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Werk:De coniecturis/De individuorum differentia

aus AufEinWort, der freien Forschung

Capitulum VIII De individuorum differentia (Der Unterschied der Individuen)

Satis tibi in sensibilibus semina individua, similiter et arbores esse constat, vides etiam in animalibus ipsis, quae ut arbores sunt, esse alia masculina, alia feminina; ita quidem et alia esse semina masculina, alia feminina necesse est. Species igitur si P figura fingitur, ubi lux descendens actualitas et umbra potentialitas signatur, tibi pandet in specie actualitatem absorbere potentialitatem atque e converso secundum illaque individua eius participare naturam. Adhuc cum ipsa actualitas, ut magis specificetur, in P figuram resolvitur, lux erit masculinitas actualitatis, tenebra eius feminitas; ita quidem de potentialitate.

  • Es steht für dich zur Genüge fest, daß im Sinnlichen die individuellen Samen in ähnlicher Weise auch Bäume sind. Du siehst ebenfalls bei den Tieren, die wie Bäume sind, daß die einen männlich, die anderen weiblich sind; ebenso müssen auch die einen Samen männlich und die anderen weiblich sein. Wenn du dir die Figur P vorstellst, wo das herabsteigende Licht das Wirklichsein und der Schatten das Möglichsein bezeichnet, wird dir die Eigengestalt zeigen, daß in ihr das Wirklichsein das Möglichsein absorbiert und umgekehrt, und daß demgemäß die Individuen an ihrer Natur teilhaben. Wenn dazu das Wirklichsein, um stärker zur Eigengestalt zu werden, in der Figur P aufgelöst wird, dann entspricht das Licht der Männlichkeit des Wirklichseins, das Dunkel seiner Weiblichkeit; ebenso verhält es sich mit dem Möglichsein.

Necesse est autem tam masculina quam feminina differre. Nullum enim reperibile est individuum masculinum in masculinitate cum quocumque praecise convenire, nec dabile est ipsum maxime masculinum. Absorpta est igitur in omni masculinitate feminitas differenter. Unde etiam in masculinis animalibus signa feminia, puta mamillarum indicia, apparere conspicimus. Ita quidem semina contrario se habent modo. Absorbet igitur omne individuum sua singulari individuatione alia, ut in individuali tua masculinitate absorpta est feminitas. Sicut semen, a quo in actum prodiit masculum exsistens, seminis feminitatem evicit, sic suo modo feminitas masculinitatem absorbet. Masculum etiam semen in se contrahit femininum et sua potentia ambit actualem masculinitatem et feminitatem; contrarium de semine feminino.

  • Es ist aber notwendig, daß sich sowohl das Männliche als auch das Weibliche voneinander unterscheiden. Es kann kein männliches Individuum in der Männlichkeit gefunden werden, das mit irgendeinem anderen genau übereinstimmt, noch kann ein am meisten Männliches gegeben werden. In aller Männlichkeit ist die Weiblichkeit in verschiedener Weise absorbiert. Darum sehen wir auch, daß an allen Männlichen Tieren die Zeichen des Weiblichen, z. B. die Anzeichen der Brust, erscheinen. Ebenso verhalten sich auch die Samen gegensätzlich. Jedes Individuum absorbiert mit seiner besonderen Individuation das andere, so daß in deiner individuellen Männlichkeit die Weiblichkeit absorbiert ist; ebenso wie der Same, durch den ein Wesen männlichen Samens in die Wirklichkeit kam, das Weibliche überwunden hat, so absorbiert die Weiblichkeit auf ihre Weise die Männlichkeit. Der männliche Samen verschränkt in sich den weiblichen und seine Möglichkeit umfaßt das tatsächlich Männliche und Weibliche. Umgekehrt verhält es sich mit dem weiblichen Samen.

Participare autem speciem haec individua varie scimus. Quaedam enim speciem perfectius in semine participant, quaedam in arbore. Quanto enim species ignobilior atque potentialior, tanto perfectius eius participant naturam ipsa semina. Quanto vero species ipsa nobilior atque perfectior, formalior actualiorque fuerit, tanto eius naturam plus arbores participant, et ubi arbores ipsae participant, tanto illa perfectius, quae masculinior, ac ubi semina perfectius participant, tanto illa perfectius, quae magis feminia. Unde pirus arbor nobilior est quam pirum, et leo masculus nobilior quam leonissa et semen leoninum. Contrarium vero in tritico, ubi semen melius quam palea, et sic de reliquis. Ubi enim arbor plus participat incorruptibilis speciei condicionem, scilicet quia ex se fructum producit, remanens in virtute alium producendi, plus participat arbor perfectionem speciei. Ubi vero semen incorruptibilis speciei naturam plus contrahit et cum eius productione arboris virtus deficit, quia tota in semen pergit, ut in granis tritici, siliginis, avenae et similium, perfectius est granum seu semen, et illud tunc nobilius, quod femininius. Nullum autem est reperibile semen adeo feminium atque taliter in potentia quod magis in potentia esse non possit, ita nec arbor adeo in actu perfecto quin magis esse possit. Quare omne dabile individuum has differentias varie et differenter participat. Plus enim arbor seminis naturam participat in surculo et minus in trunco, et plus infans seminis naturam in infantia quam adulescentia participat. Arbor autem perfecta speciei naturam perfectius participans, ut ex potentia seminis in actum prodiit, ita et illius quidem seminis explicatam tenens naturam fructum in similitudine seminis | producit. Et quoniam arbor quasi expansum canale est seminalis virtutis, tunc intra se digerit humidum atque secundum expansam specificat naturam. Specificat quidem perfecte, si virtus seminis perfecta fuerit atque perfecte expansa et si ipsum nutrimentum perfectum atque perfecte specificabile fuerit.

  • Wir wissen, daß diese Individuen an der Eigengestalt in verschiedener Weise teilhaben. Manche haben an der Eigengestalt besser im Samen, manche besser im Baum teil. Je geringer und je möglichkeitsartiger eine Eigengestalt ist, desto vollkommener haben die Samen an ihrer Natur teil. Je edler, vollkommener, gestaltlicher und wirklicher sie hingegen ist, desto mehr nehmen die Bäume an ihrer Natur teil. Und wo die Bäume in vollkommenerer Weise an ihr teilhaben, da ist die Teilhabe um so vollkommener je männlicher sie ist; und wo die Samen vollkommener partizipieren, ist jene um so vollkommener, welche weiblich ist. Darum ist der Birnbaum edler als die Birne und der Löwe edler als die Löwin und der Same des Löwen. Umgekehrt aber ist es beim Getreide; da ist der Same besser als der Spelt usw. Wo nämlich der Baum an der Beschaffenheit der unvergänglichen Art stärkeren Anteil hat, indem er in der Kraft anderes hervorzubringen verharrt und aus sich selbst Frucht bringt, nimmt er stärker an der Vollkommenheit der Art teil. Wo aber der Same die Natur der unvergänglichen Art stärker verschränkt und die Kraft des Baumes, wenn er ihn hervorbringt, schwindet, weil diese ganz in den Samen übergeht (wie es bei Weizen, Winterweizen, Hafer und ähnlichem der Fall ist), ist das Korn oder der Same vollkommener und aus dem Grund edler, weil weiblicher. Es ist aber kein Same zu finden, der so weiblich und dergestalt in der Möglichkeit ist, daß er nicht noch mehr in der Möglichkeit sein könnte. Gleicherweise ist auch kein Baum in so vollkommener Wirklichkeit, daß er es nicht in noch größerem Maße sein könnte.
  • Darum hat jedes Individuum, das gegeben werden kann, an diesen Unterschieden in mannigfacher und unterschiedlicher Weise teil. Der Baum hat an der Natur des Samens im Zweig mehr teil als im Stamm, und ein Kind hat an der Natur des Samens in der Kindheit mehr teil als in der Jugend. Ein vollkommener Baum, der an der Natur der Eigengestalt vollkommener teilhat, da er aus der Möglichkeit des Samens zur Wirklichkeit gelangte, wird auch ebenso, an der entfalteten Natur jenes Samens festhaltend, diesem ähnliche Frucht hervorbringen. Und weil der Baum gleichsam eine erweiterte Fortführung der Kraft des Samens ist, so verteilt er in sich die Feuchtigkeit und macht sie gemäß der erweiterten Natur zur Eigengestalt. Er tut dies in vollkommener Weise, wenn die Kraft des Samens vollkommener war und vollkommener erweitert wurde und wenn die Nahrung vollkommen und vollkommen gestaltbar war.

Quapropter utrumque attendi debere necesse est. Unde grana quaedam in pingui solo et propter nobile nutrimentum perfectiorase ipsis producere videmus grana, licet hoc successive fiat, quia in anno primo non adeo perfecta sicut in sequentibus. E converso optima grana in sterili agro ignobilem fructum producere conspicimus, non tamen adeo ignobilem, sicut alia minus nobilia grana; unde successive vergit nobile granum ad similitudinem ignobilis propter nutrimentum disproportionatum nobilitati suae. Ex diversitate igitur nutrimenti atque locorum individua variari necesse est.

  • Darum muß man auf beides achten. Aus diesem Grunde sehen wir auch, daß Samenkörner auf fettem Boden der vortrefflichen Nahrung wegen Körner hervorbringen, die vollkommener sind als sie selbst, wenn dies auch nur nach und nach geschieht, da sie im ersten Jahr noch nicht so vollkommen sind wie in den folgenden. Und umgekehrt sehen wir, daß die besten Körner in einem unfruchtbaren Boden geringe Frucht hervorbringen, allerdings nicht so unedle wie andere, weniger gute Samen. So gelangt nach und nach ein edles Korn dazu, einem geringen zu gleichen, wenn die Nahrung seiner edlen Art nicht angemessen ist. Die Individuen müssen also auf Grund der Unterschiedlichkeit von Nahrung und Standort verschieden sein.

Attende etiam quod, quamvis nutrimentum specificetur et in formali virtute speciei eius potentialitas absorbeatur, non potest tamen penitus atque omnino eius natura per omnia absorberi, uti vides, dum pirus inseritur pomo. Humidum enim in trunco arboris pomi pomificatum in ramo piri inserto pirificatur atque in pirum individuatur; non tamen est hoc pirum ab omni natura pomi alienum, licet in piro occultetur tantoque minor sit, quanto virtus surculi fortior, atque in sequentibus temporibus debilitata successive virtute specifica piri plus de pomi natura manifestatur. Ita quidem de loco: magis enim Almannus in Italia in primo quam in secundo anno almannizat; locus enim successive locatum characterizat secundum localis naturae fortitudinem. Haec quidem uti in sensibili mundo experimur sensibiliter, ita et in rationali rationabiliter, ut in moribus atque consuetudinibus rationabilibusque doctrinis, quae alimenta quaedam sunt, quae etiam in ipsa intellectuali intellectualiter attendere debes.

  • Achte aber darauf, daß, obgleich die Nahrung zur Eigengestalt wird und in der Gestaltkraft der Eigengestalt ihr Möglichsein absorbiert wird, ihre Natur dennoch nicht gänzlich und vollkommen von allem absorbiert werden kann, wie du dies am Beispiel des Apfelbaumes siehst, dem ein Birnenreis eingepfropft wird. Die Feuchtigkeit wird nämlich im Stamm des Apfelbaumes zum Apfelbaum, im eingepfropften Zweig des Birnbaumes aber zum Birnbaum und zur Birne individuiert. Dieser Birne ist die Natur des Apfels jedoch nicht ganz fremd, wenn sie auch in der Birne verborgen ist. Das geschieht umso weniger, je stärker die Kraft des Zweiges ist. In der Folgezeit wird die eigengestaltliche Kraft der Birne geschwächt und es zeigt sich stärker die Natur des Apfelbaumes. Ebenso verhält es sich mit dem Ort. Ein Deutscher ist in Italien im ersten Jahr mehr deutsch als im zweiten. Nach und nach charakterisiert der Ort den dorthin Versetzten entsprechend der Kraft der örtlichen Natur. So wie wir dies in der sinnlichen Welt sinnlich erfahren, erfahren wir es in der verständigen Welt in verstandesmäßiger Weise, wie es bei Sitten, Gewohnheiten und verstandesmäßigen Lehren, die eine Art von Nahrung sind, der Fall ist. Auch im Vernunfthaften mußt du dies nach der Weise vernünftigen Denkens beachten.