Werk:Briefe (Platon)/Siebter Brief/06
▷Als ich aber ankam, so fand ich, um mich kurz zu fassen, die [C] Umgebung des Dionys voller Zwietracht, und den Dion vom Verdacht belastet, er strebe nach dem Throne. Ich meinerseits suchte ihn nun nach Kräften zu verteidigen, ich richtete aber wenig aus, und kaum etwa nach dem ersten Vierteljahr meines Dortseins ließ Dionysius den Dion unter dem angeblichen Grunde, dass dieser ihm nach dem Throne strebe, in ein kleines Boot schaffen und schickte ihn in die Verbannung. Ich mit allen Freunden Dions hatte hierauf große Besorgnis, Dionysius möchte aus irgend einem Vorwande auch gegen einen von uns, als angeblichen Mitschuldigen an Dions Anschlag, seine Maßregeln ergreifen, [D] und über mich ging auch in Syrakus ein Gerede, als sei ich, der Urheber aller jener damaligen politischen Vorgänge, von Dionysius hingerichtet worden. Als derselbe aber von dieser unserer Stimmung Kenntnis bekam, so empfing er uns alle, aus Besorgnis, dass unsere Furcht zu etwas Ärgerem führen möchte, sehr gnädig und sprach sonach insbesondere mir Beruhigung und Mut ein, ermunterte und bat sogar, dass ich auf alle Weise bleiben möchte. Denn wenn ich floh, so konnte ihm daraus nichts Gutes erwachsen, wohl aber aus meinem Verbleiben. Daher er denn auch so sehr gnädig geruhte mich zu bitten. [E] Aber von den Bitten der Tyrannen wissen wir, dass sie mit Befehlen gesalzen sind. Zu diesem Ende gebrauchte er nun eine List und machte mir die Abfahrt unmöglich dadurch, dass er mich auf die Burg versetzte und da ein Quartier anwies, von wannen gar kein Schiffer gegen den Befehl Dionysens, ja nicht einmal ohne Zusendung eines allerhöchsten Befehls, von ihm mich fortgeführt haben würde. Hätte ich mich aber allein fortreisen wollen, so würde der Herr jedes Handelsschiffes oder der nächste Hafenbeamte mich erwischt, festgenommen und schnell wieder zu Dionysius zurückgeführt haben, zumal da bereits von dem früher einmal ausgesprengten Gerüchte [330 St.3 A] von meiner angeblichen Hinrichtung gerade wieder das Gegenteil verbreitet war und überall erzählt wurde, wie huldvoll Dionysius den Platon jetzt behandle. Was war aber an diesem letzteren Gerüchte? Das will ich euch sagen, denn die Wahrheit darf man nicht verschweigen. Dionysius wurde allerdings immer zutraulicher, je länger er in unserem Umgange mein Benehmen und meine Lehre kennen lernte, aber er hatte dabei die Laune, dass ich ihn mehr loben sollte als den Dion, und dass ich ihn als Freund entschieden höher achten sollte als diesen, und in Beziehung auf so eine Äußerung von mir war er außerordentlich empfindlich. In dem Benehmen dagegen, durch welches seine Absicht, sofern sie erreichbar gewesen wäre, am besten hätte erreicht werden können, war er lässig. Dies Benehmen hätte aber selbstbegreiflich darin bestanden, [B] dass er durch Studieren und Hören meiner philosophischen Lehre [B] sich mir innig und häufig genähert hätte. Das tat er aber nicht aus Furcht, er möchte etwa, wie Verleumder ihm zugeflüstert hatten, auf irgend eine Weise sich hinters Licht führen lassen, und dann sei natürlich die Absicht Dions erreicht. Ich dagegen ertrug alle diese Unannehmlichkeiten ruhig und hielt fest an dem Hauptgedanken, mit welchem ich anfangs hingekommen war, beharrlich Alles versuchend, ob nicht auf irgend eine Weise ein Verlangen nach dem philosophischen Leben bei ihm entzündet werden könnte. [C] Er aber besiegte durch Widerstreben meine Beharrlichkeit.▷