Werk:De coniecturis/De natura intellectuali
Capitulum XIII De natura intellectuali (Die vernunfthafte Natur)
Natura autem universalis, ut universi circulus, in se primo tres regionum atque naturarum, intellectualium, rationalium atque sensitivarum, complicat orbes. Intellectualis vero in se tenebrositates alterabiles absorbens natura mascula, subtilis, unissima atque nobilissima est. Nec est intelligentiae natura quanta nec motus intellectualis generis quanti nisi intellectualiter seu virtualiter, cui non obsistit simplicitas, indivisibilitas et cetera, quae intellectualis sunt unitatis. Non enim est motus eius in alteritatem aliter, quam ut alteritas in unitatem absolutius pergat. Descendit enim unitas eius in rationale intelligibile, ut intelligibile ipsum in uni|tatem ascendat intellectus. Est enim principium atque finis rationalis intelligibilis, sicut eius principium finisque eius unitas est absoluta. Ad cuius unionem pergere est secundum naturam suam intellectualem sursum agere atque in hoc motu quiescere, uti ratio in ipsa quiescit intelligentia, ad quam non nisi per intelligentiae descensum et luminis sui participatam immissionem ascendere potest. Sic quidem nec naturae intellectus qualitatem rationalem, sed potius rationalem alteratam concipito similitudinem. Non enim habet accidens rationi aut sensui succumbens, nec est intelligibilis natura aliter quam intellectualiter locabilis, immo ita locabilis quod et locus. Et hoc quidem non est in loco esse per rationem aut sensum ostensibili, nec est propterea ubique et nullibi absolute ut deus, sed est ubique et nullibi contracte intellectualiter. Sicut humanitas ipsa specifice contracta est ubique in ea regione speciei atque nullibi, ita et anima nostra ubique atque nullibi est secundum contractionem corporis. Nam est in qualibet parte illius suae regionis et nullibi, in nulla enim parte corporis ut in loco est potius quam in alio. Sicut enim universalia sunt in intellectu atque eorum locus intellectus dicitur, ita quidem hoc intelligi necesse est secundum saepe resumptas regulas, intellectum scilicet esse in universalibus ita quod ipsa in eo, quasi ut praesidens in regno est ita quod regnum in ipso.
- Die allgemeine Natur schließt als Kreis des Gesamt die Umkreise der drei Bereiche und Naturen, der vernunfthaften, verständigen und sinnlichen in sich ein. Der vernunfthafte Bereich, der die veränderlichen Dunkelheiten in sich absorbiert, ist von männlicher, äußerst geeinter und vornehmster Natur. Die Natur der Vernunft-Einsicht ist weder ausgedehnt, noch gehört die vernunfthafte Bewegung dem quantitativen Genus an, außer in vernunfthafter oder wirkungshafter Weise; ihr steht die Einfachheit, Unteilbarkeit und das übrige, das der vernunfthaften Einheit zukommt, nicht entgegen. Ihre Bewegung in der Andersheit bedeutet nichts anders, als daß die Andersheit in die Einheit absoluter eindringt. Ihre Einheit steigt in das Verständig-Vernunfthafte so herab, wie das Vernunfthafte in die Einheit des Vernunft-Denkens emporsteigt. Es ist der Ursprung und das Ziel des Verständig-Vernunfthaften, so wie sein Ursprung und Ziel die absolute Einheit ist. Zu deren Einung vordringen heißt seiner vernunfthaften Natur entsprechend nach oben streben und in dieser Bewegung zur Ruhe kommen. Ebenso ruht der Verstand in der Vernunft-Einsicht, zu der er nur durch den Abstieg der Vernunft-Einsicht und die Eingießung des von ihm partizipierten Lichtes aufsteigen kann. Du sollst also auf diese Weise nicht die verständige Qualität der Natur des Vernunft-Denkens, sondern eher die verständig geänderte Ähnlichkeit begreifen.
- Das Vernunft-Denken hat nämlich nichts Hinzukommendes, das dem Verstand oder dem Sinn unterworfen ist; auch ist die vernunfthafte Natur nicht anders als nur vernunfthaft örtlich bestimmbar. Dennoch ist sie so örtlich bestimmbar, daß sie auch Ort ist. Doch bedeutet das, daß sie nicht an einem Ort sein kann, der durch Verstandessinn oder Sinn aufweisbar ist. Darum ist sie auch nicht in absoluter Weise überall und nirgends, so wie Gott, sondern in vernunfthafter Verschränkung, so wie die Menschheit eigengestaltlich verschränkt in diesem Bereich der Eigengestalt überall und nirgends ist. Ebenso ist auch unsere Seele der Verschränkung des Körpers entsprechend überall und nirgends. Denn sie ist in jedem Teil dieses ihres Bereiches und nirgends. In keinem Teil des Körpers, wo sie örtlich anwesend ist, ist sie an einer Stelle eher als an einer anderen. So wie die Allgemein-Begriffe im Vernunft-Denken sind und dieses ihr Ort genannt wird, muß dies nach den oft wiederholten Regeln so verstanden werden, daß das Vernunft-Denken dergestalt in den Allgemein-Begriffen ist, daß diese in ihm sind, gleichsam wie der Herrscher so im Reich ist, daß das Reich in ihm ist.
Non igitur est mobilis natura intelligentia de loco ad locum nisi eo modo, quo in loco esse potest. Intellectualiter igitur movetur ipsa natura intelligentialis in suo determinato sibi regno. Et hoc quidem movere est, cum quo quiescere concurrit, cum sit veritati obtemperare, quasi ut motus imperii praesidentis compatitur quietem in cathedra imperantis. Intelligentiae enim ut in centro suae contractionis aut regni quiescentes moventur, et nos hunc motum ut iudicantis concipimus. Iudex est enim rationum intelligentia et moveri dicitur, dum ob verius unam eligit aliamque abicit ac dum ratiocinantes illuminat aut inducit.
- Die Vernunft-Natur ist also nur in der Weise von Ort zu Ort bewegbar, wie sie am Ort sein kann. Auf vernunfthafte Weise bewegt sich also die vernunfthafte Natur in ihrem ihr bestimmten Reich. Und dies ist ein Bewegen, mit dem das Ruhen zusammengeht, da es ein der Wahrheit Gehorchen ist; ähnlich wie die Bewegung des Herrscher-Befehls ineinsgeht mit der Ruhe am Throne des Herrschers. Die Vernunft-Einsichten bewegen sich, als würden sie im Zentrum ihrer Verschränkung oder ihres Reiches ruhen; und wir begreifen diese Bewegung als die eines Richtenden. Denn der Richter ist die Vernunft-Einsicht der Gründe. Man sagt, daß er sich bewegt, wenn er um der größeren Wahrheit willen den einen erwählt und den anderen verwirft, und wenn er die verstandesmäßig Denkenden erleuchtet oder einführt.
Intelligentiae igitur ut virtutes universales rectricesque contractionum rationalium concipi debent, ac si in ipsis suis regionibus solis vices gerant; ut uti in hoc sensibili mundo ex solis sensibilis vigore oculi sensibiliter ad pulchri aut turpis iudicium pergunt, ita in rationali mundo intelligentia vigorem cognitionis veri apportat. Deus autem ipse infinitus sol intelligentiarum est, intelligentiae vero ut varia contractiora lumina rationum. Varie vero rationem inspicimus contractam in vegetabilibus et animalibus secundum diversa genera atque species, et ex hinc coniecturamur diversas rectrices intelligentias. .
- Die Vernunft-Einsichten müssen also als die allgemeinen Kräfte und Lenker der verständigen Verschränkungen aufgefaßt werden und zwar in der Weise, als würden sie in ihrem eigenen Bereich die Stelle der Sonne so vertreten, daß, wie in dieser sinnlichen Welt die Augen durch die Kraft der sinnlichen Sonne zur Beurteilung von schön und häßlich gelangen, in der verständigen Welt die Vernunft-Einsicht die Kraft zur Erkenntnis des Wahren beibringt. Der unendliche Gott ist die Sonne der Vernunft-Einsichten, diese wieder als mannigfach verschränkte Lichter die der Verstandesgründe. Wir sehen, daß der Wesenssinn in den Pflanzen und Tieren den unterschiedlichen Arten und Eigengestalten entsprechend verschieden verschränkt ist und daraus mut-maßen wir die verschiedenen lenkenden Vernunft-Einsichten.
Non sunt intelligentiae numero rationis numerabiles quasi sensibilia ista, sed intellectualis numerus, indesignabilis atque infigurabilis per rationem, quasi lumen est rationis et numeri rationalis. Sicut enim nullo numero unitas numerabilis est, sed ipsa omnem numerum numerat, ita et intelligentia nulla ratione discretabilis, sed tantum ab ipsa absolutissima divinissimaque unitate. Ubi enim ad coincidentiam tendit numerari cum numerare, discretio cum indiscretione, rationi praeclusus est aditus. Varietatem autem intelligentiarum varie unissimam veritatem theophanice participantium cum mediationis diversitate, ut quaedam <im>mediatius quasi intellectibiles atque ab omni potentia versus actum elevatissimi, aliae vero quasi intelligibiles atque magisterio proximiores, aliae vero rationabilibus potentiis magis accedentes, ut doctrinali elevatione opus habeant, in similitudine saepe dictorum ex figuris in coniecturam trahito.
- Die Vernunft-Einsichten sind, so wie das Sinnliche, nicht mit einer verstandesmäßigen Zahl zählbar; die vernunfthafte Zahl, die vielmehr unbestimmbar und nicht durch den Verstand darstellbar ist, ist gleichsam das Licht des Verstandes und der verstandesmäßigen Zahl. So wie die Einheit mit keiner Zahl gezählt werden kann, vielmehr selbst jede Zahl zählt, kann auch die Vernunft-Einsicht von keiner Zahl geschieden werden, sondern nur von der absolutesten und göttlichsten Einheit selbst. Wo nämlich Zählen und Gezählt-Werden, Sonderung und Nicht-Sonderung zur Koinzidenz strebt, ist dem Verstand der Zugang verschlossen.
- In der Art des oftmals Gesagten bilde auf Grund der Figur eine Mut-Maßung darüber, daß die Mannigfaltigkeit der Vernunft-Einsichten theophanisch in unterschiedener Vermittlung mannigfach an der völlig einen Wahrheit teilhaben, so daß die einen – wie die vernunfthaften – vermittelter und von jeder Möglichkeit weg zur Wirklichkeit gekehrt sind, andere aber gleichsam vernunfthaft und der Meisterschaft näher sind, wieder andere den verstandesmäßigen Möglichkeiten näher kommen, so daß sie belehrender Erhebung bedürfen.
Et si coniecturam fabricare optas etiam de his tenebrosioribus huius regionis spiritibus, quorum intelligentia in alteritate tenebrosa ignorantiae sopita cruciatur, qui potius servilibus occumbunt custodiis et sensibiliter submersae rationi suae obvolutae intelligentiae deceptoria ingerunt incitamenta, ut absorbeatur perpetuum | in corruptibili, lux in tenebris, atque de istorum daemoniorum naturis differentibus, quomodo quidem in regione intellectuali hi quasi sensibiliores sint spiritus, in sensibilibus temptationibus degentes atque se inferioribus immiscentes, quomodoque adhuc alii medio loco quasi rationales sint intelligentiae, orbium et motuum rectrices, a superiorum, qui divinis illuminationibus propinquius inflammantur, non oberrantes imperio, per te ex praemissis moderatione symbolica perficies.
- Und wenn du über die diesem Bereich zugehörigen, dem Dunkel näheren Geister, deren Vernunft-Einsicht, in der Andersheit dunklen Nichtwissens schlafend, gequält wird und die in ihrem sinnlich versunkenen Verstand den täuschenden Ansporn ihrer verhüllten Vernunfterkenntnis erhalten, so daß das Dauernde im Vergänglichen, das Licht in der Finsternis absorbiert wird, und über die Natur-Unterschiede der Dämonen Mut-Maßungen bilden willst – auch darüber, daß und wie im vernunfthaften Bereich diese gleichsam sinnenhaftere Geister sind, die in sinnlichen Versuchungen leben und sich mit dem Niedrigeren vermischen, und daß und wie es außerdem andere gibt, die an einen mittleren Ort gestellt, gleichsam als verständige Vernunft-Einsichten die Lenker der Umlaufsbewegungen sind, jedoch dem Befehl der höheren Geister, die der göttlichen Erleuchtung näherstehen und von dieser entflammt werden, nicht unterstellt sind, dann gehe selbst auf Grund des Gesagten in symbolischem Maß-Verhältnis vor.
Volo autem te semper attentissimum esse, ut has praesidentiales spirituales administrationes, quas speciebus, nationibus, linguis, congregationibus, regnis ecclesiisque quasi a summo maximo universorum imperatore legati sollerter impendunt, non putes eos quasi nostri tantum causa assumpsisse, sed nostri quidem ac aliorum, quibus praesunt, ita hoc agunt causa, ut se finem constituant, ut ita angelici spiritus propter nos sint, quod nos propter ipsos. Dum enim regnicolis quibusdam regalem curam propter eos esse videtur, rex non minus ipsam in se reflectendo se suae curae et salutis populi finem constituit. Nec esset voluntaria populi oboedientia et principis diligentia, si et populus se subiectionis et rector se etiam laborum suorum non conicerent praemia hinc inde suscepturos. Quapropter rector naturalis in veritatis legibus incedens causas ipsas, quantum potest, in unum nectit, ut in populi salute suam quoque arbitretur. Haec summatim, quantum hoc loco datum est, de intellectualium spirituum natura dicta sufficiant.
- Ich möchte aber, daß du immer ganz genau darauf achtest, nicht der Meinung zu verfallen, diese herrschaftlichen geistigen Helfer, welche den Eigengestalten, Völkern, Sprachen, Gesellschaften, Reichen und Kirchen gleichsam vorn höchsten und größten Herrscher des Gesamt gesandt, mit Eifer und Einsicht obliegen, hätten dies nur um unseretwillen auf sich genommen; sie tun dies vielmehr um unseret- und der anderen willen, denen sie vorstehen, damit sie sich als Ziel aufstellen; auf diese Weise sind die Engelgeister ebenso unseretwegen da, wie wir ihretwegen. Scheint manchen, die unter einer Königsherrschaft leben, die Sorge des Königs um ihretwillen da zu sein, so macht sich der König, wenn er diese in sich widerspiegelt, nicht weniger zum Zweck und Ziel seiner Sorge und des Heiles des Volkes. Auch wäre der Gehorsam des Volkes und der Fleiß des Herrschers nicht freiwillig, wenn nicht das Volk und der Herrscher mut-maßten, daß sie für Unterwerfung und Mühe Lohn erhalten würden. Darum knüpft der natürliche Herrscher, der in den Gesetzen der Wahrheit einherschreitet, die Gründe, soweit er kann, ineins zusammen, so daß er im Heil des Volkes auch sein eigenes sieht. Diese Worte über die Natur der vernunfthaften Geister mögen kurz zusammengefaßt, wie es hier der Fall ist, genügen.