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Werk:De coniecturis/De natura et arte

aus AufEinWort, der freien Forschung

Capitulum XII De natura et arte (Natur und Kunst)

Natura unitas est, ars alteritas, quia naturae similitudo. Deus quidem secundum intellectualem loquelam natura pariter et ars exsistit absoluta, licet veritas sit ipsum nec artem nec naturam neque ambo esse. Praecisio autem cum inattingibilis sit, nos credi admonet nihil tantum aut natura aut ars dabile esse, omne enim utrumque suo participat modo. Intelligentiam enim facile, ut a ratione emanat divina, artem participare concipitur, ut autem a se artem exserit, naturam esse videmus. Ars enim imitatio quaedam naturae exsistit. Alia enim sensibilia naturalia esse, alia artificialia manifestum est. Sed non est possibile sensibilia naturalia esse artis expertia, ita nec sensibilia artificialia natura carere possunt. Loquela enim ab arte procedit, cui natura innixa est, ut una sit naturalior loquela uni, alia vero minus naturalis. Ratiocinari etiam homini naturale est, sed non absque arte. Unde unum plus in arte valere ratiocinandi quam alium dubio caret. Sicut enim in loquela, quae absque arte haberi nequit, unitas naturalis rationis relucet, ut ex loquela quis qualis sit ratione et natura cognoscatur, sic et in ratione ars ratiocinantis manifestatur.

  • Die Natur ist Einheit, die Kunst jedoch Andersheit, da sie das Abbild der Natur ist. Gott ist der vernunfthaften Redeweise entsprechend zugleich die absolute Natur und die absolute Kunst, auch wenn es die Wahrheit ist, daß er weder Kunst, noch Natur, noch beides ist. Da die Genauigkeit unerreichbar ist, ermahnt sie uns, zu glauben, daß nur solches gegeben werden kann, was entweder Natur oder Kunst ist. Jedes Ding partizipiert beide auf seine Weise. Man begreift leicht, daß die Vernunft-Einsicht, da sie vom Göttlichen Wesenssinn ausgeht, die Kunst partizipiert. Sofern sie aber aus sich die Kunst hervorbringt, sehen wir sie als Natur. Die Kunst stellt eine Art Nachahmung der Natur dar. Daß nämlich die einen Dinge natürliche Sinnendinge sind, die anderen künstliche, ist offenkundig. Doch ist es unmöglich, daß die natürlichen Sinnendinge der Kunst nicht teilhaftig sind; ebensowenig wie auch die künstlichen Sinnendinge der Natur entbehren können. Die Rede geht von der Kunst aus, welche sich auf die Natur stützt, so daß die eine Rede natürlicher ist als die andere und eine andere weniger natürlich. Das verständige Denken ist für den Menschen natürlich; jedoch nicht ohne die Kunst. Darum besteht auch kein Zweifel, daß der eine mehr darin vermag als der andere. Wie nämlich in der Rede, die nicht ohne die Kunst besessen werden kann, die natürliche Einheit des Verstandessinnes widerstrahlt, so daß auf Grund der Sprache jeder, wer und wie immer er sein mag, in seinem Verstand und seiner Natur erkannt wird, so zeigt sich auch im Verstandessinn die Kunst des verständig Denkenden.

Si igitur naturae differentias investigare volueris atque artis et conexionis utriusque, ad saepe apertam figurarum manuductionem recurrito. Est enim natura ex unitate masculina et alteritate feminina. In masculinitate vero intellectuali absorpta est feminitas; unitive igitur intra se fecundatur. In vegetabili feminitate alteritas naturam in se masculam detinet; quare explicative fructificat. Natura vero animalium sexum distinguit: vir in muliere generat, mulier ad extra parit. Natura vero in intelligentiis intellectualem parit fructum, in animalibus animalem, in vegetabilibus vegetabilem. Oboedit natura sensibilis rationali, rationalis intellectuali, intellectualis divinae. Oboedit sensibiliter factibile arti rationali, rationalis intellectuali, intellectualis divinae. Sicut omnis natura in sensibili sensibiliter est contracta, ita et factibilitas in sensibili est sensibiliter contracta, in rationali rationabiliter.

  • Wenn du die Unterschiede der Natur und der Kunst und der Verbindung beider erforschen willst, dann wende dich zu der schon oft erwähnten Hilfsfigur. Die Natur besteht aus der männlichen Einheit und der weiblichen Andersheit. In der vernunfthaften Männlichkeit ist die Weiblichkeit absorbiert. In Einung wird sie in sich selbst fruchtbar. In der pflanzlichen Weiblichkeit bestimmt die Andersheit in sich die männliche Natur. Aus diesem Grund bringt sie in entfalteter Weise Frucht. Die Natur der Lebewesen aber unterscheidet das Geschlecht. Der Mann zeugt in der Frau, die Frau gebiert nach außen hin. In den Vernunft-Einsichten gebiert die Natur vernunfthafte Frucht, in den Tieren tierische, in den Pflanzen pflanzliche. Die sinnliche Natur gehorcht der verständigen, diese der vernunfthaften, die vernunfthafteder göttlichen. Die sinnlich gestaltbare Kunst gehorcht der verständigen, die verständige der vernunfthaften und diese der göttlichen Kunst. So wie jede Natur im Sinnlichen verschränkt ist, so ist auch die Gestaltbarkeit im Sinnlichen sinnlich verschränkt, im Verständigen verstandesmäßig.

Unitas naturae et artis sensibilis ratio est, per rationis unitatem specificatur sensibilis individuorum multitudo, sic et per rationis unitatem, quae in arte una, puta sutoriae, exstitit, innumera parantur calceamenta. Unitas igitur rationis in se complicat sensibilium omnium naturalium et artificialium multitudinem, ex se igitur exserit rationes naturalium et artificialium. Rationes vero artificialium ordinantur ad finem naturalium. Initium enim atque finis artificialium natura exstitit. Ars igitur rationalis, ut est loqui, texere, seminare, coquere, et ita de multis, ad finem sensibilis naturae ordinatur, sicut ars intelligentiae ad finem rationalis naturae.

  • Die Einheit der Natur und der sinnlichen Kunst ist der Verstandessinn. Durch die Einheit des Verstandes wird die sinnliche Vielheit der Individuen zur Eigengestalt gemacht; ebenso werden auch durch die Einheit des Verstandes, die z. B. in der Schusterkunst besteht, unzählig viele Fußbekleidungen hergestellt. Die Einheit des Verstandessinnes schließt also die Vielzahl aller natürlichen und künstlichen Sinnendinge in sich ein. Die Wesensgründe des Künstlichen werden auf das Ziel des Natürlichen hingeordnet. Anfang und Ende des Künstlichen ist nämlich die Natur. Die verständige Kunst, wie es das Reden, Weben, Säen, Kochen usw. ist, wird also auf das Ziel der sinnlichen Natur hingeordnet, genauso wie die Kunst der Vernunfterkenntnis auf das Ziel der verständigen Natur ausgerichtet wird.