOKRATES: Nachdem du es in welcher Zeit doch gefunden? Denn gewiss doch nicht als du es schon zu wissen glaubtest.

ALKIBIADES: Freilich nicht.

SOKRATES: Wann also glaubtest du es nicht zu wissen? Bedenke dich! Du wirst aber diese Zeit nicht finden.

ALKIBIADES: Beim Zeus, [D] Sokrates, ich weiß sie nicht anzugeben.

SOKRATES: Also durch Selbstfinden weißt du es nicht.

ALKIBIADES: Offenbar wohl nicht.

SOKRATES: Aber eben gestandst du ja auch, es nicht durch Erlernung zu wissen. Wenn du es nun weder gefunden noch gelernt hast, wie weißt du es dann, und woher?

ALKIBIADES: Das habe ich vielleicht wohl nicht richtig geantwortet, dass ich sagte, ich wisse es durch eigenes Finden, sondern es verhielt sich wohl so: ich habe es gelernt, denke ich, ich so gut als alle anderen.

SOKRATES: Da kommen wir ja wieder auf dieselbe Rede. [E] Von wem? Sage es mir auch. ALKIBIADES: Von den Leuten.

SOKRATES: Nicht zu sonderlichen Lehrern nimmst du deine Zuflucht, wenn du es auf die Leute bringst.

ALKIBIADES: Wie so? Sollten sie nicht taugen das zu lehren?

SOKRATES: Wenigstens nicht was im Brettspiel kunstgemäß ist und was nicht, wiewohl ich das doch für geringer halte als das Gerechte. Und du, glaubst du nicht auch so?

ALKIBIADES: Ja.

SOKRATES: Also das Geringfügigere sollten sie nicht lehren können, wohl aber das Wichtigere?

ALKIBIADES: Das glaube ich doch. Wenigstens können sie ja vieles lehren, was wichtiger ist als Brettspielen.

SOKRATES: Was wäre doch das?

[111 St.2 A] ALKIBIADES: Wie das hellenisch reden ich meines Teils ja von eben diesen gelernt habe, und keinen andern Lehrer zu nennen wüsste, sondern es auf die nämlichen bringe, von denen du sagst, dass sie nicht sonderliche Lehrer wären.

SOKRATES: Aber, mein Bester, hierin sind die Leute wohl gute Lehrer und man kann mit Recht ihre Lehre rühmen.

ALKIBIADES: Wie so?


SOKRATES: Weil sie hiervon haben, was gute Lehrer haben müssen. ALKIBIADES: Was meinst du damit?

SOKRATES: Weißt du nicht, dass die irgendetwas lehren [B] sollen, es zuerst selbst wissen müssen? Oder nicht?

ALKIBIADES: Wie sollten sie nicht?

SOKRATES: Und dass sie etwas wissen, darüber einig sind untereinander und nicht im Streit? ALKIBIADES: Ja.

SOKRATES: Worüber sie aber uneinig sind, wirst du sagen, dass sie das wissen?

ALKIBIADES: Wohl nicht.

SOKRATES: Darin nun, wie sollten sie wohl Lehrer sein können?

ALKIBIADES: Gar auf keine Weise.

SOKRATES: Wie nun? Scheinen dir die Leute darüber uneins zu sein, was Stein ist und [C] was Holz? Und wenn du einen fragst, werden sie nicht alle in demselben zusammentreffen und nach demselben greifen, wenn sie einen Stein oder ein Holz nehmen wollen? Und so mit allen dergleichen Dingen? Denn ich merke, dass du dies ungefähr meinst, wenn du sagst, sie verstehen hellenisch zu reden. Oder nicht?

ALKIBIADES: Allerdings.

SOKRATES: Und nicht wahr, hierüber, wie wir sagten, sind sie unter einander einig und jeder mit sich einzeln, und auch untereinander haben die Staaten keinen Streit miteinander, dass der eine [D] dies annähme und der andere jenes?

ALKIBIADES: Freilich nicht.

SOKRATES: Natürlich, also können sie darin auch gute Lehrer sein.

ALKIBIADES: Ja.

SOKRATES: Also wenn wir machen wollten, dass einer dies wüsste, so täten wir recht ihn bei diesen in die Lehre zu schicken, bei den Leuten?

ALKIBIADES: Ganz gewiss.

SOKRATES: Wie aber, wenn wir wollten, er sollte nicht nur wissen was Menschen sind und was Pferde, sondern auch welche unter ihnen rechte Läufer sind und welche nicht, sind noch die Leute tauglich dieses zu lehren?

ALKIBIADES: Wohl nicht.

SOKRATES: Und ist dir das ausgeführt genug, dass sie es nicht verstehen [E] und keine tüchtigen Lehrer darin sind, dass sie gar nicht unter sich einig sind darüber?

ALKIBIADES: Mir genug.

SOKRATES: Und wenn wir wollten, einer solle nicht nur wissen was Menschen sind, sondern auch was gesunde und was kränkliche, wären uns auch dann die Leute tüchtige Lehrer?

ALKIBIADES: Wohl nicht.

SOKRATES: Und wäre es dir hinreichend gezeigt, dass sie nur schlechte Lehrer wären, wenn du sie unter einander uneins sähest?

ALKIBIADES: Mir ja.

SOKRATES: Und wie denn? Was gerechte Menschen und Handlungen sind, [112 St.2 A] dünken dich darüber die Leute übereinzustimmen jeder mit sich selbst und alle untereinander?

ALKIBIADES: Nichts weniger als das, beim Zeus, o Sokrates! SOKRATES: Sondern wie? Über die Maßen uneinig zu sein hierüber? ALKIBIADES: Gar sehr.


SOKRATES: Wenigstens glaube ich nicht, dass du jemals über das, was gesund oder nicht, Menschen so uneinig wirst gesehen oder gehört haben, dass sie deshalb mit einander kämpften oder sich umbrachten.

ALKIBIADES: Freilich nicht.

SOKRATES: Wohl aber wegen Recht und Unrecht weiß ich gewiss, dass wenn du es auch nicht selbst gesehen, du es wenigstens von vielen andern [B] gehört hast und auch vom Homer. Denn die Odysseia und Ilias hast du doch gehört?

ALKIBIADES: Das versteht sich ja wohl, o Sokrates.

SOKRATES: Und nicht wahr, diese Gedichte handeln ganz und gar von einem Streit über Recht und Unrecht?

ALKIBIADES: Ja.

SOKRATES: Und Gefechte und Tod entstanden aus diesem Zwist den Achaiern und Troern, und den Freiern der Penelope und dem Odysseus.

ALKIBIADES: Du hast Recht.

SOKRATES: Ich glaube auch den Athenern, Lakedaimoniern und Böotiern, die bei Tanagra blieben und hernach bei Koroneia, wo auch [C] dein Vater Kleinias endete, hat kein anderer Streit Krieg und Tod gebracht als über Recht und Unrecht. Nicht wahr?

ALKIBIADES: Du hast Recht.

SOKRATES: Sollen wir nun sagen, dass diese dasjenige wissen, worüber sie sich so heftig streiten, dass sie im Zwist darüber sich unter einander das äußerste antun?

ALKIBIADES: Das sieht wohl nicht so aus.

SOKRATES: Und auf solche Lehrer berufst du dich doch, von denen du selbst eingestehst, dass sie nicht wissen?

ALKIBIADES: [D] Das scheine ich.

SOKRATES: Wie soll man nun glauben, dass du dich auf Recht und Unrecht verstehst, worüber du so schwankst, und es offenbar weder von jemanden gelernt, noch es selbst erfunden hast?

ALKIBIADES: Nachdem, was du sagst, sollte man es nicht glauben.

SOKRATES: Siehst du, wie du auch dies wieder gar nicht richtig gesprochen hast, o Alkibiades?

ALKIBIADES: Was denn?

SOKRATES: dass du behauptest, ich sage dies.

ALKIBIADES: Wie doch? Bist du es etwa nicht der, der behauptet, dass ich nichts verstehe von Recht und Unrecht?

SOKRATES: Gar nicht.

ALKIBIADES: Sondern ich etwa?

[E] SOKRATES: Ja.

ALKIBIADES: Woher aber?

SOKRATES: Das wirst du so sehen. Wenn ich dich frage, Eins und Zwei, welches von beiden ist mehr, so wirst du doch sagen Zwei?

ALKIBIADES: gewiss.

SOKRATES: Um wieviel?

ALKIBIADES: Um Eins.

SOKRATES: Welcher von uns beiden ist nun der Behauptende, dass Zwei um Eins mehr ist als Eins?

ALKIBIADES: Ich.

SOKRATES: Und nicht wahr ich fragte und du antwortetest? ALKIBIADES: Ja.

[113 St.2 A] SOKRATES: Hierüber also, scheine ich der Fragende es zu sein, der etwas sagt, oder du der Antwortende?

ALKIBIADES: Ich.

SOKRATES: Und wie wenn ich frage, was für Buchstaben hat Sokrates, und du sagst es, wer ist der Behauptende?

ALKIBIADES: Ich.

SOKRATES: Wohlan so sage es mit einem Wort. Wo Frage und Antwort gewechselt wird, wer behauptet, der Fragende oder der Antwortende?

ALKIBIADES: Der Antwortende, dünkt mich, o Sokrates.

SOKRATES: Und eben war ich doch durchweg der Fragende?

[B] ALKIBIADES: Ja.

SOKRATES: Und du der Antwortende?

ALKIBIADES: Freilich.

SOKRATES: Was also behauptet worden ist, wer hat es ausgesprochen?

ALKIBIADES: Offenbar wohl, o Sokrates, nachdem was wir eingestanden haben, ich.

SOKRATES: Und es ist behauptet worden, dass über Recht und Unrecht der schöne Alkibiades, der Sohn des Kleinias, nichts verstehe, glaube es aber, und wolle in die Versammlung gehen um den Athenern Rat zu geben über das, wovon er nichts weiß. War es nicht so?

ALKIBIADES: Offenbar.

SOKRATES: Es kommt also heraus, was Euripides sagt, o Alkibiades, 'von dir magst du das wohl, [C] nicht von mir gehört haben', und ich bin es nicht der dies behauptet, sondern du, mich aber beschuldigst du fälschlich.

ALKIBIADES: Und doch ist es ganz richtig.

SOKRATES: Nämlich ein törichtes Unternehmen hast du im Sinn, o Bester, lehren zu wollen was du nicht weißt, nachdem du verabsäumt es zu lernen.

ALKIBIADES: Ich denke aber, o Sokrates, die Athener mögen wohl gar selten darüber beratschlagen, und so auch die andern Hellenen, was gerechter sei oder ungerechter. Denn das, denken sie, sieht jedermann. Sie lassen es also und überlegen nur, [D] welches von zweien ihnen vorteilhaft sein wird, wenn sie es tun. Denn das ist, glaube ich, nicht einerlei, das Gerechte und das Vorteilhafte, sondern Vielen hat es schon Nutzen gebracht, dass sie große Ungerechtigkeiten begangen haben, und Andere, glaube ich, die recht gehandelt, hat das nicht bevorteilt.

SOKRATES: Wie also? Wenn das Gerechte wirklich so sehr etwas anderes ist, und das Vorteilhafte wieder etwas anderes, meinst du nicht wiederum das zu verstehen, was den Menschen vorteilhaft ist und warum?

ALKIBIADES: Was hindert es, o Sokrates? Wenn du mich nur nicht wieder fragen willst, von wem ich es gelernt oder wie ich es selbst gefunden habe.

SOKRATES: Was du nun anstellst! Wenn [E] du etwas unrichtig behauptest, und es ist möglich dir dies auf dieselbe Art nachzuweisen wie schon in einem früheren Fall, glaubst du dennoch, dass du etwas Neues hören musst und andere Nachweise, als ob die vorigen wie Kleider abgetragen wären, und du sie nicht mehr anlegen wolltest, sondern es müsste dir einer einen ganz neuen noch unbekannten Nachweis bringen? Ich will [114 St.2 A] mich aber an deine Vorklage nicht kehren, sondern dich nichts desto weniger fragen, woher du nun wieder das Vorteilhafte gelernt hast, dass du es nun verstehst, und wer dein Lehrer gewesen ist, und alles jenes vorige frage ich dich mit einer Frage. Aber offenbar wirst du wieder auf Dasselbige kommen, und wirst nicht aufzeigen können, weder dass du durch Selbstfinden das Vorteilhafte weißt noch durch Erlernung. Aber weil du vornehm tust und nicht gern dieselbe Rede noch einmal hören möchtest, so lasse ich das gut sein, ob du weißt oder nicht, was den Athenern vorteilhaft ist, [B] ob aber das Gerechte und das Vorteilhafte einerlei ist oder verschieden, warum zeigst du mir das

 

nicht, entweder wenn du willst, indem du mich fragst wie ich dich, oder wenn nicht, so führe es auch in eigener Rede durch.

ALKIBIADES: Ich weiß aber nicht, ob ich im Stande sein werde, o Sokrates, es vor dir durchzuführen.

SOKRATES: Stelle dir doch nur vor, du Guter, ich wäre die Versammlung und das Volk. Dort wirst du ja auch müssen jeden einzelnen überzeugen. Nicht wahr?

ALKIBIADES: Ja.

SOKRATES: Und es ist ja wohl die Sache desselbigen, Einen einzeln überzeugen zu können und Viele zugleich von dem, [C] was er weiß, wie der Sprachlehrer ja wohl Einen überzeugt in Sachen der Sprache und Viele?

ALKIBIADES: Ja wohl.

SOKRATES: Nicht auch von dem, was die Zahlen betrifft, wird derselbige Einen überzeugen können und auch Viele?

ALKIBIADES: Ja.

SOKRATES: Dieser ist aber der, der es versteht, der Arithmetiker?

ALKIBIADES: Freilich.

SOKRATES: Also nicht auch du, wovon du Viele zu überzeugen im Stande bist, davon auch Einen? ALKIBIADES: Wahrscheinlich wohl.

SOKRATES: Und das ist doch das was du weißt?

ALKIBIADES: Ja.

SOKRATES: Und ist nun nicht der Redner im Volke nur in so weit von dem bei einem solchen Thema verschieden, dass der eine Viele auf einmal von demselben überzeugt, der andere [D] einzeln?

ALKIBIADES: So scheint es.

SOKRATES: So komm also! Wenn es doch für denselben gehört Einen zu überzeugen und Viele, so übe dich an mir, und versuche mir zu zeigen, dass das Gerechte bisweilen nicht nützlich ist!

ALKIBIADES: Du treibst Übermut, o Sokrates.

SOKRATES: So will ich denn nun wenigstens aus Übermut dich von dem Gegenteil dessen überzeugen, wovon du mich nicht überzeugen willst.

ALKIBIADES: Sprich denn.

SOKRATES: Antworte nur [E] was ich dich fragen werde.

ALKIBIADES: Nein, sondern sprich du allein.

SOKRATES: Wie doch? Willst du denn nicht so sehr als nur möglich überzeugt werden?

ALKIBIADES: Allerdings will ich das.

SOKRATES: Und nicht wahr, wenn du selbst behauptest, dass sich etwas so verhält, dann bist du aufs beste überzeugt?

ALKIBIADES: Das dünkt mich wenigstens.

SOKRATES: So antworte denn. Und wenn du es nicht von dir selbst hörst, dass das Gerechte zugleich vorteilhaft ist, so glaube es nicht wenn es ein Anderer sagt.

ALKIBIADES: Freilich nicht, und so will ich denn antworten, denn ich denke ja auch ich werde keinen Schaden davon haben.

SOKRATES: Du siehst es voraus. Sage [115 St.2 A] mir also, du behauptest einiges Gerechte habe Vorteile, anderes nicht?

ALKIBIADES: Ja.

SOKRATES: Und wie? Auch dass einiges davon schön sei und anderes nicht? ALKIBIADES: Wie meinst du das?


SOKRATES: Ob dich schon jemand gedünkt hat, hässlich zu handeln, zugleich aber gerecht? ALKIBIADES: Nein, das nicht.

SOKRATES: Sondern alles Gerechte ist auch schön?

ALKIBIADES: Ja.

SOKRATES: Wie nun das Schöne? Ist es alles gut, oder einiges wohl, anderes aber nicht? ALKIBIADES: Ich wenigstens meine, einiges Schöne sei wohl übel.

SOKRATES: Etwa auch schändliches gut?

ALKIBIADES: Ja.

SOKRATES: Meinst du etwa [B] solches, wie dass schon Viele im Kriege, indem sie einem Freunde oder Angehörigen Hilfe leisteten, Wunden davon getragen haben oder gestorben sind, andere aber, die nicht halfen, obschon sie es gesollt hätten, gesund sind davon gekommen?

ALKIBIADES: Allerdings eben das.

SOKRATES: Und nicht wahr, eine solche Hilfsleistung nennst du zwar schön in Beziehung auf das Bestreben diejenigen zu retten, welche man sollte, und das ist Tapferkeit, oder nicht?

ALKIBIADES: Ja.

SOKRATES: Übel aber nennst du sie in Beziehung auf den Tod und die Wunden. [C] Nicht wahr? ALKIBIADES: Ja.

SOKRATES: Ist nun nicht etwas anderes die Tapferkeit und wieder etwas anderes der Tod? ALKIBIADES: Freilich.

SOKRATES: Nicht also in derselben Hinsicht ist es schön und übel den Freunden helfen. ALKIBIADES: Nein, wie sich zeigt.

SOKRATES: Sieh nun, ob es nicht eben insofern als schön auch gut ist, wie ja auch hier. Denn in Bezug auf die Tapferkeit, gestehst du, sei die Hilfsleistung schön. Nun betrachte eben dieses, die Tapferkeit ob sie gut ist oder übel. Überlege es aber so: Welches von beiden möchtest du wohl haben, Gutes oder Übles?

[D] ALKIBIADES: Gutes.

SOKRATES: Und zwar das größte am liebsten, und das am unliebsten möchtest du dir das nehmen lassen?

ALKIBIADES: Wie sollte ich nicht!

SOKRATES: Was meinst du nun von der Tapferkeit, für wieviel möchtest du sie dir wohl nehmen lassen?

ALKIBIADES: Auch nicht leben möchte ich, wenn ich sollte feige sein. SOKRATES: Das äußerste Übel also dünkt dich die Feigheit? ALKIBIADES: Ganz gewiss.

SOKRATES: Gleichgeltend dem Sterben, wie sich zeigt?

ALKIBIADES: Das behaupte ich.

SOKRATES: Und dem Tode und der Feigheit ist doch das Entgegengesetzteste das Leben und die Tapferkeit?

ALKIBIADES: Ja.

SOKRATES: Und diese beiden [E] wünschest du dir am liebsten, jene am wenigsten? ALKIBIADES: Ja.

SOKRATES: Wohl, weil du die einen für das Beste hältst, die anderen für das Übelste? ALKIBIADES: Freilich wohl.

SOKRATES: Das Helfen also den Freunden im Kriege, sofern es schön ist, nämlich vermöge der Vollbringung des Guten, der Tapferkeit, hast du schön genannt.

ALKIBIADES: Das scheine ich wohl.

SOKRATES: Vermöge der Vollbringung des Üblen aber, des Todes, übel. ALKIBIADES: Ja.

SOKRATES: Ist es nun nicht recht, jegliche Handlung so zu bezeichnen, wenn du sie doch sofern sie Übles bewirkt übel nennst, musst du sie auch sofern sie [116 St.2 A] Gutes bewirkt gut nennen?

ALKIBIADES: Das dünkt mich wohl.

SOKRATES: Nicht auch sofern Gutes schön, sofern aber Übles schlecht?

ALKIBIADES: Ja.

SOKRATES: Wenn du also sagst, die den Freunden im Kriege geleistete Hilfe sei schön, aber übel, so sagst du nichts anderes, als wenn du sie gut nennst und auch übel.

ALKIBIADES: Du scheinst richtig zu reden, Sokrates.

SOKRATES: Nichts Schönes also ist insofern schön übel, noch Schändliches insofern schändlich gut.

ALKIBIADES: Nein, wie sich zeigt.

SOKRATES: Betrachte es auch noch so. [B] Wer schön lebt, lebt der nicht auch wohl?

ALKIBIADES: Ja.

SOKRATES: Die Wohllebenden aber, sind die nicht glückselig?

ALKIBIADES: Wie sollten sie nicht!

SOKRATES: Und nicht wahr, glückselig durch den Besitz des Guten?

ALKIBIADES: Vornehmlich.

SOKRATES: Dies besitzen sie aber vermöge des Wohl- und Schönlebens.

ALKIBIADES: Ja.

SOKRATES: Wohl zu leben ist also gut?

ALKIBIADES: Wie sollte es nicht!

SOKRATES: Ist nun aber nicht das Wohlleben etwas schönes?

ALKIBIADES: Ja.

SOKRATES: So zeigt sich uns also wiederum [C] als dasselbe das Gute und das Schöne?

ALKIBIADES: So zeigt es sich.

SOKRATES: Was wir also schön gefunden haben, das werden wir auch gut finden, nach dem was wir sagen?

ALKIBIADES: Notwendig.

SOKRATES: Und wie! Vorteilt das Gute oder nicht?

ALKIBIADES: Es vorteilt.

SOKRATES: Erinnerst du dich auch, was wir über das Gerechte eingestanden haben? ALKIBIADES: Ich glaube wenigstens, dass alle Rechttuenden notwendig auch Schönes tun. SOKRATES: Und die Schönes auch Gutes?

ALKIBIADES: Ja.

SOKRATES: Das Gute aber vorteile?

ALKIBIADES: Ja.

SOKRATES: Das Gerechte also, o Alkibiades, ist vorteilhaft.

ALKIBIADES: Es scheint ja.

SOKRATES: Wie nun, bist du es, der dies behauptet [D] oder ich der Fragende? ALKIBIADES: Ich, ja wohl, wie es scheint.


SOKRATES: Wenn nun einer aufsteht um zu beratschlagen, gleichviel ob mit den Athenern oder Peparethiern, in der Meinung zu verstehen was Recht und Unrecht ist, und will doch behaupten zu wissen, das Gerechte sei bisweilen übel, würdest du ihn nicht auslachen, da doch auch du behauptest das Gerechte und das Vorteilhafte sei dasselbe?

ALKIBIADES: Aber bei den Göttern, o Sokrates, ich weiß nicht was ich behaupte, sondern ordentlich ganz verdreht komme ich mir vor. Denn bald dünkt es mich so, wenn du mich fragst, bald wieder [E] anders.

SOKRATES: Und das weißt du nicht, Lieber, was für ein Zustand dies ist? ALKIBIADES: Gar nicht.

SOKRATES: Glaubst du denn, wenn dich jemand fragte, hast du zwei oder drei Augen, und zwei Hände oder vier, dass du dann auch bald dies antworten würdest, bald wieder anderes? Oder immer dasselbe?

ALKIBIADES: Mir ist zwar nun [117 St.2 A] schon ganz bange um mich selbst, ich glaube aber doch dasselbe.

SOKRATES: Und dass du es weißt, ist die Ursache davon? ALKIBIADES: Das denke ich wenigstens.

SOKRATES: Worauf du also wider deinen Willen Entgegengesetztes antwortest, darin bist du doch offenbar nicht wissend?

ALKIBIADES: So sieht es wenigstens aus.

SOKRATES: Und nicht wahr, auch indem du über Gerechtes und Ungerechtes, über Schönes und Schändliches, über Übles und Gutes, über was vorteilt und nicht antwortest, gestehst du, dass du schwankst? Ist es nun nicht offenbar, dass du, weil du nichts davon verstehst, deshalb schwankst?

ALKIBIADES: Mir wenigstens.

[B] SOKRATES: Verhält es sich etwa auch immer so, wenn jemand etwas nicht weiß, dass die Seele notwendig darüber schwankt?

ALKIBIADES: Wie sollte sie nicht!

SOKRATES: Wie nun? Weißt du auf welche Weise du gen Himmel fahren kannst? ALKIBIADES: Beim Zeus, ich nicht.

SOKRATES: Schwankt etwa deine Meinung auch hierüber?

ALKIBIADES: Wohl nicht.

SOKRATES: Und die Ursache, weißt du sie, oder soll ich sie sagen?

ALKIBIADES: Sage sie.

SOKRATES: Weil du, Lieber, nicht glaubst es zu wissen, wie du es auch nicht weißt. ALKIBIADES: Wie meinst du das wieder?

SOKRATES: Betrachte es nur mit mir gemeinschaftlich. [C] Was du nicht verstehst, aber auch erkennst, dass du es nicht verstehst, schwankst du etwa über dergleichen? Wie von der Zubereitung der Gemüse weißt du doch wohl, dass du nichts weißt?

ALKIBIADES: Ganz gewiss.

SOKRATES: Machst du dir nun hierüber eine Meinung, wie man sie wohl zubereiten müsse, und schwankst dann, oder überlässt du es dem Sachverständigen?

ALKIBIADES: Das letzte tue ich.

SOKRATES: Und wenn du zu Schiffe führst, würdest du dir eine Meinung darüber machen, ob man das Steuerruder wohl müsse einwärts oder auswärts führen, und weil du es nicht recht wüsstest, schwanken, oder würdest du das dem Steuermann überlassen und [D] dich ganz ruhig halten?

ALKIBIADES: Dem Steuermann.


SOKRATES: Du schwankst also nicht über das was du nicht weißt, wenn du nur weißt, dass du es nicht weißt.

ALKIBIADES: Ich scheine nicht.

SOKRATES: Merkst du nun wohl, dass auch die Fehler im Handeln aus dieser Unwissenheit entstehen, dass wer nicht weiß, doch meint zu wissen?

ALKIBIADES: Wie meinst du nur das wieder?

SOKRATES: Wir unternehmen doch nur dann [E] etwas zu tun, wenn wir meinen das zu verstehen was wir tun?

ALKIBIADES: Ja.

SOKRATES: Wenn aber jemand nicht meint etwas zu verstehen: so überlässt er es andern?

ALKIBIADES: Wie sollte er nicht?

SOKRATES: Und solche Nichtwissende leben doch wohl fehlerlos, weil sie ihre Angelegenheiten andern überlassen?

ALKIBIADES: Ja.

SOKRATES: Wer sind nun die Fehlenden? Die Wissenden doch wohl nicht? ALKIBIADES: Nicht füglich.

SOKRATES: Wenn nun aber weder die Wissenden, noch diejenigen unter den Nichtwissenden, welche wissen, dass sie nicht wissen, bleiben wohl andere übrig, als [118 St.2 A] die Nichtwissenden welche glauben zu wissen?

ALKIBIADES: Nein, sondern diese.

SOKRATES: Diese Unwissenheit nun ist Ursache alles Übels, die schmähliche Torheit.

ALKIBIADES: Ja.

SOKRATES: Und wenn sie die wichtigsten Dinge betrifft, dann ist sie am verderblichsten und schändlichsten?

ALKIBIADES: Bei weitem.

SOKRATES: Wie nun? Weißt du etwas Wichtigeres zu nennen als Rechtes und Schönes und Gutes und Vorteilhaftes?

ALKIBIADES: Wohl nicht.

SOKRATES: Und hierüber gestehst du, dass du schwankst?

ALKIBIADES: Ja.

SOKRATES: Wenn du aber schwankst, ist es nicht aus dem Vorigen klar, dass du nicht nur das wichtigste [B] nicht weißt, sondern auch nicht wissend, es doch zu wissen glaubst?

ALKIBIADES: Das mag wohl sein.

SOKRATES: Wehe, o Alkibiades, was ist dir widerfahren, was ich zu nennen Bedenken trage, aber doch, weil wir allein sind, muss ich es heraussagen. Nämlich mit der Torheit hausest du und zwar mit der schimpflichsten, wie diese Überlegung dich beschuldigt und du dich selbst. Darum also stürzt du dich so eilends in die Staatssachen, ehe du unterrichtet bist. Aber nicht du allein befindest dich in diesem Zustande, [C] sondern die meisten von denen, welche die Angelegenheiten dieser Stadt besorgen, bis auf wenige wohl und vielleicht deinen Vormund Perikles.

ALKIBIADES: Von diesem sagt man ja auch, dass er nicht von selbst so weise geworden ist, sondern durch den Umgang mit vielen weisen Männern, dem Pythokleides und Anaxagoras, und auch jetzt noch in solchem Alter geht er eben deshalb mit dem Damon um.

SOKRATES: Aber wie doch? Hast du wohl schon einen irgendworin Weisen gesehen, der nicht vermögend gewesen wäre, einen andern eben [D] darin weise zu machen, worin er es ist? Wie, wer dich die Sprache gelehrt hat, war selbst darin vollkommen, und hat dich auch dazu gemacht und wen er sonst wollte. Nicht wahr?


ALKIBIADES: Ja.

SOKRATES: Und auch du, nachdem du es von jenem gelernt, wirst es einem andern können beibringen?

ALKIBIADES: Ja.

SOKRATES: Eben so der Musikmeister und der Fechtmeister.

ALKIBIADES: Freilich.

SOKRATES: Denn das ist ein schöner Beweis für die, welche irgendetwas verstehen, dass sie es verstehen, wenn sie auch einen andern können verständig darin machen.

ALKIBIADES: Das dünkt mich auch.

SOKRATES: Wie nun? Weißt du einen zu nennen, der den Perikles verständig gemacht hätte, [E] von seinen Söhnen angefangen?

ALKIBIADES: Wie aber, wenn des Perikles beide Söhne einfältig wären, Sokrates!

SOKRATES: Aber den Kleinias, deinen Bruder?

ALKIBIADES: Wie kannst du nur wieder den Kleinias anführen, diesen tollen Menschen!