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Werk:Anterastai (Platon)

aus AufEinWort, der freien Forschung

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Amatores

Anterastai

ERASTAI.

AMATORES. (De philosophia)

Die Nebenbuhler.

Nach der Übersetzung von Friedrich E. D. Schleiermacher

in: Platons Werke, zweiten Teiles dritter Band, dritte Auflage, Berlin 1861, bearbeitet.

Durch Anklicken der indizierenden Seitenzahlen im deutschen Text wird die entsprechende Seite mit dem griechischen und lateinischen Text der Didot-Edition angezeigt.

[132 St.1 A] Bei Dionysios, dem Grammatiker, trat ich einst ein und traf ich dort die unter den jungen Leuten für die ausgezeichnetsten gelten der Gestalt nach an, und von den angesehensten Vätern, mit ihren Liebhabern. Zwei von den Knaben nun waren eben in einem Streit begriffen, worüber aber, das konnte ich nicht recht vernehmen. Sie mussten aber wohl über den Anaxagoras oder den Oenopides streiten, wenigstens sah ich, dass sie Kreise beschrieben und gewisse Neigungen mit den Händen sich überneigend darstellten, und dass sie sehr vertieft waren. [B] Ich darauf, ich hatte mich nämlich neben den Liebhaber des einen von ihnen gesetzt, stieß diesen also mit dem Ellbogen an, und fragte, was doch die beiden Knaben so eifrig betrieben, und sagte: Gewiss ist es etwas Großes und Schönes wobei sie solchen Eifer beweisen.

Er antwortete: Was doch Großes und Schönes? Sie schwatzen eben über die Erscheinungen am Himmel, und plappern über Philosophisches.

Ich nun wunderte mich über seine Antwort und sagte: Junger Mann, etwas Schlechtes dünkt dich das Philosophieren zu sein? Oder warum sprichst du so verdrießlich?

Da nun der Andere, denn er saß neben diesem als sein Nebenbuhler, hörte [C] wie ich fragte und jener antwortete, sprach er: Es tut dir kein Gutes, Sokrates, dass du diesen auch nur fragst, ob er die Philosophie für etwas Schlechtes hält. Oder kennst du ihn nicht dafür, dass er sein ganzes Leben lang noch nichts anderes getan hat, als sich raufen und dann wieder sich voll füllen und schlafen? Was meinst du also wohl, könne er anders antworten, als dass Philosophieren etwas Schlechtes ist.

Dieser nämlich von den beiden Liebhabern hatte sich auf musische Künste gelegt, jener aber, über den er so herzog, auf Turnen und Leibesübungen. Daher glaubte ich, ich müsste wohl den einen, den ich vorher gefragt, lieber loslassen, [D] weil er sich selbst nicht einmal dafür ausgab in Reden erfahren zu sein sondern nur in Taten, und dagegen den, der sich für weiser gab, ausfragen, um mich doch, wenn ich könnte, von ihm belehren zu lassen. Ich sagte also: Ich lege die Frage euch beiden vor. Glaubst du nun, sie besser beantworten zu können als jener, so frage ich dich dasselbe wie ihn, ob du das Philosophieren für etwas Schönes hältst oder nicht?

Als wir so ungefähr sprachen, [133 St.1 A] merkten die Knaben auf und schwiegen, und wurden mit Beendigung ihres Streites unsere Zuhörer. Und wie nun dabei ihren Liebhabern zu Mute war, weiß ich nicht, ich aber war sehr beeindruckt, werde ich doch stets von schönen Jünglingen so beeindruckt. Es schien mir aber doch auch der eine von ihnen nicht minder entzückt zu sein als ich, jedoch antwortete er mir und zwar sehr auf richtige Antworten bedacht.

Wenn ich, sprach er, o Sokrates, glaubte, das Philosophieren wäre etwas Schlechtes, so würde ich mich [B] nicht mehr für einen Menschen halten, auch keinen andern, der so dächte, womit er auf

 

seinen Nebenbuhler deuten wollte, und seine Stimme anhob, damit die beiden Knaben es hören möchten.

Darauf sagte ich: Also für etwas Schönes hältst du das Philosophieren? Allerdings, sagte er.

Und wie, fragte ich, dünkt es dich möglich von irgendeiner Sache zu wissen, ob sie schön oder hässlich ist, wovon man noch nicht weiß, was sie ist?

Nein, sagte er.

Also weißt du, sprach ich, was das Philosophieren ist?

Allerdings, sagte er.

Was ist es denn? [C] sprach ich.

Was wohl anders, sagte er, als das Solonische. Denn Solon sagt ja:

Vielerlei noch lernend altere ich.

So dünkt auch mich, müsse, wer philosophieren will, doch immer noch Neues lernen, sei er nun alt oder jung, um so viel als möglich im Leben zu lernen.

Dies nun schien mir anfänglich etwas gesagt zu sein, hernach aber bedachte ich mich, und fragte ihn, ob er denn die Philosophie für Vielwissen hielte?

Da sagte er: Allerdings.

Und hältst du die Philosophie [D] nur für ehrenwert oder auch für gut? fragte ich. Auch für gut, gar sehr.

Siehst du nun dies als etwas der Philosophie eigenes an, oder glaubst du, es verhalte sich mit andern Dingen ebenso? Wie die Liebe zur Gymnastik, hältst du diese nicht nur für schön, sondern auch für gut, oder nicht?

Da sagte er sehr scherzhaft, beides. Nämlich zu diesem will ich gesagt haben, dass sie keines von beiden ist, dir aber, o Sokrates gestehe ich ein, dass sie etwas Schönes ist und Gutes.

Glaubst du nun auch, dass bei den Leibesübungen das Vielüben [E] die Liebe zur Gymnastik ist?

Freilich, antwortete er, so wie ich auch im Philosophieren das Vielwissen für die Liebe zur Weisheit halte.

Da sprach ich: Glaubst du denn, dass die, welche sich der Leibesübungen befleißigen, etwas anderes begehren als das, woraus ihnen eine tüchtige Beschaffenheit des Leibes entsteht?

Eben dieses, antwortete er.

Machen also etwa, fragte ich, möglichst viele Übungen den Leib tüchtig?

[134 St.1 A] Und wie könnte man wohl, sprach er, durch wenige Übungen zu einer solchen Tüchtigkeit gelangen?

Da dünkte mich, es wäre nunmehr Zeit den Gymnastikfreund anzuregen, damit er mir zu Hilfe käme mit seiner Kenntnis der Gymnastik. Also fragte ich ihn: Warum aber, Bester, schweigst du uns so still, und lässt diesen dergleichen sagen? Meinst denn auch du, dass die Tüchtigkeit des Leibes dem Menschen durch viele Körperübungen entsteht oder durch die maßvollen?

Ich, sprach er, o Sokrates, meinte, jenes allseits bekannte würde man auch jetzt wissen, dass maßvolle Übungen [B] den Leib tüchtig machen. Wie also würdet ihr nicht sonst einen unausgeschlafenen und ausgehungerten Mann sehen, ungelenk im Genick und mager von Grübeleien?

Als er dies sagte, lachten die Knaben, der Andere aber errötete.

Und ich sprach: Wie nun, gibst du jetzt zu, dass weder die vielen noch die wenigen Körperübungen den Menschen zum Wohlbefinden des Leibes verhelfen, sondern die maßvollen? Oder willst du dich noch wehren gegen uns zwei für deinen Satz?


Und er antwortete: Gegen diesen wollte ich dafür gern streiten, und bin gewiss, dass ich im Stande wäre, der Behauptung durchzuhelfen, [C] die ich aufgestellt habe, und wenn ich eine noch weit schlechtere als diese aufgestellt hätte, denn an dem ist gar nichts. Mit dir aber brauche ich nicht gegen meine Überzeugung Rechthaberei zu treiben, sondern ich gestehe dir zu, dass nicht viele, sondern maßvolle Übungen den Menschen zum Wohlbefinden verhelfen.

Und wie die Speisen? Die maßvollen oder die vielen? fragte ich. Auch von den Speisen gestand er dasselbe.

Da nötigte ich ihn noch weiter auch von allem andern, was den Leib betrifft, [D] zu dem Geständnis, dass das Maßvolle am vorteilhaftesten sei, aber weder das Viele noch das Wenige. Und er gestand überall das Maßvolle zu. Und wie, sprach ich, von dem was die Seele angeht, nützt ihr das maßvolle oder das maßlos Beigebrachte?

Das mit Maß, sagte er.

Und von dem, was der Seele beigebracht wird, sind nicht auch eins die Kenntnisse?

Das gestand er.

Auch von diesen also nützen nur die im richtigen Maß, nicht die vielen?

Das gestand er.

Wen würden wir nun wohl mit Recht fragen, [E] was für Bewegungen und Speisen wohl das rechte Maß haben für den Leib?

Wir kamen alle Drei überein, entweder den Arzt oder den Meister der Leibesübungen.

Wen aber über die Aussaat des Samens, wieviel hier wohl das rechte Maß ist?

Und hierüber, waren wir eins, den Landmann.

Wen aber könnten wir mit Fug über die Saat und Einpflanzung der Kenntnisse in die Seele befragen, wie viele und welche das rechte Maß haben?

Und hier befanden wir uns nun alle in Verlegenheit.

[135 St.1 A] Da fragte ich sie im Scherz: Wollt ihr also, weil wir doch in Verlegenheit sind, dass wir diese Knaben fragen? Oder schämen wir uns etwa, wie Homer von den Freiern sagt, sie hätten nicht gewollt, dass es einen andern geben sollte, der den Bogen spannen könnte?

Da sie aber schienen unlustig zu sein zu dieser Untersuchung, so versuchte ich die Sache anderswie zu überlegen, und sagte: Welcherlei Kenntnisse dürfen wir ungefähr vermuten, dass vorzüglich zu denen gehören, welche der Philosoph lernen muss, wenn doch nicht alle, noch auch allzu viele?

Da nahm jener Gebildetere das Wort und sagte: [B] Die schönsten und allein angemessenen Kenntnisse wären die, von denen man den meisten Ruhm haben würde in der Philosophie, und den meisten Ruhm würde man haben, wenn einer schiene in allen Künsten erfahren zu sein oder doch in den meisten und am meisten der Rede werten, indem er dasjenige davon lernte, was einem freien Menschen zu lernen ziemt, was nämlich zum Verständnis gehört, nicht zur Handfertigkeit.

Meinst du es also etwa so, sprach ich, wie bei den Maurern, denn da kannst du für fünf oder sechs Minen [C] einen ganz geschickten Maurer haben, einen Baumeister aber wohl kaum für zehntausend Drachmen. Es gibt deren ja auch nur sehr wenige unter den Hellenen. Meinst du nicht etwa so etwas?

Und nachdem er mich angehört, räumte er ein, dass er es auch so meine.

Da fragte ich ihn, ob es nicht unmöglich wäre, für Einen auch nur zwei Künste auf diese Weise zu verstehen, geschweige viele und umfangreiche?

Darauf sagte er: Du musst mich nicht so verstehen, Sokrates, als meinte ich, der Philosophierende müsse jede Kunst genau verstehen, so wie der, der sie selbst inne hat, sondern [D] nur, wie es einem freien und unterrichteten Manne ziemt im Stande zu sein, dem, was einer der Meister sagt, besser zu folgen als die anderen Anwesenden und selbst auch eine Meinung


dazu zu geben, so dass er immer als der Gebildetste und Verständigste erscheint unter den Anwesenden, wo von Künsten gesprochen und gehandelt wird.

Darauf, denn ich war noch zweifelhaft über seine Rede, was sie eigentlich wollte, fragte ich: Verstehe ich etwa wie du es meinst mit dem Philosophen? Mich dünkt nämlich, du meinst es etwa so wie in den Kampfspielen [E] die Fünfkämpfer sich verhalten zu den Läufern oder Ringern. Denn sie werden von diesen übertroffen in der eigenen Übung eines jeden und stehen ihnen nach als die zweiten, unter den andern Wettkämpfern aber sind sie die ersten und besiegen sie. Zu so etwas, meinst du vielleicht, mache auch das Philosophieren diejenigen, welche sich mit dieser Beschäftigung einlassen, dass sie hinter den ersten [136 St.1 A] zwar in dem Verständnis einer jeden Kunst zurückbleiben, die Andern aber, indem sie den zweiten Preis erlangen, übertreffen, und solchergestalt in allen Dingen ein Untermeister werde wer philosophiert hat. Als einen solchen scheinst du mir ihn zu bezeichnen.

Sehr gut, o Sokrates, sagte er darauf, scheinst du mir aufgefasst zu haben, wie es um den Philosophen steht, indem du ihn dem Fünfkämpfer verglichen hast. Denn ein solcher ist er offenbar, der sich keiner Sache ganz zum Dienst [B] ergibt, und nichts bis in alle Einzelheiten durcharbeitet und damit wegen seines Fleißes in dieser einen Sache in allem andern zurückbleiben müsste, wie die Meister der Kunst, sondern der sich mit allem in Maßen befasst.

Nach dieser Antwort wollte ich doch nun recht bestimmt erfahren, was er eigentlich meine, und fragte ihn: Ob er sich denn die Guten als brauchbar vorstellte oder als unbrauchbar?

Als brauchbar doch gewiss, o Sokrates, sagte er.

Also wenn die Guten brauchbar, sind wohl die Schlechten unbrauchbar?

Das gab er zu.

Und wie? Hältst du die Philosophen [C] für brauchbar oder nicht?

Für brauchbar, gestand er, und noch dazu für die Brauchbarsten, sagte er, hielte er sie.

Wohl, so lasse uns denn nachsehen, wenn du Recht hast, wo uns doch diese Halbmeister brauchbar sind. Denn das ist doch offenbar, dass der Philosoph schlechter ist als jeder von denen, welche die Künste wirklich innehaben.

Das gestand er.

Du also, sprach ich, wenn du entweder selbst krank wärest oder einer von deinen Freunden, um den es dir sehr ernst zu tun ist, würdest du, um für die Rückkehr der Gesundheit [D] zu sorgen, jenen Halbmeister, den Philosophen, ins Haus holen, oder würdest du den Arzt nehmen?

Ich, sprach er, beide.

Nicht so, sagte ich, sprich mir nicht von beiden, sondern welchen du eher und lieber nehmen würdest.

Darüber, sagte er, kann wohl niemand im Zweifel sein, dass man nicht den Arzt eher und lieber nähme.

Und wie? In einem vom Sturm bedrängten Schiffe, welchem würdest du dich und das Deinige lieber anvertrauen, dem Steuermann oder dem Philosophen?

Ich, dem Steuermann.

Ist nun nicht auch in allen andern Dingen, so lange es einen Meister gibt, der Philosoph zu nichts nutz?

So zeigt es sich, sprach er.

Jetzt also [E] ist uns der Philosoph doch ein Unbrauchbarer, denn wir haben ja Meister. Wir hatten aber ausgemacht, die Guten wären brauchbar, und die Schlechten unbrauchbar.

Er war genötigt dies einzugestehen.

Was soll ich dich nun hiernächst fragen? Oder wäre es unartig noch zu fragen? Frage was du willst.


Ich will auch nichts, sprach ich, als nur noch einmal durchgehen, was gesagt worden ist. Es steht aber damit so. Wir sind übereingekommen, die Philosophie [137 St.1 A] wäre etwas lobenswertes und rühmliches, die Philosophen aber wären gut, und die Guten auch brauchbar, die Schlechten aber unbrauchbar. Dann haben wir aber auch wieder zugegeben, die Philosophen wären, so lange die Meister der Künste da wären, unnütz, Meister aber wären immer da. Haben wir das nicht zugegeben?

Allerdings, sprach er.

Wir haben also, wie es scheint nach deiner Rede wenigstens, zugegeben, wenn Philosophieren heißt, der Künste kundig sein auf die Weise wie du sagst, dass sie alsdann schlecht und unbrauchbar sind so lange es noch Meister der Künste unter den Menschen gibt. Aber, Freund, dass es nur nicht etwa gar nicht so mit ihnen steht, und das [B] gar nicht Philosophieren heißt, sich mit vielerlei Künsten abgeben, und in Vieltuerei und Vielwisserei gebückten Hauptes leben, sondern ganz etwas anderes. Denn ich glaubte auch, dies wäre etwas Unrühmliches, und man nennt diese die handwerkenden Geister, die sich mit diesen schmutzigen Kunstfertigkeiten abgeben. Wir können aber so noch genauer zusehen, ob ich Recht habe, wenn du mir dieses beantworten willst. Wer versteht die Pferde recht zu bändigen? Etwa [C] die, welche sie besser machen oder andere?

Die, welche sie besser machen.

Und wie die Hunde? Wer die besser zu machen versteht, versteht der nicht auch sie recht zu bändigen?

Ja.

Also dieselbe Kunst bessert und bändigt auch auf die rechte Weise?

Das behaupte ich, sagte er.

Und weiter, die nun bessert und auf die rechte Art bändigt, beurteilt die nicht auch die Guten und die Schlechten, oder ist dies eine andere?

Dieselbe, sagte er.

Willst du nun dieses auch in Beziehung auf die Menschen zugestehen, dass die, welche sie bessert auch die ist, welche sie auf die rechte Art bändigt, und welche [D] die Guten und Schlechten beurteilt?

Allerdings, sagte er.

Und dieselbe, die dies mit Einem kann, kann es auch mit Vielen, und die mit Vielen auch mit Einem?

Ja.

Und mit den Pferden und allem andern ist es ebenso?

Das behaupte ich.

Welches ist nun die Wissenschaft, welche die in den Städten Unbändigen und Gesetzwidrigen auf die rechte Art bändiget? Nicht die Rechtspflege?

Ja.

Nennst du nun etwa eine andere Wissenschaft die Pflege der Gerechtigkeit, oder eben diese?

Keine andere.

Und durch dieselbe Kunst, wodurch man sie bändigt, beurteilt man auch die Guten und [E] die Schlechten?

Durch dieselbe.

Und wer Einen beurteilen kann, der wird auch Viele beurteilen können? Ja.

Und wer dies an Vielen nicht erkennt, der erkennt es auch nicht an einem? Das behaupte ich.


Wer also die guten und schlechten Pferde nicht beurteilen kann, kann auch das einzelne nicht beurteilen, was für eines es ist?

Das behaupte ich.

Und bei einem Stier wird es ebenso gehen? Ja, sagte er.

Ebenso auch bei einem Hund?

Er gestand es.

Wie nun, wenn ein Mensch nicht beurteilen kann, [138 St.1 A] welche gute und welche schlechte Menschen sind, kann der dann etwa auch sich selbst nicht erkennen, ob er gut oder schlecht ist, da er ja auch ein Mensch ist?

Das räumte er ein.

Und sich selbst nicht erkennen können, heißt das besonnen sein oder nicht besonnen sein?

Nicht besonnen sein.

Sich selbst erkennen können also ist besonnen sein?

Das behaupte ich, sagte er.

Dieses also, wie es scheint, empfiehlt auch jene Schrift im delphischen Tempel: Besonnenheit zu üben und Gerechtigkeit.

So scheint es.

Und vermittelst diesem verstehen wir auch andere recht zu bändigen?

Das behaupte ich.

Und durch die wir andere recht zu bändigen verstehen, das ist Gerechtigkeit, durch welche aber sich selbst und andere recht zu beurteilen, das ist Besonnenheit?

So scheint es.

Einerlei [B] also ist die Pflege der Gerechtigkeit und die Besonnenheit?

Offenbar ja.

Und so werden doch auch Staaten gut verwaltet, wenn den Unrechttuenden ihr Recht widerfährt?

Ganz richtig, sagte er.

Also ist auch die Staatswissenschaft die selbige?

Das schien ihm auch so.

Und wie, wenn ein Mann den Staat recht verwaltet, heißt der nicht Herrscher und König?

Ja.

Und vermöge der königlichen und Herrscherkunst verwaltet er sie doch?

Allerdings.

Also auch diese Fähigkeiten sind dieselben wie jene?

Offenbar.

Und wie, wenn ein Mann ein Hauswesen richtig verwaltet, wie heißt der? Nicht Hausvater und Hausherr?

[C] Ja.

Wird nun auch der durch Gerechtigkeit sein Haus recht verwalten oder durch eine andere Fähigkeit?

Durch Gerechtigkeit.

Von gleicher Art ist also, wie es scheint, König, Herrscher, Staatsmann, Hausvater, Hausherr, Besonnener, Gerechter? Und eine einzige Kunst ist die Königs- und Herrscherkunst, die Staatskunst, die Hausverwaltungskunst, die Besonnenheit, die Pflege der Gerechtigkeit?

So zeigt es sich, sagte er.


Wie also? Soll es denn bei dem Philosophen nicht, wohl aber bei dem Arzt, wenn er etwas zum Kranken sagt, schimpflich sein, wenn dem Gesagten nicht gefolgt wird, noch seine Meinung gehört wird, und wenn einer von den übrigen Meistern etwa seine Beurteilung spricht, [D] ebenso? Wenn aber bei einem Richter oder einem Herrscher oder einem von den jetzt beschriebenen, hierin soll es ihnen nicht zur Schande gereichen, wenn man, da sie nichts Eigenes dazu beitragen können, ihnen nicht folgt?

Wie sollte das nicht Schande sein, o Sokrates, über so wichtige Dinge nichts beitragen zu können!

Wollen wir also sagen, der Philosoph müsse auch hierin der Fünfkämpfer sein und der Halbkünstler, und indem er den zweiten Rang einnimmt, unnütz bleiben so lange noch einer von den Meistern da ist? Oder darf er doch zuerst [E] schon sein Hauswesen nicht einem andern überlassen, noch sich mit der zweiten Stelle hierin begnügen, sondern selbst es in Ordnung halten durch gehörige Zucht und Entscheidung, wenn ihm sein Hauswesen gut soll verwaltet werden?

Das räumte er mir freilich ein.

Dann auch wohl, wenn seine Freunde ihm ihre Angelegenheiten überlassen und die Stadt ihm etwas aufträgt zu untersuchen und zu schlichten, ist es auch hierin schändlich [139 St.1 A] sich als der zweite zu zeigen, oder der dritte und nicht der erste zu sein?

So dünkt es mich.

Weit gefehlt also, Bester, dass das Philosophieren Vielwisserei wäre und Beschäftigung mit allerlei Künsten.

Als ich dies sagte, schämte der Gebildetere sich seiner vorigen Behauptung und schwieg. Jener Ungebildetere aber sagte, es wäre so, und auch die Anderen lobten, was gesagt worden war.