Werk:De coniecturis/De differentiis modorum essendi
Capitulum IX De differentiis modorum essendi (Die verschiedenen Weisen des Seins)
Satis ex his quid intendam conicies atque, si velis, tam coniecturarum quam coniecturantium differentiam concipies arte quadam generali. Nam ut aliae sunt confusae sensibiles coniecturae, aliae verisimiles rationales, aliae verae intellectuales, ita quidem sunt coniecturantes differentes, ut quidam in confusa sensibilitate discurrant, quidam ex principiis ratiocinentur, quidam intellectualibus absolutionibus vacent. Habet enim ipsa coniecturalis unitas in coniecturabile pergens elementa sua quattuor, scilicet subtilitatem, grossitiem atque duo media. In subtilitate enim acutissima pergit coniectura quasi ignis sursum et modum essendi rerum in quadam absoluta unitate seu necessitate intuetur. Terree vero atque grosse coniecturando modum tenebrosum essendi in possibilitate fingit. Alios quidem duos efficit essendi modos, quorum unus absolutae necessitati accedit, et hic modus est, sine quo res vera intelligi nequit, et hic quidem modus est necessitatis secundae seu consequentiae. Cum enim ponitur veritas humanitatis esse necessario, ad hanc ea sequuntur necessario, sine quibus esse nequit. Alius vero modus essendi possibilitati proximior atque supra ipsam atque infra iam dictum exoritur, habens necessitatis parum, possibilitatis multum, ut est actualis quidem essendi modus.
- Aus diesen Ausführungen kannst du meine Absichten zur Genüge mut-maßen und, wenn du willst, sowohl den Unterschied der Mut-Maßungen als auch den der Mut-Maßenden in einer Art allgemeiner Kunst und Wissenschaft erfassen. Denn so wie die ungeschiedenen, sinnlichen Mut-Maßungen andere sind als die verständigen und wahr-ähnlichen und diese wieder andere als die vernünftigen und wahren, so sind auch die Mut-Maßenden verschieden. Manche bewegen sich in ungeschiedener Sinnlichkeit, manche denken verstandesgemäß aus Prinzipien, manche sind frei in vernünftiger Loslösung.
- Die mut-maßliche Einheit, die in das, worüber man Mut-Maßungen anstellen kann, vordringt, hat ihre vier Elemente: Feinheit, Dichte und zwei mittlere Elemente. In schärfster Gründlichkeit strebt die Mut-Maßung gleichsam wie Feuer nach oben und betrachtet die Seinsweise der Dinge in einer Art absoluter Einheit oder Notwendigkeit. Durch erdhaftes und dichtes Mut-Maßen bildet man eine dunkle Seinsart im Möglichsein. Ferner bringt man durch Mut-Maßen zwei weitere Seinsweisen hervor: die eine nähert sich der absoluten Notwendigkeit; es ist jene, ohne die das wahre Ding nicht verstanden werden kann; es ist der Modus der zweiten Notwendigkeit oder der Folgerichtigkeit. Wenn nämlich die Wahrheit der Menschheit als notwendiges Sein gesetzt wird, folgt damit notwendigerweise das, ohne welches sie nicht sein kann.
- Der andere Seinsmodus ist der Möglichkeit näher; er steht über ihr, aber unterhalb des genannten. Er hat wenig von der Notwendigkeit und viel vom Möglichsein an sich, da er ein tatsächlicher Seinsmodus ist.
Haec in P figura conspicies, ubi unitas sit necessitas, alteritas possibilitas. Omnia in idem redeunt secundum ea, quae audisti. Varietates igitur modorum essendi coniecturans arte figurali facillime venatur, ita ut videat quomodo modus in modo capitur et absorbetur. Et varietatem hos modos essendi participantium distinguit et colligit, ut rem concipiat in possibilitate tenebrosa secundum hunc essendi modum et eandem in actu secundum alium essendi modum. Ita et modos coniecturandi atque coniecturantium hos modos participantium varietatem attingit. Modos etiam durationis, ut alius sit modus durationis modi essendi necessitatis absolutae, alius | modus possibilitatis. Necessitatis enim absolutae est duratio infinita; quod enim necessarium simpliciter exstitit, aliter esse nequit. Non igitur pergit in alteritatem. Hinc est absoluta aeternitas. Possibilis vero essendi modus in alteritate est tantum. Actualis vero aliquid habet stabilitatis, multum possibilitatis, necessitatis secundae multum stabilitatis, parum alteritatis. Ita quidem modos essendi ipsius motus distinguit atque deinde hos et consimiles essendi modos contrahit, ut in sensibili mundo eos sensibiliter coniecturetur, in rationali rationaliter, in intellectuali intellectualiter.
- Du siehst dies in der Figur P, wo die Einheit die Notwendigkeit ist, die Andersheit das Möglichsein und alle dem Gehörten entsprechend in dasselbe zurückkehren.
- Zu der Verschiedenheit der Seinsweisen gelangt der Mut-Maßende am leichtesten durch die darstellende Kunst, und zwar dadurch, daß er sieht, daß und wie die eine Art in der anderen gefaßt und absorbiert wird. Und er unterscheidet und sammelt die Verschiedenheit des an diesen Seinsweisen Teilhabenden, um eben dieselbe Sache im schattenhaften Möglichsein diesem Seinsmodus entsprechend und einem anderen entsprechend, in der Wirklichkeit zu erfassen. Und ebenso erreicht er auch die Verschiedenheit der Modi des Mut-Maßens und der Mut-Maßenden, die an diesen Modi teilhaben; ferner erreicht er die Weisen der Dauer, so daß der Modus der Dauer, welcher der Seinsweise der absoluten Notwendigkeit zukommt, ein anderer ist und ein anderer jener, der dem Modus des Möglichseins zukommt. Der absoluten Notwendigkeit kommt unendliche Dauer zu. Denn was notwendig auf einfache Weise ist, kann nicht anders sein. Es dringt nicht in die Andersheit ein, darum ist es die absolute Ewigkeit. Die mögliche Seinsart hingegen ist nur in der Andersheit; die tatsächliche hat einiges von der Beständigkeit und vieles von der Möglichkeit an sich; die der zweiten Notwendigkeit viel von der Beständigkeit, wenig von der Andersheit. So unterscheidet also die Bewegung des Seins die Seinsweisen und verschränkt daraufhin diese und ähnliche Seinsweisen, so daß man sie in der sinnlichen Welt sinnlich, in der verständigen verstandesmäßig und in der vernünftigen vernunfthaft mut-maßt.
Hosque essendi modos trium regionum ad invicem continuari coniecturatur, ut unum sit universum. Hinc summam sensibilem necessitatem rationalem admittit possibilitatem summamque atque necessariam rationem intellectualem affirmat possibilitatem. Sic enim quattuor essendi modos in denarium resolvi videt, qui universus est numerus.
- Auch mut-maßt man, daß die Seinsweisen der drei Bereiche wechselseitig ineinander übergehen, damit das Gesamt eines sei. Daher nimmt der Mut-maßende die höchste sinnliche Notwendigkeit als verstandesmäßige Möglichkeit an und ist der Ansicht, daß der höchste und notwendige Verstandessinn vernünftige Möglichkeit bedeutet. So sieht man, wie sich die vier Seinsweisen in den Denar auflösen, der die Gesamtzahl ist.