Werk:De coniecturis/De quattuor unitatibus
Capitulum IV De quattuor unitatibus (Die vier Einheiten)
Mens ipsa omnia se ambire omniaque lustrare comprehendereque supponens, se in omnibus atque omnia in ipsa esse taliter concludit, ut extra ipsam ac quod eius obtutum aufugiat nihil esse posse affirmet. Contemplatur itaque in numerali similitudine sua a se ipsa elicita ut in imagine naturali et propria sui ipsius unitatem, quae est eius entitas.
- Der Geist setzt von sich voraus, daß er alles umfassen, erforschen und begreifen kann. Daraus schließt er, er sei in allem und alles auf solche Weise in ihm, daß es zugleich außer ihm sei, und er behauptet, daß nichts sein könne, das seinem Blick entzogen wäre. Darum betrachtet er in seiner zählbaren, aus ihm selbst gewonnenen Ähnlichkeit wie in einem natürlichen, ihm eigenen Bild seiner selbst die Einheit, die seine Seiendheit ist.
Hanc ex numero quaternam venatur; nam est simplicissima, est alia radicalis, est tertia quadrata, est quarta solida. Ita quidem in initio numeri simplicissimam intuetur unitatem, post haec denariam, quae radix est aliarum, deinde centenariam, denariae quadratam, ultimo millenariam cubicam. Inter enim diversas atque oppositas unitates, simplicem et solidam, unicum praecisum medium cadere nequit, sed ad minus duo necessaria esse constat, quorum alterum | ad simplex, ut radicalis, alterum ad solidum, ut quadrata, unitates inclinantur. Nam impossibile est conexionem simplicem esse inaequalium. Sola etenim infinitae unitatis et aequalitatis conexio simplex esse potest. Contemplatur itaque mens ipsa universam suam entitatem in his quaterne distinctis unitatibus, ut aliam videat simplicissimam mentem prioriter ad cuncta ut creator se habentem, aliam egressam proxime ab illa, aliarum radicem, aliam ab hac radice egressam ad quartam inclinari, quae sua grossiori soliditate ulterius proficisci non sinit.
- Diese gewinnt er als vierfache aus der Zahl; denn sie ist als erste die einfachste, als zweite die wurzelhafte, als dritte die quadrierte und als vierte die kubische Gesamt-Einheit. So schaut er am Anfang der Zahl die einfache Einheit, darauf die Zehner-Einheit, welche die Wurzel der anderen ist, dann die Hunderter-Einheit, das Quadrat der Zehner-Einheit und zuletzt die Tausender-Einheit, ihre Kubikzahl. Zwischen den verschiedenen, einander entgegengesetzten Einheiten, der einfachen und gänzlichen, kann es kein einziges genau abgegrenztes Mittleres geben. Zumindest sind Zwei notwendig, von denen sich das eine wie die Wurzeleinheit zur einfachen, das andere wie die Quadrateinheit zur Gesamteinheit hinneigt.
- Denn es ist unmöglich, daß es eine einfache Verbindung von Ungleichen gebe. Nur die Verbindung zwischen unendlicher Einheit und Gleichheit kann eine einfache sein. Also betrachtet der Geist seine gesamte Seiendheit in diesen vierfach unterschiedenen Einheiten, damit er sieht, daß ein anderer, höchst einfacher Geist vorgängig sich zu allem als Schöpfer verhält, ein zweiter direkt von diesem ausgeht als die Wurzel der anderen und ein weiterer von dieser ausgehend, zum vierten sich hinneigt, der durch seine relativ festeste Gänze kein weiteres Fortschreiten ermöglicht.
Has mentales unitates vocalibus signis figurat. Primam quidem altissimam simplicissimamque mentem deum nominat, aliam radicalem, nullam priorem sui habens radicem, intelligentiam appellat, tertiam quadratam, intelligentiae contractionem, animam vocat, finalem autem soliditatem grossam explicatam, non amplius complicantem, corpus esse coniecturatur.
- Diese geistigen Einheiten drückt er in Wortzeichen aus: die erste, den höchsten und einfachsten Geist, nennt er Gott; die zweite, die Wurzel, die keine frühere Wurzel hat, Vernunft-Einsicht; die dritte, die quadratische Verschränkung der Einsicht, bezeichnet er als Seele; von der letzten Gänze, die fest, entfaltet und nicht weiter einfaltend ist, mut-maßt er, daß sie Körper sei.
Omnia autem in deo deus, in intelligentia intellectus, in anima anima, in corpore corpus. Quod aliud non est quam mentem omnia complecti vel divine vel intellectualiter vel animaliter aut corporaliter: divine quidem, hoc est prout res est veritas; intellectualiter, hoc est ut res non est veritas ipsa, sed vere; animaliter, hoc est ut res est verisimiliter; corporaliter vero etiam veri similitudinem exit et confusionem subintrat.
- Alles aber ist in Gott Gott, in der Einsicht Einsicht, in der Seele Seele und im Körper Körper; und das bedeutet nichts anderes, als daß der Geist alles umfaßt, sei es göttlich, vernünftig, seelisch oder körperlich. Auf göttliche Weise gilt das, soweit die Sache Wahrheit ist; auf vernünftige, soweit sie nicht die Wahrheit selbst, wohl aber wahr ist; seelisch, soweit sie wahr-ähnlich ist; körperlich, wenn sie auch die Wahr-Ähnlichkeit verläßt und sich der Verwirrung überläßt.
Prima unitas penitus exstitit absoluta; ultima vero, quantum possibile est, omnem absolutionem exiens, contracta est; secunda multum absoluta, parum contracta; tertia parum absoluta multumque contracta. Quapropter, sicut intelligentia non est penitus divina seu absoluta, ita nec rationalis anima penitus divinitatis exit participationem, ut admiranda in invicem progressione divina atque absoluta unitate gradatim in intelligentia et ratione descendente et contracta sensibili per rationem in intelligentiam ascendente mens omnia distinguat pariterque conectat.
- Die erste Einheit besteht völlig losgelöst und unabhängig, die letzte hingegen, die, soweit das möglich ist, jede Unabhängigkeit verlassen hat, ist verschränkt. Die zweite Einheit ist weitgehend unabhängig, aber auch ein wenig verschränkt, die dritte wiederum weitgehend verschränkt und nur wenig unabhängig. Wie darum weder die Einsicht vollkommen göttlich und unabhängig ist, so entbehrt auch die verständige Seele nicht aller Teilhabe an der Gottheit; in wunderbarem, wechselseitigem Fortschreiten steigt die göttliche, absolute Einheit stufenweise in Vernunft-Einsicht und Verstandessinn herab, während die sinnliche und verschränkte Einheit mittels des Verstandessinnes zur Vernunft-Einsicht hinaufsteigt, und der Geist trennt und verbindet alles in gleicher Weise.