Werk:De coniecturis/De differentia et concordantia
Capitulum III De differentia et concordantia (Unterscheidung und Übereinstimmung)
Mens humana, rationis medio investigans, infinitum ab omni apprehensionis suae circulo eiciens, ait nullam rem dabilem ab alia quacumque per infinitum differre omnemque dabilem differentiam infinita minorem atque ipsam infinitam non plus differentiam quam concordantiam esse; sicque de ipsa concipit concordantia. Quodlibet igitur cum quolibet concordat atque differt, sed aequaliter praecise hoc impossibile est. Absoluta est enim haec praecisio ab universo.
- Der menschliche Geist forscht vermittels des Verstandes; indem er das Unendliche aus jedem Kreise seines Erfassens ausschließt, stellt er fest, daß es keine mögliche Sache gibt, die von irgendeiner anderen unendlich unterschieden ist und daß jeder mögliche Unterschied kleiner ist als ein unendlicher, daß der unendliche Unterschied hingegen nicht mehr Unterschied als Übereinstimmung ist. Und ebenso denkt er auch über die Übereinstimmung.
- Jedes steht also mit jedem in Übereinstimmung und Unterscheidung; aber in genau gleicher Weise ist das unmöglich. Denn diese Genauigkeit ist vom Gesamt abgelöst.
Si igitur in sensibili mundo iuxta illius mundi naturam haec vera esse intelligis, patebit tibi omne sensibile cum quolibet universaliter quandam habere universalem concordantiam atque cum uno maiorem quam cum alio. Concordantiam autem unitatem concipito, differentiam vero alteritatem, et in ipsa P figura mutuam unius in aliam progressionem notato. Quanto igitur maior concordantia, tanto minor differentia, et e converso. Quaternaria autem concordantia in differentiam pergit. Et si has volueris progressiones usque ad cubum ternarii extendere, clarius distinctiones attinges. Omne igitur sensibile cum omni sensibili quandam habet universalissimam concordantiam et specialissimam differentiam. Atque inter haec duo quaedam mediant, quorum alterum ob sui generalitatem se trahit ad ipsum universale, alterum specialius se contrahit ad specialissimum. Quapropter unio omnium sensibilium universaliter est in quadam natura universali omnibus communi[s], unio alia non adeo universalis, sed generalis multis est, alia vero unio specialior est, ultima autem specialissima. Omne igitur sensibile, hoc aliquid singulariter exsistens, cum omni et nullo concordat, ab omni et nullo differt.
- Wenn du einsiehst, daß das in der sinnlichen Welt der Natur dieser Welt entsprechend wahr ist, wird dir offenbar werden, daß alles Sinnliche mit allem Sinnlichen in allgemeiner Weise in allgemeiner Übereinstimmung steht und zwar mit dem einen in größerer als mit dem anderen. Die Übereinstimmung fasse als Einheit, den Gegensatz aber als Andersheit und beachte in der Figur P den wechselseitigen Übergang des Einen ins Andere. Je größer die Übereinstimmung, desto geringer ist der Unterschied und umgekehrt. Als vierfache aber geht die Übereinstimmung in die Unterscheidung über. Wenn du diese Fortschritte bis zum Kubus des Dreiers ausdehnst, wirst du die Unterscheidungen noch klarer erfassen.
- Jedes Sinnliche steht also zu jedem Sinnlichen in völlig allgemeiner Übereinstimmung und in letztem eigengestaltlichen Unterschied. Dazwischen stehen zwei gewissermaßen in der Mitte: das eine wendet sich wegen seiner Gattungshaftigkeit zum Allgemeinen und das andere, das noch eigengestaltlicher ist, verschränkt sich zum ganz Eigengestaltlichen. Darum findet im Allgemeinen die Einung alles Sinnlichen in einer Art allgemeiner Natur statt, die allen gemeinsam ist. Eine andere Einung ist nicht so sehr allgemein, sondern mehr gattungshaft; wieder eine andere ist eigengestaltlicher; die letzte schließlich noch eigengestaltlicher. So steht jedes sinnliche Ding – dies ist etwas, das in Einzigkeit besteht – mit allem und jedem in Übereinstimmung und mit allem und jedem in Unterscheidung.
Atque ut haec coniectura tua in universorum intueatur figura, centrum circuli minimi cuiuscumque singulare aliquod fingito. Tale quidem, ut centrum est, ab omnibus differt; ut punctus est, intra ambitum universi, scilicet maioris circuli, contenti, cum universis intra ipsum orbem inclusis universalem habet convenientiam; generalem vero cum his, quae post hoc intra subsequentem maiorem clauduntur circulum; post haec autem specialiorem cum his, quos contractior includit; specialissimam vero cum his, quos contractissimus constringit circulus. Singularitas igitur omnia singularizat, specialitas specializat, generalitas generalizat, universalitas universalizat. Omnia enim universalia, generalia atque specialia in te Iuliano iulianizant, ut harmonia in luto lutinizat, in cithara citharizat, et ita de reliquis. Neque in alio hoc ut in te possibile est. Hoc autem, quod in te Iuliano est | iulianizare, in hominibus cunctis est humanizare, in animalibus animalizare, et ita deinceps. Quod si ad discretiores concordantias pergere instituis, circulum contractissimum in universalem resolvito atque ita intueberis te universaliter cum universis convenire hominibus, generaliter vero cum his, quos quintum clima intercipit, specialius vero cum ad occasum declinantibus, specialissime autem cum Italicis. Adhuc hunc contractissimum circulum in universalem resolvito et conspicies te universaliter cum Italicis convenire, generaliter cum Latinis, specialius cum Romanis, specialissime vero cum Caesarinis, unde ortum cepisti. Haec quidem omnia in singulis quibuscumque ex traditis principiis veriori coniectura per differentiae et concordantiae gradus attinges. Observato quod de sensibilibus in sensibili, rationalibus in rationali, intellectualibus in intellectuali datis regulis proportionaliter utaris.
- Um diese deine Mut-Maßung in der Darstellung des Gesamten zu schauen, stelle dir als Mittelpunkt jedes der kleinsten Kreise irgend etwas Einzelnes vor. Als Mittelpunkt unterscheidet es sich von allem; als Punkt aber im Umkreis des Gesamt, das vom relativ größten Kreis zusammengehalten wird, steht es mit sämtlichen in diesem Kreis eingeschlossenen Dingen in allgemeiner Übereinstimmung; in gattungshafter Übereinstimmung aber steht es mit dem, das nach diesem in dem folgenden größeren Kreis eingeschlossen ist; danach aber steht es in eigengestaltlicher Übereinstimmung mit dem, das ein verschränkter Kreis einschließt; in noch eigengestaltlicherer Übereinstimmung aber steht es mit dem, das der verschränkteste Kreis einschließt. Die Einzigkeit macht alles einzig, die Eigengestaltlichkeit eigengestaltlich, die Gattungshaftigkeit gattungshaft und die Allgemeinheit allgemein. Alles Allgemeine, Gattungshafte und Eigengestaltliche ist in Dir, Iulianus, Julianus, so wie die Harmonie in der Laute Laute, in der Kithara Kithara ist, usw. Und in keinem anderen Ding kann es so sein wie in dir.
- Das aber, was in dir Iulianus, das «Julianus-Sein» ist, ist in allen Menschen das Mensch-Sein, in den Tieren das Tier-Sein, usw. Wenn du zu gesonderterer Übereinstimmung gelangen willst, dann löse den verschränktesten Kreis in den allgemeinen auf und du wirst auf diese Weise sehen, daß du allgemein mit dem Gesamt der Menschen übereinstimmt, gattungshaft aber mit denen, die die fünfte Klimazone umfaßt, eigengestaltlicher mit denen, die gegen Westen wohnen und völlig eigengestaltlich mit den Italienern. Nun löse diesen ganz verschränkten Kreis in den allgemeinen auf und du wirst erkennen, daß du allgemein zu den Italienern gehörst, gattungshaft zu den Latinern, eigengestaltlicher zu den Römern und noch eigengestaltlicher zu der Familie der Cesarini, aus der du geboren bist.
- Das alles wirst du in jedem Einzelnen auf Grund der überlieferten Prinzipien in der relativ wahrsten Mut-Maßung durch die Stufen von Unterscheidung und Übereinstimmung erfassen, wenn du darauf achtest, daß du beim Sinnlichen im Sinnlichen, beim Verständigen im Verständigen und beim Vernünftigen im Vernünftigen die gegebenen Regeln jeweils dem Verhältnis entsprechend gebrauchst.