Werk:De coniecturis/De sui cognitione
Capitulum XVII De sui cognitione Selbst-Erkenntnis
| Summariam tui ipsius coniecturalem cognitionem ex his facile elicies, ut nunc tibi ex superfluis pandam. Primo quidem, Iuliane pater, te hominem unum esse non dubitas, hominem vero a humanitate dici ut ab albedine album non ambigis. Humanitatem autem unitatem quandam in alteritate participabilem clare conspicis, cum me quidem hominem atque alium a te atque singulis conspicis individuis. Humanitatem vero individualiter in alteritate contrahibilem alteritatem absolutioris esse unitatis in ipsius et leoninitatis et equinitatis alteritate advertis.
- Aus dem Folgenden, das ich dir jetzt aus überreichem Stoff darlegen will, wirst du leicht eine zusammengefaßte mut-maßliche Erkenntnis deiner selbst gewinnen.
- An erster Stelle halte ich fest, daß du, Vater Julianus, nicht daran zweifelst, ein Mensch zu sein. Es ist dir klar, daß der Mensch nach der Menschheit benannt ist, so wie das Weiße nach dem Weiß-Sein. Du erkennst deutlich, daß die Menschheit eine gewisse Einheit bedeutet, die in Andersheit partizipierbar ist, sofern du beachtest, daß ich ein Mensch bin, der dir und den einzelnen Individuen gegenüber ein anderer ist. Du bemerkst in ihrer, wie auch in der Andersheit der Löwenheit und Pferdheit, daß die in Andersheit individuell verschränkbare Menschheit die Andersheit einer absoluteren Einheit ist.
Absolutissimam igitur atque penitus incontrahibilem primam concipis unitatem seu entitatem, quae in alteritate varia incontrahibiliter participatur. Atque ut exemplo visibili iuveris, imagineris huius visibilis mundi simplicissimam unitatem incontrahibilem lucem esse, in cuius alteritate participationis visibilia omnia id sunt quod sunt. Color igitur huius lucis alterata exstat participatio. Sit igitur circulus universi coloris ambitus. Color autem non nisi contracte exsistere potest, quoniam eius unitas ab absoluta ipsa cadens in alteritate contrahitur. Tres igitur regiones contractionis coloris cum earum finali-bus novenariis notato differentiis. Supremae regionis coloris con-tractio talis resultabit, in qua absolutioris lucis participatio in clara resplendentia umbrales alteritates occultat, infimae vero regionis condicio huic contrariabitur, in tenebra enim ingrediens lucis parti- cipatio absorbetur, media vero regio medio se habet modo. Intuere has regiones distinctius in ter trinis distinctionibus.
- Als absoluteste und gänzlich unverschränkbare erste Einheit erkennst du diejenige Einheit oder Seiendheit, welche in mannigfacher Andersheit unverschränkbar partizipiert wird.
- Um dir mit einem sichtbaren Beispiel zu helfen, stelle dir vor, daß die einfachste Einheit dieser sichtbaren Welt das unverschränkbare Licht ist, in dessen Andersheit der Teilhabe alle sichtbaren Dinge das sind, was sie sind. Die Farbe dieses Lichtes stellt die geänderte Teilhabe dar. Der Kreis des Gesamt sei der Umkreis der Farbe. Diese kann aber nur verschränkt bestehen, da ihre absolute Einheit in der Andersheit verfallend, verschränkt wird. Halte also drei Bereiche der Farb-Verschränkung mit ihren neun Grenz-Unterschieden fest. Die Verschränkung des höchsten Farb-Bereiches wird dergestalt sein, daß die Teilhabe des absoluten Lichtes in klarem Widerschein die schattenhaften Andersheiten verbirgt. Im letzten Bereich aber ist der Zustand umgekehrt. Die Teilhabe am Licht wird absorbiert, wenn sie in das Dunkel eindringt. Der mittlere Bereich verhält sich dementsprechend in einer mittleren Weise.
- Betrachte diese Bereiche in drei mal drei Unterscheidungen gesondert.
Ita quidem, Iuliane, pari passu si lucem divinitatem, colorem humanitatem, visibilem mundum universum ipsius feceris, te ipsum in figura inquire et an de suprema, media aut infima regione exsistas inspicito. Ego enim te ipsam arbitror humanitatem in suprema ipsa atque in ipsius supremae regionis nobili specie, in participatione clariori divinae lucis, contrahere. Hac enim patula quadam via aliorum hominum comparatione de se ipso coniecturam quisque facere poterit. Dum autem te in ordine humanitatem contrahentium participatione absolutissimae unitatis invenisti, adverte humanitatem tuam universum esse tuum ambire teque divinitatem in eius contractione participare. Divinitas autem est unitas infinita, aequalitas atque conexio, ita quidem quod in unitate sit aequalitas et conexio, in aequalitate unitas et conexio, in conexione unitas et aequalitas.
- Wenn du nun in derselben Weise die Gottheit das Licht, die Menschheit die Farbe und das Gesamt die sichtbare Welt sein läßt, dann suche dich selbst, Julianus, in der Darstellung und schaue nach, ob du dich in der höchsten, mittleren oder untersten Region befindest. Ich bin der Meinung, daß du in klarer Teilhabe am göttlichen Licht die Menschheit auf der höchsten Stufe und in der edlen Eigengestalt dieses höchsten Bereiches verschränkst. Auf diesem leicht erschließbaren Weg vermag jeder in Vergleich mit anderen Menschen Mut-Maßungen über sich selbst anzustellen.
- Hast du dich in der Reihe derjenigen gefunden, welche die Menschheit in der Teilhabe an der absolutesten Einheit verschränken, dann beachte, daß deine Menschheit dein Gesamt umgreift und daß du in seiner Verschränkung an der Gottheit teilhast. Die Gottheit aber ist die unendliche Einheit, Gleichheit und Verknüpfung. Und zwar so, daß in der Einheit die Gleichheit und Verknüpfung, in der Gleichheit die Einheit und Verknüpfung und in der Verknüpfung die Einheit und Gleichheit sind.
Finge igitur contractam tuam humanitatem, in qua divinitatem ipsam participas, circulum universorum atque ad regiones regionumque partitiones ordinatim inspicito, quomodo quidem in ipsa suprema tuae humanitatis natura divinitatem ipsam supreme participas, in infima vero infime, in media medio quidem modo. In nobiliori etenim natura ipsam secundum eius regionis condicionem participas, nam intellectualiter, in media rationaliter, in infima sensualiter, prout hae regiones in circulo contractae humanitatis tuae cadunt. Quoniam autem lumen divinitatis participare intellectualiter est unitatem participare, in qua aequalitas et conexio, hoc est autem esse intellectuale quod est intelligere, participas igitur divinitatem in lumine intelligentiae, ut te scias superno dono intelligentiam habere eamque esse tanto intellectualiter maiorem, quanto magis una fuerit, tali quidem unitate, in qua aequalitas et conexio. In unitate igitur est intelligentia magna, ita in aequalitate unitatis, ita et in conexione amborum, sed in ipsa unitate, in qua aequalitas et conexio, ibi quidem maxima. Participas equidem divinitatem intellectualiter in aequalitate, in qua unitas atque conexio, et hoc quidem lumen est iustitiae. Quanto igitur aequalitatem absolutam, in qua unitas et conexio, intellectualiter plus participas, tanto deiformior. Participas etiam ipsam divinitatem in conexione, in qua unitas et aequalitas, hoc est autem amoris lumen. Quanto igitur amorem ipsum, in quo unitas et aequalitas, plus participas intellectualiter, tanto secundum intellectualem atque altiorem tuae humanitatis naturam divinior eris.
- Lasse also deine verschränkte Menschheit, in der du an der Gottheit teilhast, den Kreis des Gesamten sein und betrachte im Hinblick auf die Bereiche und deren Unterteilungen der Reihe nach, wie du in der höchsten Natur deiner Menschheit an der Gottheit in höchster Weise, in der niedrigsten in niedrigster und in der mittleren in mittlerer Weise teilhast. In der edelsten Natur hast du an ihr den Bedingungen dieses Bereiches entsprechend Anteil, das heißt vernunfthaft; in der mittleren Natur verstandesmäßig und in der untersten sinnlich, je nachdem diese Bereiche in den Kreis deiner verschränkten Menschheitfallen.
- Am Licht der Gottheit vernunfthaft teilzuhaben bedeutetdie Teilhabe an der Einheit, in der Gleichheit und Verknüpfung sind. Darum ist dies das vernunfthafte Sein, das das Vernunft-Erkennen ist. Du hast also im Lichte der Vernunft-Einsicht an der Gottheit teil, so daß du weißt, daß du die Vernunft-Erkenntnis durch ein Geschenk von oben hast, und daß sie durch jene Einheit, in der Gleichheit und Verknüpfung sind, in vernunfthafter Weise um so größer ist, je mehr sie eine geworden ist. In der Einheit also ist die Vernunft-Erkenntnis groß, ebenso in der Gleichheit der Einheit und in der Verknüpfung beider. In der Einheit selbst jedoch, in der Gleichheit und Verknüpfung sind, ist sie am größten. In gleicher Weise hast du in der Gleichheit, in der Einheit und Verknüpfung sind, an der Gottheit vernunfthaft teil. Und das ist das Licht der Gerechtigkeit. Je mehr du an der absoluten Gleichheit, in der Einheit und Verknüpfung sind, vernunfthaft teilhast, um so gottgestaltiger bist du. Du hast auch in der Verknüpfung, in der Einheit und Gleichheit sind, an der Gottheit teil. Das aber ist das Licht der Liebe.
- Je mehr du an der Liebe, in der Einheit und Gleichheit sind, vernunfthaft teilhast, desto göttlicher wirst du, der vernunfthaften und höheren Natur deiner Menschheit entsprechend, sein.
Sis autem attentus in his omnibus, ut terminis secundum traditas regulas utaris. Dum enim de divinitate per termi|nos locutus sum, eos ad eius naturam transumas. Ita quidem dum de intellectuali regione tibi conceptum aperui, terminos eius regionis legibus constringas. Post hoc ad alias te pari forma regiones conferas, ut in rationali parte tua inspicere queas, quomodo ipsa ratio tua divinitatem ipsam suo participat modo. Ea enim, quae intellectus intellectualiter participat, illa quidem et ratio suo quidem modo, sic etiam sensus secundum suae condiciones naturae.
- Bei all dem sei aber darauf bedacht, die Begriffe den dargelegten Regeln gemäß zu gebrauchen. Wenn ich mit Hilfe von Begriffen über die Gottheit sprach, dann mußt du diese auf die göttliche Natur übertragen. Ebenso mußt du, wenn ich dir Gedanken über den vernunfthaften Bereich erschlossen habe, deren Begriffe den Gesetzen jenes Bereiches anpassen. Danach wendest du dich in gleicher Weise den anderen Bereichen zu, damit du in deinem verstandesmäßigen Teil fragen kannst, wann dein Verstand an der Gottheit in seiner Weise teilhat. Dasjenige, an dem die Vernunft vernunfthaft teilhat, an dem partizipiert auf seine Weise auch der Verstand, ebenso der Sinn gemäß den Bedingungen seiner Natur.
Vides nunc, Iuliane, quomodo unitas tua in contracta humanitate unitrinum lumen in tribus ipsis regionibus varie participat atque quomodo in ipsa suprema tuae naturae nobilitate unitatem seu entitatem supremam, quae est virtus intellectiva, atque aequalitatem supremam, quae est virtus aequalificandi seu iustificandi, atque etiam conexionem supremam, quae virtus est conectendi seu amandi, supreme participas, hoc est intellectualiter. Ita quidem hanc unitrinam virtutem mediocriter etiam in regione media participas. Quapropter virtutem rationabiliter essendi seu decernendi rationabiliterque aequalificandi seu iustificandi atque conectendi seu amandi te participare contracte conspicis, sic etiam secundum infimam ipsam regionem sensibiliter essendi seu sentiendi, sensibiliter aequalificandi seu iustificandi, sensibiliter conectendi seu amandi. Hae quidem participatae virtutes in tuae humanitatis virtute complicantur. Quoniam autem in participatione unitatis aut entitatis simul et aequalitas conexioque participatur, quae in ipsa unitate exsistunt, hinc in participata intellectus tui unitate exsistit virtus aequalitatis esse intellectus, hoc est intelligendi virtus, atque virtus conectendi amandive, quae ex intellectu eiusque intellectione procedit; amat enim intellectus intelligere suum. Intellectualis enim amor intellectum et ipsum intelligentem supponit. Suo quidem modo de ratione sensuque dicendum.
- Du siehst jetzt, Julianus, daß, wenn deine Einheit in der verschränkten Menschheit an dem dreieinen Licht mannigfach in jenen drei Bereichen teilhat und wenn du in der höchsten Vornehmheit deiner Natur an der höchsten Einheit oder Seiendheit, welche die vernunfthafte Kraft ist, und an der höchsten Gleichheit, welche die Kraft des Gleichmachens oder Gerechtmachens ist, und an der höchsten Verknüpfung, welche die Kraft des Verbindens oder des Liebens ist, teilhast, du in höchster Weise, das heißt vernunfthaft, partizipierst. Ebenso partizipierst du diese dreieinige Kraft auch im mittleren Bereich in mittlerer Weise. Daraus erkennst du, daß du an der Kraft verstandesmäßig zu sein oder zu unterscheiden, verstandesmäßig gleich oder gerecht zu machen, und verstandesmäßig zu verknüpfen oder zu lieben, verschränkt teilhast; ebenso dem untersten Bereich entsprechend sinnlich zu sein oder zu empfinden, sinnlich gleich oder gerecht zu machen, sinnlich zu verknüpfen oder zu lieben. Diese partizipierten Kräfte sind in der Kraft deiner Menschheit zusammengeschlossen.
- Weil aber in der Teilhabe an der Einheit oder Seiendheit zugleich auch die in der Einheit enthaltene Gleichheit und die Verknüpfung partizipiert werden, ist in der partizipierten Einheit deines Vernunft-Denkens die Kraft derGleichheit und der Verknüpfung das Sein des Vernunft-Denkens, das heißt die Kraft des Verstehens und die Kraft des Verknüpfens und Liebens, die aus dem Vernunft-Denken und seiner Einsicht hervorgeht. Das Vernunft-Denken liebt nämlich sein Einsehen. Und die geistige Liebe setzt das Vernunft-Denken und seine Einheit voraus. In der entsprechenden Weise können wir auch von Verstand und Sinn reden.
Habes ergo, Iuliane pater, te virtutem eam participare, quae in se gestat aequalitatis atque conexionis naturam, ut sic intellectus tuus divinum esse suo modo participans in eius aequalitate intelligere amplectique possit intellectum, ut non aliud sit tuum intelligere quam aequalitas participatae unitatis tui intellectus. In aequalitate igitur seu similitudine divini luminis intellectualiter participati te noscas intelligendi [p.178] virtutem assecutum, ita quidem et ratiocinandi sentiendique. Quoniam autem tanto perfectius unitas ipsa participatur, quanto aequalitas conexioque in ipsa maior fuerit, hinc intelligere atque conectere sine perfectione unitatis intellectus nequeunt adaugeri. Inclinatur igitur intellectus ad intelligere et amare, ut perficiatur natura eius, ita ratio ad ratiocinari, sensus ad sentire.
- Du hast, wie du weißt, Vater Julianus, an jener Kraft teil, die in sich die Natur der Gleichheit und Verknüpfung trägt, so daß dein Vernunft-Denken in dieser Art auf seine Weise am göttlichen Sein teilhat, und es in der Gleichheit mit ihm das Vernunft-Denken denken und umfassen kann, so daß dein vernünftiges Denken nichts anderes ist als die Gleichheit der partizipierten Einheit deiner Vernunft. In der Gleichheit oder Ähnlichkeit mit dem vernunfthaft partizipierten göttlichen Licht erkennst du, daß du die Kraft des vernünftigen Denkens wie auch die des Verstandes-Denkens und des Wissens erreicht hast.
- Weil die Einheit aber um so vollkommener partizipiert wird, je größer in ihr Gleichheit und Verknüpfung geworden sind, können sowohl Vernünftig-Denken als auch Verknüpfen nicht ohne die Vollendung der Einheit des Vernunft-Denkens vergrößert werden. Das Vernunft-Denken neigt sich also zum vernünftigen Denken und Lieben, auf daß seine Natur vollendet werde; ebenso der Verstand zum Verstandes-Denken und der Sinn zum sinnlichen Empfinden.
Habes ergo, Iuliane pater, te virtutem eam participare, quae in se gestat aequalitatis atque conexionis naturam, ut sic intellectus tuus divinum esse suo modo participans in eius aequalitate intelligere amplectique possit intellectum, ut non aliud sit tuum intelligere quam aequalitas participatae unitatis tui intellectus. In aequalitate igitur seu similitudine divini luminis intellectualiter participati te noscas intelligendi [p.178] virtutem assecutum, ita quidem et ratiocinandi sentiendique. Quoniam autem tanto perfectius unitas ipsa participatur, quanto aequalitas conexioque in ipsa maior fuerit, hinc intelligere atque conectere sine perfectione unitatis intellectus nequeunt adaugeri. Inclinatur igitur intellectus ad intelligere et amare, ut perficiatur natura eius, ita ratio ad ratiocinari, sensus ad sentire.
- Du hast, wie du weißt, Vater Julianus, an jener Kraft teil, die in sich die Natur der Gleichheit und Verknüpfung trägt, so daß dein Vernunft-Denken in dieser Art auf seine Weise am göttlichen Sein teilhat, und es in der Gleichheit mit ihm das Vernunft-Denken denken und umfassen kann, so daß dein vernünftiges Denken nichts anderesist als die Gleichheit der partizipierten Einheit deiner Vernunft. In der Gleichheit oder Ähnlichkeit mit dem vernunfthaft partizipierten göttlichen Licht erkennst du, daß du die Kraft des vernünftigen Denkens wie auch die des Verstandes-Denkens und des Wissens erreicht hast. Weil die Einheit aber um so vollkommener partizipiert wird, je größer in ihr Gleichheit und Verknüpfung geworden sind, können sowohl Vernünftig-Denken als auch Verknüpfen nicht ohne die Vollendung der Einheit des Vernunft-Denkens vergrößert werden. Das Vernunft-Denken neigt sich also zum vernünftigen Denken und Lieben, auf daß seine Natur vollendet werde; ebenso der Verstand zum Verstandes-Denken und der Sinn zum sinnlichen Empfinden.
Ex quo evenit quod intellectus sibi intellectuales artes, quae speculationes sunt, studet adinvenire pro nutritione, conservatione, perfectione ornatuve suo, quibus se iuvare possit. Ac uti has speculativas scientias exserit ex lumine participato intellectualiter, ita ratio ratiocinandi artes ex lumine rationabiliter participato elicit, et sensus sensibiles artes pro nutritione, conservatione, perfectione ornatuque sensibilis naturae ex sensibiliter participato trahit lumine. Nec ea quae saepe audisti neglegas, ut participationem divini luminis in ratione post intellectum atque eius medio sic et in sensu per rationem concipias.
- Daraus folgt, daß das Vernunft-Denken danach strebt, die vernunfthaften Künste, welche überlegende Betrachtungen darstellen, zu erfinden, um sich mit ihnen zu helfen und sich ihrer zu seiner Ernährung, Bewahrung, Vervollkommnung und Zierde zu bedienen. Dieses spekulative Wissen gewinnt es aus dem vernunfthaft partizipierten Licht. Ebenso gewinnt der Verstand die Künste des Verstandes-Denkens aus dem verstandesmäßig partizipierten Licht und der Sinn gewinnt die sinnlichen Künste zur Ernährung, Bewahrung, Vervollkommnung und Zierde der sinnlichen Natur aus dem sinnlich partizipierten Licht. Vernachlässige auch nicht das, was du oft gehört hast: daß du durch die Teilhabe am göttlichen Licht nach dem Vernunft-Denken und durch seine Vermittlung im Verstand und ebenso im Sinnlichen vermittels des Verstandes deine Begriffe erhältst.
Vides autem, Iuliane pater, quomodo dei similitudo exsistis. Humanitas enim in te contracta unitrina est. Nam est unitas seu entitas individualiter quidem contracta, in qua aequalitas et conexio. Per entitatem enim humanitatis homo exsistis, ita quidem quod in ea ipsa entitate sit entitatis aequalitas, iustitia seu ordo atque conexio seu amor. Nam secundum aequalitatem unitatis omnia, quae in te sunt, iustissime ordinata sunt in ipsa unitate. Membra enim omnia iustitiam ordinemque aequalitatis unius tuae entitatis habere manifestum est, membra quidem corporalia ad corpus ipsum, corpus ad animam vitalem, vitalis ad sensibilem, sensibilis ad rationalem, rationalis ad intellectualem atque omnia ad unitatem humanitatis tuae. Et quomodo in ipsa unitate est iustitialis ille ordo, ita quidem et conexio amorosa in unitate. Conexio enim in ipsa entitate est, ut omnia sint unus homo. Postquam enim conexio ipsa in unitate esse | desinit, unum tuum humanum esse similiter deficere necesse erit.
- Du siehst, Vater Julianus, daß du ein Ähnlichkeitsbild Gottes bist. Die in dir verschränkte Menschheit ist einigdreifach. Denn die Einheit oder Seiendheit, in der Gleichheit und Verknüpfung sind, ist in individueller Weise verschränkt. Durch die Seiendheit der Menschheit bist du Mensch, und zwar so, daß in eben derselben Seiendheit die Gleichheit der Seiendheit ist, die Gerechtigkeit oder Ordnung und die Verknüpfung oder Liebe. Denn entsprechend der Gleichheit der Einheit ist alles, was in dir ist, in dieser Einheit selbst ganz gerecht geordnet.
- Es ist ja offenbar, daß alle Glieder die Gerechtigkeit und Ordnung der Gleichheit deiner einen Seiendheit haben. Die Glieder des Körpers stehen in geordnetem Bezug zum Körper, der Körper zur lebendigen Seele, diese zur sinnenhaften, diese zur verständigen, diese zur vernünftigen und alles zusammen zur Einheit deiner Menschheit. Und wie in der Einheit jene gerechte Ordnung ist, so ist auch gleichermaßen die liebende Verknüpfung in der Einheit. Die Verknüpfung in der Seiendheit bewirkt nämlich, daß alle ein Mensch sind. Hat die Verknüpfung in der Einheit zu sein aufgehört, so muß dein eines Mensch-Sein notwendig in ähnlicher Weise aufhören zu bestehen.
Nunc haec tibi in te ipso notissima sunt, quod nec contractum quodcumque esse aliter esse potest quam per unitatem, in qua aequalitas et conexio. In te ipso igitur ad omnium notitiam pergis, ut cuncta scias unitrinitatem absolutissimam varie participare. Ordinem etiam universorum in unitate ex te elicis, ut non aliter iustitiam videas nisi in eo ordine, qui est in unitate. Non est enim iniustum, immo aequissimum est caput tuum esse sursum atque in eo cerebrum, oculos, aures ceteraque gradatim atque pedes deorsum esse, quoniam sursum et deorsum totusque hic membrorum ordo ad unitatem resolutus non nisi aequissimus esse potest. Aequissimus igitur atque iustissimus est hic ordo, qui in unitate exsistit. Ille vero ordo, qui ad divisionem alteritatemque tendit, iniustissimus est divinitatique contrarius.
- In dir selbst ist dir jetzt vollkommen bekannt, daß kein wie auch immer verschränktes Sein anders denn durch die Einheit, in der Gleichheit und Verknüpfung sind, sein kann. In dir selbst also dringst du zur Kenntnis aller Dinge vor, so daß du weißt, daß alles mannigfach an der absolutesten Dreieinigkeit teilhat. Auch gewinnst du die Ordnung des Gesamten in der Einheit aus dir selbst, so daß du die Gerechtigkeit nicht anders siehst als in jener Ordnung, die in der Einheit ist. Daß dein Haupt das höchste ist und daß in ihm das Gehirn, die Augen, die Ohren sind, daß nach und nach alles andere kommt und unten schließlich die Füße sind, ist nicht ungerecht, sondern sehr angemessen. Denn «oben» und «unten» und diese ganze Ordnung der Glieder kann, zur Einheit aufgelöst, nicht anders als völlig angemessen sein. Völlig angemessen und ganz gerecht ist die Ordnung, die in der Einheit besteht. Jene Ordnung hingegen, die zu Trennung und Andersheit strebt, ist ganz ungerecht und der Gottheit entgegengesetzt.
Elicis ex te ipso equidem hanc amoris conexionem firmissimam esse, quae est in unitate. Nam amorem conexionemve unitatem dicere vides. Unit enim amor amantem cum amabili. Non est autem amor seu naturalis conexio, qua caput corpori tuo unitur, alius amor quam ille, qui ex unitate atque aequalitate procedit. Conectuntur igitur a radice entitatis tuae et aequalitate ordinis ad ipsam unitatem. Vides igitur non esse amorem divinam conexionem participantem, qui est extra unum et ordinem ad unum. Nihil igitur universi diligendum est nisi in unitate atque ordine universi. Nullus homo amandus est nisi in unitate atque ordine humanitatis. Nec est homo generaliter diligendus nisi in unitate atque ordine animalitatis. Ita de singulis.
- Du findest in der Tat auf Grund deiner selbst, daß diese Liebesverknüpfung, die in der Einheit liegt, die stärkste ist. Du siehst ja, daß Liebe und Verknüpfung Einheit genannt werden. Die Liebe eint nämlich den Liebenden mit dem Liebenswerten. Die Liebe aber oder die natürliche Verbindung, die das Haupt mit deinem Körper vereint, ist keine andere als diejenige, die aus Einheit und Gleichheit hervorgeht. Aus der Wurzel deiner Seiendheit und der Gleichheit der Ordnung werden sie zur Einheit verknüpft. Du siehst, daß die göttliche Liebe keine teilhabende Verknüpfung ist, die sich außerhalb des Einen und der Ordnung zum Einen befindet. Nichts, das dem Gesamt angehört, ist zu lieben, außer in der Einheit und Ordnung des Gesamt. Kein Mensch ist zu lieben, außer in der Einheit und Ordnung der Menschheit. Auch der Gattung nach ist der Mensch nicht hoch zu schätzen, außer in der Einheit und Ordnung der Lebewesen. So verhält es sich mit allem.
Ex te ipso igitur electiones deiformes intueri valebis. Nam conspicis deum, qui est infinita conexio, non ut contractum amabile aliquod diligendum, sed ut absolutissimum infinitum amorem. In eo igitur amore, quo deus diligitur, esse debet simplicissima unitas infinitaque iustitia. Necesse est igitur omnem amorem, quo deus amatur, minorem esse eo, quo amari potest. Cognoscis etiam hoc esse deum amare quod est amari a deo, cum deus sit caritas. Quanto igitur quis deum plus amaverit, tanto plus divinitatem participat.
- Auf Grund deiner selbst vermagst du also die gottgestaltigen Wahlwege zu schauen. Du siehst, daß Gott, die unendliche Verknüpfung, nicht als irgendein verschränktes Liebenswertes geliebt werden muß, sondern als die unendliche, ganz absolute Liebe. In jener Liebe, in der Gott geliebt wird, muß die einfachste Einheit und unendliche Gerechtigkeit sein. Jede Liebe, mit der Gott geliebt wird, muß notwendigerweise geringer sein als die, mit der er geliebt werden kann. Du erkennst auch, daß Gott lieben dasselbe ist wie von ihm geliebt werden, denn «Gott ist die Liebe». Je mehr also jemand Gott liebt, desto mehr hat er an der Gottheit teil.
Ita etiam ex divini luminis participatione hoc iustum atque aequum esse conspicis, quod in se unitatem conexionemque continet. Dum lex ab unitate atque conexione recedit, iusta esse nequit. Haec lex «quod tibi vis fieri, alteri fac» aequalitatem unitatis figurat. Si iustus esse velis, non aliud te agere necesse est quam quod ab ea aequalitate non recedas, in qua unitas est et conexio. Tunc quidem aequaliter in unitate amoreque feres adversa <et prospera>, paupertates et divitias, honores et vituperia, nec ad dextram aut sinistram evagabis, sed aequalitatis «medio tutissimus» eris. Nihil tibi grave adversumve evenire poterit, si id omne, quod sensibus adversum videtur, intelligis atque ita amplexaris in aequalitate unitatis essendi atque amandi ferendum, cum hoc sit divinitatem nobiliter feliciterque participare. Vides autem in ea ipsa aequalitate iam dicta omnem moralem complicari virtutem nec virtutem esse posse, nisi in huius aequalitatis participatione exsistat.
- So erkennst du auch auf Grund der Teilhabe am göttlichen Licht, daß das gerecht und billig ist, was in sich Einheit und Verknüpfung enthält. Wenn das Gesetz von der Einheit und Verknüpfung abweicht, kann es nicht gerecht sein. Das Gebot «Was dir geschehen soll, das tue dem anderen» stellt die Gleichheit der Einheit dar. So du ein Gerechter sein willst, brauchst du nichts anderes tun, als von dieser Gleichheit, in der Einheit und Verknüpfung sind, nicht abzuweichen. Dann wirst du in Einheit und Liebe, Unglück, Armut und Reichtum, Ehren und Schande gleicherweise ertragen und wirst weder zur Rechten, noch zur Linken abweichen, sondern in der Mitte der Gleichheit sicher sein.
- Nichts Schweres und Widriges kann dich treffen, wenn du alles, was deinen Sinnen widrig erscheint, verstehst und als etwas entgegennimmst, das in der Gleichheit der Einheit von Sein und Lieben zu tragen ist, da dies bedeutet, in Edelmut und Glück an der Gottheit teilzuhaben. Du siehst aber, daß in dieser genannten Gleichheit jede moralische Tugendkraft eingefaltet ist und daß – außer in der Teilhabe an dieser Gleichheit – keine Tugend bestehen kann.
Poteris multo me amplius participatum unitrinum divinitatis lumen in te contemplari, qui dudum vita aequali te a distrahentibus mundanis ad iustitiam colendam transtulisti, nec meas coniecturales has ineptias tibi pandere praesumpsissem, si eas te non scivissem per ipsam saepe dictam aequalitatis legem in unitate amoris suscepturum.
- Du, der du dich schon lange in gleichmütigem Leben von der Zerstreuung der irdischen Dinge weg dahin gewandt hast, die Gerechtigkeit zu pflegen, vermagst in weit höherem Maß als ich, das partizipierte, dreieinige Licht der Gottheit in dir zu betrachten. Auch hätte ich es nicht unternommen, dir meine Unzulänglichkeiten in bezug auf die Mut-Maßungen darzulegen, wenn ich nicht gewußt hätte, daß du sie durch das oft genannte Gebot der Gerechtigkeit in der Einheit der Liebe aufnehmen würdest.
Ende von De coniecturis.