Werk:Briefe (Platon)/Siebter Brief/30
▷Als ich auf dem Peloponnes nach Olympia kann, traf ich da Dion unter den Zuschauern und erzählte ihm meine Erlebnisse. Und unter Anrufung Gottes zum Zeugen beteuerte er mir, meinen Vertrauten und Freunden, er werde Anstalten treffen um Dionysius zu bestrafen, für mich wegen seines an mir begangenen „Treubruchs am heiligen Rechte der Gastfreundschaft”, [C] dies war sein Gedanke hierüber und sein Wort, und für seine eigene Person wegen der ungerechten Landesvertreibung und Verbannung. Nach Hören dieser seiner Äußerungen sagte ich zu meinen Freunden, sie könnten für ihre Person ihn nach Belieben in diesem Gedanken bestärken, ich für meine Person aber machte ihm folgende Vorstellung: „Mich hast du nebst den übrigen Freunden auf eine gewisse Art veranlasst mit Dionysius an einem Tische zu essen, unter einem Dache zu wohnen und in Gemeinschaft mit demselben den Göttern zu opfern, und dieser Mann hegte in Folge vieler Verdächtigungen nach aller Vermutung den Gedanken, [D] dass ich und du ihm nach Leben und Herrscherthrone strebten, und doch hat er mich nicht töten wollen, sondern sein Herz bebte vor solcher Tat zurück. In Rücksicht dessen ist das also mein Entschluss: ich stehe nicht in einem Alter um irgend Wem noch grade in einem Kriege mit den Waffen beizustehen, habt ihr gegenseitig Freundschaft nötig und gilt's was Gutes zu stiften, so ruft mich zu Hilfe, so lange ihr Böses beabsichtigt, ruft euch Andre bei!” Diese versöhnlichen Worte sprach ich, obwohl ich noch voll Unmut war über [E] meine Reise nach Sizilien und meinen dortigen Unstern. Aber sie hörten nicht auf diesen Rat und ließen auch in den deshalb wiederholt gepflogenen Unterredungen von mir sich nicht umstimmen, sie haben daher die Schuld von allem dem jetzt erfolgten Unheil sich selbst zuzuschreiben. Freilich wenn Dionysius das Vermögen Dions hätte verabfolgen lassen oder wenn eine von mir beabsichtigte volle Aussöhnung zu Stande gekommen wäre, so wäre, soweit menschliche Voraussicht reicht, von allem jenem Unheil nichts geschehen. Denn was meinen guten Willen und mein Vermögen anlangt, so hätte den Dion ich leicht davon zurückhalten können. Aber nachdem sie nun einmal feindlich gegen einander aufgetreten waren, so haben sie dadurch nach allen Seiten Unheil gebracht. Obwohl Dion ganz denselben guten Willen hatte, [351 St.3 A] welchen nach meiner Ansicht ich sowohl wie jeder andere ordentliche Mann in Bezug auf seine Gewalt, über die seiner Freunde und über die seines Staates haben muss, welcher im Besitze der Gewalt und der größten Ehre, die größten Wohltaten in seinem Kreise zu verbreiten gedenkt. Das geschieht aber nicht, wenn einer nur sich bereichert, dadurch dass er auf Umtriebe sinnt und Verschwörungen zusammen bringt, [B] wobei er doch im Grunde seiner Seele arm ist und über Alles kommandiert, nur nicht über sich, und wobei er der Sklave der sinnlichen Lüste bleibt, ferner geschieht es nicht wenn er die vermögenden Männer als Feinde des Vaterlandes hinrichten lässt, das Vermögen derselben verprasst, wenn er seine Helfershelfer und Mitverschworenen zu gleicher Handlungsweise ermahnt, damit sie ihm nicht vorwerfen können, sie müssten in Armut leben. Und nicht besser geht's wenn einer von seiner Vaterstadt hoch gestellt wird, weil er auf diejenige Weise den Wohltäter an ihr spielt, [C] dass er in Folge von Volksbeschlüssen das Vermögen der wenigen Reichen unter die Masse verteilt, oder dass er als Führer einer großen Stadt, welche über viele kleinere herrscht, unter die Bevölkerung der Hauptstadt, in welcher er das Ruder führt, das Vermögen der Nebenstädte ohne Scheue vor Rechtsverletzung zuwendet und verteilt.▷